Sonntag, 19. Juni 2022

Bundeswehr 2022

So viel Selbstkritik muss sein: Als Donald Trump, genau seinen Fähigkeiten als Psychopath entsprechend, einen Hebel fand, die ihm intellektuell weit überlegene Angela Merkel zu ärgern, betätigte er ihn mit sadistischer Freude so oft, wie nur möglich: Sie drücke sich darum, die zugesagten 2% des BIP für die NATO zu zahlen. Da Trump dumm und ungebildet ist, verstand der den Sinn dieser Vereinbarung gar nicht. Er tat so, als handele es sich um einen NATO-Mitgliedsbeitrag, den Deutschland ihm, Trump, schulde.

Das war natürlich Schwachsinn. Gemeint waren die deutschen Ausgaben für die deutsche Bundeswehr.

Aber ich ärgerte mich grundsätzlich darüber, daß Trump da einen nicht wegzudiskutierenden Punkt hatte. Wieso hatten Merkel und Steinmeier bloß jemals diese „2%“ zugesagt? Zumal bei steigender Wirtschaftsleistung die Summe immer astronomischer wurde.

[….] In der Bundeswehr hingegen ging der Scherz um, die einzige korrekte Aussage Trumps über die Nato sei gewesen: „Angela, you gotta pay!“ Aber Angela Merkel dachte gar nicht daran. Wer sich nach ihrer Position zur militärischen Landesverteidigung erkundigt, hört fast immer das Gleiche: Für sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen habe sie sich nicht interessiert, das Thema habe auf ihrer Agenda ganz hinten gestanden. „Die Verteidigungsminister und -ministerinnen in der Ära Merkel standen auf verlorenem Posten“, sagt der Militärhistoriker Neitzel.  [….]

(SZ, 29.04.2022)

Inzwischen liegt aber eine „Zeitenwende“ hinter uns, wie Bundeskanzler Scholz völlig richtig erklärte.

Nun haben wir einen heißen Krieg in Europa, für den aus Deutschland dringend Waffen und Munition erbeten werden.

Das führt zu bizarren parteipolitischen Verwerfungen.

Auf große Ablehnung, stößt die Bewaffnung einer Kriegspartei, nur bei der klassischen Querfront aus Nazis und Linken.

Die eifrigsten Waffen-Fans und Kriegsbeteiligungsfreunde gibt es ausgerechnet bei FDP und Grünen.

[….] Klare Fürsprecher finden sich allein in den Reihen von FDP (70:25 Prozent) und Grünen (67:25 Prozent). Von den Unions-Anhängern äußert sich zwar gut die Hälfte zustimmend (53 Prozent), aber 42 Prozent melden dagegen Widerspruch an. Tief gespalten präsentieren sich die Anhänger der SPD (45:46 Prozent). Deutlich ablehnend äußern sich die Wähler der AfD (12:84 Prozent).    [….]

(ARD Deutschlandtrend, 28.04.2022)

Ich bin stolz Mitglied der SPD zu sein, die sich in dieser Frage quält, nicht leichtfertig schwere Waffen ausliefern will, andererseits aber von Vernunft geleitet, so etwas auch nicht in Bausch und Bogen ablehnt.

Ich gehöre zum Habermas-Lager und bin sehr froh, in Olaf Scholz einen Verantwortlichen zu haben, der sich nicht unüberlegt in militärische Abenteuer stürzt.

Ja, auch wenn ich aus der Zeit gefallen bin; ich nehme mir doch einen Augenblick, um mich zu wundern, wie gründlich die Grünen von eben auf jetzt ihren Pazifismus aufgaben und nun zu den enthusiastischsten Fans des Militär gehören.

[….]  Es war gut, dass die Grünen einst über Kriegseinsätze stritten. Und es ist furchterregend, wie sie und ihr Milieu es nicht mehr tun. [….] Hofreiter entstammt den vom Atemhauch der Friedensbewegung am Leben gehaltenen Grünen der Achtzigerjahre. Seine Haltung zu Militäreinsätzen war, diplomatisch gesprochen, eher zurückhaltend. Als es im Herbst 2014 in der Bundesregierung um die Frage ging, ob Deutschland Waffen an die Kurden im Nordirak liefern sollte, war Hofreiter noch schwer der Ansicht, Waffenlieferungen könnten zu einem Konflikt mit der Türkei führen. Der Passauer Neuen Presse sagte er damals: "Die Terrormiliz des 'Islamischen Staats' ist bis an die Zähne mit erbeuteten amerikanischen Waffen bewaffnet. Wir sollten nicht noch mehr Waffen liefern. Die USA sollten die Kurden weiter mit Luftangriffen unterstützen." Man muss mit diesen Rückblenden arbeiten, um den Grad der militärischen Zurüstung zu begreifen, mit dem Hofreiter in diesen Tagen vor die Presse tritt. Die sogenannten "schweren Waffen", offenbar ein neues Lieblingsobjekt der einst pazifistischen Linken, müssten am besten gleich in die Ukraine geliefert werden. [….]. Hofreiter hat auch schon den Blick ins pulverumdämpfte Morgen gelenkt, dann sollen nämlich die "ukrainischen Kräfte" an modernem Kriegsgerät ausgebildet werden. Wann genau? "Wenn das russische und sowjetische Material kaputtgeschossen ist", sagt Hofreiter. [….]

(Hilmar Klute, 21.04.2022)

Die schlichte Tatsache, daß man einen konventionellen Krieg gegen eine atomare Supermacht, mit einem zu allem entschlossenen Diktator, der von der breiten Mehrheit seines Volkes unterstützt wird, gar nicht gewinnen kann, verdrängen Baerbock und Hofreiter. Ich verweise in diesem Punkt erneut auf den vielleicht klügsten lebenden Denker Deutschlands: Jürgen Habermas.

Mir fehlt die Phantasie dazu, mir vorzustellen, wie Wladimir Putin, ganz besänftigt von deutschen Panzerhaubitzen, global gedemütigt, seine Niederlage akzeptiert, gelobt nun wieder rechtsstaatliche, demokratisch und liberal zu agieren, ohne auf die Idee zu kommen, in seinen prall gefüllten Giftschrank mit den Horrorwaffen zu greifen.

