Freitag, 6. September 2019

Veränderungen.

Das Szenario wird gerne in Filmen und Büchern verwendet: Eine Person saß lange im Knast oder lag im Koma, wird entlassen, bzw wacht auf und wundert sich, daß jeder auf der Straße ein kleines flaches Ding am Ohr hat oder aber darauf herumtippt.
Die 24/7-Ereichbarkeit hat die Gesellschaft enorm verändert.
Als Angehöriger einer Generation, die damit aufwuchs immer zwei Groschen dabei zu haben, um zur Not eine Telefonzelle benutzen zu können, erscheint mir das heutige Straßenbild gelegentlich extrem lächerlich.
Mütter fahren ihren in Kinderkarren krähenden Nachwuchs spazieren, Hundehalter machen die abendliche Kack-Runde mit ihrem Bello, ohne daß ein Blick auf Gör oder Köter verschwendet wird, weil sie nur am Klugtelefon kleben.
Sind die eigenen Kinder wirklich derart uninteressant geworden, daß man sie keines Blickes mehr würdigt?

Hätte man einen Menschen der 1950er, 1960er oder 1970er für 20 Jahre ins Koma gelegt, würde ihm beim ersten anschließenden Spaziergang jeweils eine sehr veränderte Mode auffallen.
Aber die Menschen auf der Straße verhielten sich nicht grundsätzlich anders als 20 Jahre zuvor. Sie unterhalten sich, sitzen in Cafés, füttern Tauben, lesen in der S-Bahn ein Buch.

Wie ich schon mehrfach schrieb gefallen mir a posteriori die 1980er Jahre am besten, weil sie so divers waren.

(….) In meiner Jugend war es ein großer Fauxpas Frisuren von Mitschülern nachzumachen und die gleichen Moonboots zu tragen.
„Wenn all von einer Klippe springen, tust du das dann etwa auch?“
Individualität war gefragt.
In der Abi-Zeitung gab es Bilder von Individuen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mods, Popper, Punks, Ökos, Langhaarige, Grufties, Edel-Punks, Goths, Müslis und auch die zwei, drei Anzugsträger aus der JU.
Heute sind die Abi-Zeitungen meiner ehemaligen Schule online. Sie haben sich alle hübsch zusammen zu einem Gruppenfoto vor der Aula aufgestellt. (Schon das wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen, weil sich die meisten so einem Massenbild verweigert hätten).
Der nivellierende Effekt der sozialen Medien ist sagenhaft: Alle Mädchen tragen die gleiche Jennifer Aniston-Frisur und alle Jungs tragen streng einheitlichen Dreitage-Bart und Anzug.

Die Jugend wurde sanft gehirngewaschen und vermutlich ohne es selbst zu bemerken optisch in eine Lemming-Armee verwandelt. (….)

Die männlichen Twens der Gegenwart sehen hingegen alle gleich aus.

Und alle eint der Wahn rund um die Uhr am Klugtelefon kleben zu müssen.

Gegenwärtig ändert sich das Straßenbild wieder einmal fundamental.
Über Jahrzehnte dominierten Autos. Dazu gabe es Fußgänger und einige wenige Exoten wie Mofas oder Menschen mit einem Handkarren.

Heute hat sich das Verhältnis stark zu Ungunsten der Autos verschoben.
Es gibt sehr viel mehr Radfahrer, die aber nicht nur durch ihre Anzahl auffallen, sondern durch ihr sehr viel selbstbewußteres Verhalten.
Sie sind viel mehr, sie sind deutlich schneller als früher und sie sind frecher.
Auf den größten und vielbefahrensten Straßen benehmen sie sich wie Autos, wollen den Ton angeben.
Als Kind, das wie fast alle Kinder meiner Generation ständig auf zwei Rädern unterwegs war, lernte ich Autos zu respektieren. Die Dinger sind definitiv stärker als ein Fahrrad und so sahen wir zu den Dingern nicht in die Quere zu kommen, fuhren auf Fußgängerwegen, wichen aus und sahen uns dreimal um, bevor wir auf eine von Autos befahrene Straße wechselten.
Das ist vorbei. Heute heißt es für Radfahrer „Hoppla, jetzt komme ich! Sollen die Autos doch bremsen. Und Hupen nützt eh nichts, da wir sowieso alle Kopfhörer tragen und nichts mitbekommen!“

Zu allem Übel habe ich auch diese Bildervergleiche von Ben Stiller mit seinem Ejakulat am Ohr (There’s Something About Mary) und den Apple Earpods gesehen und denke immer daran, wenn ich Leute diese Dinger tragen sehe.



