Samstag, 3. Februar 2024

Gelb gegen Wand

Es fällt mir schon schwer, mich in das Christian-Lindner-Mindset reinzudenken. Dieses völlig grundlose Selbstbewußtsein. Diese kontrafaktische Überzeugung von der eigenen Kompetenz. Dieser fahrlässige ökonomische Gottkomplex. Die aberwitzige Idee, ohne jede Erfahrung in einem Regierungsamt, ohne jemals auch nur Landrat oder kommunaler Kämmerer gewesen zu sein, Finanzminister der fünftgrößten Ökonomie der Welt sein zu können. Diese ungeheuerliche Anmaßung, sich als Unternehmensexperte zu begreifen, wenn die eigene Erfahrung des diametrale Gegenteil lehrt: Zwei Lindnerische Unternehmensgründungen, die er mit sicherem Griff ins Klo binnen kürzester Zeit in den finanziellen Orkus steuerte und Millionenschulden dem Steuerzahler aufbürdete. Dieser offenkundige Wahnsinn, sich vor einem Mob aus wütenden Bauern, als einer der ihren zu inszenieren, weil seine Frau einmal auf einem Pferd ritt. 

Normal ist das sicher nicht. Lindner, der schon mit 18 und Kuhkrawatte loszog, um Firmeninhaber zu beraten, fühlt sich ganz offenkundig zum Chef geboren. Der Psychologe Jürgen Hesse erläutert:

[….] SPIEGEL: Herr Hesse, für Sie sind Chefs Narzissten. Egomanen. Tyrannische Sadisten. Abgedrehte Neurotiker. Rechthaberische Dauernörgler, kommunikationsgestörte Despoten, notorische Miesepeter mit Kontrollzwang und Verfolgungswahn. Sind wir wirklich von Irren umgeben?

Hesse: Salopp gesagt: Mindestens die Hälfte ist leicht irre, es gibt aber auch schwere Fälle. Ein großer Teil der mit Personalverantwortung betrauten Menschen ist dafür schlicht nicht geeignet. Rund 44 Prozent der Arbeitnehmenden haben Angst, Probleme mit dem Chef oder der Chefin zu besprechen. Schon das spricht Bände.

SPIEGEL: Ist das ein strukturelles, ein moralisches oder gar ein medizinisches Problem?

Hesse: Alles drei. In den ganz schlimmen Fällen, wenn es ins Psychisch-Pathologische geht, auch medizinisch. Aber vor allem ist es ein gesellschaftliches Problem, dass Leute, die Macht über andere bekommen, glauben: Das sind jetzt meine Untergebenen, also haben die zu parieren. [….]

(SPON, 06.07.2022)

Dieser finanziell und ökonomisch stets nur gescheiterte Porsche-Boy, beharrt als Finanzminister auch noch auf einer, in jedem Land, zu jeder Zeit, gescheiterten Finanzpolitik der Wachstumsbremse.

(…..) In ihrem Wahn, Deutschland (und damit auch Rot/Grün) schwer zu schaden, trommeln CDU, CSU und FDP wie besessen für eine deutsche Wachstumsbremse.

Merz ist dabei nur dumm und unpatriotisch, verfolgt aber das parteipolitisch erklärbare Ziel, mit einem möglichst starken ökonomischen Niedergang Deutschlands, den Kanzler so unbeliebt zu machen, daß seine CDU möglichst bald wieder selbst den Kanzler stellt.

Möglicherweise ist der ausländerfeindliche AfD-Fan damit tatsächlich erfolgreich und kann sich zum nächsten Regierungschef aufschwingen. Aber es wäre ein sehr kurzfristiger Sieg, da sich durch jetzt blockierte Lösung, Probleme in der Zukunft nur vergrößern.

Lindner ist wie sein fliegender Hochzeitsfreund ebenfalls dumm und unpatriotisch; dazu aber auch noch parteitaktisch verwirrt. Der private und politische Mega-Pleitier Lindner vergisst nämlich bei seiner Fundamentaloppositionsarbeit, daß er Teil der Regierung ist und bei einer Implosion der Ampel kaum als strahlender Sieger daraus hervorgehen wird, sondern eher in der Apo landet, während Merz eine Kanzler-Kooperation mit Weidel eingeht. Lindners einzige Machtoption ist es, zum Gelingen der Ampel und zur erfolgreichen Reform Deutschlands beizutragen. Unglücklicherweise ist er zu borniert und zu arrogant, um das zu begreifen; blockiert lieber beides.

[….]  Immer heißt es, der Staat dürfe künftigen Generationen keinen Berg an offenen Krediten hinterlassen. Doch, darf er. Besser jedenfalls als kaputte Brücken, marode Schulen und lahmes Internet.

Disziplin gilt als Tugend, schon klar. Wer sich selbst und andere mäßigt, zur Ordnung ruft, bisweilen gar kasteit, der gilt als beherrscht, vernünftig, sparsam. So einem Menschen kann man sein Geld anvertrauen. Oder gar einen ganzen Bundeshaushalt.

Christian Lindner eifert dieser Tugend nach wie kein Zweiter. Eine restriktive Haushaltsplanung geht für ihn über alles, die Schuldenbremse scheint ein Wert an sich zu sein. Sie wieder und wieder auszusetzen, empfände er nach eigenen Worten als "finanzpolitische Kapitulation". Für 2024 erneut eine Notlage auszurufen, zum dann schon fünften Mal in Folge, kommt für ihn nicht infrage. Er will die Schuldenbremse endlich wieder einhalten. Doch das wäre ein großer Fehler.

In diesem Fall würde wirklich eine Kapitulation drohen, und zwar eine wirtschaftspolitische. Die deutsche Wirtschaft läuft Gefahr zu schrumpfen, auch als Folge von zwei Kriegen, die Energiekosten sind und bleiben hoch, die Klimakrise zwingt die Regierung zum überfälligen Umbau des Landes hin zu Klimaneutralität. Da spart man nicht. Man investiert.

Deutschland kann sich das leisten: Die Schuldenquote des Staates betrug im vergangenen Jahr 66,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; geringer war sie in keinem Land der G7. […..]

(Vivien Timmler, SZ, 29.11.2023)

Möglicherweise versteht Lindner wirklich rein gar nichts von Volkswirtschaft und hält sich wegen seiner ideologischen Erstarrung an gescheiterten Konzepten der 1990er fest. Möglicherweise führt er aber auch Deutschland sehenden Auges ins Verderben, weil er weiß wie populär die Schuldenbremse beim verblödeten Urnenpöbel ist. (….)

(Mehr Schulden, 29.11.2023)

Das Ende der „Schuldenbremse“ wird von Rot, Grün und Links schon lange gefordert. Die ihm innewohnende Destruktivität und parteipolitische Brille, lässt Lindner wie einen wütenden Stier auf so ein Ansinnen losrennen. Was Kühnert oder Mützenich oder Habeck vertreten, hält der Finanzminister prinzipiell für falsch; ganz egal worum es sich konkret handelt.

Da Lindner sich schon mit 18 Jahren in ein Paralleluniversum mit Lindnerischen Alternativ-Fakten verabschiedete, ignoriert er finanzpolitische Stellungnahmen von Menschen, die im Gegensatz zu ihm Experten sind.

