Donnerstag, 16. Juni 2016

Wir sind eine Komikernation.



Dieser Tage, kurz nach dem Massaker in Orlandos Schwulendisko „Pulse“ wird viel über Homophobie gesprochen.
Homophobe Schwule können in ihrem religionsbeförderten Selbsthass offensichtlich sehr gefährlich werden.

Einige Studien unterstützen aber die These, dass Homophobie auch dadurch ausgelöst werden kann, dass Männer, die sich als heterosexuell identifizieren, mit eigenen homosexuellen oder femininen Anteilen nicht zurechtkommen. So konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass homophobe Männer von Schwulenpornos stärker erregt wurden als Männer mit positiveren Einstellungen zu Schwulen.

Die inzwischen reichlich in Deutschland vorhandenen Islamhasser tun sich allerdings schwer damit nur den 1,3 Milliarden Muslimen Homohass unterzujubeln.

Ein schwieriges Unterfangen, denn die längste Zeit waren Orient und Islam sehr homophil. Am Hofe der Kalifen wurden schwule Dichter berühmt, die in unzähligen Liebesgedichten homosexuelle Liebe priesen.

Jahrhundertelang sind die islamischen Gesellschaften von Andalusien bis Indien tolerant mit homosexuellen Menschen umgegangen. Die inzwischen alltägliche Homophobie in der islamischen Welt ist ein modernes Phänomen und erst unter dem Einfluss der europäischen Kolonialherren entstanden. Besonders die prüden viktorianischen Briten brachten die Homosexuellenfeindlichkeit in den Nahen und Mittleren Osten.  [….] Bis heute gehen in der islamischen Welt die Meinungen darüber weit auseinander, was überhaupt als homosexueller Sex angesehen wird. Noch immer ist es für junge Männer in islamischen Gesellschaften sehr schwierig, vor der Ehe sexuelle Kontakte zu Frauen zu knüpfen. Laut einer Studie aus Marokko hat deshalb ein großer Teil der heranwachsenden Männer den ersten Geschlechtsverkehr mit einem anderen Jungen. Als homosexuell wird dabei nur der passive Partner angesehen.

Homohass kommt von uns christlichen Europäern.
Wir trugen ihn insbesondere auch in die afrikanischen Kolonien.
So befinden sich die brutalsten antischwulen Gesetze in Afrika. Homosexualität wird in Afrika schwer bestraft.

Unter den zehn Nationen, die tatsächlich heute noch, bzw wieder die Todesstrafe für schwule Liebe vorsehen, sind vier Afrikanische.

• Jemen – Nach dem Strafrecht aus dem Jahr 1994 können verheiratete Männer gesteinigt werden wegen Homosexualität. Unverheiratete Männer werden ausgepeitscht oder müssen für ein Jahr ins Gefängnis. Frauen müssen sieben Jahre lang ins Gefängnis.

• Iran – Nach Schariarecht Todesstrafe und Männer können z.B für Küssen ausgepeitscht werden, ebenso wie Frauen.

• Irak – Strafrecht verbietet Homosexualität nicht ausdrücklich, aber die Menschen werden von Milizen getötet oder von Richtern unter Bezug auf Schariarecht verurteilt

• Mauretanien – Homosexuelle Männer können gesteinigt werden, nach einem Gesetz von 1984, Frauen kommen ins Gefängnis.

• Nigeria – Homosexualität ist ein Haftgrund, aber in einigen Gegenden gibt es Schariarecht, dort wird die Todesstrafe umgesetzt. Homosexuelle dürfen auch keine Treffen abhalten oder Vereine gründen.

• Katar – Schariarecht, Todesstrafe für außerehelichen Sex, egal welcher sexuellen Orientierung

• Saudi Arabien – Homosexuelle werden nach Schariarecht gesteinigt. Jeder Sex außerhalb der Ehe ist illegal.

• Somalia – Strafrecht fordert Gefängnis, aber in einigen Gegenden gibt es Schariarecht, dort gilt die Todesstrafe

• Sudan – Nach dreimaligem Verstoß Todesstrafe, beim ersten und zweiten Mal auspeitschen und Gefängnis. Im Süden des Landes wurden etwas gelockerte Gesetze erlassen.

• Vereinigte Arabische Emirate – Uneinigkeit ob das Gesetz Todesstrafe vorschreibt für einvernehmlichen homosexuellen Sex oder nur bei Vergewaltigung. Nach AI keine Todesstrafen, aber alle sexuellen Akte außerhalb der Ehe sind verboten.