Mein erstes großes Fahrrad war ein 26er Kettler-Alu-Rad.
Das Ding war nicht nur leicht, sondern auch unfassbar teuer. Wenn ich mich recht erinnere, waren es neu 260 D-Mark. Ich wollte aber unbedingt so ein haben, weil man damit so schnell fahren konnte.
Tatsächlich, im dritten Gang bei ordentlichem Gestrampel kam man auf bis zu 30 km/h.
Heute geben die Leute für ein neues Fahrrad so viel Geld aus wie für einen Gebrauchtwagen und die Dinger fahren in der Stadt auch so schnell wie Autos – nur eben ohne Regeln, Rücksicht und Respekt.

Das Straßenbild hat sich aber nicht nur durch Anzahl, Geschwindigkeit und Fahrverhalten der Radler verändert, sondern es gibt überall rotgetünchte Radwege, die insbesondere den Nachteil haben, daß sie frei bleiben müssen, so daß Lieferwagen nicht mehr ganz rechts auf der Straße anhalten, so daß der nachkommenden Verkehr unproblematisch vorbei kommt, sondern sie bleiben einfach in der Mitte stehen, um den Radweg nicht zu blockieren.
Zu allem Unglück gibt es durch die Online-Bestellwelt 100 mal so viele Lieferwagen wie früher.
Um das Chaos perfekt zu machen gesellen sich dazu auch noch jede Menge Elektrofahrräder, Segways und E-Scooter.
Wir brauchen die natürlich, weil wir viel zu wenig Organspender haben, aber sie machen den Verkehr unerträglich.

Der von mir leidenschaftlich verachtete Fraktionschef der Hamburger Grünen, Anjes Tjarks ist ein Supersportler.
Der ist fit wie ein Turnschuh, zeigt sich auch gern halbnackt beim Schwimmen, ist immer auf dem Fahrrad unterwegs und propagiert extrem penetrant alle anderen sollen auch Fahrrad fahren und zwar nur Fahrrad fahren.

Ich hasse die Radfahrer eigentlich schon deswegen, weil Tjarks sie so vehement befürwortet.

Leider kann ich nicht aus voller Kehle agitieren, da das Fahrrad selbstverständlich unter ökologischem Aspekt dem Auto tatsächlich meilenweit überlegen ist. Im Lichte der Klima- und Ressourcen-Katastrophe und des immer verstopfteren Verkehrs, müssen mehr Leute Rad fahren.

Es wäre nur ganz schön, wenn Tjarks etwas weniger borniert wäre und sich vorstellen könnte, daß es auch Menschen gibt, die nicht ganz so super sportlich sind wie er.
In dieser Hinsicht ist er wie alle Christen. Er hält sich selbst für fabelhaft und meint alle müssten nur seinem Beispiel folgen.
Sehr zaghaft und sehr selten wird nachgefragt, ob er sich eigentlich vorstellen kann, daß es auch alte Menschen gibt, die nicht Rad fahren können.
Aber die Grünen in Hamburg machen nur Politik für die Fitten und jungen Gesunden. Andere Verkehrsteilnehmer kennt Tjarks offenbar gar nicht.

[….] Autos raus aus der Innenstadt, autofreie Zonen in Ottensen. Weniger Parkplätze, mehr schnell Fahrradstraßen und flinke E-Scooter. Die Grünen erklären dem Auto den Krieg. Doch immer mehr alte und körperlich eingeschränkte Menschen fühlen sich durch diese Politik ausgegrenzt. Sie sorgen sich, dass sie nicht mehr mit dem Auto zum Arzt fahren können und fühlen sich zwischen den vielen schnellen Rad- und Scooter-Fahrern unsicher. Machen die Hamburger Grünen eine altenfeindliche Politik? [….]

