Samstag, 14. Juli 2012

Der Mega-Skandal.



Man KÖNNTE meinen, daß die USA derzeit das ein oder andere Problemchen hätten, welches es anzugehen lohnte.

Als leicht störend empfinde ich beispielsweise die Abschaffung wichtiger Bestandteile der Demokratie. Statt „one man one vote“, gilt nun: „Geld entscheidet.“

Eine gute Milliarde US-Dollar muß man aufbringen können, um Präsidentschaftskandidat werden zu können.
Wer die meisten Spenden sammelt, setzt sich durch.

Allein im Juni hat Romney 100 Millionen Dollar gesammelt. […]
Super-Pacs und andere angeblich unabhängige politische Organisationen pumpen Abermillionen in eigene Wahlkampagnen. Von denen beziehen die meisten eindeutig Stellung zugunsten Romneys und seiner Republikaner.
Zwei Dinge haben diese ungezügelte Millionen-Flut ermöglicht. Zum einen die unsägliche, ideologisch motivierte Entscheidung des Supreme Court vor zwei Jahren, Spenden in unbegrenzter Höhe an die Super-Pacs zuzulassen; also für Organisationen, die offiziell zwar unabhängig, in Wahrheit aber de facto Unterstützungsvereine für bestimmte Kandidaten sind. Das zu erlauben war kein blauäugiges Urteil einiger entrückter Richter in ihrem marmornen Justiztempel in Washington. Es war die bewusste Entscheidung einer konservativen Gerichtsmehrheit, dem Fluss des Geldes seinen Lauf zu lassen. Und das Geld von Unternehmen, von Millionären und Milliardären strömt nun einmal eher zu der Partei, bei der sie ihre Interessen besser aufgehoben wissen: zu den Republikanern.
Zum anderen hat die Aufsichtsbehörde für die US-Wahlkämpfe, die FEC, 2007 ein Schlupfloch für Organisationen eröffnet, die nach dem Steuerrecht wohltätig, in Wirklichkeit aber nichts anderes als politische Tarnorganisationen sind - allein zum Zwecke geschaffen, Wahlen zu beeinflussen. […] Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, ist Amerika bald wieder dort, wo es vor gut hundert Jahren war: Damals gaben die Raubritter des Kapitals den Ton an.

Ein kleines bißchen kurzsichtig finde ich auch die amerikanische Vorliebe sich selbst die Zukunft zu ruinieren, indem der blanke, fanatische Hass der rechten Teebeutler inzwischen die gesamte Politik paralysiert.  
 Der Kongress arbeitet seit 2008 de facto nicht mehr, sondern ist zu einer reinen Testosteron-Arena der unerbittlichen Schreihälse verkommen. 

Ratio unerwünscht.

Die Vereinigten Staaten sind auf einem Tiefpunkt ihrer Geschichte angelangt: Dem Land geht es wirtschaftlich schlecht, die Mittelschichten sinken in Armut ab, der berühmte Optimismus der Amerikaner ist dahin. Wie konnten die USA so weit kommen? Schuld daran ist nicht zuletzt die Republikanische Partei. […] Dass Zukunftschancen sehenden Auges verbaut, wenn nicht ruiniert werden, dass ideologische Reinheitsgebote schwerer wiegen als die Bereitschaft zum Kompromiss, dass Institutionen und Verfahren lächerlich gemacht werden und Verachtung, Denunziation und Hass die politische Leitwährung abgeben.
[…]   Zum sozialen Sprengstoff wird die galoppierende Deindustrialisierung, weil sie die Mittelschicht zerrüttet. Buchstäblich alles, was die soziale Mitte über Jahrzehnte wirtschaftlich gestärkt und das Land politisch stabilisiert hatte, ist mittlerweile prekär. […]     Ausgerechnet in dieser Lage kommt der politische Betrieb zum Erliegen. […] Die 'Grand Old Party' unserer Tage hat mit den traditionellen Republikanern, in deren Reihen auch gemäßigte Konservative und Liberale ihren Platz hatten, nichts mehr gemein. Sie ist zu einem ideologischen Kampfverband mutiert. Steuersenkung für die Reichen, Deregulierung, Rückzug des Staates - wer diesen Glaubenssätzen nicht folgt, wird mit religiöser Inbrunst bekämpft oder exkommuniziert.
[…]   Selten zuvor wurde ein derart massiver Druck auf die Gesetzgeber im Bund wie in den Einzelstaaten ausgeübt, schier beispiellos ist das konzertierte Auftreten von Lobbyorganisationen, wirtschaftsnahen 'Political Action Committees' und 'Denkfabriken', die nicht nur Politiker mit Spendengeldern erpressbar machen und unmittelbar in parlamentarische Beratungen eingreifen, sondern den öffentlichen Diskurs im Sinne ihrer marktradikalen Ideologie umpolen. Als beispielsweise der Kongress über Obamas Gesundheitsreform zu beraten hatte, pumpte allein die 'Chamber of Commerce' knapp 80 Millionen Dollar in die Kriegskasse der Opponenten - innerhalb von zwölf Wochen.
[…] So aber schließt sich der Kreis: Für die Polarisierung der Politik sind nicht mehr nur Parteieliten der Republikaner verantwortlich, sondern zu einem Gutteil auch 'Graswurzelaktivisten', die mit ihrer Unbedingtheit die Republikaner vor sich hertreiben und manchen lokalen Parteiapparat bereits unter Kontrolle gebracht haben.
(Bernd Greiner, SZ, 10.07.12, Historiker und Amerikanist, ist am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig. Er lehrt an der Universität Hamburg.)

Hoffnung auf Besserung gibt es nicht. 

Würde Ende Januar 2013 US-Präsident Mitt Romney vereidigt, hätte endgültig der Wahnsinn die US-Politik okkupiert.
 Aber selbst wenn es Barack Obama knapp in eine zweite Amtszeit schaffen sollte, sind die Bedingungen für ihn unendlich viel schwerer als 2008, als er noch über Mehrheiten in Kongress und Senat verfügte.
 Der Opposition gelang es dennoch ihn zu blockieren. Inzwischen ist der Hass auf Obama gewaltig gewachsen und die Republikaner sind viel stärker geworden. 
Daß Obama irgendetwas bis 2016 durchsetzen könnte, ist höchst unwahrscheinlich. 
Der Kongress käme endgültig zum Erliegen. Die rechten Milliardäre könnten nach Belieben ihre Interessen durchsetzen.

Aber das alles sind nur die Petitessen, die mich ein wenig beunruhigen.

Die amerikanischen Top-Politiker haben derzeit ein ungleich größeres Problem zu wälzen.
 Ein Skandal, der so ungeheuerlich erschütternd ist, daß selbst im aufgeheizten Wahlkampf beide Parteien an einem Strang ziehen.

Die Kleider der amerikanischen Olympiamannschaft sind allesamt „made in China!“

Potzblitz und Donnerknilch.

