Dienstag, 26. November 2019

Post-Trump – Teil I


Im Oktober 2016 bei der großen presidential debate sagte Donald Trump live im US-TV etwas so Ungeheuerliches, daß ein Sieg für ihn ausgeschlossen schien.
Den Nukleus der Demokratie, die „peacefully transition of power“ werde er womöglich nicht akzeptieren. Wahlergebnisse in Trumpistan sollen nur gelten, wenn sie ihm genehm ausfallen. „I’ll keep you in suspense.“


Für jeden halbwegs anständigen Amerikaner musste nun klar sein, daß man nur Hillary Clinton wählen konnte.
Sie würde einen Erdrutschsieg über Trump erringen.

Aber der „I’ll keep you in suspense“-Moment war nur ein Weiterer in einer Kette von derartigen Ungeheuerlichkeiten, die jede für sich schon die Wahl Trumps zum US-Präsidenten ausschlossen:
Das Verstecken seines Steuerbescheides, die Schweigegeldzahlungen an Pornodarstellerinnen, das Pussy-gabbing-Prahlen, der ostentative Rassismus, die nie dagewesene Vulgarität, das Nachäffen Behinderter, die abscheuliche Frauenfeindlichkeit.

Heute sind wir dreifach schlauer.

1.) Trump wurde mit zweieinhalb Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton zum US-Präsident.
2.) Alle Regeln des politischen Anstandes sind für ihn außer Kraft gesetzt.
3.) Verglichen zum Wahlkampf mäßigte er sich als sitting president nicht nur nicht, sondern wurde immer vulgärer, bösartiger, fauler und log immer dreister.

Schon kurze Zeit nach seinem Amtsantritt brachte Bill Maher den gruseligen Gedanken ein, daß Trump womöglich nicht abwählbar wäre, weil er einfach nicht gehen werde, keine anders lautendes Wahlergebnis akzeptieren werde.

Inzwischen ist auch das ein naheliegendes Szenario.
Wir wissen durch die Mueller-Untersuchungen und die laufenden Amtsenthebungs-Anhörungen, daß Trump zutiefst kriminell ist, zweifellos abgesetzt werden muss, daß sich das amerikanische Volk aber nicht dafür interessiert. Anders als zu Nixons Zeiten gibt es auch nicht den kleinsten Funken rudimentären Anstandes bei den GOP-Parlamentariern; sie werden garantiert nichts unternehmen, um die US-Verfassung, auf die sie eingeschworen sind, zu schützen.
Die Zustimmung zum Impeachment sinkt.
Die Presse hält zu Trump und dann ist da noch sein größter Trumpf: Der Supremecourt, den #IQ45 mit tiefkorrupten Vergewaltigern wie Kavanaugh besetzt hat.

Es ist offensichtlich so weit: Trump setzt für sich und seine Mob-Regierung Recht und Gesetz außer Kraft und die Majorität der amerikanischen Wähler nimmt es schulterzuckend hin.
Die vom Kongress mit Strafandrohung vorgeladenen Mitarbeiter des Weißen Hauses – Subpoena – kümmern sich ebenso wenig um die ureigenen Rechte der Legislative wie Urteile der Judikative.

[…..] Der frühere Leiter der Rechtsabteilung des Weißen Hauses, Don McGahn, muss einer Vorladung eines Ausschusses des Repräsentantenhauses Folge leisten und im Parlament aussagen. Er könne sich nicht auf die Immunität hoher Regierungsmitarbeiter oder Gründe der nationalen Sicherheit berufen, erklärte Bundesrichterin Ketanji Brown Jackson.
Es stehe auch nicht in der Macht des Präsidenten, einen seiner Mitarbeiter davon zu befreien, einer solchen Vorladung des Kongresses Folge zu leisten, so Jackson. "Ganz einfach gesagt, lehren uns 250 Jahre amerikanischer Geschichte: Präsidenten sind keine Könige."
Niemand stehe über dem Gesetz, erklärte die Richterin weiter. […..] (SPON, 26.11.19)