[….] Im Interesse der Ukraine liegt es, wenn der Westen durch möglichst umfangreiche Waffenlieferungen einem Kriegseintritt näher rückt. Dies nämlich würde die militärische Schlagkraft der Ukraine so weit erhöhen, dass aus vielen kleineren Siegen auf den Schlachtfeldern ein größerer Sieg, also mindestens ein Rückzug der Invasionsarmee, werden könnte. Je näher das allerdings kommt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass in einer anderen Form des Reiz-Reaktions-Modells Putins Regime sich direkt auch gegen den Westen mit verschiedenen Schritten der Eskalation richtet. Auf dieses Dilemma hat Habermas ausführlich hingewiesen – und deswegen hält er die, wie er sie nennt, „reflektierte“ Politik des Bundeskanzlers für richtig. [….] Man kann sicher darüber debattieren, wie die verschiedenen Stufen einer Kriegsbeteiligung aussehen, ob sie bereits jetzt vorliegt oder erst, wenn eine russische Rakete in einem Depot mit amerikanischen Geschützen an der polnisch-ukrainischen Grenze einschlägt. Eines allerdings ist sicher: Nach dem vorletzten Schritt gibt es nur noch einen letzten Schritt. Der besteht entweder im Einlenken Russlands und einem vollständigen Rückzug (solange Putin an der Macht ist, ist das nicht so wahrscheinlich). Oder im dritten Weltkrieg. [….]

(Kurt Kister, 29.04.2022)

Ein sehr ärgerlicher Aspekt der Debatte ist die CDUCSU, die seit Franz Josef Strauß enge Kontakte  zu Moskau pflegt und nun der SPD Russland-Nähe vorwirft, um davon abzulenken, wie Söder, Seehofer, Stoiber, Kretschmer, Laschet und Co katzbuckelnd im Kreml vor Wladimir Putin krochen. Anders als SPD-Politikern wie Fraktionschef Mützenich, ging es ihnen dabei allerdings nicht um Friedenssicherung, sondern ihnen gefielen Putins rechtskonservative Ansichten und sein Geld.

[…] Verschleierte Zahlungen, Gefälligkeiten

Auch die Union hat ein Russlandproblem  […] Die Union pflegte die Freundschaft mit Moskau über einen dubiosen Verein. Besonders engagiert: CSU-Grande Edmund Stoiber und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer. […]

(DER SPIEGEL, 17.06.2022)

Graphik Süddeutsche Zeitung

 
Wesentlich dreister ist aber das Herumhacken auf der Verteidigungsministerin Lambrecht, als ob sie den total desolaten Zustand der Bundeswehr zu verantworten hätte. Die Union agiert bar jeden Schamgefühls.

Merkel kümmerte sich in 16 Jahren nicht eine Sekunde um die Bundeswehr, obwohl die grotesken Materialmängel seit vielen Jahren jeden Tag in der Presse stehen. Vizekanzler Westerwelle hielt das auch offiziell für unnötig, argumentierte 2010 mit dem Hinweis „Deutschland ist nur noch von Freunden umgeben“ für die Reduzierung der Wehrpflicht auf sechs Monate. Seine Parteifreundin Strack-Zimmermann, heute eifrigste Bellizistin und Chefin des Verteidigungsausschusses, nannte das „den Todesstoß für die Bundeswehr.“

Lügenbaron zu Guttenberg machte der Leiche den Garaus, indem er die Wehrpflicht – einen Kernpunkt des CDUCSU-Wahlprogrammes – ganz abschaffte.

Seine ihm zu Füßen liegende Partei überzeugte er mit der frechen Lüge, das eingesparte Geld käme der Ausrüstung zu Gute.

[….]  Kleiner, schwächer – und vor allem günstiger. Die symbolisch aufgeladene Debatte um die Aussetzung der Wehrpflicht verdeckte, was der eigentliche Zweck der Reform war: möglichst viel Geld einzusparen. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst André Wüstner, sagt: „Die Reform wurde dilettantisch angegangen. Das Motiv war nicht, die Bundeswehr besser zu machen, sondern zu sparen.“   Mindestens acht Milliarden Euro, manche sprechen sogar von zehn Milliarden Euro, hat Guttenberg damit eingespart. Führende Militärs knüpften an die Aussetzung der Wehrpflicht Erwartungen, die dann herb enttäuscht wurden. „Unsere Idee war: Das eingesparte Material kann man für die verbliebene Truppe verwenden. Aber Material und Geld waren weg“, sagt der ehemalige General Hans-Lothar Domröse, bis zu seiner Pensionierung einer der höchsten Nato-Generäle. Für viele Kritiker begann mit Guttenberg die Abwärtsspirale für die Bundeswehr. Der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) sprach später sogar von der „Zerstörung der Bundeswehr“. [….]

(SZ, 29.04.2022)

Die Metaphorik der sterbenden Bundeswehr scheint etwas überstrapaziert, wenn sie schon 2010 von Schäuble und Westerwelle „den Todesstoß“ bekam, ein Jahr später von Guttenberg „zerstört“ wurde und schließlich in drei grundsätzlichen weiteren katastrophalen politischen Fehlentscheidungen Thomas de Maizières „kaputt gemacht wurde.“

Merkels Lieblings- und Lügenminister war es, der das Chaos beim Beschaffungswesen, die Desorientierung des Ministeriums und die chronische Mängelverwaltung einführte.

[….] De Maizière aber wollte das Haus wie ein gewöhnliches Ministerium führen, die Strukturen verschlanken. Er löste zum einen den militärischen Führungsstab, der für den Generalinspekteur als Steuerungsinstrument zur Führung der Streitkräfte und als Expertengremium wichtig war, in seiner bisherigen Form auf. Und er schaffte zum anderen den Planungsstab ab – und stürzte das Ministerium laut Kritikern ins Chaos. [….]

(SZ, 29.04.2022)

In der Folge wußten zivile und militärische Beamter nicht mehr was die anderen tun und eine stringente Führungspolitik wurde unmöglich.

Im nächsten Streich talibanisierte er die Materialbeschaffung, so daß es heute viele Jahre und Myriaden Aktennotizen braucht, um Unterhosen oder Stiefel zu kaufen, weil nur noch zentralisiert über Karlsruhe eingekauft werden kann.

[….] Vorher waren die Teilstreitkräfte für die Materialerhaltung selbst zuständig. Seither muss sich das Beschaffungsamt in Koblenz, ein bürokratisches Ungetüm mit mehr als 6000 Mitarbeitern, um alles kümmern, vom komplexen Waffensystem bis zur Winterjacke. Das gesamte Beschaffungswesen ist dadurch noch schwerfälliger und intransparenter geworden. Und immer wieder hört man Kritiker von einer „Verantwortungsdiffusion“ sprechen, die mit den Reformen entstanden sei. [….]