Seit Jahrzehnten haben die Amerikaner die heimische verarbeitende Industrie geschliffen und die Arbeitsplätze nach Fernost verlegt. Wal Mart allein ist für 10% der Importe aus China verantwortlich. Fast 99% der Textilien importieren die USA. 

Und nun, nachdem alle webenden Kinder schon vor langer Zeit in die tiefsten Brunnen gefallen sind, empören sich Republikaner und Demokraten unisono, daß ihre Olympioniken in unamerikanischen Klamotten in London schwitzen sollen.

In einer in dieser Wahlkampfzeit ungewöhnlichen großen Koalition twittert der Sprecher des Repräsentantenhauses John Boehner, dass man es doch eigentlich besser wissen müsste und seine Gegenspielerin Nanca Pelosi erklärt: "Wir sind so stolz auf unser Olympiateam. Sie sind die besten, so toll und sehenswert. Sie sollten Uniformen tragen, die in den USA hergestellt wurden."

Eben. Was ist schon eine Goldmedaille wert, wenn sie in einem chinesischen Kostüm errungen wurde?

Top-Politiker schimpften über die Entscheidung des nationalen olympischen Komitees, das zuzulassen. "Es ist beschämend, dass unsere amerikanischen Sportler während der Olympischen Spiele in China gefertigte Uniformen tragen werden", sagte der demokratische Kongressabgeordnete Steve Israel in einer Mitteilung.
Auch der Chef der Demokraten im Senat, Harry Reid, sagte im US-Fernsehen, das Olympia-Komitee "solle sich schämen". Man solle "alle Outfits nehmen, sie auf einen großen Haufen werfen und sie verbrennen und noch mal ganz von vorn anfangen".

Too late, Herr Reid.
Da hätten Sie mal 30 Jahre früher aufwachen sollen.

Selbst die von vielen Männerköpfen in den USA kaum weg zu denkenden Baseball-Kappen sind "Made in China". Doch gerade bei den Uniformen, die nur beim Einmarsch und dem Ende der Spiele getragen werden, sollte dies nun anders sein.

Dann mal los.
 Mal sehen ob es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten schafft in 12 Tagen alles neu herzustellen.

Ansonsten bliebe ja noch die Möglichkeit wie die antiken Olympioniken vollständig nackt in London aufzulaufen.

Das passte dann auch perfekt zu Amerikas Situation des verarbeitenden Gewerbes.

Freitag, 13. Juli 2012

Erbärmlich, erbärmlich, erbärmlich!



Das Gute an der Penisvorhaut ist die öffentliche Debatte um selbige.
Seit langer Zeit haben mich Stellungnahmen zu einem Thema nicht mehr so überrascht. Üblicherweise kann man sehr gut vorher erahnen woher der Wind weht. 
Parteipolitische Meinungen sind absolut vorhersagbar.

Mich erstaunt der Mut des Landgerichts Köln dieses zwar juristisch offensichtlich ziemlich eindeutige, aber dennoch sehr Shitstorm-affine Urteil überhaupt zu sprechen. 

Mich erstaunt, daß ausgerechnet die angeblich den Bürgerrechten verpflichteten Grünen sich am deutlichsten und schnellsten aus der Deckung wagten. 
Klipp und klar sprechen sich Özdemir, Künast, Roth und Beck gegen das Kindeswohl aus. Eindeutig verlangen sie, daß Eltern straflos Körperverletzung an ihren Söhnen begehen dürfen.

Worum geht es dabei?

Unbeschnittene und Frauen sollten sich diese beiden Bilder genau ansehen.



Wikipedia

Um zu verstehen was da eigentlich abgeschnitten wird, verweise ich auf einen Vortrag von Prof. Ken McGrath aus Auckland.

Die zweite wichtige Funktion [der Vorhaut] ist ihre sensorische Funktion. Diese wurde im Laufe der letzten 15 Jahre sehr deutlich,—[seitdem] John Taylor und sein Team ihre Befunde [1996] veröffentlichten. Sie gelangten zu dieser Erkenntnis, obwohl Leute nicht darüber nachdachten, was sie eigentlich fühlten, sofern sie intakt waren – Ich für meinen Teil tat das nicht. Ich hab mich nicht hingesetzt und damit begonnen zu analysieren, was ich fühle. Aber das Mikroskop verrät uns, dass die Vorhaut eine bedeutende sensorische Funktion erfüllt. Ich denke, nein, ich bin der Überzeugung—dass die [Vorhaut] die höchste Konzentration an Nervenendungen des gesamten männlichen Körpers aufweist.
Folglich kann [die Vorhaut] nicht ignoriert werden; [Die Vorhaut] kann nicht einfach als ein einfaches Stück haut beschrieben werden.

Die Beschneidung entfernt rund 50% der Penishaut – unglücklicherweise gerade den wichtigsten Teil der Haut, das funktionale Ende, nicht den Anfang, wo es nichts ausmacht. [Die Beschneidung] entfernt mehr als 50% der sensorischen Nervenenden des Penis, weil sich diese im gefurchten Band und dem Frenularen Delta konzentrieren, die durch die Beschneidung automatisch zerstört werden. Es ist wahrscheinlich eher davon auszugehen, dass an die 75% bis 80% des sensorischen Gewebes [durch die Beschneidung] verloren gehen.
*Als Wachstumskegel bezeichnet man spezialisierte Vorderende eines Axons (lange Ausläufer einer Nervenzelle), mit dessen Hilfe dieses den Weg in sein Zielgebiet sucht
Die funktionale Folge [der Beschneidung] ist, dass der sensorische Input in das Rückenmark und bis in das Zentralnervensystem in großen Umfang reduziert wird:
Folglich hat der Mann nicht mehr allzu viel Gefühl, und viele beschnittene Männer wissen auch nicht wo ihr Orgasmus eigentlich ist– sie haben nicht ausreichend starke Empfindungen vor dem Orgasmus, um erkennen zu können, wie der Anstieg der Empfindungen voranschreitet, und viele dieser Männer werden von ihrem Orgasmus überrascht, mehr oder weniger.
[Normalerweise], werden die Schmerz- und Temperaturreize, –die sehr simplen und schützenden und eher unangenehmen Gefühle, die von der Eichel kommen, wenn sie sich in Ruhe befindet, durch die Stimulation der Vorhaut ausgeschaltet dank der inhibitorischer Interneurone im Rückenmark. In anderen Worten: Wenn erst eine ausreichend starke Kaskade von Reizen von der Vorhaut in das Rückenmark fließt, werden inhibitorische [hemmende] Interneorone aktiviert, welche den Reizinput von der Eichel ausschalten und begrenzen, sodass die Männer nichts mehr in ihrer Eichel fühlen, weil sie solche [Schmerzempfindungen beim Geschlechtsverkehr] auch nicht spüren wollen. Was geschieht dann beim beschnittenen Mann? Wenn der Orgasmus beginnt, und der verbleibende sensorische Input aus der [restlichen] Vorhaut nachlässt, reicht dieser natürlich nicht aus, und es gibt nicht mehr genug [Input aus der Vorhaut] um die Inhibition [die Hemmung] der Eichel aufrechtzuerhalten. [In Folge] will der Mann die sofortige Beendigung der Bewegung; [er] zieht sich entweder [aus seiner Partnerin] zurück oder, wenn [sein Penis] immer noch eingeführt ist, [erklärt er]: „Um Himmels willen,aufhören! Beweg dich nicht. Ich kann es nicht mehr aushalten!“
Dies ist ein sehr häufiges Phänomen bei beschnittenen Männern und es muss für ihre Partner niederschmetternd sein, plötzlich das unterbrechen zu müssen, was eigentlich der vergnüglichste Moment sein sollte.
(Ken McGrath, Professor für Pathologie an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Auckland University of Technology und Mitglied des New Zealand Institute of Medical Laboratory Scientist)

