Samstag, 10. März 2018

Neues von David Dunning.

Das ist schon mal wieder ziemlich lustig, daß sich der orangehaarige Depp im Weißen Haus in der Stormy-Daniels-Hushmoney-Affäre das Pseudonym „David Dennison“ gab und damit an „David Dunning“ erinnerte, dessen berühmteste Entdeckung, der Dunning-Kruger-Effekt zwar schon 1999 publiziert wurde, aber erst mit der Präsidentschaft Trumps in der Realität inkarniert wurde.

[….] Beim Dunning-Kruger-Effekt handelt es sich um eine kognitive Verzerrung, 1999 publiziert von David Dunning und Justin Kruger an der Cornell University. Ihre Studie liefert folgende Ergebnisse: Personen mit zu geringer Sach- bzw. Fachkompetenz neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Gleichzeitig sind sie nicht in der Lage, höhere Fähigkeiten anderer zu erkennen. Zudem sind sie für das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz blind. [….]

Roland Nelles vom SPIEGEL erklärte gestern die politische Bedeutung der Affäre und dürfte dabei den weltgrößten Euphemismus kreiert haben:

[….] Da ist einmal die Frage der Glaubwürdigkeit. Trump äußert sich bislang nicht zu der Angelegenheit, lässt aber mitteilen, die Affären-Geschichte von Frau Daniels sei natürlich nicht wahr. Nur: Wenn es damals am Lake Tahoe am Rande eines Promi-Golfturniers tatsächlich nicht zu Sex zwischen Trump und dem Pornostar gekommen sein soll, hätte es eigentlich nie eine Schweige-Vereinbarung gebraucht.
Es gibt sie aber ganz offenkundig. Vieles spricht dafür, dass Trumps Anwalt Cohen die Vereinbarung tatsächlich abgeschlossen hat. Er hat jedenfalls öffentlich eingeräumt, die 130.000 Dollar über eine Briefkastenfirma an Stormy Daniels gezahlt zu haben. Das macht Trumps Position, es habe nie eine Affäre gegeben, mindestens unglaubwürdig. Stormy Daniels' Anwalt Michael Avenatti wird zudem nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es "absurd" sei, anzunehmen, Trump habe von der Vereinbarung zwischen seinem Anwalt Cohen und Daniels nichts gewusst.
Trump, der schon häufiger ein problematisches Verhältnis zur Wahrheit gezeigt hat, erscheint somit einmal mehr als Trickser und Täuscher. [….]

„Problematisches Verhältnis zur Wahrheit“?
Ja, das kann man wohl ohne zu übertreiben über einen Mann schreiben, dem innerhalb eines Jahres genau 2.140 Lügen nachgewiesen und dokumentiert wurden.


Beim letzten WaPo-Update am 01.03.2018 lag Trumps Lügen-Count bei 2.436.
Die allergrößte Glaubwürdigkeit sollte man dem US-Präsidenten vielleicht nicht mehr zubilligen.

David Dunning (University of Michigan) und Carmen Sanchez von der Cornell University zeigen nun in einer neuen Studie, die sie im Fachmagazin Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichten, daß es gerade Anfänger sind, die sich am meisten überschätzen.

[…..] Ausgerechnet die größten Nichtsnutze überschätzen ihre Fähigkeiten oft besonders stark und halten sich für die Größten. Warum es ihnen an Gespür dafür mangelt, was sie nicht wissen. [….]

Sogar Trump dürfte ganz am Anfang seines Wahlsieges ein wenig vorsichtig ob der gewaltigen Macht gewesen sein. Er ließ sich von Xi und Putin beeindrucken.
Aber nach ganz kurzer Zeit hält er sich schon für den erfolgreichsten Präsidenten aller Zeiten und macht sich ohne die geringste Sachkenntnis an die ganz großen Brocken – internationaler Handel, Atomkonflikte – heran.

Er befindet sich demnach in der Anfänger-Phase, die nach Sanchez und Dunning von Hybris und Prahlerei gekennzeichnet ist, wenn man ein Idiot wie Trump ist.

