Donnerstag, 13. Dezember 2018

Wenn die Realität zubeißt – Teil II


Solange die USA noch nicht vollkommen verrückt waren,  konnte es für einen Politiker keine schlimmere Schmach geben als für einen Government-Shutdown verantwortlich gemacht zu werden. Dieser Schwarze Peter wurde trickreich immer den anderen zugeschoben. Was könnte es auch für ein ultimativeres Versagen geben für diejenigen, die das Funktionieren des Staates garantieren sollten, als eben diesen Staat lahm zu legen und die Angestellten unbezahlt nach Hause zu schicken?

Aber wir sind im Jahr 2 nach Trump und da ist der Irrsinn Normalität.


Noch vor wenigen Jahren wären solche Sprüche der Untergang eines Präsidenten. Daher auch das hämische Verhalten Pelosis und Shumers.
Aber der Wahnsinn ist so weit fortgeschritten, daß Trumps Fans ihn dafür lieben alles kaputt zu schlagen. Sie halten das für seine Methode die Mauer durchzusetzen und die Ausländer rauszuwerfen.

Aber womöglich bekommen auch Trump-Fans die Realität bald in ihren Portemonnaies zu spüren. Jobabbau, Rekord-Handelsbilanzdefizit und natürlich auch Rekord-Schulden sind die schnöde Wirklichkeit Amerikas.

[…..] 2018 ist das Defizit im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gestiegen. Amerika steht heute mit 21,2 Billionen bei seinen Gläubigern in der Kreide. Dramatischer als die Lage allerdings ist die Dynamik der Entwicklung. Schon 2019 dürfte der Fehlbetrag zwischen Einnahmen und Ausgaben die Eine-Billion-Marke knacken [….]

Seit Oktober befindet sich der Dow Jones auf Talfahrt; es könnte weiter bergab gehen.

[….] Bereits in den Vortagen hatten wir vor einem erhöhten Korrekturrisiko aus markttechnischer Sicht gewarnt. Und auch nach dem ersten Ausverkauf bleibt der Dow Jones Industrial Index weiterhin gefährdet. Insbesondere auf längere Sicht drohen Kurse unterhalb der 24.000er-Marke. [….]
(Börse online, 06.12.18)

Übel sieht es aber auch in der gesellschaftlichen Realität aus.
Trumps desaströse Krankheitspolitik bringt mehr Menschen denn je in den Drogentod, weil sie nicht versichert sind und schwere Krankheiten zunehmend nur noch mit Opioiden „behandeln“ können.

[….] So far in 2017, more than 72,000 Americans have died from drug overdose deaths, which is a new record according to the Centers for Disease Control and Prevention. By 2013, according to a study in Medical Care journal, the economic burden of the U.S. opioid crisis had already grown to about $78.5 billion. [….]

Da Trump und Konsorten kontinuierlich Hass säen, steigt natürlich auch die Zahl der Hass-Verbrechen rasant.

[….] Die Gewalteskalation in Charlottesville ist nur eines von insgesamt 7175 Hassverbrechen, die sich in 2017 in den USA ereignet haben. Um 17 Prozent sind die "Hate Crimes" im vergangenen Jahr laut einem neuen FBI-Bericht gestiegen. Eine deutliche Zunahme, und das bereits im dritten Jahr in Folge. 2016 waren es noch 6121 Hassverbrechen gewesen.
Von einem "Hate Crime" sprechen Ermittler, wenn ein Opfer wegen seiner Rasse, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Herkunft, seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung oder seiner körperlichen oder geistigen Behinderung ausgewählt wird. Als Motiv für das Gewaltverbrechen geben die Täter stets Hass auf die jeweilige Gruppe des Opfers an. [….]

Aber auch Trumps radikaler Einsatz für Schusswaffen zeigt Wirkung. In seinen Staaten wird gemordet wie nirgends sonst. Über 100 Menschen werden in den USA jeden Tag erschossen.

[….] Fast 40.000 Menschen starben 2017 in den USA durch Schusswaffen - so hoch war die Rate seit den Neunzigern nicht mehr. [….] 39.773 Menschen wurden demnach im vergangenen Jahr durch Schusswaffen tödlich verletzt - im Schnitt 109 Menschen pro Tag. Damit gab es 2017 mehr Tote durch Schusswaffen als durch Verkehrsunfälle (37.133).
Pro 100.000 Einwohner wurden in den USA 2017 zwölf Menschen erschossen [….]. Zum Vergleich: In Japan liegt der Wert bei 0,2; auch in Großbritannien (0,3), Deutschland (0,9) und Kanada (2,1) ist er weitaus niedriger. [….]

