Mittwoch, 4. September 2019

Die Deutschen


So wie Deutsche ihre Vorururteile und Stereotypen über die Ossis pflegen, gibt es genauso berechtigte/unberechtigte Pauschalurteile über die Deutschen im Rest der Welt.

(….) Das Spannende an negativen Stereotypen ist natürlich der wahre Kern in ihnen.
Sie sind üblicherweise nicht total aus der Luft gegriffen und es lässt sich trefflich streiten wie viel tatsächlich zutrifft.
Psychologie spielt insofern eine Rolle, weil man Erlebnisse, welche die eigenen Vorurteile bestätigen viel bewußter und deutlicher in Erinnerung behält. (….)

Die wirklich negativen Vorurteile aus der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Militarismus, Humorlosigkeit – wurden von den Deutschen weitgehend verdrängt.
Die noch sehr viel übleren Stereotype, die ab 1933 und erst recht ab 1939 um die Welt gingen, verblassen ebenso.
Kurioserweise wurden dafür Vorurteile aus dem Ende des 18. Jahrhunderts wieder populär. Deutschland, das Volk der Dichter und Denker.
Die deutsche Rechte sucht sich die Stereotype der eigenen Vergangenheit sehr selektiv. Jeder fühlt sich verantwortlich für Beethoven, Schiller und Goethe, niemand für Hugenberg, Breker oder Harlan.
Weniger Fanatische denken weniger in bellizistischen Schablonen, sind sich aber sicher im Rest der Welt für Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe und Pazifismus bewundert und vielleicht auch ein bißchen auf den Arm genommen zu werden.
Als Griechenland in die Finanzkrise schlitterte war es die Bundeskanzlerin höchst selbst, die verkündete, es ginge nicht an am meisten Hilfe zu bekommen, aber am wenigstens zu arbeiten.

Angeblich soll sich sich anschließend bei ihren Beratern beklagt haben so schlecht gebrieft worden zu sein, als überall die europäischen Statistiken zitiert wurden, nach denen Griechen sehr viel mehr Stunden pro Jahr arbeiten als Deutsche.

Das ist typisch für Vorurteile; auch wenn sie auch einem wahren Kern beruhen, überdauernd sie Jahrzehnte. Deutschen halten sich selbst ganz selbstverständlich noch für die fleißigste Nation aller Europäer, obwohl sie längst mehr Urlaub als alle anderen haben, früher in Rente gehen und am wenigsten Wochenarbeitszeit haben.
Dabei ändern sich die Zeiten.

[…..]  “You know the world is going crazy when the best rapper is a white guy, the best golfer is a black guy, the tallest guy in the NBA is Chinese, the Swiss hold the America's Cup, France is accusing the U.S. of arrogance, Germany doesn't want to go to war, and the three most powerful men in America are named "Bush", "Dick", and "Colin." Need I say more?” [….]
(Chris Rock)

So ganz langsam dämmert es den Deutschen, die sich zwei Dekaden als Mülltrennungs-Vorreiter für die umweltbewußteste Nation hielten und den Klimaschutz nur wegen der Bremser in China und den USA nicht weltweit durchsetzen konnten, daß inzwischen wir die Bremser sind, die alle Klimaziele reißen, Selbstverpflichtungen ignorieren, während in China längst Windkraft und Photovoltaik im gigantischen Maßstab aufgezogen werden. Alle nordeuropäischen Nationen bauen Offshore-Windkraftanlagen; nur Deutschland hat das Knowhow verloren, besitzt kein einziges Errichterschiff mehr, das ein Windrad in der Nordsee aufstellen könnte.

Die Deutschen halten sich immer noch für das Land der Ingenieurskunst, bilden sich etwas auf „made in Germany“ ein. Dabei ist das Deutschland im 14. Regierungsjahr Merkel nicht in der Lage ein Smartphone, Tablet oder Notebook zusammen zu schrauben, kann keine emissionsarmen Autos bauen und hat das langsamste Internet Europas. Nigeria und Rumänien haben bessere Mobilfunknetze.