Die Grundpfeiler des amerikanisches Staates und der Verfassung wackeln also nicht nur, sondern sind bereits umgefallen.
Trump kann das tun; das Volk fällt ihm eben nicht in den Arm.
Selbst die Generäle, mit denen Gaga-Mann sich anfangs so gern umgab, sind allesamt aus dem Weißen Haus geflüchtet. Die Trump-Administration entmachtete und verunglimpfte das Militär ebenso leicht wie die angeblich so allmächtigen 17 US-Geheimdienste.
Es leistet keiner mehr Widerstand.

Es ist gut möglich, daß der/die demokratische Präsidentschaftskandidat/in in elf Monaten am 3. November 2020 wie schon Al Gore und Hillary Clinton die meisten Stimmen (popular vote) erringen wird.
(Ich bevorzuge gegenwärtig übrigens ein Ticket Warren/Buttigieg oder Warren/Harris)
Möglicherweise wird es auch eine demokratische Mehrheit des entscheidenden „electoral college“ geben.
Aber ich prophezeie, daß Trump das Weiße Haus dennoch nicht räumen wird.
Seine irren Verschwörungstheoretiker wie beispielsweise Rudy Giuliani und Alex Jones werden die abstrusesten Lügen ersinnen, um das Wahlergebnis anzuzweifeln. FOX, Breitbart, Facebook und Co werden diese Dolchstoßlegenden für Arme begeistert ventilieren.
All die Rednecks in den dünnbesiedelten Binnenstaaten werden sich vor dem ausbrechenden Kommunismus fürchten und daher leider nicht nur mit Mistgabeln und Forken, sondern mit schweren automatischen Waffen aufmarschieren.

Da die schlimmsten Heuchler und Lügner des Kongresses – Devin Nunes, Jim Jordan, Lindsey Graham – mutmaßlich ebenfalls ihre Mandate verloren haben werden, gibt es für sie ebenfalls nichts zu verlieren. Sie werden an ihren Sitzen kleben und das Parlament Zeter und Mordio-brüllend lahmlegen.

Unterdessen werden die superreichen Milliardärfreunde Trumps in Furcht vor der kommenden demokratischen Steuerlast bereitwillig Vermögen ausgeben, um Stimmung gegen das  Wahlergebnis zu machen.
Schmierige Trump-Enabler wie David Pecker, der CEO of American Media werden ihre Giftschränke öffnen, um Militärs, Polizeieinheiten und Staatsbedienstete dahingehend zu beeinflussen nichts gegen Trump zu unternehmen.

In einer national-euphorischen „Keep-America-great“-Welle wird ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung mit Fackeln und Trump-Bildern so lange das Land lahmlegen, bis die Demokraten wie bei ihrem legendären Al-Gore-Move 2000 zu der Erkenntnis gelangen, ein Bürgerkrieg ist ein zu hoher Preis, um das Wahlergebnis durchzusetzen.
Bolsonaro, Putin, Johnson, Erdogan, Orban, Selensky, Duterte werden Trump ermutigen und ihm gratulieren: Endlich lasse sich jemand nicht mehr von linksgrünen Mainstream einschüchtern.
Usurpatoren, Diktatoren und Autokraten in aller Welt werden sich ebenfalls heimlich die Hände reichen. Was für ein Segen für Xi, Kim, Salman, MBS, MBZ: Die Demokratie hätte endlich als Herrschaftsform versagt.

Angesichts dieser Übermacht der Antidemokraten und der ernsthaften Befürchtungen ihre Exporte könnten leiden, die deutsche Autoindustrie könnten Absatzschwierigkeiten bekommen wird auch Merkel lediglich Steffen Seibert mit einer Missbilligung Trumps losschicken – wohlwissen, daß das unter der US-Wahrnehmungsschwelle liegt.

Dann bleibt eben Trump Präsident.