[….] Zweifel an der Schuldenbremse wachsen

Verteidigung, Klimaschutz, Infrastruktur: Politik und Experten sehen großen Investitionsbedarf in Deutschland. Doch nicht nur das Urteil des Bundesverfassungsgerichts weckt Zweifel, ob das mit der Schuldenbremse geht. Die Kritik an der Regelung nimmt zu. [….] Als „zukunftsfeindlich“ bezeichnete der Ökonom Peter Bofinger von der Universität Würzburg die Schuldenbremse. Man könne sehen, wie die Bremse „in unsere Zukunftsgestaltung einschneidet“. Als Beispiele nannte Bofinger notwendige Investitionen in Bahnmodernisierung, Gebäudesanierung und Halbleiterfabriken. Die Ausnahmeregel von der Schuldenbremse könne man wohl nur bei konkreten Krisen ziehen, nicht bei längerfristigen Entwicklungen wie dem Klimawandel.

Jens Südekum, Ökonomie-Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, sagte: Durch das Urteil aus Karlsruhe sei die „Schuldenbremse maximal scharf gestellt“. Es werde jetzt die Frage sein, „ob sie der Realität überhaupt standhält“.

Der Forscher stellte die Frage, ob diese Schuldenbremse „einfach nicht mehr in diese Zeit passt, wo wir diese riesigen Herausforderungen vor uns haben, gerade im investiven Bereich“. Deutschland sei zudem „nie exzessiv verschuldet“ gewesen, sagte Südekum. Die Schuldenquote sei im internationalen Vergleich „sehr niedrig“. Die Verschuldung in den USA, Großbritannien und anderen Staaten sei wesentlich höher.  [….]

(Deutschlandfunk, 02.02.2024)

Es ist doch offensichtlich; Deutschland hat einen vergleichsweise niedrigen Schuldenstand und schrumpft als einzige der großen Volkswirtschaften, weil die Investitionen ausbleiben.

Lindner ist das größte Risiko für den Standort Deutschlands.

[….] Lindner macht Haushaltspolitik gegen alle Lehrbücher

[….] Es wird wieder einmal einsam um Christian Lindner, jetzt, da auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sich für eine Lockerung der Schuldenbremse ausgesprochen hat. Die Kehrtwende der sogenannten Wirtschaftsweisen ist durchaus bemerkenswert, denn das Professorengremium hatte lange zu den emsigsten Verteidigern der im Grundgesetz verankerten Kreditobergrenze gehört. Dass man nun einer Reform das Wort redet, war nicht unbedingt zu erwarten. Der Druck auf den Bundesfinanzminister, aber auch auf die Union, ihre Nibelungentreue zu einer allgemein als unzulänglich erachteten Regel aufzugeben, wächst damit weiter. [….] Die geltende Regel ist angesichts der massiven Herausforderungen zu starr, zu dogmatisch, zu kleinkariert. Allein der klimagerechte Umbau des Landes bis 2045 wird einen Billionenbetrag kosten. Zugleich müssen Schulen saniert, die Forschung ausgebaut, Glasfaserkabel bis in die hintersten Winkel der Republik verlegt sowie das Mobilfunk- und das Schienennetz, Straßen und Brücken, Streitkräfte und Waffenarsenal technologisch auf Stand gebracht werden. Andernfalls riskiert Deutschland seinen Wohlstand und seine Sicherheit. [….] Wer die Schuldenbremse lockern will, muss in dieser Frage unverdächtig sein. Mützenich und seine Getreuen darf Lindner deshalb getrost ignorieren. Den Sachverständigenrat aber nicht.  [….]

(Claus Hulverscheidt, 31.01.2024)

Freitag, 2. Februar 2024

Ampel versus Rüben-RAF

Für meinen Geschmack war es schwer erträglich, wie servil Politiker aller Parteien auf das Geschrei einiger hundert hochsubventionierter Trecker-Besitzer reagierten, obschon diese mit Rechtsradikalen marschierten und beispielsweise mit ihrem physischen Überfall auf den Vizekanzler bei Schlüttsiel ihre undemokratische Gesinnung offenbarten.

Die Gülle-Gauner agieren unverantwortlich, egoistisch und gefährlich.

[…..] Mit Baumstämmen und Misthaufen: Erneut versammelten sich protestierende Bauern und blockierten stundenlang eine Autobahn bei Braunschweig in Niedersachsen. Die Polizei verurteilte die Aktion aufs Schärfste.

Nach Angaben der Polizei waren etwa 60 Demonstranten mit 40 Traktoren und anderen Fahrzeugen an der unangemeldeten Aktion auf der A2 beteiligt. Die Beamten sprachen von einer ihnen bislang unbekannten „neuen Art des Protests“.

Die Landwirte kippten laut Polizei am Freitagmorgen gegen 5.30 Uhr außer Baumstämmen sowie größeren Mistmengen auch Autoreifen auf die Autobahn, die daraufhin in Richtung Hannover gesperrt werden musste. Es bildete sich ein kilometerlanger Rückstau. Nach dreieinhalb Stunden verließen die Bauern, deren Verhalten von den Beamten als „unkooperativ“ beschrieben wurde, die Blockade zwar. Sie ließen die abgeladenen Gegenstände aber zurück. Wie die Polizei mitteilte, blieb die Autobahn daher „aufgrund notwendiger Reinigungsarbeiten“ zunächst weiter gesperrt. […..] Die Polizei kritisierte die Aktion scharf. „Mit der Blockade der A2 wurde eine Grenze überschritten“, erklärte der Leiter der Abteilung Einsatz der Polizeiinspektion Braunschweig, Jörn Paulsen. Es handele sich um Straftaten, die andere Menschen gefährdeten. Die Polizei verwies auf die Gefahr lebensgefährlicher Unfälle in Folge der Autobahn-Blockade. […..]

(dpa, 02.02.2024)

Man stelle sich vor, die LG oder FFF würden sich auch nur ansatzweise so rabiat und asozial benehmen. Aber die enorm mächtigen und finanzstarken Agrar-Lobbyisten wissen insbesondere FWCDUCSUAFDP auf ihrer Seite.

Merzens kleiner Homunculus, der rechtsbraune CDU-Wadenbeißer Linnemann, schoss den Vogel der Bigotterie ab.

[….] In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ mit Moderator Louis Klamroth am Montagabend fällt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann ein Antrag seiner Fraktion im Deutschen Bundestag aus dem vergangenen Jahr auf die Füße.

Die Unionsfraktion hatte damals gefordert, Straßenblockaden etwa von Klimaaktivisten härter zu bestrafen. Aus dem Antrag zitiert Klamroth bei „Hart aber fair“: „Täter sollen härter bestraft werden, die eine große Zahl von Menschen durch ihre Blockaden nötigen. Etwa dann, wenn es durch die Blockaden im Berufsverkehr zu langen Staus kommt.“

Bei Linnemann hakt Klamroth nun nach: „Verstehe ich das richtig? Sie wollen, dass Landwirte härter bestraft werden, wenn sie unangemeldet Häfen blockieren wie heute in Hamburg?“

Bevor er seine Antwort gibt, verengen sich Linnemanns Augen fast zu einem Schlitz, er beugt sich nach vorne und verdeutlicht zu dem Antrag von damals: „Da ging es um die Klimakleber.“ Gelächter im Publikum.   […..]

(NOZ, 30.01.2024)

Die Hamburger Polizei leitete 13 Ermittlungsverfahren gegen „renitente“ Blockade-Bauern ein.

Während die CDU weiter felsenfest an der Seite ihres Parteimitgliedes Joachim Rukwied steht, scheint sich in der Presse der Wind ein bißchen zu drehen. Endlich.

