Sonntag, 12. Juli 2015

Geschichtsstunde – Teil I


Manchmal wäre ich gern adelig.
Das würde die Genealogie erheblich vereinfachen, weil schon immer in der Familie aufgeschrieben worden wäre woher man stammt.
Und außerdem finde ich die langen Namen irgendwie sexy.
Ich hätte da gern etwas Extravagantes zu bieten.

Eins meiner Lieblingsbücher, das ich seit Jahrzehnten immer wieder in die Hand nehme ist Brigitte Sokops „Stammtafeln europäischer Herrscherhäuser“ (Böhlau Verlag ISBN 3-205-98096-4).
Das fällt in dieselbe Kategorie wie die „Synchronoptische Weltgeschichte“ oder Hermes Handlexikon „Wer kannte wen?“; also Bücher, die man immer parat liegen haben sollte, so daß man schnell nachschlagen kann, wenn man in Zeitungen, TV etc über irgendwelche historischen Anmerkungen stolpert.

Kürzlich las ich eine Meldung über den 1485 verstorbenen britischen König Richard III.
Auch wenn man kein Historiker ist, weiß man vermutlich aus diversen Fernsehserien über die Tudors (insbesondere Heinrich VIII., 1491-1547) und die Greys (Königin Jane Grey 1553-1554) in etwa um welche Zeit es sich handelt.
Da war viel los. Das Mittelalter ging zu Ende, das Zeitalter der Kolonialisierung begann.  Mein Lieblingspapst Alexander VI. hatte 1494 im Vertrag von Tordesillas mal eben die gesamte Welt und alle ihre Besitztümer zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. Das ist ja das Schöne an den Christen; sie sind so überhaupt nicht anmaßend.

Wie passt nun Richard III. in das Laien-Historikerbild? Man kennt den Namen ja eigentlich nur noch aus Shakespeares Drama, in dem er als abgrundtief böser Krüppel und Schurke dargestellt wird.
Dazu sind Sokops Herrschertafeln so schön.


Heinrich VIII., also der Typ, der ständig seine Ehefrauen köpfte, um eine neue zu heiraten, sich mit dem Papst anlegte und deswegen die neue englische Staatsreligion gründete war der Sohn Heinrich VII., der wiederum ein Neffe Richard III. (1452-1485, König ab 1483) war.
Richard war also Henrys Großonkel.

Er war eine gar nicht mal uninteressante Figur, da er der letzte Plantagenet war und mit seinem Tod die sogenannten Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster endeten.
Der Begriff „Rosenkriege“ ist dabei sehr euphemistisch gewählt – in Wahrheit bedeutet es erbittertes gegenseitiges Abschlachten über Dekaden.
Kinder, Geschwister, Cousins wurden aus reiner Machtgier ermordet.
Richard III. Vorgänger, sein älterer Bruder König Eduard IV. erwies beispielsweise dem gemeinsamen Bruder George 1478 seine ungeheure Großzügigkeit, indem der sich seine Todesart selbst aussuchen durfte. Er ließ sich in einem Fass Wein ersäufen. Naja, wem’s gefällt.
Richard sollte eigentlich nur Vormund von Eduards IV. 12-Jährigem Sohn Eduard V. sein. Dieser wurde tatsächlich auch im Juni 1483 gekrönt, aber Richard sperrte ihn zusammen mit seinem 9-Jährigen Bruder in den Tower, aus dem sie nie wieder rauskamen.
Richard III. ließ dann fleißig alle Thronrivalen köpfen oder vergiften, bis er allein übrig blieb und schließlich am 06. Juli 1483 selbst gekrönt wurde.
Er mordete dann fröhlich weiter, bis er 1485 von dem späteren Tudor-König Henry VII. auf dem Schlachtfeld gekillt wurde.
Nach Richard war Schluß mit den Kabalen; es kamen die Tudors.

Wie ich jetzt darauf kommen?
Also Richard III. Gebeine wurden 2012 nach gezielten Grabungen in Leicester entdeckt und kürzlich genetisch identifiziert.
Wissenschaft ist cool.
Man konnte noch nach über 500 Jahren nachweise, daß er an Skoliose litt (daher offenbar seine literarische Darstellung als "Krüppel“), in Wales aufgewachsen war, viel Geflügel und Wein konsumiert haben mußte.
Seine Leiche wies Dutzende Knochen-Verletzungen auf; offensichtlich steckte er wirklich mitten im Schlachtgetümmel als er starb.

