Montag, 21. Januar 2019

Klischee-Heten.


Die Ursachen der Homophobie wurden Myriaden-fach analysiert.
Die Ergebnisse sind allerdings so gar nicht überraschend, sondern genau das was man sich mit 20 Sekunden Nachdenken ohnehin ausgemalt.
Homosexualität ist im Tierreich üblich und war auch in vor-abrahamitischen Kulturen selbstverständlich. Logischerweise, denn wie man sich leicht vorstellen kann, bedeutet die zunehmenden Wahrscheinlichkeit homosexuell zu sein bei zunehmender Kinderzahl einen evolutionären Vorteil.


Ziemlich bizarr, daß 2.000 Jahre später ein misogyner Geront im Frauenkleid vor dem Bundestag erklärt, Homosexualität wäre gegen das Naturgesetz.

(….) Wissenschaftler finden übrigens eine höhere Wahrscheinlichkeit schwul zu sein, je mehr ältere Brüder man hat. Die genauen genetischen Ursachen sind nicht vollkommen geklärt, aber so macht Homosexualität auch evolutionär einen Sinn.
Wenn ein Elternpaar viele Kinder hat, muß der ererbte Acker möglicherweise in so kleine Teile aufgespalten werden, daß die Enkel kaum noch davon leben können. Sind schwule Onkel dabei entspannt sich die Lage, weil sie nicht durch eigene Kinder den Kampf um Ressourcen verschärfen und nach ihrem Tod ihren Erbteil wieder an ihre Neffen weitergeben. Das Prinzip funktioniert auch, wenn der jüngste Sohn Pastor wird – wobei schwul und Pastor sich offensichtlich nicht gerade gegeneinander ausschließen.

  
Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet ein schwuler Onkel oder eine lesbische Tante ebenfalls einen großen Vorteil. Homosexuelle sind als „Dinks“ in der Regel wohlhabender und gebildeter. So können sie ihren Neffen und Nichten helfen – sowohl durch Zuneigung, als auch finanziell. Ein Kind mit Homo-Onkel/Tanten hat quasi Co-Eltern, die einen Vorteil gegenüber Kindern mit bloß normalen Eltern darstellen.
Dafür gibt es im Tierreich viele Beispiele. Eine Blässhenne hält sich für ihr großes Gelege gern ein paar weitere nicht sexuell aktive Blässhähne, die dann eifrig dabei helfen Futter für die Küken zu suchen. So überleben mehr Blässhühner.

Homosexualität fördert also Familien. (….)


Es gibt zwei Hauptursachen für Homophobie.

1.)
Religiöse Indoktrinierung. Religionen sind prinzipiell eine exkludierende „Wir sind besser als die“-Ideologie, die Gruppenzusammenhalt generiert, indem sie Hass kanalisiert und gegen Minderheiten richtet.
Bevor die Christen anrückten gab es weder bei australischen, noch bei amerikanischen oder afrikanischen Ureinwohnern Schwulenhass.

2.)
Psychologische Komplexe/Männlichkeitswahn. Wer sich seiner eigenen Männlichkeit und seiner eigenen Sexualität unsicher ist, kann das überkompensieren, indem er besonders extrem auf vermeidlich „unmännliche Schwule“ schimpft.
Kuriale zeigen das mustergültig. Diese maximal feminisierten Männchen in ihren bunten Kostümen, die sich hysterisch vor Frauen verstecken und überwiegend selbst schwul sind, bilden seit Jahrhunderten die Speerspitze des Schwulenhasses.


Das ist nicht „Psychologie Erstes Semester“, sondern primitivste Hausfrauenpsychologie, daß diejenigen, die öffentlich radikal homophob auftreten selbst schwule Gefühle haben, vor denen sie sich offensichtlich so sehr fürchten, daß sie geradezu neurotisch gegen Schwule wettern.

 Bei einigen der weltweit bekanntesten Homohasser gibt es nur Gerüchte – Papst Ratzinger, Mike Pence, Lindsey Graham – aber früher oder später werden die aktivsten LGBTI-Bekämpfer selbst bei schwulen Kontakten ertappt.

