Samstag, 3. Juli 2021

Multi-Trigger

Es ist inzwischen eine Binsenweisheit: Die Konservativen in den USA haben mit Donald Trump die letzten Rudimente ihrer Programmatik über den Haufen geworfen.

Amerikaner töten, an Russland ranwanzen, die NATO lächerlich machen, mit Kim Yong Un kuscheln, Staatsdefizit in nie dagewesene astronomische Höhen treiben, Sex-und Pornoskandale, öffentliche Untreue, Freihandelsabkommen kündigen und den Warenverkehr mit immer neuen Zöllen blockieren – all das waren über Jahrzehnte die in Stein gemeißelten Todsünden republikanischer Politik.

Nun bejubeln sie all das, weil es ihr Führer tut.   Rechte kennen keine Sachpolitik mehr, sondern nur noch Hass auf die anderen.  Es muss also das getan werden, was Linke/Demokraten/Liberale nicht wollen.

Europäische Autokraten kopieren diese politisch (leider) erfolgreiche Strategie der Dekonstruktion. Es wird keine aufbauende Idee mehr präsentiert, keine Zukunftsplanung mehr entworfen, sondern nur noch rekapituliert, wogegen man ist, wen man hasst und was man zu verhindern trachtet.

Es ist nämlich einfacher Wähler zu gewinnen, weil man die gleichen Dinge hasst, als skeptische Menschen von einer positiven Idee zu überzeugen.

Wieso hassen aber FN-Franzosen, Pis-Polen, Fidesz/Jobbik-Ungarn, Tory/UKIP-Briten, AFD/Wagenknecht-Deutsche, GOP-Amis, AKP-Türken neuerdings so viel und offensiv?

Der Hass speist sich in fast allen Fällen aus Angst, Unwissenheit und gekränktem Selbstbewußtsein.

Die weltweite Bürgerrechtsbewegung hat den einst so stolzen Konservativen das Rückgrat gebrochen. Über Jahrhunderte konnten sie den Planeten durch Zufälle der Geburt (Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe) dominieren.

Nun wird aber die aus ihrer Sicht natürliche Überlegenheit in Frage gestellt, weil sie lästigerweise all die Menschen, die man immer ohne Gewissensbisse ausnutzen und ausbeuten konnte, respektieren sollen.

Frauen, Schwule, Schwarze, Migranten, Queere, Umweltaktivisten, Sklavenbefreier, Klimaschützer, Feministinnen, Humanisten, Tierschützer, Greenpeace, UNHCR, Robin Wood, Sea-Shepherd, Oxfam, AI, Ärzte ohne Grenzen, Sea-Watch, Extinction Rebellion, Kinderschutzbund, Zentralrat der Juden, SIPRI und viele andere mehr stehen für eine Bedrohung der alten konservativen Weltordnung.

Die Rechten haben Angst vor den Rechten der anderen.

Intellektuell hoffnungslos damit überfordert, sich auf eine multipolare Welt einzustellen, in der neben ihrem eigenen Lebensmodel nicht nur Weitere existieren, sondern man diese auch noch respektieren soll, reagieren sie mit angstbeißen.

Migranten, Schwule, Frauen und Kinder gab es natürlich schon immer. Aber über Jahrhunderte hatten die sich unterzuordnen und öffentlich nicht in Erscheinung zu treten.

GOPer in Texas und Alabama haben nicht unbedingt etwas gegen Latino-Migranten, wenn diese still und artig zu Hungerlöhnen hinter ihnen her putzen, auf den Feldern ernten und ihren Rasen mähen. So wie damals die afroamerikanischen Sklaven auf den Baumwollfeldern.

Wenn sie aber in den Colleges auftauchen, im TV sichtbar werden, Kino-Rollen übernehmen, in Parlament gewählt werden, es sogar zum US-Präsidenten bringen, herrscht bei den Rechten Alarmstufe Rot, weil jeder einzelne eine Bedrohung ihrer exklusiven Welt darstellt.

Das ist der Kern der #MAGA-Bewegung. Die USA soll wieder so werden wie 1950, als Bunte, Queere, Arme, Ausländer nichts zu sagen hatten.    Jede einzelne dieser Eigenschaften, die einen Menschen anders als den heterosexuellen, weißen, rechten, westlichen Mann machen, stellt einen eigenen Trigger dar, der erst Angst und dann Hass auslöst.   Kommen mehrere Trigger zusammen, können Konservative ihren Hass nicht mehr zügeln. Staatssekretärin Chebli ist ein Paradebeispiel dafür und regt CDU, CSU und AFDP fürchterlich auf.

(….)  Diese Leute, die David Bergers, NeverforgetNikis, Jürgen Elsässers, Hildmans, Kubischecks, Stürzenbergers, van Laacks, Lengsfelds verfügen über einen unendlichen Vorrat von Hass und Häme.    Die Hetze sprudelt jeden Tag wieder neu aus ihnen heraus und jeder kann ein Opfer dessen werden. Insbesondere auch diejenigen, mit denen sie eben noch Seite an Seite standen.   Die Hetze trifft aber nicht jeden gleich intensiv. Sie haben eine Handvoll „Lieblinge“, die sie über alle Maßen triggern, wenn nämlich viele verschiedene Trigger in einer Person vereint sind.

Zu den Personen, deren Namen nur erwähnt werden muss, um diese rechtsextremen Hetzer pawlowsch zu sabbern und knurren zu bringen gehören George Soros (reich, liberal, Jude, Trump-Gegner, Philanthrop), Claudia Roth (Grün, Frau, bunte Kleidung, LGBTI-freundlich, Menschenrechtsaktivistin), Sawan Chebli (SPD, Frau, Muslima, ärmliche Herkunft, Aufsteigerin), Anetta Kahane (Jüdin, links, Aktivistin, Einsatz für Migranten) und Greta Thunberg (jung, Frau, unangepasst, Klima).

Es sind also insbesondere Frauen, auf die neben den wirklich gefährlichen oben genannten Hetzern auch die bekannten publizistischen Figuren des rechten Randes der Demokratie, also Maaßen, Tichy, Matussek, Broder, Sarrazin, losgehen wie ein Knallfrosch im Nitroglycerin-Bad.

Das lässt sich zweifellos psychologisch mit einer tief verunsicherten Männlichkeit erklären; diese alten konservativen Männer fühlen sich bedroht, wenn eine Frau sich nicht gehorsam in die zweite Reihe einordnet, womöglich aus eigener Kraft gegen Widerstände Karriere macht und auch noch selbstbewußt auftritt.

(…..)  Sawsan Chebli, 40, geboren in Berlin, ist dafür ein Paradebeispiel.

Sie ist Tochter palästinensischer Flüchtlinge, die lange Zeit in Deutschland nur geduldet wurden und sich als Staatenlose vieler Rechte beraubt durchschlugen. Erst mit 15 Jahren bekam Chebli ihren ersten Pass – und damit die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit zehn Geschwistern hauste sie in einem Moabiter Zimmer; insgesamt waren sie 12 arme, ungebildete Kinder. Erst in der Schule hörte sie das erste mal deutsch. Die Chancen standen katastrophal schlecht.

Aber sie ist schlau. Was dann folgte ist nicht das typische Flüchtlingsschicksal:
1999 Abitur am Lessing-Gymnasium.

2004 Abschluss an der FU Berlin als Diplom-Politologin und Expertin für internationale Beziehungen.

2010 bis 2014 war sie Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport

2014 bis 2016 stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts.

2016 ist sie Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund.

2016 Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales.

Man ahnt schon, Chebli passt nicht gut in Schubladen. Sie ist überzeugte Muslimin, aber säkular, trägt kein Kopftuch, macht Karriere als deutsche Beamtin. Sie engagiert sich in der SPD, tritt für Frauenrechte ein, hält aber ihr Privatleben radikal aus der Öffentlichkeit fern.    Im Vergleich zu vor Selbstbewußtsein platzenden Politikern des Schlages Spahn, Söder oder Altmaier ist sie scheu und unauffällig.

Aber im Gegensatz zu vielen deutschen Karrierepolitikerinnen ist sie nicht auf den Mund gefallen, vertritt ihre Meinungen auch dort wo es wehtut und inszeniert ganz gern mal ihren Erfolg.

Meiner Ansicht nach ist es das Normalste der Welt, daß eine Frau mit dem Hintergrund zwischen Zurückhaltung und Vorlautheit mäandert.   Ihre Kollegen sehen das scheinbar nicht so; sie wird leidenschaftlich gehasst dafür, daß man sie so schlecht einordnen kann.

[….] Viele ehemalige Kollegen verdrehen bei Erwähnung ihres Namens mindestens die Augen. Chebli erregt Misstrauen, Abneigung, Wut, Neid. Als sie vor eineinhalb Jahren als Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement ins Berliner Rote Rathaus wechselte, gingen bei ihr Morddrohungen ein. Im Netz wurde sie als "trojanisches Pferd der Muslimbrüder" bezeichnet und als "Migranten-Aschenputtel" beschimpft. [….]

(DER SPIEGEL, 13.07.2018)

Zu allem Übel ist die zierliche Staatssekretärin auch noch attraktiv und zieht sich gern sehr schick an.   Weißhaarige Alpha-Männer mit Testosteronüberschuss verwirrt das. Sowas kennt Seehofer nicht aus Bayern. (…….)

(Gutmenschenmob, 22.10.2018)

Ein weiterer Multi-Trigger der verängstigen rechten Kleingeister ist der LINKE Bundestagskandidat Shoan Vaisi.

[…..] In Iran gehöre ich der Minderheit der Kurden an, was allein schon zu Konflikten mit dem Staat führt. Ich bin seit meiner Jugend politisch aktiv, habe mich vor allem für die Rechte von Minderheiten und Frauen eingesetzt. Direkt nach dem Abitur wurde ich wegen meines politischen Engagements vom Staat verfolgt. Am Ende hatte ich die Wahl: Entweder ich würde für viele Jahre in Iran ins Gefängnis gehen und gefoltert werden, oder ich verlasse das Land. So bin ich dann zu Fuß in die Türkei gelaufen und schließlich in Deutschland gelandet. Schnell habe ich mich hier bei den Linken engagiert. In Iran gehörte ich ebenfalls einer linken Gruppierung an. […..]