Noch amüsieren wir uns über unser eigenes Totalversagen bei Großprojekten wie Toll Collect, Magnetschwebebahn, Schneller Brüter, BER, Stuttgart 21 oder Elphi.

Aber so langsam entwickeln sich in der Sicht auf Deutschland neue Vorurteile. Die Deutschen als Volk der Technik-Trottel, Elektronik-Esel und Mechanik-Muffel.
Vorurteile, die ähnlich wenig begeistern wie die von den Russen, die alle saufen, den Polen, die alle klauen oder den Italienern mit den Minipimmeln.

Alle Vorurteile sind ungerechte Verallgemeinerungen, aber man leidet doch lieber unter positiven Vorurteilen, wie den Japanern, die alle so höflich sind, den Franzosen, den weltbesten Liebhabern oder Kanadiern, die alle freundlich sind.

Deutschland auf der Schwelle zum dritten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts wird wieder unbeliebter nach den international so guten Jahren zwischen 1998 und 2005, sowie des kurzen positiven Peaks 2015, nachdem Merkel mit Unilateralismus und Borniertheit („man spricht wieder deutsch in Brüssel“, „Austerität“) das europäische Ansehen, aber auch den europäischen Einfluss schliff.

Die deutschen Reiseweltmeister haben noch nicht gelernt bescheidener aufzutreten, poltern mit der selbstverständlichen Erwartung königlicher Behandlung durch touristische Hotspots. Dabei gilt „man spricht deutsch“ und erwartet in Italien Berliner Schrippen und Leberwurstbrot.

[….]  Eine internationale YouGov-Umfrage in 26 Ländern offenbart, welche Nationen als Touristen die beliebtesten und welche die unbeliebtesten sind. 
[….]  In vielen Ländern dürften die Bewohner froh sein, dass die Deutschen wieder abgereist sind, denn diese zählen zu den weniger beliebten Touristen im internationalen Vergleich. Im Gesamtvergleich landen sie in allen europäischen Ländern in der Top 5 der schlimmsten Touristen, besonders unbeliebt sind sie bei Spaniern (17 Prozent) und Norwegern (16 Prozent). Aber auch 15 Prozent der Deutschen geben an, dass die eigenen Landsleute zu den schlimmsten Touristen zählen. Nur unbeliebter sind im Schnitt die Briten und die Russen. Besonders schlecht schneiden die Briten in Spanien (46 Prozent) und Deutschland (39 Prozent) ab. [….]  Gleichzeitig wurde in der Befragung auch nach den „besten Touristen“ gefragt. Hier zeigt sich, dass in Europa nicht die direkten Nachbarn, sondern Besucher aus Japan beliebt sind. In Finnland (26 Prozent), Frankreich (18 Prozent) und Großbritannien (15 Prozent) freut man sich am meisten über Japaner als Touristen. Und auch in Asien ist man begeistert von den japanischen Touristen, besonders in Singapur (43 Prozent). [….]  Die Deutschen (40 Prozent) und Briten (29 Prozent) sind es auch, die am seltensten eine positive Wahrnehmung von Touristen ihres Lands im Ausland haben. [….] 

Immerhin, auch das ist vielleicht typisch deutsch; viele kennen schon die Klischees von den Frühaufstehern, die mit Handtüchern die Strandliegen besetzen und geben sich Mühe im Ausland nicht als Deutsche erkannt zu werden.
Da sind meine deutsche und meine amerikanische Seele sehr nah; auch als Ami gibt man sich auf Reisen lieber als Kanadier aus, weil man sich für seine eigenen Landsleute so schämt.

Dienstag, 3. September 2019

Der Christ des Tages – Teil XCI


Wie wir wissen kommen Trumps intensivste Unterstützer aus dem Kosmos der Evangelikalen. Wer die Bibel wörtlich nimmt und mit der baldigen Rückkehr Jesu auf die Erde rechnet, erkennt in Trump den idealen Protagonisten christlicher Werte.
So sind auch Trumps „spiritual adviser“ seine wichtigsten Unterstützer, loben und preisen ihn bei FOX und Co.
Da die USA von Unwettern und Amokläufen heimgesucht werden, ist der weise Rat der Ethik-Experten wichtiger denn je.