Mich erstaunt weiterhin, wie ein normalerweise bewundernswerter SZ-Co-Chefredakteur, der gemeinhin als „Edelfeder“ bezeichnet wird und vor seiner journalistischen Laufbahn als Oberstaatsanwalt und Richter gearbeitet hat, folgende Sätze schreiben kann:

Es ist verständlich, wenn Geistliche der beiden Religionen protestieren, wenn sie sich, ihren Glauben und ihre Riten verhöhnt fühlen. Das Urteil ordnet Beschneidungen ein in eine Kategorie, zu der auch Prügel gehören. Das beschnittene Kind wird dem verprügelten gleichgestellt. Prügel sind Herabwürdigung, sie machen das Kind zum Objekt des Zorns des Prüglers. Beschneidung ist Würdigung: Sie macht das Kind zum Subjekt des Glaubens, bedeutet den Eintritt in die Gemeinschaft. [….]
Das Strafrecht muss sich hier bescheiden und schweigen - auch wenn scheinbar die Tatbestandsmerkmale passen. Das Kölner Urteil war vorlaut. Der laute Protest ist berechtigt.
(SZ Heribert Prantl, 13.07.12)

Auch Du, mein Sohn Heribert?

Dabei scheint doch juristisch recht klar zu sein, wie das unfreiwillige Herumschneiden an einem Körperteil eines Wehrlosen zu bewerten ist.

Was [die Kölner Richter]  verurteilen, ist allein die empathielose Bagatellisierung dessen, was man wehrlosen Kindern mit der Beschneidung antut, und die darin liegende Missachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. […]  Manche Juden und Muslime nehmen durchaus am Leben ihrer Gemeinde teil, scheuen aber die Vorhautamputation und wollen sie der späteren Entscheidung ihres Sohnes überlassen. Der Geistliche wird die religiöse Betreuung des Kindes gewiss nicht verweigern. […]  Die Richter und die Verteidiger des Kölner Urteils haben nichts dagegen, dass ein »Initiationsritus« die religiöse Erziehung einleitet. Eine symbolische Beschneidung, etwa durch Berührung der Vorhaut mit einem Messer, würden sie genauso gutheißen wie das Übergießen mit Wasser bei der Kindstaufe. […]  Was die Religionsfreiheit betrifft, so stellt der Artikel 140 des Grundgesetzes klar, dass »Rechte und Pflichten ... durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt« werden. Das bedeutet: Die Ausübung unserer Religion erlaubt uns auch nicht den kleinsten Eingriff in fremde Rechte und entbindet uns von keiner Rechtspflicht. Darum begeht das Delikt der unterlassenen Hilfeleistung, wer fromm seinen Rosenkranz weiterbetet, obwohl ein Unglücksfall seine Hilfe erforderlich macht. […]  Den »beispiellosen Angriff auf die Identität religiöser Familien«, den Spaemann behauptet, hätte das Landgericht allenfalls dann unternommen, wenn es mit seinem Urteil der Freiheit der Eltern, ihr Kind beschneiden zu lassen, gegen Gesetz und Recht Grenzen gezogen hätte. […]  Wenn alle Religionen gemeinsam sich gegen den Richterspruch wenden, kommt bei mir der Verdacht auf, sie verteidigten ihren eigenen Machtbereich. […]   »Die Entfernung der Vorhaut«, so zum Beispiel Matthias Franz, Facharzt für psychosomatische Medizin an der Universität Düsseldorf, »stellt ein Trauma dar und kann zu erheblichen körperlichen, sexuellen oder psychischen Komplikationen und Leidenszuständen bis ins Erwachsenenalter führen.«  Nichts gegen die Beschneidung! Nur verlangen Vernunft und geltendes Recht, dass man sie auf medizinisch notwendige Fälle beschränkt und den Betroffenen selbst entscheiden lässt, sobald er dies eigenverantwortlich kann. Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. So sagt es das Grundgesetz, verbindlich für uns alle, die wir in Deutschland  leben – unabhängig von Religion und Weltanschauung.
(Rolf Dietrich Herzberg, emeritierter Professor für Strafrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Die ZEIT, 12.07.12)

Was mich weiterhin erstaunte, war die neue Definition des Judentums.
 Es ist bekanntlich gar nicht einfach zu definieren, wer ein Jude ist.
 Gemeinhin wird „jüdisch“ als religionsanzeigendes Adjektiv benutzt. So wie „christlich“ oder „muslimisch“.

Eigenartigerweise gibt es aber „ungläubige Juden“.
 Ich erinnere an Marcel Reich-Ranicki, der immer mal wieder betont hat, daß er mit Gott absolut nichts anfangen könne. Spätestens seit seinen Erfahrungen in der Nazizeit ist er 100%iger Atheist.
 Er versteht sich aber dennoch „zweifellos als Jude.“
Atheistische Christen gibt es hingegen nicht. 

Die allgemein akzeptierte Definition eines Juden ist das Vorhandensein einer jüdischen Mutter.
Nun erfahre ich plötzlich, daß das Vorhaut-Abschneiden überhaupt das allerwichtigste Merkmal des Judentums sein soll.
 Ich frage mich was die Myriaden orthodoxen Juden in den Jeschiwas eigentlich den ganzen Tag mit dem Oberkörper wippend und Thora und Talmud-schwenkend zu diskutieren haben!

Jude sein ist vorhautlos zu sein und nichts anderes.

Bis auf die 80% der Juden in Deutschland, welche nicht beschnitten sind.

Die Beschneidung ist kein Brauch. Sie ist Kern der jüdischen Identität – unentbehrliches Fundament des Glaubens.

Michael Fürst, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hannover, bekundete im Sender Phoenix bockig, daß sich seine Gemeindemitglieder „keinesfalls“ an das Beschneidungsverbot halten würden und wies darauf hin, daß die unbeschnittenen erwachsenen Juden sich auch beschneiden lassen müßten.

