Zeitgeschichte, die NS-Zeit, der Holocaust sind schon
seit meiner Teenagerzeit neben der Religion, die großen Themen für mich.
Themen, die auf gruselige Weise immer aktueller werden,
da die Nazis zurückkommen. Der Antisemitismus in Deutschland wird gewalttätiger,
Israel-Kritik immer ätzender und beide C-Parteivorsitzende leisten sich
antisemitische Stunts, die Jahrzehntelang in Deutschland undenkbar gewesen
wären:
Söder hält öffentlich zu seinem antisemitischen,
Hitler-imitierenden Vizeministerpräsidenten, Merz sucht xenophobe Mehrheiten
mit den Nazis im Parlament.
Erstaunlich, auch 80 Jahre nach Kriegsende, werfen nicht
nur die meisten Bürger berechtigte Israel-Kritik, scharfe Attacken auf Bibi
Netanjahu und indiskutablen Antisemitismus wild durcheinander. Nein, auch die Top-Regierungsmitglieder und
Parteivorsitzenden sind, bis an die totale Verdummung grenzend, ahnungslos.
Merz plappert bar jeder Grundkenntnis antisemitische Codes von der „Judenfahne“ nach.
[….] Totalausfall von
Friedrich Merz: [….]
Der CDU-Kanzlerkandidat
Friedrich Merz hat mit gleich mehreren Äußerungen in seiner letzten
Wahlkampfrede für Empörung gesorgt. Unter anderem bezeichnete er die
israelische Fahne als „Judenfahne“ und verbreitete Lügen über die
Demonstrant:innen, die gerade im ganzen Land gegen rechts auf die Straße gehen.
Nicht nur in den sozialen Medien hagelte es Kritik.
Wörtlich stelle Merz in
seiner Rede bei der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung in München die rhetorische
Frage, wo der „Aufstand der Anständigen“ geblieben sei, „als in diesem Land
Palästinenserflaggen geschwenkt wurden, ‚From the River to the Sea‘ gesungen
wurde, als Judenfahnen, als Fahnen des Staates Israel verbrannt wurden?“
[….] Die Berliner Grünen-Politikerin Bettina Jarasch kommentierte das am
Wahlsonntag auf X: „‚Judenfahnen‘, Herr @FriedrichMerz? Echt jetzt? Noch alle
Tassen im Schrank?“, schrieb die Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der
vergangenen Landtagswahl in der Hauptstadt. Sie bezog sich damit auch auf Merz'
Äußerung, dass die CDU eine Politik für „die Mehrheit“ mache, also für jene,
die noch „alle Tassen im Schrank“ hätten.
Der Soziologe Jules
El-Khatib, ehemaliger Linken-Politiker und bei der Landtagswahl 2022
Spitzenkandidat der Partei, schrieb: „Die Gleichsetzung von Israel und Judentum
stellt Antisemitismus dar. Stellt euch vor, so etwas hätte Mohammed gesagt, es
gäbe einen Aufschrei, doch wenn Friedrich von der CDU es sagt, ist es kein
Problem.“
Laut der International
Holocaust Remembrance Alliance stellt es eine Form von Antisemitismus dar, den
Staat Israel mit dem Judentum gleichzusetzen. In rechtsextremen Kreisen ist es
weit verbreitet, die israelische Fahne als „Judenfahne“ zu bezeichnen. [….]
(Daniel Bax, 23.02.2025)
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der Mann, der sich
von Amtswegen auskennen sollte, debakuliert sogar noch peinlicher als sein
Herr.
[…] Kulturstaatsminister Weimer [lässt]
in einem Post auf Instagram diese seine Worte verbreiten: „Wer die Kultur
eines Volks zerstören will, zielt auf seine Seele.“ Weimer will damit an den
Jahrestag des Warschauer Aufstands von 1944 erinnern, so die Unterzeile.
Unterlegt ist sein Zitat
von einem Foto, das eine Gruppe Zivilisten mit erhobenen Händen in Begleitung
eines Wehrmachtsoldaten zeigt. Das Foto ist in der polnischen Hauptstadt
Warschau entstanden. Flüchtig betrachtet könnte man meinen, Weimer setze damit
die so dringend notwendige Erinnerung an die Nazi-Verbrechen fort.
Bei der Auseinandersetzung
mit der Geschichte genügt es freilich nicht, mit gutem Gewissen die moralisch
richtigen Ansprüche zu vertreten. Es ist schon notwendig, diese Geschichte und
ihre Fakten auch zu kennen. Sonst kann es passieren, dass sich eine gut
gemeinte Aussage just in ihr Gegenteil verkehrt. So wie bei dem Zitat Weimers
mit dem Bild aus Warschau.