Tjarks Antworten sind so abgehoben und weltfremd, daß er ungewollt jedes Klischee bestätigt. Er kann nicht über seinen Tellerrand hinausblicken; ist offenbar gänzlich unfähig sich vorzustellen, daß andere Menschen nicht so sein könnten wie er selbst, der ewig grinsende Muskelmann ohne das geringste körperliche Wehwehchen.

„Zudem wird die Mönckebergstraße ohne Busse und Taxis viel übersichtlicher und für Fußgänger und Radfahrer so auch sicherer.“
(AT)

Was für ein unfassbarer Ignorant.
Gebrechliche, Menschen mit sozialen Phobien oder diejenigen, die etwas transportieren müssen, existieren für ihn gar nicht.

Ich zum Beispiel mag nicht unbedingt viel zu alt zum Radfahren sein, aber seit meiner komplizierten Bein-OP vor anderthalb Jahren habe ich noch derart viele Schrauben und Nägel im Knie und Sprunggelenk, daß ein Fahrrad gar nicht in Frage kommt, weil ich die Bewegungen nicht ausführen kann.
Hinzu kommt, daß ich sehr oft den alten Herren kutschiere und dann auch einen Rollator mitnehmen muss.

Es gibt außerdem Zeiten, in denen meine Allergien so extrem sind, daß ich nur im geschlossenen Auto mit Pollen-Filter-Klima-Anlage unterwegs sein kann.

Wieder andere leiden an Ängsten oder Panikattacken – das sind viele Millionen Menschen – so daß öffentliche Verkehrsmittel nicht in Frage kommen.

Ja, sicher, es wäre schön, wenn alle Fahrrad fahren könnten. Natürlich ist das besser für die Umwelt.
 Aber in der echten Welt sind nicht alle kerngesunde junge Sportler ohne Körperfett wie Herr Tjarks.
Es ist der erbärmlichste Landesverband von Habecks Leuten.
Das kann auch Tjarks kaum noch schlimmer machen.

Donnerstag, 5. September 2019

Basis-Drama


Waren die Monty-Python-Filme wirklich lustiger als Live-Übertragungen aus dem britischen Unterhaus?
 Da sieht man wieder einmal; man hätte sich zu Theresa Mays Zeiten nie dazu hinreißen lassen sollen zu denken „noch schlechter kann England nicht regiert werden!“.

Doch, es geht.
Premierminister Johnson poltert Trumpesk durch die demokratischen Institutionen, reißt alles ein und läuft dann immer wieder völlig unvorbereitet, aber mit Karacho gegen die Wand.
Sein eigener Bruder, der ebenfalls als Tory im Parlament sitzt, gab aus Gram und Frust seinen Staatssekretärposten und das Mandat ab.


[….] Wieder soll der Brexit verschoben werden, nichts ist mehr übrig von den einstigen Plänen Boris Johnsons. Die internationale Presse kann nur noch den Kopf schütteln. Die linksliberale slowakische Tageszeitung „Pravda“ spricht am Donnerstag von einem absurdem Theater Johnsons im Brexit-Streit: „Mit der Niederlage im Parlament sind Johnsons Clownereien und sein Servieren von billigen Bonmots anstelle von wohlüberlegten Gedanken und Fakten vorerst hart auf den Boden des britischen Unterhauses aufgeschlagen.“
Die konservative polnische Zeitung „Rzeczpospolita“: „Die EU bereitet sich auf einen chaotischen No-Deal-Brexit vor. Um die eventuellen Kosten dafür abzudecken, hält sie für die Mitgliedsstaaten einen Fond bereit, der normalerweise für den Fall von Naturkatastrophen gedacht ist. Denn aus Sicht der EU ist der Brexit zu einer Naturkatastrophe geworden. Etwas, das man nicht vermeiden kann, wie etwa den Ausbruch eines Vulkans oder ein Erdbeben.“
Die liberale slowakische Tageszeitung „Sme“ gibt zu bedenken: „Die sich beschleunigende Eskalation des Konflikts zwischen beiden Lagern stürzt die älteste Demokratie in ein beispielloses Chaos.“ […..]