Das ist Logik, die begeistert:

Juden, die gar keine Juden sind - schließlich ist man nur Jude, wenn man den Bund mit Jahwe erfüllt und sich am 8. Tag des Lebens beschneiden läßt  - sollen laut Fürst das tun, was er gleichzeitig vehement als unmöglich definiert - nämlich die nachträgliche Beschneidung im Erwachsenenalter . Dann werden sie durch eine nicht mögliche Initiation zu dem was sie schon sind - nämlich Juden.

 Schließlich erstaunte mich, daß Rabbiner und Vertreter der Jüdischen Gemeinden derart überziehen, daß sie mit Auswanderung drohen und den ultimativen Holocaustvergleich auspacken.

Die Konferenz Europäischer Rabbiner hat das Kölner Urteil zur Beschneidung als schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust bezeichnet: „Ein Verbot der Beschneidung stellt die Existenz der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland infrage“, sagte ihr Präsident Pinchas Goldschmidt. „Sollte das Urteil Bestand haben, sehe ich für die Juden in Deutschland keine Zukunft.“   Goldschmidt verwies auf das Schächtverbot der Nationalsozialisten. Es sei ein Zeichen für viele Juden gewesen, „wir müssen weg aus Deutschland“, sagte der Rabbiner.   Ein Beschneidungsverbot wäre angesichts der Bedeutung dieses Brauchs ein viel stärkeres Zeichen.

Eine gewaltige Lobbymaschine wird in Bewegung gesetzt.

Jüdische Organisationen bereiten eine öffentliche Kampagne gegen das Urteil des Kölner Landgerichts vor, mit dem Beschneidungen von Jungen als strafbare Körperverletzung gewertet werden. Das berichtet die FTD. Spender aus Europa, den USA und aus Israel haben bereits Millionen in einen Fonds eingezahlt, der vor allem Lobbyisten und Anwälte finanzieren soll.  Nach Informationen der FTD hat allein der in der Schweiz lebende jüdische Multimillionär Edi Gast 10 Mio. Euro gezahlt, um gegen das Beschneidungsurteil vorzugehen.

Guido kuscht natürlich sofort.

Ihn habe in den vergangenen Tagen "manche ernste Kritik am Kölner Beschneidungsurteil erreicht", sagte Westerwelle der FTD. "Es muss klar bleiben, dass in Deutschland die freie Religionsausübung geschützt ist.
(FTD 12.07.12)

Nicht ganz so erstaunlich finde ich hingegen das jetzt schon erfolgte Allparteien-Einknicken vor den tobenden Religioten mehrerer Konfessionen.

Daß die 100% christliche Regierungskoalition nicht das Rückgrat haben würde das deutsche Recht gegen die Attacken der Alttestamentarischen Kinderquäler zu verteidigen, war zu erwarten. 
Daß sich die zunehmend christlich-fundamentalistische SPD dem anschließt, ist sehr bedauerlich, war aber ebenfalls leider vorhersehbar. 
Von den Grünen war schon die Rede.

Es passt nur zu gut, daß so eine Meldung an einem Freitag, den 13. publiziert wird:

Schwarz-Gelb will rasch dafür sorgen, dass die rituellen Beschneidungen straffrei gestellt werden. Die Bundesregierung will schnell Rechtssicherheit für religiöse Beschneidungen schaffen. "Wir wissen, da ist eine zügige Lösung notwendig, da kann nichts auf die lange Bank geschoben werden", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. "Verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesem Land straffrei möglich sein." Wie dies geschehen könne, werde derzeit mit den zuständigen Ressorts besprochen.
Seibert und eine Sprecherin des Justizministeriums wollten sich aber nicht festlegen, ob es zu einem klarstellenden Gesetz kommen wird, wie es von SPD und Grünen gefordert wird.

Realität und Satire verschmelzen mal wieder. Ich glaube, es war auf Facebook, wo ich diesen Satz fand.

Auch eine "verantwortungsvoll durchgeführte Körperverletzung" bleibt eine Körperverletzung, welche nun einmal strafbar ist. Für "Sex mit Kindern" gibt es ja auch keine Ausnahme, auch dann nicht, wenn er "verantwortungsvoll" durchgeführt wird.

Das Grundgesetz ist neuerdings also irrelevant in Deutschland. Wichtiger ist jetzt das Alte Testament.

Die Bibel (Genesis 17, 10-14) schreibt Juden vor, ihren Sohn am achten Tag beschneiden zu lassen.

Ich bin gespannt, wann der überzeugte und konvertierte Katholik und Regierungssprecher Seibert weitere Genesis-Geltung garantiert. 

Daß also auch Sklaven beschnitten werden müssen und die Unbeschnittenen ausgerottet gehören.
        
10 Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden.
11 Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch.
12 Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden in jeder eurer Generationen, seien sie im Haus geboren oder um Geld von irgendeinem Fremden erworben, der nicht von dir abstammt.
13 Beschnitten muss sein der in deinem Haus Geborene und der um Geld Erworbene. So soll mein Bund, dessen Zeichen ihr an eurem Fleisch tragt, ein ewiger Bund sein.
14 Ein Unbeschnittener, eine männliche Person, die am Fleisch ihrer Vorhaut nicht beschnitten ist, soll aus ihrem Stammesverband ausgemerzt werden. Er hat meinen Bund gebrochen
 Genisis, 17

Donnerstag, 12. Juli 2012

Hilfe vom obersten Chef


Das arme kleine Titanic-Magazin mit einer monatlichen Auflage von 99.000 Exemplaren ist ein Pressezwerg.
Zum Vergleich: Die Bild hat eine tägliche Reichweite von 12,5 Millionen Lesern.
Um die Aufmerksamkeit EINES Tages der BILD zu erreichen, müßte die Titanic also 121 Monate, über zehn Jahre lang, ihr Magazin verkaufen.

Es wundert wenig, daß die Finanzkraft der kleinen Frankfurter Redaktion nicht für die üblichen PR-Methoden ausreicht.
Was Kai Diekmann mit Money-Power erreicht, versucht Titanic-Chefredakteur Leo Fischer, wie schon seine Vorgänger, mit spektakulären Aktionen und Titelbildern wett zu machen.

So erlangte die Zeitschrift 1988 erstmals bundesweite Aufmerksamkeit, als ihr damaliger Chefredakteur Bernd Fritz an der ZDF-Sendung Wetten, dass..? teilnahm. Fritz behauptete, die Farbe von Buntstiften allein am Geschmack erkennen zu können. In Wahrheit gelang es ihm, unbemerkt unter den Rändern seiner Augenabdeckung hindurchzusehen. Noch vor laufenden Kameras klärte Fritz den verdutzten Moderator Thomas Gottschalk über diese Titanic-Aktion auf. Die Auflage der Titanic verdoppelte sich daraufhin – allerdings nur für eine Ausgabe.

In 55 Gerichtsverfahren war das Magazin verstrickt, 35 Ausgaben wurden gerichtlich verboten.