Das ist für Historiker ja eine interessante neue Möglichkeit: Grabstätten aufbohren, Gewebeproben entnehmen und nach Jahrhunderten durch DNA-Tests überprüfen, wer wirklich wessen Kind war.

Da das Überleben von Monarchinnen davon abhängig war Nachwuchs auszuwerfen, kam es verständlicherweise häufig vor, daß sie bei misserfolgreichem ehelichen Koitus auch mal schnell mit dem Koch oder Zimmerburschen knatterten.
Heute kann man das überprüfen und so fallen gegenwärtigen Monarchen immer riesige Gesteinsbrocken vom Herzen, wenn sie auch mal erfahren, daß sie wirklich die genetischen Nachkommen ihrer königlichen Vorfahren sind.
Bei Richard konnte tatsächlich eine rein maternale genetische Linie zu heute lebenden Nachfahren – 17 Generationen später - nachgewiesen werden.
Paternal klappte es erwartungsgemäß nicht, da seine Vorfahrinnen fleißig fremd gingen und andere Männer in die Thronfolge einkreuzten.

Im März 2015 wurden Richard III. Überreste in der Kathedrale von Leicester in einen Bleisarg gestopft und mit allen Ehren bestattet.


Solche Gelegenheiten lassen sich Pfaffen natürlich nicht entgehen. Zumal Richard III. der vorletzte katholische König Englands war.

Cardinal gives homily during historic ceremony in Leicester on Sunday
Cardinal Vincent Nichols has prayed for the soul of Richard III during a service for the dead king.
[….]  At the service, Cardinal Nichols said that the sprinkling of holy water on the coffin was “a reminder that King Richard, at the beginning of his life, was baptised in the name of the Father, the Son and the Holy Spirit. He was thereby called to live as a follower of Jesus Christ.”
[….]  However, as well as alluding to Richard’s notoriety, most famously for his alleged ordering of the murder of his two nephews, the princes in the Tower, the Cardinal pointed out the king’s great strengths: “Within the depth of his heart, amidst all his fears and ambitions, there surely lay a strong desire to provide his people with stability and improvement. In his two short years as King, he reshaped vital aspects of the legal system, developing the presumption of innocence, the concept of blind justice and the practice of granting bail rather than being held in jail. He established the Court of Requests to give wider access to justice and insisted on the translation into English of all written laws and statutes so that they were readily accessible to all. Nevertheless his reign was marked by unrest and the fatal seepage of loyalty and support.”
He said that Richard was “a man of prayer, a man of an anxious devotion. In a surviving prayer, we hear him pleading with God for the protection of the Archangel Michael and for deliverance from his enemies.” [….]  

So sind sie, die Katholiban.
Immer devot buckelnd vor der Obrigkeit.
Ein wie besessen mordender Mann, den Historiker in Punkto Bosheit in einem Atemzug mit Hitler und Stalin nennen, wird liebevoll bebetet.



Kein Wort der Kritik. Alles gut.



Naja, es war ja auch nur Massenmord und kein Verbrechen, das die RKK wirklich in Rage bringt – wie zB Ehescheidung oder Homosexualität.

Bei Radio Vatikan – „Stimme des Papstes und der Weltkirche“ heißt es dazu:

Vergangenen Montag hat der Erzbischof von Westminster, Kardinal Vincent Nichols, eine Messe für den bereits 1485 verstorbenen König Richard III. in Leicester gefeiert. Hunderte Menschen standen Schlange, um den Sarg des letzten Königs aus dem Haus Plantagenet zu sehen. Dieser Sarg ist bis Donnerstag ausgestellt und wird dann in einer Zeremonie, die vom Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, zelebriert wird, in eine Gruft gebracht.
Im Interview mit Radio Vatikan, sprach Kardinal Nichols davon, dass Richard ein Mann des Gebets gewesen sei. Dies sei auch dadurch bestätigt, dass man ein Gebetbuch bei ihm gefunden habe, in das er Bemerkungen und auch ein eigenes Gebet geschrieben habe. Richard III. war ein katholischer König in einem katholischen Land zu dieser Zeit. Sowohl die katholische als auch die anglikanische Kirche feiern sein Gedenken in dieser Woche.












