Dienstag, 19. Dezember 2017

Keine Heimat, wer schützt mich vor Braunmerika?

Das habe ich hier oft ausgeführt; das Konzept des Stolzes ist mir völlig fremd.
Nationalstolz ist dabei zudem die absurdeste Form des Stolzes.
Ich bin kein Patriot und will auch keiner sein.

Allerdings gebe ich zu, daß ich phasenweise Amerika und Deutschland mit etwas weniger Widerwillen begegne.

Die sozialliberale Ostpolitik, das Bekenntnis zu den Naziverbrechen und natürlich Brandts Kniefall zu Warschau (all das geschah unter heftigen Attacken der CDUCSU) waren schon extrem bedeutende Angelegenheiten.
Man musste sich generell nicht schämen, wenn die Kanzler Brandt und Schmidt im Ausland auftraten. Polyglott, hochgebildet, extrem charismatisch. Beide waren so hochgeachtete Persönlichkeiten, daß sie noch Jahrzehnte nach ihrem Amtsausscheid außerordentlich bewunderte Persönlichkeiten in den ehrenvollsten Internationalen Organisationen waren. Schmidt als langjähriger Chef des Interaction Councils und Brand als Chef der Sozialistischen Internationale, so wie der Nord-Süd-Kommission.
Undenkbar, daß tumbe Konservative wie Helmut Kohl oder die Bush-Präsidenten in einer zweiten Karriere als internationale Ratgeber brilliert hätten.
Ich fühlte mich auch recht gut, als Schröder und Fischer die Regierung übernahmen, die alten Zöpfe abschnitten, den Atomausstieg einleiteten, die Zwangsarbeiter entschädigten, die Homoehe auf den Weg brachten und eben auf internationaler Ebene nicht nur prominent und mutig gegen den Bush-Blair-Kriegskurs aufstanden, sondern sogar zu Anführern einer ganz großen Friedenskoalition mit Russland und Frankreich wurden.
Es ist natürlich etwas anderes Außenminister Fischer auf einer Reise in den Nahen Osten zu beobachten, wenn er als eine der ganz ganz wenigen Persönlichkeiten, die bei Israelis und Palästinensern gleichermaßen geachtet sind, eine bedeutende Rolle als Friedensvermittler spielt, als wenn Gaga-Guido unbelastet von jedem Fachwissen blamabel in Israel rumstolpert, mit dem Fuß aufstampft und kreischt „Was ich sage, zählt!“.

Tatsächlich gab es auch 2015 diese Momente, als im Sommer täglich tausende ausgezehrte Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland strömten und ihnen eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegenkam, während beispielsweise Ungarn und Österreich die Heimatvertriebenen nur schikanierten und möglichst mit einem Fußtritt wieder aus ihren Ländern vertreiben wollten. Da wirkte Deutschland gar nicht so furchtbar.

Und ja, nach dem grauenvollen acht GWB-Jahren, in denen ein völlig unwissender Oval-Office-Tölpel in Kriege stolperte, die im Desaster enden mussten, war es durchaus ein erhebendes Gefühl, daß die Amis anschließend einen hochintelligenten Schwarzen zum potus machten, der noch 2009 nach Kairo und andere muslimische Städte aufbrach, in bedeutenden Reden für die Grausamkeiten der Amerikaner geradestand, der muslimischen Welt die Hand ausstreckte.
Ja, natürlich kann ich inzwischen abendfüllend davon erzählen was ich alles falsch und schlecht an Obamas Präsidentschaft finde, der frische Wind von 2008/2009, die Begeisterung, die er international auslöste, gingen aber auch an mir nicht emotional unberührt vorbei.
Ich erinnere mich sogar zweitweise intensiv gehofft zu haben, daß ihn bloß niemand erschießen möge, weil mir völlig bewußt war, wie unersetzlich er war und wie wichtig es war, daß überhaupt jemand mit der Biographie und dem Namen in den USA gewählt wurde.

Im Jahr 2017 kann man sich das gar nicht mehr vorstellen.
Mein einziger Gedanke bei den oberen Gomulken der deutschen und amerikanischen Politik ist ein Stoßgebet an die Marsianer, damit die mich möglichst bald hier abholen.

Wenn in Amerika die Republikaner und in Deutschland die CDU regiert ist es mein natürlicher Zustand abgestoßen zu sein.
Aber es hilft ungemein, wenn wie beispielsweise von 1994-1998 ein brillierender Oppositionsführer Joschka Fischer vorhanden ist, der nicht nur in jeder seiner Reden die Regierung scharf auseinander reißt, sondern dies auch noch rhetorisch so gekonnt anstellt, daß es eine wahre Freude ist ihm zuzuhören. Sich diebisch zu freuen, wie die attackierten konservativen Pykniker auf der Regierungsbank nervös hin und her rutschen.

Aber heute?
Es gibt in Amerika zwar einzelne demokratische Senatoren, die sich womöglich größere Ambitionen haben und einen guten Eindruck hinterlassen – Cory Booker (NJ) und Kamala Harris (CA) beispielsweise – aber die Leader im Kongress muss man erst googlen, bis einem die Namen wieder einfallen. Nancy Pelosi (77) und  Steny Hoyer (78) im House, sowie Chuck Schumer (67) und Dick Durbin (73) im Senat.
Im Wahljahr 2020 werden Pelosi und Hoyer über 80 sein. Das erinnert an die KPdSU-Gerontokratie.
Immerhin sind Schumer und Pelosi nicht grundsätzlich auf den Kopf gefallen.
Das ist schon mal einiges wert.