Trumpmerica ist so ein unerfreuliches, unfreundliches und gnadenloses Land, daß immer mehr Amerikaner den finalen Ausweg suchen.

[….] The suicide rate is the highest it’s been in decades, the latest warning sign of a worsening public health issue in America that needs far more attention.
According to a new report by the Centers for Disease Control and Prevention, 47,000 Americans died by suicide in 2017. Put another way, the suicide rate was 14 people in every 100,000 — up 33 percent from 10.5 people per 100,000 in 1999.
The suicide rate is at a 50-year peak, according to the AP. The new data shows that there were 2,000 more deaths from suicide last year than in 2016, the year when suicide became the second-leading cause of death for Americans between the ages of 10 and 34 and the fourth-leading cause for middle-aged Americans. [….]

Herzlichen Glückwunsch, Mr. President, you really made America great again.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Krankheitsminister.


Depressionen sind eine sehr gefährliche und ernsthafte Krankheit. Man nimmt an, daß es dabei eine Mortalität von bis zu 15% gibt. 15 von 100 Patienten leiden also so schwer, daß sie den Selbstmord einem weiteren Leiden vorziehen. Damit sind Depressionen tödlicher als diverse Krebsarten.
91 von 100 Menschen überleben Prostatakrebs.
Es gibt bei depressiven Erkrankungen allerdings einen besonders tragischen Aspekt: Sie sind eigentlich fast immer heilbar mit einer Kombination aus Therapien, aber erstens sind diese Therapiemöglichkeiten nicht immer zugänglich, zweitens wird die Krankheit stigmatisiert und drittens reagiert das persönliche Umfeld oft kontraproduktiv und verschlimmert das Leiden noch, indem es nicht ernst genommen wird.
Ich konnte das Anfang des Jahres nach meinem Krankenhausaufenthalt erleben; da war meine Verletzung sehr sichtbar, weil ich durch den vielen Stahl in meinem Flunk kaum gehen konnte und mit diesen Krücken rumkraxelte.
Da erfährt man viel Mitleid. Jeder spricht einen an: Was haben Sie denn gemacht???
Und noch heute höre ich in jedem zweiten Laden Fragen nach meinem Bein.
Dabei war Mitgefühl in diesem Fall für den Heilungsprozess irrelevant. Menschliche Knochen wachsen eben wieder zusammen, wenn sie durch chirurgische Maßnahmen stabilisiert sind.
Das ist wahrlich keine Frage von Leben oder Tod. Aber niemand käme auf die Idee gebrochene Beine als Petitesse zu behandeln oder mit „Reiß dich mal zusammen!“ zu kommentieren. Jeder sieht das automatisch als erhebliche Verletzung an.
Depressionen werden inzwischen lange nicht ehr so stigmatisiert wie vor 30 oder gar 60 Jahren, aber insbesondere Männer schämen sich immer noch für die Diagnose und verheimlichen ihr Leid. Das ist gesellschaftlich aufoktroyierte Scham, für die es keine medizinische oder ethische Rechtfertigung gibt.
Man könnte sich hingegen durchaus für so manchen Beinbruch schämen, den man sich durch eigene Blödheit zugezogen hat.
Menschen auf Krücken wird aber sehr oft Hilfe angeboten und Mitgefühl bedeutet, obwohl diese supportive Haltung des Umfelds viel wichtiger und wesentlicher bei Depressionen wäre.

Ein weiterer Grund für den häufigen Suizid von Depressionspatienten liegt in der Unterversorgung mit Therapiemöglichkeiten.
Komme ich mit gebrochenem Bein in ein Krankenhaus, wird das ganz sicher noch am selben Tag versorgt und sofern eine Operation notwendig ist, wird die auch in den nächsten 24 Stunden stattfinden.
Depressive hingegen müssen oft Monate warten, bis sich ein Psychotherapeut erbarmt. Sie werden über Monate von diesem Gesundheitssystem allein gelassen – unter Inkaufnahme schwerster und vermeidbarer Leiden.

[….] Psychisch kranke Menschen müssen oft monatelang auf eine Therapie warten, das kritisierte die Bundespsychotherapeutenkammer am Dienstag in Berlin und forderte ein Sofortprogramm. Dieses soll möglichst schnell 1500 neue Zulassungen für Psychotherapeuten außerhalb von Großstädten, also in Vororten und auf dem Land schaffen - dort sei der Mangel am größten. Auf lange Sicht fordert die Kammer 7000 neue Zulassungen. "Die Wartezeiten sind definitiv zu lang", sagte der Präsident der Kammer, Dietrich Munz. "Die einzige Lösung dafür ist, die Zahl der Kassensitze aufzustocken. Alle anderen Kapazitäten sind bereits ausgeschöpft." […..]