Die mehrheitlich von US-amerikanischen Evangelikalen aufgehetzten stramm christlichen Schwulenhasser sind inzwischen Legende, weil sie so unfreiwillig komisch agieren – natürlich kann man das nur aus sicherer Entfernung „komisch“ finden.


Vor einem Vierteljahrhundert positionierten sich Skandinavien und die Beneluxländer radikal anders, indem sie die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffneten.

1999 legte das rotgrün regierte Deutschland gegen den heftigen Widerstand einer gewissen christlichen Führerin Merkel mit einer Art Ehe-Light nach.
Der konservativen George W. Bush-Administration platze fast der Kopf.
Das stramm christliche Amerika der frühen Nuller Jahre positionierte sich verglichen mit Deutschland irgendwo im Mittelalter.

Ein Treppenwitz, wie sich inzwischen die Vorzeichen verkehrt haben.
Gay Marriage gibt es jetzt in allen US-Bundesstaaten, der Präsident unterstützt dies offensiv und wenn man Umfragen glauben darf hat er in dieser Angelegenheit auch zwei Drittel der US-Bevölkerung an seiner Seite.
Sogar Teile der hochradikalisierten US-Republikaner wollen die „Homoehe“ inzwischen tolerieren.
In Deutschland hingegen amöbt Merkel im elften Kanzlerjahr vor sich hin und sorgt dafür, daß Schwule und Lesben weiterhin klar diskriminiert bleiben.

Noch erstaunlicher ist wie stramm katholische Nationen wie Malta, Spanien, Portugal oder Irland Deutschland längst überholt haben.
Und, kaum zu glauben, selbst die christlichsten Länder in Südamerika, stramme Anhänger des Papstes, sind längst an Deutschland vorbei gezogen.
Die Ehe ist ohne Wenn und Aber für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet in Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Uruguay. In Venezuela liegt ein entsprechender Gesetzentwurf vor.

Es ist ohnehin erbärmlich peinlich, in welchem internationalen Boot Merkels Christenpartei mittlerweile mit ihrer Homophobie sitzt.

Aber der Gipfel dürfte diese Woche erreicht worden sein, als der  Bundesgerichtshof auf Druck eines in der Homofrage fortschrittlicheren Landes aus Afrika eine gleichgeschlechtliche Elternschaft anerkannte.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat einem lesbischen Paar, das nach südafrikanischem Recht verheiratet ist, die doppelte Elternschaft zuerkannt - ihr Kind hat damit auch nach deutschem Recht zwei Mütter, und zwar ganz ohne Adoption. Laut BGH verstößt die Anerkennung einer solchen Co-Mutterschaft nicht gegen den sogenannten ordre public, ist also mit den wesentlichen Grundsätzen der deutschen Rechtsordnung vereinbar. Der Familiensenat stützte sich dabei auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare aus dem Jahr 2013. Damals hatten die Richter klargestellt, dass Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern gut aufgehoben sind: "Es ist davon auszugehen, dass die behüteten Verhältnisse einer eingetragenen Lebenspartnerschaft das Aufwachsen von Kindern ebenso fördern können wie die in einer Ehe."
 (SZ, 15.06.2016)

Sagenhaft Frau Merkel!
Nun hinkt Deutschland sogar Afrika zehn Jahre hinterher. Südafrika hatte nämlich schon 2006 die „Homoehe“ legalisiert.

"Ich will nicht, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben können. Wir machen uns ja sonst zur Komiker-Nation"

Kanzlerin goes Mittelalter.
Aber das immerhin konsequent.

Genitalverstümmelung wird in Deutschland aus Rücksichtnahme auf archaische Texte in der Genesis gestattet.

Und ebenfalls aus Rücksichtnahme auf mittelalterlich-religiöse Vorstellungen lehnt Merkel gleiche Rechte für LGBTIs ab.

Auch Reproduktionsmedizin bleibt in Deutschland verboten.
Die in anderen Nationen seit vielen Jahren legalen „Leihmutterschaften“ bleiben ebenso verboten wie das Einpflanzen einer „Leih-Eizelle“.
Die SPD würde Deutschland gern ins 21. Jahrhundert bringen, aber Heiko Maas darf nicht wie er will. Da sei die Pastorentochter Merkel vor.

