Sonntag, 24. März 2019

SPD-Briefwechsel


Wenn es offiziell wird drücke ich mich natürlich etwas höflicher aus als in den Tammox-Rants und so schickte ich eine zivilisierter Version meines Wutanfalls nach dem letzten Klingbeil-Verdikt wider die Säkularen unter Klarnamen an die verschiedenen SPD-Gliederungen.
Der Hamburger Landesverband antwortete ebenso wenig wie der Parteivorstand oder gar Andrea Nahles selbst.

Zu Dokumentationszwecken veröffentliche ich den Wortlaut:

Meine lieben Genossen!

Vor zwei Wochen erhielt ich von meiner Hamburger Landeschefin Leonhard ein Glückwunsch-Schreiben zu meinem 25-Jährigen.
Dafür möchte ich mich bedanken und anlässlich dieses runden Datums ein paar Gedanken äußern.

Ich weiß noch genau aus welchen Gründen ich Anfang 1994 in die Partei eintrat, der ich mich ohnehin immer am engsten verbunden fühlte. Es war meiner Ansicht nach eine schwere Fehlentscheidung Rudolf Scharping zum Chef zu wählen. In einem Verfahren, das ohne einen zweiten Wahlgang offensichtlich auf ihn zugeschnitten war, um Gerd Schröder zu verhindern.
Hier in Hamburg hielten alle meine Freunde das für einen offensichtlichen groben Fehler und erklärten unter diesen Umständen nicht die SPD im 1994er Wahlkampf mit dieser absurden Troika, die von dem Schwächsten der drei geführt wurde, zu unterstützen. Uns schien die heißersehnte Möglichkeit Helmut Kohl endlich abzuwählen damit vertan. Und wir sollten Recht behalten.
Im Gegensatz zu meinen Altersgenossen, die sich frustriert von der SPD wegdrehten, dachte ich „jetzt erst recht!“ und trat in die Partei ein, weil ich fand, man müsse mitarbeiten, statt zu kritisieren.

Es kamen auch bald viel bessere Zeiten.
 1995 der Durchmarsch Lafontaines in Mannheim, als mir zum ersten mal auch meine JUSO-Chefin Nahles auffiel, die von einem Kamera-Team der Küppersbuschen WDR-Sendung „ZACK“ begleitet dort einmarschierte und theatralisch verkündete, es ginge nun darum „den Rudolf zu wählen!“
Ich konnte es nicht fassen. Wieso merkte ausgerechnet die Juso-Frau so gar nichts von der brodelnden Anti-Scharping-Stimmung in der SPD?
Es bedurfte nur einer hervorragenden Rede und weg war ihr Rudolf.
Leider sollte es in den folgenden zweieinhalb Dekaden zum Markenzeichen der heutigen Fraktions- und Parteivorsitzenden werden die Stimmung in der Partei spektakulär falsch einzuschätzen: Causa Müntefering/Wasserhövel, Außenminister Schulz, Maaßen-Beförderung – um nur drei eklatante Beispiele zu nennen.

Die Partei ist aber keine einzelne Person; es kamen tatsächlich viele bessere Momente.

1998 zum Beispiel.
Das war die Zeit, als ich stolz auf meine SPD war. Mutig, säkular und fortschrittlich gab sich die SPD-Regierung, das Kanzleramt geführt von einem der prominentesten Atheisten Deutschlands: Rolf Schwanitz.

Deutlich niedrigere Eingangssteuersätze (15% statt 26%!), Homo-Ehe, Zwangsarbeiterentschädigung, Staatsbürgerschaftsrecht, Ökosteuerreform, Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure, Atomausstieg, bis hin zu der Möglichkeit, daß Prostituierte sich krankenversichern lassen können, etc.
Besonders aber hat man Schröder für ewig dankbar zu sein, daß wir eben NICHT mit im Irak stecken, weil nämlich Schröder und Fischer sich mit aller Macht gegen Bush stemmten und schließlich den ganzen UN-Sicherheitsrat überzeugten, so daß USA und GB isoliert waren.

Oder 2011, als Olaf Scholz mit einer absoluten Mehrheit die schwarzgrüne-Chaos-Regierung in Hamburg wegfegte.

Ach Hamburg. Da hat man es schwer als SPD-Kritiker.

