Mittwoch, 24. August 2016

Frauenbilder.



Wenn sich ausgerechnet die CSU, die sich bis heute massiv gegen die rechtliche Gleichstellung von Schwulen wehrt, Toleranz gegenüber Homosexueller einfordert, weil sie damit ihre Islamophobie bedient, stinkt es.

Es stinkt, wenn ausgerechnet die Parteien des Bundestages, die sich bis heute hartnäckig gegen Frauenquoten und „equal pay“ sperren, nun mit Gesetzen auf die drei Burka-Trägerinnen Deutschlands reagieren.
Im Namen der Frauenrechte, ja ja.
Familien auseinanderreißen, indem der Familiennachzug verboten wird und Frauen in Mittelmeer ersaufen lassen stört nicht weiter, aber wehe eine von denen überlebt und trägt dann bei uns einen Niqab!


Jetzt ist das Hamburger Abendblatt, neues konservatives Flaggschiff der Funke-Mediengruppe total durchgedreht.
Back to the 1950s.

Mit der Bildunterschrift „Eine junge Frau liegt traurig im Bett und schaut auf eine Kerze (Symbolbild)“ illustriert es einen Artikel über den hohen Anteil von Singlehaushalten in Hamburg.

Klar, eine Frau, die keinen Mann abbekommt, hat ihren Lebenssinn verfehlt und muß daher in Depressionen versinken.

(HH Abla Bebilderung zum Thema Singles in Hamburg)
Das Abendblatt erklärt die Sinnlosigkeit eines Lebens ohne „einen starken Mann“ am Beispiel „Anna“.

Sie kam vor vier Jahren nach Hamburg, vor allem für einen neuen Job – aber auch mit der Hoffnung, hier den Mann fürs Leben zu finden. So viele Bars und Clubs, Musik- und Kulturevents, so viele Gelegenheiten – müsste da nicht früher oder später ein Typ auftauchen, der ihren Vorstellungen entspricht? Ein Gentleman alter Schule, respektvoll, mit beiden Beinen im Leben stehend, ein "starker Mann", wie sie sagt. Und müsste dann nicht früher oder später auch ihr das Glück widerfahren, dass es dann funkt zwischen ihr und einem solchen Mann?
Nun, nach mehr als einem Dutzend Dates, ist Anna ernüchtert. […..]
Das Statistikamt Nord beziffert die 2015 in Hamburg Alleinstehenden auf rund 560.000.
Aus Abendblatt-Perspektive ist das wie folgt zu deuten:
Zu den Alleinstehenden gehören bedauernswerte Witwen, die ihre Ehemänner verloren haben, unverheiratete Frauen, die darüber verzweifeln, daß sie noch keinen passenden Ernährer und Beschützer gefunden haben und schließlich auch männliche Singles, die sich amüsieren.
Klar, denn ein unverheirateter Mann ist glücklich allein und führt ein schönes Leben ohne Verantwortung übernehmen zu müssen.

Das Problem aus [Annas]  Sicht: "Seitdem ich in Hamburg bin, treffe ich vor allem Männer, die sehr unentschlossen sind und keine feste Bindung eingehen wollen. Die genießen ihre Freiheit." […..]

Frauen können sich natürlich nicht amüsieren und nicht ihre Freiheit genießen.

Wenn Frauen allein leben, womöglich sogar ein Kind erziehen, ist das für die hilflosen, dummen Dinger ein Trauma, das sie „bewältigen“ müssen.
Immerhin könnten sie dabei auf die schlimmen Erfahrungen ihrer Mütter zurückgreifen, die teilweise auch schon ohne die Befehle eines Familienoberhauptes auskommen mußten – das folgert Hasse aus den Erkenntnissen des Heidelberger Soziologen Jan Eckard.

Dass Frauen immer öfter ohne Partner leben, liegt dem Soziologen zufolge teilweise auch an der immer häufigeren Erfahrung, als Kind einer alleinerziehenden Mutter aufzuwachsen. Dabei könnten Frau die Bewältigungsstrategien ihrer allein lebenden Mütter lernen und seien deshalb gut auf ein Leben ohne Partner vorbereitet. [….]