(SZ, 29.04.2022)

 

Für eine funktionierende Bundeswehr sind 100% Ausrüstung das absolute Minimum, weil dann keinerlei Ersatz oder Reserve vorhanden sind. Der debakulierende de Maizière, immerhin Sohn des ehemaligen Bundeswehr-Generalinspekteurs, kam nun auf die völlig aberwitzige Idee, die Ausstattung grundsätzlich auf 70% zurückzufahren. Die grotesken Folgen sind inzwischen Gegenstand unzähliger Reportagen. Bevor ein Bundeswehr-LKW oder Panzer fährt, bevor ein Schiff in See sticht oder ein Hubschrauber in die Luft fliegt, muss nun erst einmal ein anderes Fahrzeug ausgeschlachtet, und damit lahmgelegt werden, weil es nie genügend Teile für alle gibt.

[….] 70 Prozent Ausstattung galt als genug. Bedingt abwehrbereit zu sein, das galt nun nicht als Beschreibung des Mangels, sondern als offizielle Zielvorgabe. „Das war ein Bruch mit dem bisherigen Organisationsprinzip, die Abkehr von der Vollausstattung“, sagt der Ex-Wehrbeauftragte Bartels. Deutsche Einheiten, die ins Manöver oder zu den Nato-Truppen ins Baltikum geschickt wurden, mussten sich Ausrüstung und Ersatzteile von überall zusammenleihen, oft wurden dafür andere Bundeswehr-Fahrzeuge ausgeschlachtet, die dann ihrerseits nicht mehr einsatzbereit waren. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel nennt diese Entscheidung schlicht „Wahnsinn“.  Keine Einheit ist mehr aus eigener Kraft einsatzfähig. „Ein Panzerkommandant ohne Panzer ist wie ein Ponyhof ohne Ponys“, sagt Domröse. [….]

(SZ, 29.04.2022)

Üblicherweise hält man Jens Spahn oder Andreas Scheuer für die schlechtesten Bundesminister aller Zeiten. Aber Thomas de Maizière wird auch immer ein Top-Anwärter für die Eselskrone sein.

Die Bundeswehr konnte sich fortan nur noch mit der „Operation Läusekamm“ auf einen Einsatz vorbereiten. Da alle Geräte halb auseiandern gebaut waren und keine Ersatzteile zu kriegen sind, musste man erst bei anderen Einheiten auf Raubzug gehen.

[….] „Es gibt keine Brigade, die morgen verlegungsfähig wäre“, sagt Militärhistoriker Neitzel. Das gilt selbst für die angeblich hoch mobilen Einheiten, die für die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) der Nato abgestellt werden; diese Einheiten sollen eingesetzt werden, wenn etwa kleinere Nato-Staaten wie Polen oder die baltischen Länder plötzlich attackiert werden sollten. Für die zwischen 2018 und 2020 eingesetzte VJTF-Einheit der Bundeswehr musste das gesamte Heer nach Ausrüstungsgegenständen abgeklappert werden, was bei der Bundeswehr unter dem Begriff „Operation Läusekamm“ lief.[….] In einem Papier des Bundeswehrverbandes heißt es: Selbst die  aktuelle VJTF-Truppe sei nur „im Sinne einer Operation ,Läusekamm 2.0‘ erneut mit Gerät aus allen anderen Verbänden einsatzbereit“. Der Mangel sei enorm, sagt Wüstner, der Chef des Verbandes. Deutschland schaffe es noch nicht einmal, eine einzige Brigade aus sich heraus, also mit vollständigem Material ausgerüstet, einsatzfähig vorzuhalten. [….]

(SZ, 29.04.2022)

Wenn wir heute von „schweren Waffen“ sprechen, die der Ukraine geliefert werden sollen, meinen wir damit Artillerie mit ihren furchterregenden Panzerhaubitzen. 1990 bestand die Artillerie-Truppe aus 42.000 Soldaten in 81 voll ausgestatteten Artilleriebataillonen. Nach 16 Jahren CDU/CSU-Führung – Jung, de Maiziére, Guttenberg, von der Leyen, Kramp-Karrenbauer – gibt es nun noch 3.500 demotivierte Artilleristen in vier Bataillonen mit 121 Panzerhaubitzen. Fast die Hälfte davon ist aber so alt oder so ausgeschlachtet, daß sie nicht einsatzfähig ist.

Bei den anderen Waffengattungen sieht es eher noch schlechter aus.

Samstag, 18. Juni 2022

Xenophobie

Nein, ich bin wirklich kein Fan von Andrij Melnyk. Und sein Präsident Wolodymyr Selenskyj wird mir ebenfalls zusehends unsympathisch.

Zum Glück bin ich kein Bundeskanzler und muss nicht diplomatisch sein. Ich würde gern Selenskyj, wie auch Melnyk, nach der Unverschämtheit mit der Steinmeier-Ausladung langsam mal sagen "jetzt reicht es aber mal mit dem unverschämten Ton, nachdem ihr Milliarden Steuergelder bekommen habt von uns. So gibt es schon mal gar keine Waffen mehr!"

Was bilden die sich eigentlich ein, dass sie glauben, Anweisungen erteilen zu können?   Ich möchte auch nicht gerne solche Typen in den EU- und NATO-Gremien sitzen haben. Da reichen mir Orbán und Erdoğan völlig

Der Ukrainische Botschafter in Deutschland beklagt sich nun auch noch bitter darüber, daß Ukrainer hier nicht willkommen wären.

[….] Viele ukrainische Flüchtlinge kehren nach Überzeugung des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk Deutschland wieder den Rücken, weil sie sich hier nicht willkommen fühlen. "Die meisten Ukrainer kehren zurück, schon längst", sagte Melnyk in "Bild"-TV. "Es sind mehr Menschen, die abreisen aus diesem Land, als zu Ihnen kommen." Man sollte sich in Deutschland Gedanken darüber machen, wieso viele Ukrainer "keine Lust haben, hier zu bleiben". Aus Sicht der Ukrainer trage Deutschland Verantwortung für viele Tote, weil es bislang keine schweren Waffen geliefert habe, so Melnyk.  [….]