Hamburg verfügt über die vermutlich beste Landespartei der SPD, produziert die mit Abstand besten Wahlergebnisse, stellt mit dem introvertierten Wissenschaftler Peter Tschentscher einen sehr guten SPD-Bürgermeister, macht wirklich ausgezeichnete Stadtpolitik (Kriminalität und Arbeitslosigkeit auf Tiefststand, Flüchtlingsintegration klappt vorbildlich, sozialer Wohnungsbau boomt) und zudem ist Olaf Scholz‘ Nachfolgerin als Landeschefin, Melanie Leonhard, die 41-jährige promovierte Historikerin und Sozialsenatorin prima!
Hier bin ich gern Sozi.

Aber nach 25 Jahren Parteimitgliedschaft haben es Nahles und Klingbeil so weit gebracht, daß ich es fast nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen kann zahlendes Mitglied der Bundes-SPD zu sein nachdem seit Tagen das erneute Verbot eines säkularen Arbeitskreises durch die Presse geht.

[….] Wer nicht kirchlich orientiert ist, hat es schwer in der SPD: Die „Säkularen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen“ wollen einen Arbeitskreis in der Partei gründen – so wie Christen, Muslime und jüdische Genossen jeweils einen haben. Aber die weltlich Gesinnten dürfen nicht. Mehr noch: Generalsekretär Lars Klingbeil verbietet ihnen mit Hinweis auf die Parteijustiziarin, sich als „Sozialdemokraten“ auszugeben. „Das gilt auch für öffentliche Auftritte, zum Beispiel im Internet“ schreibt Klingbeil in einem Brief an die Gruppe, welcher der F.A.Z. vorliegt. [….]

Ich kann noch nicht mal sagen angesichts dieser Ungeheuerlichkeit fassungslos zu sein; schließlich ist mir der hartnäckige Katholizismus der Parteichefin und mehrerer anderer Parteiprominenter (Thierse, Griese) lange bekannt.

Erst vor einem Monat machte sich Andrea Nahles gehässig und brutal über die Zehntausenden von katholischen Priestern missbrauchten Kinder lustig, indem sie während des Vatikanischen Missbrauchsgipfels den Papst, der demonstrativ Pädophilenschützer wie Babarin unterstützt und sich weigert Strukturen zu ändern, so daß jetzt weiterhin Kinder durch Priester missbraucht werden, lobte:

 [….] Auch in der katholischen Kirche werde es irgendwann einmal Priesterinnen geben, versicherte sie und warb für Verständnis, dass eine Weltkirche nicht schnell zu reformieren sei. "Erst vor einigen Jahren hat der Papst offiziell festgestellt, dass es keine Lindwürmer gibt. Manchmal braucht das etwas." [….]

Manchmal braucht es etwas, lacht die SPD-Vorsitzende die weltweit über 100.000 von Priestern missbrauchten Opfer aus und verteidigt den Mann, der dafür sorgt, daß weiterhin die RKK-Strukturen Pädophile anziehen.
Wie ist es nur möglich, daß eine Sozialdemokratin so vollkommen gefühllos und mitleidslos spricht?

Nahles ist keine Privatkatholikin sondern zwingt ihre antihumanistischen Überzeugungen auch anderen auf.
Das ist leider typisch für Religion; sie beinhaltet Intoleranz und steht dem Pluralismus im Weg.
Wer nicht so denkt wie Nahles und Klingbeil, darf sich nun noch nicht mal mehr „Sozialdemokrat“ nennen. Das widerspricht so ziemlich allem was ich unter plural und aufgeklärt verstehe.
Hätten sich Sozialdemokraten in den letzten 150 Jahren immer so an die katholische Kirche geklammert wie Nahles, gäbe es heute noch kein Frauenwahlrecht und Kinderarbeit.
Katholikin Nahles hat offensichtlich Angst vor Argumenten, weil sie ihrer religiösen „wir sind besser als die“-Ideologie frönt, die es grundsätzlich ausschließt, daß auch andere Recht haben könnten.