Im Gegensatz zu der abenteuerlichen Situation bei den Pflegediensten, die einfach keine Mitarbeiter finden, ist die psychotherapeutische Unterversorgung ein reines Versagen der Gesundheitspolitiker. Es gibt ausreichend ausgebildete Therapeuten, die gern arbeiten würden, aber das Gröhe/Spahn-Ministerium und der mächtige Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) schaffen keine Zulassungsmöglichkeiten.

Das passiert eben, wenn Kanzler wie Merkel immer wieder das so wichtige Gesundheitsministerium mit völlig fachfremden Laien besetzt, die entweder irgendwie versorgt werden mussten (Gröhe) oder sich dringend profilieren wollen (Spahn).

Spahn brauchte nur wenige Wochen, um sich als disqualifiziert, herzlos und überfordert herauszustellen.

Nach seinem Scheitern bei der Kampfabstimmung um den CDU-Vorsitz haut der 37-Jährige Rechtsaußen gleich wieder Klopfer raus, um auch dem letzten Menschen zu beweisen, daß er ein Schwätzer ist, der seinen Job nicht kann.

[….] Gesundheitsminister Spahn will psychisch Kranke vor ihrer Therapie künftig von anderen Experten "voruntersuchen" lassen. Dagegen regt sich heftiger Protest.
Mit Petitionen hat Jens Spahn so seine Erfahrungen. Nachdem der CDU-Politiker vor einem Dreivierteljahr kundgetan hatte, dass Hartz IV nicht gleichbedeutend mit Armut sei, verlangten 210.000 Unterzeichner von ihm, selber mal einen Monat lang vom Arbeitslosengeld II zu leben. Spahn weigerte sich, versuchte das Thema mit der Initiatorin bei Kaffee und Kuchen abzumoderieren, trug politische Blessuren davon. Im September verlangten dann 224.000 Menschen von ihm, die Berufssituation von Physiotherapeuten und anderen Heilberuflern zu verbessern. [….] Drei Monate später [….] erwarten ihn schon wieder 130.000 Unterschriften. Diesmal geht es um Psychotherapie. Die Petenten ärgern sich, dass der Minister vor der Behandlung von psychisch Kranken noch eine weitere Hürde einziehen will. Die Patienten hätten sich demnach, bevor sie eine Therapie beginnen können, künftig erst mal von anderen Experten, die sie sich nicht auswählen können, „voruntersuchen“ zu lassen. Erst danach würden sie an ihre eigentlichen Therapeuten weiterleitet. [….]

Das ist also das Rezept der CHRISTLICHEN Politiker: Menschen, die an schweren Krankheiten leiden, wird der Zugang zu Therapie und Heilung systematisch erschwert und verkompliziert.
Auf daß sich nur Privatpatienten und Selbstzahler in den Städten überhaupt noch Hilfe leisten können.
Spahn dringt auf meiner persönlichen Sympathieskala inzwischen bist fast ganz zu Trump herunter.

 [….] Antriebslosigkeit gehört zu den typischen Symptomen einer Depression, die neben Angststörungen die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland ist. Betroffene haben keine Kraft, sich um irgendetwas zu kümmern. Entsprechend schwer fällt es ihnen, sich einen Termin zu ergattern bei jemandem, der helfen könnte. Schaffen sie es doch, bei einem Psychotherapeuten anzurufen, warten sie im Schnitt 20 Wochen bis zum Beginn der Behandlung. Deutschlands Therapeuten sind ausgebucht. Verantwortlich dafür ist eine Gesundheitspolitik, die das Angebot künstlich knapp hält, obwohl die Nachfrage riesengroß ist.
Gesundheitsminister Jens Spahn kennt das Problem und verspricht, es zu lösen, indem er eine neue Vorinstanz einführt. Künftig sollen bestimmte Ärzte vorab feststellen, welcher Patient wie dringend eine Therapie benötigt, bevor diese beginnen kann. Für die Patienten ist das eine weitere Hürde in einem Prozess, der schon jetzt aus Dutzenden Anrufen, monatelangem Warten, mehreren probatorischen Sitzungen, Anträgen, Ablehnungen, Einsprüchen und neuen Anträgen besteht. Dabei bräuchten gerade psychisch Kranke niedrigschwellige Hilfe.
Hinter Spahns Vorstoß steht das Klischee, dass es unter psychisch Kranken genügend Hypochonder gibt, die sich ihr Leiden einbilden und die man daher von den Wartelisten streichen müsse. [….] Die Deckelung der Kassensitze ist ein gesundheitspolitisches Steuerungsinstrument, das ursprünglich Ärzteschwemmen vermeiden sollte. Inzwischen aber wird das Instrument zum Sparen missbraucht. [….]

Dienstag, 11. Dezember 2018

Tote Katholiban.