[…..]  Pastor Ernest Angley, the 97-year-old head of Grace Cathedral church in Akron, Ohio, admitted to having gay sex with one of his staffers in an audio recording obtained by the Akron Beacon Journal.
[…..] More recently, we learned that Angley was sued by a former staffer, Brock Miller, fox sexual abuse that occurred over the course of several years. When Miller resigned from the church, Angley’s staff told the congregation he was a liar, drug addict, alcoholic, and an adulterer.
The new revelation from Dyer comes via an anonymous source who read his reporting on Miller and came forward with evidence that Angley, who routinely preached against homosexuality, was guilty of it himself.
On the 23-year-old tape, he’s speaking with Rev. Bill Davis (who didn’t provide the recording to Dyer). Davis is berating Angley over a rumor he was spreading about Davis’ wife being “vulgar.” Davis hit back, accusing Angley of gay sex — which Davis says is “vulgar” — only for Angley to deny it only because the men didn’t ejaculate. [….]


Radikaler religiöser Schwulenhasser zu sein, ist schon fast gleichbedeutend damit selbst heimlich schwul zu sein.
Das ist auch in sich logisch, denn wieso sollte man sonst Sex unter Männern zu einem Lebensthema machen und als ewiges Faszinosum umherwälzen?


 [….] An anti-LGBT Republican politician who was allegedly caught having sex with a man in his office is facing more than 30 accusations of sexual misconduct. 
Wes Goodman, a state legislator for Ohio, has already been forced to resign after a witness to the reported extramarital affair told the Ohio House Chief of Staff. [….]
(Independent, 22.11.2017)

Und dann die Anti-gay-Aktivisten.

In der Praxis halten sich die stramm rechten Prediger und US-Politiker nicht immer so ganz an diese Linie. Rechter Sex eben.

Da gab es den Abgeordneten Mark Foley, der männlichen Pagen schlüpfrige Pimmel-E-Mails sandte, Bob Allen, republikanischer Abgeordneter in Florida, der bei der Bitte nach Oralsex versehentlich an einen Polizisten geriet und James Guckert alias Jeff Gannon, der einen "Begleit-Service" für Männer betrieb und vom Weißen Haus einen Presseausweis bekam, weil er immer so nette Fragen an George W. Bush stellte. Glenn Murphy Jr., der Vorsitzende der GOP-Jugendorganisation Young Republicans, trat von allen Ämtern zurück, nachdem er einen 22-jährigen Mann sexuell genötigt hatte. (…..) "Als die Nachricht von Senator Craig die Runde machte, forderten manche Republikaner seinen Rücktritt — andere wollten seine Telefonummer haben", spottete der Late-Night-Talker Dave Letterman.  Der einzige Republikaner, der wenigstens bloß gegenüber Frauen anzüglich wird, ist Arnold Schwarzenegger.

Auch da ist es an der Tagesordnung, daß diejenigen, die am lautesten die Homoperversion verdammen und durch die same-sex-marriage den Untergang des Abendlandes eingeleitet sehen, sofort nach Abschalten der Kameras ihre schwulen Callboys anrufen, um mit ihnen Koks-Sex-Orgien zu veranstalten (Ted Haggard) oder wie Senator Craig auf Flughafentoiletten andere Männer molestieren. (….)




[….] 17 Antigay Leaders Exposed as Gay or Bi
Not every antigay crackpot is actually gay, but there's no shortage of those who actually are — especially in the Republican Party. Here is a list hypocrites who just couldn't practice what they preached. [….]


Sonntag, 20. Januar 2019

Zukunftssorgen.


Richard Grenells best buddy in Deutschland, Jens Spahn, ist noch keine 40 und hat das Alte-weiße-Männer-Verhalten der Politik schon völlig verinnerlicht.
Hoppla, hier komme ich. Mir kann keiner was. Der streng katholische konservative Hardliner ist alles, nur nicht schüchtern.

[….] Leicht zu übersehen ist dieser 1,91-Meter-Hüne mit Schuhgröße 49 ja nun wahrlich nicht. Hände wie Bratpfannen, breitschultrig, die Arme muskelbepackt, was daran liegt, dass er gegen den Rat seines Fitnesstrainers lieber Gewichte stemmt, als auf dem Laufband Meter zu machen. [….]

Er umgibt sich mit den richtigen Leuten (Trumps mächtiger Europa-Ableger), heiratet die richtigen Leute (den Berliner BUNTE-Chef), hört auf die richtigen Leute (nur Industrielobbyisten) und achtet stets darauf, daß der Mammon in die eigenen Taschen fließt.
Als für Steuerzahlungen zuständiger Staatssekretär im Bundesfinanzministerium ging er das ganz direkt an.