(NTV, 13.06.2022)

Das ist in vielerlei Weise unverschämt. Besonders aus dem Munde eines Mannes, der immer wieder den rechtsradikalen Nationalisten Bandera, sowieso das Nazi-Regiment Asow lobt. Die Myriaden Toten sind auch ein Resultat des Handelns der Kiewer Regierung. Und die Hauptverantwortung trägt Putin. Vor allem aber ist Melnyks Vorwurf nicht wahr.

[….] Der Philosoph Peter Sloterdijk hat dem widersprochen, demzufolge sich viele Ukrainer in Deutschland nicht willkommen fühlen. „Das ist, glaube ich, ganz unrichtig“, sagte Sloterdijk der dpa. „Wir selber haben auch mehrfach Flüchtlinge aufgenommen, und wir kennen Leute, die es ebenfalls getan haben. Wir wissen aus erster Hand, dass Gefühle des Nichtwillkommenseins eher die Ausnahme als die Regel sind. Im Gegenteil, es existiert nach wie vor eine ganz große Welle der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft.“ […]

(dpa, 16.06.2022)

Melnyk ist undankbar, verlogen und unverschämt.

[….] Nie waren die Deutschen so hilfsbereit wie in den vergangenen Wochen. Genauer gesagt: seit Beginn des russischen Angriffs- und Eroberungskrieges gegen die Ukraine. Zehntausende packten mit an – und tun es immer noch. Sie vermitteln Unterkünfte, sammeln Medikamente, Kleidung und Lebensmittel, bringen Hilfstransporte mit Verbandsmaterial, Decken und Schlafsäcken auf den Weg. [….]  Nicht willkommen - das schmerzt. Bis Ende April hatten Deutsche mindestens 752 Millionen Euro für die Ukraine gesammelt. Die weiterhin laufende Spendensammlung bricht längst alle Rekorde. Schon jetzt weist sie das höchste Volumen für eine einzelne Katastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik auf. Es ist höher als nach dem Tsunami in Südostasien 2004, höher als nach der Flutkatastrophe in Deutschland im vergangenen Jahr.  Nicht willkommen – wie muss dieser Vorwurf auf freiwillige Helfer wirken, die den Begriff der „Willkommenskultur“ als Ansporn empfinden? Wie muss er auf jene wirken, die in Stadt, Land und Bund die Schutzsuchenden sehr pragmatisch unterstützen? Ukrainischen Flüchtlingen wird das Leben in Deutschland in vielerlei Hinsicht leichter gemacht als Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea. [….] [Melnyk muss] aufpassen, nicht allzu oft jene zu verprellen, die er um Hilfe bittet und deren Hilfe sein Land braucht. [….]

(Malte Lehming, Tagesspiegel, 16.06.2022)

Selbstverständlich ist es ein verschwindend geringes Problem, ob Deutsche sich angesichts der Wortwahl eines einzelnen Botschafters beleidigt fühlen. Das würde ich Melnyk angesichts der Schreckens des Krieges durchgehen lassen.

Das erheblich größere Problem besteht aber darin, daß er damit der Ukraine und den geflüchteten Ukrainern schadet. Sie müssen es ausbaden, wenn die Europäer zunehmend genervt und kriegsmüde sind.

Bisher ist das glücklicherweise noch nicht der Fall. In einer größeren Reportage über die zehntausenden Ukrainer in Hamburg, schildert das „Abendblatt“ wie hanebüchen Melnyks Anwürfe sind.

[…] Karapet Sahakyan ist mit Ehefrau Lilit Hakobyan und den Kindern Avet und Knarik im ehemaligen Sofitel untergebracht. Sie sind sehr dankbar für die Gastfreundschaft. […] „Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen auf dieser Welt so freundlich sind, wie die Deutschen!“ – Lolita Zhuravleva. „Die Menschlichkeit steht in Deutschland an erster Stelle. Ich möchte hier bleiben – für die Zukunft meiner Kinder.“ Lilit Hakabyan.  […]

(Abendblatt, 17.06.2022)

Im Gegensatz zu den erlogenen Anwürfen Melnyks, stellt sich eine ganz andere Frage: Wann sehen wir endlich ein – auch im Angesicht des katastrophalen Arbeitskräftemangels in Deutschland – daß wir auch alle andere Flüchtlinge so unkompliziert und großzügig aufnehmen, wie die Ukrainer?

Das migrantische Zweiklassenrecht ist zutiefst amoralisch.

Und wer xenophob denkt, kein Mitleid empfinden kann, keine Verpflichtung zu helfen spürt, sollte wenigstens das Argument bedenken, daß wir dringend Zuwanderung brauchen.

[….] Menschen, die aus der Ukraine nach Hamburg fliehen, genießen zahlreiche Privilegien gegenüber anderen Flüchtlingen. [….]  Plötzlich ist alles möglich. Die Hilfsbereitschaft, die den Geflüchteten aus der Ukraine seit Beginn des russischen Einmarsches entgegenschlägt, ist überwältigend. Eine Extra-Anlaufstelle am Hauptbahnhof, Familien räumen längst verwaiste Kinderzimmer leer, um hier gestrandete Ukrainer:innen aufzunehmen, Busse werden an die polnisch-ukrainische Grenze geschickt, um Menschen aus dem Staat mit der blaugelben Nationalflagge einzusammeln.  Angekommen in Hamburg finden die vor dem Putin-Krieg Geflüchteten Bedingungen vor, von denen andere Flüchtlinge nur träumen können – auch die, die aus anderen Kriegsgebieten oder auch dem von den Taliban regierten Afghanistan geflohen sind. Die Ukrainer:innen müssen keinen Asylantrag stellen, sondern sich nur registrieren lassen und werden dafür in den Behördenfluren auch schon mal an den wartenden Flüchtlingen aus anderen Ländern vorbeigelotst. Sie unterliegen nicht wie andere Geflüchtete erst einmal einem Arbeitsverbot, sondern erhalten viel eher und schneller Jobs, Wohnungen, Sozialleistungen und Sprachkurse als alle anderen Schutzsuchenden. „Wir sehen jetzt, was bei den ukrainischen Flüchtlingen möglich ist: Direkter Zugang zum Arbeitsmarkt, keine Verpflichtung in großen, abgelegenen Erstaufnahmeeinrichtungen zu wohnen, und der Wechsel aus dem Asylbewerberleistungsgesetz in die reguläre Sozialhilfe“, heißt es in einer Stellungnahme von „Pro Asyl“. [….]  Andere Geflüchtete müssen im Durchschnitt länger als vier Jahre in oft prekären Unterkünften leben. Für sie werden die Chancen auf Wohnraum jetzt noch schlechter. [….]