[….] Sobald sie aber erste bescheidene Erfahrungen gesammelt haben, verlieren sie schnell die Bodenhaftung. In den Versuchen der Psychologen überschätzten die meisten Teilnehmer ihre Leistungen teilweise gravierend, sobald sie etwas Wissen angesammelt hatten - so wie ein Berufseinsteiger, der die ersten Schritte hinter sich hat. Erst mit wachsender Erfahrung schwächt sich die Hybris wieder ab, die Lücke zwischen tatsächlicher Leistung und dem Geprahle darüber verringert sich. "Was den Hang zur Selbstüberschätzung betrifft", schreiben Sanchez und Dunning, "sind erste Lernerfolge also eine gefährliche Sache."
Häufig sind es ausgerechnet die größten Pfeifen, die sich am meisten zutrauen: Den Beteiligten mangelt es an Gespür dafür, was sie nicht wissen - woraus sich grobe Selbstüberschätzung speist. [….]

Mustergültig demonstriert Herr Drumpf den Dunning-Kruger-Effekt gerade gegenüber Nordkorea.
Bar jeder Hintergrundkenntnis und völlig blind für die Gefahren, die er eingeht, glaubt er mal eben mit einem Gespräch 70 Jahre Korea-Konflikt abräumen zu können.

Xi erklärte Trump letztes Jahr in Mar A Lago zwar zehn Minuten am Stück koreanische Geschichte, aber bei der maximal 60-skündigen Aufmerksamkeitsspanne des US-Präsidenten dürfte nicht so viel hängen geblieben sein.

(….) In den westlichen Medien hieß es immer „der irre Kim“, bevor zunehmend auch Trump als „irre“ betrachtet wird.
Aber abgesehen von der Personalie Trump, blicken wir alle durch die amerikanische Brille auf Nordkorea.
Die Perspektive Pjöngjangs wird gar nicht erst untersucht.

250.000 Amerikaner leben in Südkorea.
Der dem US Pacific Command (PACOM) unterstehende Großverband United States Forces Korea (USFK) steht seit 1957 mit mindestens 30.000 Mann direkt an der nordkoreanischen Grenze.

Man stelle sich für eine Minute vor, 30.000 bis an die Zähne bewaffnete nordkoreanische Elitesoldaten stünden in Mexiko direkt an der Südgrenze der USA.

Man stelle sich vor, dieser nordkoreanische Großverband stünde nicht nur drohend da, sondern hätte zuvor bereits auf US-Staatsgebiet gewütet, wie es die Amerikaner in Nordkorea taten.

[…..]  Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan eingetreten, die Kolonialmacht in Korea. Die Rote Armee rückte im August 1945 schnell nach Süden vor. Die USA fürchteten, Stalin könnte ganz Korea unter seine Kontrolle bekommen, sie definierte deshalb die südliche Hälfte der Halbinsel als ihre Einflusssphäre, mit dem 38. Breitengrad als Grenzlinie. Noch heute ist sie die innerkoreanische Grenze.
Im Koreakrieg starben allein im Norden etwa 1,5 Millionen Menschen
Dabei war niemandem in Washington bewusst, dass die verhasste Kolonialmacht Japan diese Linie schon einmal 1896 als Grenze von Einflusssphären definiert hatte, damals mit dem Zarenreich. Nach seinem Sieg im russisch-japanischen Krieg 1905 machte Tokio dann die Halbinsel, die strategische Mitte Nordostasiens, nach der auch Russland und China gegriffen hatten, zu seinem Protektorat, 1910 zur Kolonie. […..] Der Zweite Weltkrieg befreite Korea von den japanischen Besatzern, aber er spaltete es auch. Gespräche, das besetzte Land zu vereinen, scheiterten. […..]  Kim Il-sung, den Großvater des heutigen Machthabers […..] hatte sich im Widerstand gegen die Japaner einen Namen gemacht und später in der Roten Armee gedient. Nordkorea beanspruchte das Erbe dieses Widerstands von Anfang an für sich. […..] Am 25. Juni 1950 marschierte Kim Il-sung nach Südkorea ein, um das ganze Land unter seine Kontrolle zu bringen. Binnen weniger Wochen kontrollierten seine Truppen fast die ganze Halbinsel. Dann aber landete US-General Douglas MacArthur, gestützt durch ein Mandat der UN, im September 1950 und fiel den Nordkoreanern in die Flanke. […..]  Ein übler Vernichtungskrieg folgte, bei dem die Amerikaner alle Städte Nordkoreas zerstörten. Sie warfen 635 000 Tonnen Bomben über dem kleinen Land ab, mehr als im Zweiten Weltkrieg in allen Schlachten um den Pazifik. Etwa 1,5 Millionen Nordkoreaner kamen ums Leben. Die Frontlinie jedoch verschob sich kaum mehr. [….]   