Derzeit arbeitet ein vom Justizministerium eingerichteter Arbeitskreis an einem Konzept, doch mit einem Gesetz ist vorerst nicht zu rechnen. Dabei ist eine Reform überfällig: Väter, Mütter und vor allem Kinder brauchen Klarheit darüber, was Familie im 21. Jahrhundert bedeutet.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Petry goes Trump



Das ist schon extrem widerlich, wenn einem mal wieder schwarz auf weiß präsentiert wird wie tief verwurzelt rechtsradikale, faschistoide, menschenfeindliche, homophobe, antizigane, islamophobe, antisemitische, xenophobe Einstellungen auch in Deutschland verbreitet sind.
Die „Mitte-Studie“ der Universität Leipzig hat dazu wieder einmal Grausiges zutage gefördert. Der häßliche Deutsche ist noch da, wieder da.


Man kann diese dumpfen rechtsradikalen Tendenzen, die eben leider nicht nur im Bodensatz der Gesellschaft stecken, entweder bekämpfen oder sie sogar gezielt fördern und zum eigenen Nutzen anstacheln.

Sogar George W. Bush, nicht eben als liberaler Multikulti-Träumer verdächtig, entschied sich vor 15 Jahren nach 9/11 klar für die erste Alternative, versuchte sein Land eher zu einen, statt zu spalten.

[….] Wenige Tage nach dem schrecklichen Terroranschlag mit vielen Toten wendet sich der mächtigste Republikaner an die US-Bevölkerung. "Das Gesicht des Terrors ist nicht das wahre Gesicht des Islam. Der Islam steht für Frieden. (...) Frauen, die ein Kopftuch tragen, müssen sich auch außerhalb ihres Hauses sicher fühlen. (...) Diejenigen, die denken, dass sie aus Wut unsere Mitbürger einschüchtern können, verkörpern nicht das beste Amerika. Sie verkörpern das Schlechteste der Menschheit und sie sollten sich schämen", sagt George W. Bush am 17. September 2001 beim Besuch des Islamischen Zentrums in Washington.
Knapp 15 Jahre nach 9/11 und kurz nach dem Massaker im Gay-Club "Pulse" mit 49 Opfern hält Donald Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikaner eine Rede in New Hampshire. Darin gibt er Amerikas Muslimen die Mitschuld an den Anschlägen in Orlando und San Bernardino, weil sie nicht "jene Leute melden" würden, "von denen sie wissen, dass sie schlecht sind".
Trump bekräftigt seine Forderung nach einem temporären Einreisestopp für Muslime und tut damit genau das, wovor Bush 2001 warnte: Er dämonisiert eine Weltreligion. Trump sät Zwietracht und macht Fremdenhass salonfähig. [….]

Trump und Petry versuchen das Land gegen Minderheiten aufzuhetzen, die Gesellschaft zu spalten, indem sie möglichst viel Hass und Missgunst säen.
Davon profitieren sie dann als Parteipolitiker, indem sie von immer mehr Menschen mit Angst und Vorurteilen gewählt werden.

Die Methoden von AfD und GOP gleichen sich; es wird ungeniert gelogen, um das Volk zu polarisieren.
Dazu Oliver Decker, Leiter des Forschungsbereichs Gesellschaftlicher Wandel an der Uni Leipzig:

[….]  Rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen treten in letzter Zeit viel offener in Erscheinung. Ein Grund dafür ist, dass sich viele Menschen bedroht fühlen und diese diffuse Bedrohung bestimmten Gruppen zugeschrieben wird - etwa Flüchtlingen, Moslems oder Sinti und Roma. Das hat mit der Realität meist nichts zu tun - kein Flüchtling wohnt im Luxushotel, wie viele Populisten behaupten, auch ist Deutschland nicht in seiner Existenz bedroht.
[….] "Pegida" wird vor allem von denjenigen unterstützt, die eine klar rechtsextreme Einstellung haben. Die Menschen würden das wahrscheinlich nicht von sich selber sagen, aber die Erhebung zeigt dies sehr deutlich.
Bei der AfD ist es etwas anders, weil es noch eine sehr junge Partei ist, bei der noch viel in Bewegung ist. Allerdings beobachten wir, dass viele Rechtsextreme in der Partei eine neue politische Heimat gefunden haben. [….] In der Studie konnten wir feststellen, dass ein unglaublich hoher Anteil der AfD-Wähler menschenverachtenden Aussagen zustimmt, etwa gegenüber Muslimen, Sinti und Roma oder Homosexuellen. Wir haben es mit einer Wählerschaft zu tun, die rechtsextremen Ideologien anhängt und davon ausgeht, dass es Menschen unterschiedlicher Wertigkeit gibt. [….]