[…..] Anti-Semitism for Jesus and the GOP: Robert Jeffress, Texas megachurch pastor and one of Trump’s closest spiritual advisors, warns Jews that they and their children will be cursed by God if they vote for Democrats. [….]

[….]  Tony Perkins Blames Texas Mass Shooting on Teaching Evolution in School[…..] Perkins, as usual, shifted to blaming an “absence of morality.” As if atheism and science were inspiring all these mass shootings.
[…..] “Really, the result of the decades-long march through the institutions of America, driving religion and God from the public square.” […..]
(Hemant Mehta, September 1, 2019)

[…..] This Thursday, a congregation of Florida Christians gathered at the Jacksonville Beach pier to face down the incoming Hurricane Dorian. […..], they were there to battle back the storm with the power of prayer, […..]
“We’re coming out here as group of believers like we did 2 years ago for Hurricane Irma,” Mary Paker told the local news channel. “We came and got in a circle and prayed and we sang.” […..]

Das Beten und Predigen an sich ist ungefährlich. Es ist ähnlich wie Masturbation – schön für diejenigen, die es gemeinsam tun, hat aber keinen Effekt auf Diejenigen, an die währenddessen gedacht wird.
Richtig schräg und hochgefährlich wird es erst, wenn diese „spiritual“ Aktivitäten ernst genommen werden und auch noch zu allem Übel Politiker mit echter Macht anfangen den Humbug in der Realität umzusetzen.

Nach den jüngsten Mass-Shotings in den Texanischen Städten El Paso (22 Tote) und Odessa (acht Tote) wurden die ohnehin lauen Waffengesetze in Texas zum 01.09.2019 weiter gelockert.

[…..]  Ten new pro-gun laws will take effect in Texas in four weeks, less than a month after 22 people died in a mass shooting at a Walmart in El Paso.
Gov. Greg Abbott signed the measures after they were passed in a 2019 legislative session that the National Rifle Association, or NRA, called "highly successful" at the time, celebrating that the measures "will further loosen Texas' permissive gun laws" and would send the "gun control crowd home empty-handed."
Texas is home to almost 1.4 million holders of active firearm licenses, and five of the 20 deadliest mass shootings in the United States since 1900 have occurred in the state. Among them is the rampage in El Paso, where authorities said Monday that the number of deaths had risen to 22. […..]

[….] Die neuen Bestimmungen werden am 1. September in Kraft treten. Die neuen Gesetze erlauben es lizenzierten Waffenbesitzern, Schusswaffen oder Munition künftig auch in eine Kirche mitzunehmen - es sei denn, die Kirche erklärt ausdrücklich, dass sie Waffen auf ihrem Gelände verbietet.
Von der neuen Regelung sind auch Schulen betroffen. wer die Erlaubnis hat, Waffen zu besitzen, darf diese künftig in einem verschlossenen Fahrzeug auf einem Schulparkplatz aufbewahren - vorausgesetzt, sie sind nicht zu sehen. [….]

Damit komme ich zum Christen des Tages Nr. 91, der nicht nur 100%iger frommer Christ ist, sondern auch Politiker und Abgeordneter in Texas: Matt Schaefer, der Bilderbuch-Volksvertreter mit Bilderbuchfamilie und Bilderbuch-Vita.
Der überzeugte Republikaner und Jesus-Fan beschreibt sich selbst wie folgt:

[…..]  Matt Schaefer is a Christian, a husband, and a father. He is married to Jasilyn, who directs the Apache Belles of Tyler Junior College. They are parents to two young children, a daughter Quincy and a son Graham. Matt has broad and unique experience in the private sector and in public service. He is currently a Lieutenant Commander in the U.S. Navy Reserve and in 2010 he served in Afghanistan near the Iranian border with a provincial reconstruction team. […..] He was first elected to the Texas House of Representatives, District 6 in November of 2012 […..] He is chairman of the Texas Freedom Caucus.
[…..] He and Jasilyn are proud to make their home in Tyler where they met in Sunday school at Green Acres Baptist Church and were married in 2001. […..] Matt and Jasilyn remain active members of Green Acres Baptist Church. […..] His work ethic, family life, and faith in God enable him to be a strong conservative leader for East Texas. [….]