Johnson, der ewige Querulant, der bevor er Premierminister wurde, immer wieder gegen seine Parteichefin und Regierungschefin May gestimmt hatte, lässt sich seinerseits keinerlei Widerspruch gefallen. Die 21 Tory-Abgeordneten, darunter prominente Schwergewichte wie den Alterspräsidenten und ehemaligen Schatzkanzler Ken Clarke und den Enkel des Kriegspremiers Winston Churchill, Nicholas Soames, die für den geordneten Brexit gestimmt hatten, ließ er sofort aus der Fraktion werfen. Bei den sehr bald anstehenden Neuwahlen werden sie also nicht mehr aufgestellt.


 Der zweitmächtigste Tory ist Herr Reese-Mogg, der so erzreaktionär und menschenverachtend ist, daß er unmöglich 2019 leben kann, sondern sich offensichtlich um zwei Jahrhunderte verirrt hat, macht sich gemeinsam mit seinem Boss daran die britische Demokratie einzureißen.

[….] Jacob Rees-Mogg ist ungefähr 150 Jahre zu spät geboren, und so ist er im Jahre 2019 Leader of the House. [….] Jacob Rees-Mogg ist ein witziger, gebildeter Reaktionär, zurzeit die informelle Nummer zwei in Boris Johnsons Partei, ein Snob of Snobs, ein Politiker gewordener Investor, dessen persönliches Vermögen jenseits der 50-Millionen-Pfund-Grenze liegt. [….]  Er ist außerdem, pardon the expression, [….], a rich, amusing asshole mit einem stark narzisstischen Zug. Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg sind Brüder im Geiste, auch wenn Johnson wahrscheinlich liberaler ist als Rees-Mogg, obwohl man, wäre man gerade schlecht drauf, auch sagen könnte, dass es bei zwei Neandertalern nicht so wichtig ist, wessen Stirn fliehender aussieht (das ist natürlich nur ein Sprachbild und keinesfalls ein Vergleich). Rees-Mogg ist gegen alles, was modern ist: gegen das Recht auf Abtreibung, gegen Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern/innen, gegen die EU, gegen den Vorrang der Umwelt vor der Wirtschaft. [….]

Bis vor kurzem dachte ich, den Konservativen wären wenigstens die Monarchie und ihre 93-jährige Queen heilig, aber weit gefehlt.
Die Neandertaler trampeln alles nieder.

[…..] Boris Johnson beschädigt seine Partei, das Parlament und auch die Queen. Er will die Macht, und zwar die ganze. Das Parlament hat ihm eine Waffe gegeben, die schärfer nicht sein könnte. [….]

Wie in Amerika - haha #Sharpiegate - verführen diese nie dagewesenen Protuberanzen dazu sich nicht vorstellen zu können, daß solche Regierungschefs wiedergewählt werden könnten.

Aber so viel Optimismus darf man sich nicht gestatten.


In beiden Nationen begünstigt das Mehrheitswahlrecht massiv die Rechte.
In beiden Nationen tobt die ultrarechte fanatische Desinformationspresse des Rupert Murdoch.
In beiden Nationen ist die Hälfte der Bevölkerung unrettbar verblödet.

Und schließlich, in beiden Nationen beeindruckt die Opposition immer wieder mit sagenhafter Ungeschicklichkeit.
Sie lassen sich von den Rechten Talkingspoints vorschreiben, schaffen es nicht ihre eigene Agenda auf die Tagesordnung zu setzen, streiten sich mit Vorliebe untereinander und lassen sich von den Parteigeronten dominieren.

Die amerikanischen Demokraten sind dabei heterogener und haben durchaus politische Talente zu bieten. Es ist keineswegs ausgemacht, wer Trumps Herausforderer wird.
In Großbritannien ist die die Lage noch absurder, weil schon nächsten Monat gewählt werden könnte und dann ein Parteichef Boris Johnson herausfordern wird, den die eigenen Abgeordneten schon mehrfach wegen dessen völliger Unfähigkeit stürzen wollten.
Zudem ist Jeremy Corbyn, der 70-Jährige Gewerkschaftsfunktionär ohne Brexitstrategie, aber dafür mit antisemitischer Vergangenheit sowohl auf Funktionärsebene als auch bei den Wählern extrem unbeliebt.