(Marco Carini, Mono, 18.06.2022)

Freitag, 17. Juni 2022

Die Tragik eines rechten Amoralisten

Da ich gerade an einem ganz neuen Computer sitze und noch lange nicht alle alten Funktionen und Daten übertragen habe, kann ich leider nicht auf meinen Ordner mit den Mike Pence-Memes zugreifen. Dieser ultrakonservative Schwulenhasser mit den verstörend mittelalterlichen Ansichten, der sich aus moralischen Gründen weigert, allein mit einer Frau in einem Raum zu sein und seine eigene Ehefrau Karen immer mit „Mother“ anspricht, ist so eine Inkarnation einer Witzfigur, daß er ganz allein die weltweite Meme- und Satire-Branche beschäftigen könnte.

Fast tragisch, daß ausgerechnet ihm eine noch viel groteskere Person, in Gestalt des orange geschminkten Psychopathen Donald Trump, vor die Nase gesetzt wurde und die globale Aufmerksamkeit allein absorbierte.

Kaum ein prominenter GOPer des Prä-Trump-Zeitalters inszenierte sich so erzchristlich-homophob-misogyn-prüde-bigott wie Pence. In der Liga spielten nur noch Rick Santorum, Pat Buchanan und Mike Huckabee mit.

Pence war aber der einzige, der es ganz nach oben in das zweitmächtigste Amt der USA brachte, indem er sich bedingungslos seinem Idol Trump verschrieb.

Daß Pence sich durch seine hündisch-servile Unterordnung zum Gespött der Liberalen machte, wird er verschmerzen können, da die Trump-Präsidentschaft die Agenda des ultrachristlichen Mike Pence durchaus gut erfüllte: Kaum eine Woche verging, ohne misogyne Ausfälle des Chefs, Frauen und LGBTIQs wurden im Wochentakt schlechter gestellt und alle wichtigen Positionen in der Regierung wurden von alten weißen heterosexuellen Männern besetzt.

Fast tragisch, daß Pence diesen erzkonservativ-evangelikalen Durchmarsch der Prüderie ausgerechnet im Windschatten eines früheren Tittenjurors erreichte, der sich hauptsächlich mit Pädophilen und Vergewaltigern umgab, notorisch untreu war und eifrig Pornodarstellerinnen gebumst hatte.

Mit seiner Fähigkeit, dem orangen Boss stets devot den Hintern zu küssen, jede Selbstachtung fahren zu lassen und Trump immer nur wie ein verliebter Teenager debil anzuschmachten, entwickelte Pence eine einzigartige Superpower.

Trumps groteske Dummheit und seine psychisch schwer gestörte Persönlichkeit, machten es seinen Mitarbeitern unmöglich, es lange bei ihm auszuhalten. Wer auch nur über Rudimente von Anstand verfügte oder dabei versagte, zu jeder Zeit IQ45 eimerweise Honig um den Bart zu schmieren, wurde gefeuert. Nach wenigen Monaten der Amtszeit waren fast alle Mitglieder der Trump-Administration, die nicht der Familie angehörten, bereits einmal ausgetauscht. Viele weitere warfen freiwillig hin und hunderte Stellen wurden nie neu besetzt, weil es unter 330 Millionen US-Amerikanern niemanden gab, der sich das antun wollte.

Die amöbenartige Schleimigkeit des Mike Pence, der schon vor Jahren sein Rückgrat operativ entfernen ließ, sollte sich eines Tages auszahlen, indem der innerparteilich (nach wie vor) übermächtige Trump, ihn zu seinem Nachfolger küren würde.

Fast ein wenig tragisch, daß fünf Jahre lang bis zur Selbstopferung loyaler Mike Pence offensichtlich glaubte, dafür auch Loyalität von Trump erwarten zu können.

Dabei weiß außer ihm jeder, wie es der bornierte Sohn eines Orang Utans mit der Loyalität hält: Er bewertet andere Menschen ausschließlich nach ihrer Loyalität ihm gegenüber und ist selbst völlig unfähig loyal zu sein.

Tragisch, nach vier Jahren des Buckelns hetzte Trump seine „Proud Boys“ los, um Pence zu hängen. Über mehrere Stunden verfolgte Trump entzückt mit, wie die Rioter „Hang Mike Pence“ skandierten, blockte alle flehentlichen Bitten, den Mordmob zurück zu pfeifen ab und erklärte seinen Staffern, die hätten schon die richtige Idee, Pence verdiene es gelyncht zu werden.

[….] Donald Trump's extraordinary effort to overturn his 2020 election defeat came into ever-clearer focus Thursday, with testimony describing his pressuring Vice President Mike Pence in vulgar private taunts and public entreaties to stop the certification of Joe Biden's victory in the run-up to the Jan. 6 Capitol insurrection.  Trump's closest advisers viewed his last-ditch efforts to halt congressional certification of his loss as “nuts,” “crazy” and even likely to incite riots if Pence followed through, witnesses revealed in stark testimony Thursday. The panel revealed how Trump put his vice president in danger as Pence was presiding over a joint session of Congress on Jan. 6, 2021, when the defeated president sent his supporters to the Capitol to “fight like hell” over his false claims of a fraudulent election.  Rioters came within 40 feet of the place at the Capitol where Pence and others had been evacuated. Never-before-shown photos showed Pence and his team sheltering.

“He deserves to be burned with the rest of them,” one rioter is heard saying on video as the mob prepares to storm the iconic building. “Pence betrayed us,” says another rioter, wearing a Make America Great Again hat in a selfie video inside the Capitol.   Pence’s counsel Greg Jacob testified that he could “hear the din” of the rioters nearby. Asked if Trump ever checked on Pence during the siege, Jacob said, “He did not.” [….]

(AP, 16.06.2022)

Tragisch; der erzkonservative Mann, der sich fünf Jahre wie ein stummer Schuhabtreter von Trump behandeln ließ, bekam am Ende das was er verdiente: Er wurde vom Schuhabtreter herabgestuft zu dem Lynch-Opfer, welches der korrupte Psychopath im Oval Office sterben sehen wollte.

Donnerstag, 16. Juni 2022

Haben wir das Jahr 2022 oder das Jahr 1922?

