Dienstag, 8. November 2016

Das geht nicht gut aus



Zu blöd. Atheist zu sein hat echte Nachteile. Als metaphysisch Verwirrter könnte ich jetzt Allah, Padre Pio oder Vishnu anflehen Hillary Clinton zur nächsten US-Präsidentin zu machen und den Republikanern die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses zu nehmen.
Ich müßte nur ganz fest glauben, um die Sicherheit zu haben, daß alles gut ausgehe.
Unglücklicherweise wurde ich mit einem Gehirn geboren, so daß mir die Option nicht offensteht.
Das große Zittern, das Grübeln, die Unsicherheit hat längst eingesetzt.

Stoßgebete stößt zumindest die Hamburger Morgenpost auch ohne religiösen Kontext aus:


Ich kann die Aussage nur unterschreiben, wenn auch der Adressat unklar ist.
Sinnvollerweise kann sich diese Bitte nur an die amerikanischen Wähler richten.
Aber das ist keine beruhigende Vorstellung angesichts der zig Millionen vollkommen verblödeten Extremisten, die in den USA leben.

Also auch wenn es „gut“ ausgeht, sieht es immer noch schlecht aus.
Der Geistige Giganten des Konservatismus Teil XVIII prognostizierte sich wieder einmal ins Abseits.

Televangelist Jim Bakker rallied his viewers to get behind Donald Trump yesterday, warning that if the GOP presidential nominee loses the election, Christmas will be banned and the world will move towards the End Times. [….]

Ein einzelner Irrer wie Bakker ist kein Problem für ein so großes Land wie die USA – aber der wahnsinnige Hassfanatiker gebietet über ein Millionenpublikum aus Co-Enthirnten, die ihm glauben.

Was macht man mit diesen vielen Millionen Deplorables?

[….] The fact that the press is not reporting on the continuing violent rhetoric at Donald Trump’s rallies reflects an acceptance that is deeply troubling. Thankfully, today the New York Times posted a video “Unfiltered: Voices from Trump’s Crowds,” that captures the tone of the language used at Trump rallies, language that often revolves around hatred and violence, and is filled with crude slurs.
What we seem to have here is a case of the normalization of the deplorable. It is a sinister sight to watch. Masses of people shout racial slurs against Hispanics and our black President, they call for the lynching of Democratic nominee Hillary Clinton, and they hurl anti-LGBTQ epithets.
It’s disturbing that Trump’s outrages are so frequent that the mob atmosphere at his rallies is evidently no longer terribly “newsworthy.” While Benghazi and emails remain part of everyday reporting over the months, journalists don’t remind us of Trump’s earlier incitements. [….]

Montag, 7. November 2016

Hohes Amt, hohe Heuchelei.



Der deutsche Bundespräsident hat nicht besonders viel zu sagen.
Er bekleidet nur rein formal das höchste Amt im Staate.
Mir wahrhaft mächtigen Präsidenten wie denen in Frankreich oder Russland teilt er sich nur den Namen.
Verglichen mit Obama oder Erdoğan ist Gauck ein armes Würstchen, welches bei Staatsbesuchen den richtigen Präsidenten durch seinen protokollarischen Rang die Zeit stehlen kann.
Es wirkt bisweilen absurd. Steinmeiner reist nach China, Merkel reist nach China, Gabriel reist nach China. Alle bekommen Gesprächstermine mit der Staatsführung. Aber der arme Xi Jinping muß sich auch noch einen Tag freischaufeln, wenn Gauck einschwebt, obwohl der ganz im Gegensatz zu den drei Erstgenannten nichts zu sagen hat.

Es gibt noch andere Nationen mit repräsentativen Staatsoberhäuptern ohne Regierungsgewalt.
Aber die britische Queen oder die dänische Dronning sind wenigstens hochadelige Persönlichkeiten mit vielen, vielen Jahrzehnten Erfahrung.
Und der Österreichische Präsident bezieht eine besondere Legitimation aus der Tatsache, daß er direkt vom Volk gewählt wird (wenn es denn mal klappt…).

Wie ein deutscher Bundespräsident gewählt wird, erklären die vielen Medien zwar seit 60 Jahren immer wieder, aber beim minderbemittelten Urnenpöbel ist das eine hoffnungslose Angelegenheit.
So gut wie niemand weiß was eine Bundesversammlung ist und wie sie sich zusammensetzt.