[…..] Wertschätzung fordern sie, die es zulassen, dass in ihren Reihen in verachtenswerter Weise Galgen aufgestellt werden – wahlweise mit Ampeln oder Strohpuppen dran. Und kann jemand wirklich Wertschätzung erwarten, der seit Wochen mit riesigen Maschinen (angetrieben durch subventionierten Agrardiesel) die Städte verstopft und mit Maximalforderungen versucht, die Regierung zu erpressen? Bauernpräsident Joachim Rukwied, dem es offensichtlich um eine persönliche Machtprobe geht, droht unverhohlen: „Wenn sich nichts verändert, dann kommt es möglicherweise zur Eruption.“

[…..] Wo ist die Verhältnismäßigkeit, auf Straßen festgeklebte Klima-Protestler in die Nähe von Terroristen zu rücken und den Trecker-Rambos ihre Machtspielchen durchgehen zu lassen? Richtig, wenn die Sympathie für die maßlosen Bauern-Proteste jetzt sinkt. […..]

 (Frank Wieding, 29.01.2024)

Die Demos gegen Rechts bringen die tausendfache Anzahl Menschen auf die Straße. Ihre Forderungen werden aber von Regierung und Opposition gleichermaßen ignoriert. Es geschieht das Gegenteil dessen, was die Millionen fordern: SPD, Grüne, FDP, CDU, CSU, BSW und FW eifern der AfD nach, verschärfen ihren Kurs gegen Menschen immer mehr.

Sind aber nur ein Promille der Menschen in Treckern unterwegs, unterbieten sich die Konservativen, um in jeden analen Ausgang zu kriechen, der nach Gülle riecht.

Da ist es immerhin ein kleines Zeichen der Hoffnung, daß sich die Ampelaner nicht auf ganzer Linie erpressen ließen und die moderaten Kürzungen der Agrardiesel-Subventionen nicht aufgaben. Die Lobby-hörigen Gummirücken der CDU-Landesfürsten hingegen, trauten sich heute nicht, dem rechtsradikalen Treckermob zu widerstehen.

[….]  Der Bundestag hat den Haushalt für das laufende Jahr beschlossen. […..] SPD, Grüne und FDP verständigten sich auf ein Sparprogramm, das unter anderem eine höhere Ticketsteuer für Passagierflüge und die  beinhaltet. Wie es genau mit den Agrardiesel-Subventionen weitergeht, blieb heute allerdings noch offen. Die Unionsländer haben völlig überraschend nicht zugestimmt, dass über das Gesetz zum Streichen der Agrardiesel-Subventionen heute im Bundesrat abgestimmt wird. Dies wäre nämlich nur gegangen, wenn das parlamentarische Verfahren verkürzt würde und dem wiederum müssten die Länder zustimmen. Für den allgemeinen Haushalt haben die Unionsländer das gemacht, aber eben nicht für das Haushaltsfinanzierungsgesetz und darin geht es unter anderem um die Agrardiesel-Zuschüsse. […..]

(NDR, 02.02.2024)

Und genau deswegen, lieber Urnenpöbel, darf man nicht auf Neuwahlen hoffen oder CDUCSUFWAfD unterstützen, sondern muss weiter der Ampel die Daumen drücken.

Donnerstag, 1. Februar 2024

Woelki – jetzt noch doofer.

Das mit dem Atheismus ist so überzeugend, daß ich nicht verstehe, wie irgendjemand kein Atheist sein kann. Die Definition eines Gottes als gütiges und gleichzeitig allmächtiges Wesen ist in sich paradox.

Die Existenz Auschwitz‘ hat die Nichtexistenz Gottes bewiesen.

So wenig man positiv Gott beweisen kann, so einfach ist es herzuleiten, daß ein Gott nicht existieren kann. Die Logik gebietet es.

Da aber für religiöse Überzeugungen allgemeine Verblödung oder eine Inselverarmung notwendig ist, schlucken die Gläubigen bereitwillig auch jede andere hanebüchene Paradoxie.

So tötet Gott nach christlichem Glauben alle erstgeborene ägyptischen Kinder -  "Die Ägypter sollen erkennen, dass ich der HERR bin." (Ex 14,18)

Seine Gläubigen jubeln begeistert über diesen Genozid. Später tanzen sie vor Freude, als der Himmelsfürst alle Soldaten massakriert. Gott ist schließlich Liebe.

So steht es in der Bibel.

[…..] Der Siegesjubel über das Ende des Todes wird erklingen. In der Freude der Osternacht scheint es verständlich, dass in fast jeder vierten katholischen Gemeinde die eigentlich verpflichtende alttestamentliche Lesung über das sogenannte Schilfmeerwunder lieber ausgelassen wird, obwohl die Teilung des Meeres eine der bekanntesten biblischen Texte ist. In ihm wird Gott als Krieger glorifiziert. Die Ägypter sind seine Opfer, die am Ende tot am Ufer liegen, und Mose singt mit den Israeliten ein Loblied über diese Gewaltszenerie. Um sein Volk zu retten, wird Gott zur gewalttätigen Todesmacht gegen Ägypten.   […..]

(Katholisch.de, 31.03.2018)

Und das war fast nichts. Zuvor hatte Gott schon während der Sintflut fast seine gesamte Schöpfung ertränkt.

Christen bestreiten diese zutiefst mordlustige und sadistische Seite Gottes gar nicht. Er hätte nun mal strafen müssen, weil die Menschen böse/Sünder/ungläubig waren.

Dieses „Böse“ schuf er allerdings nicht selbst. Dafür ist allein Satan verantwortlich, der allerdings auch eine Schöpfung Gottes ist.

I am not impressed. Statt die gesamte Erden-Fauna auszurotten, wäre es doch gütiger, einfach Satan zu töten.

Wenn Gott Satan nicht töten kann, ist er nicht allmächtig und damit kein Gott.

Wenn Gott Satan töten kann, es aber nicht tut, ist er nicht gütig und somit kein Gott.

Die ganze Theorie stinkt.

Besonders abstrus sind die unendlich vielen KI- und Bot-generierten christlichen Erbauungsseiten in der Social-Media-Welt, die dem Heer der Werbekunden verkünden, Jesus achte auf sie, lenke sie, sei ihr Freund, stehe ihnen bei, helfe immer und liebe sie.

 

Dabei ist die Evidenz in diesem Fall überwältigend: Jesus hilft eben NICHT, wie die 20.000 jeden Tag verhungernden Kinder, die 100.000en elend krepierten Zivilisten im Jemen, das Grauen in Gaza, die Myriaden zerfetzten Ukrainer und Russen beweisen. Mal ganz abgesehen von den Hunderttausenden Kindern, die von Jesu Hirten vergewaltig, gequält, gefoltert und verprügelt wurden.

Und wieso sollte Jesus überhaupt bei der unendlichen Zahl Galaxien mit jeweils unendlich viel Sonnen, um die unendlich viele Planeten kreisen, ausgerechnet zu dieser Zeit auf unseren winzigen lächerlichen Planeten sehen, um zu kontrollieren, ob jemand genug betet, um von Mukoviszidose geheilt zu werden oder zu viel masturbiert, um in den Himmel zu kommen?


"Welch Größenwahn ist es zu denken, ein Gott den hundert Millionen Galaxien beschäftigen, würde auch nur im geringsten interessieren, mit wem Sie schlafen oder ob Sie überhaupt an ihn glauben."

Richard Dawkins

Reiner-Maria Woelki, einer der wichtigsten Förderer des Atheismus in Deutschland, bringt die Abstrusität des Christentums in der Karnevalshochburg Köln wieder einmal besonders prägnant zum Ausdruck.