Evolutionäre Humanisten wie ich, die Nahles und Klingbeil in der SPD verbieten,  verfolgen genau den diametral entgegengesetzten Weg: Wir argumentieren, diskutieren und sind immer bereit eine These zu Gunsten einer Besseren aufzugeben. Es gibt immer mal wieder neue Themenfelder, die Humanisten vor 100 Jahren noch nicht in den Sinn kamen – Tierrechte, Verbot der Kinderarbeit, §218, Frauenrechte, Beschneidungsverbot, Transident-Ehe – die wir aber in unsere Agenda integrierten.
Möglicherweise gibt es im Jahr 2119 Sozialdemokraten, die sich wundern, daß die Humanisten von heute an für sie ganz wichtige Themen noch gar nicht dachten.
Bei Kirchisten verbietet sich dieser evolutionäre Ansatz; sie haben schon vor 2.000 Jahren ex cathedra gehört was das einzig Richtige ist. Für sie gilt die Bibel, in der Jesus den Sklaven vernietet sich gegen ihre Besitzer aufzulehnen, den Frauen gebietet in der Gemeinde zu schweigen, den Hass auf Juden ausdrückt.

Eine ungeheuerliche Demütigung, daß ausgerechnet die traditionell kirchenfernen Sozialdemokraten, die sich gegen die der Obrigkeit verpflichteten Pfaffen stellten, nun von einer religiösen Extremistin geführt werden.

Als säkularer Sozialdemokrat, als Humanist, trete ich für die Rechte von Religiösen ein, würde immer dafür kämpfen, daß jeder glauben darf was er möchte, daß jeder privat so katholisch sein kann wie er will.
Das sind sozialdemokratische Werte: Toleranz, Freiheit, Solidarität.
Der katholische Parteivorstand hingegen agiert diametral umgekehrt: Er setzt sich nicht nur nicht für die Freiheit etwas anderes zu glauben ein, sondern verbietet ausdrücklich Gedankenfreiheit, will Säkulare per order di mufti auf Kurs bringen.

Dabei sind wir Säkulare im Gegensatz zu Katholiken nicht mit einer schwulenfeindlichen, frauenfeindlichen Ideologie verknüpft, die allein in Deutschland Zehntausende Kinder quälte und missbrauchte.
Und ganz nebenbei bemerkt, wir Säkularen sind eine relative Mehrheit in Deutschland. Es gibt mehr deutsche Konfessionslose als Katholiken und wir werden jedes Jahr mehr.
Und wir wenden uns von der SPD ab.

Ich würde jederzeit dafür kämpfen, daß eine SPD-Vorsitzende Katholikin sein darf, aber sie darf nicht anderen ihre metaphysischen Überzeugungen aufzwingen und andere ausgrenzen.

2019 ist offenbar die religiöse Wende vollzogen, die Parteispitze der SPD ist sicher nichts mehr, auf das man stolz wäre. Die Kirchen-Mitglieder haben übernommen. Statt bei Schröders bundesweiten 41% liegen wir nun bei 15%.

Kein Wunder, denn das Überstülpen von Klerikalen freiheitsfeindlichen Ansichten, die von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden – ich nenne nur Verbot der Sterbehilfe, Einschränkungen bei der Patientenverfügung, Beschneidungsdebatte – treibt die Menschen von der SPD weg.

Die bedeutenden sozialdemokratischen Intellektuellen Ingrid Matthäus-Maier und Rolf Schwanitz werden kalt gestellt und dafür kommt nun die rheinisch-schlichte katholische Karnevals-Fraktion.
Projekt Fünfprozenthürde?

Die Konfessionslosen sind heute nicht nur heimatlos; sie werden von ostentativ frommen Führungsfiguren der SPD-Parteiführung abgeschreckt.

Ich glaube nicht, daß ich noch SPD-Mitglied bin, wenn ein nächstes rundes Datum anstünde, zu dem eine Landesvorsitzende einen Glückwunschbrief schreiben würde.

Mit freundlichen Grüßen

Immerhin eine Reaktion gab es.
Vom Generalsekretär Lars Klingbeil.

(….)
vielen Dank für die Mail und die damit verbundene Nachfrage! Es ist immer wichtig, sich direkt auszutauschen, damit kein falscher Eindruck entsteht.

Die Mitglieder der SPD gehören unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften an und es gibt auch viele konfessionsfreie Menschen in der SPD. Alle sind herzlich eingeladen, sich in der SPD zu beteiligen.

Die Nutzung des Parteilogos und des Namens der SPD allerdings ist klar geregelt. Grundsätzlich steht die Nutzung neben unseren Funktions- und Mandatsträger*innen im Rahmen der Parteiarbeit nur offiziellen Organisationseinheiten und Gremien zu. Und welche das sind, darüber entscheide nicht ich, sondern ein Parteitag oder der Parteivorstand. Für die Einhaltung dieser Regeln bin ich als Generalsekretär verantwortlich.

