Als meine Mutter nicht mehr gut zu Fuß war, ging ich oft
mit ihr einkaufen und kutschierte sie. Dabei wurde es zum Running Gag, bei
kreischenden nervtötenden vorlauten Kindern zu fragen „so war ich doch
hoffentlich nicht in dem Alter?!“, um dann stets von ihr versichert zu bekommen
„Nein, mein Sohn!“
Ihr größtes Vergnügen war es stets, wenn jemand aus ihrer
Alterskohorte mit mir zu tun hatte und ihr später berichtete, wie „wohlerzogen“
ich geraten sei.
Lachend zog sie dann das Lob auf sich und erklärte, das
sei nicht das Ergebnis von Erziehungsmaßnahmen, sondern gelinge nur durch „vorleben“.
Ich halte das heute noch für die entscheidende Komponente
der kindlichen Prägung: Die Blagen gucken sich ihr Verhalten bei den Eltern ab.
In meinem Fall konnte das eine andere wichtige Komponente
meiner Erziehung überkompensieren: Konsequenz. Kinder sollten sich auf die
Ansagen ihrer Eltern verlassen und nicht alles ausdiskutieren können, so daß
sie am Ende mit jeder Spinnerei durchkommen und sich um Schwierigkeiten
drücken.
Das war leider gar keine Stärke meiner Mutter.
Es gab Zeiten, als mein Bruder und ich im Vorschulalter
ein Zimmer teilten, am Sonntag mit dem ersten Vogelgezwitscher aufwachten, nur um
im Streit um die Massen von Spielzeug so zu eskalieren, daß das gesamte Haus geweckt
wurde. Man ließ uns recht lange zanken, bis irgendwann meine Mutter
hereinrauschte, um gar Fürchterliches anzudrohen, wenn nicht sofort Ruhe sei.
Verbote, Absage von Geburtstagen, bzw Weihnachten, kein Taschengeld und
besonders beliebt: blumig ausgemalte Schilderungen, wie all unsere
Lieblingsspielzeuge – Lego und Playmobil hauptsächlich – in große Säcke gepackt
und für immer weggeworfen würden.
Ich erinnere mich an ein Gefühl der Peinlichkeit, weil es
wieder so weit gekommen war. Aber wir stritten am nächsten Tag weiter, weil uns
nie wirklich das Spielzeug weggenommen wurde. Das hatten wir Übeltäter, wenn
auch unbewußt, schnell begriffen: Die Drohungen gingen ins Leere. Muttern würde
sich bald beruhigt haben und dann war alles vergessen.
Ich weiß nicht, wie lange diese geschwisterliche Streitphase
dauerte und es lebt leider kein damals Erwachsener mehr, den ich fragen könnte.
Meine Mutter fand aber eine Lösung, die alle zufriedenstellte: Die Trennung;
ich zog aus und bekam mein eigenes Zimmer in einem anderen Stockwerk. In meiner
subjektiven Erinnerung haderte nie jemand damit. Wir spielten gar nicht mehr
zusammen, genossen die Abwesenheit des Geschwisters und entwickelten andere
Kulturen.
Mein Bruder behielt die etwa zehn Zentner Lego für sich,
die er zusammen mit allerlei anderem Müll auf dem Fußboden ausstreute. Ich rümpfte
die Nase und beschloss fortan pingelig ordentlich zu leben. Mein Zimmer sollte das
eines Erwachsenen sein und penibel sauber gehalten werden. Pfft, wer spielte
denn noch mit Lego? Das war nur was für Kleine.
Mit Erwachsenen funktioniert die Mischung aus Drohungen,
Inkonsequenz und räumlicher Trennung eher nicht so gut; egal wie schön man die
eigenen friedlichen Werte vorlebt. Bei Parteien, oder gar Staaten, kann
man solche Methoden gleich vergessen. Die wittern jede Schwäche und verhalten
sich nicht demokratisch-anständig, weil andere das auch praktizieren.
Oppositionsführer Merz verstieg sich gelegentlich im
Bundestag zu Drohungen und Ultimaten an Putin. Das ist so seine Art. Mit der
Hand auf den Tisch schlagen, die Phonstärke erhöhen und ex cathedra loszulegen „wenn
ihr nicht sofort xy macht, nehme ich euch alle Legosteine weg!“
Aber nicht nur, nimmt er die Legosteine nie wirklich weg;
er leugnet auch noch, jemals damit gedroht zu haben, wenn er auf seine
politisch maximalen Dümmlichkeiten angesprochen wird.
