Montag, 23. März 2020

Wozu eigentlich sparen?


Wie die meisten meiner Schulfreunde hatte ich auch mit 16 mein eigenes Sparbuch auf der Bank.
Während einige schon regelmäßig neben der Schule Geld verdienten, beliefen sich meine Einkünfte weitgehend auf Taschengeld, das ich allerdings auch üblicherweise verprasste, sobald ich es bekommen hatte.
Das Sparbuch war eher für die außergewöhnlichen Eingänge, wenn man zu Weihnachten oder dem Geburtstag etwas bekommen hatte.
Mit den damals üblichen zehn Prozent Zinsen war dieses kleine blaue Büchlein eine tolle Sache. Insbesondere als ich mit 19, als ich schon studierte, für mich vollkommen überraschend eine fünfstellige Summe auf einen Schlag bekam, weil mein Mutter kurz nach meiner Geburt eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen hatte, die über 18 Jahre lief und auch die ganze Zeit entsprechend verzinst wurde. Erstaunlicherweise hatte sie mir nie etwas davon gesagt und so staunte ich nicht schlecht, als aus heiterem Himmel mein Konto so angenehm aufgefüllt wurde. Inzwischen hatte ich zwar auch einen Job an der Uni und verdiente wie die meisten Studenten hier und da noch ein paar Mark dazu, aber die Sparbuchzinsen von diesem Versicherungsgeld waren außerordentlich hilfreich in meinem Alltag.

Woher die Zinsen eigentlich kamen; wer das Geld erwirtschaftete, das mir in den Schoß fiel, interessierte mich damals nicht.
Es war eine diese einfach nicht existenten Fragestellungen, von denen man sich heute nicht mehr vorstellen kann, wieso vor einem halben Jahrhundert niemand darüber nachdachte:

Haben Millionen Tonnen Kerosin, die in der Atmosphäre verbrannt werden, irgendwelche Folgen?
Ist es eigentlich unbedenklich, daß Juden, Amerikaner und Muslime ihren Söhnen einen Teil des Penis abschneiden?
Hört der Zinssegen auf dem Sparbuch eines Tages auf?
Gibt es eine dringende Notwendigkeit Scham- und Achselbehaarung penibel zu rasieren?
Können Kühe und Schafe das Klima kaputtfurzen?
Macht es irgendeinen Sinn, wenn jeder immer ein Telefon dabei hat und 24/7 erreichbar ist?

Inzwischen ist die Welt eine andere geworden.
Jeder 13-Jährige zupft sich akribisch die Haare vom Skrotum, tippt ununterbrochen auf seinem Klugtelefon herum, trennt Müll und weiß vermutlich nicht einmal was ein Sparbuch ist.

Nun heißt es Kapitalismus kaputt.
Wer heute eine große Versicherungssumme ausgezahlt bekommt und damit zur Bank geht, bekommt einen Hieb mit dem Nudelholz auf den Hinterkopf.
Wenn der nette Herr aus der Sparkasse überhaupt das Geld nimmt, ist es möglich, daß man zur Strafe zahlen muss.
Die günstigere Alternative ist es ein Bankschließfach für knapp 100 Euro im Jahr zu mieten, sein Geld in großen Scheinen dahinein zu legen und abzuwarten bis es weginflationiert wird.

Alles was Merkel und Schäuble in der 2008er Krise von der „schwäbischen Hausfrau“ erzählten; die wissenden Mahnungen der Porsche- und Jet-Besitzer Merz und Lindner an die Niedrigverdiener, das Geld müsse erst mal erwirtschaftet werden, sind zu hohlen Phrasen geworden.

Schulden sind etwas Gutes. Sie bringen die Wirtschaft in Schwung. Wenn Herr Scholz sich ein paar Hundert Milliarden leiht, bekommt die Börse vor Glück einen Eisprung. Endlich haben wenigstens ein paar Milliarden der weltweit umherschwirrenden Billionen ein Zuhause gefunden.