Petrys geistiges Vorbild Trump ist ein versierter Lügner, der kaum jemals die Wahrheit von sich gibt.

[….] Jeder US-Wähler, der an Verschwörungstheorien glaubt, ist bei Trump gut aufgehoben - der Kandidat startete die Birther-Bewegung, die Obamas Geburtsurkunde anzweifelte. Dass dem 70-Jährigen Faktentreue egal ist, ist hinreichend bekannt (den Fact-Checkern von Politifact zufolge sind 76 Prozent seiner Aussagen falsch).
Auch die 35-Minuten-Rede in New Hampshire ist voller Lügen ("Hunderttausende Muslime kommen ohne Background-Check ins Land" - in Wahrheit sind aus Syrien nur 2019 Flüchtlinge gekommen) und brandgefährlicher Verallgemeinerungen (mehr hier). Und in mehreren TV-Interviews deutet Trump an, dass US-Präsident Obama etwas mit den Terroranschlägen zu tun haben könnte: "Wir werden geführt von einem Mann, der entweder nicht hart ist oder nicht klug ist oder der etwas ganz anderes im Sinn hat." [….]

Das ist in der Tat beeindruckend, was Donald Trump bei „Politifact.com“ für Werte erzielt. Seine Aussagen werden wie folgt bewertet:

True = 2%
Mostly True = 7%
Half True = 15%
Mostly False = 16%
False = 41%
Pants On Fire = 19%

Da muß Frauke Petry noch arbeiten, um da mithalten zu können.
Aber immerhin; schon heute ist sie in Talkshows die größte Lügnerin Deutschland und verweist damit sogar Markus Pinocchio Söder auf Platz Zwei.
Schon früher war Petry als öffentliche Lügnerin entlarvt worden, inzwischen bringt sie es auf immerhin fast ein Drittel Lügen.
Das ist das Ergebnis der crossmedialen Studie Faktenzoom.

Niemand lügt im Fernsehen so oft wie Frauke Petry
[….] AfD-Chefin Frauke Petry lieferte mit 28,9 Prozent die meisten Falschaussagen. Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) lag mit 21,9 Prozent falschen Fakten auf Platz 2.


Aber wie stehen die Politiker selbst zu den Ergebnissen? Bevor sie sich vor den Fernseher gesetzt und Talkshow-Bingewatching betrieben haben, informierten die Studenten die Parteien über ihr Projekt. Die fanden die Idee super. Die AFD freute sich, dass das Projekt endlich für mehr Transparenz sorgen könnte. Die SPD schrieb dem Forscherteam: "Der Faktencheck (...) versachlicht die Debatte und trägt zur Wahrhaftigkeit bei".
Das Projekt bekam über das gesamte politische Spektrum Rückendeckung. Bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse vergangenen Dienstag. Frauke Petry bezeichnete das Projekt in einem beleidigten Facebookpost daraufhin als eine "Mischung aus Dummheit, Anmaßung und Gesinnungsstrebertum". Und sie schimpft weiter: "Wenn dies die Zukunft des deutschen Journalismus ist, dann sollte man sich noch ernsthaftere Sorgen um diese Branche machen als ohnehin schon." Faktenzoom-Mitglied Sebastian versteht Petrys Ärger nicht: "Wir haben den Politikern vor der Veröffentlichung der Ergebnisse fünf Tage Zeit gegeben, um sich zu äußern. Manche haben das Angebot angenommen, andere eben nicht."

Verglichen mit Donald Trump ist Frauke Petrys Lügerei aber noch ausbaufähig!

Dienstag, 14. Juni 2016

Außenpolitische Werte

Als Joschka Fischer deutscher Außenminister und Vizekanzler (1998-2005) war, sinnierte er über eine EU-Mitgliedschaft der Türkei.
Immerhin war das dem einzigen vollständig säkular organisierten muslimischen Land der Welt seit Jahrzehnten versprochen worden.
Fischer, einer der wenigen verbliebenen engagierten Pro-Europäer wog die Vor- und Nachteile ab und kam zu einer 51%:49%-Entscheidung für einen türkischen EU-Beitritt.