(S. Vaisi, Spiegel-Interview, 02.04.2021)

Links, Flüchtling, Kurde, Iran – da kommt so einiges zusammen, um Rechte dazu zu bringen mit den Zähnen zu klappern und sich sofort einzunässen.

[……] Shoan Vaisi kandidiert für den Bundestag – „Alptraum“ der Rechten[……] Tareq Alaows wollte eigentlich im September für die Grünen in den Deutschen Bundestag einziehen. Doch als Geflüchteter, der 2015 aus Syrien nach Deutschland kam, zog er derart viel Hass auf sich, dass er im März den Rückzug seiner Kandidatur bekannt gab. Als Grund führte er damals „die hohe Bedrohungslage für mich und vor allem für mir nahestehende Menschen“ auf.    Für viele war Alaows’ Rückzug ein Schock. Auch für den Essener Shoan Vaisi. Doch er fühlte sich dadurch auch angespornt. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. „Zwei Tage nach Alaows’ Rückzug habe ich meine Kandidatur für den Bundestag bekannt gegeben“, erzählt der 31-Jährige. [……]  „Die Aufmerksamkeit hat mich positiv überrascht“, sagt Vaisi, der sich in den zehn Jahren seit seiner Ankunft in einem Erstaufnahmelager im hessischen Gießen ein extrem flüssiges Deutsch erarbeitet hat. Überrascht habe ihn, obwohl damit ja leider zu rechnen war, aber auch der Hass, der ihm entgegenschlägt. [……]   Auf Twitter hat Vaisi deshalb zum Thema Hass eine markante Botschaft veröffentlicht: „Die Drohungen gegen Alaows haben gezeigt, wie erschreckend die Vorstellung, dass ein Geflüchteter im deutschen Bundestag sitzt, für die Rassisten in Deutschland ist. Ich möchte ihren Alptraum wahr werden lassen.“ [……]

 (Fabian Scheuermann, FR, 03.07.2021)

Tja, liebe Nazis, mögen Menschen wie Vaisi weiterhin so mutig sein, unsere Kultur und Gesellschaft bereichern, auf daß Ihr braunes Gesochs stets die Hosen voll habt!

Freitag, 2. Juli 2021

Deutsche Homophobie

In der liberalen Social-Media-Blase ist heute wieder was los.

[……] Die Allianz-Arena darf keinen Regenbogen, da nicht die Regeln des Gastgeberortes gelten, sondern die der #UEFA. Im Stadion von St. Petersburg darf kein Regenbogen, weil nicht die Regeln der UEFA gelten, sondern die des Gastgeberortes. Was für ein Drecksverband. [….]

(Johannes Kram, 02.07.2021)

Die böse UEFA kriecht mal wieder vor homophoben Regimen.

[…..] Im Kampf um Respekt, Toleranz und Gleichberechtigung ist die Europäische Fußball-Union (Uefa) erneut eingeknickt. Der Kontinentalverband untersagte unter anderem seinem EM-Sponsor Volkswagen, bei den Viertelfinalspielen am Freitag in Sankt Petersburg und am Samstag in Baku die zuletzt verwendeten Werbebanden in Regenbogenfarben zu verwenden. Am Freitag in München und am Samstag in Rom sollten sie dagegen zum Einsatz kommen.  „Aufgrund von Bedenken der Uefa im Hinblick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen an den Spielorten in Russland und Aserbaidschan hat der Verband uns darüber in Kenntnis gesetzt, dass eine Bespielung der Werbebanden in Regenbogenfarben in St. Petersburg und Baku nicht möglich sei“, teilte Volkswagen am Freitag mit und betonte: „Diese Entwicklung bedauern wir.“ Man habe erneut ein „deutliches Zeichen pro Vielfalt“ setzen wollen. […..]

(SZ, 02.07.2021)

Die queer-freundliche Westwelt ist natürlich empört und schießt scharf gegen dieFunktionäre.

[…..]   Die Dreistigkeit und Verlogenheit der UEFA ist kaum zu überbieten. Mit diesem Vorgehen verrät sie nicht nur Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen in Aserbaidschan und Russland, sondern in ganz Europa. Während sie den Wunsch des Münchener Stadtrats nach einer Beleuchtung des EM-Stadions in München mit Verweis auf ihr Hausrecht ablehnt, knickt sie bei autokratischen Machthabern ein und verbietet nun auch die Regenbogen-Werbebanner in den Stadien von Baku und St. Petersburg. Ihre #EqualGame-Kampagne ist offensichtlich gescheitert.   Einmal mehr wird während dieser EM deutlich, dass die Beteuerungen der UEFA, für eine diverse, inklusive und diskriminierungsfreie Gesellschaft zu stehen, so wertlos wie heuchlerisch sind.  […..]

(Alfonso Pantisano, LSVD, 02.07.2021)

Ich schätze die Pantisano-Brüder sehr, aber welcome to reality; das ist eben die Welt der konservativen Fußball-Funktionäre, die durch die Millionen deutschen Vereinsmitglieder in ihre Machtpositionen kommen.

Das sind die Menschen, die die deutschen Fußballfans durch ihre finanzielle Unterstützung an der Macht halten.

(……)  Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer ist ein großer Förderer der CSU – "Köpfe für Stoiber" - so wie die meisten Fußballer C-Parteien empfehlen. Christoph Metzelder, Uli Hoeneß, Berti Vogts, Rummenigge, Sepp Maier, Pierre Littbarski und Eike Immel – alles CDU/CSU-Helfer.

[….] Auch Parteienforscher Falter sagt, [……] Bei Fußballern, die meist junge Millionäre sind, sind es wohl eher die konservativen Parteien. Da achtet eben doch jeder auf seinen Geldbeutel", beobachtet Falter. [….]

(DER SPIEGEL, 30.08.02)

Die Fußball-Bundesliga ist bis heute eins der letzten Refugien, in denen „schwul“ ein schlimmes Schimpfwort ist und unter dessen Tausenden aktiven Spielern kein einziger Schwuler offen lebt.

Fußball ist das Rudiment des Ressentiments und der Intoleranz, in dem Schwarze mit Affenlauten vom Platz getrieben werden.

So wie Fußball die rechten Parteien unterstützen, so sind die Fußball-Topfunktionäre umgekehrt auch so gut wie immer CDU/CSU-Mitglieder.

Der skandalumwobene Gerhard Mayer-Vorfelder, 1975 bis 2000 Präsident des VfB Stuttgart und von 2001 bis 2006 als Präsident des DFB war sogar ein ausgesprochen radikaler CDU-Rechtsaußen, agierte als CDU-Finanz- und Kulturminister von Baden-Württemberg geradezu völkisch.

Theo Zwanziger, 2006 bis 2012 Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), saß in den 1980ern für die CDU im Landtag von Rheinland-Pfalz.

Auf Zwanziger folgte kurzzeitig Wolfgang Niersbach, der aber schnell in einem Korruptionssumpf unterging.

Der DFB, mit sieben Millionen Mitgliedern der angeschlossenen Vereine der größte nationale Sport-Fachverband der Welt, ist auch jetzt fest in der Hand der CDU-Rechten.

Mit Reinhard Grindel, dem langjährigen CDU-Rechtsaußen und Bundestagsmitglied aus Hamburg, stimmt die Fußballwelt wieder. [……] Grindel ist seinem Job angemessen moralisch verkommen und fördert [……] die Xenophobie.

„Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel“

(DFB-Präsident Reinhard Grindel)  [……]

[….] Knapp zwei Monate später, nach dem schmählichen Ausscheiden der deutschen Mannschaft schon in der Vorrunde und mitten in der Debatte um die Schuldigen für dieses Desaster, packt Grindel die Sache plötzlich wieder aus. Er fordert eine Stellungnahme Özils zu der Foto-Affäre, weil „viele deutsche Fans darauf warten“ würden. Damit bediene er, halten ihm Kritiker vor, den rechtspopulistischen Zeitgeist. Und spiele denen in die Hände, die schon immer was gegen Nationalspieler mit Migrationshintergrund hatten.  [….] „Mich wundert das überhaupt nicht“, sagt der ehemalige Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu. Schon damals habe sich Grindel im Parlament nicht nur als „Rechtsaußen“, sondern auch als „gewiefter Strippenzieher und absoluter Opportunist“ hervorgetan.  Grindel saß 14 Jahre lang für die CDU im Bundestag - von 2002 bis 2016. Er war dort Mitglied des Innen- und des Sportausschusses. Und andere Kollegen, die namentlich nicht genannt werden wollen, berichten ähnliches über ihn wie Mutlu. Als Politiker [……]  attestieren ihm Beobachter „knallharte Ellbogenmentalität“ Wenn Humor und gute Worte nicht weiterhelfen würden, setze Grindel seinen Willen auch schon mal mit bösen Briefen, ruppigen Telefonate oder Drohungen durch, berichtete der „Spiegel“. "Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel“, verkündete Grindel dort bereits im Dezember 2004. Es handle sich dabei um „eine Lebenslüge, weil Multikulti in vielen Vierteln eben nur Monokultur geschaffen hat, wo Anreize zur Integration fehlen“. [….] Grindel blieb in den Folgejahren auf diesem Kurs. Dabei war der spätere DFB-Präsident im Parlament auch anderweitig auffällig. So verweigerte er einem Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung, das der Bundestag im Frühjahr 2014 mit überwältigender Mehrheit beschloss, die Zustimmung – mit nur neun anderen Abgeordneten und obwohl er gleichzeitig als Anti-Korruptionsbeauftragter des DFB fungierte.  Besonders engagiert widmete sich der CDU-Politiker Grindel aber der Ausländerpolitik. Er warnte vor Masseneinwanderung, Überforderung des Staates, Ausbeutung der Sozialsysteme. [….]  Und im Jahr 2013 hielt er eine Rede zur doppelten Staatsbürgerschaft, an die sich Mutlu mit Schaudern erinnert. „Was Grindel da von sich gab, war nicht nur tendenziös. Es war reinster AfD-Sprech, bevor es diese Partei überhaupt gab.“  [….]

(Tagesspiegel, 11.07.2018)

(Eins noch zum Thema Fußball, 14.07.2018)

Es ist wohlfeil gegen die UEFA zu schießen, als wäre sie ein ferner abstrakter bösartiger Usurpator.

Die Uefa wird getragen vom DFB.    Es ähnlich halbwahr, wie auf "DIE IN BRÜSSEL BEI DER EU" zu schimpfen. Das sind keine Aliens, sondern dort sitzen DEUTSCHE Beamte.