In Deutschland habe ich Martin-Ich hab keine Lust. Ich will nach Hause. Ich bin schon zufrieden, wenn ich uns nicht blamiert habe-Schulz und Andrea-Bätschi-Kacke-Fresse-Nahles.
Dazu kommt auch noch Zickzack-Sigi, der gerade mal wieder eine braune Phase durchlebt und Kolumnisten landauf, landab vor Entsetzen in die Schreibtischplatte beißen lässt.

[….] Sein rechter, rechter Platz ist leer.
Sigmar Gabriel meint, die SPD habe sich zu sehr für Homosexuelle und zu wenig für Industriearbeiter eingesetzt. Was reitet ihn, diese Gruppen gegeneinander auszuspielen? Er scheint nur eine Richtung für seine Partei zu kennen: nach rechts. […..]

(Mal eine Frage an die Homo-Fachleute:
Stimmt es wirklich, daß Industriearbeiter grundsätzlich hetero sind?
Schließen sich "homosexuell" und "Arbeiter" aus?
Arbeiten Schwule grundsätzlich nicht?
Könnte es nicht womöglich sogar Hetero-Industriearbeiter geben, die im Jahr 2017 auch die "Ehe für alle" befürworten?)

Was im Sommer 2015 in Deutschland geschah wird heute einseitig verurteilt.
Menschen in Not helfen? Pfui Teufel, so wahnsinnig können nur „Bahnhofsklatscher“, „Linksgrünversiffte“ und „Gutmenschen“ sein.

Meine Ansichten zu dem Thema vertritt inzwischen gar keine Partei mehr.
AfD, CSU und Lindners Truppe machen reine „Ausländer raus!“-Politik.


Die Grünen haben mit Boris Palmer und Winfried Kretschmann ihre eigenen Hobby-AfD-Politiker in den Reihen. Bei den Jamaika-Sondierung wollten sie sogar Crazy Horsts 200.000er Grenze, die selbst der CDU-Vorsitzenden zu rechts und zu grundgesetzlich erschien, als „atmenden Deckel“ akzeptieren.

Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine rühren schon seit Jahren ihre eigene braune Brühe an.

Wenn wie heute in der HH Mopo die Geschichte eines Syrers erscheint, der nach zwei Jahren in Hamburg die Stadt liebt und sich hier aufgehoben und wohlfühlt, bin ich scheinbar der einzige, den das noch freut.


Meine Position, daß man das Asylrecht unbedingt vollständig erhalten und gewähren muss, wird gar nicht mehr vertreten.


Ich halte die Neubürger für eine kulturelle Bereicherung, wünsche mir mehr multikulti. Das ist eine ethische Verpflichtung, ein kulturelles Glück und auch eine ökonomische Notwendigkeit.

(….)
[….] Die sozialen Ungleichheiten zwischen den Mitgliedstaaten und in den einzelnen Ländern nehmen zu. Das wird der EU auf lange Sicht schaden und sie vielleicht zerstören. Indem man Europa in eine Festung verwandelt, verstärkt man diesen inneren Zerfallsprozess. Seine Ursache sind nicht die Flüchtlinge. Die sind nur der willkommene Brandbeschleuniger von sozialen Konflikten, die vorher schon da waren.
[….] Die Angst vor Veränderungen ist weitverbreitet. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Angst der richtige Begriff ist. Man will nichts abgeben. [….]

Wir alle sind gewöhnt in einer Weltwirtschaftsordnung zu leben, in der wir reichen Industriestaaten kontinuierlich doppelt so viel Geld aus der dritten Welt abziehen, wie wir umgekehrt in die ärmsten Staaten transferieren.
Wer beständig auf Kosten anderer immer reicher wird, hat Interesse daran diesen Zustand zu konservieren, sich also abzuschotten.

Ein Land, das für in selbstverschuldete Schräglage geratene Banken auf Kosten der Steuerzahler in kürzester Frist dreistellige Milliardenbeträge bereitstellen kann, muss für ohne eigenes Verschulden in Not geratene Kommunen auch einen jedenfalls zweistelligen Milliardenbetrag aufwenden können.
[….] In dieser Welt, in der heute fast die Hälfte des globalen Reichtums in den Händen von weniger als einem Prozent der Weltbevölkerung liegt, in der im kapitalistischen Süd-Nord-Transfer für jeden Dollar, der in Richtung Dritte Welt fließt, zwei Dollar in die Gegenrichtung zurückfließen – in dieser Welt gibt es nicht eine weltweite ›Flüchtlingskrise‹, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt.
[….] In den gleichen 25 Jahren sind auf dem Weg nach Europa und Deutschland mindestens 30.000 Flüchtlinge allein im Mittelmeer umgekommen. Vor der deutschen Vereinigung sind Flüchtlinge an der deutsch-deutschen Grenze gestorben, heute sterben Flüchtlinge in Massen vor den Grenzen der „Festung Europa“. [….]
 (Prof. Dr. Klaus J. Bade, ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, 03.10.2015)