Die Väter der deutschen Verfassung haben sich gegen einen starken und direkt gewählten Präsidenten entschieden, nachdem in der Weimarer Republik der senile Trottelpräsident Hindenburg (1925 im Alter von 77 Jahren ins Amt gewählt) mit schwachsinnigen Präsidialkabinetten die Demokratie ruinierte und schließlich 1933, als 86-Jähriger Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Man kann das so machen. Vielleicht arbeiten die wichtigsten Bundesminister und der Bundeskanzler konzentrierter und effektiver, wenn es einen extra Grüß-August gibt, der im gewaltigen Schloß Bellevue mit seinen 57 Sälen residiert und sich mit anachronistischen Unwichtigkeiten wie Ordensverleihungen und Gartenfesten plagt.

Der Kanzler, die Kanzlerin hat wahrlich wichtigeres zu tun.

Die Deutschen scheinen sich aber nicht vollständig von monarchischem Glanz emanzipiert zu haben und überhöhen den Präsidentenjob in geradezu absurder Weise.
Präsidenten sind letztlich nichts anderes als bessere Hiwis der Bundesregierung, die als Platzhalter bei Eröffnungen, Jubiläen und Gedenkveranstaltungen rumstehen, wenn man im Kanzleramt mit echter Politik beschäftigt ist.

Der beste Bundespräsident, den Deutschland je hatte, war Jens Böhrnsen.
Meiner Ansicht nach war er als unprätentiöser, unauffälliger und doch würdevoller, pflichtbewußter Sympath genau der Typ, den man im Schloß Bellevue sitzen haben sollte.
Böhrnsen, der frühere Verwaltungsrichter und siebenter Präsident des Senats und Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen übernahm am 31. Mai 2010 gemäß Art. 57 Grundgesetz die Amtsgeschäfte und Befugnisse des Bundespräsidenten bis zum Amtsantritt Christian Wulffs am 30. Juni 2010.
Im Gegensatz zu den extrem statusverliebten, Privilegien-affinen, egozentrierten Karrieristen Köhler, Wulff und Gauck bildete er sich nie etwas auf sein vorrübergehendes Amt ein.
Es gab noch eine zweite Sedisvakanz, bei der Horst Seehofer als Bundespräsident amtierte.  Im Gegensatz zu Böhrnsen genoß und inszenierte dieser natürlich seine protokollarische Stellung.

1. Bundespräsident: Theodor Heuss - 1949 - 1959
2. Bundespräsident: Heinrich Lübke - 1959 - 1969
3. Bundespräsident: Gustav Heinemann - 1969 - 1974
4. Bundespräsident: Walter Scheel - 1974 - 1979
5. Bundespräsident: Karl Carstens - 1979 - 1984
6. Bundespräsident: Richard von Weizsäcker - 1984 - 1994
7. Bundespräsident: Roman Herzog - 1994 - 1999
8. Bundespräsident: Johannes Rau - 1999 - 2004
9. Bundespräsident: Horst Köhler - 2004 -2010
- Bundespräsident kommissarisch: Jens Böhrnsen - 2010
10. Bundespräsident: Christian Wulff - ab 2010 - 2012
- Bundespräsident kommissarisch: Horst Seehofer - 2012
11. Bundespräsident: Joachim Gauck - ab 2012

Mehrere Mythen ranken sind sich um das höchste Amt im Staate.

Mythos I

Insbesondere schreiben alle Journalisten gegenseitig voneinander ab, wie viel Glück Deutschland mit seinen Präsidenten gehabt hätte.

Das ist purer Unsinn. Lübke, Carstens, Herzog, Köhler, Wulff und Gauck waren schlechte Präsidenten. Scheel war peinlich.

In Wahrheit waren sie lediglich beliebt. Aber das lag daran, daß sie keine Tagespolitik betrieben. Ähnlich ist es mit Außenministern. Die sind auch fast immer deutlich beliebter als ihre Kabinettskollegen – die einzige Außnahme war der extrem schlechte und überforderte Guido Westerwelle, der auch im repräsentativen Außenamt nie über den Beliebtheitsstatus von Fußpilz hinaus kam.

Mythos II

Ein anderer Mythos ist der von der Richtungsentscheidung, die ein Bundespräsident für die nächste Bundestagswahl bedeute.

