Es ist müßig, Branchen aufzuzählen, die unter massiven
Fachkräftemangel leiden. Welche Firma hat denn keine Personalprobleme? Seit
Jahren diagnostizieren Ökonomen aller Couleur landauf landab eine enorme
Wirtschaftsbremse, weil es in allen Unternehmen an Personal fehlt. Restaurants
schließen früher, Geschäfte halbieren ihre Öffnungszeiten, Auslandsämter stehen
mit Myriaden Emails in Rückstand, können keine Bescheide erteilen,
Hinterbliebene warten Jahre auf Testamentseröffnungen, weil die Amtsgerichte personell
verwaist sind. Hotels können kein Essen anbieten. Überall müssen die
Kapazitäten künstlich gedrosselt werden.
Der einzige Ausweg ist massive Einwanderung in den
deutschen Arbeitsmarkt. Wir brauchen netto eine halbe Millionen mehr Menschen im
Jahr in Deutschland.
Das sind 1,5 Millionen Einwanderer nach Deutschland brutto
jedes Jahr, erklärt die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer.
Aber die meisten Deutschen sind so ignorant und
unfreundlich, daß sie lieber erhebliche ökonomische Einbußen hinnehmen, als die
Augen für die Realität zu öffnen.
[….] Ausländische
Fachkräfte werden gesucht. Aber einen herzlichen Empfang dürfen sie in
Deutschland eher nicht erwarten, zeigt eine Umfrage unter Arbeitnehmern. [….]
(Verena Töpper, 01.11.2023)
Unglücklicherweise sind alle im Bundestag vertretenden
Parteien weit nach rechts gerückt, weil sie sich unter dem Trommelfeuer rechter
Blogs, Springer, Julian Reichelts Hetz-Shows und der AfD kollektiv in die Hosen
gemacht haben und ihr Heil darin suchen, sich als „AfD Light“ zu inszenieren. Hauptsache
gegen die Ausländer lautet das neue Motto von Grün bis CSU. Die Verfassung und die Verfassungsrichter stören da
nur.
Deutschland handelt, Deutschland wählt, aber nicht nur
menschenverachtend und entgegen des Grundgesetzes, sondern zieht sich damit
selbst die Schlinge um den ökonomischen Hals zu!
Wir brauchen mehr, nicht weniger Migration und die schon
in Deutschland lebenden Migranten müssen dringend mehr, statt weniger gefördert
werden. Sie müssen alle eine Arbeitserlaubnis bekommen und ihre
Berufsabschlüsse haben gefälligst unkompliziert anerkannt zu werden.
[….] Wir haben uns schon im
letzten Jahresgutachten ausdrücklich für mehr Zuwanderung ausgesprochen. Für
die braucht es eine Willkommenskultur in den Ausländerbehörden. Bislang müssen
wir zum Teil als Universitätsprofessoren mit zum Amt kommen, weil selbst unsere
hoch qualifizierten Nachwuchsforscherinnen und -forscher aus dem Ausland dort
sonst kaum durchkommen. Das ist ein Unding und muss sich ändern – das ist der
Regierung auch klar. [….]
(Die Chefin der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer, 08.11.2023)
Die insbesondere von den Merzen und Söders dieser Republik
erzeugte politische Stimmung ist also massiv wirtschaftsfeindlich.
Abgesehen von dieser toxischen Xenophobie, der auch immer
noch ein irrwitziger „die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“-Glaube zugrunde liegt,
setzen die Linnemanns und Lindners stoisch auf den Irrglauben, „die“ Wirtschaft
mache alles besser, als der Staat.
Dabei wäre der Mitarbeitermangel wesentlich weniger
schlimm, wenn Unternehmer nicht so dämlich wären. Immer wieder zeigen
Blindstudien, wie Bewerber bei völlig gleicher Qualifikation abgelehnt werden,
wenn ihr Name türkisch, statt deutsch klingt. Jahrelang sind Myriaden in
Deutschland lebende und in Deutschland studierte Jungakademiker mit „türkischen
Migrationshintergrund“ frustriert nach Istanbul ausgewandert, weil sie dort als
Arzt, Ingenieur oder Architekt sofort einen Job fanden, während erzkonservative
hiesige Firmenchefs lieber Stellen unbesetzt ließen, als „einen Ausländer“ (mit
deutschem Pass) einzustellen.