Montag, 25. November 2019

Rechristianisierung abgeschlossen.


Ach ja, das war so schön.
Als am 27.10.1998 das erste rotgrüne Bundeskabinett eingeschworen wurde, Vizekanzler Fischer lässig den Bundeskanzlerausweis für „Gerd“ unterschrieb und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein Regierungschef auf die Gottesformel beim Amtseid verzichtete.

(…..)Aus Sicht der konservativen Merkel und Schäuble würde nun das „rotgrüne Chaos“ ausbrechen, die Unternehmer in Massen das Land verlassen und somit die deutsche Wirtschaft in den Abgrund gesaugt.
Das Unheil begann aus Merkels Sicht schon mit dem Amtseid, den Schröder als erster und einziger Kanzler ohne die Formel „so wahr mir Gott helfe!“ sprach und gleich sieben Minister, nämlich Joschka Fischer, Bodo Hombach, Otto Schily, Walter Riester, Jürgen Trittin und Edelgard Buhlman wurden ebenfalls ohne Gottesformel eingeschworen. (….)

Die fromme Oppositionsführerin Angela Merkel gruselte sich, sie schauderte und pöbelte. Es kam wie Frau Merkel befürchtete; die Gottlosen taten viele schreckliche Dinge, die es vorher bei den gottesfürchtigeren Kanzlerin nie gegeben hatte:

Zwangsarbeiterentschädigung, Homoehe, Ausstieg aus der Atomenergie, ökologische Steuerreform, Reduzierung der Rüstungsexporte, Weigerung am Irak-Krieg teilzunehmen, starke Intensivierung der Beziehung zu Frankreich, Green-Card-Initiative, eine Rentenreform, drastische Senkung der Einkommensteuer, Entkriminalisierung der Prostituierten.

Wie grauenhaft. Es sollte bis 2009 dauern, als endlich die Christin Merkel ohne Sozis regierte und diese atheistischen Irrungen abschaffen konnte.
Wiedereinstieg in die Atomenergie, Geschenke für die Superreichen, massive Zunahme der Rüstungsexporte. So wahr mir Gott helfe. Endlich wieder.

[….] Als bislang einziger Bundeskanzler verzichtete Gerhard Schröder (SPD) bei seinen Vereidigungen auf den Gottesbezug. 1998 löste dies eine breite gesellschaftliche Diskussion aus; die Gottlosen hätten nun das Ruder übernommen, hieß es, Religion werde vollends aus dem öffentlichen Raum gedrängt. Der damalige Erfurter Bischof Joachim Wanke gab zu bedenken, dass mit der fehlenden Rückbindung an eine transzendente Instanz auch andere "letzte Überzeugungen" verloren gingen.
Schröder selbst begründete seinen Verzicht auf den Gottesbezug indes mit dem Hinweis, der Glaube sei Privatsache. Schon als Ministerpräsident von Niedersachsen hatte er – obwohl Mitglied der evangelischen Kirche – die religiöse Formel bei den Vereidigungen vor dem Parlament weggelassen und sich dabei auch auf die Bergpredigt berufen. Dort heißt es: "Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde" (Mt 5,34f.). [….] Der Verfassungsrechtler und spätere Bundespräsident Roman Herzog schrieb mit Blick auf den Gottesbezug im Eid einmal: Ein Politiker, der die religiöse Beteuerung verwende, wolle "den rechtlichen Bindungen des Grundgesetzes eine weitere, für ihn besonders verpflichtende, hinzufügen". Dass es in der Tagesarbeit vielleicht nicht immer gelinge, dieser hohen Anforderung gerecht zu werden, sei "kein Beweis gegen den Sinn dieser Selbstverpflichtung". Allerdings, so Herzog weiter, entbehre es "nicht jeder Pikanterie", dass sich ein weltanschaulich neutraler Staat der Gläubigkeit seiner wichtigsten Amtsträger bediene, damit sie sich "weit über die Rechts- und Verfassungsbindung hinaus binden lassen".[….]