Samstag, 11. Juli 2015

Fakten und Fiktionen



Wie verkündete es neulich der CDU-Fraktionschef und Heckler-und-Koch-Lobbyist Kauder?
In Brüssel wird wieder deutsch gesprochen.
Und leider spricht man in Deutschland auch deutsch.


Die Deutschen wollen keine linke Regierung am Tisch und setzen alles daran Syriza aus Brüssel zu vertreiben.
Mittlerweile lügen auch die SPD-Großkopferten Gabriel und Schulz nach Herzenslust – offensichtlich hoffen sie damit bei den schlecht informierten und xenophoben Wählern in Deutschland zu punkten.

Prof. Gesine Schwan (SPD), Politikwissenschaftlerin: „Die Gläubiger wollen ein für allemal verhindern, dass eine alternative Wirtschaftspolitik zum Zuge kommt, das ist ganz klar. Und das ist ganz schlimm, denn wenn diese Wirtschaftspolitik, die jetzt betrieben wird, nicht zugunsten der Menschen geht, dann ist das schlimm für die Menschen. Und daraus erklärt sich auch die Härte des Kampfes. Denn an Griechenland zeigt sich, ob die Europäer offen bleiben können für andere politische Optionen angesichts dieser Schuldensituation oder ob sich eine bestimmte Wirtschaftspolitik, eben die der Austerität, durchsetzt nur durch Sparen wachsen, die bisher nach meinem Eindruck nirgends wirklich Erfolg hatte.“

Prof. Thomas Piketty, Paris School of Economics: „Wir müssen anfangen, unsere Irrtümer einzusehen. Wenn wir eine so schlechte wirtschaftliche Performance haben und doppelt so hohe Arbeitslosenzahlen wie in den Vereinigten Staaten, dann weil wir eine viel zu strenge Sparpolitik betrieben haben.“

Demokratie ist inzwischen weniger gefragt, unter Merkels perfiden Ägide zählt nur neoliberales Diktat.
Merkel  und Lagarde entwickeln sich mehr und mehr zu den Totengräberinnen Europas.
Erstere vertritt ein Land, das bis heute das im WK-II von Griechenland geraubte Geld nicht zurückzahlen will, das nach dem ersten und zweiten Weltkrieg nur durch gewaltige Schuldenschnitte wieder auf die Beine kam und stammt zudem aus der DDR, die auch niemals die eigenen Schulden zurückgezahlt hätte, wenn nicht ein anderer Staat eingegriffen hätte.
Letztere war zu doof, um bei der ENA angenommen zu werden und scheiterte als französische Ministerin.

Zu Wochenbeginn ist im Wall Street Journal ein ausführlicher Beitrag über die deutsche Rolle in der EU erschienen, der auch die Folgen der Berliner Krisenpolitik scharfsichtig analysiert. Der Autor des Beitrags zeichnet in groben Zügen zunächst nach, wie die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren zur dominierenden Macht der EU geworden ist. Jahrzehntelang habe es ein "Tandem aus Frankreich und Deutschland" gegeben, das in Brüssel den Ton angegeben habe, heißt es in dem Text; deutsch-französische Kompromisse hätten, weil sie von stark divergierenden Standpunkten aus erzielt worden seien, die übrigen EU-Staaten gewöhnlich integrieren können. Seit Deutschland nun allein dominiere, sei diese Integrationskraft nicht mehr gegeben. Berlins Macht schaffe stattdessen neue Spannungen in der EU, die gegen "die anschwellende Dominanz eines ihrer Mitglieder" zu kämpfen habe. Spätestens mit dem griechischen "Nein" vom vergangenen Sonntag seien "die Gefahren, die aus Deutschlands Aufstieg für das europäische Projekt resultieren, deutlich geworden" - aus einem einfachen Grund.
Denn mit jeder Krise, deren Lösung die deutsche Kanzlerin dominiert habe, sei vielen Menschen in der EU die Botschaft vermittelt worden, dass gänzlich "ungeachtet der Lippenbekenntnisse zu einem gemeinsamen 'Europäischen Projekt' die Deutschen und gesichtslose Bürokraten in Brüssel den Takt vorgeben", heißt es weiter im Wall Street Journal.. Gelinge es nicht, die Griechenland-Krise in nächster Zeit einzudämmen, werde der Widerstand gegen "die deutsche Macht in Europa" wohl weiter wachsen. Ähnlich wie die Rolle der Vereinigten Staaten die ganze Welt polarisiere, "polarisiert die deutsche Macht Europa", schreibt der Autor. Dabei gehe der Riss durch alle Länder.