[….] „Flip-Flop-Merz“ [….] Friedrich
Merz behauptet, Russland nie ein Ultimatum gestellt zu haben – obwohl das
Bundestagsprotokoll und diverse Videos das Gegenteil beweisen. Es ist nicht das
erste Mal, dass der CDU-Chef innerhalb kürzester Zeit seine Meinung ändert.
[….] Olaf Scholz wurde sehr deutlich. „Friedrich Merz will der Nuklearmacht
Russland ein Ultimatum stellen“, sagte der Bundeskanzler in seiner Rede bei der
„Wahlsiegkonferenz“ der SPD am vergangenen Samstag. Wenn Putin nicht tue, was
Deutschland will, dann werde nach 24 Stunden mit deutschen Marschflugkörpern
weit nach Russland hineingeschossen. So habe es der CDU-Kanzlerkandidat
angekündigt. „Ich kann da nur sagen: Vorsicht! Mit der Sicherheit Deutschlands
spielt man nicht Russisch-Roulette!“, mahnte Scholz.
Die Empörung bei Friedrich
Merz war groß. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt dem russischen Präsidenten ein
Ultimatum gestellt“, sagte der Vorsitzende und Kanzlerkandidat der CDU am
Dienstag vor einer Fraktionssitzung im Bundestag. Dass das nicht stimmt, lässt
sich jedoch leicht beweisen. So vermerkt das Bundestagsprotokoll in einer Rede
von Merz als Antwort auf die Regierungserklärung von Scholz am 16. Oktober:
„Wenn er (Putin, Anm.d.Red.) nicht innerhalb von 24 Stunden aufhört, die
Zivilbevölkerung in der Ukraine zu bombardieren, dann müssen aus der
Bundesrepublik auch Taurus-Marschflugkörper geliefert werden, um die
Nachschubwege zu zerstören, die dieses Regime nutzt, um die Zivilbevölkerung in
der Ukraine zu schädigen und zu bombardieren.“ Etwas später in seiner Rede
forderte Merz Scholz auf, seine „Angst vor Putin“ zu überwinden.
Aus der SPD erntete der
CDU-Chef für sein Manöver scharfe Kritik. „Merz wechselt im zentralen Feld der
Außenpolitik seine Meinung wie andere ihre Hemden“, schrieb der außenpolitische
Sprecher der Bundestagsfraktion, Nils Schmid, am Mittwoch auf X und bezeichnete
den Unionskanzlerkandidaten als „Flip-Flop-Merz“. Deutsche Außenpolitik brauche
„Beständigkeit, Nervenstärke und Besonnenheit – gerade in schwierigen Zeiten“.
Die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion Katja Mast
bezeichnete Merz‘ Verhalten am Mittwoch als „total unberechenbar“. Das häufige
Wechseln seiner Meinung zeige, „dass Merz nichts zu Ende bringt“.
Das Hin und Her in der
Ultimatumsfrage ist nur eines von mehreren Beispielen, in denen Friedrich Merz
seine Position innerhalb kürzester Zeit geändert hat. Zu Beginn des Jahres
hielt er der damaligen Ampel-Regierung im Bundestag klar entgegen: „Ich schließe
eine Zustimmung meiner Fraktion zu einer Aufweichung der Schuldenbremse heute
von dieser Stelle erneut aus. Damit können Sie nicht rechnen.“ Knapp zehn
Monate später, Mitte November, bezeichnete er bei einer Veranstaltung der
„Süddeutschen Zeitung“ Veränderungen an der Schuldenbremse dagegen als ein
technisches Thema. „Selbstverständlich kann man das reformieren“, sagte Merz
auf Nachfrage. Die Frage sei nur, wozu. Schließlich musste CDU-Generalsekretär
Carsten Linnemann seinen Chef einfangen. Seine Partei stehe ohne Wenn und Aber
zur Schuldenbremse, teilte er mit.