[…..] „Evangelisierung – Das Geheimnis eines Lebens mit Gott“ war der Vortrag überschrieben, den Rainer Maria Kardinal Woelki vergangenen Dienstag beim „Treffpunkt in Maurinus“ in Leverkusen-Lützenkirchen gehalten hat. […..] In seinem Vortrag ermunterte er die Zuhörenden, als „missionarische Jüngerinnen und Jünger“ zu leben und nannte die Selbst-Evangelisierung als Voraussetzung dafür: „Vertrautheit mit Gott finden, in der Vertrautheit mit Gott bleiben, in der Vertrautheit mit Gott wachsen.“ Es gelte, sich Zeit für Gott zu nehmen und die Beziehung mit ihm pflegen – zum Beispiel im Gebet oder in der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift. Die Bibel sei voll von Geschichten, die deutlich machten, „ wie Gott immer wieder neu auf den Menschen zugeht, wie er ihm nachgeht, wie er ihm Brücken baut, wie er ihn in seine Arme schließt, ihn heilt, ihn erneuert und wie er im letzten darum wirbt, dass jeder Mensch das wahre Glück findet“, erklärte der Erzbischof.

Woelki […..]  berichtete von einer Reise nach Amerika Anfang des Jahres, bei der er an einem Kongress der Focus Missionare habe teilnehmen dürfen, und unterstrich die Bedeutung der Freundschaft und der persönlichen Begegnung für die Weitergabe des Glaubens.

„In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, zitierte der Erzbischof den heiligen Augustinus. In der gegenwärtigen geistesgeschichtlichen Umbruchsituation sei dies ein Weg, der helfen könne, Menschen zu Christus zu führen. „Dazu gibt es die Kirche“, so Woelki. „Das ist unsere Berufung und unsere Sendung, damit Menschen Glück, Sinn und Halt in ihrem Leben finden – in Gott, der das Glück schlechthin ist.“ […..] (Erzbistum Köln, 01.02.2024)

Der Kinderfic**rförderer mit dem Quasimodo-Gesicht, der im Alleingang Zehntausende Kölner zum Kirchenaustritt treibt, lässt niederschreiben, wie sehr sich die Gläubigen freuten, ihn zu treffen, so daß es zu spontanen Selbst-Evangelisierungen käme.

Da Woelki seine kürzliche US-Reise erwähnt, erinnere ich an den 68-Jährigen Michael Mohn, der vorgestern in Levittown, Pennsylvania „Gott, der das Glück schlechthin ist“ erlebte, als ihn sein religiöser Sohn Justin live auf YouTube köpfte und den Kopf lustig der Welt zeigte.

<3 Gott <3

[…..] 'But I was betrayed by the FBI, the federal courts, and my own family, because there are people who believe I am the messiah. This belief that I am the messiah is why you have never heard this story on the news, because it would spread that belief.

'I'm not saying I am the messiah, as I would never compare myself to Jesus Christ. I'm just saying, that's why I was betrayed.'

And he ended by quoting the Bible at length, saying he had 'a sacred task.'  […..]

(Will Potter, 31.01.2024)



Mittwoch, 31. Januar 2024

Er begreift es einfach nicht.

Faschistenfreund Friedrich kann nicht anders, oder schlimmer, will nicht anders, als sich als oberster Werber für die AfD zu betätigen.

Auch nachdem, konservativ geschätzt, in den letzten zwei Wochen 2,2 Millionen Menschen gegen rechts demonstrierten, wirft sich Merz in der Bundestagsgeneraldebatte, der Stunde des Oppositionsführers, den Nazis an den  Hals.

Der CDU-Partei- und Fraktionschef adelt die AfDioten. Sie hätten legitime Anliegen und liefen verständlicherweise den demokratieverachtenden Rassisten nach.

[….] Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) hat in der Generaldebatte heftige Kritik an der Politik der Ampelregierung geäußert. Er machte die Koalition aus SPD, Grünen und FDP mitverantwortlich für das Erstarken der AfD. "Die Wählerinnen und Wähler sind nicht alle rechtsradikal. Aber sie sind alle ziemlich frustriert", sagte der Oppositionsführer. "Wir sollten weniger Zeit mit Abscheu und Empörung verbringen", sagte Merz. Vielmehr müsse nach den tieferen Gründen gesucht werden. "Die Lösung des Problems liegt darin, dass Sie die Probleme unseres Landes lösen", sagte Merz in Richtung Ampelregierung. "Aber von einer Lösung der Probleme in Deutschland sind Sie zu Beginn des Jahres 2024 noch weiter entfernt als zu Ende des Jahres 2023." Die Regierung bekomme "die Flüchtlingskrise nicht in den Griff", bemängelte Merz.   [….]

(Zeit online, 31.01.2024)

Merz voller Verständnis: Die Leute wären frustriert und müssten quasi Nazis wählen.

Um die Wähler in Weidels Arme zu treiben, lügt Merz immer wieder ungeniert.

Während man diese Lügen widerlegt, wird eine simple Sache vergessen: Es gibt ohnehin keine Rechtfertigung dafür, Nazis zu wählen! Punkt. Selbst wenn alles wahr wäre, das der Sauerländer Präfaschist über die Ampel behauptet, wäre das keine Entschuldigung für auch nur eine einzige Wählerstimme and die völkischen Menschenhasser.

Die CDU muss endlich damit aufhören, dem Volk und den AfD-Wählern einzureden, es gäbe plausible Gründe dafür, Höcke und Chrupalla an die Macht zu bringen.

Nein, die gibt es nicht. Nazis sind unser aller Untergang.

Aber dieser Minimalkonsens ist offenbar zu viel für die CDU-Führung. Stattdessen gießt sie aktiv Benzin ins braune Feuer.

In der heutigen Bundestagsdebatte blamierte sich der konservative Oppositionsführer über alle Maßen und wurde von Scholz glücklicherweise entsprechend deutlich zurechtgewiesen.

Der Bundeskanzler hat offenbar einen Lauf; gestern begeisterte er im Potsdamer Nikolaisaal bei einer Podiumsdiskussion mit Julie Zeh zum Thema "In Zeiten des Umbruchs."

[…..] Selten war Olaf Scholz so gut, so verständlich, so - tatsächlich - komisch, wie an diesem Abend in Potsdam, kurz nachdem Zeh dem Kanzler gegenüber ihrer Dankbarkeit Ausdruck verlieh, "dass es Leute gibt, die diesen beschissenen Job überhaupt machen". Dass Scholz die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt regieren kann, ja gut. Aber wer hätte gedacht, dass einen Olaf Scholz mal zum Lachen bringen würde? Zweimal sogar. Schallend.

Einmal, als Zeh neben einer "Politikverdrossenheit" aufseiten der Bürger auch eine "Bürgerverdrossenheit" aufseiten der Politik diagnostizierte, die sich in der Vorstellung äußere, man müsse sich um "Bürger" kümmern, sie "abholen", wie "verlorene Kinder, die irgendwie von der Kita nicht alleine nach Hause finden". Scholz' Versuch sich von diesem Habitus freizusprechen, konterte Zeh: "Sie sagen so was wie 'Doppelwumms', das ist doch von Ihnen." Darauf Scholz sehr vergnügt: "Das ist von mir und da bin ich auch stolz drauf." Aber "Doppelwumms" sei doch auch "Kita-Sprech", sagt Zeh. Darauf Scholz in überraschender Sprechgeschwindigkeit und nur von Publikumslachen unterbrochen: "Ich glaube nicht, dass ich Deutschland einen Gefallen getan hätte, wenn ich gesagt hätte: Hier haben wir ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm zum Umgang mit den aktuellen Problematiken der Finanzierung unseres Gemeinwesens ..." [……]

(Nele Pollatschek, 31.01.2024)

Während sich heute auch die Ampel-Abgeordneten des Bundestages über ihren Kanzler freuten, robbte sein CDU-Widerpart ohne Not erneut an Weidel heran und übernahm die AfD-Lügen zur Wahlrechtsreform, die bei diesem XXXL-Bundestag lange überfällig ist, schon in der Merkel-GroKo beackert, aber stets an der C-Blockade scheiterte.