Ich meine zu beobachten, daß sich die Merkel-Gabriel-kritischen Stimmen inzwischen doch häufen.
Zu offensichtlich verabreicht insbesondere Schäuble der griechischen Wirtschaft immer weiter Rattengift.
Genau die „Medizin“, die Syrizas christdemokratische und sozialdemokratische Vorgänger brav exekutiert hatten und damit Griechenland ruinierten.
Wenn es Merkel und ihrem fanatischen Finanzminister gelingen sollte Europa kaputt zu machen und zig Millionen Menschen zur Freude der Banker ins soziale Elend zu stürzen, können sie nicht a posteriori behaupten, es nicht besser gewußt zu haben.
Es mangelt nicht an mahnenden Stimmen

Berliner Blockierer.  Es spricht viel dafür: Deutschlands Regierung unternimmt zurzeit fast alles, um Griechenland aus dem Euro zu werfen. Denn wenn es stimmt, dass Merkel ohne den IWF kein Rettungspaket schnüren will, der aber auf einen Schuldenschnitt besteht, den Merkel wiederum kategorisch ablehnt, dann lässt sich daraus eigentlich nur ein Schluss ziehen: Selbst wenn die griechische Regierung auf den Knien nach Brüssel rutschen würde (was sie längst tut), wären Merkel und Schäuble kaum bereit, Griechenland in der Euro-Zone zu halten.
Die martialische Spar-Rhetorik der letzten Wochen wäre damit entlarvt: Als politisches Schmierentheater auf Kosten der griechischen Bevölkerung. Die wahren Blockierer, das lehren uns die letzten Tage, sitzen eben nicht in Athen sondern in Berlin.
Der Traum des deutschen Finanzministers von einem wohlhabenden "Kerneuropa" – er scheint zum Greifen nah. Dass Griechenlands Rentner oder Spaniens junge Arbeitslose sich dafür nichts kaufen können. Das gehört offenbar zum eiskalten Zynismus dieses Kalküls.
(Georg Restle, WDR, 10.07.2015)

[Brüssel und Berlin] hielten die Krisenstaaten mit Notkrediten zahlungsfähig, und zwangen sie, ihre Ausgaben radikal zurückzufahren. Zugleich definierten sie die Finanzkrise, die aus der maßlosen Kreditvergabe der Banken entstanden war, zu einer Staatsschuldenkrise um und dehnten das Sparkorsett mit ihrem „Fiskalpakt“ auf die ganze Euro-Zone aus.
Und um das zu rechtfertigen, beriefen sie sich auf eine Theorie, die schon seit 70 Jahren widerlegt ist. Es sei „ein Irrtum, zu meinen, dass Austerität dem Wachstum und der Schaffung von Jobs schadet“, behauptete etwa Trichet im Juli 2010. Das „größere Problem“ sei vielmehr „der Mangel an Vertrauen bei Haushalten und Unternehmen, dass die staatliche Haushaltspolitik nicht nachhaltig ist“.
Heute, fünf Jahre später, ist klar: Es ist genau anders herum. Mit jedem Euro, den die Staaten sparten, verloren sie bis zu 1,50 Euro an Wirtschaftsleistung, stellten Forscher des Internationalen Währungsfonds (IWF) schon 2012 fest. Im Ergebnis investierten die Unternehmen immer weniger, dafür stiegen die Schuldenquoten und die Arbeitslosigkeit. Und weil alle Euro-Länder gleichzeitig ihre Ausgaben kappen, fällt die europäische Wirtschaft weiter zurück.
Doch merkwürdig: Alle Verantwortlichen weigern sich rundheraus, diesen eindeutigen empirischen Befund anzuerkennen. Und das selbst im Fall Griechenland. Nachdem die Wirtschaft dort bereits um volle 25 Prozent geschrumpft ist, fordern Finanzminister Schäuble und seine Kollegen gemeinsam mit IWF-Chefin Lagarde und EZB-Chef Draghi weitere Kürzungen, welche die Rezession um noch einmal zehn Prozent verschärfen würde. Diese demonstrative Ignoranz nährt einen schlimmen Verdacht: Es geht Europas Regenten gar nicht um Prosperität. Stattdessen missbrauchen sie das Spardiktat als Machtinstrument, um den Rückbau des Wohlfahrtsstaats zu erzwingen. Draghi behauptete schon 2012, „das europäische Sozialmodell“ sei „vergangen“. Und so wurden in den Krisenstaaten Tarifverträge und Arbeitnehmerrechte abgeschafft, die Renten- und Gesundheitssysteme zur Minimalversorgung eingedampft und die Gewerkschaften völlig marginalisiert.