 [….] Taxbutler war mit der Idee angetreten, Lohnsteuererklärungen online zu erstellen. Die Kunden sollten lediglich Fotos ihrer Belege und ihrer Lohnsteuerbescheinigung senden – den Rest wollte das Startup übernehmen. [….] Bundesweite Aufmerksamkeit erhielt Taxbutler, als bekannt wurde, dass unter den Business Angels auch der damalige Finanzstaatssekretär Jens Spahn (CDU) war. 15.000 Euro hatte Spahn aus seinem privaten Vermögen in das Startup gesteckt und dafür 1,25 Prozent der Anteile erhalten. Spahn, heute Bundesgesundheitsminister, war in seiner Funktion zu dieser Zeit auch für Fintechs wie Taxbutler zuständig. [….]

Vor seiner Zeit in Schäubles Finanzministerium widmete sich Spahn schon einmal der Gesundheitspolitik: 2009 bis 2015 als gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und von 2005–2009 als Obmann für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Gesundheitsausschuss.
In der Lobbyisten-verseuchten Pharmapolitik ließ sich noch einfacher Geld in die eigene Tasche leiten. Er beteiligte sich gleich selbst an der Lobbyagentur Politas.

[….] Zusammen mit seinem Freund und Büroleiter Markus Jasper und dem befreundeten Lobbyisten Max Müller gründete Spahn im Jahre 2006 eine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts (GbR), welche die Beratungsagentur Politas verwaltet.
Vorteil einer GbR ist, dass weder Angaben über die Geschäftstätigkeiten noch über die Gesellschafter gemacht werden müssen. Daher war lediglich Jasper als Eigentümer eingetragen. Da es sich im Falle Spahns um eine Minderheitenbeteiligung von 25% handelte, war er nicht verpflichtet, seine Beteiligung dem Bundestag zu melden. Firmenbeteiligungen müssen erst bei „mehr als 25 Prozent der Stimmrechte“ offengelegt werden. [….] Max Müller ist ein „gut verdrahteter Lobbyist“. Neben seiner Tätigkeit für Politas ab 2006, war Müller ab 2008 für den Pharmakonzern Celesio tätig. Anfang diesen Jahres wechselte er zu den Röhn-Kliniken, welche er bereits Ende des Jahres 2012 wieder verließ. Zwischen 2002 und 2008 war Müller Geschäftsführer der KPW-Gesellschaft für Kommunikation in Politik und Wirtschaft und pflegte unter anderem für „DocMorris die politischen und gesellschaftlichen Kontakte“. Dies zeigt seine gute Vernetzung in die Gesundheitsbranche. Spätestens seit 2008 war auch Jasper für die KPW tätig. [….]

Wenn es um das eigene Portemonnaie geht, arbeitet der schwule Spahn auch mit einem der letzten radikal Homophoben in der Union zusammen.
Spahn und Singhammer ("Der Arbeiter am Fließband oder der Kumpel unter Tage muss sich krumm legen, damit die Rente der Homo-Witwe mitfinanziert wird") setzten in der Gesundheitspolitik die Positionen der privaten Krankenkassen durch.

[….] Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" vom 30. November 2012 haben Jens Spahn (CDU) und Johannes Singhammer (CSU) ein Positionspapier der CDU/CSU gegen die von den Grünen gewünschte Bürgerversicherung vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) abgeschrieben. So seien beispielsweise von den Unionsexperten wort- und spiegelstrichgleich die PKV-Passage zum "schönen Namen ,Bürgerversicherung'" übernommen worden, hinter der sich das Gegenteil verberge: "ausnahmslose Zwangsmitgliedschaft, mehr staatliche Bevormundung und Bürokratie, beschränkter Leistungskatalog für alle, weniger Selbstbestimmung, weniger Wettbewerb, keine Nachhaltigkeit". Auch in ihrer optischen Gestaltung seien PKV- und Unionspapier gleich. Jens Spahn war bis März 2015 Vorsitzender des "Beirats Gesundheit" der Gesellschaft zum Studium strukturpolitischer Fragen, die zur Vorbereitung von Gesetzesinitiativen Unternehmen und Verbände mit Abgeordneten und Vertretern der Bundesregierung zusammenbringt. Mitglied der Gesellschaft ist u.a. der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV). [….]