Als ich vor rund 40 Jahren in der Schule im Pubertätsalter war und es sich herausstellte, daß der ein oder andere Mitschüler schwul war, begann es gerade, daß sie sich outen konnten, ohne daß sie drastische Konsequenzen spürten. Ich kann nicht ganz genau sagen, welche Hänseleien sie ertragen mussten, aber als jemand aus der Clique, der mit den „Schulschwulen“ befreundet war, habe ich immerhin das Getuschel miterlebt und mehrfach zu hören bekommen, ich müsse offensichtlich ebenfalls schwul sein – sonst würde ich ja wohl kaum so viel mit denen zusammen sein.

Generell war es aber in der Großstadt möglich „offen schwul“ zu sein, ohne daß Lehrer deswegen schlechtere Noten gaben oder verprügelt zu werden.
Es waren aber zumindest noch Rudimente des hanebüchenen Unsinns übrig, man könne sich gewissermaßen selbst entscheiden schwul oder hetero zu sein, man könne dahingehend beeinflusst werden und es könnte dementsprechend abfärben.

Nein, man wünschte dem schwulen Sohn des Nachbarn nicht schlechtes, der sollte auch in Ruhe leben können. Aber es wäre schon angenehmer, wenn der eigene Sohn sich nicht mit ihm abgäbe. Die Leute könnten sonst auf komische Gedanken kommen und wer weiß, ob die Leibesfrucht nicht doch verführt werden könnte. Vielleicht nicht aus böser Absicht, aber die Hormone in der Pubertät spielen ja verrückt, der Charakter ist noch nicht so gefestigt, da ging man lieber auf Nummer sicher und war froh, wenn das eigene Kind mit heterosexuellen Freunden zusammen spielte.

Als mittealter Mann beobachte ich mit einer gewissen Genugtuung das Verschwinden dieser grotesken Ängste bei der heutigen Jugend in Deutschland.

Natürlich gibt es immer noch homophobe Kreise unter Konservativen, Religiösen und Ungebildeten. Aber wenn ich durch die Brille meines Teenager-Ichs heutige Teenager in den sozialen Medien beobachte, scheinen Heteros keine Berührungsängste mehr mit Homos zu haben. Man umarmt sich, ist offen mit einander befreundet.

Der schlimmste Alptraum der ersten Elterngeneration, die queere Kinder nicht mehr kriminalisierte, nämlich daß ihr 13- oder 15-Jähriger Sohn vielleicht doch mal aus Neugier mit einem anderen Jungen „rummacht“, hat seinen Schrecken verloren. Tatsächlich kommt das vor, aber wie sich herausstellte, werden die Hetero-Jungs davon nicht schlagartig schwul, sondern lediglich um eine Erfahrung reicher, für die sie sich nicht schämen müssen.

Wer immer noch befürchtet, das offene Zeigen von queeren Verhaltensweisen oder Symbolen, könnte „indifferente Jugendliche“ auf den falschen Pfad bringen, gehört entweder zu einer Hategroup, einem autokratischen Regime, oder ist schwer religiotisch.

Deswegen werden in Polen, Ungarn und Russland LGBTIQ-Menschen verfolgt und diskriminiert. Deswegen macht sich das wahabitische Saudi-Regime so lächerlich.

[…] In Saudi-Arabien herrschen strenge Regeln im öffentlichen Leben, viele Gesellschaftsbereiche sind überwacht. Das gesellschaftliche Leben ist aufgrund der strikten Religionsvorschriften stark eingeschränkt – selbst Bekleidung für Kinder kann ins Visier der staatlichen Aufseher geraten. Nun haben Kontrolleure der Regierung im Land Kinderkleidung und Spielzeug in Regenbogenfarben beschlagnahmt – unter dem Vorwurf, diese könnten Homosexualität »fördern« und die »guten Sitten« gefährden. […]  Als problematisch eingestuft wurden dabei etwa bunte Regenbogen-Haarspangen und Rucksäcke für Kinder, aber auch ein Hut mit Regenbogen-Banderole oder ein T-Shirt mit buntem Regenbogen-Motiv. Die Farben könnten Homosexualität bei jungen Menschen »fördern« und würden deshalb gegen islamische Werte und die öffentliche Moral verstoßen, sagte ein Aufseher. […]

(SPON, 16.06.2022)

Es wirkt verstörend, wenn ein hiesiger Spitzenpolitiker immer noch seine schwer homophoben hanebüchenen Vorurteile durchblitzen lässt, so wie Dampfplauderer Friedrich Merz, der Jahrzehntelang die Homoehe bekämpfte und 2020 erneut zu dem Thema befragt, aus Angst vor den Wählern plötzlich gar nichts mehr gegen Schwule hatte, aber seinen toleranten Sinneswandel in derselben Sekunde als Lüge enttarnte, indem er doch sofort assoziierte, das müsse von Kindern ferngehalten werden.

(……)  Selbstverständlich gehört auch Multifunktionär Friedrich Merz, der selbst mit multiplen Shitstorms kämpft  zur Ludwig-Erhard-Stiftung.

Es wäre eine Gelegenheit von seinen eigenen schwulenfeindlichen Sprüchen abzulenken. Aber der Mann ist nicht lernfähig.  Einer der Merzschen Helden, Donald Rumsfeld, dem damals die CDU-Größen Merkel, Schäuble, Merz und Pflüger begeistert in den Irak-Krieg folgen wollten, sagte im Jahr 2002 an die Adresse der Kriegsgegner „Wenn du in einem Loch sitzt, solltest du aufhören zu graben“.   Friedrich Merz nimmt sich den Ratschlag allerdings nicht zu Herzen und gräbt sich nach seiner schwulenfeindlichen Attacke tiefer in sein Loch der Uneinsichtigkeit.

Obwohl man ihm bundesweit erklärte, wie diskriminierend, missachtend, falsch und ungehörig seine gedankliche Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie ist, gibt sich der renitente Multimillionär absolut beratungsresistent und unterstreicht tags darauf noch einmal explizit diesen angeblichen Zusammenhang.

[…..] Merz sagte der “Welt” weiter: “Die Toleranzgrenze ist immer überschritten, wenn Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug abscheuliche Dinge gesehen in letzter Zeit.” Das werde er auch in Zukunft so sagen, “selbst wenn es offenbar dem einen oder anderen nicht gefällt”. [….]