Ältere Deutsche erinnern sich noch zumindest an die Geschichten ihrer Eltern wie es war in der Nachkriegszeit zu hungern, wie primitiv man lebte. Wie dankbar man für jede Kleinigkeit war.
Die Teens und Twens von heute scheinen oft auch keine Empathie für echte materielle und physische Not aufbringen zu können.
Es liegt einfach außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Ich glaube immer noch fest daran, daß wir Deutschen (wenn ich das als Amerikaner sagen darf) viel besser fahren, wenn wir großzügig sind, tolerant auf andere Kulturen reagieren und viel abgeben.
Leider gibt es außer Seeßlen, Bade und den Engagierten von Organisationen wie „ProAsyl“ kaum noch eine Repräsentanz für diese Meinung..
Und es ist extrem unschön zu akzeptieren, mit solchen Ansichten inzwischen offenbar zu einer extremen Minderheit geworden zu sein, wenn sogar die LINKE von „Missbrauch des Gastrechts“ (Wagenknecht) faselt und die Grünen mit der CDU für Abschiebungen plädieren; wenn die SPD akzeptiert Myriaden Familien auseinander zu reißen und Kinder in seelische Not zu treiben, weil der „Familiennachzug“ womöglich mehr Flüchtlinge nach Deutschland bringen könnte. (….)

Eine politische Heimat, eine deutsche Partei, die sich für internationale Gerechtigkeit einsetzt und Deutschland nicht radikal vor Einwanderung abschotten will, gibt es für mich derzeit nicht.
Mehr oder weniger sind alle Bundestagsparteien auf AfD-Kurs gegangen.

Montag, 18. Dezember 2017

Warum man Weihnachten nicht in die Kirche gehen sollte.



Der Skydaddy macht mich fertig

Gerade lese mich erneut in den großen Kindersexskandal der australischen RKK ein, da falle ich über ein Facebook-Posting von ihm, in dem er einen WELT-Artikel verweist.

Warum wir Weihnachten in die Kirche gehen sollten

Da sage noch mal einer, es gäbe keine Pressevielfalt.
Soeben hatte Morgenpost-Autorin Myriam Khan als strenggläubige Katholikin dazu aufgerufen Weihnachten nicht in die Kirche zu gehen (wenn man nicht streng gläubig ist).

Claudia Becker, 51, promovierte Historikerin, drei Kinder, SPRINGER-Autorin, kannte ich bisher noch gar nicht.
Erstaunlich wie viele religliöse Claudias es unter Berliner Journalisten gibt.
Man denkt gleich an Claudia Keller, 49, vom Tagesspiegel, die von allen frommen Schreiberlingen vermutlich die Ungebildetste ist und in fast jedem neuen Artikel mit entwaffnender Naivität und krassen Bildungslücken beeindruckt.

Und wieso sollen wir nun in die Kirche gehen?

[….] Laut Umfrage wird auch die Mehrheit der Kirchenmitglieder zu Weihnachten nicht das Sofa gegen die harte Holzbank tauschen. [….] Weihnachten zeigt uns wie kein anderes Fest, „welch Geistes Kind“ wir sind. Wir feiern nicht nur die Geburt Jesu, sondern auch die Geburt einer Religion, die so modern ist wie keine andere. Nächstenliebe, Gleichberechtigung, das Verständnis von einem Miteinander, das Menschen die Möglichkeit gibt, immer wieder neu anzufangen – christliche Werte sind der Motor unserer westlichen Gesellschaft. [….]  Wie ansprechend christliche Werte sind, zeigt auch ein anderes Ergebnis der Umfrage, wonach es für neun Prozent der Muslime selbstverständlich ist, in den Weihnachtsgottesdienst zu gehen.
[….] Es gibt Momente, in denen man sich erst mal um seinen eigenen inneren Frieden kümmern muss. Der Weihnachtsgottesdienst bietet dafür eine großartige Gelegenheit. Kerzenlicht, Tannenduft, Worte, die von Dingen handeln, die man nicht auf Meetings hört oder in der Börsenberichterstattung.[….]

Puh, jetzt geht es mir wie nach einer Trump-Rede.
Mein Vokabular bietet einfach nicht genug Convicia, um eine adäquate Koprolalie zu generieren.
Ich denke an Michael Schmidt-Salomons These von der Inselverarmung. Das scheint mir bei Becker, die immerhin Akademikerin ist, offensichtlich zu sein. Da müssen bestimmte Teile ihres Hirns abgeschaltet sein, sonst könnte sie solche Artikel nicht schreiben.
Alle Werte der Aufklärung wurden gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen von Ungläubigen durchgefochten.
Frau Becker, christliche Werte sind nicht der Motor unserer westlichen Gesellschaft, sondern bremsen uns bis heute aus.

(….) Es geht nicht amoralischer als kirchlich.
Nahezu sämtliche moralischen und gesellschaftlichen Fortschritte des Humanismus mußten gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden. Kirchen, die mit weltlicher Macht ausgestattet, Genozide, Massenmorde, Auto-Dafés, Missionierung, Hexenverbrennung, Kreuzzüge, Sklaverei, Inquisition und Pogrome veranstalteten.

Gestern mußte ich mal wieder an den stets gut gelaunten Seth McFarlane denken, der immer mal wieder bei Bill Maher zu Gast ist und dort einst einen schlauen Satz über den kirchlichen Widerstand gegen die Homoehe tat.