Leo Fischer ist Katholik und als solcher hat sich das Zahlen der Kirchensteuer durchaus gelohnt. Sein oberster Boss sprang ihm bei und tat ihm den Gefallen dem Mini-Blatt durch eine Klage des Papstes maximale Aufmerksamkeit zu bescheren. 
Das kleine Holzstöckchen, welches Fischer dem Papst hingehalten hatte war nur eine alberne Fotomontage auf dem Titelbild. 
Brav pawlowsch sprang der Vatikan sofort.



Benedikt ließ klagen. Laut einem Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, „verletzen Titelbild und Rückseite der aktuellen Titanic-Ausgabe den Heiligen Vater in seinen Persönlichkeitsrechten.“ Diese Aussage weist natürlich einen immanenten Logikbruch auf: Wenn Gott so groß und allmächtig ist, wie soll man ihn da beleidigen können? Was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich ein Schmierfink an ihr wetzt? Und dasselbe gilt erst recht für den selbsternannten Stellvertreter Gottes auf Erden, denn wer so weit aus dem Fenster ruft, sollte gefälligst auch das Echo vertragen können.
Aber nein. Die heiligen Leberwürste kamen auch noch damit durch. Dass das Landgericht Hamburg sich mit der einstweiligen Verfügung gegen die Titanic zu einer billigen Pfaffenhure gemacht hat, würde im Ernst natürlich niemand behaupten, der nicht selber mit einer solchen überzogen werden will.

Die Titanic bedankte sich postwendend für die willkommene mediale Hilfe aus Rom und lud zu einem Papst-Freunde-Casting ein.

Sein Kammerdiener ist ein Verräter, die Kardinäle tuscheln über ihn, und jetzt hat ihn auch noch sein Lieblingsmagazin TITANIC betrübt – so einsam und traurig war unser Papst noch nie!
Bereits im Juni hatte TITANIC mit dem großen Freundecasting neue Kumpel für den Papst gesucht. Nun braucht er wieder Beistand! Hast DU das Zeug zum BPFE – Best Pope Friend Ever? Wie würdest du dich verhalten, wenn der Papst dein Freund wäre? Finde es raus – und schicke deine Freundschaftsbewerbung direkt an den Vatikan.

Zum Glück konnte ich mich als „Kardinal“ qualifizieren.


Wenn man Chef einer 1,2-Milliarden-Leute-Organisation ist, kann man sich natürlich nur um die wirklich wichtigen Dinge kümmern.
 Also zum Beispiel diesen Freundschaftsdienst für eine kleine Frankfurter Redaktion, die ohne das direkte Eingreifen des Vatikans noch nicht mal den Bruchteil der Aufmerksamkeit für ihr Titelbild erreicht hätte.

Interessant ist aber auch welche Taten von Katholiken Ratzinger NICHT beleidigen. 

So hat er über Dekaden klaglos hingenommen, wenn Priester kleine Jungs vergewaltigten.

In den Fällen hielt es der oberste Glaubenswächter nicht für notwendig Gerichte einzuschalten.

Auch seine Anhänger in Nordirland lässt er ohne ein Wort der Missbilligung gewähren.

Katholiken liefern sich Straßenschlacht mit Polizei.
Belfast - Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel: Im Anschluss an einen Marsch des protestantischen Oranier-Ordens ist es am Donnerstag in einem katholisch geprägten Teil Belfasts zu Ausschreitungen gekommen. Dabei griffen irisch-katholische Extremisten im Bezirk Ardoyne die Bereitschaftspolizei an, indem sie ein brennendes Auto in Richtung der Beamten schoben, während andere mit Steinen und Flaschen warfen.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Gewissheiten.




Es gibt Phänomene, über die in der öffentlichen Darstellung fast Konsens herrscht.

Volksbefragungen = GUT!

Geburtenrückgang = SCHLECHT!

Patriotismus und Fahnenschwenken = GUT!

Hohe Scheidungsrate = SCHLECHT!

Hitze und Sonnenschein = GUT!

Hohe Benzinpreise = SCHLECHT!

Fußball-WM = GUT!

Mitgliederschwund bei den Kirchen = SCHLECHT!

Gewaltige Exportüberschüsse = GUT!

Großstädte werden zu Single-Hochburgen = SCHLECHT!

Superbillge Flugtickets = GUT!

Man könnte die Liste fortführen. Viele Themen haben eine entweder rein positive oder rein negative Berichterstattung.
Entweder ist das ein Zeichen von miesem Journalismus oder ich bin ein Außenseiter in gewaltiger Potenz! Zu allen Punkten vertrete ich die diametral entgegengesetzte Meinung!

Das Hauptproblem des Planeten Erde ist meiner Ansicht nach die massive homo-sapiens-Infektion. 7,056 Milliarden Stück gibt es davon augenblicklich. Tendenz stark steigend. Mit am dichtesten besiedelt ist Deutschland. Daß dieses Land eines Tages nur noch die Hälfte der Einwohner haben könnte, halte ich für eine feine Sache.
 Andere Nationen sind mit viel kleinerer Bevölkerungszahl hochzufrieden. 
Oder sind Schweden und Norweger deprimiert, weil sie so wenige sind?

Die Möglichkeit der Ehescheidung halte ich auch für eine grandiose Angelegenheit. Was für ein Fortschritt, daß insbesondere Frauen nicht mehr in einer Ehehölle ausharren müssen, in der sie verprügelt und unterdrückt werden.
 Über Jahrhunderte war das so, weil es gar keine Alternative gab.
Ich behaupte auch, daß es für Kinder viel besser ist, wenn sich die Eltern trennen, statt ständig Streit zu Hause erleben zu müssen. 

Es ist auch im Sinne der Ökologie und Nachhaltigkeit zu begrüßen, wenn Benzin- und Kerosinpreise so exorbitant hoch sind, daß die Menschen tatsächlich deutlich weniger Auto fahren und nicht andauernd Flugreisen unternehmen, um die Ozonschicht zu ruinieren und mit Hotelhochhäusern zugeballerte Orte wie Lloret de Mar zu generieren.

Und nun sprudeln mal wieder alarmistische Meldungen über die immer höhere Quote der Singlewohnungen durch die Presse.
Wie furchtbar!!
2011 lebte nur jeder siebte Kleinstädter allein, aber fast jeder dritte Großstädter. Je mehr Menschen sich also für das Stadtleben entscheiden, desto mehr Single-Haushalte gibt es. Sie sind unter anderem eine Begleiterscheinung des zunehmend urbanen Lebensstils.   […] So stieg die Zahl der großstädtischen Single-Haushalte bei den 35- bis 65-Jährigen im erhobenen Zeitraum sogar um 61 Prozent. Anders als bei den jungen Leuten ist dies kein urbanes Phänomen. Obwohl die Zahl und Quote der Single-Haushalte in den Kleinstädten insgesamt niedriger ausfällt als in den großen Städten, steigt sie dort in diesem Alterssegment ganz besonders rapide - um 73 Prozent in 20 Jahren. […]  Die Zahl der Ehen ist rückläufig, dafür hat sich die Zahl der allein lebenden Verheirateten innerhalb von 20 Jahren verdoppelt. […]  Nicht nur Verheiratete leben öfter allein als früher, auch die Zahl der Haushalte mit ledigen Singles ist von 1991 bis 2011 um 67 Prozent gestiegen; die Zahl der geschiedenen Singles stieg um 81 Prozent - nur die Zahl der Witwen sinkt beständig. Das neue Alleinsein ist keine Frage des Alters.