Der UEFA-Vizepräsident heißt immer noch Reinhard, der zu korrupt und verlogen war, um weiter DFB-Chef zu bleiben. Aber als UEFA-Vizechef entsendet ihn der DFB doch. Es ist wie mit Brüssel; wenn wir die gescheiterten konservativ-korrupten Deppen wie Oettinger und von der Leyen in die Kommission schicken, müssen wir uns nicht wundern, wenn nicht gegen Ungarn und Polen vorgegangen wird.

 Grindel war schon der homophobe Hardliner, als er DFB-Boss wurde.

[….] Reinhard Grindel dürfte aller Voraussicht nach der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) werden. [….]  Ein Mann des Vertrauens, ein Monument gelebten niedersächsischen Anpackens, ein CDU-Bundestagsabgeordneter, der in seinem Wahlkreis Rotenburg und Heidekreis offenbar alles und jeden kennt. Das geht zumindest aus einem Wahl-Werbe-Video hervor, das nun zum herzhaften Beömmeln einlädt.  Zu sehen ist darin Grindel beim Wählerfang und es ist alles so herrlich daneben, dass man fast weinen muss - vor Schadenfreude. Ein bisschen kommt es einem vor wie beim "Praktikantenrap" von Edeka: Warum verhindert niemand so etwas, nun ja, Saupeinliches? Der Plot geht so: Das Ortsschild Scheeßel im Landkreis Rotenburg (Wümme) führt den Zuschauer hinein in eine Welt aus Händeschütteln, wackerem Smalltalk und "Grindel staring at things". Da begrüßt der kommende starke Mann im deutschen Fußball die Freiwillige Feuerwehr, er gibt sich als bürgernaher Tätschelonkel im Kindergarten, als Grinsepeter im Kuhstall, als Mitmacher in verschiedenen Bereichen des Mittelstandes.  Grindel stakst im Anzug auf Volksfesten herum, posiert mit dem örtlichen Schuhmacher und seiner pollunderbehängten Gattin, ehe er beim Bolzen auf dem Fußballplatz (immer noch im Anzug) einen auf Soccer Dad macht. Und natürlich immer wieder Kühe. Kühe im Stall, Kühe auf der Weide, Kühe, Kühe, Kühe. Niedersachsen halt. Dazu trällert ein ohrenpieksendes Hartmut-Engler-Stimmchen einen Song mit der Zeile: "Komm' mit ins Zukunftsland, es liegt in deiner Hand, mit Herz und Verstand - ooooh, Niedersachsen".[….]

 (Jonas Beckenkamp, SZ, 20.11.2015)

Homos und Ausländer kann Grindel nicht leiden.

[….] Der neue DFB-Präsident Grindel hat gute Verbindungen zu Horst Seehofer. Als CDU-Bundestagsabgeordneter stimmte er gegen die Homo-Ehe und für den Verkauf von Panzern nach Saudi-Arabien. […..]

(Benedikt Niessen, 15.4.16)

Die Deutschen, genauer gesagt, die deutschen Fußballvereine, der Deutsche Fußball-Bund e. V. (DFB) mit sieben Millionen Mitgliedern als Dachverband von 26 deutschen Fußballverbänden, haben sich für Reinhard Grindel als UEFA-Vize-Präsidenten entschieden.

Sie sollten sich jetzt nicht wundern, wenn „die UEFA“ genau die homophobe Politik umsetzt, für die der deutsche Vizechef steht.

Da können sich die Fußballfans an die eigene Nase fassen und sollten nicht über „die UEFA“ jammern.  65% der Deutschen beklagen den Glaubwürdigkeitsverlust der UEFA. Ich kann da aber keinen „Verlust“ erkennen. Die UEFA ist genau so wenig glaubwürdig, wie ich es von Typen wie Grindel erwarte. Es wäre sehr viel glaubwürdiger erst mal Grindel dort abzuziehen und einen liberaleren Vertreter Deutschlands zu entsenden.

Donnerstag, 1. Juli 2021

Wie man auf die da oben blickt.

Konservative und Linksliberale haben eine völlig andere Haltung gegenüber Obrigkeit und Gehorsam.

Für die Rechten sind es wichtige Werte. Sie hinterfragen weniger wem sie eigentlich folgen und halten die Folgsamkeit an sich für ausreichend.

Linke folgen einerseits nur widerwillig und wenn sie es tun, hinterfragen sie dauernd, ob sie das tun sollten.

Unglücklicherweise gilt Gehorsam nicht nur als soldatische Tugend, sondern gehört auch zum Kern des Christentums.

Nichts und niemand hasste Martin Luther so sehr wie die Juden und das Judentum. An zweiter Stelle kamen aber gleich die Bauern, die es während der Reformation gewagt hatten, sich gegen ihre Fürstbischöfe zu erheben. Ihnen wünschte der Held der Protestanten Tod, Folter und Schlimmeres an den Hals, weil sie seiner Ansicht nach gegen die göttliche Ordnung verstießen. Die extreme Obrigkeitshörigkeit der deutschen Protestanten machte es Hitler auch so leicht, die „Deutschen Christen“ total auf seine Seite zu ziehen. Auch wenn der ein oder andere Pfaff nicht jeden Aspekt des Nationalsozialismus mochte, so sahen sie in Hitler doch den legitimen Führer und dem widersetzt man sich nicht.

Viele Wehrmachtssoldaten litten unter Gewissensbissen, wenn sie Verbrechen begingen und offensichtlich falschen, grausamen Befehlen folgten. Aber sie fühlten sich an den Fahneneid; ihren Treuschwur an den Führer persönlich gebunden. Dabei waren Treue und Gehorsam Werkzeuge des Bösen.

Aber auch wenn es um nichts Böses oder Illegales geht, sondern um etwas Zwischenmenschliches wie ein Eheversprechen, ist das starre Festhalten an diesem Schwur unter Umständen höchst kontraproduktiv. In einer schlechten Ehe festzustecken ist ein Übel!

 (…..) Eine hohe Scheidungsrate nenne ich einen Fortschritt; denn die Möglichkeit sich zu trennen, bedeutet im Umkehrschluss, daß ein Großteil der bestehenden Ehen auf Freiwilligkeit beruht.    Absurderweise spricht man aber immer noch von „gescheiterter Ehe“ bei einer Scheidung. Dabei heißt Scheidung nur, daß eine Ehe beendet wird.  Aber eine Ehe, die irgendwann, womöglich nach Jahrzehnten des glücklichen Zusammenlebens, getrennt wird, kann höchst erfolgreich und für alle Beteiligten angenehm gewesen sein.

Meine Eltern ließen sich scheiden, bevor ich in die Grundschule kam, betonten aber beide bis an ihr Lebensende, es habe sich um die ganz große Liebe gehandelt. In der gemeinsamen Zeit trafen sie große Entscheidungen, lebten auf verschiedenen Kontinenten, zeugten Leben etc. Ich nenne das nicht „gescheitert“.   Ich spreche auch nicht gegen die Ehe an sich aus. Insofern ist es nicht mit der Kirche zu vergleichen, die ich durchaus grundsätzlich ablehne.     Aber ich wende mich gegen die unkritische und absurde Erhöhung der Ehe, die alles Nicht-eheliche als minderwertig, gescheitert oder bedauerlich ansieht. (…..)
(Tabubrüche, 27.12.2020)

Die Vorstellung möglichst lange an einer Führung festzuhalten, wäre grundsätzlich erstrebenswert, ist leider immer noch so mainstream, daß sich CDU, Kirchen, Vereine mit ihren ewigen Vorsitzenden brüsten.
Muss einer mal überraschend früh seinen/ihren Hut nehmen wie Reinhard Grindel als DFB-Chef oder Kramp-Karrenbauer als CDU-Chefin, gilt das als Makel.

Es gilt regelrecht als Stigma der SPD, daß sie seit Willy Brandt so viele Vorsitzende verbraucht hat.   Und die SPD scheißt bekanntlich in jede Hose, die man ihr hinhält (Dieter Hildebrandt), also gilt es als destruktiv die eigene Parteiführung in Frage zu stellen.

Ich behaupte, es gibt keine pauschale Regel dafür, ob man in Zweifelsfall lieber länger oder kürzer an einem Chef festhalten sollte.

Kohl und Merkel waren für das Land, aber auch ihre Partei deutlich zu lang im Amt. (Und „they say“; auf Bundestrainer Löw träfe das auch zu. Das kann ich natürlich nicht beurteilen.)

Andererseits haben wir Sozis leider unseren sehr guten Vorsitzenden Björn Engholm (1991 bis 1993) viel zu früh gehen lassen. Er hätte 1994 Kanzler werden können. Auch der hochintelligente und geniale Stratege Henning Voscherau, Hamburger Bürgermeister 1988-1997, hätte unbedingt in Amt bleiben sollen und nicht wegen ein paar Prozente zurücktreten sollen.

Linke, Grüne und Sozis fühlen sich von den ewigen Amtszeiten ihrer Konservativen Gegenspieler so sehr unter Druck gesetzt, daß sie sich inzwischen kaum noch trauen, die eigene Spitze zu kritisieren.

Man wollte Andrea Nahles trotz katastrophaler Fehler, nicht nach drei Monaten wieder in den Wind schießen, weil man ja eben erst Martin Schulz nach nur einem Jahr als SPD-Vorsitzenden losgeworden war.

Dabei hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Nahles war eben bedauerlicherweise auch eine schreckliche Fehlbesetzung und es wäre uns viel erspart geblieben, wenn man sie nach ein paar Wochen wieder gefeuert hätte.    Das Gleiche gilt natürlich auch für Esken und Walter-Borjans. Je länger wir an ihnen festhalten, desto mehr reiten wir uns in den Abgrund.

Auch die Linken haben viel zu viel Beißhemmungen gegenüber ihrer langjährigen Fraktionsvorsitzenden und NRW-Spitzenkandidatin Sahra Sarrazin, die nahezu jeden Tag neue widerliche völkische Entgleisungen verbreitet und es damit geschafft hat, die Linke für so viele Menschen unwählbar zu machen, daß sie nun um den Einzug in den Bundestag zittern muss.