Nachdem die USA 635.000 Tonnen Bomben über Korea abwarfen und 1,5 Millionen Koreaner töteten, die sich gegen die brutale japanische Besatzungsmacht erhoben hatten, liebte das koreanische Volk die Amerikaner nicht besonders.
Soviel Geschichtsbewußtsein ist notwendig für US-Amerikaner. Trump weiß darüber höchstwahrscheinlich gar nichts.

Was will Nordkorea eigentlich?

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
(Egon Bahr)

Pjöngjang will sicher vor dem USFK sein, es möchte auf Augenhöhe mit den anderen Staaten agieren und sein Regime erhalten.

Bill Clinton hatte das erkannt und ging vorsichtigen Schrittes auf Kim Jong Il zu.
Es setzte fast schon sowas wie Entspannung ein, denn Pjöngjang hatte nach dem Ausfall der Sowjetunion als Schutzmacht und Lebensmittelieferant mit einer gewaltigen ökonomischen Krise, sogar Hungersnöten zu kämpfen und lechzte nach Hilfe.

Clinton entschied mutig und richtig; diplomatisches Tauwetter setzte ein und gipfelte im erfolgreichen Besuch der US-Außenministerin in Nordkorea im Jahr 2000.

[…..] Zum ersten Besuch eines hochrangigen US-Regierungsmitglieds seit dem Koreakrieg vor einem halben Jahrhundert ist US-Außenministerin Madeleine Albright am Montag in Nordkorea eingetroffen.
Der nordkoreanische Vizeaußenminister Kim Gye Gwan begrüßte Albright am Sunan-Flughafen von Pjöngjang. Albright, die auch Machthaber Kim Jong Il treffen wird, will sich von der Ernsthaftigkeit der nordkoreanischen
Führung überzeugen, das Land aus seiner Jahrzehnte alten Isolation
herauszuführen.
   Ausreichende Zugeständnisse Nordkoreas bei seinen Raketen- und Nuklearprogrammen und seiner Haltung zum internationalen Terrorismus
könnten den Weg ebnen für einen möglichen Besuch von US-Präsident
Bill Clinton in Pjöngjang Mitte November. Auf dem Weg vom Flughafen
zum Mausoleum des 1994 gestorbenen «Großen Führers» Kim Il Sung, dem Vater des heutigen Machthabers, führte Albright ein 15-minütiges Telefongespräch mit ihrem japanischen Amtskollegen Yohei Kono.
   Dabei äußerte Kono laut Beamten des Außenministeriums in Tokio Japans Sorge über das Raketenprogramm sowie die mutmaßliche Entführung von Japanern durch nordkoreanische Agenten. Albright soll
Kono zugesagt haben, ihn am Mittwoch in Seoul im Rahmen eines Dreier-Treffens der Außenminister der USA, Japans und Südkoreas zu unterrichten.  Am ersten Tag wird Albright mit Kim-Stellvertreter Cho Myong Nok zusammentreffen, dessen Besuch Anfang des Monats in Washington den Weg für ihre zweitägige Visite geebnet hatte.  [….]

So geht große Politik!
Es wurde ein Abkommen ausgehandelt, welches auf der 1994 geschlossenen Vereinbarung fußte, daß Nordkorea auf sein Atomwaffenprogramm verzichte und die USA im Gegenzug bei der nordkoreanischen Energiekrise helfen würden, indem sie unter anderem zwei zivile Atomreaktoren liefern würden.(……) (……)

Trump ignoriert 25 Jahre Diplomatie und lässt sich im fatalen Glauben an sich selbst vom Raketenmann vorführen.