[….] Im März hatten führende Vertreter der jüdischen Gemeinden in Großbritannien in einem Brief an Labour offenen Antisemitismus beklagt. Insbesondere der Parteivorsitzende Jeremy Corbyn ergreife „immer wieder“ Partei für antisemitische Positionen, hieß es darin. Corbyn sei „ideologisch so sehr auf seine weit links stehende Weltsicht fixiert, dass er den jüdischen Gemeinschaften der Mitte instinktiv feindselig gegenübersteht“. [….]

Corbyn ist derartig unfähig und chaotisch, daß er es geschafft seine Labour-Partei trotz des Lügen-Chaoten Johnson in Umfragen deutlich hinter die Konservativen zurückfallen zu lassen. Das muss man erst mal schaffen.

[…..] Corbyn ist sicher das größte Problem für Labour. Die Antisemitismus-Vorwürfe und sein Image als radikal Linker schaden der Partei. Für die meisten ist er eben ein weltfremder, bärtiger Sandalenträger, der sich weigert, sich bei Zeremonien zu verbeugen. Und so oberflächlich das klingt - auch danach entscheiden Wähler. Labour hätte sicher eine bessere Chance ohne Corbyn und es gibt Leute in der Partei, die den Job machen könnten. Doch Corbyn wird bleiben. […..]

Wie konnte es so eine Groteske Witzfigur an die Labour-Parteispitze bringen?
Ganz einfach, die Spezies der Basis-Mitglieder liebt ihn und wählt ihn immer wieder wider alle Vernunft auf den Chefsessel.
Basisdemokratie ist eine üble Sache. Diktatur der Inkompetenz. Daher bin ich schon sehr beunruhigt, welchen Parteichef sich die SPD-Genossen dieses Jahr zulegen.

Mittwoch, 4. September 2019

Die Deutschen


So wie Deutsche ihre Vorururteile und Stereotypen über die Ossis pflegen, gibt es genauso berechtigte/unberechtigte Pauschalurteile über die Deutschen im Rest der Welt.

(….) Das Spannende an negativen Stereotypen ist natürlich der wahre Kern in ihnen.
Sie sind üblicherweise nicht total aus der Luft gegriffen und es lässt sich trefflich streiten wie viel tatsächlich zutrifft.
Psychologie spielt insofern eine Rolle, weil man Erlebnisse, welche die eigenen Vorurteile bestätigen viel bewußter und deutlicher in Erinnerung behält. (….)

Die wirklich negativen Vorurteile aus der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Militarismus, Humorlosigkeit – wurden von den Deutschen weitgehend verdrängt.
Die noch sehr viel übleren Stereotype, die ab 1933 und erst recht ab 1939 um die Welt gingen, verblassen ebenso.
Kurioserweise wurden dafür Vorurteile aus dem Ende des 18. Jahrhunderts wieder populär. Deutschland, das Volk der Dichter und Denker.
Die deutsche Rechte sucht sich die Stereotype der eigenen Vergangenheit sehr selektiv. Jeder fühlt sich verantwortlich für Beethoven, Schiller und Goethe, niemand für Hugenberg, Breker oder Harlan.
Weniger Fanatische denken weniger in bellizistischen Schablonen, sind sich aber sicher im Rest der Welt für Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe und Pazifismus bewundert und vielleicht auch ein bißchen auf den Arm genommen zu werden.
Als Griechenland in die Finanzkrise schlitterte war es die Bundeskanzlerin höchst selbst, die verkündete, es ginge nicht an am meisten Hilfe zu bekommen, aber am wenigstens zu arbeiten.

Angeblich soll sich sich anschließend bei ihren Beratern beklagt haben so schlecht gebrieft worden zu sein, als überall die europäischen Statistiken zitiert wurden, nach denen Griechen sehr viel mehr Stunden pro Jahr arbeiten als Deutsche.

Das ist typisch für Vorurteile; auch wenn sie auch einem wahren Kern beruhen, überdauernd sie Jahrzehnte. Deutschen halten sich selbst ganz selbstverständlich noch für die fleißigste Nation aller Europäer, obwohl sie längst mehr Urlaub als alle anderen haben, früher in Rente gehen und am wenigsten Wochenarbeitszeit haben.
Dabei ändern sich die Zeiten.