Menschen begreifen einfach nicht, daß Menschen sterben und zwar alle Menschen.
Dabei ist das unsere einzige totale Gewissheit. Jeder gibt früher oder später den Löffel ab und hört endgültig auf zu existieren.


Tatsächlich kümmert sich die Menschheit so gut wie gar nicht um Gestorbene. Ca 80.000 Menschen im Jemen wurden durch deutsche und amerikanische Waffen, abgefeuert von unseren hochverehrten Saudi-Freunden, massakriert, ohne daß irgendwelche Konsequenzen gezogen werden.

Wenn aber fiese, weiße, mächtige, christliche Geronten final die Hühner satteln, neigen wir dazu sie posthum geradezu aberwitzig zu überhöhen und zu idealisieren.
Ich staunte nicht schlecht was ich alles über den charismatischen, weisen Helden George Herbert Walker Bush lesen musste als er am 30.11.2018 starb.
Damit wir uns nicht falsch verstehen; ich habe jedes Verständnis für die Trauer seiner Angehörigen; natürlich war GWB aufgelöst, weil er seinen Vater liebte.
Aber wir anderen, die ihn nicht persönlich kannten und sein „Lebenswerk“ beurteilen, dürfen ruhig auch sagen, daß Bush Senior ein destruktiver Präsident war. Als Reagans Vize leitete er die totale soziale Spaltung und das Infrastrukturdesaster der USA mit ein.
Er belog das Volk („Read my lips: no new taxes“), setzte mit Dan Quale einen Unterbelichteten als Vize ein, er hinterließ einen gewaltigen Schuldenberg, marschierte im Dezember 1989 in Panama ein und natürlich im Januar 1991 in den Irak (Operation Desert Storm). Damit destabilisierte er den gesamten Nahen Osten, verursachte Hunderttausende Tote. Unnötig zu erwähnen, daß seine Begründung für den Angriff – angebliche Irakische Soldaten sollten Kuweitische Babys ermordet haben – eine reine Lüge war. Nichts davon hatte stattgefunden.
Am Ende hatte er die gesamte USA in eine schwere Wirtschaftskrise geführt – was allerdings für alle Republikanischen Präsidenten typisch ist.
Am 3. Juli 1988 schoss die USS „Vincennes“ den Iranischen Airbus IR655 auf dem Linienflug der Iran Air von Teheran nach Dubai ab. Ein Terrorakt, bei dem 290 Menschen starben. Der im Wahlkampf befindliche GHB tönte anschließend, er werde sich niemals im Namen der USA entschuldigen.

I will never apologize for the United States of America. Ever. I don't care what the facts are.
(Statement as Vice-president, 2 Aug 1988)

Er startete mit einem gefakten Drogenfund vor dem Weißen Haus den absolut desatrösen “war in drugs”, der dazu führte, daß es heute in den USA 2,5 Millionen Gefängnisinsassen und die meisten Drogentoten gibt.

Das Kriminalisieren von Kranken war auch seine Linie bei seinem katastrophalen Versagen zu Beginn der AIDS-Epidemie.


Ähnliches Schönreden haben wir in Deutschland beim Tod des Kinderficker-Förderers Karl Kardinal Lehmann erlebt, der von links bis rechts in den höchsten Tönen gelobt wurde.

Offensichtlich sieht es die veröffentlichte Meinung immer noch als lässliche Sünde an Priester auf kleine Jungs zu hetzen, die diese vergewaltigen und dann anschließend die Täter nicht nur vor Strafverfolgung zu schützen, sondern ihnen neue Opfer zuzuführen.

(….) Sicherlich war Lehmann im deutschen Episkopat netter und freundlicher als die meisten anderen.
Aber bevor man ihn über den grünen Klee lobt, sollte man doch auch die Fakten berücksichtigen. Die sind aber eindeutig: Lehmann war ein Top-Lobbyist einer zutiefst antihumanen und raffgierigen Organisation.

[….] Kardinal Lehmann wettert erneut gegen Homo-"Propaganda"[….]
Nach Auffassung des 77-Jährigen muss es möglich sein, dass Lesben und Schwule verantwortlich in Einrichtungen der katholischen Kirche tätig sind – allerdings nur unter einer Voraussetzung: "Wenn sie mit ihrer Homosexualität nicht öffentlich Propaganda machen", so der Kardinal.
Ist ein Coming-out schon "Propaganda"?
Ein Fortschritt? Wohl kaum. Die Aussage Lehmanns gibt nichts anderes als den Status quo wider. Versteckt lebende Schwule und Lesben bleiben schon jetzt in kirchlichen Einrichtungen weitgehend unbehelligt. Wagen sie es jedoch, sich etwa zu verpartnern, wird selbst die Putzfrau in einem Krankenhaus oder eine Erzieherin in einem Kindergarten entlassen. [….]