Ich glaube immer noch, daß der Schritt damals absolut richtig gewesen wäre.
Recep Tayyip Erdoğan, von 1994 bis 1998 Oberbürgermeister Istanbuls und ab März 2003 Ministerpräsident der Türkei hatte zunächst einmal ganz im Sinne Brüssels sein Land ökonomisch liberalisiert und dadurch ein enormes Wirtschaftswachstum generiert.
Im Rapidtempo wurden die Türken immer wohlhabender.
Seit Jahren gehen mehr deutsch-türkische Akademiker nach Istanbul, als Türken nach Deutschland kommen.
Die Entfaltungsmöglichkeiten in der boomenden, multikulturellen 14-Millionen-Stadt sind gewaltig. Das Türkische Wirtschaftswachstum lag in den Nuller Jahren stets zwischen sechs und zehn Prozent. Zahlen, von denen Deutschland nur träumen kann.
Zahlen, die man kennen muß, um zu verstehen wieso heute so viele Türken Erdoğan immer noch zujubeln.
Hypothetische Geschichte ist letztendlich sinnlos, aber ich vermute, daß sich eine vor zehn Jahren in die EU integrierte Türkei mit einem als ebenbürtig empfundenen Ministerpräsidenten nie in die Richtung 2016 entwickelt hätte, wie wir sie jetzt kennen.
Ohne Visumzwang herumreisende Türken, die mit allen anderen europäischen Staaten verflochtene starke türkische Wirtschaft hätte das Land europäischer gemacht.
Erdoğan hätte womöglich nie seinen offensichtlichen Minderwertigkeitskomplex entwickelt und überkompensieren müssen. Vielleicht wäre er längst abgewählt, weil eine konservative AKP in einer europäisierten Türkei keine Mehrheiten mehr bekommen hätte. Möglicherweise hätte sich Erdoğans Partei auch á la Merkel-CDU in die Mitte bewegt und wäre nie so radikal geworden.
Ein in die EU-Abläufe eingebundener türkischer Regierungschef hätte unter Umständen auch schon vor fünf Jahren vermocht seine Kollegen auf das gewaltige syrische Flüchtlingsdrama aufmerksam zu machen.
Es ist gar vorstellbar, daß Europa längst gemeinsame Lösungen erarbeitet hätte, weil man nicht fünf Jahre die Augen hätte davor zukneifen können, daß das EU-Land Türkei ganz allein 2,5 bis 3 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge aufnimmt.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Es kam alles anders und ich kenne Joschka Fischers derzeitige Analyse pro und contra EU-Beitritt der Türkei nicht. Aber ich vermute sehr stark, daß er nicht mehr 51%:49% für einen Beitritt plädiert, sondern daß er dafür eher eine 1%:99%-Chance sieht.

Ich bin kein Freund von ideologischer Außenpolitik.
Gerade die zwangsdemokratisierte Bundesrepublik Deutschland hat nicht das moralische Recht China, Russland oder der Türkei mit dem Zeigefinger zu kommen.
Demokratische Werte sollte Deutschland vorwiegend innerhalb seiner Wertegemeinschaften anmahnen.
Ich erwarte nicht, daß Merkel den Chinesen diktiert demokratisch zu werden, aber bezüglich Amerikas sieht das anders aus, weil die Vereinigten Staaten selbst auf demokratische Werte pochen und ein enger Alliierter sind.
Die Kanzlerin darf also nicht zu amerikanischen Folterlagern, Guantanamo, NSA-Bespitzelung, Todesstrafe und Snowden-Bedrohungen schweigen.
Sie darf auch nicht devot zusehen, wie in Polen und Ungarn die Demokratie, Pressefreiheit und Gewaltenteilung sukzessive abgeschafft werden.

Wäre die Türkei EU-Mitglied, hätten Merkel und die anderen EU-Regierungschefs sich Präsident Erdoğan längst zur Brust nehmen müssen.

Die Türkei ist aber ein Land, das insbesondere durch Merkels strikte Ablehnung von der EU ausgeschlossen ist, das sie offiziell als so minderwertig einstufte, daß es maximal zu einer „privilegierten Partnerschaft“ tauge; sicher ein Grund für Erdoğans Zorn und Radikalisierung.
 Verletzte Eitelkeit.

Die Türkei ist aber nicht irgendein Land, sondern ein NATO-Partner, ein bedeutender Handelspartner, ein Land zu dem millionenfache private Beziehungen bestehen und, für Merkel entscheidend: die Türkei ist ihr Schlüssel zum „Flüchtlingsproblem“.

Merkel soll nicht als Oberlehrerin agieren und muß wohl auch Ankara ein bißchen schmeicheln.

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
(Egon Bahr 2013 vor Schülern in der Ebert-Gedenkstätte Heidelberg)

Für einen Anbiederungskurs, wie ihn Merkel insbesondere gegenüber der USA fährt und damit schon zum Duckmäusertum-Gespött wurde, gibt es aber Grenzen.