Eine sagenhaftes Totalversagen, wenn man sich dagegen die miserablen Umfragewerte der SPD und die unbeliebte Groko ansieht. Die Linke müsste eigentlich die Unzufriedenen nur einsammeln. Aber eine Partei mit Wagenknecht und Noch-Ehemann Lafontaine, der wieder mal im Alleingang eine ganze Partei talibanisiert, indem das Paar im Saarland dazu aufruft keinesfalls die Linke zu wählen, ist natürlich nicht attraktiv.

[….] Gegen die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht beginnt ein Parteiausschlussverfahren. Parteiinterne Kritikerinnen und Kritiker hatten den Schritt beantragt, die beiden vorliegenden Anträge würden nun in einem Verfahren gebündelt, teilte die Landesschiedskommission der NRW-Linken mit. "Das Verfahren wird eröffnet." Die Kommission hatte am Wochenende über Wagenknechts Verfahren beraten. […..]

(Die Zeit, 28.06.2021)

Herzlichen Glückwunsch! Endlich, Linke! RRG sollten bei der Obrigkeitshörigkeit einen Gang zurückschalten und ruhig eher mal offensichtlich schlechte Chefs austauschen.

Baerbock sollte als Kanzlerkandidatin abtreten. Bürgermeister Boris Palmer sollte aus der Grünen Partei geworfen werden und der konservative CDU-Katholiban Winfried Kretschmann sollte auch gleich sein Amt abgeben.

Das SPD-Führungsduo sollte lieber gestern als heute zurücktreten und die Neuen an der Linken-Spitze scheinen auch eine Katastrophe zu sein.

Mittwoch, 30. Juni 2021

Das Baerbock-Drama

Ein paar Klarstellungen vorausgeschickt:
Ich halte Annalena Baerbock für nicht geeignet als Kanzlerin.

Die Gründe dafür sind politischer Natur; ich habe das immer wieder ausgeführt.

Meiner Ansicht nach ist Olaf Scholz deutlich kompetenter und sollte den Job machen. Die Grüne Kanzlerkandidatin scheut Festlegungen, mogelt sich thematisch durch.

Ich halte Baerbock aber für eine kluge Frau. Wer weiß, wie es in zehn oder fünfzehn Jahren aussieht; womöglich gäbe sie dann eine fähige Kanzlerin ab.

Aber auch im Jahr 2021 wäre sie mir aufgrund ihrer liberaleren Grundeinstellungen selbstverständlich lieber auf dem Kanzlerthron als Armin Laschet.

Unglücklicherweise entscheiden aber nicht Kompetenz oder Programmatik über den Ausgang von Wahlen. Dann stünde Scholz als Sieger fest.

Totale Inkompetenz ist das Kerncharakteristikum aller CSU-Bundesminister und sie werden dennoch kontinuierlich seit 16 Jahren in die Bundesregierung gewählt. Für welche Programmatik Angela Merkel steht, weiß man nach vier Amtszeiten immer noch nicht. Auch Armin Laschet hat trotz völliger inhaltlicher Leere des nun doch vorgelegten CDUCSU-Wahlprogrammes beste Chancen Kanzler zu werden.

Wichtiger für den Wahlausgang sind hingegen Bauchgefühl, der Spin der Berichterstattung und das Narrativ, welches die Kandidaten umgibt.

Diesbezüglich sah es zunächst besonders gut aus für die Grünen, aber durch die bekannte Häufung kleiner Fehler kippte die Stimmung.

Baerbock droht in den Zustand des „politischen Generalverschisses“ (Kubicki über die FDP 2010) zu rutschen. Die SPD steckt seit Jahren ebenfalls in diesem unglücklichen medialen Stadium. Es erfordert viel politisches Können, sich aus dem Image-Loch hinaus zu arbeiten. Können, welches im Willy-Brandt-Haus leider nicht existiert.

Für Annalena Baerbock wandelt sich ihre zunächst so glorreiche Kampagne gerade zu einem NoWin-Alptraum, der aus zwei ganz unterschiedlichen Quellen gespeist wird.

1.) Viele kleine handwerkliche Fehler, die entweder Eitelkeit oder, schlimmer noch, einen eklatanten Mangel an Professionalität zeigen. Diesen Schuh muss sie sich anziehen und aus eigener Kraft die Mängel abstellen.

2.) Eine massive Schmutzkampagne der konservativen Kräfte, die auf der Klaviatur der Vorurteile gegen junge Frauen spielen. Dafür kann Baerbock nichts und wir alle sind aufgefordert dem entgegen zu treten.

Kritik an den Grünen aus der rechten Ecke ist zu erwarten und zeigt wie ernst Baerbock genommen wird.

Ich bin aber überrascht, wie massiv der Anti-Baerbock-Groll von unpolitischen durchschnittlichen Leuten ist. Letzten Freitag kaufte ich in meinem Kiosk die Juli-Titanic-Ausgabe mit Baerbock auf dem Titel. Der Verkäufer, der wirklich ein lieber anständiger Kerl ist, spuckte auf das Cover und sagte „Ja, nimm das bloß aus meinen Augen; ich hasse das Weib!“

Auf eine Meldung des regionalen Online-Magazins „24Hamburg“, quoll mir just eine ähnliche Ätz-Welle entgegen.

[…..] Nach dem Ärger um ihren geschönten Lebenslauf ist Annalena Baerbock (Grüne) erneut in Erklärungsnot geraten. So wirft Plagiatsjäger Stefan Weber der Kanzlerkandidatin vor, einzelne Passagen für ihr neues Buch abgekupfert zu haben. […..] Baerbock hatte ihr Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ erst in der vergangenen Woche veröffentlicht. [….]

 (24Hamburg, 29.06.2021)



Grüne Wahlkampfstrategen müssen sich Sorgen machen, wenn ihre Kandidatin so eine Abwehr ertriggert.

Daher schalten sie nun von „Aussitzen“ auf Gegenangriff um und bitten ihre Mitglieder um Beistand.     In den sozialen Medien wird Grüne Solidarität aber leider mit Tu Quoque missverstanden und fleißig auf Franziska Giffeys Dr.-Titel, Laschets geschummelte Klausur-Noten und natürlich Dr. Googelberg verwiesen.    Das sei alles viel schlimmer als die paar Baerbock-Fehlerchen, die ohnehin nur in einem Populär-Buch stünden und somit nicht den Zitierregeln einer Dissertation unterlägen. What about them?

Damit begehen die Grünen allerdings in mehrfacher Hinsicht einen sehr schweren Fehler, denn einerseits stellen sie ihre Kandidatin, die angeblich fähig sein soll die viergrößte Industrienation der Erde anzuführen, als hilfsbedürftige schwache Frau dar, der man helfen muss. Das muss schief gehen, denn Kanzler zu sein geht nur mit ganz dickem Fell.

Außerdem taugen alle Beispiele nicht als Vergleich. Guttenberg ist vollkommen zu Recht aus der deutschen Politik verschwunden. Giffey hat ihre Eignung als Regentin als Bezirksbürgermeisterin und Ministerin breit unter Beweis gestellt, Armin Laschet regiert als Ministerpräsident. Baerbock hat das alles nicht, steht völlig ohne Erfahrung da und handelt schon diese vergleichsweise mikroskopische Krise so schlecht.

[….]  Annalena Baerbock hat sich sehr viel weniger zuschulden kommen lassen als andere politische Führungskräfte. Daher ist und wäre es verständlich, wenn sie und die Grünen sich insgesamt ungerecht behandelt fühlten. Aber ihre Popularität war eben noch nicht gefestigt genug, um diese Affäre aussitzen zu können. Wenn auch nur ein paar Prozent derjenigen abspringen, die sich überlegt hatten, erstmals in ihrem Leben grün zu wählen, dann ist der mögliche Sieg verspielt.    Es ist kühn, ohne jede Regierungserfahrung ins Kanzleramt einziehen zu wollen. Aber das kann – vielleicht – gelingen, wenn ein hinreichend großer Teil der Bevölkerung sich nach einem Kurswechsel und einem politischen Neuanfang sehnt. Das war die große Chance für Annalena Baerbock. Sie musste nur etwas, ein einziges Kleinod schützen: nämlich die eigene Glaubwürdigkeit.   Dieses Kleinod ist verloren gegangen. Andere, die sich mehr vorwerfen lassen müssen, hatten und haben auch mehr in die Waagschale zu werfen als die Kandidatin der Grünen. Der Lebenslauf von Armin Laschet enthält ebenfalls – nennen wir es freundlich: Lücken. Aber er war eben jahrelang Ministerpräsident. Das beruhigt verunsicherte Wählerinnen und Wähler. [….]

(Bettina Gaus, SPON, 10.06.2021)

Und wenn es noch so ungerecht ist: Baerbock muss als Kanzlerkandidatin-Neuling viel mehr als andere auf ihre Glaubwürdigkeit achten.

Sie muss das wissen und bringt sich durch die kleinen Buch-Plagiate nun zum wiederholten Mal selbst in ganz schweres Fahrwasser.

Gerade als linker Grünenfreund muss man sich Sorgen machen, wenn sich die eigene Spitzenfrau, nachdem sie nun schon mehrfach mit kleinen Eitelkeiten schweren Schiffbruch erlitt, so hartnäckig erkenntnisresistent zeigt und sofort wieder auf Grund läuft.

[….]  Da waren die Unsauberkeiten im Lebenslauf, Verbindungen zu Vereinen, die transparent angegeben, aber nicht sauber formuliert waren, die Präzisierung, dass sie ihr Studium in Hamburg nicht abgeschlossen hat, wohl aber den Master in London.   Da waren die nicht deklarierten Sonderzahlungen der Partei [….]  Und nun sind da eben Textstellen in Baerbocks Buch, [….]  Dieser jüngste Fall wiegt aber womöglich auch deshalb am schwersten, weil damit ein Wahlkampfmanöver nach hinten losgeht. Nebeneinkünfte und Lebenslauf hätte ein Wahlkampfteam womöglich prüfen müssen, aber es handelte sich um Altlasten, so wie die erfundenen Klausurnoten von Baerbocks CDU-Gegenspieler Armin Laschet eine Altlast sind.

Das Buch dagegen hätte eine viel beschäftigte Parteichefin auch im Corona-Winter und auch mit Unterstützung eines Autors nicht schreiben müssen, wenn sie es nicht sauber hinbekommt. Sie hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, um damit Aufmerksamkeit zu bekommen, sich und die eigenen Ideen bekannt zu machen. Für ein paar Tage hat das auch funktioniert - jetzt wird aus anderen Gründen über das Buch gesprochen. Wieder stellt sich diese Frage, nur diesmal noch drängender: Wie konnte das passieren? [….]