Das war tatsächlich im Jahr 1969 der Fall. Am 05.März wurde im dritten Wahlgang ganz knapp mit einfacher Mehrheit von 512 zu 506 Stimmen (absolute Mehrheit = 519) der SPD-Kandidat Heinemann durch die Hilfe der FDP Bundespräsident. Damit bewies die SPD gewissermaßen ihre Regierungsfähigkeit und stellte nach der Bundestagswahl vom 28.September tatsächlich auch erstmals den Regierungschef.

Für alle anderen Bundespräsidenten läßt sich diese These aber schwerlich aufrechterhalten. Von Weizsäcker konnte Kohl nicht leiden, CDU-BuPrä Herzog mußte den SPD-Kanzler Schröder ernennen. Während Raus gesamter Amtszeit gab es gar keine Farbenveränderung bei der Bundesregierung. Köhler trommelte  für Schwarzgelb, mußte dann aber eine GroKo-Merkel ernennen. Während der erbärmlichen beiden Wulff-Jahre gab es keine Bundestagswahl und der rotgrüne Kandidat Gauck mußte eine 2013 wieder eine CDU-Kanzlerin ernennen.

Mythos III

Ein großes Gewese veranstaltet die veröffentliche Meinung traditionell um die angeblich notwendige Überparteilichkeit der Bundespräsidenten.
Auch das ist großer Unsinn. Carstens, Scheel und Wulff waren knallharte Parteipolitiker, die ganz klar für eine gesellschaftliche Linie standen.
Deswegen kann man aber dennoch als Präsident aller Deutscher funktionieren, so wie Angela Merkel selbstverständlich auch Kanzlerin aller Deutschen ist und nicht nur für die Bürger verantwortlich ist, die ebenfalls Mitglieder der Partei sind, der sie vorsitzt.

Mythos IV

Es darf kein Geschacher um das Amt des Bundespräsidenten geben, weil dies die Würde des Amtes beschädige.
Hierbei handelt es sich um eine relativ durchschaubare Schutzbehauptung der Parteienvertreter, die entweder keine Mehrheit in der Bundesversammlung aufbringen, oder die wie Angela Merkel sehr schlecht im Schachern sind, weil sie geradezu gesetzmäßig auf das falsche Pferd setzen.
Mit Schaudern denke ich an die Bundespräsidentenwahl von 1994. Kohl hatte sich trotz einer deutlichen schwarzgelben Mehrheit in eine ganz schlechte Lage manövriert, weil er Steffen Heitmann, den ultrakonservativen rechten Hetzer aus Sachsen (woher auch sonst?) zum Bundespräsidenten machen wollte. Die FDP entdeckte daraufhin einen Rest von Rückgrat, stellte mit Hildegard Hamm-Brücher eine brillante Kandidatin auf, während die CDU auf die zweite Wahl Roman Herzog auswich. Den kannte damals zwar keiner, aber wie alle Verfassungsrichter galt er als automatisch qualifiziert.
Die SPD hatte unter ihrem neuen und extrabräsigen Vorsitzenden Scharping weder einer Mehrheit noch gut taktiert, indem sie beispielsweise einen Konsenskandidaten mit den Grünen aufgestellt hätte. Kandidat Rau hatte in keinem Wahlgang die geringste Chance gewählt zu werden.
Wären die Schwachköpfe bei SPD und Grünen auch nur ein kleines bißchen besser im Schachern gewesen, hätten sie Rau spätestens im dritten Wahlgang zurückgezogen und ebenfalls Hamm-Brücher gewählt.
Damit hätten sie einen Keil zwischen Schwarz und Gelb getrieben, weil sich die FDP schlecht gegen ihre eigene Kandidatin stellen konnte, einen CDU/CSU-Kandidaten verhindert, ein Signal für die Frau gesetzt und auch noch die vermutlich beste Bundespräsidentin aller Zeiten bekommen.

Mythos V

Die GroKo-Spitzen müssen einen Konsenskandidaten finden.
Hierbei handelt es sich um ein relativ neues und besonders absurdes Phänomen.
Offenbar erkannte Merkel nach ihren beiden schlimmen Schlappen (Köhler und Wulff), daß sie Bundespräsidentenwahl einfach nicht kann.
Zudem weiß sie aus eigener Erfahrung, daß Streit und klare Positionierungen demoskopisch bestraft werden. Wann immer sie auch nur den Eindruck erweckte für etwas Bestimmtes einzutreten, nahmen es ihr die Wähler übel. Aber sobald sie sich wieder in wolkigen Sinnlos-Reden ergeht und sich aus der Politik heraushält, mögen sie die Deutschen wieder.
Ein Konsens-Kandidat ist also bequem für die GroKo-Taktikerin Merkel.
Mit der Eignung zum Präsidenten hat das aber rein gar nichts zu tun.