Die Grenze war schon durch Erdoğans Verhalten gegenüber dem Daesh-Gebiet weit überschritten: Kurden bombardieren und IS-Kämpfer passieren lassen.
Die Grenze war erst recht überschritten mit Erdoğans gewalttätigem Vorgehen gegen unabhängige Journalisten, gegen friedliche Protestanten in Istanbul.
Die Grenze längst hinter sich gelassen hatte Erdoğan mit seiner Wut auf Extra3 und Jan Böhmermann.

Der ultimative Tiefpunkt war erreicht, als Merkel vor ihm zu Kreuze kroch und die Ermittlungen nach §103 in Auftrag gab, nachdem sie Böhmermann schon vorverurteilt hatte und seinen satirischen Text als „bewusst verletzend“ einordnete.

Inzwischen radikalisiert sich der türkische Präsident täglich weiter.
Er bedroht direkt elf deutsche Bundestagsabgeordnete, die nun unter Polizeischutz stehen und vom Auswärtigen Amt die Anweisung erhielten nicht mehr in die Türkei zu reisen.
Merkel ließ dazu nur müde von Seibert erklären sie habe kein „Verständnis“ dafür.

Frau Kanzlerin, so geht es nicht!
Längst wären ein paar Machtworte fällig gewesen wider des sich zum Despoten entwickelnden Erdoğans.
Wenn dieser Mensch deutsche Parlamentarier und ihre Familien bedroht, muß sich die Kanzlerin unmissverständlich mit ihrer ganzen Autorität vor diese stellen.

[…] Elf türkischstämmige Abgeordnete des deutschen Bundestages werden seit der Armenien-Resolution massiv angefeindet. Nun hat das Auswärtige Amt Präsident Erdogan scharf kritisiert.
Das Auswärtige Amt hat sich mit einem Schreiben an die elf türkischstämmigen Abgeordneten gewandt, die nach der Armenien-Resolution des Bundestags massiv angefeindet werden.
Die "Kritik, Schmähungen, ja Bedrohungen" gegen die Abgeordneten seien "inakzeptabel", so das Ministerium. Man habe dem Geschäftsträger der türkischen Botschaft in Berlin "das Unverständnis der Bundesregierung über die verbalen Angriffe des türkischen Staatspräsidenten ausgedrückt", heißt es in dem Schreiben. […]

Ich weiß nicht sicher was Erdoğan antreibt, ich vermute er ist tatsächlich ein Fall für den Psychiater.
Er leidet offensichtlich unter Morbus Westerwellitis in verschärfter Form, changiert also nur noch zwischen beleidigen und beleidigt sein.

Das größere Problem ist für mich aber die offensichtlich erpresste Kanzlerin, die nicht mehr ihrem Amtseid entsprechend handelt, sondern Erdoğan zu Füßen liegt.

Angela Merkel, die bis heute dafür sorgt, daß Schwule und Lesben nicht dieselben Rechte wie andere Deutsche bekommen, widerspricht auch in dieser Causa natürlich nicht türkischer Hetze.

Die türkische Zeitung "Yeni Akit" verhöhnt nach dem Massaker in Orlando mit 50 Toten die Opfer des Anschlags. In einer schwulenfeindlichen Überschrift bezeichnet die Redaktion die Menschen in dem Nachtclub als pervers.
[…] "Sapkın eşcinsellerin gittiği barda ölü sayısı 50'ye çıktı!" - schreibt das Blatt am Sonntag. "Die Zahl der Toten in der Bar, in die perverse Schwule gehen, steigt auf 50!"
Wie "Daily Mail" berichtet, soll die Zeitung enge Verbindungen zum türkischen Präsidenten Recep Erdogn haben (62) und in der Vergangenheit bereits öfter mit hasserfüllten Artikeln gegen Juden, Armenier und Christen aufgefallen sein.
(MoPo24, 14.06.16)


Dazu fand ich diesen schönen Facebook-Kommentar:

Verdammt nochmal, dann stimmen Sie endlich der "Ehe für alle" / Adoptionsrecht zu, und reden hier nicht so geschwollen vom toleranten Deutschland! Unerträglich. Unsere Kanzlerin bringt ja nicht einmal das Wort Homosexuell, geschweige denn LGBTIQ über ihre Lippen! Sie hält sich vage wie immer. Damit raubt sie nicht nur den Opfern deren mögliche Identität, sondern sie neutralisiert den Anschlag zu einem, wenngleich entsetzlichen, unpersonalisierten Terror. Politiker die nicht den Mut haben das Unaussprechliche auszusprechen sind nicht mehr zeitgemäß. Es wäre interessant hier das Kanadische Oberhaupt zu hören. Der US Präsident jedenfalls hat das Kind beim Namen genannt, und damit den Opfern allemal alle Ehre erwiesen. Das deutsche Duckmäusertum ist mir ein Graus.
(FB 13.06.2016)

Montag, 13. Juni 2016

America, not doomed?


