Montag, 17. August 2020

Mit gleicher Münze heimzahlen.


Angela Merkel ist keine amerikanische Wahlkämpferin, daher äußert sie niemals direkt, was sie von Donald Trump hält, behandelt ihre Telefonate mit ihm vertraulich.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren ist aber immer wieder von amerikanischer Seite durchgesickert wie unflätig er sie beschimpft, wie desinformiert er ist, wie ungehalten er ist und mit welcher Ignoranz er reagiert.
Es ist auch bekannt, daß sie stets die Ruhe behält und seine verbalen Attacken an sich abtropfen lässt.
Möglicherweise ist das einer der Gründe dafür weswegen IQ45 die Bundeskanzlerin ganz besonders verachtet und daher, um sie persönlich zu strafen 10.500 US-Soldaten aus Deutschland abziehen lässt.

Aus deutscher Sicht ist es aber recht unbefriedigend ihn immer wieder über die nicht eingehaltenen NATO-Verpflichtungen ätzen zu hören. Bei jeder Gelegenheit pöbelt er, die Deutschen bezahlten ihre NATO-Beiträge nicht. Offenbar glaubt er, es handele sich dabei um einen festen Mitgliedsbeitrag, der in Brüssel entrichtet werden müsse, so wie die Einzelstaaten auch für UN-Programme wie die WHO einzahlen.
Das ist natürlich blanker Unsinn und beruht einmal mehr auf Trumps Borniertheit.

Richtig ist aber, daß es eine Selbstverpflichtungszusage gibt. Demnach strebt Deutschland an zwei Prozent des Bruttoinlandproduktes für die Verteidigung, also das deutsche Militär auszugeben.
Zu gern weisen konservative deutsche Journalisten darauf hin; hier habe Trump einen Punkt. In der Tat gebe die Bundesrepublik zu wenig für das Militär aus.
Von konservativer Seite lässt sich besonders gut auf der Zusage herumhacken, weil sie 2002 unter Schröder (SPD) und Struck (SPD) angedacht und schließlich 2014 in Wales mit dem Segen Merkels (CDU) und Steinemeiers (SPD) festgeschrieben wurde.

[….] Aber nicht Trump dachte sich die Zwei-Prozent-Vorgabe aus. Es handelt sich um ein Ziel, das sich die NATO-Staaten gemeinsam setzten - lange vor Trump und in einer Zeit, als der SPD-Politiker Peter Struck Verteidigungsminister war: zum NATO-Gipfel 2002 in Prag.
Damals wurden die baltischen Staaten, Bulgarien, Rumänien und die Slowakei eingeladen, Mitglieder der Allianz zu werden. Eine Bedingung war es, "genügend Ressourcen" in die Verteidigung zu investieren. Der Richtwert für jeden Aspiranten lautete zwei Prozent seines BIP. Der Gerechtigkeit halber sollten aber auch jene Staaten, die der NATO bereits angehörten, dieses Ziel anstreben.
Festgeschrieben wurde das Zwei-Prozent-Ziel noch einmal 2014 beim NATO-Gipfel in Wales. Das war nach der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch in der Ukraine. Als Bundesaußenminister anwesend war auch SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier.
Konkret wurde in Wales beschlossen, dass die NATO-Staaten "darauf abzielen, sich innerhalb von zehn Jahren auf den Richtwert von zwei Prozent zuzubewegen" und mindestens 20 Prozent davon in "neues Großgerät einschließlich damit zusammenhängender Forschung und Entwicklung" zu investieren.
Für Deutschland bedeutet dies, bis 2024 die Verteidigungsausgaben von derzeit etwa 1,2 Prozent des BIP fast zu verdoppeln. Dann käme - abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung - ein Betrag von etwa 60 Milliarden Euro zustande. […..]

Es war zwar vage formuliert, nicht mit konkreten Zeitangaben und Sanktionen bei Zuwiderhandlungen versehen, aber in der Tat sind die zwei Prozent nicht erreicht worden.