[…..]  “You know the world is going crazy when the best rapper is a white guy, the best golfer is a black guy, the tallest guy in the NBA is Chinese, the Swiss hold the America's Cup, France is accusing the U.S. of arrogance, Germany doesn't want to go to war, and the three most powerful men in America are named "Bush", "Dick", and "Colin." Need I say more?” [….]
(Chris Rock)

So ganz langsam dämmert es den Deutschen, die sich zwei Dekaden als Mülltrennungs-Vorreiter für die umweltbewußteste Nation hielten und den Klimaschutz nur wegen der Bremser in China und den USA nicht weltweit durchsetzen konnten, daß inzwischen wir die Bremser sind, die alle Klimaziele reißen, Selbstverpflichtungen ignorieren, während in China längst Windkraft und Photovoltaik im gigantischen Maßstab aufgezogen werden. Alle nordeuropäischen Nationen bauen Offshore-Windkraftanlagen; nur Deutschland hat das Knowhow verloren, besitzt kein einziges Errichterschiff mehr, das ein Windrad in der Nordsee aufstellen könnte.

Die Deutschen halten sich immer noch für das Land der Ingenieurskunst, bilden sich etwas auf „made in Germany“ ein. Dabei ist das Deutschland im 14. Regierungsjahr Merkel nicht in der Lage ein Smartphone, Tablet oder Notebook zusammen zu schrauben, kann keine emissionsarmen Autos bauen und hat das langsamste Internet Europas. Nigeria und Rumänien haben bessere Mobilfunknetze.

Noch amüsieren wir uns über unser eigenes Totalversagen bei Großprojekten wie Toll Collect, Magnetschwebebahn, Schneller Brüter, BER, Stuttgart 21 oder Elphi.

Aber so langsam entwickeln sich in der Sicht auf Deutschland neue Vorurteile. Die Deutschen als Volk der Technik-Trottel, Elektronik-Esel und Mechanik-Muffel.
Vorurteile, die ähnlich wenig begeistern wie die von den Russen, die alle saufen, den Polen, die alle klauen oder den Italienern mit den Minipimmeln.

Alle Vorurteile sind ungerechte Verallgemeinerungen, aber man leidet doch lieber unter positiven Vorurteilen, wie den Japanern, die alle so höflich sind, den Franzosen, den weltbesten Liebhabern oder Kanadiern, die alle freundlich sind.

Deutschland auf der Schwelle zum dritten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts wird wieder unbeliebter nach den international so guten Jahren zwischen 1998 und 2005, sowie des kurzen positiven Peaks 2015, nachdem Merkel mit Unilateralismus und Borniertheit („man spricht wieder deutsch in Brüssel“, „Austerität“) das europäische Ansehen, aber auch den europäischen Einfluss schliff.

Die deutschen Reiseweltmeister haben noch nicht gelernt bescheidener aufzutreten, poltern mit der selbstverständlichen Erwartung königlicher Behandlung durch touristische Hotspots. Dabei gilt „man spricht deutsch“ und erwartet in Italien Berliner Schrippen und Leberwurstbrot.

[….]  Eine internationale YouGov-Umfrage in 26 Ländern offenbart, welche Nationen als Touristen die beliebtesten und welche die unbeliebtesten sind. 
[….]  In vielen Ländern dürften die Bewohner froh sein, dass die Deutschen wieder abgereist sind, denn diese zählen zu den weniger beliebten Touristen im internationalen Vergleich. Im Gesamtvergleich landen sie in allen europäischen Ländern in der Top 5 der schlimmsten Touristen, besonders unbeliebt sind sie bei Spaniern (17 Prozent) und Norwegern (16 Prozent). Aber auch 15 Prozent der Deutschen geben an, dass die eigenen Landsleute zu den schlimmsten Touristen zählen. Nur unbeliebter sind im Schnitt die Briten und die Russen. Besonders schlecht schneiden die Briten in Spanien (46 Prozent) und Deutschland (39 Prozent) ab. [….]  Gleichzeitig wurde in der Befragung auch nach den „besten Touristen“ gefragt. Hier zeigt sich, dass in Europa nicht die direkten Nachbarn, sondern Besucher aus Japan beliebt sind. In Finnland (26 Prozent), Frankreich (18 Prozent) und Großbritannien (15 Prozent) freut man sich am meisten über Japaner als Touristen. Und auch in Asien ist man begeistert von den japanischen Touristen, besonders in Singapur (43 Prozent). [….]  Die Deutschen (40 Prozent) und Briten (29 Prozent) sind es auch, die am seltensten eine positive Wahrnehmung von Touristen ihres Lands im Ausland haben. [….] 