Sparen um des Sparens Willen ist geradezu kriminell.
Schon gibt es Befürchtungen, daß Milton Friedmanns Helikoptergeld, welches ausgerechnet die antisozialistische Trump-Administration möglicherweise auszahlt, gar nicht den gewünschten konjunkturbelebenden Effekt hat.
Ökonomen wollten mit so einer Maßnahme die Gefahr einer Depression abwenden. In einer Depression sinkt die Nachfrage unter das Angebot, so daß das Angebot aktiv verkleinert wird. Wirtschaftswissenschaftler fürchten dieses Szenario wie kein anderes, weil damit eine brutale Abwärtsspirale in Gang kommt.
Hätte jeder Verbraucher 1.000 Dollar extra, würde sie direkt in den Konsum gehen und somit die Nachfrage deutlich stärken, so daß wiederum die arbeitsplatzintensiven Produktionen und Dienstleistungen angekurbelt würden.
So denken sich das die schlauen Ökonomen in der Theorie.
Aber was ist eigentlich in Corona-Zeiten, wenn alle zu Hause sitzen und ihr Geld gar nicht ausgeben können, weil Reisen, Restaurantbesuche, Theatererlebnisse und Champagner-intensiver Spaß im Bordell verboten sind?

Das Geld muss raus, die schwarze Null muss weg.
Partiell wird das auch von konservativen Politikern vorausgesetzt.
Ich habe noch nie gehört, daß die Bürger aufgefordert wurden bei der heißgeliebten Autoindustrie zu sparen.

Bitte keine Mercedes-Limousinen und BMWs mehr kaufen, weil die zu teuer sind?
Keine PS-Starken Motoren mehr? Bitte keinen Schnickschnack in der Ausstattung. Hat Oondi Scheuer schon jemals damit gedroht teure Spielereien wie Regensensoren, elektrische Fensterheber, beheizte Sitze, Parkassistenten oder Alufelgen zu verbieten, weil wir als „schwäbische Hausfrauen“ sparen sollten und nicht mehr als unbedingt notwendig für die Autos ausgeben sollten?
Verlangt irgendein Auto-Lobbyist nur noch billige und zuverlässige Dacias und Ladas zu kaufen, weil die nur ein Zehntel des Anschaffungspreises kosten und nicht so wartungsintensiv sind?

Nein, das wird nicht gefordert, weil die Automobilindustrie Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen bringt.
Je mehr Geld für Autos rausgehauen wird, desto besser.
Es ärgert Lobbyisten wie Matthias Wissmann und Hildegard Müller sehr, daß man den Deutschen keine Mindestmotorleistung von 200 kW vorschreiben kann, weil diese blöde Greta immer vom Klima redet.

Während aber Luxusautos tatsächlich sinnlos sind, weil ein Lada genauso den Zweck erfüllt von A nach B zu fahren wie ein Bentley, gibt es bessere Wege dem Luxus zu frönen.
Kauft Euch eine wunderbare mechanischen Armbanduhr für einen fünf- oder sechsstelligen Betrag. Sie ist zwar auch sinnlos, weil jedes Klugtelefon ebenfalls die Zeit anzeigt, aber ihre Schönheit tut im Gegensatz zu Autos niemand weh. Es ist reine Mechanik, die nicht die Umwelt zerstört und hochwertige Arbeitsplätze schafft. Eine Patek oder Rolex produziert auch keinen Abfall und ist ewig haltbar. Die können noch die Urenkel tragen.

Noch besser als eine Uhr und sehr viel besser als ein BMW wäre es viel Geld in die Gesundheit zu investieren.
Ein sehr teures Gesundheitssystem ist gut!
Das ist ein nachhaltiger, sinnvoller und notwendiger Wirtschaftszweig, der sehr viel gut bezahlte Arbeitsplätze generiert und den Menschen hilft.
Es gibt keinen Grund alle Profite den Pharmakonzernen und Medizintechnikherstellern zu überlassen. Diese verschieben die Milliarden in Steueroasen. Der arme reiche Bernd Broermann hat mit seinen Hamburger Asklepioskrankenhäusern, die er vom Beust-Senat auf Kosten der Allgemeinheit geschenkt bekam, so viele Milliarden verdient, daß er gar nicht mehr weiß wohin damit und wahllos anfängt Luxushotels aufzukaufen.
Aber pumpt das Geld in die Gehälter, in neue Intensivplätze, in Pflege und Betreuung, in Patientensicherheit und Hygienemaßnahmen, in Ausbildung und Forschung.