"Wir folgen weiter dem Bemühen, einen gemeinsamen Kandidaten zu finden", sagt CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Merkel und Seehofer ist diese Variante die mit Abstand liebste. Denn sie tut machtpolitisch nicht weh.
Nach dieser Lesart liefe es besonders gut, wenn die Große Koalition einen Kandidaten fände, dem auch noch FDP und Grüne zustimmen könnten. So wie das eben bei Vorgänger Joachim Gauck der Fall war. [….]

Es Merkel besonders leicht zu machen, ist aber nicht das Verfassungsziel.
Ich habe selten etwas Abwegigeres von der CDU gehört als die Aufforderung an die SPD den Vorschlag „Steinmeier“ vom Tisch zu nehmen, weil das keine Konsenslösung wäre.

Die besten Präsidenten waren der aktive SPD-Parteipolitiker Böhrnsen und der in einer äußerst erbitterten Auseinandersetzung im dritten Wahlgang ohne absolute Mehrheit gewählte Gustav Heinemann.
Den Konsens-Typen Gauck, der sich trotz seiner gammeligen braunen Zahnstümpfe offenbar selbst über alle Maßen liebt, halte ich für die größte Fehlbesetzung überhaupt.

Wie ich immer wieder betone, hätte ich nicht gern einen Altpolitiker, der einfach irgendwohin weggelobt werden muß (Wulff!) als Bundespräsidenten, sondern Herta Müller, die ich für ideal halte.

Aber sofern man keinen der Parteipolitik fernen Kandidaten wie Müller oder Kermani aufstellt, sollen sich die Parteien bitte darum streiten wer für das Amt in Frage kommt.

Die Meinungsabbildung für das Volk ist die ureigene Aufgabe der Parteien.
Seit wann ist Arbeitsverweigerung schick?
Die Aufstellung eines eigenen Kandidaten, diese Aufstellung zu begründen und den Kandidaten dann gegen die anderen zu verteidigen, müssen Parteien leisten.
Wenn sie das nicht wagen, können sie gleich Konkurs anmelden.

Bitte mehr Streit!

Sonntag, 6. November 2016

Gewinner der US-Wahl



Noch zwei Tage.
Sinnloserweise durchstreift man die News nach immer neuen Hinweisen auf den Ausgang der Wahl. In welchen Bundesstaaten sieht es wie aus, wo tauchen die Bewerber noch auf, wohin wird das letzte Werbegeld gelenkt?
Insgesamt sollen diesmal fast sechs Milliarden Dollar für die US-Präsidentschaftswahl verschleudert werden – und es nützt nichts, noch einen Cent in der Kasse zu haben, wenn man verloren hat.
Also wird jetzt auf den letzten Metern gnadenlos alles rausgeballert, um Werbezeiten zu kaufen und noch mal Ads zu schalten.

Ich gehöre zu denen, die es kaum noch aushalten, die sich rund um die Uhr den Kopf darüber zerbrechen, wie wohl die Welt am Mittwoch, den 09.11.2016 aussehen mag.
Jetzt exzessiv Umfragen zu konsumieren ist im hohen Maße Zeitverschwendung. Es gibt so viele davon, daß man jedes erdenkliche Ergebnis irgendwo prognostiziert findet. Es ist alles Spekulation. Wofür verschwendet man also seine Aufmerksamkeit, wenn wir es in gut zwei Tagen genau wissen werden?

Es ist einerseits die irrationale Neugier und andererseits beinhalten die vielen Reportagen aus den entlegensten Ecken der USA doch eine Menge über den Wahltag hinausreichende Informationen.


Inzwischen habe ich so viele wütende und ungebildete Amerikaner im O-Ton vorgespielt bekommen, daß ich schon von Maximal-BMI-Rednecks mit fauligen Zähnen und Jagdgewehren träume.

Daß der grenzenlose Hass, den Trump und die Republikaner auskübeln extrem unpatriotisch ist und dem Land einen womöglich letalen Schaden zufügt, dürfte inzwischen unumstritten sein.

Keine Reportage, die sich nicht grämt, die Gräben seien gar nicht mehr zuzuschütten. Am Ende würden alle beschädigt sein.