(Jonas Schaible, 29.06.2021)

Sie muss endlich begreifen, daß „die Journaille“ genau wie der politische Gegner nach den Vorkommnissen der letzten Monate, jeden ihrer Texte mit der Lupe absuchen werden. Ob gerecht oder ungerecht; das ist vollkommen sicher und dennoch begeht Baerbock ohne Not wieder eine Schlamperei.

Schummeln und Schlampen sind inzwischen so sehr zum festen Konnotationsbereich Baerbocks geworden, daß die Comedy-Branche mit der Pointe arbeiten kann, weil jeder Wähler genau das mit Baerbock assoziiert.


Als etablierter Politiker, der lange in Regierungsverantwortung war, muss man nicht mehr glaubwürdig sein. Ursula von der Leyen, Wolfgang Schäuble und Andreas Scheuer sind geübte und gewohnheitsmäßige Lügner.

Aber sie sind dem Wahlvolk vertraut.

Baerbock regierte nie und übertrieb, wie man inzwischen weiß, auf dem Weg in die Regierungsverantwortung ihre Qualifikationen gern. Statt der großen Völkerrechtsexpertin, war es halt doch nur das Vordiplom an der Uni Hamburg, statt der aktiven Mitgliedschaft im UN-Flüchtlingshilfswerk, hat sie bloß mal an das UNHCR gespendet und in ihrem Buch lässt sie die Anführungszeichen weg, wenn man kenntlich machen sollte, daß es sich aus eine Übernahme aus dem SPIEGEL, statt ihre eigenen Worte handelt.

Natürlich würde Angela Merkel mit ähnlich gelagerten Fehlern durchkommen. Natürlich finden es die Grünen unfair, daß sie mit anderen Maßstäben gemessen werden.

Aber es ist dumm, nicht damit zu rechnen und es grenzt an schwere Unfähigkeit, wenn man nicht in der Lage ist, diese Fehler abzustellen.

[…..]  Denn es wird nichts helfen, jetzt per Medienanwalt zu argumentieren, Baerbock habe doch gar nicht das Urheberrecht verletzt – der Eindruck der Hochstapelei bleibt trotzdem hängen. Es wird nichts helfen, wenn auf Fehler Armin Laschets oder Olaf Scholz' hingewiesen wird – denn um die geht es gerade nicht. Und es wird auch nichts helfen, wenn ihre Anhänger vorbringen, sie sei als Frau besonders harten Anwürfen ausgesetzt – müsste sie die nicht aushalten können, wenn sie Kanzlerin sein möchte?   Die neuerlichen Vorwürfe sind deshalb verheerend, weil sie die bereits angeschossene Kandidatin wieder an ihrer verwundbarsten Stelle treffen: dem Charakter. Nach der gerade beendeten Debatte über ihren aufgehübschten Lebenslauf müssen sich selbst Wohlmeinende schon wieder fragen: Wollen wir eine Person im wichtigsten Amt des Landes, der es so wichtig zu sein scheint, als beeindruckend kompetent zu gelten, dass sie dafür detailweise schummelt?   Diese Gesellschaft hat 16 Jahre lang mit einer Kanzlerin gelebt, der jede Großtuerei offensichtlich vollkommen schnuppe gewesen ist, bei der man – jenseits aller politischen Sympathien – stets sicher sein konnte, dass sie keine Blenderin ist. Die Antwort dieser Gesellschaft auf Annalena Baerbock wird klar ausfallen. Ihre Kanzlerinnenkampagne ist so gut wie erledigt. [….]

(Stefan Kuzmany, 30.06.2021) 

Ginge es Baerbock wirklich um die Sache, um Grüne Inhalte, müßte sie aufgrund ihrer abschmierenden Kampagne zu Gunsten Habecks zurücktreten. Von ihm sind keine derart haarsträubenden Fehler bekannt.

Aber als überzeugte Schwarz-Grüne ist das Kirchenmitglied Baerbock vielleicht auch froh am Ende als Juniorpartnerin unter dem frommen Kanzler Laschet zu dienen, statt selbst führen zu müssen.

Dienstag, 29. Juni 2021

RKK-Totalschaden.

Die offizielle katholische Kirche begeistert mich derzeit mal wieder über alle Maßen.

In Rom kämpft der Vatikan mit dem Staat Italien, weil dieser mit einem Gesetz die Diskriminierung von Schwulen verbieten will. Die Kurie hält dagegen, weil sie Homophobie und Diskriminierungen als ihre eigene DNA gefährdet sieht.

In Deutschland gibt nach Joseph Ratzinger und Reinhard Marx mit dem Berliner Erzbischof Heiner Koch, der dritte Top-Kleriker frühzeitig zu Protokoll, daß er keinen Bock mehr auf den Mist hat. Koch denkt ebenfalls an Rücktritt.

Gerade erst mußte Franz die Apostolischen Visitatoren Anders Arborelius und Hans van den Hende nach Köln schicken, um die unfassbaren Zustände in Woelkis Reich zu untersuchen. Aber die Deutschen sind immer noch nicht auf Linie und wollen – IGITTIGITTIGITT – Homosexuelle segnen.

Daher traf heute der nächste höchstrangige vatikanische Inspektor in Deutschland ein: Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, die Nummer zwei des Vatikans, klopft in Berlin dem renitenten Erzbischof Koch, dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Nikola Eterović und Angela Merkel auf die Finger.

Am Lustigsten ist derzeit aber der US-Ableger des Kinderf*ckervereins RKK. Zwar gelten die US-Katholiken in Relation zu den ultrakonservativen Evangelikalen als halbwegs liberal.

Aber nun steht das US-Epikopat vor einem riesigen Problem: Da Präsident Biden frommer Katholik ist, der keinen Gottesdienst verpasst und die Bibel auswendig kennt, stimmte bei der US-Wahl im November 2020 nur noch eine kleine Mehrheit der US-Katholiken für das christliche Idol Donald Trump.

Ein Skandal für die Bischöfe, denn vor die Wahl gestellt, ob die Schäfchen für Joe Biden oder Donald Trump stimmen sollten, entscheiden sie sich nicht nur für Letzteren, sondern verweigern Joe Biden auch noch die Oblate.

[….] Trotz Warnungen vor einer möglichen Politisierung haben die römisch-katholischen Bischöfe in den USA beschlossen, eine "formelle Erklärung über die Bedeutung der Eucharistie im Leben der Kirche" zu verfassen. Das teilte die Bischofskonferenz am Freitag mit.  Bei einer Geheimabstimmung hätten sich 168 Bischöfe für ein solches Lehrdokument ausgesprochen und 55 dagegen. Sechs enthielten sich der Stimme. Eine Passage wird sich mutmaßlich mit der Eucharistie für katholische Politiker befassen, die sich nicht an die kirchliche Ablehnung von Abtreibungen und andere Lehrgrundsätze halten. Betroffen wäre davon auch US-Präsident Joe Biden, ein häufiger Kirchgänger, der viel über seinen katholischen Glauben spricht, dennoch aber für eine Legalisierung von Abtreibungen eintritt.  [….]

(SZ, 19.06.2021)

Klar, wenn die weltweit größte Kinderf*ckervereinigung RKK die Wahl hat zwischen einem vorbildlich treuen und frommen Katholiken wie Biden auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem 30.000-fachen Lügner und Sex-Protz Trump, der sich weitgehend mit Pädophilen umgibt (Gaetz, Epstein, Roy Moore,..), halten die Kindervergewaltiger zusammen.

Nach der Vorstellung der katholischen US-Bischöfe ist Trump, der nie in die Kirche geht,  ein guter Mann, weil er schwangere Frauen BESTRAFEN will – was dann nachweislich zu MEHR Abtreibungen führt.  Biden, der jeden Sonntag in die katholische Messe geht, will hingegen die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch den Frauen überlassen – was nachweislich zu WENIGER Abtreibungen führt. Die Bischöfe setzten sich also nicht nur für die Kinderf*cker unter ihnen ein, sondern auch für misogyne Gesetze, die zu mehr Abtreibungen führen. Die Parteinahme gegen Biden ist nicht etwa subtil, sondern eine schreiende öffentliche Klatsche. Er soll von der Eucharistie ausgeschlossen werden, die Kommunion muss ihm verweigert werden.

Alle Amerikaner, die ein liberales Abtreibungsrecht und damit weniger Abtreibungen unterstützen, sollen von der Kommunion ausgeschlossen werden.

Keine Hostie für Frauenrechtler und Menschen mit Verstand!

[….] Betroffen wäre auch Joseph Robinette Biden Jr., der eben nicht nur ein gläubiger Christ und ein fleißiger Kirchgänger ist, sondern auch Präsident der Vereinigten Staaten.   Das ist eine bemerkenswerte Einmischung der katholischen Bischöfe in die Politik - fast ein Akt der Rebellion. Die Kirchenfunktionäre stellen sich damit zum einen gegen Papst Franziskus in Rom, der zwar alles andere als ein Abtreibungsbefürworter ist, der die amerikanischen Bischöfe Anfang Juni aber trotzdem offen davor gewarnt hat, die Teilnahme an der Eucharistie an politische Kriterien zu knüpfen. Die Eucharistie "ist keine Belohnung für Heilige, sondern sie ist das Brot für die Sünder", mahnte er.  Die Bischöfe düpieren mit ihrem Beschluss zum anderen aber auch einen Präsidenten, der als der frömmste seit langer Zeit gilt. Biden ist erst der zweite katholische Präsident der USA, der erste war John F. Kennedy. Und man muss wohl bis zum Südstaaten-Baptisten Jimmy Carter zurückgehen, um einen amerikanischen Präsidenten zu finden, der so fest im christlichen Glauben verwurzelt ist wie Joe Biden. Ein wesentlicher Teil seiner politischen Überzeugungen, vor allem, was die Sozialpolitik angeht, speist sich daraus. "Mein katholischer Glauben hat mir eine wesentliche Wahrheit eingepflanzt", schrieb Biden voriges Jahr in einem Meinungsbeitrag. […..]

(Hubert Wetzel, 21.06.2021)

Das US-Episkopat stellt sich dabei nicht nur ganz deutlich auf die Seite der ReTrumplicans und gegen die Demokraten.