[….] Eigentlich ist das
Grundgesetz nicht misszuverstehen. "Niemand darf wegen seines
Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat
und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen
benachteiligt oder bevorzugt werden", so steht es in Artikel 3, ziemlich
weit oben also. Wer aber in Deutschland schon mal eine Wohnung gesucht hat und
nicht Müller, Schneider oder Huber heißt, der könnte auf die Idee kommen, dass
die Herkunft - oder das, was der Vermieter als Herkunft annimmt - manchmal
vielleicht doch eine Rolle spielt.
Ähnlich wie mit der Wohnung
verhält es sich auch mit dem Job. Schon vor Jahren haben Soziologen
nachgewiesen: Namen oder Äußerlichkeiten, die nahelegen, dass die Familie eines
Bewerbers nicht seit eh und je in Deutschland lebt, sind ein Nachteil. Und das
nicht erst im Einstellungsgespräch, man muss erst mal überhaupt eingeladen
werden. Den Mechanismen, die dieser Benachteiligung zugrunde liegen, nähert
sich eine neue Studie an. Die Autorinnen, Janina Söhn und Sophie Krug von
Nidda, haben für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung etwa 650
Bewerbungsprozesse untersucht und Tiefeninterviews mit Personalern geführt. Die
Diskriminierung, so lässt sich das Ergebnis zusammenfassen, kommt häufig in
einer Art Verkleidung daher: nämlich mit dem Satz, dass die Herkunft natürlich
keine Rolle spiele. Wohl aber die Frage, ob die Kandidatinnen und Kandidaten zu
den Mitarbeitern und zu den Kunden eines Unternehmens passten.
Da ist zum Beispiel die
Personalerin aus dem Einzelhandel, die sagt: "Kopftuchträgerinnen haben es
(...) sehr schwer." Das gelte insbesondere in Gegenden, in denen "die
Reichen wohnen. Da können wir dann keine reinsetzen, die ein Kopftuch trägt".
[….]
(SZ, 07.12.2022)
Der deutsche Drang, andere zu diskriminieren, als
Wirtschaftshemmschuh.
Dazu kommt aber auch noch die finanzielle Gier der Unternehmer,
deren kurzfristiges Shareholder-Value-Denken ins eigene Fleisch schneidet.
Beispiel Gesundheitsbereich, wo der Arbeitskräftemangel
besonders eklatant ist.
Auch sie müssen massiv Kapazitäten abbauen, weil sie nicht
genügend Leute haben.
[….] Von 2012 bis 2022 gut
1.100 Krankenhausbetten für Kinder abgebaut
In den Krankenhäusern
hierzulande stehen immer weniger Betten für Kinder zur Verfügung. Wie das
Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, wurden in den vergangenen zehn
Jahren in Deutschland insgesamt gut 1 100 Krankenhausbetten in speziellen
Kinderfachabteilungen abgebaut. Das entspricht einem Rückgang von 4 %. Nimmt
man die Kinder- und Jugendpsychiatrie aus, fällt der Abbau mit insgesamt rund 2
000 Betten noch größer aus. In diesem Bereich kamen im genannten Zeitraum gut
900 Betten hinzu. Im Jahr 2022 wurden somit gut 25 800 Betten zur Behandlung
von Kindern registriert – der niedrigste Stand der vergangenen zehn Jahre. Im
Jahr 2012 hatte es noch gut 26 900 Krankenhausbetten in der Kindermedizin
gegeben. Die Bettenauslastung in den Kinderfachabteilungen ist in diesem
Zeitraum ebenfalls gesunken, auch in Folge der Covid-19-Pandemie. [….]
(Statistisches Bundesamt, 19.10.2023)
Auch hier ist das Problem zu großen Teilen selbstgemacht.
Nachdem gelbe und schwarze Politiker die Privatisierung der meisten
Krankenhäuser durchdrückten, fließen nun Milliarden-Gewinne aus dem System in
die Taschen der superreichen Klinikkonzerne, die viel mehr als staatliche Gesundheitseinrichtungen
bei Personal und Ausbildung sparen. Der Solidaritätsgedanke ist ihnen fremd.
Sie wollen kein Geld und keine Mühe in Ausbildung stecken. Examinierte, zu
niedrigen Löhnen arbeiten wollenden Krankenschwestern, sollen am liebsten kostenlos
vom Himmel fallen.
[….] 965 der 1.942
Krankenhäuser in Deutschland haben im Jahr 2017 Pflegefachkräfte ausgebildet.
Das sind weniger als 50 Prozent, wie aus der Antwort des
Bundesgesundheitsministeriums auf eine schriftliche Anfrage der
pflegepolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Pia Zimmermann,
hervorgeht. Die Zahlen stammen aus der Krankenhausstatistik des Statistischen
Bundesamts. Dabei wurden an 199 Ausbildungsstätten Gesundheits- und
Kinderkrankenpfleger sowie an 914 Ausbildungsstätten Gesundheits- und
Krankenpfleger ausgebildet. [….]