[….] Kardinal Lehmann sieht Parallelen von 800 Babyleichen und deutschen Kliniken
Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann sieht in dem Massengrab im irischen Tuam mit fast 800 Babyleichen Parallelen zur Praxis in deutschen Kliniken. Er kenne „den abschätzigen Umgang mit ungeborenem Leben nach dem Tod“ aus Gesprächen mit Krankenschwestern, die entgegen aller gesetzlichen Bestimmungen zur Assistenz bei Abtreibungen bereit sein mussten, schreibt der Mainzer Bischof in einem Beitrag für das Magazin „Cicero“ (Juliausgabe). „Wer redet bei uns über solche Unmenschlichkeiten? Ich denke etwa an die Behälter mit abgetriebenen Föten für die kosmetische Industrie.“ [...]

Frau Nahles, ich wünsche mir eine Parteivorsitzende, die so einen Mann nicht überschwänglich lobt. (….)

Heute berichten die Medien über den Tod des 91-Jährigen Robert Spaemann, ein so rechtsextremer Dunkelkatholik, daß er sogar von dem paranoiden, faschistoiden Verschwörungstheoretiker David Berger gelobt wird:

[….] Nicht erwähnt ist hier sein unermüdlicher Kampf für die klassische römische Liturgie. Der dazu führte, dass ich mehrmals die Gelegenheit hatte, mit ihm privat zusammen zu treffen und ihn als eine echt charismatische Persönlichkeit zu erleben, die das war, was er lehrte. Integere, fromme Authentizität umschreibt vielleicht am besten meinen Eindruck von ihm.
Diese Liebe zur „alten Messe“ war es – neben der gegenseitigen Faszination für die edle Geistigkeit – , die die freundschaftliche Verbindung von Spaemann mit Josef Ratzinger und auch dem späteren Papst Benedikt XVI. prägte. Dass Benedikt der klassischen Liturgie erneut ein Heimatrecht in der aktuellen Institution katholische Kirche gab, ist sicher auch zu einem großen Anteil Spaemann zu verdanken. 2006 sprach Spaemann auf Einladung Benedikts in Castel Gandolfo für den berühmten Ratzinger Freundeskreis.
Requiescat in Pace! [….]

Spaemann war ein richtig übler Publizist, der immer wieder mit bösartigen Angriffen auf humanistisches Gedankengut aus der Dunkelheit kam.

(….)  Der Christ des Tages Nr. 64, wurde im Jahr 1927 geboren, [….] und somit kann ich Robert Spaemann tatsächlich heute „würdigen“.

[….] Hans Küngs planetaren Erfolg mit dem „Projekt Weltethos“ bei dem oberhalb der religiösen Strömungen weltweit verbindliche Ethik-Standards formuliert werden, treibt Spaemann zur Weißglut. Alles außer Katholizismus darf nicht sein.

Als Philosoph agitiert er auch gegen humanistische Anliegen wie Sterbehilfe oder straffreien Schwangerschaftsabbruch.
Ähnlich wie beim Maischberger-Will-Möbelstück Arnulf Baring gilt auch bei Robert Spaemann „Je älter, desto weiter rechts“. 

Er kämpft beispielsweise für das Kreuz.net-Partnerblatt „Junge Freiheit“.

So viel erzkonservativer Irrsinn hat Spaemann einen neuen Freund beschert. Der Papst schätzt seinen Rat so sehr, daß er ihn im September 2006 privat nach Castel Gandolfo einlud.
[….] Anlässlich des inzwischen legendären „Beschneidungsurteils“ des LG Köln lief Religiot Spaemann zur Hochform auf und verfasste für die ZEIT (Nr. 28/12) einen Aufsatz, der jeden denkenden Menschen mit den Ohren schlackern läßt.

Da dieses Thema inhaltlich schon mehrfach ausführlich getammoxt wurde, belasse ich es dabei ein paar Spaemann-Sätze unkommentiert zu zitieren.