[….] Doch Donald Trump folgt seiner Kindergartenlogik - und sagt einem Treffen mit Kim Jong-un zu, das ihm selbst gefährlich werden kann.
Es ist das größte Ärgernis mit Donald Trump, dass er die Welt in seine Kindergartenlogik zwingt. Gespräche mit Nordkorea? Kann man nichts dagegen haben. Ungleichheit beim Handel? Lässt sich mit Strafen abstellen. Iran als aggressiver Übeltäter? Wird mit Vertragsbruch beim Nukleardeal heimgezahlt. Migration? Mauer. Diese stets gleiche Abfolge von Reiz und Reaktion, Impuls und Überraschung bestimmt die Amtsführung eines Präsidenten, den man vor Kurzem noch als "mächtigsten Mann der Welt" charakterisierte. Heute muss man sagen: Es handelt sich um den unberechenbarsten Mann der Welt, und darin liegt die eigentliche Gefahr.
[….] Nordkoreas Ziel war es immer, direkt, auf Augenhöhe und ausschließlich mit den USA zu verhandeln. Washington war stets klug beraten, diesen Einbindungsversuch abzuwehren und China, Südkorea, Russland und Japan mit ins Boot zu nehmen. Welche Sicherheit hat Trump nun, dass er nicht düpiert wird in Gesprächen? Welche Aufwertung verschafft er einem Regime, für das bereits ein Handschlag mit Trump ein unbezahlbarer Triumph ist? Was soll der Kern eines Deals sein? Kann Kim überhaupt eine Gegenleistung für den Abbau seines Nukleararsenals verlangen außer der Aufhebung von Sanktionen? Allein die Zusage eines Treffens verschafft Nordkorea eine Legitimation, die es in den vergangenen Jahren nicht einmal von China erhalten hat.
Trump ist gefährlich, weil ein Treffen mit ihm unkalkulierbar bleibt. Der Präsident tut den letzten Schritt vor dem ersten - nicht ausgeschlossen, dass er stolpert und sich zur Lachnummer der ganzen Welt macht. Kim Jong-un hat die Manege gebaut - Trump lässt sich hineinführen. [….]

Kim Jong Un und Dotard Trump sind insofern vergleichbar, daß sie beide unsympathisch sind, eigenartige Frisuren tragen, auf nicht demokratische Weise an die Macht kamen und über Atomraketen verfügen.
Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen ihnen: Der Koreaner ist intelligent und Trump ist vollkommen auf den Kopf gefallen.
Das nutzt Kim natürlich aus und manipuliert den amerikanischen Trottel.
 

Freitag, 9. März 2018

Wenn ich die Weltherrschaft hätte….



…Könnte ich in einem Land wie Deutschland eine reine Technokratenregierung einsetzen. Es wäre irrelevant wie sich die Beliebtheitswerte der einzelnen Minister entwickeln. Niemand müßte sich um Wiederwahlen und Demoskopie sorgen. Die Ressortchefs bräuchten nicht in Unterhaltungsshows auftreten, um PR-Punkte zu sammeln.
Als alleiniger Weltherrscher könnte ich Umwelt-, Energie- oder Verkehrsministerium ausschließlich nach fachlicher Eignung besetzen.
Ich würde die Beste/den Besten für den Job einsetzen unabhängig von Alter, Herkunft oder Zugehörigkeit zu irgendeiner Partei oder Region.
Theoretisch könnte mein Weltherrschaftskabinett also nur aus hessischen Frauen bestehen oder ausschließlich aus Saarländischen +70-Männern.
So eine Monokratie muss keine Tyrannis sein. Auch Monarchien oder Diktaturen sind Monokratien und können sofern der eigentlich Mächtige nicht verrückt oder bösartig ist, große Vorteile haben. Chinas rasanter Aufstieg zur Weltsupermacht, wäre nicht möglich gewesen, wenn 1,3 Milliarden Menschen wie im deutschen Föderalismus pluralistisch in kleinen regionalen Einheiten wählen würden.
China hätte dann womöglich 500 Bundesländer, in denen jedes einzelne mit Typen wie Seehofer auf seine Einzigartigkeit pochte.
Ein Staatspräsident, der alle berücksichtigen würde, bekäme nie eine Regierung zusammen.
Präsident Xi Jinping verfügt inzwischen über so etwas wie eine partielle Weltherrschaft. Er kann tun was er will und da er nicht auf den Kopf gefallen ist, funktioniert China ökonomisch erheblich besser als der amerikanische Neopatrimonialismus, der sich unter Trump als eine Sonderform der Günstlingswirtschaft aus Kakistokratie („Herrschaft der Schlechtesten“) und Kleptokratie („Herrschaft der Korrupten“) zusammensetzt. Auch das kann das Resultat einer Demokratie sein.

Wäre ich Weltherrscher, installierte ich eine reine Expertokratie zum Wohle aller.