[….] „Es ist unverantwortlich, angesichts der Covid-19-Krise an den Fallpauschalen zur Finanzierung der Krankenhäuser festzuhalten. Die Fallpauschalen sind hauptverantwortlich für die jetzige Misere in den Kliniken. Pflegenotstand, Personalmangel, wenig Bevorratung sowie fehlende Betten- und Laborkapazitäten sind Ergebnis des Kostendrucks, dem die Krankenhäuser seit über 15 Jahren ausgesetzt sind“, erklärt Harald Weinberg, krankenhauspolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE, zum heute vom Bundeskabinett beschlossenen Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz. Weinberg weiter:
 „Gesundheitsminister Spahn bricht sein Versprechen gegenüber den Krankenhäusern, dass kein Haus durch Covid-19 ins Defizit rutschen werde. Statt den Kliniken jetzt Sicherheit zu geben, dass sie sich ohne finanzielles Risiko der Epidemie stellen können, lässt Spahn wirtschaftliche Fehlanreize bestehen. Jedes einzelne Krankenhaus muss nun selbst betriebswirtschaftlich abwägen, ob sich Engagement gegen Corona lohnt oder nicht – das ist wahnwitzig.
Der logische Schritt wäre ein echter ‚Schutzschirm‘, also die Zusage, den Krankenhäusern befristet für die Zeit der Epidemie ihre gesamten Kosten zu erstatten. Dafür müssten die Fallpauschalen ausgesetzt und die Kosten am Ende spitz abgerechnet werden. Andernfalls wird es bei den Krankenhäusern Krisengewinner und Krisenverlierer geben. Das ist in einer Zeit, in der größtmögliche gesellschaftliche Solidarität notwendig ist, das vollkommen falsche Signal.“ […..]

Sonntag, 22. März 2020

Die Gelegenheit


Als ich im zarten Alter von neun Jahren aufs Gymnasium kam, war ich etwas überwältigt und eingeschüchtert von der Größe der Schule. Fünf Parallelklassen mit jeweils knapp 40 Schülern.
Alles anderen kamen mir selbstbewußter vor.
Die vielen verschiedenen Lehrer irritierten mich. In der Grundschule hatte uns ausschließlich die liebe Frau Kastermann in allen Fächern unterrichtet; aber nun kamen stündlich Andere. Als schüchternes Kind konnte ich mich schlecht auf so viele unterschiedliche Unterrichtsstile einstellen.
Aber die neuen Fächer begeisterten mich. Am Liebsten mochte ich zunächst Erdkunde, Geschichte und Biologie, weil das vermutlich am meisten meine Phantasie anregte. Umso trauriger war ich, als in der sechsten Klasse schon wieder ein neuer Lehrer kam; der Griesgram Herr Fassberger übernahm Biologie und Erdkunde, ließ dauernd Teste schreiben. Keine Woche verging, in der wir nicht auf diesen herrlich duftenden Lila Matrizen Blindkarten mit sowjetischen Flüssen, chinesischen Bergen oder südamerikanischen Städten beschriften mussten.
Diese Form des Auswendig-Lernen-Unterrichts ist heute offenbar weitgehend abgeschafft, weil man das Gelernte nicht behält.
Ich mochte Herrn Fassberger nicht besonders gern, weil er streng war, nicht leicht gute Noten vergab und mich außerdem einmal vor der ganzen Klasse als „unser kleiner Picasso“ vorstellte, als wir als Hausaufgabe ein Pantoffeltierchen malen sollten.
Ich kannte durch meinen Vater Picasso-Bilder und war daher nicht sicher, ob das nun ein Lob sein sollte, oder eher versteckte Kritik.
Seine Unterrichtsmethoden mochten antiquiert wirken, aber er konnte sehr eindringlich erzählen.
Die Namen russischer Flüsse lernte ich nicht nur für die berüchtigten Blinkarten-Tests, sondern auch weil Fassberger mehrere Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und außerordentlich anschaulich von der Natur dort berichtete. Unsere damals modernen Moonboots – zu meiner Schulzeit gab es jeden Winter Schnee – verachtete er, weil darin die Füße nicht durchblutet würden. In Sibirien trage man nur Filzpantoffeln, durch die der Fuß jede Unebenheit des Geländes mitmache und ständig massiert werde.
Das leuchtet mir bis heute ein und ich bilde mir ein daher auch heute noch im Winter keine halten Füße zu bekommen, weil ich zwar nicht in Filzpantoffeln, aber doch in sehr elastischen Schuhen mit dünnen Sohlen rumlaufe.
Die Welt der Zellen, Bakterien und Pantoffeltierchen beschrieb er ebenso plastisch wie seine Naturerlebnisse in Sowjetgefangenschaft.
In jeder Unterrichtsstunde kam einmal sein running-gag, in den wir schon alle einfielen: „Und deswegen gebe ich niemals jemand meine Hand – das ist beste Bakterienübertragungsweg überhaupt!“
Hände geben ist ekelhaft. Wozu soll ich den Handschweiß fremder Menschen abreiben?
Als Erwachsener wurde ich echter Sozialphobiker und überlegte mir Strategien den bei vielen Menschen obligatorischen Begegnungsbegrabbeln zu entgehen.
Hände schütteln, Umarmen, Abküssen? Was soll das überhaupt, fragte auch Bill Maher als er sich am Freitag, den 13. über den neuen Europäischen Trend des Ellbogen-Kickens lustig machte. Warum muss man sich gegenseitig überhaupt anfassen, wenn man sich trifft – to verify the other one is not a ghost?