Seine These lautete, daß die Kirchen mit ihrem Widerstand gegen Aufklärung ihre Zeit verschwenden.
Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Rechtsstaat, Frauenemanzipation, Folterverbot, Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung der Todesstrafe, Freiheit der Kunst, Abschaffung der Prügelstrafe, Tierrechte, Ächtung von Antisemitismus, Schwulenrechte, Abschaffung des Verbots gemischtrassiger Ehen, Abschaffung des Verbots gemischtkonfessioneller Ehen, Verbot von Vergewaltigungen in der Ehe, etc pp - all das mußte gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden.

Die Kirchen waren dagegen und verschwendeten damit sinnlos über Dekaden ihre Kraft.
Glücklicherweise hat sich der kirchliche Widerstand üblicherweise als Mißerfolg erwiesen, weswegen Seth Macfarlane es als Zeitverschwendung betrachtet auf Seiten der Kirche zu stehen:

It is a huge waste of time; if you look back in history every civil rights-movement; the blacks or woman, they always lose. Anyone who tries to fight the advance on any particular minority-group is going to lose - whether it is now, whether it is 20 years from now.
They are wasting their time.

Kirche ist ekelhaft. Wieso wird das nicht erkannt?

Ist es nicht offensichtlich, daß 99% der Nazis Christen waren? Daß in den Kirchen für Hitler gebetet wurde, daß Kirchen Waffen segnen, daß Militärbischöfe noch heute Soldaten auf den Krieg einstimmen, daß Luther der Stammvater aller protestantischen Antisemiten ist, daß sich gerade die "C"-Parteien immer mit ausländerfeindlichen Parolen ins Gespräch bringen, daß christlich erzogene Jugendliche mehr Vorurteile haben und weniger teilen, daß Christen weit überdurchschnittlich Prügelstrafe, Folter und Militäreinsätze befürworten, daß alle gesellschaftlichen Liberalisierungen wie Frauenwahlrecht oder das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden mußten, daß Kirchen die eifrigsten Unterstützer von faschistischen Mörderregimen in Südamerika waren, daß die katholische Kirche bis 1975 fest an der Seite der Franco-Diktatur stand, daß es die Kirchen sind, die massiv in Osteuropa und Russland gegen Schwule und Lesben hetzen, daß in christlichen Kinderheimen Hundertausende Kinder verprügelt, ausgebeutet und missbraucht wurden, daß deutsche Bistümer noch heute an den Börsen Geld mit Waffenproduzenten verdienen, daß Kardinal Woelki und Bischof Bohl als erstes von Ausweisungen sprachen, daß die evangelische Kirche in Sachsen Pegida in Schutz nimmt, daß Petrys Ex-Ehemann Pfarrer ist. Daß Beatrix von Storch bibeltreue Christin ist. Daß Christen vier Kontinente kolonialisiert und ausgebeutet haben, daß Christen den Tod von 100 Millionen indigenen Menschen in Nord- und Südamerika anzettelten, daß die Päpste das bis heute als „glückliche Schuld“ schönreden, daß Kirchen die Welt mit Konfessionskriegen, Inquisition und Kreuzzügen überzogen haben, daß Religionen die Hautursache für Gewalt in der Geschichte der Menschheit sind.
Daß die katholische Kirche nach 1945 die KZ-Schlächter vor der alliierten Justiz in Sicherheit brachte, daß sich die Kirchen in Argentinien bemüßigt fühlte Adolf Eichmann zu beschützen, daß Papst Pius XII pauschal alle Angehörigen der Armee, die Auschwitz BEFREITE exkommunizierte, aber hingegen für Hitler nach seinem Tod noch ein Requiem veranstaltete, ihn bis heute nicht exkommunizierte.
Daß der Vatikan bis heute die UN-Menschenrechtskonvention nicht akzeptiert, daß Kirchen in Afrika für die Todesstrafe auf Homosexualität kämpfen, daß Kirchen den sexuellen Missbrauch von Kindern in der ganzen Welt vertuschten.

Nein, auch im Jahr 2017 sind „die Kirchen“ gut und Atheisten werden laufend als moralisch zweifelhaft dargestellt. (….)

Becker erwähnt ausdrücklich „Gleichberechtigung“ als christlichen Wert. Uff.

Die Ansichten der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer sprechen eindeutig nicht dafür, daß Weibsbilder Führungsrollen übernehmen sollten.

"...der Gang, wie sich die göttliche Lehre verbreitet: Von Gott zu Christus, von Christus in den Mann und von diesem in das Weib hinab. Umgekehrt verbreitet sich die teuflische Lehre: Sie kommt zuerst in das Weib, denn dies besitzt weniger Unterscheidungsvermögen."
(Alexander von Hales, 1185-1245, Lehrer des Thomas von Aquin)

"Das Weib ist ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht nach seinem Ebenbilde geschaffen wurde. Es entspricht der natürlichen Ordnung, daß die Frauen den Männern dienen."

(Kirchenvater Augustinus, hl., 354-430)

"...wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben...es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, daß sie sich äffen und trügen lassen."
(Martin Luther)

"Der wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen. Die Frau ist ein Mißgriff der Natur... mit ihrem Feuchtigkeits-Überschuß und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertiger...eine Art verstümmelter, verfehlter, mißlungener Mann...die volle Verwirklichung der menschlichen Art ist nur der Mann."
(Thomas von Aquin, hl., Kirchenlehrer, 1225-1274)


Jesus preist die Sklaverei, fordert von den Sklaven sich unterzuordnen und die RKK lässt bis heute Frauen wegen ihrer Minderwertigkeit nicht das geringste geistliche Amt übernehmen.