Ähnlich flexibel zeigte
sich Friedrich Merz zuletzt beim „Deutschlandticket“. „Killt Friedrich Merz das
Deutschlandticket?“, fragte noch am 13. November „Spiegel online“. [….] Drei
Tage später, am 16. November, dann die Kehrtwende. „Das Deutschlandticket ist
finanziert für das Jahr 2025“, teilte Friedrich Merz nach einer Sitzung der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit. [….] Und auch als Mitte November eine
fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten einen Antrag vorstellte, um den
Abbruch von Schwangerschaften zu legalisieren, zeigte sich Friedrich Merz
zunächst erbost. „Ich bin wirklich entsetzt darüber, dass derselbe Bundeskanzler,
der immer wieder vom Zusammenhalt, vom Unterhaken und von Gemeinsinn spricht,
mit auf der Liste dieses Gruppenantrages mit seiner Unterschrift erscheint“,
schimpfte der CDU-Chef. Die Streichung
von Paragraf 218 aus dem Strafgesetzbuch bezeichnete Merz als Thema, „das wie
kein zweites das Land polarisiert, das wie kein zweites geeignet ist, einen
völlig unnötigen weiteren gesellschaftspolitischen Großkonflikt in Deutschland
auszulösen“. Doch auch hier hielt Merz‘ Meinung gerade einmal zwei Wochen.
„Natürlich kann man sich nach so vielen Jahren noch einmal neu mit dem Thema
beschäftigen“, sagte Merz am 30. November gegenüber den „Stuttgarter
Nachrichten“. [….]
(Kai Doering · 4. Dezember 2024)
Es sind die grundlegendsten Merz-Charakteristika:
Unkenntnis, verbal lospoltern, ohne die Konsequenzen abzusehen, 180°-Wenden und
Leugnung.
Deswegen durfte Merz auch niemals Bundeskanzler werden.
Einen Oppositionsführer kann man nämlich international
ignorieren. Den Regierungschef nicht. Merz kann aber nicht nicht Merz
sein und so poltert er immer weiter. Aber nun schüttelt man nicht nur in den deutschen
Parlamentsredaktionen den Kopf über so viel Dämlichkeit. Jetzt
wird Merz international ausgelacht.
[….] Das Vorhaben, Donald
Trump für neue Sanktionen gegen Putin mit an Bord zu holen, geht nicht auf! Nun
stehen Kanzler Friedrich Merz und die übrigen Staats- und Regierungschef der
europäischen „Koalition der Willigen“ mit ihrem geplatzten Ultimatum an den Kreml
blamiert da.
Laut einem Bericht der „New
York Times“ hat Trump ganz andere Pläne. Sicherheitspolitik-Experte Carlo
Masala zieht ein bitteres Fazit für Merz.
Wie das US-Blatt unter
Berufung auf Insider aus dem Weißen Haus berichtet, soll Trump am Montag
angedeutet haben, dass er seine Vermittlungsbemühungen im Ukraine-Krieg
zurückfahren will. Mehr noch: Er distanziert sich von den Europäern, die
gemeinsam mit den USA neue Sanktionen beschließen wollten, um den Druck auf
Putin deutlich zu erhöhen.
Offenbar verfolgt Trump
eigene wirtschaftliche Interessen mit Russland, wie die „New York Times“ weiter
schreibt. Er will scheinbar den Handel zwischen den beiden Ländern
intensivieren. Die europäischen NATO-Staaten stehen nun ziemlich alleine gegen
Putin. Kein Waffenstillstand in der Ukraine, kein verbindlicher Zeitplan für
Friedensgespräche, kein erhöhter Druck auf Putin und dazu noch Trumps Drohung,
aus den Vermittlungen auszusteigen. [….]
(Marcel Görmann, der Westen, 28.05.2025)
Willkommen in der Realität, Herr Merz. Es konnte ja
keiner ahnen, daß Regieren ein bißchen anspruchsvoller ist, als im Bundestag
ohne Verantwortung konsequenzenlos Maximalforderungen zu postulieren. Unglücklicherweise
ist Merz völlig erkenntnis- und beratungsresistent. Und so irrlichtert er
weiter mit markigen Ansagen durch die Weltpolitik, die er allesamt
nicht einhalten kann.