Vier Jahre später wiederholte sich das schaurige Schauspiel.
„Schröder will keine Hilfe von oben“ heiß es dazu im SPIEGEL.

Aber auch das Jahr 2002 scheint aus heutiger Perspektive weit entfernt.
Gottlose Minister gab es kaum jemals wieder.
Nur Brigitte Zypries verzichtete in einer Merkel-Regierung auf die Gottesformel. Inzwischen sind wieder alle Minister fromme Christen.
Selbst die, die es nicht sind, machen es wie in den USA; sie schwören trotzdem auf Gott, weil sie bei Weitem nicht das Rückgrat haben wie Trittin, Fischer oder Schröder, die aus Überzeugung handelten und dem folgenden konservativ-gläubigen Shitstorm trotzen.

Die entsetzlich frommen SPD-Frauen Nahles und Griese haben die säkularen Sozis marginalisiert, die einst so konfessionsferne FDP, die sich in den 1970ern vielfach in der „Humanistischen Union“ engagierte und für die Trennung von Kirche und Staat kämpfte, ist seit Westerwelle und Rösler eine zutiefst kirchenfreundliche Partei, besetzt ihre Reihen mit schweren Religioten wie Pascal Kober, der als Theologe für die Liberalen im Bundestag sitzt.
Auch die Linke verfügt beispielsweise mit Ministerpräsident Bodo Ramelow über zutiefst gläubige engagierte Kirchisten.

Die Grünen boten ebenfalls schon seit ihrer Gründung Pastoren, Theologen und insbesondere Vertretern evangelischer Laienorganisationen eine Heimat.
Antje Vollmer, Christa Nickels, Andrea Fischer hießen die wichtigsten grünen Frommen damals. Heute sind es die evangelische Kathrin Göring-Kirchentag und der Hardcore-Katholik Winfried Kretschmann, die alte Atheisten wie Jürgen Trittin wegmobben.

So unangenehm und anmaßend und überheblich und unangemessen und fehlgeleitet und borniert ich Göring-Kirchentag und Kretschmann finde, so gestehe ich ihnen wenigstens zu, daß sie den Unsinn, den sie reden selbst glauben.
Sie sind vermutlich einfach nicht die hellsten Kerzen auf der Torte.

Schlimmer ist aber Robert Habeck, der sich voll dem neuen Grünen Credo verschrieben hat auf gar keinen Fall mehr irgendetwas zu sagen, mit dem man anecken könnte.
Es gilt jetzt der allgemeine „Kuschelkurs Grün“:
Kein Streit, keine Wähler verschrecken, keine Programmatik, bloß nicht konkret werden.
Und wenn sich doch mal eine Kontroverse anbahnt wie die um die Homöopathie, dann wird die Diskussion auf dem Parteitag von der Parteiführung radikal unterdrückt.


Dr. Robert Habeck spielt eine besonders unangenehme Rolle, weil er schlau ist und es besser weiß.
Er wurde 2000 zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über literarische Ästhetizität promoviert und windet sich heute rückgratlos mit solchen lahmen Sprüchen um jegliche Kontroverse.


Vermutlich ist er zufrieden damit wieder nirgends angeeckt zu sein. Mit dem Spruch sollten doch Christen und Atheisten zufrieden sein.
Außer mir. Ich frage mich:

Welche Werte meint er genau?
Den Antisemitismus?
Die Frauenverachtung?
Sklaverei?
Religionszwang?
Sippenhaft?
Kinder verprügeln?
Todesstrafe?
Homophobie?

Die WERTE des Christentums haben seit 2000 Jahren Terror und Genozid bedeutet.
Ich empfehle Dr. Habeck die zehn Bände Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums."

Sonntag, 24. November 2019

Im Paralleluniversum.


Social Media und die vielen Memes sind ein ganz lustige Ventile, um mit seinem Ärger über die politische Realität umzugehen.