Spahns Engagement lohnt sich offenbar. Schon mit Anfang 30 konnte er sich mindestens eine Eigentumswohnung in Berlin-Mitte leisten – derzeit vermietet an einen anderen bekannten PKV-Lobbyisten: FDP-Chef Christian Lindner.

Angela Merkel, die schon vor ihrer Kanzlerschaft intensiv für die Interessen der PKV stritt und zusammen mit CSU-Mann Zöller der früheren Gesundheitsministerin Ulla Schmidt beim sogenannten „Gesundheitskompromiss“ die Wünsche der PKVen in das Gesetz diktierte, wußte also welche Interessen Spahn vertreten würde, als sie ihn im März 2018  zum Bundesgesundheitsminister beförderte.

 [….] Die Lobbyorganisationen der Apotheker hatten offenbar einen deutlich größeren Einfluss auf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als andere Vertreter des Gesundheitswesens. Im Zusammenhang mit seinem Vorschlag für ein neues Apothekengesetz, den Spahn Mitte Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, "gab es insgesamt elf Termine von Vertretern der Leitungsebene des Bundesministeriums für Gesundheit mit Vertretern der Apothekerverbände", [….]  aber kein einziges dokumentiertes Treffen mit anderen betroffenen Akteuren wie beispielsweise den Krankenkassen.
Dabei stellt Spahn den Apothekern mit seinen Eckpunkten zur "Stärkung der flächendeckenden Versorgung" viel Geld in Aussicht. Insgesamt 375 Millionen Euro zusätzlich sollen Apotheken demnach für Nacht- und Notdienste, die Abgabe von Betäubungsmitteln und für "zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen" bekommen. [….] Nachdem die Lobbyisten der Apotheker bereits mit Spitzenleuten des Gesundheitsministeriums über diese neue Regelung beraten hatten, trafen sich die Mitglieder der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände am vergangenen Donnerstag in Berlin, um über die Vorschläge zu diskutieren. Heraus kam ein neuer Forderungskatalog. Man wünsche sich nun 495 Millionen Euro zusätzlich, heißt es darin, also 120 Millionen Euro mehr als von Spahn versprochen. [….]

Ach ja, die CDU ist wieder deutlich beliebter, legt in allen Umfragen deutlich zu.

Prof Karl Lauterbach, sein Gegenspieler, nicht so sehr.

(…..) Der Sozi ist habilitierter Mediziner und Gesundheitswissenschaftler, der fachkundigste Gesundheitspolitiker des Bundestages, völlig unbestechlich (er veröffentlicht jedes Lobbyistenschreiben an ihn umgehend) und wäre die Idealbesetzung als Gesundheitsminister. Er ist aber einfacher Abgeordneter und hat im Bundeskabinett nichts zu sagen.

Der Christdemokrat hingegen ist fachfremd, erhielt 2008 den Bachelor of Arts der Fernuni Hagen, arbeitete selbst als Pharmalobbyist und fungiert heute als mächtiger Bundesgesundheitsminister.

Deutschland ist eben alles andere als eine Meritokratie, in der der Qualifizierteste den Regierungsjob bekommt, sondern ein von dummen Wählern idiotisiertes Land. (….)

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ist völlig immun gegen Lobbyisten, weil er jede kleinste Anfrage von Lobbyisten, jeden Kontaktversuch sofort veröffentlicht, ist nicht Gesundheitsminister.
Die SPD stürzt weiter ab.

Zu sehen welche U40-Politiker sich durchsetzen und als Minister weitreichende Entscheidungen treffen, stimmt mich nicht gerade froh.
Die Jungen werden immer konservativer.
Keine schönen Aussichten.

Samstag, 19. Januar 2019

Wenn Schule Politik wird.


Schulpolitik kann die Wähler bei Landtagswahlen extrem ärgern.
Wenn da viel schiefgeht wie in NRW unter Rotgrün, oder in BW unter Schwarzgelb, kann das durchaus mal eine Landesregierung aus dem Amt fegen.