Mit der Adelung Trumps und der Verdammung Bidens brüskieren sie die Gläubigen, versetzen die 223 Bischöfe aber in Wahrheit einem anderen Mitspieler einen Tritt in die Magengrube: Jorge Bergoglio gilt als Trump-Kritiker und er mag Biden sehr.

Das wollen die ultrakonservativen US-Bischöfe, die auf rechtsextreme katholische Fanatiker wie Newt Gingrich und Steve Bannon in Politik setzen, nicht hinnehmen.

Ich könnte über diese deutliche Positionierung nicht glücklicher sein!
Umso klarer wissen die demokratischen Katholiken für was für einen Verein sie bezahlen.

Austreten!

Montag, 28. Juni 2021

Wann ist Schluß mit der Meinungsfreiheit?

Die Grenzen der Meinungsfreiheit sind an dieser Stelle mehrfach ausführlich ausgelotet worden.

Man darf so ziemlich alles sagen, so lange es niemand anderem schadet.

Diejenigen aus der ganz rechten Ecke, die fortwährend den angeblichen Verlust der Meinungsfreiheit und Zensur beklagen, sind verblüffender Weise meist auch genau die Leute, die ständig sehr laut und vernehmlich ihre Meinung ausposaunen.

Sie verwechseln aber Meinungsfreiheit mit ihrer persönlichen Meinungsdiktatur.   Sie glauben, sie hätten das Recht, ihre persönlichen Ansichten auch auf allen privaten Kanälen zu multiplizieren und daß jeder Widerspruch verboten wäre.   Das ist natürlich perfider Unsinn.

Wer beispielsweise davon überzeugt ist, Jesu‘ Vater habe die Erdenscheibe vor 6.000 Jahren ins Zentrum des Universum gesetzt; so daß Sonne und Sterne drum herum kreisen, darf das gern laut sagen, darüber Bücher schreiben, das auf öffentlich Veranstaltungen verkünden, Blogs, Facebook-Gruppen und Instagramstories darüber verfassen.

Es besteht aber weder für die Tagesschau, noch den SPIEGEL oder Markus Lanz die Verpflichtung, diese Meinung zu transportieren.

Es besteht auch kein Zwang für alle Leser und Zuhörer, dem zustimmen. Es besteht auch für keine Schule oder Universität oder Redaktion die Pflicht, einen Vertreter so eines Weltbildes einzustellen.

Die Grenzen der Meinungsfreiheit zeigt der Volksverhetzungsparapraph auf.

Ich meine, während einer tödlichen Pandemie, die bis heute in Deutschland 91.000, in den USA 620.000, in Brasilien 514.000, in Indien 398.000, in Mexico 232.000, in Peru 192.000 und weltweit 3,92 Millionen Tote forderte, besteht hinreichend Grund, diejenigen, die aktiv gegen die Corona-Eindämmungsmaßnahmen wettern, nicht frei ihre Meinung sagen zu lassen, weil es leider viele Verblödete gibt, die ihnen glauben.

(…..) Und genau deswegen sollte man einem bösartigen Bornierten wie Trump, der ständig die Pandemie herunterspielt und die Anti-Maskers fördert unbedingt die Social Media-Accounts sperren, so daß sie nicht mehr so leicht ihre letalen Botschaften verbreiten können.

Der irre rechtsextreme verschwörungstheoretische Covidiot David Berger ist ein Paradebeispiel der Desinformation.

In abstruser Weise verkehrt er Ursache und Wirkung, führt die durch viel zu lasche Hygienemaßnahmen steigenden Todeszahlen auf zu viel und zu strenge Maßnahmen zurück.

Ein groteske Umkehrung der Wahrheit und eine tödliche Gefahr.

Er faselt Hildmannsch-morbide von „angeblicher Pandemie“ und fantasiert von bayerischen Kunststoff-Möhren, die man sich in den Hintern stecken soll, falls Corona anal übertragen werden sollte. Ohne NS-Vergleiche (Goebbels: „Wollt ihr den totalen Krieg?“) macht es der knitterköpfige Irre ohnehin nicht.

[…….]  Wollt Ihr den totalen Lockdown?  […….]  Ist Dummheit oder Bösartigkeit der Grund für dieses Versagen der Verantwortlichen? […….]   bei den Reaktionen der großen Mehrheit der Deutschen auf die apokalyptisch anmutende Endschlacht, in die uns Söder, Merkel & Co führen wollen. Wie immer bei solchen nationalen Kraftanstrengungen unterstützt von den zuvor über längere Zeit gleich geschalteten Medien und jenen gesellschaftlichen Kräften, die doch nur gehorsam ausführen, was man ihnen befiehlt. […….]  […….]  Und wer garantiert uns, dass wir in ein paar Monaten nicht zu hören bekommen, man habe die FFP2-Masken völlig vergeblich getragen, jetzt müssen man sich stets eine von einer bayerischen Firma exklusiv angefertigte Kunststoffmöhre in den After stecken, da Lauterbach eine Studie gefunden habe, nach der Corona vor allem anal übertragen werde?   […….]  Das heißt im Klartext: wir setzen hier etwas fort, das nachweislich gegen die angebliche Epidemie nichts hilft, aber enorme Kollateralschäden mit sich bringt, die in ihrer ganzen Wucht überhaupt noch nicht absehbar sind. Und die auf lange Zeit das tausendfache an Todesopfern fordern könnte als die bei dem überwiegenden Großteil der Menschen völlig harmlos verlaufende Corona-Infektion. […….]

(D. Berger, Phimosa Penis, 14.01.2021)

So denken sie an der AfD-Aluhut-Front.   Denken dürfen sie, aber die Verbreitung dieser destruktiven Lügen ist tödlich.   Bitte, Männer im weißen Kittel, holt ihn doch endlich ab und sperrt ihn weg! (….)

(Gefährliche Meinungsfreiheit, 14.01.2021)

Es ist leider zu einfach, sich damit zu beruhigen, Impfgegener, Antimaskers und Covidioten brächten sich nur selbst in Gefahr. Dann wären sie wie Autofahrer, die bei schlechter Sicht auf der Autobahn mit ausgebauten Airbags und nicht angeschnallt Vollgas fahren. Diese erhöhen in erster Linie ihr eigenes Risiko zu sterben.

David Berger-, Xavier Naidoo- und Attila Hildmann-Follower gefährden aber nicht nur sich selbst, weil sie nicht isoliert leben, sondern mitten unter uns Viren verbreiten und damit die Vulnerablen dieser Gesellschaft in tödliche Gefahr bringen.

Berger, der in den letzten sechs Monaten seinen rechtsextremen verschwörungstheoretischen „Hetzblog PP“ weitgehend seinem nicht minder perfiden extremistischen Co-Aufrührer Michael von Laack überlassen hat, ist Gerüchten zu Folge inzwischen so sehr von seinem schweren Drogenmissbrauch und der STD-Induzierten Multimorbidität gezeichnet, daß er trotz seiner sagenhaften Eitelkeit keine Bilder mehr von sich veröffentlicht und offenbar auch nicht mehr in der Lage ist, selbst längere Artikel zu schreiben.    Er meldet sich nur noch sehr selten persönlich zu Wort, aber dann auch nur mit Twitter-Parolen, oder indem er einen Tweed der von ihm meistgehassten Personen aufgreift und Dreck darüber auskübelt.

So geschah es heute mit Prof Karl Lauterbach, 58, der Berger auf vielfache Weise triggert: Lauterbach ist in der SPD, Lauterbach lebt außerordentlich gesund, Lauterbach ist heterosexuell und Affären-frei, Lauterbach bekommt öffentlich ein Forum, gilt als hochseriös und vor Allem ist Lauterbach ein habilitierter Epidemie-Experte, der wirklich weiß, wovon er spricht.

Der prominente Sozialdemokrat ist also in jeder Hinsicht das diametrale Gegenteil Bergers, 53, der zwar jünger ist, aber 20 Jahre älter aussieht.

(Man mag solche Äußerlichkeiten für irrelevant halten und diese Information an dieser Stelle fehlplatziert finden. Für Berger als promisken, schwulen Mann, der geradezu manisch seine sexuelle Aktivität in Internet verbreitet und ganz offensichtlich schwere Minderwertigkeitskomplexe überkompensiert, stellt sein frühes Altern ein entscheidendes Problem dar. Ausführlich beschrieb er in seinem „der Heilige Schein“ wie enorm anziehend sein jugendlicher und trainierter Körper auf die katholischen Geistlichen wirkte. Er pries ungeniert seine sexuelle Potenz und Anziehungskraft auf sehr viel jüngere Männer, prahlte mit seinen Kopulationen. Sein Jugend- und Attraktivitätswahn geht so weit, daß er den SPD-Politiker Johannes Kahrs wegen dessen angeblicher Hässlichkeit attackiert und den in Bergers Augen sagenhaft hübschen Ralf Nolte von der AfD dagegen stellt.

[…..] Als jemand, der Herrn Kahrs […..]  mehrmals persönlich begegnet bin, kann ich nur sagen  […..] … Na, schauen Sie einfach die Fotos und Videos von ihm an (und da sieht man den Rest des Körpers gar nicht).    Und bitte kommen Sie jetzt nicht mit Ralf Stegner – gegen sein sympathisches Gesicht kommt eh keiner wirklich an!   Vergleichen Sie lieber die öffentlich zugänglichen Fotos von Herrn Kahrs (SPD) mit den Fotos von Ralf Nolte von der AfD. Ach so, der wurde jüngst zu Deutschlands attraktivstem Politiker gewählt… Nein, nicht Kahrs, Nolte. Aber was würde Kahrs jetzt nur dazu einfallen? „Schlampe halt“ vermutlich. […..]

(David Berger, 12.09.2018)

Der körperliche Verfall Bergers ist also durchaus relevant, wenn man seine zunehmende Wahnhaftigkeit psychologisch verstehen will. Der Mann kann offenbar immer weniger seinen Selbsthass mit Sex betäuben und braucht andere Ventile.)

Karl Lauterbach blickt besorgt nach England, wo sich trotz hoher Impfquote die Delta-Variante schnell ausbreitet.

[…..] 43% der Covid Toten in UK sind geimpft. Oft nur 1 Impfung. Aber auch doppelt Geimpfte. Bei Älteren ist das Sterberisiko so hoch, dass auch 95% Schutz zu vielen Toten führt. Das heisst: im Winter, wenn Impfwirkung schwächer wird, wird wahrscheinlich eine Boosterimpfung nötig sein. [….]