[….] Wegen einer geplanten Änderung des Bundeswahlgesetzes hat Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) die Ampelkoalition beschuldigt, das Wahlrecht manipulieren zu wollen. Das wollen Politikerinnen und Politiker von SPD und FDP nicht auf sich sitzen lassen – und werfen Merz Demagogie und AfD-Sprache vor. In dem Streit geht es darum, dass nach den Ampelplänen Sachsen-Anhalt mit sinkendem Bevölkerungsanteil einen Wahlkreis verlieren soll – zugunsten eines zusätzlichen Wahlkreises in Bayern. […..] Merz hatte gesagt, mit dem betroffenen Bundesland sei die Änderung nicht abgesprochen. Mit der Änderung werde »wieder einmal das Wahlrecht manipuliert und wieder einmal der Demokratie unseres Landes schwerer Schaden zugefügt« [….]

(SPON, 31.01.2024)

Merz kann einfach nicht anders. Er muss manisch Wahlhilfe für die Faschisten leisten.

Das ist ein ungeheuerlicher Vorwurf: Manipulation des Wahlrechtes. So würde die @AfD argumentieren. Wir, die Ampel, haben nur die der Union helfenden ungerechten Überhangmandate abgeschafft. Jede Fraktion bekommt die Mandate, die den Prozenten der Wahl entsprechen. Dazu 5% Hürde

Karl Lauterbach, 31.01.2024

Daß er dabei lügt, wie gedruckt, versteht sich von selbst.

[….] Was ist von Merz Aussagen zu halten?

Aus der Ampelregierung gibt es scharfe Attacken gegen Merz. Gesundheitsminister Karl Lauterbach sagte, die Union argumentiere wie die AfD. Aber auch aus der Wissenschaft gibt es Kritik an den Äußerungen. »Merz’ Vorwürfe sind lächerlich und brandgefährlich für die Demokratie«, sagt die Parteienrechtlerin Sophie Schönberger dem SPIEGEL. »Die Wahlkreise spielen für die Mehrheitsverhältnisse im Parlament keine Rolle. Den Eindruck, den Merz hier erweckt, ist falsch.«  [….]

(Spiegel Faktencheck, 31.01.2024)

»Man kann mit der Ampel unzufrieden sein. Aber Friedrich Merz ist keine Alternative, sondern ein gefährlicher Demagoge, der unverantwortliche Vergleiche zieht und das Bundesverfassungsgericht ignoriert. Dieser Mann darf nicht in Verantwortung kommen. Indiskutabel.«

(Marie-Agnes Strack-Zimmermann, 31.01.2024)


Dienstag, 30. Januar 2024

Klischee-Kinder

Klar, das ist im Medienblasen- und Fakenews-Zeitalter out; aber ich bin eben altmodisch und setze in meinem Blog gern einen Link zur Quelle, wenn ich irgendetwas behaupte, so daß sie jeder selbst von der Richtigkeit überzeugen kann.

Dabei verwende ich möglichst Links, die als seriös/neutral gelten, oder noch besser, von der kritisierten Stelle selbst stammen.

Wenn ein katholischer Pfaff ein Kind vergewaltigt hat, gucke ich zuerst in der Presseabteilung des Vatikans selbst, weil Katholiban das am wenigstens in Zweifel ziehen können.

Die Methode mit den Quellen birgt auch „Nachteile“. Kürzlich hatte ich mir eine schön ätzende Anti-Trump-Hasstirade ausgedacht, als er am 15. Januar 2024 diese ungeheuerlichen drei Sätze postete:

 “Unlike Martin Luther King, Crooked Joe Biden and Deranged Jack Smith are persecuting me just because I put America first. I marched with King and he didn't mind that I was white. I have a hole lot of black friends.”

Selbst für Trump-Verhältnisse extrem dreist.

Als ich den entsprechenden Link als Quelle suchte, war schnell klar: Das Zitat ist leider ein Fake. Da ich, anders als Trump, Merz oder die AfD, nicht in den postfaktischen Bereich umgezogen bin, war damit bedauerlicherweise mein ganzes Posting hinfällig.

Es gibt auch Klischees, die hartnäckig im Kopf festsitzen. Dazu gehört beispielsweise die Großstadt-Mär, daß am Heiligabend derartig viele Menschen von ihren Familien frustriert sind, daß es zu einem Jahreshöchststand bei den Suiziden kommt. Eine Geschichte, die mir als Ritual-loser Single und Weihnachtshasser gut in den Kram passt, so daß ich schon vor Jahren intensiv nach Zahlen suchte, die das belegen. Da war aber nichts zu finden.

Es ist generell problematisch, die eigenen Eindrücke für allgemeingültig zu erklären. Zum Beispiel habe ich dezidierte Vorurteile gegen die Klischee-Café-Latte-Jungmütter, die alle einen SUV fahren, unfassbar laute Stimmen haben, nur auf ihr Handy glotzen und sich in den Geschäften unmöglich benehmen, weil sie schließlich als erster Mensch der Welt jemals ein Kind geboren haben und dementsprechend permanente Sonderbehandlung und Lobpreisungen erwarten.

Wieso ich solche Berufsmütter so sehr hasse ist klar: Ich wohne zufällig genau gegenüber eines betreuten Spielplatzes und Hortes, in dem die reichen Blagen rumschreien. 355° der Umgebung sind nicht zugänglich, sondern von privaten Grundstücken umsäumt. Es gibt also nur einen schmalen Platz, um auf das Gelände zur Kreischbrigade zu gelangen: Genau vor meiner Küche und da drängeln sich die mit Gucci-Täschchen behängten Muttertiere in ihren BMW-SUVs. Es gibt inzwischen nicht nur, wie in früheren Jahren, einen Laternenumzug im Jahr, sondern ein halbes Dutzend an verschiedenen Tagen, mit unterschiedlichen Motti. Das Verhältnis Erwachsene zu Kind beträgt dabei 5:1. Ich mutmaße, den Gören sind ihre eigenen Eltern auch peinlich. Die unpeinlicheren Mütter, die nicht in einer 150.000Euro-Karre vorfahren und nicht aussehen, wie eine geliftete Influencerin nach acht Stunden in der Schönheitslounge, fallen mir natürlich weniger auf. Vielleicht kommen die mit dem Fahrrad und müssen nicht in Ermangelung eines Parkplatzes mit laufenden Motor vor meinem Fenster stehen bleiben, um „FRIEDRICH-ALEXAAAANDERR, du kommst jetzt sofort hierher“ mit Achterdeckstimme durch das Viertel grölen.

Wie sich andere Mütter in anderen Gegenden; berufstätige oder ländliche Mütter benehmen, weiß ich nicht. Ich habe keinen Kontakt zu Menschen, die Kinder bekommen.