Auf meiner Festplatte ist so eine gewaltige Anzahl Anti-Trump-Memes gespeichert, daß ich eine halbe Stunde scrolen muss, um etwas wieder zu finden.
Natürlich lösche ich beherzt diejenigen, die etwas outdated sind, oder einen vielfach verwendeten Witz recyclen.
Aber es bleiben dennoch Tausende übrig, die wirklich gut sind.
Trump, seine absurden Lügen und Versprecher, sowie seine zutiefst abstoßenden Physiognomie sind schließlich ein Fest für alle Polithumoristen.
Erstaunlicherweise gefallen mir oft die Memes nichtamerikanischen Ursprunges besser, weil die US-Perspektive allzu gern darauf abzielt Trump als jemanden darzustellen,
der gar nicht so ein wahrer Patriot ist, wie die uniformierten Kriegshelden,
der in Wahrheit gar nicht so gläubig ist, wie er tut,
der sich um den Militärdienst drückte,
der schon das dritte mal verheiratet ist,
der sich unchristlich verhält,
der sich aller biblischen Todsünden schuldig macht.

So eine humoreske Stoßrichtung ist einerseits naheliegend, weil sie die Heuchelei der GOPer offenbart, die angeblich so viel Wert auf christliche „family values“ legen und dabei verstößt Trump gegen alle diese Moralvorstellungen.
In der Tat, wer könnte ein extremerer „hypocrite“ als Trump sein?
Ich kann mir nicht vorstellen einen Menschen noch mehr zu verachten als Donald Trump. Der Mann übertrifft in jeder Hinsicht alles bisher Dagewesene.
Aber ausgerechnet die wenigen oben genannten Haupt-Meme-Themen sind die, bei denen sich meine Einstellung nicht mit der amerikanischen Linken decken.

Trumps eheliche Treue hat meines Erachtens nicht die geringste Aussagekraft für seine Eignung als Präsident.
Wäre ich sein Geburtsjahrgang hätte ich sicherlich auch versucht mich mit „bone spurs“ vor dem Vietnamkrieg zu drücken. Ich finde es nicht erstrebenswert dort als Soldat „gedient“ zu haben und bei der Ermordung von Millionen vietnamesischer Zivilisten beteiligt gewesen zu sein.
Daher falle ich auch grundsätzlich nicht vor Ehrfurcht auf die Knie, wenn ich Uniformierte sehe, halte den US-Kult um ihre Veteranen für absurd.
Kein Christ zu sein sehe ich als charakterliches Plus an und im Gegensatz zu frommen amerikanischen Linken, halte ich Trumps Brutalität und seinen Rassismus, seine drastische Frauenfeindlichkeit für nicht etwa unchristlich, sondern für genau das wofür Kirche seit 2000 Jahren steht.

Memes auf Instagram oder Twitter sind eine Art Selbsttherapie, weil man manchmal nur durch Lachen den Irrsinn des real existierenden Trumpismus ertragen kann.
Daher gehöre ich auch nicht zu denjenigen, die pfennigfuchsend die verwendeten Zahlen und Zitate bei Anti-Trump-Bildchen untersuchen.
Sie dienen nur einer augenblicklichen Frust-Abfuhr und sollten nicht als seriöse politische Argumente herhalten.

Memes sind außerdem ein Cyber-Ritual, mit denen man in seinen bevorzugten Themenblasen sein Revier markiert.
Wer über die gleichen Typen lacht – Trump, Devin Nunes, Jim Jordan, Lindsey Graham, FOX, Rudy Giuliani – versteht sich und steckt den Claim ab.
So entsteht die angenehme Blasenwelt, in der man sich selbst dazu verführt zu glauben, alle dächten so wie man selbst.
Das ganze Internet hasse Trump und daher werde er auch bei den Wahlen 2020 keine einzige Stimme mehr bekommen.
Man kann darüber aber vergessen, daß gleichzeitig noch ein ganz anderes Internet mit ganz anderen Memen existiert.