In der echten Welt, in der gewählt wird und wiedergewählt werden möchte, in der Kompromisse und Koalitionen praktiziert werden, weil eben nicht einer herrscht, sondern der Wille von zig Millionen Wählern berücksichtigt und abgebildet werden muss, gibt es Proporz.
So ist das eben, wenn der Urnenpöbel bestimmt.
Am 14.März 2018 wird diese deutsche Herrschaftsform dazu führen, daß eine zwar mehrheitlich gewünschte Regierungschefin erneut ihren Dienst antritt.
Sie wird sich dabei aber auf ein Kabinett stützen, welches aus teilweise grotesk unqualifizierten Menschen besteht.
Mit Seehofer wird ein Nicht-Jurist ohne irgendeine Expertise Innen- und somit auch Verfassungsminister. Nicht weil er davon die geringste Ahnung hätte, sondern weil er eben CSU-Chef ist, die Bayern berücksichtigt werden müssen und man ihn in München nicht mehr haben will.
Die Ex-Weinkönigin Klöckner als Landwirtschaftsministerin, die katholisch-homophobe, nicht-akademische Diplomkauffrau Anja Karliczek als Wissenschaftsministerin und insbesondere Dr.-Titel-Schummler Scheuer stehen für die Schmerzfreiheit Merkels.

 [….]   Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, ein Kabinett zu bilden. Die eine ist das Technokraten-Modell: möglichst viele Fachleute an die Spitze der Ministerien, die politisch von einer starken Kanzlerin oder einem durchsetzungsfähigen Ministerpräsidenten geführt werden. Dem steht das Proporz-Modell gegenüber: Das Kabinett soll nicht nur möglichst viele soziodemografische Faktoren widerspiegeln (Regionen, Geschlechter, Lebensalter etc.), sondern auch noch unterschiedliche politische Ausrichtungen innerhalb einer Partei und innerhalb einer Koalition.
Angela Merkels viertes Kabinett ist ein Proporz-Kabinett, in dem die eine oder der andere auch noch in ihrem oder seinem Fachbereich einigermaßen kompetent ist. [….]
Übrigens: Dass die CSU mit ihren drei Ministern Seehofer, Scheuer und Müller weder die Technokratie noch den Proporz berücksichtigt, ist bezeichnend. Interessant ist auch die irgendwie heimatverbundene Neigung in der CSU, durch Personalia alte Sprichwörter zu verifizieren: "Es kommt nichts Besseres nach" heißt auf Bayerisch, dass dem Verkehrsminister Dobrindt der Verkehrsminister Scheuer folgt. [….]

Aber auch die Sozis werden durch das politische System zu einer Proporz-Entscheidung gezwungen.
Mit Maas, Barley und Scholz ziehen zwar ausgesprochen gute und erfahrene Menschen ins Kabinett ein, aber damit hat es sich auch mit dem expertokratischen Gedanken.
Die Sozis müssen Frauen, Jüngere, Ossis und unbedingt auch die beiden größten Landesverbände NRW und Niedersachsen berücksichtigen.
         
Lieber Tammox,
heute haben wir unsere Ministerinnen und Minister vorgestellt. Das ist unser Team: Olaf Scholz (Finanzen & Vizekanzler), Katarina Barley (Justiz & Verbraucherschutz), Franziska Giffey (Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Hubertus Heil (Arbeit & Soziales), Heiko Maas (Auswärtiges Amt) und Svenja Schulze (Umwelt, Naturschutz & Reaktorsicherheit). Wir laden Dich ein, sie in einer Online-Di@log-Konferenz näher kennenzulernen. Melde Dich jetzt an!
(Lars Klingbeil, 09.03.18)

Gestern war ich noch so glücklich über Heiko Maas, aber heute habe ich schwer zu schlucken.

Wann immer man Hubertus Heil einen Job gibt, ist eins sicher: Er wird total versagen und die Angelegenheit in die Grütze fahren.

Schon zweimal hat er als SPD-Generalsekretär einen Bundestagswahlkampf geleitet und jeweils das schlechteste Ergebnis aller Zeiten geholt.
Dabei hat er das Kunststück vollbracht jeweils einen extrem beliebten Kandidaten - 2009 Steinmeier und 2017 Schulz - so unfassbar tölpelig und nichtssagend zu präsentieren, daß sie jeweils im direkten Duell mit der ohnehin schon farblosen Merkel total untergingen.