(Karl Lauterbach, 28.06.2021)

[…..] Gefahren Delta und Lösungen. Ältere können trotz Impfung erkranken und sterben. Lösung: Boosterimpfung im Herbst. Kinder erkranken oft. Lösung Impfung statt Deltadurchseuchung. In Betrieben erkranken Ungeimpfte. Lösung Schnelltests, die Delta gut erkennen. [….]

(Karl Lauterbach, 28.06.2021)

Lauterbachs Anmerkungen sind deswegen so wichtig, weil in Deutschland die große Impfmüdigkeit einsetzt. Das entspricht auch den Erfahrungen, die ich vorgestern machte.

[…..] Es mehren sich die Anzeichen, dass der Impfmotor tatsächlich ein wenig ins Stottern gerät. Das zeigt eine Tagesspiegel-Umfrage in den Gesundheitsministerien aller 16 Bundesländer zu ausgefallenen Impfterminen. Demnach liegt der Anteil gestrichener Impftermine zwischen einem und sechs Prozent. Bei deutschlandweit täglich mehr als 800.000 Impfungen fallen also an jedem Tag Zigtausende komplett aus. […..]

(Fabian Löhe, TS, 25.06.2021)

Der perfide, destruktive Berger verkehrt nun Lauterbachs Aussagen in ihr diametrales Gegenteil und liest statt der Aufforderung, sich impfen zu lassen, die falsche Erkenntnis heraus, Impfungen wären wirkungslos.

[…..] Nachdem sich schon hunderttausende in Deutschland lebender Menschen – meist gezwungen von den durch die Politiker unerträglich gemachten Umständen – auf das Risiko der sog. [verschwörungstheoretisches Vokabular]  Corona-Impfung eingelassen haben, lassen nun echte und selbst ernannte [verschwörungstheoretisches Vokabular] Wissenschaftler die Katze aus dem Sack:[…..] Die mit einigen Nebenwirkungen und nicht voraussehbaren Langzeitfolgen verbundene „Impfung“ [verschwörungstheoretische Anführungszeichen]   (die eigentlich gar keine ist, sondern eine Art Heilmittel für einen milderen Verlauf darstellen soll), scheint auf das Risiko schwer an Covid zu erkranken bzw. mit der Krankheit sogar zu sterben, kaum Einfluss zu haben. Das zeigen die neuesten Zahlen aus den UK.   Erstaunlicherweise gibt dies nun sogar der seuchengeile [verschwörungstheoretisches Vokabular]  Lauterbach zu, freilich nicht ohne eine neue enorme Chance für seine Clique [verschwörungstheoretisches Vokabular]  zu sehen. […..] Immer sicherer können wir also davon ausgehen, dass sich die Corona-Diktatur – die statt mit Glaubwürdigkeit mit Angst, Zwang und Staatsgewalt arbeitet -noch lange halten wird: Die Masken werden bleiben, der Mindestabstand und immer neue Versionen der Lockdowns, die uns immer mehr vergessen lassen, dass der Diebstahl des Staates [verschwörungstheoretisches Vokabular]  an uns zustehenden Rechten, die er nicht verleiht und die er uns auch nicht einfach nehmen kann, ein Skandal erster Güte ist.  Ob sie nun Baerbock, Kretschmer oder Söder heißen: einer Sache können sich die Diktatoren [verschwörungstheoretisches Vokabular] der Zukunft sicher sein. Die Deutschen werden auch diesmal nicht erfolgreich zum Widerstand [verschwörungstheoretisches Vokabular] aufbrechen. Auch diesmal braucht es – wie vom great reset [verschwörungstheoretisches Vokabular] vorgesehen – einen kompletten Zusammenbruch oder des Eingriffs von außen… […..]

(David Berger, 28.06.2021)

Ich denke, dieser Artikel ist für klinische Psychiater durchaus interessant, da er Bergers zutiefst destruktive und maligne Denkmuster zeigt.

Immer schlechter gelingt es ihm seinen blanken Hass („der seuchengeile Lauterbach“) als vermeidliche Objektivität zu tarnen.   Bedauerlicherweise sitzt Berger aber nicht in einer geschlossenen Anstalt, sondern verbreitet auf seinen Plattformen nicht nur antisemitische Verschwörungsformeln („Great Reset“), sondern treibt seine Anhänger in die Impfverweigerung. Damit wird der vielfach von AfD-Politikern zitierte Verschwörer zur gesundheitlichen Gefahr für uns alle.

Das sollte nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt sein.

Sonntag, 27. Juni 2021

Der politische Schmerz

Vielleicht spielt das Gehirn uns einen Streich, vielleicht schützt es uns: Man vergisst Schmerzen.

Wenn zum Beispiel die Weisheitszähne unglücklich in den Kiefer gewachsen sind, man zwei Stück auf der einen Seite von einem Kieferorthopäden rausmeißeln läßt, anschließend in brutaler Pein darniederliegt, schwört man, es nicht noch mal zu tun, die beiden Weisheitszähne auf der anderen Seite nicht anzurühren.

Nach ein paar Monaten aber, weiß man zwar noch rational, wie schlimm die Schmerzen waren, kann aber das Gefühl nicht mehr in seiner ganzen Dimension nachempfinden.

Erst, wenn man, entgegen den vorherigen Schwüren, doch Zahn Nr. Drei und Vier ausgraben lassen hat, weiß man wieder: Verdammt, das tut weh!

Donald Trump ist ein kontinuierlicher brutaler politischer Schmerz in vielen Dimensionen: Da ist dieser schreckliche Mensch an sich; seine groteske Optik, die widerlich obszöne Sprache, dieses permanente Lügen, das enorme Unwissen, seine Borniertheit.

Da ist aber auch das Entsetzen über 75 Millionen US-Amerikaner, die ihn lieben, als ihren Kult-Leader bedingungslos unterstützen, ausgerechnet seine angebliche „Ehrlichkeit“ lobpreisen.

Ein weiterer enorm schmerzhafter Aspekt ist die Erkenntnis des Totalversagens großer Teile der US-Medien, die so eine groteske rassistische Type als ihren Messias hervorbringen.

Und wie kann ein Bildungssystem, welches so viel Spitzenforschung und Nobelpreisträger hervorbringt, zig Millionen mal so katastrophal versagen, daß absurde Verschwörungstheorien geglaubt werden?

Der Verlust einer gesamten Großpartei ist zu beklagen; die Republikaner haben alle Werte, alle moralischen Maßstäbe aufgegeben und konzentrieren sich nur noch auf zwei Dinge: Alle Nicht-Trumpisten zu vernichten und ihrem Anführer zu huldigen. Schließlich gehört zum Trump-Schmerzsyndrom das Wissen um die reale Gefahr, wenn man so einen zutiefst verblödeten, destruktiven Psychopathen mit der Machtfülle eines US-Präsidenten ausstattet.

Jedes Jahr richtete er mit seinen katastrophalen Entscheidungen schweren Schaden für die USA an.

Aber selbst dieses Schreckenskonglomerat gerät ein wenig in Vergessenheit, während Joe Biden in Washington regiert, der irre Orange nicht mehr die täglichen Nachrichten dominiert und glücklicherweise sein Social Media-Bann aufrecht erhalten wird.

Dabei werden immer noch abenteuerliche Trump-Episoden enthüllt, die uns verdeutlichen, welche enorme Gefahr der Mann in Oval Office bedeutete.

Vieles ist lange öffentlich bekannt, weil Trump selbst damit prahlte.  Er überlegte Hurrikans mit Atombomben aufzuhalten, bestach die Regierung in Kiew, um gegen Joe Biden vorzugehen, steckte Kinder in Käfige und empfahl die Injektion von Bleichmitteln als Covid-Kur.    Von manchem hanebüchenen Plan konnten ihn seine Mitarbeiter abbringen.   So hatte der Wahnsinnige sich ausgedacht, möglicherweise mit Corona infizierte Amerikaner nach Guantanamo auszufliegen.

Dabei hätten wir im Oktober 2020 fast das Glück gehabt, den gefährlichsten Menschen der Welt loszuwerden.

[…..] Anfang Oktober 2020 machte der ehemalige US-Präsident Donald Trump Schlagzeilen, weil er sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. Nach einem dreitägigen Krankenhausaufenthalt schleppte sich Trump die Treppen des Weißen Hauses hinauf. Mit einem Lächeln und zwei Daumen nach oben signalisierte Trump: Coronavirus? Ungefährlich. Dabei war er viel kränker als nach außen kommuniziert. [….]

(FR, 27.06.2021)

In den folgenden Monaten wurde insbesondere mit dem Putschversuch, dem blutigen Sturm auf das Kapitol und die Weigerung fast der gesamten Republikanischen Partei gegen die mörderischen Verfassungsfeinde vorzugehen, jede Hoffnung auf eine Normalisierung des politischen Systems vernichtet.

Trump schmollte zunächst in Mar A Lago, hat aber seine Partei noch fester im Griff als man stets befürchtete.

Die Treue der Senatoren und Abgeordneten zu ihm war so groß, daß sie skrupellos jedes seiner Verbrechen, jede Lüge deckten. Man erklärte sich das mit seinem enorm mächtigen und einflussreichen Amt. Als US-Präsident konnte seine Rache gegenüber Renegaten fürchterlich sein.

Nach Joe Bidens Amtsübernahme ist Trumps administrative Macht futsch. Er ist kein Oberbefehlshaber mehr, verfügt über keine außenpolitische Bedeutung, kann weder Pöstchen beschaffen, noch Getreue für besondere Ämter ernennen. Er kann nicht begnadigen und auch keine Executive Orders mehr schreiben.

Umso unheimlicher, daß sämtliche Top-GOPer dennoch nach Mar A Lago pilgern, um ihrem Messias die Füße zu küssen.   Dabei erscheint Trump bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten immer offensichtlicher debil und gestört.

Seine Macht über seine 75 Millionen verschwörungstheoretischen Jünger ist immer noch so groß, daß er jeden abtrünnigen GOPer politisch töten kann.

So ergeht es gerade dem Kongressabgeordneten Anthony Gonzalez aus Ohio, der es gewagt hatte als einer von gerade mal zehn Republikanern für ein zweites Amtsenthebungsverfahren zu stimmen.