Früher, in den guten alten Zeiten der 1950er Jahre, durften Frauen nicht ohne Zustimmung des Ehemannes arbeiten, kein Konto eröffnen und das Oberhaupt der Familie hatte bis in die 1990er Jahre das Recht sein Weib straflos zu vergewaltigen.
Da gab es noch keine Scheidungen, weil das schwache Geschlecht ohne Mann finanziell gar nicht überleben konnte. Alleinerziehenden wurden die Kinder weggenommen und zu Hunderttausenden in Kirchliche Heime gesteckt, um dort geschlagen und vergewaltigt zu werden.
Da blieben Frauen lieber bei ihrem Mann, der sie schlug und vergewaltigte.

Heute gibt es Sozialhilfen für Frauen, Frauenhäuser, Schläge und Vergewaltigungen werden gerichtlich geahndet, Frauen dürfen arbeiten was sie wollen und ihr eigenes Bankkonto haben.

Eine der daraus folgenden Konsequenzen ist die, daß frau eine miese Ehe nicht mehr weiterführen muß.
Eine andere Konsequenz ist der Abbau des Stigmas unverheiratet zu sein.
Frau und Mann müssen sich eigentlich nicht mehr dafür rechtfertigen, wenn nicht direkt nach der Schule heiraten, wenn sie gerne Single bleiben, oder wenn sie ganz andere Formen der Gemeinschaft finden.
Paare ziehen vielleicht unverheiratet Kinder groß, Liebende leben in verschiedenen Wohnungen, Singles erweitern ihre Freundeskreise zu dem was früher Familien waren. Der Vorteil ist, daß man seine Freunde aussuchen kann; die Familie nicht.
Es ist ein längst überholter Mythos, daß Singles verantwortungsloser wären.
Man kümmert sich gegenseitig.
Und jeder, der wie ich längere Zeit auf Palliativ- und Intensivstationen zu tun hatte, weiß daß Alte und Kranke am meisten von ihren unverheirateten Kindern und Freunden umsorgt werden, weil die Söhne und Töchter, die selbst fünf Blagen haben, ihren Fokus auf die eigene Brut richten.
Die Möglichkeit zu haben als Single zu leben, sich scheiden lassen zu können, einem persönlichen Lebensmodell zu frönen, ist eine ausgesprochen gute Sache.
Nur beim Abendblatt ist das noch nicht angekommen.

Dienstag, 23. August 2016

Hamsterkauf.

Verdammte Hamburger Vermieter.
Nach meiner Stammapotheke, dem Stammphotoladen und meinem Stammbuchladen, erwischt es jetzt auch noch meinen Teeladen in den Colonnaden. Mir fiel ein Hammer auf den Kopf, als ich da heute die „Räumungsverkauf“-Beschilderung sah.
Da kaufe ich schon ewig und da ich über ostfriesische Wurzeln verfüge, bin ich picky. Auch der Teeladen macht nächsten Monat zu, weil Internet und raffgierige Vermieter mit ihren gewaltigen Quadratmeterpreisen die kleinen inhabergeführten Geschäfte verdrängen. Bis irgendwann nur noch Maklerbüros, Banken und große Ketten die Innenstädte prägen.
Dafür fährt man dann aber nicht mehr in die Stadt; so werden es weniger Kunden und die verbliebenen individuellen kleinen Läden haben es noch schwerer.
Wie soll man da noch in Ruhe seine Hamsterkäufer machen, zu denen Blitzbirne de Maizière die Bevölkerung aufruft?
des Innenministers ziemlich sicher, daß keinerlei Vorratshortung von Lebensmitteln notwendig ist, aber ich habe meine individuellen Gründe.
Die Wettervorhersage. Die nächsten Tage in Norddeutschland werden unerträglich heiß.
Da kann ich keinesfalls meine Wohnhöhle verlassen; also muß genug zum Überleben hier sein: Rubbellose und Rucola, Kaffee und Kaneeltee.

Meine Vorräte sind nicht so recht deckungsgleich mit dem was die Bundesregierung offenbar verlangt.


2 Liter Wasser pro Tag sehe ich ja noch ein.
Aber Reis und Nudeln? Wie soll man die ohne Wasser und Strom zubereiten?
Dazu müsste die öffentliche Wasserversorgung schon noch funktionieren und wenn die funktioniert, wozu soll man dann derart viel Mineralwasser horten?
Das wird auch noch bekanntgegeben nachdem gerade vor zwei Wochen Studien kursierten, daß Leitungswasser in Deutschland besser als Mineralwasser ist. Letzteres ist mit Rückständen aus den PET-Flaschen belastet und kostet dafür 200 mal so viel, wie das H2O aus der Leitung.
Mineralwasser zu kaufen ist eine Dummensteuer zu Gunsten der Nahrungsmittelgiganten wie Nestlé.