Wenn die Bürger glauben ihr Nachwuchs werde durch schlechte Ausbildung um die Chancen gebracht, werden sie garstig.
Der erbärmliche deutsche Föderalismus verhindert nachhaltig die Zukunft der Kinder sinnvoll zu gestalten.
Seit Jahrzehnten gibt es Myriaden Lehrer zu wenig und an den Grundschulen jobben Quereinsteiger, die nie Pädagogik studierten, weil irrlichternde Landesregierungen annehmen bei den Jüngsten käme es nicht so drauf an.

Von Schulpolitik verstehe ich nicht so viel. Das hängt sicher damit zusammen, daß ich keine Kinder habe und sehr lange keine Schulen mehr von innen gesehen habe.
Meine Schulzeit war wenig aufregend; Grundschule Gymnasium, fertig, keine zusätzlichen Wechsel.
Die Gymnasialjahre verliefen a posteriori betrachtet fast ohne Stress. Da waren zwar einige wirklich schlechte Lehrer, mit denen ich mich in den Haaren hatte, aber auch einige sehr Gute und viele Mittelmäßige.
Ungerechterweise genoss ich große Narrenfreiheit, konnte so viel schwänzen wie ich wollte, weil ich eine tolerante Tutorin und sehr gute Noten hatte.

Mein Problem war eher, daß ich mein Studium schon mit 18 anfing. Da war ich noch viel zu unreif, um mich richtig zu entscheiden. Für mich wäre so ein amerikanisches College-System besser gewesen. Also noch ein paar weitere Jahre Schul-ähnlicher Betrieb, bei dem man seine Interessen breiter auffächert, bevor man sich für die eine Sache entscheidet, die man dann an der Uni ganz gründlich lernt. Ich konnte schon als 14-Jähriger Fächer auswählen, beendete nach der zehnten Klasse den Französisch-Unterricht, weil ich darin a) nicht besonders gut war und b) den Lehrer, der in der 11. Unterrichten würde nicht mochte.

Heute bin ich schlauer. Damals hatte ich aber keinerlei Vorbereitungen, keine Beratung, keine Eingangstests. Ich wußte gar nicht was „Uni“ ist.
Man schrieb sich als Teenager für irgendetwas ein, das dann den Rest des Lebens bestimmen sollte.
Von eben auf jetzt sollte man ganz selbstständig sein.

In den ersten Semestern jobbte ich natürlich – wie die meisten Studenten.
Auch da hatte ich Glück, konnte an der Uni selbst etwas Geld verdienen und gab außerdem Nachhilfe.
Dabei kamen mir erstmals große Zweifel am Schulsystem.
Bis dahin dachte ich alle Abiturienten würden in etwa das gleiche wie ich lernen.
Aber weit gefehlt. Nachhilfeschüler auf Wirtschaftsgymnasien und Aufbauschulen hatten noch in der 11., 12., 13. Klasse keinerlei Grundlagen in Mathe und Physik.
Ich erinnere mich an einen, der Abitur machte, dem ich erklärte was ein Platzhalter in einer mathematischen oder physikalischen Formel ist. Ich konnte es nicht fassen.
Und ich erlebte Schüler, die wirklich schlechte Lehrer hatten; nicht die Sorte, die ich an meiner Schule für schlecht hielt, sondern echte Sadisten, die unter Aufsätze schrieben „Fabian, Du kannst wirklich gar nichts! Du kannst nur Hilfsarbeiter werden!“
Als ich noch studierte lernte ich eine Lehrerin kennen und fragte wie es eigentlich angehen könne, daß Schüler ohne irgendwelche Grundlagenkenntnisse versetzt werden und andere, die sich sichtbar Mühe gaben offenbar mit Wonne gedemütigt wurden.
Ihre simple Antwort: Das hinge vom Stadtteil ab. Sie hätte jahrelang auf einer katholischen Schule in den Hamburger Walddörfern (konservative Vorortgegend) unterrichtet und sei nun nach Wilhelmsburg (Problemviertel!) versetzt. Wenn sie dort die Maßstäbe ansetze, wie an der alten Schule, müsse sie alle durchfallen lassen, keiner wäre besser als „vier“.
Nun gäbe sie Schülern schon mal ein „gut“, die an ihrer vorherigen Schule gerade mal ausreichend bekommen hätten.
Aber anders ginge es gar nicht, wenn man den Schulbetrieb nicht zusammenbrechen lassen wolle. Schließlich liebe sie ihren Beruf und wolle die Schüler nicht demotivieren.