An dieser Stelle liegt Whataboutism besonders nahe.
Denn die Zielvorgaben bei NATO- und G7/8-Abschlusserklärungen werden so gut wie nie eingehalten. Die westlichen Staaten zahlen nicht die 1970 verabredete Entwicklungshilfe von 0,7% des BIP, auch Deutschland verfehlt heute diesen Anspruch.

Deutschland reißt mit Karacho die EU-Ziele zur CO2-Reduzierung und hält sich genauso wenig an die drei Stabilitätsziele der EURO-Einführung von 2002.
Zusagen zur Rüstungsexportreduktion und insbesondere zur humanitären Hilfe werden ohnehin nie eingehalten. Die EU schafft es noch nicht einmal den Hunger in Flüchtlingslagern einzudämmen, weil die Mittel fehlen.

Unangefochtener König der gebrochenen Versprechen und nicht geleisteten internationalen Zahlungen ist aber selbstverständlich die USA des Donald Trump.

Trump war schon sein Leben lang ein Betrüger und Vertragsbrecher, aber als US-Präsident bereitet es ihm ein besonderes Vergnügen geltende Verpflichtungen und Verträge zu zerschmettern. Aus tritt aus der WHO, Iran-Atom-Abkommen, Pariser-Klimaziele.

Im Lichte dieser neuen Vagheit aller Zusagen sollte man doch wenigstens eine geistigen Evaluierungsprozess der militärischen Zusagen von 2002 durchführen.

Dabei kommt man zu einem klaren Ergebnis: Das 2%-Ziel ist obsolet.

[…..] Seit vielen Jahren gilt die Devise, jeder Mitgliedstaat solle zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben. Das leuchtet nicht ein. […..] Donald Trump hat für Politik und Diplomatie keinen Sinn. Dass er je ein erfolgreicher Wirtschaftsboss gewesen ist, wird mit guten Gründen bezweifelt. Sein Denken ist simpel: Die Nato-Verbündeten sollen mehr Geld für Waffen ausgeben, weil das nur "fair" sei; auf die amerikanische Führungsrolle in der Welt will er aber nicht verzichten. […..] Längst bevor Trump ins Weiße Haus kam, war es ausgemacht: Alle Nato-Mitglieder sollen zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Aufrüstung ausgeben. Wie man auf zwei Prozent kam, ist ein Rätsel. Die Ziffer Zwei scheint etwas Zauberhaftes an sich zu haben: Erfahrene Leute der Europäischen Zentralbank benennen sie als die gewünschte Inflationsrate. Auch hier stellt sich die Frage, warum es gerade die Zwei sein soll, die den Sicherheitsabstand zu der von den Zentralbankern so gefürchteten Deflation leisten soll. Womöglich wurde das, wie man so sagt, Pi mal Daumen entschieden. Eins, Zwei, Drei? Wir nehmen das gute Mittelmaß: die Zwei. […..] Seit der Antike ist die Rede vom Frieden, den es per Aufrüstung zu bewahren gelte. Vermutlich wird die Menschheit sich eher massakrieren, als dass alle gemeinsam einsähen, wie absurd dieses Argument ist. […..]

Statt sich also stets peinlich berührt weg zu ducken, wenn Trump zur Zwei-Prozent-Schelte ansetzt, sollte Angela Merkel offiziell erklären ‚Lieber Herr Trump, wie Sie ja selbst am besten wissen, kommt man nach einigen Jahren oft zu dem Schluss, daß die von Vorgängerregierungen zugesagten Verpflichtungen nicht mehr zeitgemäß oder gar ganz falsch sind. Daher ziehe ich die Zusage zu dem 2%-Ziel zurück.‘