Eins ist klar, auch wenn Heil persönlich ein netter Mann sein mag, als Politiker taugt er absolut nichts und erwies sich noch auf jedem Posten als völlige Fehlbesetzung.

Und dem gibt die SPD nun den Ministerjob mit dem größten Haushalt.

Niedersachse, Netzwerker. Wat mut, dat mut.

Donnerstag, 8. März 2018

Viel Feind, viel Ehr.



Sigmar Gabriel monierte immer mal wieder, seine Partei habe den Bezug zu den ängstlichen rechten Wählern verloren, wenn sie sich massiv für den Familiennachzug einsetze oder aber euphorisch die von ihr durchgesetzte „Ehe für alle“ feiere.
Das interessiere den klassischen Arbeiter gar nicht, er sorge sich aber um seine Heimat.
Gabriel meinte damit die SPD lege zu viel Wert auf diese weichen „Multikulti-Themen“ und hole den einfachen Wähler, der sich vor fremd aussehenden Menschen mit dunklerer Hautfarbe und eigenartigen Namen fürchte, nicht ab.
Ganz offensichtlich zielte der ehemalige Parteichef damit insbesondere auf den Bundesjustizminister, der wie kein anderer SPD-Spitzenpolitiker in den letzten gut vier Jahren Stellung gegen PEGIDA, AfD und alle anderen rechtslastigen Xenophoben bezog.
Heiko Maas zeigte Haltung und Gesicht, trat im Namen der Bundesregierung der rechten Pest entgegen, während beispielsweise Andrea Nahles sich nie deutlich gegen die brutalen Ausländerhasser stellte, sondern ihnen sogar nach dem Mund redete, indem sie Flüchtlinge radikal schlechter stellte.

Gabriel mag nicht ganz Unrecht haben.
Es gibt vermutlich wirklich eine erkleckliche Menge ehemaliger SPD-Wähler, denen das eigene Hemd am nächsten ist und die voller Antipathie auf Flüchtlinge, Schwule und Ausländer reagieren.

Ich bin allerdings dezidiert der Meinung, daß man nicht das SPD-Programm diesen dumpfen Stimmungen anpassen sollte, sondern versuchen muss die Typen, die auf dem Sprung sind die AfD zu wählen, von etwas anderem zu überzeugen.
Das gelingt natürlich nur selten, aber dann ist die SPD eben nicht die Partei für solche Meinungen.

Ich möchte SPD-Minister, die sich nicht mit solchen Zuständen…

Rechtsextremisten und Rassisten werden in Deutschland immer häufiger gewalttätig. Von Januar bis Mitte September registrierte die Polizei bereits 507 Fälle fremdenfeindlicher Gewalt. Damit hat sich die Zahl gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt. Insgesamt wurden in den ersten achteinhalb Monaten des Jahres mehr als 1800 politisch motivierte Straftaten gegen Asylbewerber und Flüchtlinge registriert. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums an die Grünen-Fraktion im Bundestag hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Demnach legten Neonazis und Asylgegner in diesem Jahr schon 78 Mal Feuer, die Polizei zählte sieben Tötungsdelikte. [….]

[….] Nach Angaben des Bundesinnenministeriums hat es im dritten Quartal 2017 insgesamt 425 Angriffe auf Flüchtlinge außerhalb ihrer Unterkünfte gegeben und damit mehr als im ersten (318) und zweiten Quartal (324).
Bei den insgesamt 1.067 Übergriffen in den ersten neun Monaten des Jahres seien 230 Menschen verletzt worden. Im gesamten Jahr 2016 seien mehr als 2.500 Angriffe auf Flüchtlinge außerhalb ihrer Unterkünfte gezählt worden. Das geht aus einer Antwort des Ministeriums auf eine Parlamentsanfrage der Linken hervor, über die die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichten. […..]

…abfinden, sondern laut aufbegehren.

Heiko Maas ist einer der wenigen, der das tut, der gegen Hetze vorgeht. Der gesetzlich etwas unternimmt und sich auch als Person immer wieder in dieser Angelegenheit in Talkshows wirft.

Heiko Maas ist der Kampf gegen Rechts eine Herzensangelegenheit; er legte dazu letztes Jahr auch ein Buch vor.