Wie man daraus ableitet, Gleichberechtigung sei ein christlicher Wert, bleibt Beckers Geheimnis.

Daß die katholische Kirche immer noch so radikal jede Frau aus ihren Reihen ausschließt, ihre weltweit 400.000 Priester streng von Frauen isoliert ausbildete und den Zölibat verlangt, hat Folgen.

Allein in Australien, also unter lediglich 5,7 Millionen Katholiken wurden 60.000 Kinder sexuell misshandelt.

[….] In Australien wurden über Jahrzehnte hinweg mehrere zehntausend Kinder in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen sexuell missbraucht.
Das geht aus dem am Freitag vorgestellten Abschlussbericht einer offiziellen Ermittlungskommission hervor. Die genaue Zahl von Opfern ist nicht bekannt. Etwa ein Drittel der Täter sollen Geistliche gewesen sein. Geschätzt wird, dass etwa 60.000 Menschen Anspruch auf Entschädigung geltend machen können. [….]

Selbst der fromme Katholik Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung macht sich nichts vor.

[…..] Viele Fälle haben sehr wohl mit kirchlichen Schweigestrukturen zu tun und mit den Abgründen, in die der Zölibat führen kann.
Das gilt überall in der Welt. Auch hierzulande hat eine Studie gezeigt, wie sehr Einsamkeit, Alkoholismus, verdrängte Sexualität Missbrauch begünstigen. Nur dass in Deutschland die katholische Kirche die Aufklärung in der Hand hat, der Aufarbeitungsbericht auf sich warten lässt und die Devise gilt: Nein, mit dem Zölibat hat das nichts zu tun.
Die katholische Kirche sollte also dringend über die Lebensform ihrer Priester nachdenken, wie der Bericht empfiehlt. [….]

Drobinski spricht es nicht explizit an, denkt aber offenbar in die Richtung:
Der Skandal in Deutschland besteht darin, daß sich die Bundesregierung und das Parlament so fest im Griff von christlichen Lobbyisten befindet, daß sie sich trotz des myriadenfachen Kindesmissbrauchs durch katholische Geistliche nie einschalteten, nie eigene Untersuchungen anstellten – so wie das in anderen Ländern, Holland, Belgien, Irland, Australien, ganz selbstverständlich geschah.
Die frommen Christen der CDU, CSU, FDP, aber eben auch der fanatischen Katholiken bei den Sozis (Nahles, Thierse) konnten kein Mitleid für die Opfer der Kirche aufbringen, ließen die Täter selbst ihre Missetaten „aufarbeiten“, nahmen achselzuckend hin, daß beim „runden Tisch“ Opfergruppen noch nicht mal gehört werden durften.

Möglich macht es das erbärmliche Christenkartell aus Kirche, Politik und Journalisten wie Keller und Becker.

[….] Eine Untersuchungs­kommission dokumentiert den tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern.
[….] Es war "ein Höllenloch", so erinnert sich Max an das katholische Waisenhaus, in dem er in den Fünfzigerjahren aufwuchs. Ein- oder zweimal in der Woche kamen Bruder Goode, Bruder Kelly oder Bruder Sawney an sein Bett und missbrauchten den Jungen. Als er zehn war, erzählte er einem Arzt, was die Geistlichen vom Orden der Barmherzigen Brüder mit ihm machten. Zur Strafe brachen sie ihm den Arm. Max ist einer von Tausenden in Australien. Fast viertausend Geschichten von Menschen, die als Kinder sexuell missbraucht wurden in Heimen, in Schulen, in Sportvereinen, in Gefängnissen und besonders oft in religiösen Einrichtungen, hat eine unabhängige Untersuchungskommission der australischen Regierung veröffentlicht. Und gehört hat sie noch weit mehr. Fast 9000 Opfer von Kindesmissbrauch haben in den vergangenen fünf Jahren vor der Kommission ausgesagt. Deren Abschlussbericht, am Freitag dem Parlament in Canberra vorgelegt, "offenbart eine nationale Tragödie", würdigte Premierminister Malcolm Turnbull die Arbeit der Kommissare.
Allein der Abschlussbericht der weltweit wohl bisher gründlichsten Untersuchung zum Umgang von Behörden und Institutionen mit Kindesmissbrauch umfasst 17 Bände mit mehr als 7000 Seiten. 409 Empfehlungen haben die sechs Kommissare abgegeben - und davon treffen einige gerade die katholische Kirche in ihrem Kern. [….]
So konnte der Priester Gerald Ridsdale aus der Stadt Ballarat über Jahrzehnte Jungen und Mädchen vergewaltigen. Seit 1975 wusste der örtliche Bischof von den Verbrechen, doch der Priester wurde nur immer wieder versetzt. Erst als sich 1993 ein Opfer bei der Polizei meldete, wurde der Serienvergewaltiger im Priesterrock verhaftet. Er bekannte sich schuldig, über die Jahre 79 Kinder vergewaltigt zu haben. [….]