(Ärzteblatt, 12.08.2019)
Besonders unrühmlich ist dabei der Part der Kliniken
unter Kirchlicher Trägerschaft, die ihre Mitarbeiter offen diskriminieren
dürfen, ihnen keine Tariflöhne zahlen und große Pflegeausbildungsstätten aus
Kostengründen gleich ganz schließen. So geschah es bei der dem Wilhelmsburger
Krankenhaus angegliederten Pflegeschule, die dem Erzbistum Hamburg gehörte.
[….] Die ungewisse Zukunft
des wirtschaftlich angeschlagenen Wilhelmsburger Krankenhauses hat schon viele
Menschen im Stadtteil bewegt. Zunächst gab es Gerüchte um den Verkauf des
Krankenhauses, die Sarah Sieweke, Sprecherin des Krankenhauses dementierte. Die
zum Krankenhaus gehörende Pflegeschule wird jedoch geschlossen.
„Erst startet der Hamburger
Senat eine Ausbildungsoffensive, dann soll eine der erfolgreichsten
Krankenpflegeschule in Hamburg geschlossen werden. Das ist in Zeiten, in denen
alle über den Mangel an ausgebildeten Pflegerinnen und Pfleger klagen, gesundheitspolitischer
Wahnsinn“, sagt Constanze Weichert vom „Hamburger Bündnis für mehr Personal im
Krankenhaus“, das die Aktion unterstützt.
[….]
(MoPo, 20.09.2020)
Ein anderer extremer personeller Engpass betrifft die
Fahrschulen in Hamburg.
Fahrschüler müssen bis zu einem halben Jahr auf einen
Prüfungstermin warten, weil es viel zu wenige Fahrprüfer gibt.
Auch das ist ein seit Jahren bekanntes und sich stets verschärfendes Problem.
[….] Bernd Ehlers,
stellvertretender Vorsitzender des Hamburger Fahrlehrerverbandes, bestätigt die
Misere: „Meine Schüler, die jetzt prüfungsreif sind, bekommen frühestens im
Januar Termine.“ Der TÜV sei das Nadelöhr: „Die Fahrschulen bekommen ein festes
Kontingent an Prüfungen, aber wenn Prüflinge mehr als einen Termin brauchen,
reicht das natürlich nicht.“ In seiner Fahrschule etwa seien fünf Fahrlehrer
beschäftigt, die 120 Prüfungstermine im Jahr bekommen: „Das kann auch nicht
einfach so aufgestockt werden, weil der TÜV unter Fachkräftemangel leidet.“ [….]
(MoPo, 09.11.2023)
Fahrschüler verzweifeln und kommen leicht auf Kosten von
über 5.000 Euro, weil sie in der Wartezeit weitere Fahrstunden nehmen.
Auch in der Causa „Keine Führerscheinprüfer“ sind die
Probleme zusätzlich durch ausgemachte deutsche Arroganz verschärft. Für den Job
eines Fahrprüfers wird nämlich ein abgeschlossenes Ingenieursstudium
vorausgesetzt. Weil: Es ist Deutschland hier. Wer hier hinterm Steuer
sitzen darf, muss mit höchsten akademischen Weihen überprüft werden.
[….] Das bestätigt der TÜV
Süd, dem der TÜV Hanse zu 90 Prozent gehört (die restlichen zehn Prozent hält
die Stadt Hamburg): „Der Markt für Fahrprüfer ist leergefegt“, so ein Sprecher
zur MOPO. Die strengen Herren (und Damen), die bei der praktischen „Fahrerlaubnisprüfung“
auf der Rückbank sitzen, müssen ein abgeschlossenes Ingenieursstudium plus eine
zweijährige TÜV-Ausbildung vorweisen. [….] Weil solche Spezialisten
tatsächlich kaum zu finden sind, erlaubt der TÜV Hanse derzeit sechs erfahrenen
Hamburger Fahrlehrern, sich als Quereinsteiger in sechs Monaten zum Fahrprüfer
zu qualifizieren. [….]
(MoPo, 09.11.2023)
Aber, so viel Flexibilität traut man den Deutschen gar
nicht zu, sagenhafte sechs Personen sollen nun sogar ausnahmsweise, querqualifiziert
werden.
Das scheint dieses „Deutschlandtempo“ zu sein, von dem
jetzt immer alle reden.