Als SPD bekennen wir uns zum jüdisch-christlichen und humanistischen Erbe Europas und zur Toleranz in Fragen des Glaubens. Grundlage und Maßstab dafür ist unsere Verfassung. Kernanliegen der „Säkularen Sozis“ ist die strikte Trennung von Kirche und Staat. Das ist eine legitime Position. Es ist allerdings nicht die Position der SPD, so wie es auch nicht die Position des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist. 2011 hat der SPD-Parteivorstand daher die Einrichtung eines laizistischen Arbeitskreises einstimmig abgelehnt.

Natürlich darf sich jeder der säkularen Mitstreiterinnen und Mitstreiter Sozialdemokrat nennen, so wie alle Mitglieder der SPD. Wo kämen wir denn da hin? Nur die säkulare Gruppierung, die nicht offiziell von der Partei als Arbeitskreis anerkannt wird, darf die Bezeichnung SPD sowie Sozialdemokrat nicht verwenden. Gegen die Bezeichnung „Säkulare Sozis“ bestehen z.B. hingegen keine Bedenken. Diese Regeln gelten selbstverständlich für alle.

Ich habe den säkularen Sozis vor gewisser Zeit zur Klärung des Sachverhalts ein Gesprächsangebot gemacht, das bisher nicht angenommen wurde. Vielleicht nutzt die aktuelle Debatte, den Gesprächsfaden doch noch einmal aufzunehmen. Ich würde es mir wünschen.

Beste Grüße
Lars

Lars Klingbeil
Generalsekretär

SPD-Parteivorstand
Willy-Brandt-Haus
Wilhelmstraße 141
10963 Berlin


Samstag, 23. März 2019

Weihnachten für Amerikas Linke?



Die Mueller-Probe ist fertig.
Der Bericht wird sicherlich die nächsten Wochen die Agenda bestimmen.
Die Republikaner werden alles versuchen, um möglichst viel davon verschwinden lassen, aber wie man hört, soll Mueller schon Teile an untergeordnete Staatsanwaltschaften weitergeleitet haben.
Amerikas Politanalysten reden über nichts anderes mehr, kommentieren, verdammen und loben den Report, von dem sie alle noch keine einzige Zeile gelesen haben.
Es ist die Zeit der Spin-Doktoren.


Anklagen gegen 32 Menschen resultierten aus Mueller Untersuchungen, sechs Menschen aus Trumps innerstem Kreis sitzen im Knast, ein brutal effektiver Bericht und dennoch bezeichnete Trump den gesamten Vorgang 170 mal als „Witch-hunt.“


Das ist Amerika 2019: Fakten spielen keine Rolle mehr, Trump hat es geschafft die Hälfte der USA in eine fiktive Parallelwelt zu tweeten, in der nicht mal mehr physikalische Gesetze gelten.
Jeder einzelne Abgeordnete der Republikaner verklebt sich sofort Augen und Ohren mit Scheiße, wenn er mit der Realität konfrontiert wird, zieht die Hosen runter, beugt sich vorn über und lässt sich von Trump rapen.


Daher habe ich auch wiederholt geschrieben wie sehr ich mit Mueller hadere.
Was wäre wenn er einen echten Rücktritts-, bzw Impeachment-Grund findet, der tatsächlich Trumps Amtszeit vorzeitig beendete?
60 Millionen vollkommen fanatisierte Amerikaner würden es für eine liberale Deep-State-Verschwörung halten. #45 würde unweigerlich zum Märtyrer, eine gewaltige Dolchstoßlegende entstünde.
Die USA wären auf Dauer in unversöhnlichen Hass zweier Fraktionen gespalten. Kein demokratischer Amtsinhaber könnte die Anerkennung Trumpmericas erarbeiten. Trumps eliminatorisches Destruktionswerk bestünde lange fort.
Daher bevorzuge ich, ähnlich wie beim Brexit eine volle vierjährige Amtszeit Trumps, bei der er hoffentlich einen derartigen ökonomischen Schaden anrichtet, daß die Majorität seiner Wähler einsieht sich geirrt zu haben.
Wahlen wären das bessere, überzeugendere und effektivere Mittel Trump loszuwerden.
Eigentlich.
Uneigentlich ist seine Präsidentschaft aber derart toxisch, daß schon jetzt eine Rückkehr zur Normalität mit „Checks And Balance“ fast unmöglich scheint.
Politiker unterschiedlicher Parteien, die im Kongress miteinander ringen, um in Kompromissen das Beste für das Land auszutüfteln?
Was Jahrhunderte funktionierte, dürfte in der Post-Trump-Phase unmöglich sein.
Die GOP ist viel zu extrem geworden und hat überdeutlich immer wieder gezeigt, daß sie nicht verlässlich ist und sich vollständig von der Realität entkoppelt hat.