"Auf der Grundlage monatelanger Verhandlungen bin ich [= Varoufakis –T.] davon überzeugt, dass der deutsche Finanzminister will, dass Griechenland aus der Währungsunion herausgedrängt wird, um die Franzosen das Fürchten zu lehren und sie zu zwingen, sich seinem Modell einer Eurozone zu unterwerfen, in der strenge Disziplin herrscht." Varoufakis nennt das "Schäubles Modell einer Zuchtmeister-Eurozone". Der Deutsche wolle "klare Verhältnisse schaffen, auf die eine oder andere Weise".

Wehe dem Volk, das eine Regierung wählt, auf der nicht Merkels Segen ruht. Es wollte ja schon einmal ein griechischer Premierminister ein Referendum abhalten, Georgios Papandreou, im Oktober 2011. Es kam dann nicht dazu, Papandreou wurde von den eigenen Leuten um sein Amt gebracht. Aber erst mal waren die Deutschen fuchsteufelswild. Als sie von der Sache Wind bekamen, stoppten sie die Zahlung einer fälligen Tranche - einfach so. Und als sie sich eines Besseren besonnen hatten, formulierte Angela Merkel persönlich die Frage, die dem griechischen Volk vorgelegt werden sollte.
In der Eurokrise agieren wir mit geradezu kaiserlicher Selbstgerechtigkeit. [….] Längst haben Ökonomen, die nicht dem zerstörerischen Austeritätsdogma anhängen, den Weg aus der Krise gezeigt: Die Schulden von Staaten müssen nicht zurückgezahlt werden. Eine Mischung aus Inflation, Sondersteuern auf Privatvermögen und Schuldenschnitten löst das Problem. Piketty: "Europa wurde auf dem Vergessen der Schulden und dem Investieren in die Zukunft gegründet." Und nicht auf Merkels protestantischer Idee der ewigen Buße.
Die Europäische Integration war auch gedacht als Projekt der Einhegung Deutschlands. Und langsam könnte uns dämmern: So abwegig war es damals nicht, vor dem Wiedererwachen eines dunklen deutschen Nationalismus zu warnen. Die europäischen Staaten, die bei der Niederwerfung Griechenlands jetzt mit Merkel gemeinsame Sache machen, könnten das eines Tages bereuen. Was wir heute mit den Griechen machen, kann morgen den Franzosen blühen. [….]

Bereits heute soll Premier Alexis Tsipras einen neuen Hilfsantrag in Brüssel vorlegen. Am Donnerstag soll ein neues Spar- und Reformprogramm stehen. Sollten die Konditionen nicht bis ins Detail bis Freitag Morgen um 8.30 Uhr erfüllt werden, werde man Griechenland aus dem Euro werfen, droht EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Der Grexit sei schon bis ins Detail vorbereitet.
So spricht man nicht mit Partnern, sondern mit Feinden. Aus diesen Beschlüssen spricht keine historische Vernunft, sondern der Wunsch nach Rache – dafür, dass sich Tsipras über den Willen der Euro-Granden hinweggesetzt und sein Volk zu einem „Nein“ hingerissen hat. Es sollte ein „Nein“ zu Ultimaten und Pressionen aus Brüssel sein - Brüssel antwortet mit neuen Ultimaten.
Gutes kann aus dieser Politik nicht erwachsen.
(Eric Bonse taz 08.07.2015)

Freitag, 10. Juli 2015

Die Scheiße, die immer übrig bleibt.