Dieses Bild ist nämlich
mitnichten im Rahmen des Warschauer Aufstands entstanden, bei dem die Polnische
Heimatarmee vom 1. August 1944 an versuchte, die Stadt von der NS-Herrschaft zu
befreien. Der Aufstand endete in einem Blutbad, Zehntausende polnische
Zivilisten wurden dabei ermordet.
Das Bild zeigt in
Wirklichkeit eine Szene aus dem Warschauer Ghetto-Aufstand vom April 1943, bei
dem todesmutige jüdische Aktivisten verzweifelt versuchten, sich der
vollständigen Vernichtung ihres Volkes zu erwehren. Auch wenn die Nazis den
Aufstand niederschlugen, so gilt er doch bis heute als ein Symbol dafür, dass
sich die Jüdinnen und Juden keineswegs wie die Lämmer zur Schlachtbank führen
ließen, sondern kämpften.
Weimers Behörde hat aber
nicht nur zwei historisch höchst wichtige Ereignisse in der polnischen und
jüdischen Geschichte vertauscht. Es hat auch Nazi-Propaganda verbreitet, ohne
diese in einen Kontext zu setzen. Das Bild von den Zivilisten mit erhobenen Händen
stammt nämlich nicht von einem unabhängigen Reporter. Die gab es damals gar
nicht.
Es ist vielmehr Teil des
sogenannten Stroop-Reports, benannt nach dem Warschauer SS- und Polizeiführer
Jürgen Stroop. Der war für die Unterdrückung des Aufstands verantwortlich und
stellte ein Album über dessen Niederschlagung mit den entsprechenden Fotos
zusammen.
Das bedeutet: Dieses Foto
ist ein Bild aus der Täterperspektive. Es zeigt die Opfer so, wie es sich die
deutsche NS-Propaganda wünscht. Die Aufständischen werden abgeführt (und
ermordet, aber das ist hier nicht zu sehen). Der Wehrmachtsoldat steht seinen
Mann. Die Situation ist bereinigt, die Nationalsozialisten haben gesiegt. […]
(Klaus Hillenbrandt, 04.08.2025)
Damit wandelt Weimer auf den Spuren des peinlichen und
völlig zu Unrecht verehrten Bundespräsidenten Herzog.
(….) Als Martin Walser am
11.10.1998 in seiner skandalösen Paulskirchenrede verkündete, die Juden seien
schuld, wenn er leide, blieben Ignatz und Ida Bubis, geschockt und versteinert
sitzen. Sie hatten es nicht für möglich gehalten so öffentlich als Juden wieder
gedemütigt zu werden.
Roman Herzog, der nur zwei
Plätze weiter saß, hatte natürlich nicht im Geringsten die Brisanz der
Walser-Keule begriffen und sprang begeistert applaudierenden von seinem Sitz.
Man möge sich das gerade
gestern in der ARD gelaufene „Letzte Gespräch“ Ignatz Bubis‘ noch
einmal ansehen, um diese entsetzliche Kaltherzigkeit des Bundespräsidenten noch
mal vor Augen zu halten.
Unfassbar peinlich auf Herzogs
Fauxpas bei seinem Staatsbesuch 1994 in Polen, als er, ausgerechnet der
DEUTSCHE Präsident scheinbar gar nicht den Unterschied zwischen dem Aufstand im
Jüdischen Ghetto Warschaus und dem Warschauer Aufstand kannte. Der Warschauer Aufstand fand statt vom 01.
August bis 03. Oktober 1944, als die deutschen Truppen die gesamte Polnische
Hauptstadt dem Boden gleichgemacht, 20 % aller Polen getötet und dabei noch nie
dagewesene Grausamkeiten begingen.
[….] Himmler hatte im Sinne Hitlers bereits Tage zuvor den Befehl gegeben,
sämtliche nichtdeutschen Einwohner Warschaus ohne Ansehen von Alter, Geschlecht
oder Beteiligung am Aufstand zu töten und die Stadt dem Erdboden
gleichzumachen. Durch diese Anordnung wollte er den Widerstand des polnischen
Volkes gegen die NS-Herrschaft ein für alle Mal brechen. Infolgedessen endete
der Angriff der „Kampfgruppe Reinefarth“ gegen den westlichen Stadtteil Wola
mit einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Schätzungen zufolge töteten die
deutschen Einheiten zwischen 20.000 und 50.000 polnische Zivilisten. Die
Einheiten vermieden es sogar, den Kampf gegen die Heimatarmee aufzunehmen. Der
Kommandeur der in Wola liegenden AK-Einheiten bezeichnete seine Verluste an
Soldaten mit 20 Toten und 40 Verwundeten. Reinefarth beschwerte sich
unterdessen bei seinen Vorgesetzten, dass die ihm zugeteilte Munition nicht
ausreiche, um alle gefangenen Zivilisten zu erschießen. [….]