Sonntag, 16. August 2020

Ausrutscher, Fehler und Unverzeihliches


Überraschung. Politiker, Journalisten und Publizisten, die auf ein Jahrzehnte währendes Berufsleben zurück blicken, in dem sie täglich veröffentlichten und veröffentlicht wurden, also zehntausende nachlesbare Sätze produzierten, haben a posteriori nicht in jedem Fall Recht behalten.
Vielleicht erweisen sich nur 98% oder 99,5% der Aussagen als vernünftig.
Überraschung, jeder ist auch partiell Kind seiner Zeit.
Wer vor hundert Jahren im deutschen Sprachraum lebte, sprach wertneutral von „Mohren“ und „Negern“. Das war allgemeiner Mindset und keineswegs mit der heutigen extrem negative Konnotation verknüpft.
Gerade läuft auf TELE5 die Wiederholung der Erfolgsserie „V - Die außerirdischen Besucher kommen“ aus den frühen 1980er Jahren. Die leicht trashige Science Fiction Serie hat insofern noch ihre Bedeutung, als klare Bezüge auf den Antisemitismus, den Holocaust und das faschistische Nazi-Regime genommen werden. Es geht um Widerstand, Opportunismus oder Mitläufertum. Der männliche Held der Serie, Mike Donovan, der für das Gute kämpft, trifft dabei auf die junge Biochemikerin Juliet Parrish. Er nennt die Anführerin des Widerstands ganz arglos „Schätzen“ oder „Kleines“.
Die Aufmerksamkeit für Misogynie war noch nicht existent.
In der Serie DALLAS aus derselben Zeit, die damals auch in Deutschland ein Straßenfeger war, rauchen fast alle Protagonisten und gießen sich schon vormittags bei jeder Gelegenheit einen Whiskey ein.
Es gab noch kein Gefühl dafür welches Vorbild gezeigt wird, daß Alkoholismus und Nikotinsucht tödliche Krankheiten mit Myriaden Todesopfern jedes Jahr sind.
Es dauerte bis ins 21. Jahrhundert, daß größere Teile der Öffentlichkeit auf den Gedanken kamen, es könne womöglich falsch sein sämtlichen männlichen jüdischen und muslimischen Kindern eine Genitalverstümmelung zu verpassen, bei der für immer das Gefühl verändert wird, bei der es ohne Not zu Penisamputationen und sogar Todesfällen kommt.

Die Zeiten des alten Carl Hagenbeck, der kontinuierlich neue Wildtiere und Menschen in Afrika einfangen ließ, um sie in seinem Hamburger Zoo vorzuführen, sind vorbei.

Es ist keine Hundert Jahre her, daß man hier bei mir vor der Tür in Hamburg entrechtete Menschen in Käfige sperrte und anglotze.

Gerne wurden „Schau-Neger“ auf Jahrmärkten gezeigt. Carl Hagenbeck ließ für seinen Zoo in Hamburg allerlei „wilde Afrikaner“ einfangen und zeigte sie den höchst interessierten Hanseaten in seiner „Völkerschau“.
Den christlichen Besuchern kam es gar nicht in den Sinn, daß es irgendwie unmoralisch sein könnte, neben Löwen und Antilopen auch Hottentotten und Zulus in Käfigen zu zeigen.
Die Körperlichkeit der vielen afrikanischen Völkerschauen in Deutschland faszinierte insbesondere die Frauen in Deutschland - hatten sie doch in der Regel noch nie nackte Männer gesehen.

Blütezeit der Völkerschauen in Europa war zwischen 1870 und 1940. Allein in Deutschland wurden in dieser Zeit über 300 außereuropäische Menschengruppen vorgeführt. Teilweise lebten in diesen „anthropologisch-zoologischen Ausstellungen“ gleichzeitig über 100 Menschen.
(Wiki)

Tatsächlich konnten die in Hamburg gefangenen Afrikaner noch von Glück reden. Es war nämlich durchaus auch üblich „Neger“ aus praktischen Erwägungen auszustopfen oder des einfacheren Transports halber nur ihre Köpfe auszustellen.
Noch heute lagern in den Kellern der Berliner Charité kistenweise getrocknete Köpfe von Menschen aus allen Gegenden Afrikas.

Heute entwickelt man angesichts dieses Verhaltens Scham.
Die Nürnberger Rassegesetze von 1935 und die Konsequenzen beschämen inzwischen auch die anderen Mächte der Welt, die ein Jahr später fröhlich feiernd zur Olympiade in Berlin erschienen.
Machte ja nichts.
Vermutlich wird sich unsere Scham noch weiter entwickeln.
Ich halte es für wahrscheinlich, daß in 50 Jahren Jugendliche uns Uralte entsetzt fragen werden, wieso man ohne irgendwelche Skrupel mit Nationen Handel trieb, die Frauen steinigten und Schwule aufknüpften.