Als kurz nach dem Anschluss der DDR die Debatte begann, ob man nicht die Gymnasialzeit verkürzen sollte, hielt ich das für völlig verrückt. G8 statt G9? Noch weniger Schulzeit, obwohl deutsche Schüle offensichtlich ohnehin schon verblödet waren?
Was für ein Unsinn! Heute wünsche ich mir, ich hätte G11 oder G12 genossen. Es fällt meiner Gerontenbirne so schwer Sprachen zu lernen. Warum hat man mich nicht mit 14 gezwungen den verdammten Französischunterricht noch drei Jahre länger zu machen und am besten noch Spanisch oder Italienisch dazu?
Das wäre mir verglichen mit heute so leicht gefallen.
Und wieso konnte ich durch meine gesamte Schulzeit rutschen ohne eine einzige Stunde Religionsunterricht zu haben? Ich erfuhr nichts über die Kirche und schon gar nichts über andere Glaubens-Konstrukte. Das musste ich mir alles autodidaktisch erarbeiten.

Nach meinem Eindruck ging es bei der G8 oder G9-Debatte weniger um das Wohl der Schüler, sondern um einen Standortvorteil einzelner Bundesländer.
Es war die CDU mit ihrem Leitbild Leistung, die auf das Turbo-Abi drängte. Deutsche Schüler wären viel zu alt beim Berufseinstieg.
Das müsse alles schneller gehen und man könne auch viel Geld an Schulen sparen, wenn die Kinder schneller durchgeschleust würden. Endlich Lehrpläne entrümpeln

Meine rudimentären Erkenntnisse von all dem, was schief geht an deutschen Schulen, fand ich in Philipp Möllers „Isch geh Schulhof“ bestätigt.
Die Lehrerausbildung verläuft katastrophal falsch und das Schulsystem krankt an der Unstetigkeit. Die allermeisten Änderungen der 16 einzelnen Kultusminister sind durchaus sinnvoll, oder zumindest gut gemeint, aber sie kommen so häufig, daß die Lehrer keinerlei Elan mehr aufbringen alles umzusetzen.

(….) Es dürfte sogar noch viel schlimmer werden, wenn die asozialen und desintegrierten gegenwärtigen Klein-Bälger erwachsen werden.
Lehrer berichten von unfassbaren Zuständen an den Schulen.

„Pinsel und Malutensilien werden verteilt – und die Klopperei beginnt! Es wird laut, Kinder müssen ihrem Nachbarn ins Gesicht schreien, dass sein Bild doof (das Wort war ein anderes) ist.“
„Einige werden maulig, geben unpassende Kommentare ab und antworten auf Fragen von Frau G. mit Fäkalsprache.“
„Wir malen noch einmal auf dem Fußboden der Sammlung – eigentlich eine tolle Erfahrung für Kinder. Freud- und anstrengungslose Versuche vieler Kinder, Striche aufs Papier zu bringen.“   „Endlich stehen alle, da trampeln Kinder mit dreckigen Schuhen über die Bilder! Absichtlich! Am nächsten Tag wird mir ein Kind erklären, dass ihm langweilig war – und dass es dann ja wohl klar ist, dass es das tun kann.“  „Ältere Herrschaften steigen über Butterbrotpapiere, Rucksäcke und Kinder. Den Kindern kommt das nicht einmal komisch vor. Als ich sie auffordere, Platz zu machen, schauen sie mich verständnislos an – und essen in Ruhe weiter!“
„Die Mitschüler werden angeschrien, geboxt, getreten und Rucksäcke umhergeschleudert. Ein älterer Herr bekommt auch einen ab. Eine Entschuldigung ist nicht zu erwarten.“
„Kinder lassen die Hälfte ihrer Sachen liegen in der Erwartung, dass es ihnen schon jemand hinterhertragen wird.“
„Es ist für die Kinder nicht einsehbar, dass wir in dem wuseligen Hauptbahnhof dicht zusammenbleiben müssen. Ich komme mir vor wie ein Schweinetreiber.“
„In der Bahn plötzlich vertraute Geräusche. Rülpsen! Kein Versehen, sondern volle Absicht. Wer kann es am lautesten? Sie denken: Die redet sicher von meinem Nachbarn? Falsch: Gehen Sie davon aus, dass ich auch von Ihrem Kind spreche – es gibt nur sehr wenige Ausnahmen!“
[…]   „Kinder kommen bereits um 8 Uhr früh gut gefüllt mit einer Stunde Super RTL, gewalttätigen und blutrünstigen Gameboy-Spielen und einem beachtlichen Blutzuckerspiegel in die Schule.“
„Sie springen mit erhobenen Fäusten wie Ninjakämpfer in die Klasse, semmeln erstmal drei Mitschüler über den Haufen und merken es nicht einmal.“