Der GOP-Abgeordnete betet nicht nur privat, sondern setzt die christliche Überzeugung in Politik um.
Daher kennt er auch die einzige wirksame Methode, um diese Massenschießereien und Amokläufe zu beenden: Mehr Waffen und mehr beten!
Daß der demokratische Präsidentschaftskandidat Beto O’Rouke aus Texas es wagt den Verkauf von Assault-Gewehren einschränken zu wollen, bringt den frommen Matt auf die Palme!


[….]  “Do something!” is the statement we keep hearing. As an elected official with a vote in Austin, let me tell you what I am NOT going to do. I am NOT going to use the evil acts of a handful of people to diminish the God-given rights of my fellow Texans. Period. None of these so-called gun-control solutions will work to stop a person with evil intent. I say NO to “red flag” pre-crime laws. NO to universal background checks. NO to bans on AR-15s, or high capacity magazines. NO to mandatory gun buybacks. What can we do? YES to praying for victims. YES to praying for protection. YES to praying that God would transform the hearts of people with evil intent. YES to fathers not leaving their wives and children. YES to discipline in the homes. YES to supporting our public schools. YES to giving every law-abiding single mom the right to carry a handgun to protect her and her kids without permission from the state, and the same for all other law-abiding Texans of age. YES to your God-given, constitutionally protected rights. YES to God, and NO to more government intrusions. [….]

Genau, Gott hat uns die automatischen Maschinengewehre gegeben und jeder, der das anzweifelt ist von Satan besessen!
Und so wettert der christliche Texaner auf allen social media Kanälen gegen die bösartigen Demokraten, die es wagen darüber nachzudenken, ob es schlau ist psychisch Kranken und Berufsverbrechern AK47s oder Uzis in die Hand zu drücken.


Tausende gläubige Christen stimmen ihm zu, verteilen Herzen und Likes für so eine vorbildliche Politik.

[….] State Rep. Matt Schaefer illustrated just how opposed to any type of gun control many elected Republicans are when he staunchly stood up against making any changes to current law mere hours after two towns in his home state were terrorized by a gunman who went on a random shooting rampage. At a time when the death toll of the West Texas mass shooting wasn’t even clear yet, Schaefer went on a rant on social media making clear that the fact that a 17-month-old child was shot wouldn’t make him think that perhaps some gun control could be beneficial. After all, he insists, the problem isn’t the guns but evil. [….]

Beto O’Rourke, der Matt Schaefer jetzt so fürchterlich aufregt mit seinen Vorschlägen für striktere Waffengesetzte trat 2018 zu den Midterms als Kandidat für den US-Senat in Texas an.
Die klugen frommen Wähler gaben ihm natürlich nicht die Mehrheit, sondern schickten den radikalen Waffenfan Ted Cruz als Senator nach Washington.

Montag, 2. September 2019

Die Abgründe sind tiefer.


Nach der gestrigen Wahl scheint mir so eine Art Überbietungswettbewerb in der Disziplin „Verständnis für AfD-Wähler“ ausgebrochen zu sein.

[…] Kramp-Karrenbauer sagte, die Erneuerung müsse mit den Schritten Zuhören, Verstehen, Diskutieren und Entscheiden erfolgen. Mit Blick auf die Rechtspopulisten von der AfD betonte sie, die CDU kämpfe um jeden Wähler, egal, ob dieser der CDU seine Stimme gegeben habe oder nicht. […]
(FAZ, 02.09.19)

Auch der bayerische Ministerpräsident tut so, als gäbe es einen nachvollziehbaren Zusammenhang aus schlechter Groko-Performance und 27,5% AfD in Sachsen.