Es ist unredlich mit dem heutigen Wissen rückblickend zu glauben, jeder hätte damals schon erkennen müssen wie verletzend die allgemeine Ignoranz war.
Der Humanismus unterliegt einem evolutionären Prozess.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich die Menschen in 100 Jahren, sofern es die Rasse dann noch gibt, ähnlich gruseln, wenn sie auf das Verhalten des Homo Sapiens aus dem Jahr 2020 zurückblicken.
Fehlende Tierrechte, Fleischkonsum, rücksichtslose Umweltzerstörung durch Individualverkehr und Flugreisen, Interagieren ohne Hygienemaßnahmen, nationale Egoismen, jeden Tag zehntausende Kinder verhungern lassen, Kriege mit Waffenlieferungen anzufachen, Gefängnisstrafen für Drogenkonsum, Verbot des Suizids, Apparatemedizin, Endlagern von Millionen Senioren, Religionsvertreter in TV-Räten und Ethikkommission, Energiegewinnung durch Steinkohle- und Erdölverbrennung.
Gut möglich, daß man einst so fassungslos auf die heute völlig normalen Dinge sieht, wie wir heute „Schauneger in Hagenbeck“ oder die Nürnberger Rassegesetze.

Wir müssen und jetzt, in der Gegenwart weiterentwickeln; unsere Ansichten und unser Verhalten ändern.
Einige sehen das natürlich früher ein als die große Masse und werden sehr viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit leisten.

Wir dürfen uns dabei aber nicht als moralische Herren über die Menschen früherer Jahrhunderte aufspielen und so tun, als ob wir selbst damals anders gehandelt hätten.

Es ist lächerlich Verbote von Fernsehserien aus den 1970ern oder 1980ern zu fordern, weil sie sexistisch wären.
Natürlich sind sie das, weil die ganze Welt es war.
Es ist lächerlich Mark Twain zu verdammen, weil er inflationär den Begriff „Nigger“ gebrauchte. Das Buch „die Abenteuer des Tom Sawyer“ erschien 1876; wie hätten wohl sonst die Schwarzen damals in den US-Südstaaten genannt werden sollen?
Wir lesen Twain heute mit dem Wissen von 2020 und können die Sprache historisch einordnen.
Wir sind gebildet und müssen daher unterscheiden zwischen Zeit-typischer Sprache und beabsichtigtem Rassismus.

Überraschung, der Mensch entwickelt sich weiter und ist lernfähig.
Auch ich habe einst bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Zigaretten geraucht, habe mir keine Sekunde darüber Gedanken gemacht, daß Kinder in meiner Nachbarschaft beschnitten werden und konnte sogar in der Sportumkleide Dutzende andere Jungs ansehen, ohne daß auch nur ein einziges mal der Gedanke an Achsel- oder Genitalbehaarung durch meinen Kopf schwirrte. Es gab damals noch kein Bewußtsein dafür sich jedes Haar am Körper sofort abrasieren zu müssen.

Aber wir entwickeln uns, wenn auch nicht ausschließlich in die richtige Richtung. Gut möglich, daß man in ein paar Hundert Jahren fassungslos auf die tätowierten, glattrasierten und Silikon-implantierten Körper des frühen 21. Jahrhunderts gucken wird.

Wir sollen aufmerksam und aufgeklärt in die Vergangenheit blicken, uns aber nicht aufspielen, als hätten wir es schon immer besser gewußt.

Ich fordere einen liberalen Umgang mit den Verfehlungen der Vergangenheit.

Ja, auch ein Helmut Schmidt hat 1960 womöglich mal einen Satz gesagt, der heute ganz schlecht klingt.
Ja, Kamala Harris hat in ihrem Job als Staatsanwältin vielleicht in dem ein oder anderen Fall zu hart agiert.
Ja, Olaf Scholz hat die G20-Proteste unterschätzt.
Ja, Joe Biden hat in den 1970ern aus heutiger Sicht fragwürdige Ansichten zum „Bussing“ vertreten.

Na und?
Es ist gut sich weiter zu entwickeln.