Wohl wahr. Das Desaster, das eine Wahl Trumps auslösen würde, will ich mir gar nicht ausmalen.

Ich kann es kaum glauben und meine Finger krümmen sich, während ich das hier schreibe, aber ich fürchte, dass Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt werden wird.
Und so ist es passiert.
Es war wie ein Zugunglück, dem viele Menschen mit Staunen, Angst und Abscheu zugeschaut haben, über viele Monate hinweg; und nun, kurz bevor die Züge endgültig aufeinander prallen, setzt so etwas wie Erkenntnis ein. [….]

Aber selbst das gerade noch im Bereich des Möglichen liegende Best-Case-Szenario, also ein klarer Clinton-Sieg mit einer Senatsmehrheit für die Demokraten würde nicht die 50 Millionen fanatischen Hasser im Lande beseitigen.
Die eigene Regierung würde weiterhin von einer Armada aus rechts-religiösen Radiostationen und Myriaden Profi-Hetzern unter Beschuss genommen.
Die Republikaner würden erst Recht im House auf pure Obstruktion schalten.
Außerdem nehme ich an, daß bei den Zwischenwahlen von 2018 aus Frust über Clinton und die vergeigte Präsidentschaftswahl die GOP voll durchmarschieren wird. Spätestens dann hieße es wieder Gridlock Total.

Hat die planetare Vorzeige-Demokratie, the land of the free, der Sehnsuchtsort aller Auswanderer gar nichts Positives mehr zu vermelden?

Au contraire mon frère.

Der abschreckende Effekt der freiheitlichen westlichen Demokratie, der unkontrollierte Niedergang der Nation mit der Homoehe und der Marihuana-Freigabe ist ein Geschenk für alle Autokraten, die in den letzten Jahren befürchten mußten, ihre Völker könnten auch so was wie Mitsprache und freie Wahlen einfordern.

Recep Tayyip Erdoğan kann auch deswegen konsequent die demokratischen Elemente der Türkei abschaffen, weil das Idealland, dem post-autoritäre Staaten in den letzten Dekaden nacheiferten, nun abschreckend wirkt.
Will man etwa Zustände wie in Amerika? Öffentliche Pöbeleien und Schmutzkampagnen? Eine nicht mehr stattfindende Außenpolitik, weil ein de facto nicht mehr arbeitsfähiger Kongress seine gesamte Energie darauf verwendet die eigene Regierung zu kastrieren? Will man eine Schmuddelpresse, die rund um die Uhr Toppolitiker des eigenen Landes weidwund schießt?
Will man etwa eine Türkei, die sich 18 Monate mit einem extrem unwürdigen Spektakel vor der gesamten Weltöffentlichkeit blamiert?

Nein, wir wollen keine US-Zustände. Seht her, Türken wie froh Ihr über den starken Präsidenten Erdoğan sein können. Der läßt sich nicht fesseln und setzt türkische Interessen durch.

Nur zu offensichtlich begeistert sich auch Wladimir Putin an der Schockperformance, die Amerika seit anderthalb Jahren abliefert.
Falls irgendwelche russischen Oppositionellen sich über Einschränkungen der Pressefreiheit oder anderen Formen der Putinschen Machtfülle echauffieren wollten, so werden sie es jetzt viel schwerer haben, weil immer mehr Russen doch ganz froh sind von so einer starken Hand regiert zu werden. Bloß nicht so ein Chaos wie in Amerika.

[….] Die Amerikaner sollten sich gut überlegen, wem sie am 8. November ihre Stimme geben, erklärte der nationalistische Populist Wladimir Schirinowskij unlängst in einem Interview: "Sie stimmen für den Frieden auf Erden, wenn sie Trump wählen. Aber wenn sie Hillary wählen, bedeutet das Krieg. Es wird Hiroshimas und Nagasakis überall geben."
[….] Über Monate haben die staatlichen russischen Medien eine regelrechte Rufmord-Kampagne gegen Hillary Clinton gefahren, und zwar sowohl die nationalen als auch die internationalen wie der Propaganda-Kanal Russia Today und die Agentur Sputnik. Die Behauptung, die Clintons hätten bei der Gründung der Terrormiliz "Islamischer Staat" Pate gestanden, war dabei nur ein Höhepunkt. Zuletzt raunte der TV-Moderator und Chef der Propaganda-Agentur Rossija Segodnja, Dmitrij Kisseljow, das US-Establishment werde Donald Trump eher umbringen, als ihn Präsident werden zu lassen.
Die Sender ließen kaum eine Verschwörungstheorie aus. Als das Trump-Lager Zweifel an Hillary Clintons Gesundheit streute, spielte das sonntägliche Nachrichtenmagazin Westi Nedeli (Nachrichten der Woche) Zusammenschnitte von Husten-Anfällen der Kandidatin in Dauerschleife. Videos, auf denen sie den Kopf schüttelt, wurden so montiert, dass es wirkte, als leide Clinton an einer Nervenkrankheit. Die Zuschauer mussten den Eindruck gewinnen, das Rennen um die US-Präsidentschaft werde zwischen einem authentischen Haudrauf mit Sympathien für Russland und einer nervenkranken Todgeweihten ausgetragen. [….]