 Das kontaktlose Hamburger „Moin“ wäre eine Möglichkeit für die Zukunft; mir gefällt auch die angedeutete japanische Verbeugung.
Aber bitte lasst uns auch nach Corona nicht zu den haptischen Klebe-Varianten der Begrüßung zurückkehren!

Der gegenwärtige weltweite Shutdown könnte Gelegenheit dazu sein ein paar der widerlichsten Fehlentwicklungen der modernen Industriegesellschaften zu korrigieren.

Lufthansachef Carsten Spohr hatte sich selbst noch vor zwei Jahren großzügig eine Millionen Euro Erfolgsprämie bewilligt, nachdem er die 700 Spezialisten der Lufthansa-Technik gefeuert hatte und die Ingenieurskunst nach Rumänien und auf die Philippinen auslagerte.
Das Geld sollte zukünftig im Luxusreise-Geschäft verdient werden. Auch die Cargo-Flotte plante er abzustoßen. Alles sollte der Götze „Profit“ untergeordnet werden.

[……] Was nicht zum Renditeziel des Chefs passte, sollte abgestoßen werden, etwa die Cateringsparte LSG. Das Passagiergeschäft unter der Marke "Lufthansa" wollte Spohr abkoppeln und in eine Stiftung überführen, damit sich auch ausländische Investoren leichter an der Lufthansa beteiligen könnten. Aus rechtlichen Gründen ist das bislang nur bedingt möglich. Spohr erwog sogar einen Teil-Börsengang der Lufthansa-Technik.
Nur eine Sparte kam schlecht weg: die Frachttochter Lufthansa Cargo. Dort war angedacht, eine komplette Führungsebene bis hin zum Vorstand zu streichen. Ausgerechnet dieser Ableger entpuppt sich in der Krise als Rettungsanker. Jede Führungskraft dort wird nun dringend gebraucht. [….]
(DER SPIEGEL, 21.03.2020)

Tja, so schnell kann es gehen: Alles, was sich der geldgeile Vorstand ausdachte, der horrende Dividenden an die Aktionäre zahlte, ist Makulatur.
Von den 763 Jets des Lufthansa-Konzerns sind 700 stillgelegt. Es gibt de facto keinen Tourismus mehr. Aber die fast schon verscheuerten Cargo-Jets braucht man nun dringend, um die benötigten Hygieneartikel und Medikamente aus Asien zu holen.

Auch das sollte Beispiel geben: Massentourismus zerstört Umwelt und Klima.
Die Menschheit darf auch nach Corona nicht wieder nach Belieben Milliarden Tonnen Kerosin in die Atmosphäre blasen – nur aus persönlicher Lust.
Schluss mit dem Fernreise-Tourismus. Entweder man nimmt die Bahn oder bleibt zu Hause.
Interkontinantalreisen müssen mit Kontingenten drastisch eingeschränkt werden.
Vorstellbar wäre ein System, nach dem jeder Erdenbürger jährlich ein bestimmtes Flugmeilenkontingent zugeteilt bekommt. 100 Meilen zum Preis von 100 Euro beispielsweise. Wer länger fliegen will, muss Menschen finden, die nicht fliegen und sie auszahlen.

Der absolute ökologische Irrsinn sind Kreuzfahrten. All die 400 m langen, 70 m hohen Giganten für 6.000 Passagiere und 4.000 brutal ausgebeutete Arbeitssklaven unter Deck.

[….] Der Nabu rechnet vor (PDF), dass ein Kreuzfahrtschiff pro Tag so viel CO2 ausstösst wie fast 84.000 Autos, so viel Stickoxide wie etwa 421.00 Autos, so viel Feinstaub wie etwa über 1 Million Autos und so viel Schwefeldioxid wie gut 376 Millionen Autos.
Die Deutsche Lungenstiftung warnte daher schon vor Jahren: „Lungenkranke, die sich auf eine Kreuzfahrt begeben, sollten sich vor den Abgasen des Schiffes in Acht nehmen.“ [….]
Kreuzfahrtschiffe fahren mehrheitlich mit Schweröl und verbrauchen davon täglich im Schnitt 150 Tonnen. Schweröl ist stark umwelt- und gesundheitsschädlich und deswegen an Land verboten, denn das giftige Abfallprodukt der Petrochemie enthält 3.500 mal mehr Schwefel als auf Europas Straßen für PKW erlaubt wären. […..]