Nicht zu tolerieren ist allerdings wenn auch im Jahr 2020 noch hunderte Millionen Protestanten einen der schlimmsten Antisemiten aller Zeiten – Martin Luther – folgen, ihre Kirchen und Einrichtungen nach ihm benennen.

Und schon gar nicht darf man heute noch einen Typen Namens Jesus Christus und die Bibel zum moralischen Maßstab erheben.
Dort wird explizit Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und neben vielen anderen Bösartigkeiten mehr auch die Sklaverei eingefordert.
Jesus befürwortete Sklaverei, weil er ein Kind seiner Zeit war.
Wir dürfen aber im Jahr 2020 natürlich nicht mehr Jesus und seinen Ansichten folgen.


God is cancelled

Samstag, 15. August 2020

Betrachtungen über die Elternschaft


Heute sind 30 Tage FB-Knast vorbei. Ich war ein böser Junge!
Ich habe ein Trump-kritisches Bild meiner Instagram-Story auch auf FB geteilt.
Das geht natürlich nicht! Blasphemie und Majestätsbeleidigung war das. Schande über mich und ER LEBE HOCH, der beste, am wenigsten rassistische, schönste, schlauste, liebevollste, höflichste, bescheidenste und stabilstgenialste Präsident der ganzen Welt und aller Zeiten! Nur um das mal klarzustellen.

Natürlich konnte ich alle Online-Medien dennoch verfolgen und die klugen Meinungsäußerungen dazu lesen.
Ein bißchen hatte ich aber ehrlich gesagt doch das Aufschaukeln der Meinungen in den Gruppenblasen vermisst. Zum Glück konnte ich gleich wieder eine dieser typisch inzestuös-autoaggressiven

Da hatte eine junge Frau doch in einer monothematischen 20.000-Mitgliederstarken Gruppe ein ungeheuerliches Bekenntnis über sich selbst gepostet. Sie wäre a) Single, b) kinderlos und c) glücklich darüber.

Als Antinatalist faszinieren mich die darauf unweigerlich folgenden Empörungsspiralen.
Zunächst gab es als Kommentare ein paar traurige Selbstbekenntnisse auch Single zu sein, allerdings ein Unglücklicher, der auf der Suche nach einem Partner wäre. Hinzu kamen einige alleinerziehende Depressive, die beklagten wie schwierig es sei ihr Kind ohne Hilfe zu umsorgen, aber, so versicherten alle, wie das Amen in der Kirche; sie liebten ihre Brut gar sehr.
Hinzu kamen sogar vereinzelte Stimmen von Müttern, die enthusiastisch von ihrer/m/n Sohn/Söhnen/Tochter/Töchter schwärmten und damit zufrieden wären, keinen Mann an ihrer Seite vermissten.
Schon da fiel mir der tautologische Touch auf. Niemand schreibt in dem Zusammenhang sachlich von „Sohn“ oder „Tochter“, sondern garniert das automatisch mit redundanten Informationen, wie „11 Wochen alte“ oder „wunderschöne“ bis hin zu „die ich sehr liebe“.
Das brachte nun die Väter auf den Plan, die mit mahnendem Zeigefinger ausführten, diejenigen, die keine Kinder hätten, könnten gar nicht beurteilen wie glücklich Kinder machten und wie wundervoll es wäre Eltern zu sein.

So eine Äußerung soll natürlich als Todschlagargument fungieren: Wer keine Kinder hat, darf demnach gar nicht mitreden, weil er den Sachverhalt ohnehin nicht beurteilen kann.

Das hat schon eine religiöse Komponente. Der Gläubige spricht dem Atheisten auch in der Regel ab überhaupt über Glauben sprechen zu dürfen, weil er prinzipiell im Irrtum sei. Extra Ecclesiam Nulla Salus.

Ganz vereinzelt meldeten sich aber weitere Mitleserinnen zu Wort, die ebenfalls bekannten keine Kinder zu wollen.
 Inzwischen war ich so getriggert, daß ich begann ebenfalls ein Statement zu schreiben. Allerdings konnte ich es nicht mehr absetzen, da der Thread dermaßen in gegenseitige Beschimpfungen eskalierte, daß er vom Moderator gelöscht wurde.