[….] Nach den Erfolgen der AfD bei den Wahlen in Brandenburg und Sachsen fordert CSU-Chef Markus Söder eine bessere Zusammenarbeit der großen Koalition im Bund. „Natürlich kann man jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. Das Ergebnis der AfD ist viel zu hoch“, sagte der bayerische Ministerpräsident am Montag vor seinem Auftritt auf dem Gillamoos-Volksfest im niederbayerischen Abensberg der Deutschen Presse-Agentur. Es sei entscheidend, die Regierungsarbeit in Berlin zu verbessern und Ergebnisse zu liefern. „Daher ergeht der Appell an die SPD, trotz der innerparteilichen Klärungsprozesse konstruktiv in der Klima- und Konjunkturpolitik an Ergebnissen zu arbeiten.“ [….]
(Welt, 02.09.2019)

Das ist Dummdreistheit und Chuzpe, wie sie nur ein CSU-Chef aufbringt:
Die eindeutigen Aktivposten der Groko sind die SPD-Minister.
Alle Unionsminister sind Großversager und die größten Totalausfälle sind eindeutig Söders Leute; Scheuer und Seehofer; aber er deutet frech mit seinen schmutzigen Fingern auf die Sozis.


 
Nun gibt es viele Gründe mit der Groko unzufrieden zu sein. Das Image ist eine Katastrophe und die CDUCSU-Minister sind allesamt Fehlbesetzungen.
Aber es gibt keine bessere Alternative und insbesondere Dank der SPD-Minister arbeitet die aktuelle Groko ehrlicher und fleißiger als alle Bisherigen.
Dennoch bleibt es jedem unbenommen sich andere Regierungen zu wünschen.
Ich tue das auch; wenngleich ich der altmodischen Vorstellung anhänge, daß man auch die Realität und Wahlergebnisse akzeptieren muss.
Wahlergebnisse, die mich verstören, erschrecken und auch wie gestern in Brandenburg und Sachsen gewaltigen Brechreiz auslösen.
Es ist aber keine Option den Kopf in den Sand zu stecken, mit den Beinen aufzustampfen und trotzig zu jammern „ich will lieber Grün-Rot regiert werden“, wenn Grüne und Rote im Bundestag meilenweit von einer Mehrheit entfernt sind.

Unzufriedenheit, Trotz, Wut und alle andere Gefühle sind keine Rechtfertigung dafür Nazis der ostdeutschen Flügel-AfD zu wählen.


"Die Ergebnisse der Landtagswahlen sind erschreckend. Dass eine so offen rechtsradikal, antidemokratisch und oft genug auch antisemitisch auftretende Partei wie die AfD derart stark abschneiden konnte, ist schockierend."
 - Charlotte knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München.



Ich will keine Entschuldigungen mehr hören, die inseminieren irgendwelche Bundesminister, Berliner Koalitionen, Befindlichkeiten, Partei-Personalentscheidungen oder persönliche Malaisen führten auf ominösen Gleisen zwangsweise dazu Neonazis in Rekordstärke in die Parlamente zu schicken.
Nichts rechtfertigt es die AfD zu wählen.


Es gibt keinen Automatismus, keinen nachvollziehbaren Groll, der zu so einer Wahlentscheidung führt.
Man wählt die AfD nur aus zwei Gründen; entweder man ist so unfassbar dumm, daß man nicht mitbekommt wie völkisch-rechtsradikal die End-deutschen Flügelfiguren Höcke und Kalbitz sind, oder aber man ist selbst ein Nazifreund.

Sonntag, 1. September 2019

Impudenz des Monats August 2019


Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Es sind, wie könnte es anders sein, die neuen Nazis in den Ost-Bundesländern.

Also diesen Monat kann sich kein Ossi darüber beklagen zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, nicht gehört zu werden.

Reporter, Politologen, Soziologen und natürlich auch Politiker schwärmen schon das ganze Jahr aus, befragen jeden einzelnen Sachsen und Brandenburger persönlich und verbreiten ihre Erkenntnisse wohlwollend.