[….] Das neue
Kommunikationskonzept des Bundeskanzlers vis-à-vis Russland – die „strategische
Ambiguität“ – mag durchaus Vorteile haben. Inzwischen kann man allerdings den
Eindruck bekommen, dass Friedrich Merz sich selbst in seiner Uneindeutigkeit
verläuft. Das war schon vor knapp drei Wochen in Kiew so, als er Russland
ultimativ zu einem Waffenstillstand aufgefordert hat, was Moskau seither mit
Raketengewittern auf die Ukraine beantwortet. Die von Merz angedrohten
„massiven“ neuen Sanktionen sind jedoch bis heute ausgeblieben. Warum hat er
sie dann angekündigt?
Ähnlich verwirrend war nun
die Aussage des Kanzlers dazu, dass die westlichen Verbündeten der ukrainischen
Armee keine Vorgaben dazu mehr machen, wie weit nach Russland hinein sie mit
den gelieferten Waffen schießen darf. Was meint der Kanzler damit? [….] Merz
neigt offenbar zu unbedachten, zuweilen etwas markigen Worten, die entschlossen
klingen. Als Bundeskanzler sollte er aber eher darauf bedacht sein, dass die
Welt ihn ernst nehmen kann. [….]
(Hubert Wetzel, 27.05.2025)
Man kann sich nur schämen für diesen Tölpel im
Kanzleramt.
[….] Was waren das wieder für kraftvolle
Bilder. Seite an Seite schritten Friedrich Merz, Keir Starmer, Donald Tusk und
Emmanuel Macron durch Kyjiw. Gemeinsam mit Wolodymyr Selenskyj gedachten sie
gefallener ukrainischer Soldaten. Im Gepäck hatten die europäischen
Regierungschefs ein Versprechen: Entweder Russland stimme einem
Waffenstillstand zu – oder man verhänge »massive« neue Sanktionen. Und zwar
gemeinsam mit den USA. Keine drei
Wochen später ist der Bluff endgültig aufgeflogen. Am Wochenende befahl
Wladimir Putin die heftigsten Angriffe seit Kriegsbeginn. Hunderte Drohnen
gingen auf ukrainische Städte nieder. Allein am Sonntag starben mindestens
zwölf Menschen.
Und die angedrohten
»massiven« Sanktionen? Gibt es bis heute nicht.
US-Präsident Donald Trump
schimpft zwar über den »absolut verrückten« Putin. Ansonsten fasst er den
Kremlherrscher aber weiter mit Samthandschuhen an. Und die Europäer haben ohne
Trump bisher nicht mehr als ein dürres Sanktionspaketchen zustande gebracht,
das sie ohnehin verabschiedet hätten. [….] Aber das bange Hoffen auf
einen Sinneswandel im Weißen Haus ersetzt keine eigene Strategie. Von leeren
Drohungen lässt Wladimir Putin sich nicht beeindrucken. Und wenn er Schwäche
wittert, schlägt er umso härter zu. Seine Armee setzt bereits zur Sommeroffensive
an. […]
(Steffen Lüdke, 27.05.2025)
Trump und Putin sind ganz offensichtlich mehrere Nummern
zu groß für den vorlauten Sauerländer, der nach drei Wochen Kanzlerschaft schon
am Ende mit seinem außenpolitischen Latein ist.
[….] Volle Breitseite gegen
den Kanzler
Bundeskanzler Merz schlägt
härtere Töne gegenüber Moskau an. Das russische Regime reagiert mit
Goebbels-Vergleichen – und nutzt Merz’ missglückte Aussagen zu
Waffenreichweiten, um weiter Stimmung gegen Deutschland zu machen. [….]
(Christina Hebel, Spon, 29.05.2025)
Merz kann es einfach nicht, Er ist der falsche Mann für
den Job. Selbst seine starken Fürsprecher geraten bereits ins Grübeln.
[….] Es lässt sich langsam
ein Muster der neuen Regierung erkennen: Vor der Wahl Großes ankündigen, das
dann später kleinlaut zurückgenommen wird; so war es bei der Schuldenbremse und
auch bei der Lieferung des Taurus. Erwartungen aufbauen, dann abräumen. Als
wäre alles nur ein Zauber gewesen.
Es bleibt die Frage, ob
diese neue Flexibilität tatsächlich eine Tugend ist – oder nur das alte
Durchwursteln in neuem Gewand. [….]
(Sabine Rennefanz, 29.05.2025)