Damit hängt ein anderes Klischee zusammen und zwar das von den total unselbstständigen Teens und Twens. Das nehme ich allerdings von verschiedenen Seiten wahr. Einerseits von Friseuren, Bäckern oder sonstigen Kleinstunternehmern, denen ich in meinem Umfeld täglich begegne und die allesamt an ihren Azubis verzweifeln, weil die unfähig sind, selbstständig zu arbeiten.

Ein befreundeter Uni-Dozent erzählte mir kürzlich, daß viele seiner Studenten von ihren Eltern zur Vorlesung gefahren werden. In solchen Situationen fühle ich mich verdammt alt. Klar, ich habe im letzten Jahrtausend studiert, aber damals wäre es undenkbar gewesen, daß man sich vom Mami morgens zur Uni bringen lässt. Ich erinnere mich auch nicht an Kommilitonen, die noch bei ihren Eltern wohnten. Alle hatten irgendeine andere Form der Bleibe gefunden und so gut wie jeder jobbte nebenher, um das zu finanzieren.

Weil die jungen Leute sich das nicht vorstellen können, wie das damals war, ohne Internet und Klugtelefon: Man fuhr zu allen Stellen, die sich als eine Art „schwarzes Brett“ etabliert hatten und hing Gesuche auf.

Die mit Abstand wichtigsten Quellen, waren aber die Wohnungsannoncen in der Samstag-Ausgabe der größten Zeitung der Stadt.

Dafür fuhr man mit einer Handvoll Groschen in der Hosentasche in der Nacht auf Samstag zum Hauptbahnhof, wo die ersten Ausgaben ausgeliefert wurden, prügelte sich mit den anderen armen Tropfen um die noch druckwarme Zeitung, setzte sich an Ort und Stelle auf den Fußboden, um die Angebote zu überfliegen und rannte dann zur nächsten Telefonzelle, um als erster bei den Inserenten anzurufen. Natürlich war dann immer besetzt, man musste immer wieder die Drehscheiben bedienen, während wütende Konkurrenten von außen an die Scheiben der gelben Zelle hämmerten – „jetzt bin ich mal dran!“

Was soll den „schwer“ an der Wohnungssuche sein, wenn man bräsig zu Hause mit seinem Klugtelefon chillt und ein automatischer Suchauftrag alle verfügbaren Buden bequem auf das Display zaubert?
Wieso Teens und Twens trotzdem alle an Burnout, Phobien und Depressionen leiden, ist auch klar, denn die Unselbstständigkeit ist purer Stress. Die Leibesfrüchte meiner US-Cousins führen alle ein streng durchgetaktetes Leben, in dem schon Fünfjährige Einträge wie „01.30 – 02.15 pm playtime with Timmy“ finden. Spielen will genau geplant sein, das Elterntaxi muss bereit stehen und es nützt nun einmal nichts, wenn man zum Gymnastik- und Schwimm-Training geht, ohne daß Mami dabei ist, alles filmt und sofort auf Facebook postet.

Eine meiner entfernten Tanten in Ohio schleppt sich mit 89 Jahren und lauter künstliche Gelenken unter größten Schwierigkeiten wöchentlich zum Einkaufen. Auf meine Frage, ob ihr nicht eins ihrer zahlreichen Enkelbälger mal dabei helfen könne, kam ein entschiedenes Nein. Die hätten alle zu viele Termine und Jack, der genau nebenan wohnt, ist erst 20; der kennt sich nicht aus im Supermarkt und wäre damit überfordert.

Anders als Trumps Einlassungen zu Dr. King, oder die Massensuizide am 24.12., sind die abstrusen Geschichten über völlig unselbstständige Jugendliche wirklich wahr.

[….] Diagnosen über Generationen haben den Vorteil, dass sie sich nur schwer widerlegen lassen. Eine Handvoll lautstarker Influencer, die ihre Generation erklären, dazu ein paar Anekdoten von Lehrerinnen und Vorgesetzten - fertig ist das Bild einer Alterskohorte. Der Generation Z zum Beispiel eilt der Ruf voraus, verweichlicht und unvorbereitet ins Erwachsenenleben zu starten. Ein Umstand, an dem ihre Helikoptereltern nicht ganz unschuldig sein sollen.

Eine neue Studie aus den USA liefert nun tatsächlich handfeste Zahlen über die Beziehung junger Amerikanerinnen und Amerikaner zu ihren Eltern - und bestätigt dabei so manches Klischee. Fast 60 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren werden demnach finanziell von ihren Eltern unterstützt. Selbst wenn ihre Kinder schon die Dreißig überschritten haben, halfen Mütter und Väter noch in 20 Prozent der Fälle bei der Begleichung von Miete und Handyrechnungen oder zahlten sogar für Lebensmittel und andere Alltagsausgaben. Für die repräsentative Studie befragten die Experten des Pew Research Center 1500 junge Erwachsene und 3000 Eltern in den USA.

[….]  Laut der Studie des Pew Research Center ist beispielsweise nur jeder vierte 30- bis 34-Jährige selbst Mutter oder Vater. Vor 30 Jahren hatten in dieser Altersgruppe bereits sechs von zehn Amerikanerinnen und Amerikanern mindestens ein Kind.

Womöglich hat das Hinausschieben des Erwachsenwerdens aber nicht nur mit neuen finanziellen Zumutungen und dem Hinterfragen alter Wertvorstellungen zu tun, sondern auch mit dem Verhältnis zwischen den Generationen - womit wir wieder bei Klischees über überfürsorgliche Eltern und angepasste Kinder wären. In der Pew-Studie gaben drei Viertel der Eltern an, mehrmals pro Woche mit ihren erwachsenen Kindern Textnachrichten auszutauschen. Und, was dann doch sehr nach Helikoptern klingt: Ein Viertel überwacht die Bewegungen ihrer Sprösslinge mindestens gelegentlich per GPS-Tracker. [….] (SZ, 30.01.2024)

Das besonders Verblüffende: Die elenden Helikopter-Eltern, die ihre Blagen so verhätscheln, wurden von ihren Eltern nicht so überbemuttert. Fragt man die Großeltern der 25-Jährigen, die an Mamis Rockzipfel hängend unfähig sind, ihr Leben allein zu gestalten, wundern die sich am meisten.

Sie haben die Boomer und GenX zu Welt gebracht und zur Selbstständigkeit erzogen.

Offenbar ist es erst der Einfluss der Social Media-Kanäle auf die Erziehung, der junge Eltern dazu zwingt, ihre Brut ständig mit anderen zu vergleichen und enorme Erwartungen weckt, die es zu erfüllen gilt.

Montag, 29. Januar 2024

Weiterampeln mit Gelbsucht

Was für ein entsetzliches Dilemma. Die Ampel muss unbedingt durchhalten, weil die beiden anderen Alternativen,

–Koalitionspartnerwechsel, um Merz, Spahn und Scheuer in die Regierung zu holen, oder

-Neuwahlen, die unweigerlich zu einer 60%-Mehrheit des faschistoiden schwarzbraunen Blocks führen,

deutlich schlimmer sind, als alles was in der Ampel maximal schief gehen kann.

(…..) Oliver Kalkofe brachte es in der letzten Maischberger-Sendung auf den Punkt. Man kann sich natürlich 24/7 über die Ampel“ aufregen, sich ärgern, wie alles zerredet wird, wie verlogen und unzuverlässig die moralische verkommene FDP agiert. Man wünscht sich sehnlichst eine andere Finanzpolitik, ein 180°-Umsteuern in der Verkehrspolitik, endlich den Aufbruch ins Digitalzeitalter, verdammt noch mal eine Bildungspolitik, mit der Deutschland nicht weiter verdummt und daß nicht ausgerechnet Deutschlands Justizministerium die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der EU blockiert. Oder eisern gegen ein Glyphosatverbot kämpft.