Weltweit gibt es etwa 6.500 Passagierschiffe. Davon sind 500 Kreuzfahrriesen.
500 mal 150 Tonnen = 75.000 Tonnen Schwerölverbrauch pro Tag.
Das entspricht 27.375.000 Tonnen im Jahr.
27 Millionen Tonnen giftiges Schweröl werden jährlich für betrunkene, reiche Kreuzfahrtouristen in die Luft geblasen?
Schluss mit dem Irrsinn. Kein Bailout für Kreuzfahrtreedereien. Alle 500 Schiffe für immer stilllegen.


Außerdem sollten Pharmalobbyisten des Schlages Jens Spahn lernen, daß endlich Krankenschwestern und Altenpfleger nicht mehr wie notleidenden Hiwis bezahlt werden dürfen.
Ich fordere eine Gehaltssteigerung für das gesamte nicht-ärztliche Personal im medizinischen und Altenpflegebereich um 300%.

Das würde den Beruf sehr viel attraktiver machen, für Nachwuchs in dem Bereich sorgen, den Pflegenotstand beenden, die Kapazitäten der Krankenhäuser verbessern und außerdem wäre es gleichzeitig ein Konjunkturprogramm, weil diese Menschen das zusätzliche Geld auch ausgeben und so Nachfrage entsteht.
Ein Chefarzt oder Pharmavorstand, der eine Million und mehr verdient, kurbelt hingegen mit zusätzlichen Einkommen nicht die Wirtschaft an, weil er nicht mehr essen oder ins Kino gehen kann. Er wird eher die Millionen in Steueroasen schleppen oder findige Berater engagieren, die Anlagen auf Kosten der Allgemeinheit aussuchen.

Nach Corona ist vor Corona. Wir sollten unbedingt die Gelegenheit nutzen, die Weltwirtschaft und das Leben in den Industrienationen dauerhaft drastisch umzukrempeln, statt möglichst schnell wieder in den alten Trott zu verfallen und all Fehlentwicklungen neu zu befeuern.

Samstag, 21. März 2020

Licht und Schatten


Regierungserfahrung und Intelligenz sind durchaus wünschenswerte Eigenschaften für die Personen, die während einer allgemeinen Großkrise wie dieser als Minister amtieren.

Olaf Scholz ist vermutlich der wichtigste Mann Deutschlands, weil er an der Kasse sitzt während alles Pleite geht und unbedingt zu gewährleisten ist, daß einerseits die Gesundheits- und Lebensmittelversorgung funktionieren und daß andererseits keine Panik entsteht, die alles exponentiell verschlimmern würde.

Er kann das und tut das Richtige. Auch der Mann, der den mit Abstand größten Haushalt betreut – Sozialminister Heil – ist sich offenbar von Anfang an klar darüber wo es drückt und wie gehandelt werden muss.
Andere Figuren wie Verkehrsminister Oondi Scheuer, von dem man gern wüßte wie der öffentliche Personennahverkehr und der Warentransport weitergeht oder Bildungsministerin Anja Karliczek, die Millionen verunsicherten Schülern und Studenten  mal irgendeine Leitlinie vorgeben könnte, sind vollkommen abgetaucht.
Julia Klöckner ruft zwar ab und zu dazu auf nicht zu hamstern und verspricht stetigen Lebensmittelnachschub, aber wie die Landwirte das machen sollen, wenn sie keine Erntehelfer mehr bekommen, weiß sie auch nicht.
Stattdessen nur die populistische Ansage, das könnten ja die Flüchtlinge machen.
Als ob das eine Lösung dafür wäre, wie man so viele Mitarbeiter unterbringt und versorgt, wenn diese jeweils zwei Meter Abstand voneinander halten sollen.
Als ob die Spargelstechterdebatte von 2002 nicht gezeigt hätte, daß so ein Knochen- und Fleißjob nicht angeordnet werden kann.
Jens Spahn ist der Mann, der seit Jahren die drastischen Medikamentenengpässe ignoriert, bei 100.000 nicht besetzten Stellen im Pflegebereich empfiehlt, jede Krankenschwester könne ja ein paar Stunden länger arbeiten, die drastischen Warnungen vor den jetzt eingetretenen Engpässen bei der Versorgung mit hygienischer Schutzkleidung konsequent ignoriert.
Seit Jahren warnen Experten hörbar in den Medien vor den Arzneimittelenpässen.


Spahn tut nichts.