Und wenn man Philipp Möllers brillantes und lehrreiches Buch „Isch geh Schulhof“ gelesen hat, möchte man sich bei dem Gedanken an die Zukunft gleich erschießen.
Dabei ist das Unfassbare, daß wir sehenden Auges in die Katastrohe schlittern. Wir wissen wie man es besser machen kann; Möller hat das in seinem Buch alles dargelegt. Wir wissen auch aus den PISA-Spitzenländern, warum ihre Schulen so viel besser als die Deutschen sind. Aber Kleinstaaterei, Phlegma und Ideologie verhindert, daß Deutschland endlich was ändert.

Dabei wäre es viel zu simpel „der Politik“ dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Denn der Stillstand ist vom Volk gewollt. (….)

Inzwischen gibt es fast flächendeckend G8, die CDU hat ihren Willen bekommen und endlich könnte etwas Ruhe einkehren. Da fällt der mittlerweile auf 14% abgestürzten Hamburger CDU mangels anderer Themen und mangels anderer Kandidaten in Gestalt des debakulierenden Fraktionschefs Trepoll ein das Faß wieder aufzumachen.
Die Elb-CDU will alles wieder rückgängig machen und auf G9 umstellen.
Just nachdem endlich so etwas wie Burgfrieden an den Hamburger Schulen eingetreten ist.

[….] Rathaus-Zoff um G9-Plan „Schulfrieden“ in Gefahr: CDU zettelt Bildungsstreit an. [….]

Das schafft nur Chaos hilft niemand, aber G9 ist populär.
So kommt die CDU mal wieder in die Presse.
Absolut verantwortungslos, diese Partei!

[….] Nein, nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal für eine Verkürzung der Schulzeit eintreten würde. Als G8 – also das achtjährige Gymnasium – eingeführt wurde, war ich absolut gegen diese Reform. Aber jetzt appelliere ich: Lasst uns bei G8 bleiben! Denn ausgerechnet die CDU, die uns das alles eingebrockt hat, will die Reform jetzt zurückdrehen. Und das nicht nur aus Überzeugung, sondern aus wahltaktischen Gründen.
Hamburgs Parteien finden sich plötzlich in einer paradoxen Situation wieder: Grüne und SPD, die das Turbo-Abi ursprünglich gar nicht gut fanden, wollen es jetzt erhalten. Und die CDU, die es eingeführt hat, möchte die Uhr zurückdrehen. Vielleicht jedenfalls. [….] Ich habe meine Meinung in der Sache nicht geändert. Ich halte es nach wie vor für unsinnig, dass Schüler weniger Zeit zum Lernen und Reifen haben, damit sie dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung stehen. Das Ergebnis ist bei vielen, dass sie nach dem Abitur erst mal eine Auszeit nehmen oder sich durchs Studium bummeln. Oder mit 22 Jahren einen Master in BWL haben und als Unternehmensberater Firmenchefs coachen wollen, die mehr als doppelt so alt und lebenserfahren sind wie sie. [….] Die CDU triumphiert derzeit über eine Forsa-Umfrage im Auftrag des „Hamburger Abendblatts“, laut der 76 Prozent der Hamburger für eine Rückkehr zu G9 sind. Aber das ist eine Zahl, die vor jeder öffentlichen Diskussion in der Stadt erhoben wurde. Wenn CDU-Fraktionschef André Trepoll G9 zum Wahlkampfthema macht, könnte eine aktuelle Befragung ganz anders ausfallen. Insbesondere, da die politischen Gegner ihm immer wieder unter die Nase reiben werden, dass er das Thema für Wahlzwecke missbraucht. Und das dürfte kräftig an der Glaubwürdigkeit der Partei nagen. [….]