Das ist ein beispielloser Angriff auf die Identität religiöser Familien.
Das Kölner Landgericht hat die Beschneidung eines kleinen Kindes für strafbar erklärt. Dieses Urteil ist entweder ein Fanal für die Befreiung von Millionen von Kindern der ganzen Welt, oder es ist eines der Ungeheuer auf Goyas enigmatischem Stich »Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer«. In diesem Fall sollte es allerdings wiederum ein Fanal sein, nämlich für den Widerstand gegen einen mächtigen Trend innerhalb der westlichen Welt.
[…] Die Verletzung [durch die Genitalverstümmelung- T.] ist aber geringfügig. Sie entspricht in ihrer Schwere zum Beispiel einer Masernimpfung, die bekanntlich von manchen Ärzten abgelehnt wird und bei der es Recht der Eltern ist, zu entscheiden, welcher Schulmeinung sie sich im Interesse des Kindes anschließen. […] Die Beschneidung von Knaben [….]  fügt keine großen Schmerzen zu, sie hinterlässt keine körperliche Verunstaltung und keine seelische Traumatisierung. […]  Das Gericht hat den soziologischen, ethnokulturellen Aspekt gänzlich ignoriert und einen beispiellosen Angriff auf die Identität jüdischer Familien geführt. […] Das eigentliche, das Hintergrundargument scheint mir zu sein, dass religiöse Erziehung von Kindern überhaupt verschwinden müsse, weil sie die spätere religiöse Selbstbestimmung präjudiziere und beeinträchtige.

Selbst der immer religiöser werdenden ZEIT war diese Einschätzung nun doch zu vernagelt und so erschien in der Woche drauf eine Replik des emeritierten Jura-Professors Rolf Dietrich Herzberg, welcher das LGKöln-Urteil ausdrücklich verteidigte.

Spaemanns erzkatholische Ausbrüche erfolgen inzwischen in immer kürzeren Abständen. 

Während die Feuilletons noch zirkumzisionistisch glühen und die Bundestagsentschließung zur Straffreiheit der Genitalverkrüppelung mittlerweile schon als ähnlich großer Polit-Murx wie das Meldegesetz oder das Bundestagswahlrecht von 2011 gewertet wird, wirft sich der Christ des Tages schon in die nächste Schlacht.

Er springt auf den Martin-Mosebach-Zug auf. 
Hardcore-Religiot Mosebach hatte sich leidenschaftlich für eine Verschärfung des Gotteslästerungsparagraphen eingesetzt.
Ein Spaemann mag da nicht schweigen. 
Harte Strafen für Blasphemisten befürwortet der Philosoph.

 Eine Plattform bietet ihm diesmal die FAZ, die Spaemanns Aufsatz leider nicht online gestellt hat. Die Zitate anderer Medien sind aber ausreichend, um sich ein Bild zu machen.

 Die Beleidigung von Religion sollte nach Ansicht des Philosophen Robert Spaemann (85) unter Strafe gestellt werden. Der Staat dürfe nicht zulassen, dass das, was religiösen Bürgern das Heiligste sei, «ungestraft öffentlich verhöhnt, lächerlich gemacht und mit Schmutzkübeln übergossen werden darf», schreibt Spaemann in einem Beitrag für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (Donnerstag). […]  
Nach Spaemanns Worten sollte Beleidigung von Religion etwa doppelt so schwer bestraft werden wie die Beleidigung von Menschen, weil sie die Gläubigen stärker verletze als die Beleidigung der eigenen Person. Der Ermessensspielraum der Richter müsse dabei weit genug sein, um echte von vermeintlicher Blasphemie zu unterscheiden. Schon aus Eigeninteresse sollte der Staat den Respekt vor der christlichen Religion pflegen, die «zu den wichtigsten Wurzeln unserer Zivilisation» gehöre.   […] Die Leugnung des Holocaust sollte nach Meinung von Robert Spaemann nicht strafbar sein. […]
«Der Völkermord an den Juden in Europa ist seit den 70er Jahren in eine quasi sakrale Ebene erhoben worden», kritisiert der Philosoph. Einige, wie der frühere Außenminister Joschka Fischer, wollten im Holocaust sogar den «Gründungsmythos» der Bundesrepublik sehen.

Und wieder hat Prof Spaemann neue Freunde gefunden. 

Die Kreuznet-Redaktion ist begeistert von ihm:

Der Philosoph erklärt, daß der säkulare deutsche Staat trotz seiner Religionsneutralität dem deutschen „Völkermord an den Juden“ eine Quasi-Sakralität zuerkennt „wie dem Kreuzestod Jesu“.
Die „Leugnung des Mordes an sechs Millionen Juden“ sollte nach Spaemann nicht strafbar sein – ebenso wenig „wie die Leugnung des Kreuzestodes Jesu zum Beispiel im Koran.“
 (Hakenkreuznet 26.07.12)

Die Süddeutsche Zeitung versagt in Punkte Kirche wieder einmal in Gestalt ihres Katholiban-Redakteurs Drobinski, der sich zum Tod des rechtsextremen Lügners, Schwulen- und Frauenfeindes auslässt.