Diese Zahlen ergeben sich übrigens aus dem Mikrozensus, dessen Ergebnisse Patalong gerne so interpretieren würde, daß Singles unfreiwillig Singles sind, daß sie diesen Zustand gerne beenden würden und daß man sie bedauernd sollte.

Statistische Daten sind gar nicht so leicht zu deuten. 
Und man sollte ihnen bekanntlich nur trauen, wenn man sie persönlich gefälscht hat.

Bei der Datenerhebung haben die deutschen Behörden übrigens wie beim Meldegesetz oder der NSU-Analyse ihr großes Können gezeigt.

Ich zum Beispiel wurde gleich mehrfach gezählt. 
Hat mir aber nichts ausgemacht, da der „freiwillige Helfer“ mir die Fragebögen immer zugeschickt hat und ich allein nach Herzenslust dies und das ankreuzen konnte.
Dadurch war ich so geübt, daß ich auch noch die weiteren beiden Bögen ausfüllte und zurückschickte - sozusagen als Kompensation, weil bei anderen Gezählten gar keine Fragebögen ankamen. 

Briefe an verstorbene Hausbesitzer, leere Bescheide ohne Fragebogen: Die Antwort der schleswig-holsteinischen Landesregierung auf eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Werner Kalinka zeigt eine Reihe von Pannen bei der Volkszählung 2011 im Norden auf. […] Das Statistikamt Nord hatte für Hamburg und Schleswig-Holstein 50.000 Bescheide für die Gebäude- und Wohnungszählung verschickt. Allein in Schleswig-Holstein seien jedoch 26.000 von 32.000 nichtig, weil Fragebogen fehlten. Der Grund: menschliches Versagen beim Druckdienstleister.   Außerdem wurden Tote angeschrieben, weil die Anschriften der Hauseigentümer veraltet waren. Viele, die ihre Fragebögen online ausfüllten, bekamen erneut Post. Sie hatten ihre Bogen aus Versehen nicht verschickt, weil allein ein Ausdruck schon als Sendebeleg gewertet wurde.

Die Datengier hatte sich aber schon Monate vorher angekündigt, als das Statistikamt Nord massenhaft Menschen abmahnte endlich die Fragebögen auszufüllen, obwohl sie schon längst gezählt worden waren.
 Doppelt und dreifach hält eben besser.

Seit Tagen erreichen etwa sogenannte Erinnerungsschreiben ungerechtfertigt Gebäude- und Wohnungseigentümer, die ihre Daten bereits übermittelt hatten. Das Statistikamt Nord selbst meldete zuvor, dass schon 158 000 von 288 000 angeschriebene Hamburger Immobilienbesitzer ihrer Auskunftspflicht gegenüber dem Zensus nachgekommen waren. Dennoch verschickten die Erhebungsstellen 350 000 Mahnschreiben in Hamburg und Schleswig-Holstein. "Der Fehler lag im System", sagt Annette Olbrisch, Referatsleiterin der Hamburger Zensusstelle. […]Beispielsweise hatte der Hamburger Herbert Lühmann laut ausgedrucktem Internetprotokoll seine Daten bereits am 23. Mai um 14.52 Uhr erfolgreich übermittelt. Jetzt erhielt er trotzdem die Aufforderung, seine Angaben baldmöglichst zu machen. "Ich halte diese Arbeitsweise für absolut unglaublich", sagt er und mache sich ernsthaft Sorgen um seine Daten, "wenn das Statistikamt nicht mal in der Lage ist, die internen Vorgänge vernünftig zu koordinieren."
Diese Sorge treibe seit der vergangenen Woche viele Hamburger um, bestätigt Datenschützer Johannes Caspar. "Bei uns haben sich vor allem diejenigen gemeldet, die mehrere Fragebögen in einen Umschlag gesteckt haben und nun Mahnschreiben bekommen. Das war schon eine Menge, und hier muss man sagen, dass das nicht gut gelaufen ist."

„Nicht gut gelaufen“ - diese euphemistische Formulierung könnte man durchaus zum Motto erheben.

Dienstag, 10. Juli 2012

Gesundgeschrumpft!




Volksabstimmung, Volksabstimmung  - wie mich das nervt.
Wenn schon den Bundesverfassungsrichtern mit ihrem gesammelten Hochschul-Sachverstand die Köpfe über dem ESM-Schirm rauchen; wie sollte so eine Materie von Frau Puvogel auf der Straße entschieden werden?

Weltweit kann man beobachten, daß die Wähler aus Doofheit sogar gegen ihre eigenen Interessen wählen. So ist der US-White-Trash in den Trailerparks eine verlässliche Stütze der Republikanischen Partei und schaufelt die Milliarden damit zu den Superreichen.

Unter den dümmsten und ärmsten Deutschen rekrutiert die CDU ihre Stammwählerschaft.

Wie soll eine sinnvolle Volkswahl dann erst bei Themen funktionieren, die man tatsächlich am besten GEGEN kurzfristige nationale Interessen entscheiden sollte?

Der Urnenpöbel neigt eher zu Schwarmdummheit und daher bin ich froh, daß wir eine repräsentative Demokratie haben, in der professionelle Volksvertreter, die sich in die Materie einarbeiten, über schwierige Fragen entscheiden.

Natürlich würde es mir leichter fallen diese Überzeugung zu vertreten, wenn die Parlamentarier nicht fortgesetzt ihre totale Doofheit beweisen würden. 
Die Interviews von PANORAMA und anderen Politmagazinen, die im Plenum nach den simplen Eckpunkten von Gesetzen fragen (Welche EU-Länder haben eigentlich schon Geld aus dem Rettungsschirm bekommen, wie viel deutsches Geld ist in Griechenland?) und großes Rätselraten der Abgeordneten ernten, sind Legende.

Gerade haben sie es als brave Lobby-Erfüllungsgehilfen verstanden Benzinverbrauch und Klimazerstörung zu forcieren, indem sie schwere dicke deutsche PS-Protz-Autos als besonders umweltfreundlich einstufen ließen.

Triumpf für die Autolobby in Brüssel vermeldet SPON. 
Na, ob das nicht Elfriede Meier auf der Straße doch sinnvoller entscheiden hätte?