Nein, Claudia Becker, in diese Kirche gehe ich nicht.
Auch nicht Weihnachten.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Gabriels Gedanken



Da stimme ich mit Peter Altmaier überein. Und mit Sigmar Gabriel. Und mit Martin Schulz; Emanuel Macron ist ein absoluter Glücksfall für Europa.
Nach Trump und Brexit hätte nicht viel gefehlt und Marine Le Pen wäre französische Präsidentin geworden, hätte die EU beerdigt.
So aber haben wir einen eloquenten, mutigen und tatkräftigen Typen an der Spitze einer großen EU-Nation, der das tut, wozu Merkel viel zu schwach ist.
Marcon entwickelt ein positives Narrativ für Europa, wendet sich klar gegen die Trumpisten und Nationalisten.

Wäre nur schön, wenn es in Berlin endlich eine Regierung gäbe, die ihn zu 100% unterstützt. Die Chance ist da nachdem sich Merkel endlich von Wolfgang Schäuble als Finanzminister trennte. Den Mann weglobte, der acht Jahre lang alles dafür tat die EU zu spalten, Nationalismen zu fördern und die Menschen in krisengeschüttelten Regionen gegen Brüssel aufbrachte.
Wird hohe Zeit das ekelhaft besserwisserische deutsche Lehrmeisterum zu überwinden und mit dem destruktiv-egoistischen Austeritäts-Mantra aufzuhören bevor es die EU ganz zerstört.

Martin Schulz würde Macron gern unterstützen, ruft ihn regelmäßig an.
Wie DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe schreibt, schätzt der junge Präsident auch durchaus Schulz' exzellente französisch-Kenntnisse.
Unglücklicherweise ist das aber auch alles. Schulz wird als absolutes Leichtgewicht, der planlos durch den deutschen Wahlkampf irrlichterte gar nicht ernst genommen.

[….] Schulz, so sieht man das im Élysée, kann Mer­kel nicht das Was­ser reichen. In­halt­lich hat sein Wahl­kampf auf der an­de­ren Rhein­sei­te kei­ne Marken hinterlassen, er war halt der­je­ni­ge, der ge­gen Mer­kel an­tre­ten muss­te. Schulz hat in Pa­ris im­mer noch das Pro­fil ei­nes ge­ra­de aufgestellten Papp­ka­me­ra­den. In den Au­gen der fran­zö­si­schen Nach­barn hat er nicht ein­mal ei­nen Ach­tungs­er­folg er­run­gen, zu mut­los war sein Wahl­kampf, zu unbehol­fen sein Vor­ge­hen nach der Wahl.

Für sein An­se­hen bei den Ma­cro­nis­ten war es auch nicht hilf­reich, dass Schulz sich noch kurz vor den fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len hin­ter den ziem­lich aus­sichts­lo­sen Kan­di­da­ten der So­zia­lis­ten stell­te. Be­noît Hamon, als ra­di­kal­lin­ker Uto­pist eine po­li­ti­sche Rand­er­schei­nung, verkörper­te da­mals schon den ra­san­ten Nie­der­gang der re­gie­ren­den Sozialis­ten.

Schul­z' Auf­trit­te nach der Wahl ha­ben Ma­cron und sei­ne Leu­te in ih­rer Wahr­neh­mung be­stärkt, dass sein po­li­ti­scher In­stinkt Gren­zen kennt. [….]
(DER SPIEGEL 51/2017, s.28)

Ja, so ist das mit unserem Opa Martin; er hat die besten Absichten; ist aber hoffnungslos unfähig als Politiker.
Mit dem ist kein Staat zu machen; das weiß man auch in den anderen europäischen Regierungszentralen.

Merkel verfügt ganz im Gegensatz zu Schulz zwar über einen hervorragenden Machtinstinkt, wagt sich aber grundsätzlich nie mit neuen Ideen nach vorn. Ihr „erst-mal-abwarten“-Naturell ist für die große europäische Krise mitverantwortlich.
Macron streckt eher die Finger nach Sigmar Gabriel aus, mit dem er gut befreundet ist.
Mein ehemaliger Parteichef ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Was Schulz zu wenig hat, hat Gabriel zu viel.
Er sprüht nur so von Ideen und Konzepten, die er auch zu gern überall verbreitet und die Aufmerksamkeit genießt.
Ein wirklich kluger Kerl, dieser ehemalige Lehrer aus Goslar.
Nur eben ein bißchen blöd, daß er seine Konzepte nie länger als fünf Minuten vertritt und dann gern das diametrale Gegenteil als neuen Kurs vorgibt.
Das Etikett „Zickzack-Siggi“ ist wohlverdient.

Im aktuellen SPIEGEL erschien unter dem Titel „Sehnsucht nach Heimat“ ein längerer Gabriel-Gastbeitrag, mit dem er mal eben die Sozialdemokratie und Europa retten will.


In „der Moderne“ (1945 bis 1989) waren die Sozialdemokraten stark, sorgten für soziale Absicherung, steigende Löhne und Geborgenheit in Vereinen, Nation und Familie.
In „der Postmoderne“ (1989-2017) wurden Sozialdemokraten schwächer. Stattdessen wurden Linke und Liberale sehr stark, die ein „Anything Goes“ durchsetzen. Das sind bröckelnde Familienverbände, Globalisierung, Internationalität, Homoehe, volatilere Arbeitsverhältnisse, abnehmende Bindungen an Vereine, Kirchen und Gewerkschaften.

Diese „Postmoderne“ habe die armen Rechtsradikalen so verunsichert, daß sie sich jetzt in die sozialdemokratische „Moderne“ zurücksehnten. Wir Sozis geben ihnen aber keinen Halt mehr, weil wir uns getrieben von den Linksliberalen auch zu sehr über sowas wie die „Ehe für alle“ freuten.