(RND, 22.09.2020)

Das ist schon interessant; der Mann, der so gern Kanzler werden will ist nicht nur ganz offensichtlich intellektuell nicht in der Lage seinen Irrtum zu bemerken, sondern ihn verlassen auch alle politischen Instinkte. Selbst wenn er anderer Meinung ist, sollte er doch erkennen sich total verrannt zu haben, weil ihm niemand, auch nicht aus seinem engsten Umkreis beispringt. Kein CDUler will ihn noch verteidigen.

[…..] Friedrich Merz hat sich „verplappert“. Okay, das kann passieren. Zumal, wenn man zu verbaler Inkontinenz neigt, die Worte einem mitunter unkontrolliert entgleiten. Doch statt sich zu entschuldigen, behauptet er jetzt in der „Welt“, da sei etwas „bösartig konstruiert“ . Um dann nochmals sein eigentliches Motiv zu unterstreichen: „Die Toleranzgrenze ist immer überschritten, wenn Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug abscheuliche Dinge gesehen in letzter Zeit.“ Was es fast noch schlimmer macht. Denn wieder konstruiert er diese merkwürdige Assoziation zwischen Homosexualität und Pädophilie. Und profiliert sich darüber hinaus als selbstloser Tugendwächter, dem es doch nur um das Wohl der Kinder geht. Damit begibt sich Merz in schlechteste Gesellschaft: Donald Trump hatte Hillary Clinton unterstellt, als Mitglied einer „Pizza-Connection“einem Pädophilenring anzugehören. […..][…..]

(H. Stutte, Mopo.de, 23.09.2020) (…..)

(Und noch einmal CDU-Sexismus in Reinkultur, 23.09.2020) 

Friedrich Merz ist lebenslang für seine perfide homophobe Einstellung bekannt und offenbar hat er nie dazu gelernt. Eine erschreckende Tatsache, daß so einer zum Bundesvorsitzenden einer demokratischen Partei gewählt werden konnte und diese Partei auch noch in der Wählergunst vorn liegt.

Noch erschreckender ist freilich, was sich in den USA abspielt. Jener Nation, die schon 2015, also zwei Jahre vor Deutschland, die Ehe für alle einführte und auch ein viel liberaleres Fortpflanzungsrecht als Deutschland praktiziert (Abtreibung, Leihmutterschaft). Mit Trump, seiner Ernennung hunderter erzkonservativer Bundesrichter, sowie der Verschiebung der sehr konservativen republikanischen Partei weit über den rechten Rand der Verfassung hinaus, werden Frauenrechte abgeschafft, Schwangere diskriminiert und LGBTIQ zunehmend entrechtet.

Trumps Lieblings-Gouverneur Ron Desantis führte ein ganz auf der ungarisch-saudischen Linie liegendes DON’T SAY GAY-Gesetz ein.

Floridas Regierungschef ist seine eigene Hategroup und macht seinen Bürgern weiß, schon die laute Aussprache des Wortes „gay“ können die armen labilen Schulkinder in Amerikas Südosten massenhaft verschwulen.

Im Gegensatz zu automatischen Massenvernichtungswaffen und Schulmassakern, ist die „schwule Gefahr“ ein Grund zu handeln für Trumps GOPer.

Andere republikanische Politiker finden auch das noch viel zu lasch und fordern gleich die Todesstrafe für Schwule.

Mark Burns, Pastor aus North Carolina, einer der treuesten Trump-Prediger, will nun mit seiner Agenda in den Kongress einziehen:

[….] I BELIEVE:  [….]   If we don't fix these elections NOW, America will be lost [….]

    Life begins at conception.

    Marriage is defined as between one man and one woman.

    Our right to bear arms is INHERENT, given to us by God almighty -- NOT by any man. [….]. 

    Vaccine and mask mandates are medical tyranny, and have no place in America.

    The Pelosi budget opens the door wide open to full-blown communism. [….]

(Mark Burns)

Der Mann ist kein irrer Außenseiter mehr in den USA, sondern diese Typen sind Stars der Partei.

[….] Der 42-jährige Republikaner Mark Burns, ein Kandidat für den US- Kongress aus South Carolina, hat vergangene Woche mit einer martialischen Forderung in der Online-Sendung "The Stew Peters Show" für Entsetzen gesorgt: Der evangelikale Pfarrer sprach sich gegen die Akzeptanz von trans Menschen aus und erklärte, dass Eltern, die ihre trans Kinder in ihrer Geschlechtsidentität bestärkten, exekutiert werden sollten.

"Ich werde nicht nur dafür stimmen, dass sich diese Eltern wegen Kindesmissbrauchs verantworten müssen", so Burns. "Es gibt keine trans Kinder. Das sind Missbrauchseltern! Punkt." LGBT würden Kinder "groomen", so wie einst der deutsche Diktator Adolf Hitler die Jugend indoktriniert habe: "Das ist eine Wiederholung von Nazi-Deutschland 1922, als die Kinder indoktriniert wurden, bevor Hitler 1933 die Macht übernahm", behauptete der Politiker. "Das selbe geschieht jetzt in Amerika." [….] Eltern wie auch schulische Lehrkräfte, die mit Kindern über LGBT-Themen redeten, seien eine "Bedrohung der nationalen Sicherheit" und wollten das Land "destabilisieren". Wenn er gewählt werde, werde er daher "Leute für Verrat an der amerikanischen Verfassung zur Rechenschaft ziehen". [….] Burns weiter: "Wir müssen öffentliche Anhörungen durchführen und beginnen, Leute zu exekutieren, die schuldig befunden worden sind für verräterische Aktivitäten gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika[….]

Mark Burns ist der Mitbegründer des christlichen Fernsehsenders NOW Television Network und machte sich vor allem als Fernsehprediger einen Namen. Das Nachrichtenmagazin "Time" beschrieb in als "Trumps Lieblingspastor". 2016 sprach er das offizielle Gebet während des Bundesparteitages der Republikaner. Dabei beschrieb er den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump als "Mann Gottes" und Gegenkandidatin Hillary Clinton als "Feindin".[….]

(Queer.de, 15.06.2022)

In welchem Jahrhundert leben wir? Ich dachte vor 40 Jahren, wir wären weiter.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Wie lange noch, Linke?

Disclaimer: Ich gehöre gegenwärtig zum politischen Lager der Ampel. Als langjähriges SPD-Parteimitglied halte ich den politischen Einfluss der FDP für verheerend, aber ich bin Realist.