(Das
Massaker von Wola)
Wieso ausgerechnet der 03.10.
später zum deutschen Nationalfeiertag erhoben wurde, weiß wohl nur der
Historiker Helmut Kohl.
Der Aufstand des Jüdischen
Ghettos in Warschau fand zwischen dem 19. April 1943 und dem 16. Mai 1943
statt. Die Warschauer Bevölkerung hatte damals noch relativ teilnahmslos
zugesehen wie die deutschen Besatzer das gesamte Ghetto zerstörten und alle
Juden umbrachten.
Roman Herzog kannte aber den
Unterschied gar nicht so genau.
Er verkündete er werde „am 1.
August 1994 aus Anlass des 50. Jahrestages im Warschauer Ghetto" nach
Polen reisen. Er hätte zurücktreten müssen.
(….)
(Elitenverachtung, 11.01.2017)
Ich schäme mich in Grund und Boden für Deutschland. Konservative hingegen kennen gar keine Scham mehr.
Es ist ein Jammer, solche peinlichen Deppen in den
Top-Regierungspositionen zu sehen, denn es gibt durchaus auch kluge
wortgewandte Deutsche. Deswegen zitiere ich so gern Michel Friedman.
(….) In seinem neuen Buch
„Judenhass“ (Berlin Verlag 2024) dröselt Michel Friedman die Situation
auf und erklärt in leicht verständlichen Worten, was judenfeindliche linke
Akademiker und Kunstschaffende bedenken sollten.
[….] Die Documenta in
Kassel hat in aller Deutlichkeit
gezeigt, dass BDS* auch ein eliminatorisches Prinzip formuliert. Selbst die
bekanntesten Wissenschaftler, Künstlerinnen, Musiker sollen nicht mehr auftreten
dürfen, bekommen also ein lebenslanges Berufsverbot, nur weil sie israelische
Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind. Selbst wenn sie sich gegen die
Regierung auflehnen, ihre Politik also verurteilen und für eine
Zweistaatenlösung kämpfen, ändert das nichts an dem Bann. Sie sind Juden und
als solche verdächtigt, angeklagt. Verurteilt. Eine Kollektivstrafe, die der
Einzelne nicht aufheben kann. Diese autoritäre, größenwahnsinnige Haltung, die
auch von vielen Nichtjuden aus unterschiedlichen Gründen als mutig und
konsequent angesehen wird, ist Antisemitismus. Boykott ist immer
undifferenziert. Wenn also wie bisher israelische Musiker, Wissenschaftlerinnen
und Künstler nicht mehr auftreten dürfen, nur weil sie Israelis sind, und
dies als gerecht empfunden wird, ist das für mich ein Ausdruck blinder
Selbstgerechtigkeit. [….]
(M. Friedmann, zitiert aus dem SPIEGEL, 27.01.2024)
* Boycott, Divestment and
Sanctions ist eine transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel
wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will. (….)
Wenn man öffentlich Friedman zitiert, kann man gewiss
sein, im Internet hämische Kommentare von rechts zu bekommen, die mit unappetitlichen
Erinnerungen an sein Skandälchen von 2003 erinnern und
meinen, ihn damit für immer desavouieren zu können. Der Mann, der fast seine
gesamte Verwandtschaft im Holocaust verloren hat, steckte damals in einer
Depression. Er war als Anwalt,
Publizist, CDU-Politiker, Talkmaster und durch seine Positionen im Zentralrat
der Juden in Deutschland und als Präsident des Europäischen Jüdischen
Kongresses medial äußerst präsent.
Nach 2003 durchlief er eine extreme Karthasis, trat von
allen Ämtern und Jobs zurück. Ja, er wandte sich sogar von seiner akademischen
Profession, der Juristerei ab und begann völlig neu. Der Einser-Abiturient
hatte zunächst Humanmedizin studiert, das Physikum erfolgreich absolviert. Dann
wechselte er zu Jura und wurde 1994 an der Universität Mainz zum Dr. iur.
promoviert.