Sie fühlen sich abgehängt, mit Denk-Tabus belegt, minderbeachtet und möchten, daß man sich mehr um sie kümmert.

[….] An der Straße treffen wir Florian. Er lebt von 1.500 Euro, sagt er, ist freiberuflicher Handwerker. Sein Vater arbeitete hier in der LPG und verlor seine Stelle nach der Wende. Die Familie zerbrach.
Florian: „Wir haben Berlin versorgt über Jahrhunderte und die haben uns einfach vergessen. Wir mussten … Die Turnhalle ist zu, Gemeinde kein Geld mehr, Kita ist zu, Grundschule ist zu. Dann muss ich ein Auto haben und muss die Kinder rüber, verstehst du? So und das ist nun mal historisch. Die haben uns einfach vergessen. Und dann erzählen mir Politiker, sie könnten nichts tun. Wer hat denn die Macht im Land, verdammte Scheiße? Und deshalb AfD, weil das sind die einzigen, die uns ernst nehmen hier. Und ich habe lieber ne Partei, wo die Inhalte noch so sind, weil sie neu ist, hab ich kein Problem.“
AfD aus Protest, Programm egal. Märkisch-Oderland ist AfD-Land. In einigen Ortschaften erreichte sie über 40 Prozent bei den Europawahlen. Die Partei gibt sich als der neue Kümmerer, neuerdings auch mit sozialen Parolen. Der Kandidat kommt aus Bayern. Blicken lässt er sich nur selten, hören wir. Viele Versprechungen, koste es was es wolle. [….]

Sie, „die Ossis“ sind dabei in Wahrheit nur ungefähr jeder Vierte.
75% wählen nicht AfNPD!
Die Gebildeten und Anständigen, die Urbanen und Erfolgreichen tun es weniger, die sogenannten „Abgehängten“, die Zurückgebliebenen in sterbenden dünn besiedelten Landstrichen sind umso mehr von Gefühlen dominiert:
Sie möchten endlich wieder an die Hand genommen werden und nicht mehr eigenverantwortlich sein. Sie wollen einen Nanny-Staat, verklären die DDR, die Wohnungen, Jobs, Absicherung, Krankenversicherung garantierte.
Dezent vergessen werden dabei der allgegenwärtige Mangel und die Tatsache, daß sich die DDR selbst die vergleichsweise niedrigen sozialen Standards (Wohnungen ohne Klo, kein Telefon, kein Auto, keine Auswahl in den Läden, kein internationales Fernsehen oder Musik) nicht leisten konnte und spektakulär pleiteging.

Über jede soziale oder Verteilungsfrage kann und darf man nicht nur diskutieren, sondern darüber wird auch diskutiert.

Aber ich staune über die Chuzpe mit der Ossis insbesondere in Sachsen meinen ihre sozialen Anliegen wären bei ganz Rechts gut aufgehoben, obwohl die AfD entweder gar keine Konzepte hat oder aber marktradikale Positionen vertritt, die die Abgehängten sehr viel schlechter dastehen ließe.
Mit der LINKEN gibt es eine Partei, die viel sozialere Politik propagiert. Aber die ist in 30 Jahren Sachsen noch nie in die Regierung gewählt worden. Seit Helmut Kohl 1990 wählen die Ossis auf Bundesebene schwarz und wundern sich, daß keine rote Politik gemacht wird, so daß sie es jetzt mit braun versuchen.

Noch viel erschreckender als diese sagenhafte Doofheit der Ossis (gemeint ist immer die deutliche Minderheit, die der völkischen AfD nachrennt und mit Pegida marschiert), ist aber die bornierte Geschichtsblindheit, mit der sie ausgerechnet am 01.09.19, also dem 80stgen Jahrestag des Überfalls der Nazis auf Polen, in dessen Folge die Deutschen ein Fünftel der polnischen Bevölkerung, 27 Millionen Bürger der Sowjet Union, sechs Millionen Juden und weltweit mehr als 60 Millionen Menschen töteten oder deren Tod mittelbar verursachten, wieder offen Nazi-affine Parteien unterstützen.