(….) 274 Medikamente sind derzeit nicht lieferbar, weil die raffgierigen Pharmakonzerne in völlig unverantwortlicher Weise nur sehr viel teurere Alternativen zur Verfügung stellen.
Die Unterschiede sind gewaltig.
Meine Eltern gehörten zu den über eine Millionen Menschen, die dauerhaft Blutverdünner nehmen mussten.
Das Mittel der Wahl – damals: Phenprocoumon = Rattengift. Bekannter unter dem Namen Marcumar.
Preis: 98 Stück für 12,50 Euro.
Da man oft nur eine Viertel Tablette am Tag braucht, reichen diese 12,50 Euro für ein ganzes Jahr.
Der alte Herr, den ich betreue, bekommt seit zwei Jahren statt Marcumar das moderne Mittel Xarelto zur Blutverdünnung.
98 Stück Xarelto 20mg von Bayer kosten 320,80 Euro; man muss immer eine am Tag nehmen. Das sind knapp 1.200,- im Jahr, also nahezu exakt der hundertfache Verdienst für die Pharmaindustrie. (….)

Wenig verwunderlich, daß der arbeitsscheue „Erfahrungsjurist“ Seehofer ebenfalls nicht in der Lage ist vorausschauend und bundeseinheitlich zu reagieren, sondern sich in der Frage der Einschränkungen des öffentlichen Lebens beliebig von den Landes-Innenministern und MPs treiben lässt. An vorderster Front ausgerechnet sein Intimfeind Markus Söder, der so tut, als ob er Bundesinnenminister wäre.

Königin der Doofheit ist – natürlich mal wieder Saskia Esken, die offenbar immer noch nicht im geringsten begriffen hat, was für ein weltweites Problem gerade über uns gerauscht ist.

[…..] Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sieht die Einführung von Ausgangssperren angesichts der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus skeptisch. „Ich finde die Idee problematisch, weil dann womöglich der Lagerkoller droht - vor allem, wenn Kinder mit im Spiel sind“, sagte Esken dem „Handelsblatt“.
Den Vorschlag ihres Parteikollegen und niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius, wonach der Staat härter gegen die Verbreitung von Falschnachrichten in der Coronakrise vorgehen soll, sieht Esken ebenfalls kritisch. [….]
(SWP, 20.03.2020)

Zum Glück ist die SPD-Co-Vorsitzende schon nach so wenigen Monaten an der Spitze bundesweit als derartig irrelevante Dummschwätzerin bekannt, daß man sich höchstens in einem Nebensatz über sie echauffiert.

[…..] Wer in den letzten Tagen an einem bayerischen See die Radfahrer-Pulks sah, die Picknick-Gruppen, die Fußballspieler, die lustigen Burschen mit dem Biertragl, der sah auch ein Abbild des sorg- und verantwortungslosen Teils der Gesellschaft. Eigennutz ist alles, das Gemeinwohl scheint wenig zu zählen. Und wenn die SPD-Chefin Saskia Esken trotzdem glaubt, "die freiheitliche Gesellschaft" brauche keine Ausgangsbeschränkungen, dann hätte sie vielleicht etwas genauer hinschauen sollen in Berlin und in Freiburg, in München und in Stuttgart, bevor sie twitterte. […..]

Mein Dank gilt alles seriösen Medien, die seriöse SPD-Politiker wie Scholz und Heil zu Wort kommen lassen und insbesondere diejenigen Sozis, die von Haus aus Fachleute sind – der habilitierte Labormediziner Dr. med. Peter Tschentscher, oder Prof. Karl Lauterbach, der in Harvard Epidemiologie studierte – anhören.

Freitag, 20. März 2020

Ungleichzeitigkeit.


Diktaturen können sich so ganz anders anfühlen.