Immerhin, auch das ist vielleicht typisch deutsch; viele kennen schon die Klischees von den Frühaufstehern, die mit Handtüchern die Strandliegen besetzen und geben sich Mühe im Ausland nicht als Deutsche erkannt zu werden.
Da sind meine deutsche und meine amerikanische Seele sehr nah; auch als Ami gibt man sich auf Reisen lieber als Kanadier aus, weil man sich für seine eigenen Landsleute so schämt.

Dienstag, 3. September 2019

Der Christ des Tages – Teil XCI


Wie wir wissen kommen Trumps intensivste Unterstützer aus dem Kosmos der Evangelikalen. Wer die Bibel wörtlich nimmt und mit der baldigen Rückkehr Jesu auf die Erde rechnet, erkennt in Trump den idealen Protagonisten christlicher Werte.
So sind auch Trumps „spiritual adviser“ seine wichtigsten Unterstützer, loben und preisen ihn bei FOX und Co.
Da die USA von Unwettern und Amokläufen heimgesucht werden, ist der weise Rat der Ethik-Experten wichtiger denn je.

[…..] Anti-Semitism for Jesus and the GOP: Robert Jeffress, Texas megachurch pastor and one of Trump’s closest spiritual advisors, warns Jews that they and their children will be cursed by God if they vote for Democrats. [….]

[….]  Tony Perkins Blames Texas Mass Shooting on Teaching Evolution in School[…..] Perkins, as usual, shifted to blaming an “absence of morality.” As if atheism and science were inspiring all these mass shootings.
[…..] “Really, the result of the decades-long march through the institutions of America, driving religion and God from the public square.” […..]
(Hemant Mehta, September 1, 2019)

[…..] This Thursday, a congregation of Florida Christians gathered at the Jacksonville Beach pier to face down the incoming Hurricane Dorian. […..], they were there to battle back the storm with the power of prayer, […..]
“We’re coming out here as group of believers like we did 2 years ago for Hurricane Irma,” Mary Paker told the local news channel. “We came and got in a circle and prayed and we sang.” […..]

Das Beten und Predigen an sich ist ungefährlich. Es ist ähnlich wie Masturbation – schön für diejenigen, die es gemeinsam tun, hat aber keinen Effekt auf Diejenigen, an die währenddessen gedacht wird.
Richtig schräg und hochgefährlich wird es erst, wenn diese „spiritual“ Aktivitäten ernst genommen werden und auch noch zu allem Übel Politiker mit echter Macht anfangen den Humbug in der Realität umzusetzen.

Nach den jüngsten Mass-Shotings in den Texanischen Städten El Paso (22 Tote) und Odessa (acht Tote) wurden die ohnehin lauen Waffengesetze in Texas zum 01.09.2019 weiter gelockert.

[…..]  Ten new pro-gun laws will take effect in Texas in four weeks, less than a month after 22 people died in a mass shooting at a Walmart in El Paso.
Gov. Greg Abbott signed the measures after they were passed in a 2019 legislative session that the National Rifle Association, or NRA, called "highly successful" at the time, celebrating that the measures "will further loosen Texas' permissive gun laws" and would send the "gun control crowd home empty-handed."
Texas is home to almost 1.4 million holders of active firearm licenses, and five of the 20 deadliest mass shootings in the United States since 1900 have occurred in the state. Among them is the rampage in El Paso, where authorities said Monday that the number of deaths had risen to 22. […..]

[….] Die neuen Bestimmungen werden am 1. September in Kraft treten. Die neuen Gesetze erlauben es lizenzierten Waffenbesitzern, Schusswaffen oder Munition künftig auch in eine Kirche mitzunehmen - es sei denn, die Kirche erklärt ausdrücklich, dass sie Waffen auf ihrem Gelände verbietet.
Von der neuen Regelung sind auch Schulen betroffen. wer die Erlaubnis hat, Waffen zu besitzen, darf diese künftig in einem verschlossenen Fahrzeug auf einem Schulparkplatz aufbewahren - vorausgesetzt, sie sind nicht zu sehen. [….]