Der völkisch-nationalistische Andreas Kalbitz, Landesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD Brandenburg, sowie mächtiger Strippenzieher des ultrarechten „Flügels“ der Partei, hat nicht nur eine NPD-Vergangenheit, sondern passt sich auch optisch an Heinrich Himmler an.



Wir kennen das von Bernd Höcke, der sich auch ungeniert bei Goebbels und Hitler bedient, teilweise identische Formulierungen benutzt und von der daraus resultierenden Empörung profitiert.

 AfD wählende Ossis sind wie Trumpwähler. Sie stimmen nicht trotz der offensichtlichen Hetze und des Rassismus‘ für den „Flügel“, sondern gerade deswegen.
Nein, die Mehrheit der Ossis ist nicht so, aber jeder Vierte ist dennoch abartig viel.
Niemand kann behaupten, er wüßte nicht für was für eine Partei er heute in Sachsen und Brandenburg gestimmt hat.


Wer in den Landstrichen mit dem mit Abstand geringsten Ausländeranteil auf rassistischen Hasse gegen Zuwanderer setzt; wer bei nahezu vollständiger Abwesenheit von Juden dem Antisemitismus frönt, ist vermutlich für keine Partei mehr zu erreichen.

[….] Extremismus schadet der AfD nicht: Der Brandenburger AfD-Landeschef Andreas Kalbitz inszeniert sich gerne als freundlicher Mann von nebenan. Seine Teilnahme an einem Fest der rechtsextremen "Heimattreuen Deutschen Jugend"? Da sei er nur Gast gewesen. Seine Reise zu einem Neonazi-Aufmarsch in Athen? Habe bei ihm kein "weiteres Interesse" geweckt.
Dabei sollte eigentlich allen Brandenburgern klar sein, mit wem sie es da zu tun haben: Kalbitz war mehr als die Hälfte seines Lebens im rechtsextremen Milieu unterwegs. Heute ist er eines der Gesichter im völkischen "Flügel" innerhalb der AfD.
Auch der AfD-Landesverband in Sachsen gilt als besonders rechts. Doch die beiden Wahlen zeigen ganz deutlich: Bei einem großen Teil der Bevölkerung gibt es keine Hemmschwelle, eine Partei zu wählen, die sich an der Grenze zum Rechtsextremismus bewegt. Im Gegenteil: Die AfD ist - trotz oder wegen ihrer Radikalität - zu einem entscheidenden Faktor im Osten geworden. [….]

Ich meine, man macht es sich zu leicht, mit der Binsen-Feststellung „die Politik“ müsse sich mehr um die Abgehängten kümmern, den besorgten Bürgern zuhören. Dafür wird heute Michael Kretschmer von links bis rechts gefeiert. Er habe den Sachsen zugehört und mit allen gesprochen.
Dabei wird aber vergessen, daß Kretschmer selbst ein xenophober Rechtsaußen ist, daß sein CDU-Landesverband deutliche Überschneidungen zur rechten Szene hat und daß die AfD in seinem Bundesland so stark ist wie in keinem anderen.

Wer so rechtsextremen Typen wie Kalbitz und Höcke hinterherläuft, offene Verehrung für die Nazis zeigt und revanchistisch über den zweiten Weltkrieg denkt, ist für Demokratie und menschlichen Anstand verloren.
Diese Leute werden nicht durch „kümmern“ oder großzügige Sozialpolitik auf einmal zu besseren Menschen.
Ich kann das ewige Mantra von der „Wählerbeschimpfung“ nicht mehr hören. Im Gegensatz zu dem was 99% der AfD-Wähler laut Infratest-dimap-Analyse denken, daß nämlich ihre Partei das ausspricht, was man nicht sagen darf, ist das Kritisieren des Souveräns tatsächlich ein Tabu.
„Der Wähler“ wird immer ernst genommen, öffentlich üben sich abgestrafte Politiker in Demut, erklären „verstanden“ zu haben „besser zu werden“ und den Bürgern „zuzuhören“.
Ich sage dazu: Nein! Wer AfD wählt, tut das nicht weise und verdient deswegen schon gar keine besondere Aufmerksamkeit.
Ich meine, nun sollte man nicht noch mehr den AfD-Positionen hinterherlaufen, sondern ganz im Gegenteil endlich nicht nur die AfD-Politiker, sondern auch „das Pack“, das sie wählt kritisieren.
Ihr fühlt euch schlecht? Ihr fühlt euch ausgegrenzt? Ihr fühlt euch alleingelassen?
All das ist verständlich und verdient Gehör. Aber wer am Jahrestag des Überfalls auf Polens, das direkt neben Brandenburg und Sachsen liegt Nazis wählt, sollte nicht hofiert, sondern verdammt werden.