2006 begann er ein Studium der Philosophie an der Johann
Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und wurde 2010 bei Klaus-Jürgen
Grün mit der Dissertation Schuldlose Verantwortung. Vorgaben der
Hirnforschung für Ethik und Strafrecht zum Dr. phil. promoviert.
Seit 2016 wirkt Friedman als Honorarprofessor an der Frankfurt University of Applied
Sciences. Zudem war er von 2016 bis 2022 einer von vier
Direktoren des Center for Applied European Studies (CAES), eines
Forschungszentrums für Europafragen dieser Hochschule.
Die akademische Mehrfach-Qualifikation des
Intellektuellen ist ein Glück für uns Normalos, da wir von seiner Weisheit
profitieren können. Soeben erscheint sein neues Buch „Mensch“. Insbesondere wirkt
Friedman, der im Januar 2025 aus Protest gegen Friedrich Merz die CDU verließ, als
wortmächtiger Streiter wider des Rechtsextremismus‘ in Deutschland.
[….] SZ: „Mensch!“ ist nun
ein Buch geworden, in dem Sie vieles mischen: Biografisches, Gegenwartsanalyse,
Mahnung und fast schon Pep-Talks für die Demokraten. Konnten Sie sich für keine
Variante entscheiden?
MF: Nein, das war eine
bewusste Entscheidung. Weil am Ende solche Sachbücher natürlich auch eine
subjektive Seite haben, habe ich versucht, von Anfang an Ehrlichkeit
reinzubringen. Und einen Text zu schreiben, in dem wir Ursachen und Wirkungen
erkennen können, aber auch, wer da aus welcher Motivation spricht.
[….] Verständlichkeit und
Nachvollziehbarkeit ist mir wichtig. Ich bin ein Handelsvertreter der
Demokratie und will meine Sache an die Menschen bringen.
[….] Leidenschaftliche
Demokraten brauchen mich nicht, und leidenschaftliche Hasser haben von mir
ohnehin genug. Es geht um die Unentschiedenen. […..]
(Michel Friedman, 28.08.2025)
In der Tat. Alice Weidel, Spahn, Dobrindt, Söder,
Klöckner und ähnliche Zündler wird er nie erreichen. Genauso sicher (und somit
sinnlos) hat Friedman Menschen wie mich ohnehin an seiner Seite. Da ist nichts
zu gewinnen; nichts zu verlieren.
Aber es lohnt der Versuch, nicht noch mehr im Denken
Schwächelnde nach rechts abkippen zu lassen. Der 69-Jährige will sich nicht auf
toxischen Plattformen der Jugend tummeln, weil er dort nicht zu Hause ist. Daher
ist es wieder ein Buch. Richtig so! Schuster bleib bei deinen Leisten.
[….] Ich bin in keinen sozialen Medien, sie
sind ein brutales Instrument des Kapitalismus. Algorithmen machen aus allem,
was wir inhaltlich beschreiben können, eine kommerziell zugespitze Ware. Sie
verkaufen uns, denn sie haben nichts dagegen, dass Mächte wie Russland, aber
auch China, mit ihnen unsere Demokratien angreifen. Tiktok ist eine Plattform,
die primär Propaganda und Lügen verbreitet. Sie lässt ihre Konsumenten
manipulieren und verdummen. Für Tiktok oder Instagram werde ich nicht anfangen
zu singen oder zu tanzen.
[…] Bei
allem, was ich eben sagte, hoffe ich natürlich dennoch, dass meine Inhalte
ihren Weg dahin finden. Meine Rede im hessischen Landtag haben auf Youtube
Hunderttausende Menschen gehört – und das sind junge Menschen. […..]
(Michel Friedman, 28.08.2025)
Aber in einem Punkt weiche ich von Friedmans Ansicht
stark ab. Er warnt, ruft entschieden zu Engagement auf. Er hat noch Hoffnung.
Ich nicht. Ich bin Pessimist.
[….] Nach einer Umfrage
haben über 60 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie damit rechnen, dass im
nächsten Jahr ein AfD-Ministerpräsident gewählt sein wird. Das klingt, als
hätten sie bereits aufgegeben, das ist unaufhaltsam. Was für ein
Offenbarungseid. Jetzt schon? Alles aufgeben? Und man muss es aussprechen, die
Demokratie ist in Ostdeutschland strukturell von autoritären Rechtsextremisten,
Antidemokraten und ihren Wählerschichten bedroht. Die Demokratie in Deutschland
ist noch nicht zusammengewachsen. Natürlich mit vielen Ausnahmen. […..]
(Michel Friedman, 28.08.2025)