Der totale Stopp der Diskussion war gerechtfertigt, da auch nach meiner Erfahrung bei dem Thema in großen Gruppen keine Sachlichkeit walten kann.
Viele Menschen betrachten ihre eigenen Kinder letztendlich als ihre Existenzberechtigung und flippen daher erwartungsgemäß aus, wenn jemand ihnen indirekt diesen Boden entzieht, indem er behauptet ohne Kinder glücklich zu sein.
Die Argumente werden dann augenblicklich irrational und gipfeln mit Liebesbekenntnissen zu dem eigenem Nachwuchs. Nichts sei so stark wie das Band zwischen Mutter und Kind, kein Kinderloser könne das Glück ein Kind zu haben begreifen.
Jeder Widerspruch an diesem Punkt der Diskussion wird als Infragestellung der Liebe zum Kind aufgefasst und führt zu wütenden Reaktionen.
Dabei ist es wahrscheinlich simple Genetik. Jeder liebt sein Kind. (Jeder bis auf wenige Ausnahmen). Jede Mutter bewundert die ersten Schritte und Worte ihres Babys wie ein Weltwunder, hält ihr Kind für das Klügste und Schönste in der Schulklasse. Das ist normal und biologisch notwendig. So gut wie niemand wir rational rankend antworten „nun ja, mein Kind ist so mittelmäßig attraktiv, eher dumm und nicht besonders liebenswert“. Zum Glück, denn es wäre eine brutale Bürde für ein Kind mit vollkommen rationalen Eltern aufzuwachsen.
Selbst rationale Eltern sind in diesem Punkt irrational und gegen augenzwinkernd zu „ich weiß, jede Mutter hält IHR Kind für das Schönste, aber meins ist wirklich das schönste“.
Als Antinatalist wäre ich sicher auch nicht frei von diesen Gefühlen.
Bekäme ich durch irrwitzige Umstände doch ein Kind, würde ich es selbstverständlich auch verhätscheln, für das großartigstes Wesen der Welt halten und im Vatersein aufgehen.
Aber das sind zwei verschiedene Ebenen. Wenn man sich a priori dagegen entscheidet, dann geht es eben nicht um die Frage des Vaterseins und der väterlichen Gefühle.
Das ist ähnlich wie mit der Diskussion mit einer Schwangeren, die fragt, ob sie abtreiben soll.
Man kann da nur verlieren, weil man von außen objektiver guckt. Wenn die Umstände so katastrophal sind, daß man zu einem Schwangerschaftsabbruch rät, die Betroffene aber dennoch das Kind bekommt, wird sie einem anschließend empört vorhalten, man habe gegen ihr geliebtes Kind argumentiert.
Dabei hat man in Wahrheit weder ihre Liebe zum Kind, noch das Kind selbst in Frage gestellt, sondern über eine eben nicht eingetretene Realität ohne Kind gesprochen. Diese Fantasie-Realität ist aber obsolet, wenn das Kind da ist.

Kinder absorbieren einen enormen Teil der emotionalen Zuwendung ihrer Eltern. Das ist sicherlich für beide Parteien ein Vorteil.
Nicht betrachtet werden dabei aber dritte Parteien.
Es gibt viele Witze über den Freundeskreis der Kinderlosen, den man als junge Eltern verlässt. Darin ist viel Wahrheit enthalten. Die geistige Welt von Kinderlosen und jungen Eltern driftet automatisch stark auseinander.

Wenn die Kinder erwachsener werden, lockert sich die soziale Spaltung zwischen Kinderlosen und Eltern. Kinder können sich auch ihren Eltern entfremden.

Damit komme ich zu der Kehrseite der Mutter/Vater-Kind-Bindung.
Kinderlose haben in der Regel natürlich auf diese Bindung zu ihren eigenen Eltern und genau die bleibt intensiver bestehen, wenn die erwachsenen Kinder selbst kinderlos werden.
Nicht umsonst wird Kinderkriegen allgemein als „Familie gründen“ bezeichnet.
Das ist aber sachlich falsch, schließlich war man schon vorher eine Familie, hatte Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Cousinen.
Wird ein Paar schwanger, gründet es streng genommen also keine Familie, sondern kapselt sich mit der Neugründung einer Familie von der Bisherigen ab.
Natürlich spreche ich von modernen Großstadtfamilien und nicht von früheren Verhältnissen als selbstverständlich alle Generationen in einem Kral, einer Höhle, einem Schuppen wohnten.