[….] Das war für Spaemann das große Problem der "radikal-emanzipatorischen Selbstaufhebung": Wenn der Mensch sich von jeder inneren und äußeren Bestimmung löst, wird er schließlich nur noch funktional verstanden, er ist nicht mehr Person, sondern Objekt. [….] Sein Eintreten für die vorkonziliare lateinische Tridentinische Messe und seine scharfe Kritik an Papst Franziskus' vorsichtiger Liberalisierung der katholischen Kirche war für seine Kritiker der endgültige Beleg, dass Spaemann im Lager der reaktionären Traditionalisten angekommen war.
[….] Was ihn beschäftige, hat Robert Spaemann 2007 geschrieben, sei "die Frage nach dem, was ist, wenn das Palaver abends zu Ende ist". Die Frage bleibt, auch wenn nun einer der Fragesteller tot ist: Am Montag starb der vielfach ausgezeichnete Gelehrte mit 91 Jahren in seinem Haus in Stuttgart. [….]

Ja, lieber Matthias Drobinski, so kann man es ausdrücken. Oder auch kürzer:
Zum Glück hält JF-Autor Spaemann jetzt seine Klappe.

Montag, 10. Dezember 2018

Der neue CDU-Wind.


Hurra, nach 18 Jahren und acht Monaten Merkel-Vorsitz wird alles anders und die Wähler bekommen vor Aufregung solche Hummeln im Hintern, daß die CDU binnen kurzer Zeit von 26% wieder auf 32% geklettert ist. (Unnötig zu erwähnen, daß die SPD mit Desaster-Nahles bleiern im Umfragekeller verharrt.)
Nachdem sich Merz bereits wieder beleidigt zurückgezogen hat – wenn er nicht der Chef sein darf, spielt er nicht mit – fürchten die Konservativen in der Union einen weiteren Linksruck ihrer Partei. Dafür gibt es gewichtige Indizien:
AKK und Merkel hassen sich nicht, AKK ist eine Frau und AKK hat einen Doppelnamen.
Damit das Spahnmerz-Lager nicht rebelliert, bekommt es von der neuen Chefin den stramm rechten Ziemiak-Knochen vorgeworfen. Der 33-Jährige neue Parteigeneral ist Studienabbrecher, Aussiedler (wurde im polnischen Stettin/Szczecin geboren), konservativer Katholik, Familienvater, verfolgt eine ultra-unternehmerfreundliche Politik und kann Zuwanderer und Muslime so gar nicht leiden.
Nach dem Motto „eine Links, einer Rechts“ wird sich die CDU schon wieder ausbalancieren.
Die Linken und Liberalen sind ebenfalls froh, weil Merz all die scheußlichen sozialen Grausamkeiten eingeführt hätte.
Das bleibt uns nun erspart. Also erst mal Ruhe im Puff.
Wenn sich Journalisten hauptsächlich damit beschäftigen wie man Annegret Kramp-Karrenbauer ausspricht, scheint es ja keine wichtigen Themen zu geben.

Die eben beschriebene Sichtweise ist natürlich Bullshit.

1.)

So wie man Russland = Moskau = Putin gern (und fälschlicherweise) synonym benutzt, wird auch Regierung, Kanzlerschaft und CDU-Vorsitz gern vermengt.
Wäre Merz CDU-Chef geworden, hätte dennoch Frau Merkel weiter die Richtlinien der Politik bestimmt. Selbst wenn Merz im Koalitionsausschuss für die CDU konservativer getönt hätte, wäre es dennoch eine Koalition aus drei Parteien mit Koalitionsvertrag geblieben.
Natürlich hätte Merz also keineswegs all die bösen Dinge einführen können, vor denen so viele Linke zittern, denen bei AKKs Wahl die Steine vom Herzen fielen.

2.)

Und Ziemiak? Seit Heiner Geißler hat kein CDU-General die Partei geprägt. Selbst Merkel, die wie auch AKK aus dem Amt den Sprung an die Parteispitze schaffte, schlug in ihrer Zeit als Generalin keinerlei erinnerliche Pflöcke ein.
Oder fiele irgendjemand etwas Inhaltliches ein, das die CDU durch Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer prägt?
Nein, Parteigenerale werden hoffnungslos überschätzt. Das zeigen auch Klingbeil, Beer und Kellner; sie alle sind unbeschriebene Blätter, mit denen sicher niemand eine inhaltliche Positionierung assoziiert.
Herr Kellner ist dabei schon über fünf Jahre im Amt und durchaus „nett“. Aber eben auch langweilig und irrelevant.

3.)