Jeder Tag, den Trump regiert nagt an Amerikas Substanz; möglicherweise ist nichts mehr übrig, wenn vier Jahre um sind.

[….] A recent study by scholars from the University of North Texas has shown that “counties that had hosted a 2016 Trump campaign rally saw a 226 percent increase in reported hate crimes over comparable counties that did not host such a rally.”
We already knew that U.S. hate crimes have been on the rise since Trump’s election. Even though the president’s spokespeople falsely claim that he doesn’t support political violence, he continues making barely veiled threats to his political opponents.
But this is the first study to quantify how Trump’s very presence might increase animus against marginalized people (though researchers stop short of claiming causation). [….]

Zudem, ist der außenpolitische Schaden, den dieser völlig bornierte Rechtsextremist anrichtet kaum noch umkehrbar.



Gezielt fördert Trump die Rechtsextremen weltweit, tut alles dafür den Friedensprozess im Nahen Osten unmöglich zu machen, hofiert die Kriegstreiber.

[….] Donald Trump will die von Israel annektierten Golanhöhen anerkennen [….] Völkerrechtlich betrachtet ist dies ein grober Rechtsbruch: Israel hat den strategisch wichtigen Bergzug 1967 erobert und 1981 rechtswidrig annektiert. Dies offiziell abzusegnen, verbietet sich jedem, der an den Wert internationalen Rechts glaubt. Was Trump wohl nicht tut.
Auch politisch ist der Schritt eine Riesendummheit. Kaum irgendwo sind die Verhältnisse so explosiv wie in Nahost. Statt den fragilen Zustand rund um Israel nicht anzurühren und Verhandlungslösungen zu suchen, erkennt Trump erst Jerusalem als Hauptstadt an und gibt Israel nun noch den Freibrief für den Golan. Trump zündelt, als ob er nicht wüsste, dass die Zeichen ohnehin längst auf neue Konflikte deuten - mit Iran, in Syrien, in Kurdistan. [….]

Vielleicht bleibt keine Zeit mehr bist zur Wahl im November 2020 zu warten.
Möglicherweise wird #45 auch wieder gewählt.
Und wenn ein Demokrat ihn schlägt, bleibt fraglich, ob Trump und seine fanatischen Wirklichkeitsantagonisten das Wahlergebnis anerkennen.

Freitag, 22. März 2019

Am Pranger


Zum Weltbild der Rechtsradikalen gehört es nicht nur Andersdenkende zu bekämpfen, sondern auch Andersglaubende, Andersfühlende, Andersaussehende, Andersliebende.
Sie frönen einem sehr primitiven, nivellierenden Weltbild, in dem jeder genauso sein soll wie sie, in dem kein Platz ist für Extravaganz und Unruhe.
Daher lieben Rechtsextreme Uniformen, Uniformität, Einheitsfrisuren und fürchten sich vor Diversität. Wer sich nicht total anpasst, ist ihnen verdächtig.
Multikultur ist ihnen ein Graus, sie streben nach dem Einheitsmensch, dessen Parameter von einer allmächtigen Führung bestimmt werden.
Die Kombination aus Obrigkeitskult und der Lust an Homogenität führt dazu, daß in allen faschistischen Staaten schon die Jugend vereinheitlicht wird, Adoleszente in paramilitärische Strukturen gepresst und Widerborstige hart sanktioniert werden. Sie wünschen sich den Schablonen-Menschen, der immer blond, gesund, national gesinnt, heterosexuell und christlich ist.
Der feuchte Traum eines Rechtsextremen manifestiert sich in Leni Riefenstahls Parteitagsfilmen, in denen endlose akkurate Reihen von Menschen, denen jegliche Individualität ausgetrieben wurde, einem Führer frönen.
Ein typisches Kennzeichen rechtsradikaler Gesinnung ist die Lust am melden, anschwärzen, denunzieren. Sie wünschen sich eine Institution wie die Gestapo und versuchen aus Ermangelung Derselben das Internet als Onlinepranger zu nutzen.
Daher ist es nur folgerichtig, daß die AfD in allen Landesverbänden Meldeportale einrichtete, mit denen sie Schüler zur Denunziation all dessen auffordert, das nicht in ihr primitives Weltbild passt.