Die sind frei von blasphemische Mashups.


In ihnen ist Trump ein strahlender Held, der sich gegen den Deep State und die linksextremen Amerikahasser behauptet.
Diese Memes zeigen Hilary Clinton als häßliche Teufelin, die zusammen mit den kommunistischen Präsidentschaftskandidaten alles zerstören will, was die USA so groß macht: Waffen, Weihnachten und Weiße.

[……]   Egal, wie klar die Beweise sind, Trumps Anhänger wird das Impeachment nicht beeindrucken. [……]  Zwischen Donald Trump und den ermittelnden Demokraten im amerikanischen Repräsentantenhaus gibt es einen gravierenden Unterschied: Die Verhörtruppe beißt sich terrierhaft in Dokumenten und Zeugen fest, sie wälzt Akte um Akte und wägt Wort für Wort. Der Präsident aber zieht einen einzigen Zettel aus der Tasche, auf den er mit dickem Marker ein paar Zeilen notiert hat. Dabei hätte ein Wort genügt: nothing - nichts wolle er von der Ukraine, kein Gegengeschäft, keine Untersuchung, kein gar nichts. Das Land interessiere ihn nicht.
Die Umlaufbahnen des Planeten Trump und des Impeachment-Planeten haben sich noch nicht wirklich gekreuzt. Auf dem Impeachment-Planeten wohnen die Juristen, Wortklauber und Fährtenleser. Ein, zwei Sätze des Hauptzeugen reichen da aus, um eine Amtsenthebung zu begründen. Auf dem Trump-Planeten gibt es hingegen dicke Marker-Buchstaben, keine Falschaussage, keine Widersprüche, keine Verbindlichkeit. Trump redet und lebt immer für den Augenblick. Wer ihn packen will, muss ihn jetzt und sofort greifen. Ansonsten wird sich der Präsident herauswinden.
Diese Houdini-Strategie hat Trump sein Leben lang einstudiert. Er kann nicht anders, auch weil er immer willfährige Helfer hatte, die statt seiner die Ketten angelegt haben. Michael Cohen, sein langjähriger Anwalt, war so ein Mann fürs Grobe. Er wurde wegen seiner Schmiergeldzahlungen und anderer Vergehen zu drei Jahren Haft verurteilt. Trump hat sich nun einen Anwalt größeren Kalibers genommen: Rudolph Giuliani. Con man nennt man im Englischen diesen Typus, was einerseits Trickbetrüger heißt und andererseits auch Vertrauensmann bedeuten kann. [……]  Für Trumps Klientel stellen die dicken Marker-Buchstaben und die con men kein Problem dar. Ihnen reicht das einfache Wort des Präsidenten. Die Langatmigkeit der Anhörung, die hysterische Begleitung im Fernsehen, die differenzierten Analysen erreichen sie nicht. [……] 

Samstag, 23. November 2019

Die No-Showdown-Partei.


Ja, die arme, arme CDU-Vorsitzende.
Sie musste sich nach nur einem Jahr im Amt so sehr vor der vor fast 20 Jahren ausgemusterten Konkurrenz fürchten, daß sie dramatisch die Machtfrage stellen musste, um nicht gleich wieder in die Wüste gejagt zu werden.

Die Andrea Nahles der CDU ist zwar taktisch maximal ungeschickt, verfügt über kein rhetorisches Talent, spricht schlechter Englisch als eine schwäbische Drittklässlerin, verfügt über den Humor eines Klo-Feudels und hat den politischen Durchblick eines Grottenolms, aber immerhin ist sie in der Lage die Schwächen der innerparteilichen Gegner zu analysieren.

Daher schätzte sie ihren Hauptkritiker, Liebling der Parteirechten und Kuban-Wichsphantasie Friedrich Merz richtig ein:
Der Mann reißt gern aus sicherer Distanz seine Klappe auf, ist hochempfänglich für Schmeicheleien, strebt dahin, wo er sicher weiß bejubelt zu werden, scheut aber das Risiko und nässt sich zuverlässig ein, wenn sich ihm eine Frau entgegenstellt.