Das Konzept des unbedingten Überlebens ist mir ohnehin rätselhaft.
Wozu?


Ich fange doch nicht an wie ein polnischer Prepper uralte Würste im Vorgarten zu vergraben für den Fall, daß die Zombiapokalypse ausbricht.

[WATCH ab 07:50]

Als ich von Einkaufen nach Hause kam, lag in meinem Briefkasten ein satanischer Handzettel.


Spannend. Wer tippt heute noch solche Zettel zum Ausschneiden und wirft sie in die Briefkästen fremder Leute?
Oder war der Hinweis gezielt für mich bestimmt? Weil ich immer so fromm und gläubig dreinblicke?
Bin ich ins Visier radikaler Feministinnen geraten, die allen Männern etwas abschneiden wollen?

SODOM UND GOMORRHA!
Vielleicht ist mein Troglodytentum noch nicht genügend perfektioniert.
Wasser, Reis, Nudeln und Bibeln – das werde ich jetzt horten und dann nie wieder meine Wohnung verlassen.

Montag, 22. August 2016

Irrer als Trump? - Teil II



Was für Wahnsinnige hat Trump nur um sich geschart – Stephen Bannon, Kellyanne Conway und Paula White!

Daneben gibt es Jakes Freundin Katrina Pierson, die als Trumps Sprecherin fungiert und verkündete Barack Obama habe den Afghanistankrieg angezettelt.
Eine ganz reizende Person.

The Donald Trump experience just keeps getting weirder. Trump campaign spokeswoman Katrina Pierson, who previously made headlines for wearing a necklace of bullets during an interview, was questioned about her 2012-2013 tweets in which she referred to President Obama as the “head Negro” in charge and that he wasn’t a “pure breed” because his father wasn’t born in the United States.


Ein weiterer bekannter Trump-Unterstützer ist Jim Gilmore, der Ex-Gouverneur von Virginia (1998-2002), der so heftig lügt, daß er innerhalb weniger Minuten dreimal von der MSNBC-Moderatorin Joy Reid zurechtgewiesen und korrigiert werden mußte.


Ein weiterer GOPer mit Regierungserfahrung hinter Donald Trump ist der ultra-fundamentalistische radikale Schwulenhasser Sam Brownback, 59, seit 2011 Gouverneur, der Abtreibungen als „Holocaust“ bezeichnet.
Brownback vermochte es die Wirtschaft seines Bundesstaats innerhalb weniger Jahre zu ruinieren und gewann daher die Wiederwahl in seinem traditionell extrem konservativen Kansas nur noch ganz knapp.

This column has spent a fair number of words over the past couple of years defaming Kansas Governor Sam Brownback for the damage he’s wrought on the ignoramus Kansas residents that keep voting for him. Brownback has inflicted such an incredible amount of economic devastation on the state due to his adherence and allegiance to the Ronald Reagan-era disaster known as ‘trickle down’ economics, that even George W. Bush’s Commerce Secretary said he is terrified of what a Trump economy would do to the country and is happily voting for Hillary Clinton.
Brownback boasted that as governor, he would prove once and for all that if the Republican economic agenda was fully implemented in Kansas, the entire nation would see what truly glorious prosperity would look like.
Thus far, Brownback’s glorious experiment looks like massive debt, credit downgrades, hospital closures, drastically underfunded schools, massive healthcare cuts, raided budgets, perpetual revenue shortfalls, and as reported this week, massive job losses. Most Americans comprehend that in Republicans’ minds, closing schools, hospitals, allowing roads to deteriorate, and massive debt is not a bad thing, and they justify those atrocities as necessary sacrifices to develop a job-creating Utopia. In fact, Governor Sam Brownback pledged to Kansas residents that his brilliant ‘trickle down’ scheme would create at a minimum 2,000 jobs a month; and that was just the start.  Well this week it was revealed that not only has Kansas not created 2,000 jobs each month, the jobs losses in Kansas are increasing each month. [….]

Nachdem Brownback also Kansas’ Wirtschaft niederrang, dachte sich Trump, der Mann sollte mein ökonomischer Berater werden. Kein Witz.