Eine meiner besten Freundinnen wurde 1918 in Wien geboren.
Als Hitler 1938 dort die Macht übernahm, war sie Studentin und bereits in einer Gruppe, die untergetauchte jüdische Professoren mit Lebensmitteln versorgte. Sie hasste Hitler, sah klar voraus in welchem Desaster das enden würde. Sie lebte bis 1945 einerseits in ständiger Furcht, brachte andererseits enormen Mut auf, um Regimegegnern zu helfen.
Eine meiner Tanten war nur drei Jahre jünger, erlebte ihre Kindheit in einem Hamburger Vorort. Die Machtübernahme Hitlers begann für sie 1933, als sie 11 Jahre alt war in völlig unpolitischen und eher sorglosen Verhältnissen.
Sie war ohnehin Spätentwicklerin und ein burschikoses Mädchen, das mit großer Begeisterung die BDM-Stationen durchlief und sich den vielen Wanderungen, Lagerfeuern und Zelttouren pudelwohl fühlte.
Es war etwas weit vom Schuss, von der Verdrängung jüdischer Geschäftsleute bekam sie kaum etwas mit und 1942, mit 20 Jahren, war sie vollkommen entsetzt, als ein ehemaliger Schulfreund auf Fronturlaub plötzlich sagte, der Krieg ginge sowieso verloren.
Sie war entsetzt, daß er an dem Führer zweifeln konnte.
Dabei lebte sie noch nicht mal in einer Nazi-Familie. Ihre eigenen Eltern verachteten Hitler, aber sprachen darüber nicht mit ihr. Sie lebte in einer Glücksblase.
Einmal begegnete ihrer Jungmädel-Schar bei einer Wanderung im Alstertal einer Gruppe weiblicher KZ-Häftlinge aus Neuengamme, die zu einem Arbeitseinsatz getrieben wurden. Sie war entsetzt, weil die so elend aussahen. Die ausgemergelten Frauen taten ihr unendlich leid, aber sie stellte deswegen keineswegs das System in Frage. Offenbar mussten die ja etwas furchtbar Schlimmes getan haben, um diese Strafe zu verdienen. So ihre Vermutung. Daß der Führer irgendetwas Unrechtes tun könnte kam ihr gar nicht in den Sinn.

Sie erzählte mir die Begebenheit später immer wieder, weil sie a posteriori ihre eigene Naivität gar nicht fassen konnte.
Als sie zum Ende des Krieges langsam begriff was die Nazis wirklich waren, beschloss sie nie wieder in ihrem Leben so dumm zu sein.
Und sie hielt sich daran, blieb bis zum Alter von 90 Jahren politisch sehr linksliberal, atheistisch und bürgerrechtlich engagiert.

Meine Wiener Freundin hingegen war nach 1945 so traumatisiert, daß sie fortan die Finger von Politik ließ und sich ganz den schöngeistigen Dingen hingab. Sie wurde eine exzellente Literaturkennerin, Opern- und Theaterliebhaberin.

Sie beide lernten sich erst mit über 70 Jahren kennen, tickten politisch zwar sehr ähnlich, aber ich staunte immer, daß diese beiden wachen, intelligenten Frauen, die beide ihre Jugend im Nationalsozialismus erlebten und fast gleich alt waren, vollkommen unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten.
Ich war eins dieser kontemplativen Blagen, die sich schon als Teenager fasziniert jedes Detail aus dem Krieg und der NS-Zeit erzählen ließen – aber schon bei diesen beiden Schilderungen gab es so gut wie nichts Deckungsgleiches.
Sie schienen aus anderen Universen zu stammen.

Der Gedanke, daß Diktaturen weniger einheitliche Zentralherrschaften sind als es im Geschichtsunterricht gelehrt wurde, kam mir wieder im „Wendejahr 1989“, als man in Lea Roshs legendären „Freitagnacht“-Talkshows das erste mal Leute wie Wolfgang Thierse, Regina Hildebrandt, Bärbel Bohley, Manfred Stolpe, Friedrich Schorlemmer und Co kennenlernte.
Selbst in der vergleichsweise kleinen DDR herrschte regionale Willkür.
Die damals aus kirchlichen SED-kritischen Gruppen zum „Neuen Forum“ und „Bündnis 90“-Jung-Politiker hatten völlig andere Erfahrungen gemacht.
Die promovierte Biologin Hildebrandt (1941-2001) war immer eine laute SED-Kritikerin, dachte gar nicht daran zur FDJ oder sonstigen Regime-freundlichen Organisationen zu gehen. Sie machte da einfach nicht mit, war aber enorm in ihrem Ostberliner Kirchenchor engagiert. Die Hauptstadt-SED nahm das offenbar hin. Man konnte im gewissen Rahmen eine SED-ferne Existenz mit den entsprechenden Freiheiten führen.
Dennoch konnte Hildebrandt Abitur machen und ihr Wunschfach studieren.
Wolf Biermann, nur gut vier Jahre älter als Hildebrandt und ebenfalls in Ost-Berlin lebend – sogar als Sohn einer überzeugten Kommunistin – hatte keine dieser Freiheiten. Ihn stufte die Stasi als gefährlich ein und veranstaltete eine gewaltige Totalüberwachung aller Personen, mit denen er auch nur entfernt Kontakt hatte.
Während also die Berliner Biologin Hildebrandt laut und unbehelligt im Kirchenchor sang, wurde quasi nur ein paar Straßen weiter der Sänger Biermann zum Staatsfeind gemacht und bekanntlich 1976 mitsamt seiner Partnerin Eva-Maria Hagen und kurz darauf auch ihrer Tochter Nina Hagen aus dem Land geworfen.
Auch die Bürgerrechtler aus der berühmten Leipziger Nikolaikirche konnten nur über Hildebrandts Erfahrungen mit dem SED-Regime staunen. Die örtliche Partei griff ganz anders durch bei engagierten Christen.
Wer nicht in die FDJ ging und sich von der Kirche lossagte, konnte nicht Abitur machen und studieren.
Sahra Wagenknecht stammt aus Jena, wuchs aber ebenfalls in Ostberlin auf. Sie war in der FDJ, machte 1988 auf der EOS „Albert Einstein“ in Berlin-Marzahn Abitur, war aber bei der vormilitärischen Ausbildung für Schüler nicht staatstreu genug. Daraufhin wurde sie als „nicht genügend aufgeschlossen fürs Kollektiv“ eingestuft, durfte natürlich nicht studieren und dazu verdonnert Sekretärin zu werden.