Die Hersteller schwerer Limousinen wie etwa BMW und Daimler sollen es künftig einfacher als die Hersteller leichter Kleinwagen haben, die neuen Klimaschutzvorgaben zu erfüllen.. […]
Das Ergebnis sei eine deutliche Erleichterung für die deutschen Oberklassehersteller wie BMW und Daimler, die große und schwere Limousinen produzieren. Als Gegner der Deutschen traten in Brüssel die Hersteller leichterer Kleinwagen wie Fiat, Toyota und Renault auf.

Und nun das neue Meldegesetz, über das die ganze Republik lacht:

 In 57 Sekunden hatte der Deutsche Bundestag mit den Stimmen der Regierungsfraktionen mal eben so auf Wunsch von ein paar Lobbyhörigen CSU- und FDP-Parlamentariern verfügt, daß Ortsämter zukünftig private Daten der Bürger verkaufen dürfen.

Dabei sind die Parlamentarier von CDU, FDP und CSU so unfassbar dämlich, daß sie gar nicht merken, welches Gesetz sie da verabschiedeten.

So löppt dat im Bundestag!

Von einem Datenschutzskandal ist jetzt die Rede, von einer "Nacht- und Nebel-Aktion" des Bundestages. Die Abgeordneten müssen Hohn und Spott über sich ergehen lassen.
 Für Außenstehende muss es tatsächlich merkwürdig wirken: Innerhalb von 57 Sekunden wird das Gesetz vermeintlich durchs Parlament gejagt. Die Reden dazu werden lediglich zu Protokoll gegeben. Die Redner sind während der Sitzung gar nicht anwesend - ihre Texte lediglich im schriftlichen Protokoll nachzulesen.

Es ist eine Sache sich mit Bundestagsparteien zu beschäftigen, die andere Meinungen vertreten, als die, die ich klug finde.

Aber diese sagenhafte UN-Professionalität, mit der insbesondere Merkels Laienschar durch das politische Theater stolpert, bereitet mir ernsthaft Kopfschmerzen.

Die derzeitige Form des Parlamentarismus in Deutschland scheint ungefähr so gut zu funktionieren wie der Verfassungsschutz. Wenn sich struktureller Informationsmangel und Arbeitsüberlastung sehr lieb haben, dann bekommen sie ein Kind namens Unprofessionalität.
Wir werden unprofessionell regiert in Zeiten, in denen handwerkliche Professionalität der absolute Mindeststandard sein müsste. […]
Nach Informationen von Abgeordnetenwatch soll Hans-Peter Uhl (CSU) die seltsamen Änderungen am Meldegesetz vorangetrieben haben. Uhl fordert hauptberuflich bei jeder Gelegenheit und auch zwischen den Gelegenheiten die Vorratsdatenspeicherung. Offenbar wird Uhl von einer großen Liebe zur Datenspeicherung um jeden Preis getrieben, vielleicht sollte er Archivierungskurse geben beim Verfassungsschutz.
[…] Die eingangs erwähnte, erschütternde Unprofessionalität der Regierung ist auch überdeutlich geworden, während sich das regierte Volk so einig ist wie niemals zuvor. Bei einer nicht repräsentativen Online-Umfrage von tagesschau.de haben sich von über 65.000 Teilnehmern unfassbare 99,1 Prozent gegen das Gesetz ausgesprochen.

Auch wenn ich es für falsch halte; es ist kein Wunder, daß mehr und mehr Desillusionierte ihre Parteibücher zurückgeben.

Ich fasse meins auch nur noch mit einer Kneifzange an, wenn ich an Deppen wie Nahles und Tierse denken muß.
Wäre ich Mitglied bei einer der Regierungsparteien, hätte ich mein Büchlein schon längst in einer Jauchegrube versenkt.

Offensichtlich haben viele Christdemokarten genau diesen Drang und so kann ich als Sozi stolz verkünden:

Wir sind nach vier Jahren wieder MITGLIEDERSTÄRKSTE PARTEI! Yes!

Internen Aufstellungen der Parteien zufolge hatte 
die SPD Ende Juni 483226 Mitglieder, die CDU 482951.

Korrekter müßte es heißen: Die SPD ist wieder die weniger mitgliederschwache Partei. 
Die Austrittsströme sind etwas langsamer als die in der CDU.
Daß die SPD in den 1970er Jahren allein in Westdeutschland mal über eine Million Mitglieder hatte, ist ohnehin kaum noch vorstellbar.

In den letzten zwei Monaten flohen 1.446 Mitglieder aus Merkels Partei, während „nur“ 1.156 Mitglieder aus der SPD austraten.

In der letzten bekannt gegebenen Statistik rangierten die Sozialdemokraten noch 15 Mitglieder hinter den Christdemokraten. 484397 Mitglieder hatte die CDU Ende April, die SPD kam nur auf 484382. […] Zu dem Erfolg hat auch der Triumph von Hannelore Kraft bei der Landtagswahl im Mai beigetragen. Nordrhein-Westfalen sei 'ein richtiger Schub' gewesen, heißt es im Willy-Brandt-Haus.
(SZ 10.07.12)

Das ist die moderne Dialektik à la Nahles und Co: 
Wenn in acht Woche über tausend Mitglieder aus der Partei austreten, wird das mit den Worten „Schub“, „Triumph“ und „Erfolg“ bewertet. 
Immerhin ist man wieder vor der CDU, die noch mehr Leute verlor.

Montag, 9. Juli 2012

Neues vom Kabinettsküken.




In Deutschland erblickten letztes Jahr 663.000 Neugeborene das Licht der Welt.
Das waren mal doppelt so viele vor 40 Jahren.
Dabei scheißen die konservativen Familienpolitiker doch Eltern geradezu mit Geld zu. Weswegen gebären die nicht mehr?
Kristina Schröder steht vor einem Rätsel. Lediglich ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen hatte es vor vier Jahren geschafft einen Anstieg in der Geburtenrate zu verkünden. Endlich mal eine Erfolgsmeldung.
Wie war ihr das gelungen?

Nun, ganz einfach: Sie hatte gelogen, daß sich die Balken bogen und als rauskam, daß die Geburtenrate in Wahrheit sogar gesunken war, tauchte die zweitbeliebteste Politikerin Deutschlands ab. 
Das Übliche eben.

Deutschland liegt seit vielen Jahren am Ende der Geburtenskala. Irland liegt mit 16 Geburten pro 1000 Einwohner in Europa ganz vorn, vor Frankreich(12), Großbritannien (12), Spanien (11), Schweden (10), Italien (9), Deutschland (8).   Deutschland gibt mit 195 Milliarden Euro in 2009 12 Milliarden mehr für die Förderung der Familie aus als 2005. Davon entfallen fünf Milliarden auf das Elterngeld. Diese Rechnung beinhaltet aber das Ehegattensplitting (Kosten: 20 Mrd. Euro im Jahr), das auch kinderlosen Ehepaaren zugutekommt. Von den 192 Milliarden sind 72 Milliarden rein „ehebezogen“.