[….] Die AfD hat bundesweit Aufregung und Kritik mit ihrem "Informationsportal Neutrale Schulen Hamburg" hervorgerufen. Die rechtspopulistische Partei wirft Lehrerinnen und Lehrern unter anderem vor, das staatliche Neutralitätsgebot im Umgang mit der AfD zu verletzen. Das "Angebot" der AfD: Eltern und Schüler können über die "mutmaßlichen Verstöße" über ein Kontaktformular an die AfD berichten. Dafür startete die AfD in mehreren deutschen Städten Online-Meldeportale. [….]

Der Berliner Urinduscher Berger begeistert sich selbstverständlich auch für das Denunzieren und berichtet als selbsternannter Führer der „freien Medien“ entzückt von den Erfolgen der Meldemuschis seiner Partei.

[….] Internetportal „Neutrale Schule“: Erste Erfolge im Einsatz gegen linksextreme Propaganda an Schulen
Der Hinweis eines Schülers auf dem Internetportal „Neutrale Schule“ sowie eine kleine Anfrage der AfD-Bürgerschaftsfraktion haben dazu geführt, dass die Hamburger Schulaufsicht eine Ortsbegehung an der Ida-Ehre-Schule im Stadtteil Eimsbüttel durchführen musste.
Aushänge und Werbeaufkleber der gewaltbereiten und vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppierung „Antifa Altona Ost“ mussten daraufhin entfernt werden. Diese Vorgänge zeigen:
An Hamburger Schulen konnten offenbar linksextremistische Gruppierungen ihr verfassungsfeindliches Gedankengut ungehindert verbreiten. Und: Es war allerhöchste Zeit, dass hier ein Meldeportal eingeführt wurde.
Der Hamburger Bundestagsabgeordnete und Erste Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, Baumann äußerte sich zufrieden mit den ersten Erfolgen. [….]

Die faschistoiden Pipi-Epigonen im Kommentarbereich bekamen ob dieser Meldung sofort vermehrten Speichelfluss.



Ein toller Erfolg für die Rechten, die sich nun selbst ausgiebig beglückwünschen.

Einziger kleiner Schönheitsfehler: An der Geschichte ist rein gar nichts dran.
Der inkriminierte Aufkleber war Teil des Gemeinschaftskundeunterrichts einer 12. Klasse, in dem auf einer als „Meinungswand" gestalteten Fläche Dutzende Aufkleber, wie z.B. „Bier für mich, Tequila für Haiti" oder „I am not a nugget" oder „Viva la Bernie" und auch der Antifa-Sticker prangte, um Parteienprofile zu erstellen. Es sollte diskutiert werden welche künstlerischen Zugänge zum politischen Handeln existieren.

[…..] AfD-Petze wird zum Bumerang: Schüler solidarisieren sich mit Ida-Ehre-Schule.
Das nennt man wohl ein klassisches Eigentor. Die AfD hatte einen vermeintlichen Erfolg mit ihrem Petz-Portal erzielt und von Antifa-Stickern in der Ida-Ehre-Schule (Hoheluft-Ost) erfahren. Über die zugehörige Senatsanfrage der Partei berichteten die Medien. Jetzt der Bumerang: Schüler des Gymnasium Allee (Altona) solidarisieren sich mit der Ida-Ehre-Schule. Und deren Schulleitung stellt klar: die Sticker waren ganz normaler Teil des Politik-Unterrichts.
„Wir, die Schüler*innen des Gymnasium Alllee, solidarisieren uns mit den von der AfD diffamierten Schüler*innen und Lehrer*innen der Ida-Ehre-Schule“, heißt es im Statement der Altonaer Schüler. Dazu gibt es ein Foto, das eine offenbar recht große Zahl von Schülern zeigt. In der Hand Antifa-Sticker, die ja der Stein des Anstoßes waren, im Vordergrund ein großes Banner mit der Aufschrift „Antifa Area überall“. Sich gegen Rassismus und soziale Missstände auszusprechen sei eben kein Linksextremismus, sondern selbstverständlich, heißt es in dem Statement weiter..
Auch die Leitung der Ida-Ehre-Schule hat sich mit einer Stellungnahme positioniert. […..] Worauf die Schulleitung allerdings mit Stolz verweist, ist die politische, antifaschistische Tradition der Schule. Schwester und Mutter der jüdischen Schauspielerin Ida Ehre waren im KZ gestorben. [….]