Am meisten freut sich aber vermutlich Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und in Personalunion Staatspräsident der Volksrepublik China über das Schauspiel in Amerika.


Seine Machtfülle wird inzwischen mit Mao und Deng gleichgesetzt, aber müßte nicht auch er im Internetzeitalter befürchten, daß die immer wohlhabenderen Chinesen nach persönlichen Freiheiten, nach Demokratie und Mitsprache verlangen?

In der Tat sah es einige Zeit so aus, aber jetzt zeigt Washington allen missmutigen Chinesen welche enormen Vorteile das straff-autokratische Zentralregime hat.

[….] Neuer deutscher Exportschlager für den chinesischen Markt gesucht? Wie wär's mit dem anderswo schon beliebten deutschen Wort "Schadenfreude"? Nichts beschreibt die Stimmung in den oberen Rängen der Kommunistischen Partei im Moment wohl besser. Wer auch immer am Dienstag die Wahl in den USA gewinnt, einen selbsterklärten Sieger haben wir jetzt schon: Chinas KP.
Chinas Propaganda kann ihr Glück ob des Trump-Clinton-Spektakels kaum fassen. Die KP erklärt seit Jahrzehnten jede Wahl in den USA zur betrügerischen Show, die Demokratie nur vorgaukle, während China mit seiner Ein-Parteien-Herrschaft gut bedient sei.
Aber in diesem Jahr, da sich auch in westlichen Partnerdemokratien das Publikum angewidert abwendet vom Trump'schen Treiben, wo das Entertainment die Substanz und die Lüge die Wahrheit ersetzen, wo der Kandidat selbst in alle Mikrofone brüllt, dass das System nur Lug und Trug sei im Dienste einer korrupten, manipulativen Elite in Washington - da schreibt sich die Propaganda von selbst.
[….] Da können Chinas Staatsmedien sogar Krokodilstränen vergießen, da darf die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua klagen, wie "traurig" es sei, dass "das amerikanische System nicht funktioniert", da titelt das Parteiblatt: "Enttäuschend, deprimierend, unehrlich". Die Volkszeitung schreibt von "Chaos", von einem "Witz", davon, dass "Amerikas Demokratie unter Buhrufen in den Morast gefallen ist".
[….] Reihenweise werden von der Partei nun Chinas Amerika-Experten aufgeboten, die "das Versagen der amerikanischen Demokratie" konstatieren, wie das im September Zhang Zhixin, der Amerika-Chef am Chinesischen Institut für Internationale Beziehungen, in einem Essay schrieb. Selbst wenn Trump verliere, so Zhang, habe er schon jetzt die politischen Fundamente des Landes "unwiderruflich geschädigt".
[….] Die Volkszeitung hatte besondere Freude dabei, das Ende des politischen Moralpredigers USA zu verkünden, der der Welt sein System jahrzehntelang als überlegen angepriesen hatte: "Zeit, dass dieser 'Demokratie-Missionar' sein übertriebenes Selbstwertgefühl und seine Arroganz ablegt".[….]

War Amerika über Jahrzehnte das leuchtende Vorbild für Freiheit und Demokratie, dem es nachzueifern galt, so haben es 20 Jahre republikanische Obstruktion, Bildungsfeindlichkeit und radikaler Evangelikalismus vermocht, Amerika in ein Abschreckungs-Szenario zu verwandeln.

Autokraten in aller Welt können dankbar sein.
Welches Volk sollte sich schon für Demokratie einsetzen, wenn Demokratie Trump, Palin und Pence hervorbringt?