  […..] Aufstehen statt wegducken.
Rechtspopulisten treten in den letzten Jahren immer lauter und unverhohlener auf – im Ausland, aber auch in Deutschland: Die AfD ist in mehrere Landesparlamente eingezogen, und rechte Demagogen versuchen mit ihren Hetzparolen die öffentliche Debatte zu vergiften.
Ein Bundesjustizminister, der dem Schutz unserer demokratischen Kultur verpflichtet ist, darf zu diesen Entwicklungen nicht schweigen: Heiko Maas hat Position bezogen – und sich durch seine klare Haltung zur Zielscheibe der Wut von Rechtsaußen gemacht.
In diesem engagierten, aber auch sehr persönlichen Buch präsentiert er seine Strategie gegen Rechts: Wir dürfen im Umgang mit Rechtspopulisten nicht »neutral« bleiben, wir müssen die Mühe der Diskussion, den Kampf für das bessere Argument auf uns nehmen und unsere Demokratie verteidigen – das gilt für die Politiker, aber genauso auch für jeden einzelnen Bürger. [….]

Wie sehr Maas damit ins Braune trifft zeigt  der überbordende Hass, der ihm von AfD, Identitären, Pegida und sonstigen Xenophoben entgegenschießt.

In Bergers PP-Blog heißt es dazu im entsprechend triefend hetzenden Duktus:

[….] Als Minister eine Niete, reüssiert Maas als Autor nicht weniger schlecht.
Schlechtestes Buch aller Zeiten, vom Zensurmännchen. Sollte was Sinnvolles machen. Auswandern nach Nordkorea.
Da schreibt ein 155 Zentimeter großer Mensch und dann schrieb es doch ein anderer und der Justiz-Zwerg hat bloß den Namen dran? Das taugt nicht einmal um es zu kompostieren. Hoffe es ist aus Recyclingmaterial und nicht aus frischen Bäumen.
Heiko Maas spielt sich gerne als großer Demokrat auf. Nun gut, die DDR behauptete auch demokratisch zu sein, war aber genau das Gegenteil. Aufgrund des völlig missglückten Versuchs, die Kinderehe faktisch zu legalisieren und aufgrund des aktuellen Versuchs die sozialen Medien mittels des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes mundtot zu machen, kann man sicher sein, dass hier kein Demokrat spricht. Maas zeigt sich als Linksfaschist erster Sorte. [….]

Wenn man von so abscheulichen rechten Hetzern wie David Berger gehasst wird, kann man gratulieren! Ein untrügliches Zeichen dafür alles richtig gemacht zu haben.
Der katholische Hass-Blogger klärt übrigens heute darüber auf, daß Linke und Ausländer stinken würden, während „Indigene Deutsche“ wohlreichend und gepflegt wären.
„Indigen“ ist scheinbar die neueste Lieblingsvokabel von AfDlern und Identitären, die offenbar nichts über die europäische Geschichte der permanenten Völkerwanderung wissen.

[….] Wer stinkende Menschen nicht mag, ist rechts und ausländerfeindlich
[….] Der Qualitätsjournalismus, für den das Magazin „Vice“ schon länger steht und der niveaumäßig bislang meist nur noch von der HuffPost (gibts die eigentlich noch?) überboten wurde, hat unter dem Titel „Das sagt dein Geruchsempfinden über deine politische Einstellung aus“ eine faszinierende Erkenntnis in die Manege geworfen: Wer von stinkenden Menschen Abstand hält, ist rechts, hasst Fremde, liebt Autorität und wählt Donald Trump. [….]
Wer vor menschlichen Ausdünstungen stärker zurückschreckt, tickt politisch häufiger rechts als jene, die Gestank weniger stört.“
[….] „Der erste bestimmte, wie sehr die Probanden sich vor den Gerüchen von Schweiß, Kot, Urin, Atem und Blähungen ekeln. Der zweite, wie autoritär sie eingestellt sind.“
Und das erstaunliche Ergebnis: Autoritäre Gesinnung und extremer Ekel vor diesen Gerüchen gehen häufig Hand in Hand. Die, die sich besonders ekeln, hassen auch Fremde, wählen rechts bzw. in den USA Donald Trump.
[….] Zudem ist der Ekel ein überlebenswichtiger Instinkt – auch beim Menschen, der ihm im Verlauf der Evolution antrainiert wurde – und ohne den wir vergammeltes Fleisch und andere Dinge essen würden, was unserer Gesundheit tatsächlich in der Regel nicht gut tut.
Wenn man diese Studie anschaut, wie sie „Vice“ wiedergibt, könnte man auch fragen: „Sind die Rechten vielleicht die Klügeren und stinken Ausländer mehr als die indigene Bevölkerung?“ [….][….] Die Abschaffung des Rassismus sei leider durch häufigeres Füßewaschen bei der Antifa und ihren Schützlingen nicht möglich, da eine solche rechte Einstellung ja noch durch andere Motive hervorgerufen werde.
Also Entwarnung bei den Linken: Ihr dürft weiter stinken! Und wir Rechten verzichten weiter drauf, jeden Immigranten erst mal sauber zu lecken, wenn er bei uns eintrifft."