Wieder einmal erweist sich Hamburg, wo die AfD bei Umfragen unter 5% liegt als schwieriges Pflaster für die Hobby-Nazis. Sie erreichten, wieder einmal, das Gegenteil: Nun solidarisieren sich andere Schulen mit der Ida-Ehre-Schule (IES), demonstrieren gegen die AfD und stellen klar, daß Antifaschismus nicht etwa linksextrem, sondern allgemeingültig ist.



[….]  Hamburgs DGB-Gewerkschaften erklären sich solidarisch mit Schüler*innen, Lehrer*innen und Schulleitung der Ida Ehre Schule und schließen sich einer Stellungnahme der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an.
Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger: „Nicht Antifaschismus ist das Problem, sondern Faschismus. In Anbetracht der deutschen Geschichte ist es unfassbar, dass Menschen mit einer antifaschistischen Haltung sich in dem Ausmaß rechtfertigen müssen, weil eine rechtspopulistische Partei Druck aufbaut. Als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter reihen wir uns ein bei den vielen, die sich jetzt hinter die Akteure an der Ida Ehre Schule stellen. Eine antifaschistische Haltung gehört zu unserer DNA, die wir tagtäglich in den Betrieben und auf der Straße leben. Alle Beteiligten Institutionen, die die Diskussion um die Ida Ehre Schule losgetreten haben, sollten sich kritisch hinterfragen. Antifaschismus in eine linksextremistische Krawallecke zu stellen ist genau das, was die AfD will. Dabei darf man ihr nicht helfen. Das Meldeportal der Partei lehnen wir nach wie vor ab, denn wir wollen keine Stadt der Denunzianten.“ [….]

Sogar das konservative Hamburger Abendblatt senkt verwundert die Daumen über die AfD-Dümmlichkeit. Und leider auch das Versagen der Schulbehörde, die tatsächlich eingeschritten war, um den Aufkleber zu entfernen.
Nun sind die Eltern empört.


[….]  Die Schulbehörde mache sich „in einem ersten Reflex auf die Initiative der AfD auf die Suche nach den Antifaschist*innen“, heißt es in einer am Donnerstag verbreiteten Erklärung von Eltern der IES. „Wir hätten uns gewünscht, dass eine Behörde dieses Thema eher zum Anlass nimmt, Schüler*innen und Lehrer*innen zu schützen und sich klar gegen Denunziation von rechts positioniert. Als Eltern unterstützen wir unsere Kinder und die Lehrer*innen in ihrem Engagement gegen Faschismus und fordern eine klare Positionierung der Schulbehörde.“
Auch einige Medien betrachteten „die Denunziationsplattform der AfD nun als normale Bezugsquelle von Informationen“, so die Kritik. Dabei erinnere dieses an „Denunziationsstrategien in der NS-Zeit“, so die Elternerklärung, für die derzeit weitere Unterschriften gesammelt werden. „Schon vor 1933 legten die Nazis Listen an, auf deren Grundlage nach der Machtübernahme Tausende verhaftet und ermordet wurden.“
[…..] „Kunstunterricht als offenes Experiment ermutigt Schüler, durch mitunter ungewöhnliche Impulse eigenes einzubringen und Neues zu entwickeln“, sagte Birte Abel-Danlowski, Mutter einer IES-Schülerin und selbst Kunstpädagogin und Autorin, dem Abendblatt. „Solche Prozesse arbeiten mit widersprüchlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen jenseits von Standards. Sie setzen darauf, das kritische Denken der Schüler über selbstständiges Entdecken, nicht über Belehrung, zu fördern und eigene kreative Lösungen anzustoßen. Damit leistet der Kunstunterricht einen wesentlichen Beitrag zur Demokratie-Erziehung.“ […..]

Unnötig zu erwähnen, daß der Urinduscher selbst natürlich auch die einfachsten Formen journalistischen Anstands ignoriert, auf seinem Pipi-Blog nichts richtigstellt und weiterhin seine Lügen auftischt.