Nach dem Bundestagswahlergebnis von 2021 ist die Ampel die mit Abstand beste von gerade mal drei Koalitionsoptionen. Da macht es wenig Sinn, sich alternative, linkere Koalitionen zu wünschen, für die es keine Mehrheiten gibt.

Getrieben von der destruktiven FDP, macht die Ampel aber auch schwere politische Fehler; siehe Corona-Vorsorge und Tankrabatt.

Die Union unter Fritze Merzens Führung gibt aber ein noch  blamableres Bild ab; der neue Chef macht keine inhaltlichen Angebote und ist zu feige, um sich in so einer simplen Frage wie der CDU-Frauenquote öffentlich zu positionieren.

[….] Der Drückeberger

Am Mittwoch will der CDU-Vorstand einmal mehr über die Frauenquote beraten. Einen Antrag der Quotengegner will Parteichef Merz ablehnen – aber möglichst nicht allzu klar Stellung beziehen. [….]

(Sophie Garbe und Florian Gathmann, 14.06.2022)

Die anderen Oppositionsparteien sollten es also leicht haben, die unzufriedenen Stimmen einzusammeln. Immerhin ist nur rund die Hälfte der Bundesbürger zufrieden mit der gegenwärtigen Politik. Aber auch die AfD zerfleischt sich gegenseitig und musste am Wochenende in ihrem rechtsextremen Stammland Sachsen eine herbe Niederlage einstecken.

[….] Die AfD bleibt bei den Landratswahlen in Sachsen erfolglos[….] Die AfD kann abermals nicht punkten [….] Mit gelöster Miene trat Sachsens CDU-Generalsekretär Alexander Dierks am Montag vor die Medien in Dresden. Nach den Landrats- und Bürgermeisterwahlen am Sonntag ist die Union, die seit 1990 stets alle Landräte im Freistaat stellte, in keiner schlechten Ausgangsposition. Drei ihrer neun Landratskandidaten gewannen im ersten Wahlgang, vor sieben Jahren hatten das gleichwohl noch alle CDU-Kandidaten geschafft. [….] In Mittelsachsen, einem ländlich geprägten Großkreis, in dem die AfD einen als moderat geltenden Ingenieur aufgestellt und sich ihren deutschlandweit ersten Landrat erhofft hatte, holte der parteilose Dirk Neubauer, den Grüne, SPD und Linke unterstützen, mit gut 41 Prozent die meisten Stimmen. Sein CDU-Konkurrent erhielt 30, der AfD-Bewerber 28,7 Prozent.  [….]

(FAZ, 13.06.2022)

Es ist Krieg in Europa. Eine gewaltige Inflation mit drastisch steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen macht den finanziell schwächeren Bürgern in Deutschland schwer zu schaffen. Alle klassischen Parteien und die rechts-populistischen Schreihälse schwächeln.

Wann, wenn nicht jetzt, ist die ideale Zeit einer linken Opposition? Ihre Themen liegen auf dem Tisch; gierige Abzocker-Konzerne, FDP-Minister, die Milliarden nach ganz oben schaufeln, weltweite Hungerkrise, Aufrüstung, Sozialhilfeempfänger, die frieren und verzweifelt bei den Tafeln anstehen, denen aber die Lebensmittel ausgehen.

Sollte nicht eine Partei, die sich der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und der internationalen Solidarität verschrieben hat, aufblühen und sich als Regierungsalternative empfehlen?

Das wäre erstens ein Segen für die Demokratie und könnte auch den destruktiven Einfluss der FDP abmildern, wenn SPD und Grüne mit einer sehr starken Linken in der mittelbaren Zukunft eine andere Koalitionsoption hätten.

Aber nachdem die Linke nach der Bundestagswahl (4,9%), weitere dreimal bei Landtagswahl für ihre elende Schwurbelei und Unfähigkeit, sich von der Querfront zu trennen, schwer abgestraft wurde – 27.03. im Saarland 2,6%, 08.05. Schleswig-Holstein 1,7%, 15.05. NRW 2,1% - und bundesweit klar unter 5% entlangkrebst, demonstriert sie weiterhin ihre völlige Politikunfähigkeit.

Gerade zu erbärmlich, wie sich die einst so stolze Partei von ihrer völkischen AfD-Freundin Sahra Sarrazin und dem doppelten Partei-Zerstörer Lafontaine zerhacken lässt.

Parteichefin Wissler plant Ungeheuerliches und will beim kommenden Parteitag diesen Satz beschließen lassen:

»Wir verurteilen den verbrecherischen Angriffskrieg Russlands aufs Schärfste. Unsere Solidarität gilt den Menschen in der Ukraine, die leiden, Widerstand leisten oder flüchten müssen. Unsere Solidarität gehört ebenso den Menschen in Russland, die sich gegen den Krieg stellen, desertieren und dafür Verfolgung befürchten müssen; den Menschen, die sich weltweit gegen Krieg stellen und die Menschen auf der Flucht unterstützen.«

Putinista Wagenknecht passt das nicht.

[….]  Eine Gruppe Delegierter hat einen Änderungsantrag eingereicht, der heftige Auseinandersetzungen nach sich ziehen könnte. [….] Zu den etwa 50 Personen, die den Leitantrag der Parteiführung grundlegend korrigieren wollen, gehören etwa Sahra Wagenknecht und ihre Anhänger in der Bundestagsfraktion, etwa Sevim Dağdelen und Andrej Hunko. Parteiintern werden die Anhänger der einstigen Fraktionschefin als »Wagenknechte« bezeichnet. [….] Nach ihrem Wunsch soll aus dem Antrag die Solidaritätsbekundung mit der Ukraine gestrichen werden. [….] Und auch folgenden Satz will die Gruppe um Wagenknecht aus dem Leitantrag streichen: »Seit Jahren betreibt Russland eine Politik, die darauf zielt, die postsowjetischen Staaten unter dem Einfluss Russlands zu halten: Indem versucht wird, autoritäre Vasallen-Regime einzurichten oder – wo das nicht gelingt –, die Staaten zu destabilisieren.« Auch der Hinweis auf eine »imperialistische Politik« Russlands, die ihre Politik mit einer »autokratischen Großmachtideologie« legitimiert, soll gelöscht werden. [….]

(SPON, 15.06.2022)

So spinnt man sich natürlich in die Bedeutungslosigkeit.