[….] Die Bauern hätten in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr Auflagen bekommen, sagte der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion Christian Dürr. So auch beim Thema Pflanzenschutz. Es rege Landwirte auf, dass Dinge erzählt würden, die "einfach nicht stimmen“, betonte Dürr. Laut Dürr sei es wissenschaftlich erwiesen, dass das Totalherbizid Glyphosat ökologisch unbedenklich und unschädlich für Menschen und Tiere sei. […]

(MoMa, 15.01.2024)

Das geht aber nur mit anderen Ministern auf diesen Positionen. Die gelbe Pest muss endlich weg. Es ist so grotesk, wie die Hepatitisgelben speichelleckend als Wurmfortsatz der Multimillionäre weiter von unten nach oben umverteilen. Heute verkündete Lindner das Aus der Kindergelderhöhung für alle und will stattdessen nur die Topverdiener beschenken.  (….)

(Weiter so mit miesem Personal, 18.01.2024)

SPD und Grüne haben großes Lob dafür verdient, wie viel sie unter diesem widrigsten Bedingungen in der Ampel umsetzen.

Dennoch ist es fast unerträglich, zusehen zu müssen, wie die gelbe Pest nicht nur jeden Tag den Frieden innerhalb der Ampel unmöglich macht und die Regierungspolitik sabotiert, sondern  sich national und international an der Zukunft versündigt.

Sinnbildlich steht dafür Lindners radikale Borniertheit, mit der er auf der längst widerlegten Ideologie der Wachstumsbremse besteht.

Selbst im Bereich der Gesellschaftspolitik, in dem die FDP einst deutlich liberaler als die Union tickte, wandeln Lindners Leute auf dem finsteren Pfad in die Vergangenheit.

[…..]  In einem offenen Brief appellieren über 100 namhafte Frauen aus Politik, Kultur und Wirtschaft an Justizminister Marco Buschmann (FDP) und die Bundesregierung, von ihrem Widerstand gegen eine EU-Richtlinie zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt abzurücken. Bisher blockiert Deutschland gemeinsam mit anderen Ländern die Richtlinie im EU-Rat.

Die Unterzeichnerinnen bitten Buschmann und das Kabinett in dem Brief »dringend« darum, ihr Nein aufzugeben. »Mit dieser Blockade-Haltung steht der Schutz von Millionen von Frauen vor Gewalt in der EU auf dem Spiel«, heißt es in dem Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. [….]

(SPON, 29.01.2024)

Die Buschmann-Blockade deutet auf eine noch schwerwiegendere FDP-Katastrophe hin: Sie legt die Axt an die ohnehin schon angeschlagene, fragile EU, in der wir angesichts der globalen Player China, Russland und Trumpmerika dringender denn je, Einigkeit brauchen.

Europäische Kompromisse sind bei 27 nationalen Regierungen, Kommission und Parlament extrem schwierig. Wenn sie endlich ausgearbeitet sind, kommen unglücklicherweise immer die Hepatistisgelben in Berlin und zertrümmern alles – offenkundig angetrieben von dem Wunsch, die EU als handlungsunfähig dastehen zu lassen, damit die Rechtsradikalen bei den diesjährigen Europawahlen maximal gestärkt werden.

[….] Jetzt also das EU-Gesetz über künstliche Intelligenz: Der Koalitionspartner FDP drängt die Bundesregierung dazu, diesem wegweisenden europäischen Rechtsakt im Ministerrat, der Gesetzgebungskammer der Mitgliedstaaten, in dieser Form nicht zuzustimmen. Berlin möge sich bitte enthalten - was dann wie eine Gegenstimme zählt. Schon vor zwei Wochen verlangten die Liberalen, dass sich die Regierung beim Votum zum EU-Lieferkettengesetz enthält. Und vor einem Jahr blockierte die FDP wochenlang die Verabschiedung der EU-Vorgabe, dass von 2035 an keine Verbrennerautos mehr zugelassen werden.

[….] Das Verhalten der Partei [ist]  skandalös. Sie degradiert Deutschland zur Lachnummer in Europa, untergräbt die Interessen des Landes und bedroht letztlich sogar die Funktionsfähigkeit der Brüsseler Gesetzgebungsmaschinerie. Eine EU, die entscheidungsschwach bis gelähmt ist, mag zwar der Traum von Rechtspopulisten sein, würde aber gerade Deutschland und seiner exportabhängigen Industrie massiv schaden.  […..]

(Björn Finke, 29.01.2024)

Es wäre euphemistisch, die FDP als Hemmschuh Europas zu skizzieren. Es ist viel schlimmer. Lindner Gelbpest arbeitet an der Zerstörung Europas.

[….] Außerdem sollten die Liberalen darüber nachdenken, welchen Schaden sie Deutschland und der EU zufügen. [….] Die FDP ist hier zum Serientäter geworden - in der verzweifelten Hoffnung, mit solch schlagzeilenträchtigen Aktionen Wähler zu gewinnen.

Aber mit diesen Dramen kurz vor Toresschluss verspielt die Bundesregierung wertvolles Vertrauen in Brüssel. Den übrigen Regierungen gilt Berlin dann als unzuverlässig. Das erschwert es, Bündnisse zu schmieden und deutsche Interessen bei anderen Vorhaben durchzusetzen. Daneben senkt das unstete Verhalten des größten Mitgliedslandes die Hemmschwelle bei anderen Regierungen, ebenfalls Kompromisse infrage zu stellen, bloß weil das zuhause Wählerstimmen verspricht.

Querulanten wie Orbán können sich freuen  […..]

(Björn Finke, 29.01.2024)

Sonntag, 28. Januar 2024

Franzis oberstes Gremium.

Als absolutistischer Herrscher thront Bergoglio über der Kurie, welche die 1,4 Milliarden Katholiken weltweit beherrscht und kontrolliert.

Staatssekretariat, Dikasterien, Römische Rota, Präfektur des Päpstlichen Hauses, Apostolische Kammer, interdikasteriale Kommissionen, Gerichtshöfe, Kurialbehörden, Kardinalskollegium, Bischofssynode und Päpstliche Delegationen bei den Basiliken bilden mit einer großen Schar Präfekten, Kardinälen und Kurienerzbischöfen die Leitungsorganisationen.

Neben diesen seit Jahrhunderten bestehenden extrem mächtigen Gremien, schuf Franzi noch seinen persönlichen Kardinalrat K9, in dem wie bei Tolkien neun Nazgûl den anderen 239 Kardinälen übergeordnet sind, um Sauro…, äh, den Papst persönlich zu beraten. Dieses Consiglio di Cardinali richtete der Vizegott direkt nach seiner Thronbesteigung ein und wie es sich für einen Unfehlbaren gehört, war die Auswahl der neun Ringgeist.., äh, Ringküsser natürlich perfekt. Zuletzt gestaltete er den Rat im Jahr 2023 um.

Die Namen aller Mitglieder lassen mein Herz höher schlagen:

Óscar Rodríguez Maradiaga (Tegucigalpa), exklusiver Papstberater von 2013 bis 2023, der sich 2002 italienischen katholischen Zeitschrift 30 Giorni beklagte, Juden würden die Medien beeinflussen, um Aufmerksamkeit auf den sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester zu lenken. Nach zehn Jahren folgte ihm

Gérald Cyprien Lacroix (Québec) in den K9. Der Kanadier lässt derzeit alle Ämter ruhen, weil er eine Minderjährige sexuell belästigt hat.