Damit komme ich zum Christen des Tages Nr. 91, der nicht nur 100%iger frommer Christ ist, sondern auch Politiker und Abgeordneter in Texas: Matt Schaefer, der Bilderbuch-Volksvertreter mit Bilderbuchfamilie und Bilderbuch-Vita.
Der überzeugte Republikaner und Jesus-Fan beschreibt sich selbst wie folgt:

[…..]  Matt Schaefer is a Christian, a husband, and a father. He is married to Jasilyn, who directs the Apache Belles of Tyler Junior College. They are parents to two young children, a daughter Quincy and a son Graham. Matt has broad and unique experience in the private sector and in public service. He is currently a Lieutenant Commander in the U.S. Navy Reserve and in 2010 he served in Afghanistan near the Iranian border with a provincial reconstruction team. […..] He was first elected to the Texas House of Representatives, District 6 in November of 2012 […..] He is chairman of the Texas Freedom Caucus.
[…..] He and Jasilyn are proud to make their home in Tyler where they met in Sunday school at Green Acres Baptist Church and were married in 2001. […..] Matt and Jasilyn remain active members of Green Acres Baptist Church. […..] His work ethic, family life, and faith in God enable him to be a strong conservative leader for East Texas. [….]

Der GOP-Abgeordnete betet nicht nur privat, sondern setzt die christliche Überzeugung in Politik um.
Daher kennt er auch die einzige wirksame Methode, um diese Massenschießereien und Amokläufe zu beenden: Mehr Waffen und mehr beten!
Daß der demokratische Präsidentschaftskandidat Beto O’Rouke aus Texas es wagt den Verkauf von Assault-Gewehren einschränken zu wollen, bringt den frommen Matt auf die Palme!


[….]  “Do something!” is the statement we keep hearing. As an elected official with a vote in Austin, let me tell you what I am NOT going to do. I am NOT going to use the evil acts of a handful of people to diminish the God-given rights of my fellow Texans. Period. None of these so-called gun-control solutions will work to stop a person with evil intent. I say NO to “red flag” pre-crime laws. NO to universal background checks. NO to bans on AR-15s, or high capacity magazines. NO to mandatory gun buybacks. What can we do? YES to praying for victims. YES to praying for protection. YES to praying that God would transform the hearts of people with evil intent. YES to fathers not leaving their wives and children. YES to discipline in the homes. YES to supporting our public schools. YES to giving every law-abiding single mom the right to carry a handgun to protect her and her kids without permission from the state, and the same for all other law-abiding Texans of age. YES to your God-given, constitutionally protected rights. YES to God, and NO to more government intrusions. [….]

Genau, Gott hat uns die automatischen Maschinengewehre gegeben und jeder, der das anzweifelt ist von Satan besessen!
Und so wettert der christliche Texaner auf allen social media Kanälen gegen die bösartigen Demokraten, die es wagen darüber nachzudenken, ob es schlau ist psychisch Kranken und Berufsverbrechern AK47s oder Uzis in die Hand zu drücken.


Tausende gläubige Christen stimmen ihm zu, verteilen Herzen und Likes für so eine vorbildliche Politik.

[….] State Rep. Matt Schaefer illustrated just how opposed to any type of gun control many elected Republicans are when he staunchly stood up against making any changes to current law mere hours after two towns in his home state were terrorized by a gunman who went on a random shooting rampage. At a time when the death toll of the West Texas mass shooting wasn’t even clear yet, Schaefer went on a rant on social media making clear that the fact that a 17-month-old child was shot wouldn’t make him think that perhaps some gun control could be beneficial. After all, he insists, the problem isn’t the guns but evil. [….]

Beto O’Rourke, der Matt Schaefer jetzt so fürchterlich aufregt mit seinen Vorschlägen für striktere Waffengesetzte trat 2018 zu den Midterms als Kandidat für den US-Senat in Texas an.
Die klugen frommen Wähler gaben ihm natürlich nicht die Mehrheit, sondern schickten den radikalen Waffenfan Ted Cruz als Senator nach Washington.