AKK tickt politisch nicht genau wie Merkel, weil sie auch eine Frau ist. Was ist das eigentlich für eine idiotische Sicht der Dinge?
Auch Merkel war nie liberal, sondern setzte gern konservative Lobbyinteressen durch. Aber sie ist eben auch beliebig und achselzuckend bereit jede Position zu räumen, wenn es Macht-taktische Vorteile bringt.
Die neue CDU-Vorsitzende dürfte sogar etwas konservativer als ihre Vorgängerin sein, weil sie verbohrter ist. Das zeigt ihr unpopuläres Beharren auf Homo-Diskriminierung.
Der Drops ist allerdings gelutscht, die „Ehe für Alle“ wird nicht wieder abgeschafft werden, weil die schwulenfeindlichen CDU-Frauen Karliczek, Kramp-Karrenbauer und Merkel das gern so hätten.

AKK begeistert sich allerdings noch für weitere Positionen aus der 1950er Jahre-Mottenkiste.

[….] Ganz unsolidarisch möchte Anne Will von Kramp-Karrenbauer wissen, wie sie eigentlich zu Paragraf 219a steht, also dem Informations- und Werbeverbot für Abtreibungen. Hier droht Streit in der Koalition, geht es doch um eine ethische Grundfrage.
[….] Worauf die CDU-Chefin auf Samtpfoten um das Problem herumschleicht, so lange, bis Will starken Applaus für die simple Nachfrage bekommt, was denn nun ihre Position sei. Kramp-Karrenbauer: "Das Werbeverbot darf und soll nicht abgeschafft werden." [….]

Eine vordemokratische Ungeheuerlichkeit.
Es ist ohnehin absurd, daß von einer Kinderfickerorganisation so viel Druck entfaltet wird, daß es immer noch strafbar ist Schwangerschaften zu unterbrechen. Das hat gefälligst die Schwangere zu entscheiden und nicht ein kirchlicher Berater.
Auf Druck der Ultrakonservativen in der CDU dürfen aber Ärzte noch nicht mal darüber informieren, wie so ein Eingriff funktioniert.
Und die neue angeblich so moderne, demokratische CDU-Chefin unterstützt das.
Allein das ist ein Grund niemals CDU zu wählen und eine Frau sollte das schon erst recht nicht tun.

Ähnlich wie beim §218 (Nur 16% der Deutschen gegen Abtreibung) gibt es auch beim §219a schon lange keine gesellschaftliche Mehrheit für diesen skandalösen Schwachsinn. Menschenfeindliche Christen und C-Politiker können das nur mit Tricks weiter gelten lassen.
Würde im Bundestag offen über den §219a abgestimmt, fiele er zu AKKs Leidwesen, weil auch viele in der CDU den Unsinn nicht unterstützen.
Aber offene Abstimmung ist der CDU-Chefin nun doch viel zu viel der Demokratie. Das darf nicht sein, daß jeder Abgeordnete dem GG §38(1) folgt.

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Grundgesetz? Wo kämen wir denn dahin? Nicht mit der CDU!
Wenn im Bundestag erneut über den §219a abgestimmt wird, dann bitte gefälligst so wie es die Chefin befiehlt.

[…..] Zum An­sin­nen füh­ren­der SPD-Po­li­ti­ker, den Frak­ti­ons­zwang für die Ab­stim­mung über die Re­form auf­zu­he­ben, heißt es in der Spit­ze der Uni­ons­frak­ti­on: »Das wäre der Ko­ali­ti­ons­bruch.« Auch Eli­sa­beth Win­kel­mei­er-Be­cker, rechts­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Frak­ti­on, sagt: »Die Ab­stim­mung über den Pa­ra­gra­fen 219a zur Ge­wis­sens­fra­ge zu ma­chen ist nicht nach­voll­zieh­bar«. Uni­ons­kol­le­ge Mar­cus Wein­berg se­kun­diert: »Das Vor­ge­hen, die Ab­stim­mung über den Pa­ra­gra­fen 219a frei­zu­ge­ben, wird in un­se­rer Frak­ti­on kei­ne Mehr­heit fin­den.« Wäh­rend vie­le Ge­nos­sen den Pa­ra­gra­fen gern strei­chen wür­den, hält eine Mehr­heit der Uni­ons­ab­ge­ord­ne­ten an ihm fest. […..]
(DER SPIEGEL Nr.50, 08.12.18, s.11)

So viel zum neuen CDU-Wind unter der Merkel-Nachfolgerin.

 […..] Und keine Sorge: Die CDU ist auch mit einer weiteren Frau an der Spitze noch eine konservative Partei. Sie war es übrigens auch in den vergangenen Jahren. […..] Annegret Kramp-Karrenbauer ist katholisch geprägt. Sie ist gegen die Aufhebung des §219a. Die Ehe für alle hält sie für ein Einfallstor für Forderungen nach der Heirat von Verwandten oder der Vielehe. Und sie will härter abschieben lassen als Horst Seehofer. AKK ist womöglich konservativer als Friedrich Merz und Jens Spahn zusammen. [….]