Ebenfalls ganz neu, seit 2023, ist Jean-Claude Hollerich (Luxemburg), der den synodalen Weg in Deutschland scharf kritisierte. Er folgte auf Gründungsmitglied

  Reinhard Marx (München und Freising), dem luxusaffinen bayerischen Kardinal, der massiv die Missbrauchsaufklärung blockierte und schon zuvor als Bischof von Trier die Pädosextäter in Soutane schützte und förderte.

    Francisco Javier Errazuriz Ossa (Santiago de Chile), von 2013 bis 2018 im K9 vertuschte ebenfalls Missbrauchsfälle in seiner Erzdiözese, wurde von mehreren Opfern angezeigt und ließ staatsanwaltschaftliche Ermittlungen über sich ergehen. 

Das prominenteste Gründungsmitglied von Franzis Consiglio di Cardinali war sicherlich George Pell (Sydney), der selbst mehrere kleine Jungs vergewaltigte. Seit 2007 wurde gegen ihn ermittelt, 2018 wurde er einstimmig schuldig gesprochen einen 12- und einen 13-Jährigen Messdiener penetriert zu haben. Pells Anwalt erklärte die Unschuld seines Mandanten mit der Dauer des Analverkehrs. Der habe nur sechs Minuten angehalten und sei damit juristisch nahezu irrelevant: „plain and vanilla penetration sex“! Pells Urteil: Sechs Jahre Gefängnis und ein Eintrag in das Register für Sexualstraftäter.

Seit Beginn dabei ist auch Oswald Gracias (Bombay), Primas von Asien, der noch während seiner K9-Mitgliedschaft 2015 und 2018 Fälle vertuschte, in denen seine Priester kleine Jungs vergewaltigt hatten und sich hilfesuchend an den Kardinal wendeten.

Ganz neu im G9 ist auch Juan José Omella Omella (Barcelona), der sich erbittert gegen staatliche Untersuchungsergebnisse zum Missbrauch in der spanischen katholischen Kirche wehrt; die Zahlen nennt er übertrieben. „Es gibt die Absicht, eine Zahl zu erreichen, die eine Lüge ist und nichts mit der Realität zu tun hat“, sagte Kardinal Juan Jose Omella.

Seit 2020 gehört der radikal homophobe Fridolin Ambongo Besungu (Erzbischof von Kinshasa) zum exklusiven Gremium und wähnt überall den Teufel am Werk.

Das nach Franzi formal höchstrangige Mitglied des Consiglio di Cardinali ist seit 2014 Pietro Kardinal Parolin, der Kardinalstaatssekretär Seiner Heiligkeit, der ebenfalls das ihm Mögliche unternimmt, um die Aufklärung des sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kirche zu verhindern, indem er sich weigert Personalakten herauszugeben.

Bei dieser Top-Besetzung können die katholischen Missbrauchsopfer wirklich voller Zuversicht hoffen, daß sich die RKK ändert und aufhört kleine Jungs zu vergewaltigen.

Samstag, 27. Januar 2024

79 Jahre nach 1945

Das geht nicht, daß Bauern, Rechte, CDU das Gedenken an den Holokaust sabotieren, wie es heute in Sachsen-Anhalt der Fall ist.

[…..]  Landtagspräsident Gunnar Schellenberger (CDU) hatte am Vortag eine geplante zentrale Gedenkstunde zum nationalen Holocaust-Gedenktag abgesagt. Hintergrund seien angemeldete Bauernproteste für diesen Samstag auf dem Domplatz vor dem Parlamentsgebäude, so die Landtagsverwaltung zuvor.

Damit zog Schellenberger Kritik auf sich. »In Zeiten, in denen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober die Zahl antisemitischer Übergriffe in Deutschland ein beschämend hohes Niveau erreicht hat, ist dieses Erinnern und Mahnen dringlicher denn je«, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, dem SPIEGEL. Die Entscheidung in Magdeburg sei »nicht hinnehmbar«. Der Landtagspräsident hatte in der Absage erklärt, es könne aufgrund der Bauerndemo keine Sorge getragen werden für ein würdiges Gedenken, eine ungehinderte An- und Abreise, noch jederzeit für eine vollständige Gewährleistung der Sicherheit der Veranstaltungsteilnehmer.  […..]

(SPON, 26.01.2024)

Wir hatten es eigentlich als obersten BRD-Konsens verstanden, so etwas nicht geschehen zu lassen. Die nach 1945 geborenen Deutschen sind selbstverständlich nicht Schuld an den Nazi-Verbrechen. Aber sie tragen die Verantwortung dafür, die Erinnerung zu wahren, so daß es niemals wieder auf deutschem Boden passiert.

Ich verdanke es dem puren Zufall, familiär gar nicht belastet zu sein. Meine Vorfahren väterlicherseits kämpften im WKII gegen die Deutschen; meine Vorfahren mütterlicherseits stellten sich gegen die Nazis. Lediglich ein Bruder meiner Mutter war Soldat. Er kritisierte schon in der Ausbildung seinen Vorgesetzten, wurde daraufhin zur Strafe an die Ostfront geschickt und am Tag seiner Ankunft gleich auf eine riskante Erkundungsmission zu den russischen Linien geschickt. Er geriet dabei in sowjetischen Gefangenschaft, ohne in dem Krieg je einen Schuss abgegeben zu haben. In sibirischen Lagern überlebte er bis 1955 und kehrte nie zurück. Auf seinem Grabstein steht „vermisst 1944 in Russland“.

Bis 2023 hatte ich noch nicht einmal die deutsche Staatsbürgerschaft und dennoch schäme ich mich persönlich dafür, daß zu meiner Lebenszeit der BRD-Grundkonsens des „Nie Wieder“ verletzt wird.

Eine Nazi-Partei schickt sich gleich in mehreren Bundesländern an, stärkste Partei zu werden, die Konservativen übernehmen faschistoide Narrative, kooperieren mit den Nazis, hecken sogar bei einer gemeinsamen Wannseekonferenz 2.0 Massendeportationspläne aus, die Berliner CDU bildet immer größere Schnittmengen mit der AfD heraus, CDUler organisieren Nazi-Netzwerke, Juden werden auf deutschen Straßen belästigt, wenn sie etwa durch eine Kippa oder einen Davidstern zu erkennen sind, die antisemitischen Straftaten nehmen exponentiell zu und die ehrwürdige Margot Friedländer sagt uns, genau so habe es damals auch angefangen.

[…..] tagesthemen: Frau Friedländer, Sie waren zwölf Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. Und jetzt sind Sie 102 Jahre alt und müssen miterleben, wie Antisemitismus wieder zunimmt in Deutschland, wie einige sogar darüber reden, deutsche Staatsbürger ausweisen zu wollen. Was empfinden Sie heute in Deutschland?

Margot Friedländer: Ja, es macht mich sehr, sehr traurig, die ganze Geschichte. Ich hätte nie gedacht, dass es wieder so kommen würde. Denn so hat es ja damals auch angefangen. Wir sind die, die das erlebt haben. Es sind ja jetzt auch einige noch am Leben. Für uns ist es besonders schwer zu verstehen. Und sehr traurig.  [….]

(Tagesschau, 26.01.2024)

Ja, ich schäme mich sehr für Deutschland im Jahr 2024.