Gov. Sam Brownback, who tanked Kansas’ economy, now advising Trump on economics.

Geschäftsleute sind wenig überzeugt.

A policy survey of National Association for Business Economics (NABE) members released Monday shows that 55% of business economists feel that former Secretary of State Hillary Clinton would do the best job as president of managing the U.S. economy. The candidate with the next-largest percentage of the vote was Libertarian candidate Gary Johnson: 15% of NABE members said he’d do the best job managing the economy. Another 15% or respondents said they didn’t know who would be best or that they didn’t have an opinion.
Just 14% chose Donald Trump. [….]

Es ist schwer noch irrer als Trump zu sein, wenn selbst das ultrakonservative FOX verzweifelt den Kopf über den GOPer schüttelt.

Tatsächlich gibt es aber in Amerika eine Person, die sogar noch dümmer und noch irrer als Donald Trump ist:
Michele Bachmann, Ikone der Doofheit, die jeden Satiriker in den Schatten stellt.


Die ultrarechte Verschwörungstheoretikerin ist so sehr von der Realität entkoppelt, daß man verzweifelt nach Worten ringt, um ihren Wahnsinn zu beschreiben. Verglichen mit Bachmann ist Sarah Palin („I can see russia from my house!“) ein Genie.
Der Punkt, an dem man Satire und Realität noch unterscheiden kann, ist überschritten. 


Ich borge mir ein paar Überschriften zum Thema:

With Trump's campaign now led by blatant racists and hillbillies, Bachmann couldn't possibly have found a more welcoming (and appropriate) home.

Person With IQ Lower Than Her Shoe Size Hired By Trump To Teach Him Foreign Policy.

Michele Bachmann Advising Donald Trump On International Policy, Radical Islam, Underpants Gnomes.


Gratulation Herr Trump! You have reached a new low!

[….] Donald Trump does a lot of stupid stuff. Shocking, I know. The particular kind of stupid, though, is really a cut above the garden variety. Out of all his available options for someone to help teach him about foreign policy he picked (oh my God why?) Michele Bachmann.
Yes, the Minnesotan mental case who we spent years laughing at while she was a member of Congress is advising Trump on foreign policy because nobody understands the world the way she does.
If Trump got a phone call that there was a massive earthquake and the entire city of London lay destroyed. Would Michele tell him not to help, because God sent it to punish the gay people?


[….][….] Among the vast collection of stupidity that composes 100 percent of her congressional career, she had a few truly wonderful foreign policy gems.

    She said that the Muslim brotherhood infiltrated and “influenced” the U.S. government.
    She thinks the U.S. has a secret agenda to do away the dollar and embrace one global currency.
    Benghazi — that needs no explanation of any kind.
    Don’t forget that time she didn’t understand that Libya was in Africa
    She invented fake U.S. air strikes in North Africa to use as a sound bite during a congressional hearing.
    She still thinks that Iran is going to seize Iraq
    She thinks the global initiative to cut carbon emissions is a waste of time because carbon dioxide is necessary to life on this planet. [….]


Sonntag, 21. August 2016

Kirche in Watte



Unter der Überschrift „Das Abendland wird christlich bleiben“ veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung bedauerlicherweise mal wieder prominent auf Seite Zwei („Thema des Tages“) einen dieser langen, langen sinnlosen weder Fisch-noch-Fleisch-Kirchenartikel von Matthias Drobinski, 52.

Das ist einer der von mir immer wieder beklagten Presse-Missstände.
Alle Kirchenthemen werden von frommen Gläubigen behandelt.
Dafür hat Springer Badde und Englisch, der Tagesspiegel die unvermeidliche Claudia Keller, die Zeit Frau Finger und die SZ eben Matthias Drobinski.
(……) Man stelle sich vor über die CDU würden nur noch CDU-Mitglieder schreiben. Oder nur noch Soldaten über die Bundeswehr. 

Geht es um die Grundfrage des Christentums in Deutschland – was geht da eigentlich so sagenhaft schief, daß jedes Jahr Hunderttausende aus der Religionsgemeinschaft flüchten, während aus anderen Kontinenten ein reger Zulauf herrscht – wird es bei den großen Zeitungen ganz gediegen.