Es ist nicht wirklich zweckmäßig und verschwendet viel Zeit, aber nach so einem Hass-Anschlag wie dem gestrigen in Orlando, fällt es mir schwer nicht manisch und stundenlang weitere Berichte darüber zu konsumieren.
Dabei handelte es sich um ein enorm schnell aufgeklärtes Verbrechen.
Der Täter war getötet und identifiziert, der Tathergang offensichtlich und die Motive ob seines vorherigen demonstrativen Bekenntnis zum IS auch geklärt.

Vielleicht liegt es daran, daß man als einigermaßen moralisch normal tickender Mensch die Brutalität Omar Mateens nicht nachvollziehen kann, daß man sich nicht von „dem Fall“ löst.

Zu allem Übel wird einem im Anschluß das dunkelste Amerika präsentiert, so daß man immer wieder in neue Schockzustände verfällt.
Pastor Steven L Anderson beispielsweise postete ein Video, in dem er es als „good news“ darstellte, daß „50 sodomites, a bunch of disgusting pedophiles and perverts“ getötet wurden.

Und wieder einmal ahnt man gar nicht, was für christliches Kroppzeug in der Lage ist mit dem Klugtelefon die Exkremente aus dem Hohlraum zwischen den Ohren auf die sozialen Netzwerke zu streuen.

 

  




Klar, daß Donald Trump, der Chef-Widerling der GOP-Widerlinge geifernd seinen Vorteil aus den Leichen saugt.

Trump legte dagegen in einem Telefoninterview mit dem Sender CNN nach. Der Präsidentschaftsbewerber der Republikaner warf der muslimischen Gemeinschaft in den USA vor, den Behörden keine Hinweise auf potenzielle Gefährder zu geben. Er gehe davon aus, dass der Todesschütze Omar Mateen seinen Glaubensbrüdern als potenziell gewalttätig aufgefallen sei. Man müsse die Moscheen und die Glaubensgemeinschaften überwachen. "Und glauben Sie mir, die Gemeinden kennen die Leute, die ein Potenzial zum Explodieren haben", sagte Trump.

Aber, wie so oft in Krisen und Schockzuständen zeigt sich Amerika auch von seiner positiven Seite.

In Orlando war das Mitgefühl mit den getöteten Schwulen so selbstverständlich, daß sich unaufgefordert riesige Schlangen aus lauter freiwilligen Blutspendern  um die Krankenhäuser bildeten.
Der Andrang war so enorm, daß man die Menschen schließlich wegschicken mußte.

Auch bei Republikanern und Behörden schien mir keinerlei homophober Ton erkennbar – wenigstens das.

Beeindruckend auch, mit welcher Selbstverständlichkeit in Florida die gay community mit der muslim community zusammenstand.
Ich kann nicht beurteilen, ob das überall in Amerika so ist, aber in Orlando verstehen sich offensichtlich die Vertreter aller Minderheiten als Teil einer gemeinsamen „diversity coalition“.
Seit vielen Jahren arbeiten Juden, Exil-Cubaner, Schwarze, LGBTIs und Muslims eng zusammen. Man kennt sich, hilft und unterstützt sich.

Die peinliche Diskussion, die man aus Europa kennt, ob sich muslimische Organisationen nicht vom Terror distanzieren müßten, oder ob man sie damit erst unter Generalverdacht setzt, stellt sich scheinbar gar nicht erst in den USA, weil die Muslime dort selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind und ohnehin sofort an der Seite der Opfer standen.


Aber gerade in Relation zu der enorm hohen Gesamtzahl gibt es in den Staaten erstaunlich wenige islamistisch motivierte Mass-Shootings.
In Paris, London, Brüssel, Madrid, in der Türkei und erst recht in den Maghreb- und Nahostländern gab es weit schlimmere Anschläge seit dem 11. September 2001.