So erschien Trump gestern genau in dem Wahlkreis, um für den parteiinternen Gegenkandidaten Max Miller, einen ihm zu 100% Ergebenen, zu trommeln.   Gonzales wird aus dem Kongress fliegen.

[…..] Seine eineinhalbstündige Rede lässt sich schnell zusammenfassen. Die neue Biden-Regierung sei eine "Katastrophe", sagte er. Und die Wahl 2020 das größte Verbrechen in der US-Geschichte. Wieder und wieder behauptet er, er sei es, der die Wahl gewonnen habe. Ein von ihm selbst ins Leben gerufener Verschwörungsmythos. Aber das tut hier nichts zur Sache. Seine Fans glauben ihm jedes Wort. […..]

(Thorsten Denkler, SZ, 27.06.2021)

Trump ist alles andere als Geschichte.

Er ist wieder da. Man erinnert sich, wie schlimm er ist.

Der Schmerz ist wieder da.

Trumps Jünger sind infiziert und gefährlicher denn je.

Samstag, 26. Juni 2021

Im Impfzentrum

Sollte man rückblickend auf fast anderthalb Jahre deutsche Corona-Politik einen charakterisierenden Oberbegriff finden, muss man von „Chaos“ sprechen.

Es gab so viel Unvernunft, landespolitische Egoismen, mangelnde Voraussicht und immer wieder Fassungslosigkeit, weil Spahns Gesundheitsministerium von Entwicklungen völlig überrascht wurde, die sich seit Monaten ankündigten. Impfstrategie, Vakzinbeschaffung, Maskenverteilung, Corona-App, Teststrategie, Impfnachweis.

Peter Tschentscher und Karl Lauterbach waren neben einigen Virologen, wie  Christian Drosten, die einzigen Menschen, die immer den Überblick behielten und jederzeit klare Auskünfte geben konnten.

Deutschland wäre sehr wahrscheinlich mit deutlich weniger Toten durch die Pandemie bekommen, wenn 2018 im Kampf um die Besetzung des Gesundheitsministeriums der Zweikampf Spahn vs Lauterbach anders ausgegangen wäre.

Leider entschied Merkel klar gegen Kompetenz und für Parteibuch.

Sechs Monate nach den ersten Impfungen in Deutschland, schwand meine Hoffnung eine Impfdosis abzubekommen. Zunächst war ich viel zu jung und als sich in der Priorisierung die Altersgrenze in meine Richtung verschob, war ich plötzlich zu alt, weil Jens Spahn Millionen Vakzin-Dosen für Jugendliche zurückhielt und die die Impfpriorisierung aufhob.

Ich passte nicht in eine der vielen Ausnahmeregelungen, die mich berechtigt hätten, frühzeitig geimpft zu werden, war als Privatpatient ohnehin benachteiligt, weil sich die Impfzentren an den Patientenlisten der kassenärztlichen Vereinigung orientierten und habe als Medizinmuffel auch keinen Hausarzt, der mich großzügig vorziehen würde.

Routiniert wählte ich täglich die Impfhotline an, klicke mich durch die Online-Terminvergabe, um stets zu erfahren, es gäbe keine Slots mehr.

Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde ich an dieser Stelle vermutlich spekulieren, ob Spahn seine eigenen ewigen Irrtümer statthabend, in den Bund-Länder-Konferenzen auf einen stets Recht behaltenden Tschentscher treffend, nun aus Groll, die Hamburger extra knapp hält mit BionTech-Lieferungen.

Letzte Woche erreichte aber eine Großlieferung mit 52.000 Vakzin-Dosen die Hansestadt. Die Impfpriorisierung wurde aber wegen des bisherigen Serum-Mangels beibehalten. Das zentrale Impfzentrum akzeptiert Menschen, die älter als 60 sind (da passe ich noch nicht hinein).

Liest man aber die derzeitigen Kriterien für die Impfberechtigungen in Hamburg genau durch, findet man doch allerlei medizinische Regelungen, die auch unter 60-Jährigen den ersehnten Pieks ermöglichen.

Oh Wunder, auch für mich spuckte das Impfzentrum in den Messehallen einen Termin aus. Und, zweite Überraschung, alles war leicht verständlich, funktionierte einwandfrei. In wenigen Schritten bekam ich Gewissheit über die Art des Vakzins, den Hersteller, Termin und Berechtigungsnachweise.

Heute war es dann soweit.

Ein zentrales Impfzentrum für eine Zwei-Millionenstadt mit überraschenden zusätzlichen 52.000 Terminen!
Das konnte ja was werden! Wo zum Teufel würde man parken können? Muß ich die Zeit, die ich vermutlich anstehen würde einkalkulieren, um zu der bestellten Uhrzeit auch an der Nadel zu sein, oder reicht es pünktlich auf dem Gelände zu erscheinen?
Ich machte mich auf einiges gefasst, sah mich schon im Geiste in der schwülen Sonne nach Stunden in der Schlange kollabieren.

In meine große Tasche steckte ich nicht nur meine Aktenmappe, mit jedem auch noch so weithergeholten Papier über meine Versicherung, Krankengeschichte, Impfterminisierung. Dazu zwei Flaschen Wasser, Traubenzucker, eine Zeitschrift und ein noch nicht angefangenes Buch, ein extra T-Shirt, Desinfektionsmittel. Und ich kam früh an, so rechtzeitig, daß ich auch weit weg parken könnte und mir einen genauen Überblick über die Logistik verschaffen konnte.

Mit allem hätte ich gerechnet; nur nicht mit dem wie es wirklich lief.

Schon einige Straßen vor der „Lagerstraße“, in der das Impfzentrum liegt, tauchten unübersehbare riesige Hinweisschilder mit überdimensionalen Pfeilen auf.

Selbst ohne Brille und im tiefen Nebel wäre ich zielgenau zum Eingang gelotst worden. Es gibt ein paar hundert Meter entfernt einen riesigen kostenlosen Parkplatz und genau neben dem Haupteingang für die Faulen oder Lahmen einen weiteren Parkplatz, der fünf Euro kostet. Dort wird man von freundlichen Menschen empfangen, die einen persönlich zu seiner Parklücke eskortieren.

Vor der Nase hatte ich wieder diese Giganten-Wegweiser. Verirren völlig unmöglich.

Personal war im Überfluss vorhanden. Die Logistik erinnerte an Marathonstrecken; es gab Stationen, die einem frisches Wasser reichten, Sanitäter und eine Auswahl an Rollstühlen mit hilfsbereiten „Schiebern“ für den Fall, daß man sich den weiteren Fußweg nicht zutraute. Der perfekte Service; nur daß ich statt 42 km erst 30 m von meinem Auto hinter mir hatte.

Es gab überhaupt keine Schlangen und Staus, weil das Gelände derart großzügig ausgelegt ist, daß Dutzende Menschen gleichzeitig abgefertigt werden können.

Nicht eine Sekunde musste ich innehalten, um mich zu orientieren, stets lächelten mich freundliche bemaskete Menschen an, begrüßten mich und wiesen mir den Weg. Dazu gab es für diejenigen, die taub sind auch genügend Hinweisschilder wie zB „bitte Personalausweis bereit halten“ oder „gleich Impfberechtigung vorzeigen“.

Noch nie in meinem Leben habe ich bei einer offiziellen „Veranstaltung“ ausschließlich Freundlichkeit und Kompetenz erlebt. Und das in Deutschland.

Insgesamt hatte ich mit drei Ärzten zu tun. Zunächst ein sehr lustiger 55-Jähirger Kanadier, der meine Impfberechtigung überprüfte und mich aufgrund meines US-Passes gleich mit „Oh, Sie sind mein Nachbar“ begrüßte. Nr. Zwei war die Ärztin, die das Aufklärungsgespräch und die Anamnese durchführte, sowie die Impfbescheinigung ausstellte. Nummer Drei schließlich die Medizinerin, die mich piekste.

Überall war es peinlich sauber, gab es Sitzgelegenheiten und wurde Wasser angeboten. Ein Arzt übergab mich stets an den Nächsten, brachte mich persönlich genau dorthin, wo ich sein sollte.

Nach den 15 Minuten, die man nach dem Pieks noch warten muss, wurde ich von einer Mitarbeiterin in fließendem Englisch nach möglichen Auswirkungen gefragt. Sie hatte meinen Pass gesehen und man bemüht sich, die Impflinge in ihrer Sprache anzureden.

Beim Checkout-Schalter traf ich noch einen jungen Mann, den ich aus seinem früheren Job in einem Pflegeheim kenne, in dem ich auch regelmäßig bin. Er nahm sich gleich eine Viertelstunde frei, damit wir noch etwas quatschen konnten.

Ja, heute wäre wirklich nicht so viel los, da täglich 500 bis 1000 Termine verfallen. Impfberechtigte, die sich einen Termin beschaffen und dann nicht auftauchen, weil ihnen einfiel, daß sie am Wochenende lieber ausschlafen oder an die Ostsee fahren möchte. Urlaubssaison eben.

Sagenhaft, 95% der Weltbevölkerung würden mit Kusshand das Vakzin nehmen, haben aber keine Möglichkeit daran zu kommen, weil ihre Regierungen zu arm sind.

Wir werden hingegen kostenlos versorgt und sind dann auch noch zu bequem, um überhaupt zum Impftermin zu erscheinen.

Natürlich fragte ich ihn auch, wie es dazu kam, daß plötzlich 52.000 Impfdosen vorhanden sind.

Er zuckte nur die Achseln; die Hamburger wären vollständig von Spahn abhängig und hätten keinerlei Einfluss. Das sei jeden Tag eine Überraschung, wie viel Spahn springen ließe.

Da ich das in Presseberichten bisher so noch nie gelesen habe, möchte ich an dieser Stelle die Spitzenklasse-Organisation ausdrücklich loben.

Besonders hervorzuheben ist das Personal. Ich habe selten so viele freundliche, geduldige, höfliche Menschen getroffen.

Etwas rätselhaft ist für mich nur die Impfberechtigung für „Personen, die das 60. Lebensjahr vollendet haben“.    Als +50er, der aber meist jünger geschätzt wird (so viel Eigenlob muss sein); hatte ich eigentlich abfällige Blicke von all den über 60-Jährigen befürchtet, die sich vielleicht fragten, wieso ich schon dran wäre.

Tatsächlich war ich aber deutlich der Älteste vor Ort. Die Hamburger Gerontenfraktion ist offensichtlich schon durch.