Auf dem Leipziger CDU-Bundesparteitag musste Kramp-Karrenbauer gestern kämpfen, sprach volle anderthalb Stunden – und das war nicht nur für sie selbst eine Qual – aber als es darauf ankam, trat sie Merz dahin, wo es ihm richtig weh tut.
Solle er doch „hier und jetzt und heute“ gegen sie antreten und die Führungsfrage klären.
Ein exzellenter Schachzug der homophoben Saarländerin. Denn nun war ihr einerseits erstmals ehrlicher Applaus sicher – selbst die sie hassenden Delegierten bewunderten ihren Mut – aber andererseits, ging sie in Wahrheit gar kein Risiko ein. Sie hatte nämlich Friedrich Merz analysiert und wußte; der ist kein Lafontaine von 1995, der mit einer fulminanten Rede den drögen amtierenden Parteichef Scharping wegfegte. Merz hatte dementsprechend auch sofort die Hosen voll, duckte sich ganz tief und wand sich wie ein winselnder Welpe von dannen.

[….] In den entscheidenden Momenten – und auf die kommt es bekanntlich an – machte Annegret Kramp-Karrenbauer stets alles richtig. Das war auf dem Parteitag vor einem Jahr in Hamburg so, als sie mit einer furiosen Rede überzeugte. Und das war auch gestern so, als die Saarländerin die Machtfrage stellte, die Krone symbolisch auf den leeren Thron legte – wissend, dass da keiner war, der das Format hatte, zuzugreifen. [….] Die Partei hatte sie gestern hinter sich, auch weil ihr prominentester Gegenspieler Friedrich Merz mal wieder als Bettvorleger landete, nachdem er zuvor mit Fundamentalkritik als Tiger gestartet war. Allmählich weiß es jeder in der CDU: Er hatte seine historischen Chancen. Er nutzte sie nie. [….]
(Harald Stutte, Mopo, 23.11.2019)

JU-Chef Kuban ist jetzt sehr traurig.
Zu allem Übel hatte seine Mutterpartei auch noch den Plan den Kanzlerkandidaten per Urwahl zu bestimmen weggefegt und damit die einzig realistische Chance den zaudernden Scheinriesen Friedrich doch noch zum Kanzler zu machen. Es flossen viele Tränen in den Reihen der pyknischen JU-Männerrunde.

Die sich ohne Merkel weiter selbstverzwergende CDU steuert damit auf einen Kanzlerkandidaten Söder zu.

[….] Eine Überlebende, ein Verlierer - und ein großer Gewinner.
Kramp-Karrenbauer kann Leipzig ohne Niederlage verlassen, Merz muss klein beigeben - der lachende Dritte im Wettbewerb der beiden Christdemokraten ist CSU-Chef Söder. [….]

Eine gute Nachricht für GR2.

Eine gute Nachricht auch für Angela Merkel, die dereinst nicht nur eine in einer langen Kette von Unions-Kanzlern sein wird, sondern von Historikern eine singuläre outstanding Position zugesprochen bekommen wird.
Auch ihre Rolle als Parteivorsitzende wird umso mehr verklärt und idealisiert werden, je mehr die Nachfolgerinnen debakulieren und es nicht mehr schaffen die Macht zu garantieren.

[….] In der Krise erfasst die Union eine kuriose Nostalgie - die Partei müsse wieder für Marktwirtschaft stehen wie einst 2003 in Leipzig. Eine schräge Gedankenirrung.
[….] Dabei ist näher betrachtet nicht ganz klar, was an 2003 zum realpolitischen Erfolgsbeispiel taugt. Möglich sogar, dass das, was die Union damals als Wirtschaftsprofil feierte, heute noch weniger ziehen würde als damals ohnehin schon. [….]