Zerrieben von dem Kopf an Kopf Rennen um den ersten Platz, einer blamablen Groko-Performance, einem Vakuum im Willy-Brand-Haus, Medien, die nur auf Grüne und AfD fixiert sind, sowie einer Linken, die jede noch so unfinanzierbare soziale Wohltat versprach, blieb die Sachsen-SPD erledigt zurück, abgeschlagen bei demütigenden 7,7%.
Das ist einerseits angesichts der Umstände und der völlig fehlenden Machtperspektive nicht verwunderlich. Es zeigt aber auch, daß bei Plebisziten wie einer Landtagswahl letztendlich auch eine Diktatur der Inkompetenz stattfindet.
Stundenlang habe ich mir am heutigen Wahlabend das Personal angesehen.
Zwei Personalien waren auffällig:

1.) Im Gegensatz zu allen anderen Parteispitzen ließ sich Annegret Kramp-Karrenbauer gar nicht blicken.
Sie tut ganz im Merkel-Stil so, als habe sie gar nichts mit Politik zu tun, will nicht mit schlechten Bildern und Ergebnissen assoziiert werden.
Die Unions-Parteivorsitzende ist völlig untergetaucht.

2.) Der mit Abstand sympathischste, kompetenteste und nebenbei auch noch attraktive Politiker des Ostens ist Martin Dulig, stellvertretender sächsischer Ministerpräsident und SPD-Chef.
Seit Jahren lobe ich ihn immer wieder, bewundere ihn und seine gesamte Familie für den Einsatz gegen den Rechtsextremismus.
Er ist ein wirklich Guter, ein Politiker, wie man ihn sich nur wünschen kann.  Gerechtigkeit gibt es aber nicht, wenn der Urnenpöbel entscheidet und mit Hunderttausenden Stimmen aus dem Nichtwählerlager für Nazis stimmt.
Dulig holte das schlechteste Landtagswahlergebnis aller Landesverbände seit 1949, unter acht Prozent.

[…..] Dulig: Wir sind coolster Landesverband
SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig gibt sich nach dem schlechten Ergebnis für seine Partei kämpferisch. Auf der SPD-Wahlparty in Dresden sagte er: "Wir haben das schlechteste Wahlergebnis - wir sind aber der coolste Landesverband." Die sächsischen Sozialdemokraten hätten über die Jahre gelernt demütig zu sein und immer wieder aufzustehen. [….]

Zwei weitere Erkenntnisse des Wahlabends:
Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine haben der LINKEN mit ihrem völkischen Ansatz schwer geschadet, weil wie immer, wenn Parteien rechts blinken, doch nur das Original gewählt wird. Die AfD holte in Sachsen und Brandenburg Rekordergebnisse. Die Linken fliegen aus der Postdamer Regierung und sind ind beiden Ländern gerade mal eben noch knapp zweistellig. Minus 7,9 Prozentpunkte in Brandenburg und minus 8,6 Prozentpunkte in Sachsen.
Kleiner Trost des Abends – auch der immer wieder braun blinkende Lindner machte die Erfahrung, daß sich rechts blinken und gegen Grüne pesten nicht lohnt.
Die FDP scheiterte bei beiden Wahlen an der 5%-Hürde.