Mit Heimat und Leitkultur die SPD retten?
Das gefällt nicht jedem.


Gabriel ist schlau genug, um Widerspruch zu erwarten; also formuliert er vorsichtig.

[….]Der Auf­stieg des rech­ten wie des lin­ken Po­pu­lis­mus wird oft als Re­ak­ti­on auf die Er­run­gen­schaf­ten der Mo­der­ne be­grif­fen, ge­wis­ser­ma­ßen als an­ti­mo­der­ne Auf­leh­nung ge­gen den Sta­tus quo. Ich wage eine Ge­gen­the­se, die auf den ers­ten Blick ku­ri­os wir­ken mag: Der Rechts­po­pu­lis­mus ist kei­ne Ge­gen­be­we­gung zu die­ser Mo­der­ne, son­dern im Ge­gen­teil Aus­druck ei­ner Sehn­sucht nach ge­nau die­ser Mo­der­ne. Er ist weit­aus eher eine Ge­gen­be­we­gung ge­gen die Ende des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ent­stan­de­ne Post­mo­der­ne.
Der mo­der­ne Na­tio­nal- und Wohl­fahrts­staat ge­riet be­reits Ende des vo­ri­gen Jahr­hun­derts un­ter Druck. Gleich­zei­tig ver­lo­ren die Fa­mi­lie und die bis da­hin ge­sell­schaft­lich do­mi­nan­te Ord­nung der Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se durch In­di­vi­dua­li­sie­rung und Eman­zi­pa­ti­on an Kraft und Re­le­vanz. An mei­ner ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te habe ich er­fah­ren, wie be­frei­end das wirk­te. Aber auch die­se Frei­heit war eine dop­pel­te: Es ver­schwan­den nicht nur die Au­to­ri­tä­ren, son­dern auch die Au­to­ri­tä­ten. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Ja, blöd, die Frauen dürfen heute selbst entscheiden, die Kirchen ungezogene Kinder nicht mehr schlagen und Schwule kommen nicht in den Knast, sondern werden Minister. Da ist dann die ganze „dominante Ordnung“ dahin und man läuft eben David Berger, Trixi Storch und Gauland hinterher, weil man sich nicht mehr zu Recht findet.

Die AfD dürfte entzückt sein, weil sie nun Gabriel für ihre eigene volle Hose als Kronzeuge heranziehen kann.

[….] Die of­fe­nen Gren­zen von 2015 ste­hen in Deutsch­land für nicht we­ni­ge Men­schen des­halb als Sinn­bild für die Ex­trem­form von Mul­ti­kul­ti, Di­ver­si­tät und den Ver­lust jeg­li­cher Ord­nung. Un­ter ih­nen vie­le vor­mals so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler. Di­ver­si­tät, In­klu­si­on, Gleich­stel­lung, Po­li­ti­cal Cor­rect­ness – all das sind des­halb jetzt auch die Ziel­schei­ben der Neu­en Rech­ten. Sie sind im Kern kein Pro­dukt der Mo­der­ne, son­dern ei­ner Post­mo­der­ne, die zur ra­di­ka­len De­kon­struk­ti­on der Mo­der­ne an­ge­tre­ten war, da­bei er­staun­li­che Er­fol­ge fei­er­te und jetzt Op­fer ih­res ei­ge­nen Er­folgs wird. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Ich glaube auch, daß Rechte „Diversität“ als schauderhaft empfinden und sich nach homogener Ordnung sehnen.
Aber wie schon Wilfried Schmickler sagte, sollen wir diese braune Hasenfüßigkeit nicht adaptieren, sondern ihr entgegentreten.

„Aber wir müssen die Ängste und Sorgen der Bürger doch ernstnehmen.
So ein Blödsinn!
Wir müssen den Bürgern die Ängste nehmen und ihre Sorgen zerstreuen.“
(Wilfried Schmickler 12.11.2015)

Sigmar Gabriel, der so gern weiter eine wichtige Rolle als Minister spielen will, begründet im Folgenden seine Thesen.
Dabei wird er schlampig und gibt führt in die Irre.

[….] Um­welt- und Kli­ma­schutz wa­ren uns manch­mal wich­ti­ger als der Erhalt unse­rer In­dus­trie­ar­beits­plät­ze, Da­ten­schutz war wich­ti­ger als in­ne­re Si­cher­heit [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Minister Gabriel setzte aber die Vorratsdatenspeicherung gegen den Willen seiner Partei durch, intervenierte in Brüssel massiv gegen den Klimaschutz und für die deutsche Autoindustrie.
Bekanntlich führte das nicht zu einer Marginalisierung der AfD.

[….] Ein Blick auf die Ent­wick­lung der De­mo­kra­ten in den USA zeigt, wie ge­fähr­lich die­se Kon­zen­tra­ti­on auf die The­men der Post­mo­der­ne sein kann. Wer die Ar­bei­ter des Rust Belt ver­liert, dem wer­den die Hips­ter in Ka­li­for­ni­en auch nicht mehr hel­fen. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch! Hillary Clinton bekam drei Millionen Stimmen mehr als Trump und wurde nur dank des antiquierten US-Wahlsystems nicht Präsidentin. Dabei war sie persönlich historisch unbeliebt. Gut möglich, daß ein anderer Demokrat Trump noch viel deutlicher geschlagen hätte.