Seine rechten Fans sind begeistert

PP Kommentar 08.03.2018



Einen Tick weniger fanatisch, aber doch ähnlich stramm konservativ äußert sich Jura Professor Putzke heute.

[….] Was soll man bloß davon halten, wenn der schlechteste aller Bundesjustizminister plötzlich Außenminister werden soll? Einerseits Erleichterung, dass er weg ist, andererseits Entsetzen, dass er noch immer da ist... [….]

Maas zum Außenminister aufsteigen zu lassen ist also aus vielen Gründen eine gute Wahl der SPD-Führung.

[….] Aus Sicht des scheidenden Ministers bleibt das Amt in guten Händen. "Er wird das exzellent machen", sagte Sigmar Gabriel am Donnerstag über den Mann, der in der kommenden Woche als neuer Chef des Auswärtigen Amts (AA) vereidigt werden soll: der SPD-Politiker Heiko Maas, 51. Kurz vor Gabriels wohl letztem öffentlichen Auftritt im Außenministerium war bekannt geworden, dass ihn der Mann aus Saarlouis beerben wird.
Gabriel wäre gerne Außenminister geblieben, aber die SPD-Führung wollte ihn nicht mehr. Mit seinem Nachfolger kann er wohl leben: Gabriel machte Maas 2013 als damaliger Parteichef überraschend zum Bundesjustizminister und holte ihn damit aus der landespolitischen Versenkung. Im Saarland war Maas zweimal im Rennen um das Ministerpräsidentenamt gescheitert.
Seine Sache als Justiz- und Verbraucherschutzminister hat Maas so ordentlich gemacht, dass er vier Jahre später in die nächste Liga aufsteigen darf: Das Außenministerium mag zwar in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren haben, weil Kanzlerin Angela Merkel sich zunehmend selbst um die Krisen dieser Welt kümmert - aber prestigeträchtig ist es nach wie vor. [….]
(SPON; 08.03.18)

Als jemand, der Maas in den letzten Jahren stets lobte, freue ich mich über seinen neuen Job.
Er ist der beste Mann für „bella figura“, hinterlässt immer einen perfekten Eindruck. Es wird sehr angenehm sein, ihn als Repräsentanten Deutschlands auf der internationalen Bühne zu beobachten.

Ausgleichende Gerechtigkeit, daß Maas, der so leidenschaftlich gegen die Vorratsdatenspeicherung kämpfte und dann übel vom Parteichef Gabriel auf Gegenkurs gezwungen wurde, nun dessen Job erbt.

Noch erfreulicher ist für mich die Perspektive auf 2021. Bisher war ich immer der einzige, der Maas als zukünftigen SPD-Anführer sah. Er selbst hält sich in der Parteiführung erstaunlich zurück und drängt sympathischerweise nie so rabiat nach vorn, wie es Gabriel, Nahles oder Schulz tun.

Mit dem Außenamt bekommt sein Name aber ganz neue Qualität. Die meisten Außenminister werden politische Schwergewichte mit enormen Beliebtheitswerten – außer Westerwelle natürlich, dem seine unerträgliche Arroganz alles versaute. Man sehe sich nur an was aus Steinmeier wurde.
2021 könnte Andrea Nahles noch fest im Sattel als Parteivorsitzende sitzen. Damit ist aber nicht automatisch eine Kanzlerkandidatur verbunden.

Die könnte Maas in den Schoß fallen und bei einer plötzlich ohne Merkel kopflos gewordenen CDU ist dann auch eine Kanzlerschaft Maas drin.
Maas ist jetzt ein papabile.

Möge er dem rechten Abschaum um Storch, Weidel und Berger noch ordentlich auf die Füße treten.