Der Oberkirchenjournalist der Münchner schafft es dabei erneut in epischer Breite (=1.492 Worte, 10.489 Zeichen) im Grunde nichts auszusagen.
Es ist die typischer Drobinski-Larmoyanz mit der er das Schrumpfen der beiden Kirchen in Deutschland beklagt, den Bedeutungsverlust der Glaubens beschreibt, unterschwellig ein paar Bosheiten einfügt (Atheismus erwähnt er nur als Gegenmodell zum Glauben in Form von Pegida und Nationalsozialismus), ein bißchen die Ungerechtigkeit der Menschen beklagt, die sich trotz des lieben Papstes und der selbstlosen sozialen Wohltaten der Kirchen abwenden und schließlich noch ein bißchen Emulgator beifügt.
Alles sei irgendwie komplex und kompliziert.

Es gibt Regionen mit nach wie vor hoher Kirchenbindung wie die Gegend um Passau oder das Münsterland. Es gibt Gegenden in Ostdeutschland, in denen nur noch jeder Zehnte Mitglied einer Kirche ist - oft Regionen, in denen die Säkularisierung schon mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann; 40 Jahre DDR haben den Prozess beschleunigt.
Es löst sich zudem die Religiosität zumindest teilweise von der Kirchenzugehörigkeit. Es gibt das faktisch nichtgläubige Paar, das nur deshalb kirchlich heiratet, damit die Großeltern zufrieden sind; und es gibt den Ausgetretenen, der irgendwie doch an Gott glaubt und täglich betet.
Das ist anders, als die Soziologen lange dachten, nämlich dass in modernen Gesellschaften der Glaube quasi von allein verschwindet, erst bei den Gebildeten in den Städten, zuletzt bei den Hinterwäldlern auf dem Land. Das Stadt-Land-Gefälle gibt es, doch die Religiosität ist vor allem bei den Armen und weniger Gebildeten verschwunden. […..]

Das war ja klar; den mußte der SZ-Mann uns noch mitgeben: Nicht die Klugen und Gebildeten gehen seiner Ansicht nach aus der Kirche, sondern die Doofen.
Und Ätschibätschi, auch wenn viele aus der Kirche austräten, bliebe das Abendland doch christlich, weil die Menschen dennoch an Gott glaubten.

Und wer sich darüber lustig macht, wird verklagt.
Drobinski ging tatsächlich gegen den „Eulenspiegel“ vor, der sich satirisch mit ihm auseinandergesetzt hatte.
Sagenhaft. Damit beging Drobinski den dramatischen Fehler des von ihm so verehrten Ratzingers, der mit seiner Klage gegen die Titanic dem Magazin erst die gewaltige Aufmerksamkeit zukommen ließ, noch einmal.

Ob die Satire gelungen ist – sie beginnt bushidoesk mit den Worten Schwuchteln, Homo, Schwanzlutscher –, kann man bezweifeln: Sie ist eher was für Freunde des gepflegten Schulhofhumors.
Nicht aber, dass sie dem Eulenspiegel, der permanent im Schatten der Titanic segelt, nun einiges an Aufmerksamkeit einbringen wird. Als sich die Titanic vor einem Jahr mit einer Papstsatire mit dem Vatikan anlegte, bekam das Heft dafür wochenlang Schlagzeilen.
Der eine Experte, den Eulenspiegel-Redakteur Gregor Füller in seiner Satire auftreten lässt, trägt den Namen Andreas Englisch – wie der langjährige Vatikankorrespondent der Bild. Der andere Experte heißt Matthias Drobinski. Drobinski, das ist im echten Leben der Kirchenfachmann der Süddeutschen Zeitung. Und der ist nun gegen die Satire vorgegangen.

Ohne es zu wollen offenbart der studierte Theologe und lebenslang kirchlich Engagierte weswegen die Kirchen schrumpfen:
Christen sind humorlos und latent unterbelichtet. Da wendet man sich ab.

Es gibt einerseits diejenigen, die aus intellektueller Überzeugung bewußt für eine radikale Trennung von Kirchen und Staat eintreten.
Die Mehrheit der Austrittswilligen wird aber weniger gut informiert sein, nicht so genau die finanziellen Verflechtungen der Kirchen und ihre amoralischen Taten kennen, sondern lediglich die Vertreter des Christentums immer unattraktiver empfinden.
Der Grund dafür sind sagenhaft oberflächliche und dümmliche protestantische Prediger und eben nichtssagende müde journalistische Kirchenvertreter wie Drobinski.