[….] Und trotz­dem müs­sen wir uns in den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen und pro­gres­si­ven Be­we­gun­gen fra­gen, ob wir kul­tu­rell noch nah ge­nug an den Tei­len un­se­rer Ge­sell­schaft dran sind, die mit die­sem Schlacht­ruf der Post­mo­der­ne „Any­thing goes“ nicht ein­ver­stan­den sind. Die sich un­wohl, oft nicht mehr hei­misch und manch­mal auch ge­fähr­det se­hen.
[….] Um es sehr bös­ar­tig zu sa­gen: Bei uns gibt es oft­mals zu viel Grü­nes und Li­be­ra­les und zu we­nig Ro­tes. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch! Die AfD erzielte am 24.09. zwar 12,6%, aber das heißt auch, daß 87,4% sich nicht für die Anti-Postmodernisten erwärmen konnte.
Wahlanalysen zeigen zudem, daß gerade in den Bundesländern, in denen die Regierungen am stärksten Rücksicht auf die AfD nahmen – also Sachsen und Bayern – die AfD-Ergebnisse am besten waren. Dort, wo man ihnen eben nicht wie Gabriel nach dem Mund redete, waren die AfD-Ergebnisse schwächer.

[….] Im Kern geht es aber um eine kul­tu­rel­le Hal­tung und um Fra­gen nach Iden­ti­tät. In der un­über­sicht­lich ge­wor­de­nen Welt ist es ge­nau die­se Sehn­sucht nach Iden­ti­tät, die auch ei­nen gro­ßen Teil un­se­rer Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler um­treibt. Mit wem und vor al­lem mit was kön­nen sie sich iden­ti­fi­zie­ren? Ist der Wunsch nach si­che­rem Grund un­ter den Fü­ßen, der sich hin­ter dem Be­griff „Hei­mat“ hier in Deutsch­land ver­bin­det, et­was, was wir ver­ste­hen, oder se­hen wir dar­in ein rück­wärts­ge­wand­tes und so­gar re­ak­tio­nä­res Bild, dem wir nichts mehr ab­ge­win­nen kön­nen? Ist die Sehn­sucht nach ei­ner „Leit­kul­tur“ an­ge­sichts ei­ner weit­aus viel­fäl­ti­ge­ren Zu­sam­men­set­zung un­se­rer Ge­sell­schaft wirk­lich nur ein kon­ser­va­ti­ves Pro­pa­gan­da­in­stru­ment, oder ver­birgt sich da­hin­ter auch in un­se­rer Wäh­ler­schaft der Wunsch nach Ori­en­tie­rung in ei­ner schein­bar im­mer un­ver­bind­li­che­ren Welt der Post­mo­der­ne?
Es ist kein Zu­fall, dass sich die Vor­den­ker der Rechts­ex­tre­men in Eu­ro­pa häu­fig als „Iden­ti­tä­re Be­we­gung“ be­zeich­nen. Denn es geht um Iden­ti­tät und Iden­ti­fi­zie­rung. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch, falsch! Gerade in den Zeiten der sozialen Netzwerke haben die Menschen immer weniger Probleme sich mit anderen zu identifizieren.
So etwas wie Leitkultur kann man noch nicht mal definieren; der Letzte, der es versuchte, war der Bundesinnenminister und er blamierte sich auf ganzer Linie.
Tatsächlich hatte die AfD im Bundesland Hamburg mit einem zehnmal höheren Migrantenanteil als in Sachsen das schwächste Ergebnis, erreichte aber gerade im am wenigsten multikulturellen Bundesland ihr Rekordergebnis.
Die Namenswahl rechtsradikaler Mörderbanden – die Identitären – als Beleg für seine Thesen zu nehmen, ist so absurd, daß man sich an Erika Steinbach erinnert fühlt, die belegen wollte, daß es sich bei Hitlers Nazis um Linksextreme handelte, weil es Nationalsozialismus“ hieß.

[….] Ich bin der Über­zeu­gung, dass die Kri­se der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie we­ni­ger et­was mit ei­nem Re­gie­rungs­bünd­nis mit den Kon­ser­va­ti­ven in Deutsch­land zu tun hat als mit die­sen völ­lig ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen für so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­tik. Erst wenn wir uns wirk­lich zu die­sen Ver­än­de­run­gen be­ken­nen und dar­aus auch Kon­se­quen­zen zie­hen, wer­den sich un­se­re Wahl­er­geb­nis­se ver­bes­sern. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch. Die Krise der Sozialdemokratie hat eher was mit miesem Führungspersonal und fragwürdigen Kabinettsmitgliedern zu tun, die als Energie-und Wirtschaftsminister dafür sorgten, daß es unter SPD-Mitwirkung mehr CO2-Ausstoß, mehr Waffenexporte, Vorratsdatenspeicherung und eine sich weiter verschärfende Vermögenskonzentration bei den Superreichen gab.

Man könnte auch als Partei etwas weniger unfähig auftreten als mit Bätschi-Andrea, Niemand-mag-mich-Martin und Zickzack-Siggi.

Also lieber Außenminister; ich schätze strategische Überlegungen und inhaltliche Diskussionen.
Immer weiter so, aber speziell dieser „Sehnsucht nach Heimat“-Aufsatz, der den Sozis empfiehlt tumbe AfD-Politik zu imitieren, war ein echter Griff ins Klo.