Vor zwei Tagen kam eine Bekannte von mir aus dem Skiurlaub in Österreich zurück nach Hamburg. Sie und ihre Kinder sind in freiwilliger Quarantäne in ihrer glücklicherweise großen Wohnung in „den Walddörfern“, aber knapp an Lebensmitteln, weil sie lange nicht zu Hause waren.
Um niemand anzustecken, versuchte sie bei REWE online eine Grundausstattung für die Familie zu bestellen, sammelte den virtuellen Warenkorb voll, klickte anschließend auf „Liefertermin auswählen“ und erhielt den nächsten Termin in drei Wochen.
Drei Wochen ohne Lebensmittel sind zu lang. Was also tun, wenn man als Österreich-Rückkehrer als Virenschleuder gilt, die Wohnung nicht verlassen soll, aber erst Mitte April Lebensmittel geliefert bekommen kann?
Als wir heute Abend telefonierten, staunte sie nicht schlecht wie es mir unterdessen ergangen war.
Ich habe ebenfalls seit einer Woche meine Wohnung nicht verlassen. Weniger weil ich nicht darf, sondern weil diverse Termine ausfielen und ich nicht musste. Zum Wochenende wurden auch meine Lebensmittel etwas knapp. Gestern, Donnerstag loggte ich mich ebenfalls bei Rewe.de ein.
Ich hätte zwar auch in den Laden fahren können, dachte aber, die Belegschaft wäre entlastet, wenn einer weniger in dem Gemuse rumsteht.
Online gab es einen Hinweis, daß ausnahmsweise einige Artikel nur in Mengenbeschränkung ausgegeben werden könnten.
Ich klickte großzügig in den Warenkorb, wurde aber nicht eingeschränkt.
Lieferzeitpunkt: Wie immer, gleich am nächsten Tag. Heute Abend, etwa 30 Minuten nach dem angegebenen Zeitfenster traf die Lieferung ein. Der junge Mann, der alles anschleppte hatte mich aber schon eine Stunde vorher angerufen und sich tausendmal entschuldigt, daß er ausnahmsweise nicht pünktlich sein könne. Ein extrem angenehmer, höflicher und sympathischer Zeitgenosse, der sich erneut entschuldigte, weil leider die gesalzene Butter, die ich bestellt hatte nicht da war und er mir stattdessen von derselben Marke die gesalzene Balance-Version eingepackt hätte.
Vormittags war ich bei meinem Gemüsehöker. Auch dort volle Regale, ausgesprochen freundliche Menschen und geduldig in dem neuerdings angeratenen Abstand wartenden Kunden.
Alle waren sich einig nun zusammen zu halten und sich nicht das Leben schwer zu machen.
Natürlich habe ich auch die Videos von den Irren in Deutschland gesehen, die sich in Discountern um Klopapier prügeln und in heillose Panik geraten, weil sie meinen bald verhungern zu müssen.
Meiner aus Österreich zurückgekommen Bekannten geht es ähnlich und ich kann es ihr nicht verdenken. Mit kleinen Kindern eingesperrt, nichts zu essen und auch noch finanzielle Sorgen, weil der kleine Laden, den sie mit ihrem Mann betreibt nun geschlossen bleiben muss und keinen Umsatz macht.
Etwa sieben Kilometer Luftlinie südlich von ihr, in meiner Nachbarschaft, sieht die Welt ganz anders aus.