Dabei leben an die 3,5 Millionen Muslime in den USA und die Waffen liegen dort bekanntlich auf der Straße.
Daß es dort zu viel weniger islamistischen Anschlägen kommt, wird gemeinhin schlüssig damit erklärt, daß Muslime in den USA weit besser in die Gesellschaft integriert sind als in Europa.
Religionen werden grundsätzlich mehr akzeptiert und da junge Muslime nicht wie in den berüchtigten französischen Banlieues ausgegrenzt, perspektiv- und hoffnungslos zusammengepfercht, sondern überall verteilt leben, schaukelt sich erst gar keine dumpfe Stimmung auf, wie sie für die Abgehängten jeder Gesellschaft typisch ist.

Schließlich freut es mich zu sehen, daß am Beispiel Omar Mateen diesmal die NRA und sonstige Waffenlobby extrem angegriffen wird.

Obgleich der Attentäter bereits unter Beobachtung des FBIs stand, konnte er seelenruhig und legal in ein Geschäft spazieren, um sich ein Maschinengewehr zu kaufen.
Trumps Republikaner hatten noch vor ein paar Monaten dafür gesorgt, daß dies ohne Registrierung oder Backgroundchecks passieren konnte.
Personen, die wie Mateen auf der FBI-Watchlist standen hätten laut eines Gesetzentwurfes keine Waffen kaufen dürfen.
Die Republikaner verhinderten dies.

It’s also disgusting considering these very same Republicans (and one Democrat) listened to the NRA’s lobbyists over reason just six months ago and voted to kill a bill that would have made it impossible for a person on the terror watch list to legally acquire a gun.

Senate Republicans rejected a bill that aims to stop suspected terrorists from legally buying guns, on Thursday.  The vote came a day after at least 14 people were killed during the San Bernardino massacre in California by two suspects, including a woman said to have pledged allegiance to ISIS.
Forty-five senators voted for the bill and 54 voted against it. One Democrat, Sen. Heidi Heitkamp of North Dakota, and one Republican, Sen. Mark Kirk of Illinois, crossed party lines.
The measure would have denied people on the terrorist watch list the ability to buy guns.

This is how warped the gun-obsessed fringe of the right has gotten. Terror suspects can be barred from flying, but they must never have their right to bear arms infringed. That’s “tyranny.”
Guess who was on the terror watch list? Orlando’s nightclub shooter. […..]

Nein, ich glaube nicht, daß jetzt der Druck groß genug wird, um strengere Waffengesetze in den USA möglich zu machen.
Aber es ist schon für viele Menschen schockierend zu sehen, daß die republikanischen Senatoren gerade eben noch aktiv dafür sorgten den Massenmörder Mateen zu bewaffnen, sie rollten ihm gewissermaßen den Teppich aus.
Laut Donald Trump ist Barack Obama Schuld an dem Mass Shooting und sollte in Schande von seinem Amt zurücktreten.
Möglicherweise gibt es aber doch den ein oder anderen Amerikaner, der diese Sicht der Dinge unsinnig findet und eher die GOP beschuldigt.

 [….] Neben der Gefahr, die von Terroristen ausgeht, diskutieren US-Medien nun aber auch wieder über das Thema Waffenbesitz: "Warum können wir nicht mit einer Neubewertung unserer Waffengesetze auf Terrorismus und Gewalt reagieren?", fragt die "Washington Post". Und: "Warum sind diejenigen, die großmäulig ankündigen, die Härtesten im Kampf gegen islamistischen Terror zu sein, so schüchtern, wenn es um mögliche Antworten zum Thema "Waffenkontrolle" geht?" Die einzig angemessene Antwort auf Orlando sei Solidarität und intelligente Entschlossenheit.
Auch die "Daily News" greift das Thema Waffengesetze auf - und hat auf ihrer Titelseite bereits einen Schuldigen für die Attacke ausgemacht: "Danke, NRA", heißt es dort. Weil die Waffenvereinigung National Rifle Association gegen ein Verbot von Sturmfeuergewehren gekämpft habe, seien solche Massaker erst möglich, heißt es. Deswegen könnten "Irre" wie Omar M. legal Gewehre erwerben.
[….] Die Schweizer Zeitung "NZZ" vermutet, dass die Attacke auf den Schwulen- und Lesbenclub auch Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahlen haben wird: Vor allem der republikanische Kandidat Donald Trump werde profitieren. "Besonders mit Blick auf die Präsidentenwahl im November dürfte dieser Sonntag zur Zäsur werden, die Amerika in ein 'Davor' und ein 'Danach' teilt", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung. [….][….]