Sehr viel mehr los ist im Oberstübchen des SZ-Mannes Cornelius Pollmer, 32, Studium VWL und Journalistik.
Der Sachse brachte ebenfalls in der letzten Wochenendausgabe der SZ in der Gesellschaftsrubrik (s.51) einen ganzseitigen Artikel über den Lutherwahn der frommen Thüringer und Sachsen-Anhaltiner unter.
Anders als Kollege Drobinski verfügt Pollmer über Humor und verfolgt mit seinem Text ein erkennbares Konzept.
Er macht sich über die abstrusen Merchandising-Auswüchse im Vor-Lutherjahr lustig.
Anders als das journalistische Elend von Seite Zwei, liest man Pollmer gern und zügig.

Ministerpräsident Reiner Haseloff hatte geladen, der vertraute Empfangsadel und die Häppchenjäger waren gern gekommen. Haseloff, dessen Vorfahren Luther persönlich gekannt haben, baute sich vor der Abendgesellschaft auf und hielt eine Rede. 2016, sagte er, gebe es leider nicht so viele Jubiläen. Aber danach komme 2017 und damit das Lutherjahr, und schon jetzt müsse und sollte man, dürfe man aber auch, denn es könnte ja. Das eben erst beginnende Jahr? Eine Opfergabe, gerade gut genug als Countdown für die großen Lutherfestspiele im Jahr darauf.
In Wahrheit wird das Jubiläum schon totbegangen, bevor es überhaupt begonnen hat. [….]

Bezeichnenderweise erwähnt Pollmer die unvermeidliche Lutherbotschafterin Margot Käßmann kein einziges mal.
Dafür bekommen die frommen Landespolitiker, die sich verzweifelt an die Protestantenparty klammern ihr Fett weg.

Besonders in Sachsen-Anhalt und Thüringen kartografieren Werbetreibende noch den letzten Ort, in dem Luther bei der Durchfahrt vielleicht mal zum Pinkeln gehalten haben könnte. Überall wird man zugeluthert, und die Touristiker der Ost-Länder jubeln: endlich mal ein Anschlag, der sich vermarkten lässt! [….]

Auch ganz nett:

Wozu führt dieses Überangebot? Nun, es führt zu noch mehr Angeboten. In Thüringen gibt der Staat 350 000 Euro für eine Geschäftsstelle, die zwei Aufgaben hat. Erstens: dafür sorgen, dass trotz der vielen Luther-Aktionen niemand den Überblick verliert. Zweitens: die Produktion von "Broschüren, Präsentationen, Imagefilm", worin Fachabteilung eins sowohl Legitimation als auch Bürde erkennen mag. Nicht ganz klar ist, in welchem Verhältnis die Geschäftsstelle zum "Lutherinformationszentrum" in Mühlhausen steht, gefördert vom Land mit knapp 200 000 Euro. Der zuständige Staatssekretär Maier begründete die Zuwendung seines Hauses mit Transparenz und argumentativer Kraft gleichermaßen: "Auch wenn Luther selbst nie in Mühlhausen war, spielt die Stadt . . . eine zentrale Rolle im Lutherjahr". Denkbar wäre jetzt noch eine übergeordnete Geschäftsstelle, die die Aktivitäten aller Geschäftsstellen koordiniert und nicht minder kraftvoll bündelt. [….]

Als atheistischer Spielverderber muß ich allerdings rügen, daß Pollmers ausführlicher Artikel in 30 Absätzen, 209 Zeilen, 2.029 Worten und 14.066 Zeichen nicht einen einzigen Luther-kritischen Gedanken formuliert.

Luther war ein rasender Hassfanatiker, der mit seinem bestialischen Antisemitismus die ganz große Inspiration Adolf Hitlers war.
Hitler lobpreiste Luther immer wieder und die evangelischen „Deutschen Christen“ lobpreisten Hitler bei jeder Gelegenheit.


Luther. Ein widerlicher Geselle, ein Verbrecher an der Menschheit. Den haben wir noch nicht richtig aufgearbeitet. Wir gehen mit Luther um, als sei er ein „Heiliger“ der evangelischen Kirche. Er war aber ein für die damalige Zeit untypisch aggressiver Antisemit, Frauen verachtend bis ins Mark und vom Denken her völlig mittelalterlich. Teufel war sein Lieblingswort. Die Gesellschaft war sehr viel weiter.