Daß die Entscheidung Kinder zu bekommen nicht ausschließlich vom Geld abhängt, wollen CDU-Familienministerinnen nicht begreifen. 
Zig Milliarden werden als „Familienleistungen“an Menschen verteilt, die gar keine Kinder haben und/oder ohnehin Millionäre sind.

„Fälle“ mit Kind aber ohne Trauschein oder ohne Partner oder mit Partner aber dafür nicht heterosexuell, gelten in der Welt der von der Leyens und Schröders hingegen nicht als Familie.

Welche Maßnahmen tatsächlich zu einer höheren Geburtenrate führen könnten, ist mehr als offensichtlich:
Betreuungsangebote, Kitaplätze, Ganztagsschulen.

Aber um das umzusetzen, müßte Frau Schröder ja etwas tun und das hasst sie! 
Lieber winkt sie die Bildungsfernhalteprämie durch, die dafür sorgt, daß der Nachwuchs verblödet und die Prekariatler, die ohnehin keinen Job haben, sich vermehren.

„Mit der Herdprämie ist nicht nur mehr Geld im Haus, sondern immer auch ein Balg, das man zum Bierholen schicken kann.“
(Martin Kaysh)

Nein, sinnvolle Arbeit ist nicht so Kristina Schröders Ding.

Sie könnte sich zum Beispiel endlich darum kümmern ein Gesetz für Babyklappen auf den Weg zu bringen. 
Knapp 100 gibt es davon mittlerweile in Deutschland.
 Statt sein Baby auf dem Dachboden mumifizieren zu lassen, aus dem Fenster zu werfen, im Wald auszusetzen, in Blumenkübeln einzugraben, es in Tiefkühltruhen zu lagern oder einfach in den Müll zu werfen, scheint es Konsens zu sein, daß es irgendwie humaner ist Neugeborene in Krankenhäusern abzugeben.

Die Betreiber der Klappen operieren ohne klare gesetzliche Grundlage, seit vor zwölf Jahren die erste eröffnet wurde. Der Umgang mit den abgegebenen Kindern erscheint einigen Experten so undurchsichtig wie die Rechtslage.
Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat der Bundesregierung in einer Studie empfohlen, endlich einen eindeutigen gesetzlichen Rahmen für Babyklappen zu schaffen.
(SPIEGEL 09.07.12)

Naja, „Konsens“ ist vielleicht übertrieben. 
Schröders Ministerium findet Babyklappen bähbäh.

"Die Duldung von Babyklappen ist die Duldung rechtswidrigen Tuns." Neue Klappen sollten nicht mehr zugelassen, bestehende Einrichtungen nur unter strengen Auflagen geduldet werden.
Kinder, die in Babyklappen gefunden würden, seien künftig "unverzüglich" in die Obhut der Jugendämter zu geben, forderten die Fachreferenten. Bei Verstößen gegen solche "unverzichtbaren Mindestanforderungen" müssten die zuständigen Sozialbehörden der Länder "konsequent einschreiten". Andernfalls müsse vorsorglich "ein explizites Verbot von Babyklappen in das Gesetz aufgenommen werden".
(SPIEGEL 09.07.12)

Nun hat die Ministerin den Stecker gezogen und tut mal wieder so, als ob sie nicht dazu gehört. Ärger mit den Klappenbetreibern und Befürwortern scheut sie - also unternimmt sie gar nichts.

Rechtssicherheit? Interessiert Schröder doch nicht und mehr Klappen will sie ohnehin nicht.

Dafür hat Merkels Totalausfall des Bundeskabinetts eine ganz andere Spitzenidee entwickelt.
 Sie will dem „Koma-Saufen“ einen Riegel vorschieben, indem sie Jugendlichen unter 16 Jahren einfach grundsätzlich das Ausgehen verbieten will!

Laut der „BamS“ gibt es eine Vorlage des Schröder-Ministeriums, die sich bereits in der regierungsinternen Ressortabstimmung befindet.
 Demnach sollen öffentliche Veranstaltungen mit Alkoholausschank nach 20 Uhr für Jugendliche unter 16 Jahren ohne Begleitung eines Erziehungsberechtigten künftig untersagt sein. Auch zu Konzerten wie denen von Justin Bieber müssten Eltern also mit.

Ein genialer Plan. 
Und so ungeheuer durchdacht. 
Außerdem sehr praktikabel, denn in einem Land, in dem alle Kinder zwei von der Herdprämie zu Hause gefesselte Eltern haben, können die Kinder ja auch unter ständiger Obhut bleiben. 

Daß 16-Jährige frei draußen rumlaufen dürfen ist ohnehin ein Anachronismus aus den 68ern. 
Dieser ausufernde Liberalismus muß endlich abgeschafft werden.
 Dann gibt es auch keine Drogenproblematik, kein Komasaufen und keine Jugendkriminalität mehr.

Deutsche Kinder sollten vor der Volljährigkeit gar nicht mehr vom Gameboy und der Glotze getrennt werden dürfen. 

Wie man hört, soll diese sogenannte „frische Luft“ draußen auch die Lungenbläschen überanstrengen und dieses helle Sonnenlicht ist auch nicht gesund für Teenagerhaut!

Völlig unverständlich, daß diese linken Socken von der Süddeutschen nun schon wieder was zu meckern haben:

Der Vorschlag mag für manche Pädagogen und Verbotsverfechter verlockend klingen. Dennoch ist zu wünschen, dass er dort verschwindet, wo manch ähnlich unsinnige Idee bereits gelandet ist: im Papierkorb.
Denn es braucht wahrlich keine neuen Reglementierungen. Kein Jugendlicher lernt den vernünftigen Umgang mit Bier, Wein und Schnaps über noch mehr Verbote. Vorbilder können hier viel mehr bewirken. Eltern, die sich nicht ans Steuer setzen, wenn sie mal ein Glas zu viel getrunken haben. Lehrer, die Alkohol nicht verteufeln, aber die Gefahren auch nicht verharmlosen. Und Politiker, die nicht mit seltsam realitätsfernen Ideen in den Kampf gegen das Komasaufen ziehen.

So ein Unsinn.
Kristina Schröder hat hier in Wahrheit eine grandiose Idee nur noch nicht ganz zu Ende gedacht.

Das langfristige Ziel sollte es sein alle unter 21-Jährigen zu kasernieren.
 Die Insel Rügen zum Beispiel böte sich als Jugend-Ghetto an.
Dort könnte man dieses nervende junge Gemüse unter militärischer Aufsicht drillen und zu guten CDU-affinen Staatsbürgern formen.
Und wer würde sie schon vermissen in Restdeutschland?
Die Eltern könnten ihrer Arbeit nachgehen, bzw die Herdprämie verpulvern.
 Jugendliche nerven doch nur in der Öffentlichkeit, nehmen die Plätze in Bussen weg, lärmen auf der Straße und atmen einem die Luft weg. 
Jawohl!
Ich bin Frau Merkel wirklich dankbar, daß sie so vorausdenkende Minister das Land regieren lässt!