Meine eigenen familiären Bindungen richteten sich immer an die vorherigen und nicht die nachfolgenden Generationen.
Schon als Grundschüler begann ich damit regelmäßig Alters- und Pflegeheime zu besuchen. Das habe ich bis heute beibehalten, weil ich sehr genau weiß wie sehr die in Heimen weggesperrten unter ihrer Einsamkeit leiden und wie dankbar sie sind, wenn sie Zuwendung bekommen.
Dabei habe ich über vier Dekaden ganz klar beobachtet, daß sich die Kinderlosen viel leichter tun, weil sie einen intakteren Freundeskreis haben. Das betrifft auch Heimbewohner mit kinderlosen Kindern, die sich in der Regel sehr viel um ihre kranken und/oder pflegebedürftigen Eltern kümmern.
 Die Heimbewohner, die sich besonders allein fühlen, sind die Großeltern.
Deren Kinder haben nämlich ihren Fokus auf die eigenen Kinder gerichtet, haben eine eigene/andere Familie gegründet, die sie automatisch von der  vorherigen Generation entfernt.

Das so hochgelobte emotionale Band zwischen Mutter und Kind hat eine böse Kehrseite: Das Band zur Mutter der Mutter wird schwächer, wer nicht mehr nur Kind, sondern auch Eltern ist, kann sich nicht mehr auf die eigenen Eltern konzentrieren.

Das ist biologisch gesehen sicher auch sinnvoll, funktionierte aber besser in den letzten zwei Millionen Jahren, als Homo Sapiens ohnehin kaum je älter als 35 wurde.
Heute bleiben nach dem Klimakterium aber noch viele Dekaden übrig.

Freitag, 14. August 2020

Pessimistischer Blick in die USA


Alles andere als übelste rassistische und sexistische Attacken Donald Trumps auf Kamala Harris wäre eine riesige Überraschung.
Der Fünffach-Trigger, den die Veep-Kandidatin für ihn darstellt – 1. Tochter von Immigranten, 2. Nicht weiß, 3. Frau, 4. Intelligent, 5. Lobt Trump nicht – ist einfach zu groß für das orange Stück Abfall.



Und so legte er sofort los, nannte sie zunächst „sort of a mad woman“, „nasty“, „full of hatred“, später „a desaster“, „phony“, „socialist“, „controlles by the radical left“, um dann mit seinen zutiefst rassistischen Birther-Angriffen zu kommen, die er ein Jahrzehnt gegen Obama einsetzte.


[….] Trump verbreitet Verschwörungstheorie über Amtsanrecht von Kamala Harris
In rechten Internetforen kursieren falsche "Birther"-Theorien, die Kamala Harris das Recht auf das Amt der Vizepräsidentin absprechen. Donald Trump hat sich davon auf Nachfrage ausdrücklich nicht distanziert.
Es hat keine zwei Tage gedauert, bis die rassistisch geprägten Spekulationen über Kamala Harris auch das Weiße Haus erreichten. US-Präsident Donald Trump hat nun offen infrage gestellt, ob die oppositionelle Vizepräsidentschaftskandidatin als Tochter von Einwanderern die zweithöchste Position im Staat besetzen darf. […..]

Eine sehr schäbige Form von Rassismus, die der in Umfragen bedrängte Trump nun noch drastischer einsetzt, um seine Base von 60 bis 70 Millionen Wählern zu elektrisieren.



Soll heißen:
„Achtung, die Neg*r ziehen in Eure Nachbarschaft und ruinieren den Wert Eurer Immobilien. Und der Neg*r Booker drückt es durch!“

Ich bin sicher, solche drastischen Botschaften sind effektiv. Das Trumpsche Kalkül, seine Anhänger maximal zu motivieren, damit sie aus Furcht vor den Schwarzen und Kommunisten alle zur Wahl gehen und für ihn stimmen, wird funktionieren.


Viele Amerikaner denken so, 62 Millionen von ihnen haben daher schon 2016 für den offenen Rassisten Trump gestimmt.
Ihnen ist jedes Mittel Recht und daher akzeptieren sie auch Trumps zutiefst Verfassungs- und Demokratiefeindliche Methoden.
So will er die Kür zum Präsidentschaftskandidaten 2020 vor dem Weißen Haus absolvieren. Das war bisher strikt verboten, da man die Amtsinsignien im Wahlkampf nicht für parteiliche Zwecke benutzen darf. Und noch viel schlimmer, der Briefwähler Trump gibt offen zu die amerikanische Post zu ruinieren, um die Briefwahlstimmen zu torpedieren. Der oberste Hüter der US-Verfassung geht aktiv gegen den Kern der Verfassung vor, das allgemeine Wahlrecht.

[……] Kein Geld für die Post: US-Präsident Trump räumt Blockade der Briefwahl offen ein.
Seit Monaten fährt der US-Präsident eine Kampagne gegen die Wahl per Brief. Nun hat er in einem Interview unverhohlen klargemacht, warum seine Partei der Post keine weiteren Milliarden geben will. […..]

Trumps rassistischen Mob an der Basis gefällt das.

Die Frage ist nur, ob diese grob geschätzten 40% der Amerikaner, die Trump so sehr lieben – also eine jeweils deutliche Mehrheit der weißen Frauen, der weißen Männer und der Ungebildeten  - ausreicht.

Die anderen, also eine Minderheit der Weißen, eine deutliche Mehrheit der Gebildeten und eine gewaltige Mehrheit aller People Of Color, sind gegen Trump. Vermutlich etwa 60% der Amerikaner.
Sie sind aber nicht ganz so elektrisiert wie die Trump-Fans. Viele von ihnen wählen gar nicht; Wahlbeteiligungen von über 50% sind selten in den USA. Zudem bevorzugt das US-Wahlsystem sehr stark die Republikaner. Daher konnte Trump im Jahr 2016 mit drei Millionen Stimmen weniger als Clinton US-Präsident werden.
Gut möglich also, daß Trump auch 2020 mit 40:60 Prozent der Bevölkerung gewinnt.

Aber Trump ist Mitte 70, zeigt deutliche Anzeichen von Demenz und irgendwann werden andere Republikaner für ihn nachrücken.

Genau das aber sollte einen richtig pessimistisch stimmen.
Die altehrwürdige Partei Lincolns ist vollständig verkommen und solidarisiert sich auf ganzer Linie mit einem 20.000-fachen Lügner, der die amerikanische Verfassung zerstört und offen Rassismus propagiert.


Der CNN-Anchor berichtete von seinem täglichen Kampf mit sich selbst, ob er Trump überhaupt noch Aufmerksamkeit schenken sollte, oder ob es nicht besser wäre ihn zu ignorieren. Daß er aber als Journalist die Pflicht fühle Trumps gefährlichen Lügen entgegen zu treten.

Nach den rassistischen Birther-Attacken auf Kamala Harris, fragte sich die Lemon-Redaktion, was eigentlich ihre Kollegen im Senat dazu sagen.
US-Senatoren sind eine recht übersichtliche exklusive Gruppe. Man kennt sich gut untereinander und gerade Harris ist wegen ihres Sachverstandes überall beliebt.
Wäre es also nicht an ihren Kollegen, sie gegen rassistische, frauenfeindliche Attacken zu verteidigen? Sie in Schutz zu nehmen, Trump zu widersprechen?

Die Lemon-Redaktion brauchte den ganzen Tag, um alle 53 republikanischen Senatoren zu kontaktieren, sie um ein Statement zu bitten.
Würde sie sich mit der so ekelhaft angegriffenen Harris solidarisieren?

52 der 53 GOP-Senatoren stellten sich tot, ignorierten die CNN-Anfrage.
Für Nummer 53 antwortete eine Sprecher und ließ verkünden, er kenne Trumps Aussagen nicht.


Trump wir eines Tages weg sein. Anfang 2021 oder Anfang 2025.
Aber 100% der Republikaner, die sich einem kriminellen Rassisten verschrieben haben, bleiben.