Gäbe es die DDR und die Stasi noch, würde ich jetzt mutmaßen, daß Frauke Petry eine gezielt eingesetzte Agentin ist, um die AfD von Innen zu zerstören.
Das klappt hervorragend; ich bin sehr zufrieden mit Petry.
Irgendwie ein faszinierender Aspekt der DDR-Geschichte.
Bei den allermeisten Produkten war der West-Teil Deutschland so viel erfolgreicher, aber nicht bei allen.
Die BRD konnte noch nie Geheimdienst.
Der BND war immer eine internationale Lachnummer, den alle anderen Geheimdienste auslachten, weil er nichts allein schaffte und seine Agenten immer zehn Meilen gegen den Wind als solche zu erkennen waren.
Das diametrale Gegenteil hingegen die Stasi: Hocheffektiv und weltweit in Geheimdienstkreisen als Top-Player anerkannt.
Sinnvoll wäre es daher gewesen nach 1990 den Stasi-Auslandsgeheimdienst zu behalten, bzw den DDR-Auslandsgeheimdienstchef Markus Wolf zum Chef der gesamtdeutschen Dienste zu machen.
Wer weiß, ob mit etwas mehr Professionalität die ganzen Peinlichkeiten um NSU und NSA nie passiert wären.
Aber das ist ja eine der legendären Ungerechtigkeiten der deutschen „Wiedervereinigung“ – BND-Chef Klaus Kinkel und Markus Wolf taten auf ihrer jeweiligen Seite genau das gleiche.
Ersterer wurde anschließend Außenminister und Vizekanzler, letzterer wurde in den Knast gesteckt.
Anyway. Da die DDR Geschichte und Markus Wolf zurzeit tot ist, wird Frauke Petry wohl keine Stasi-Agentin sein.
Effektiv beim Zerstören der AfD ist sie dennoch.

Klassischer Fall von Nachtreten: Frauke Petry macht Vorgänger Lucke schwere Vorwürfe. […]
"Unter Frauke Petry ist einfach mehr Mut zu Deutschland möglich als unter Lucke, und deshalb haben wir sie in Essen gegen Lucke unterstützt", schrieb Petrys Parteikollege Hans-Thomas Tillschneider, Mitglied im sächsischen Landesvorstand und Mitgründer der Patriotischen Plattform der AfD, im neurechten Blog Sezession.
Zuletzt hatten die Nationalkonservativen in der AfD an Boden gewonnen. Auf dem Essener Parteitag war der nordrhein-westfälische Landeschef Marcus Pretzell mit der Feststellung aufgefallen, die AfD sei eine "Pegida"-Partei. Viele Redner polemisierten in teils beleidigendem Tonfall gegen Asylbewerber, den Islam und gegen Homosexuelle, ohne dass Petry selbst mäßigend eingriff.

Ungefähr 2000 Mitglieder haben die Partei mittlerweile verlassen, besonders im Westen brechen die Strukturen weg.

In Hamburg warf gestern auch der bisher kontinuierlich debakulierende AfD-Chef Jörn Kruse hin.
Sehr gut.

Man darf sich nur nicht dazu verführen lassen zu glauben, daß sich mit dem Untergang einer rechten Partei auch das widerliche Gedankenschlecht dieser Bande in Luft auflöst.

Um das bestätigt zu bekommen, muß man nur an irgendeinem beliebigen Tag die vor xenophoben Hass strotzenden Pressemitteilungen des CSU-Generals Andreas Scheuer lesen.


Um das bestätigt zu bekommen, muß man sich nur ansehen, was für ein widerlicher brauner Mob in Sachsen wütet.


Um das bestätigt zu bekommen, muß man nur in die Schweiz gucken.

[….] Gemeinde will Spielplatz-Verbot für Asylbewerber
«Rayonverbote für Asylbewerber sind unabdingbar», sagt der Gemeindepräsident von Muri AG. Menschenrechtler finden die Massnahme problematisch.    [….] Ab September werden bis zu 150 Asylbewerber im Keller des Spitals Muri AG wohnen. Die Besucher sind besorgt. Die Asylbewerber seien dann «jeden Tag in diesem Gebiet» und würden die «Sitzbanken der Besucher benutzen», zitiert Tele M1 einzelne Personen.
[….] Neben Muri sollen auch die Spitäler Baden, Laufenburg und Aarau unterirdische Unterkünfte für Asylbewerber einrichten. Bereits nächste Woche sollen die ersten Personen in der GOPS (Geschützten Operationsstellen) des Spitals Baden einziehen. [….] Der Gemeindepräsident Hans-Peter Budmiger wehrt sich zwar nicht gegen den Entscheid des Kantons. Aber es müssten strikte Regeln gelten: «Rayonverbote für Asylbewerber sind unabdingbar», sagt Budmiger. Konkret sollen die Asylbewerber nicht auf Schulhaus- oder Spielplätze dürfen. «Die Sicherheit der Bevölkerung muss gewährleistet sein», begründet Budmiger die Massnahme gegenüber 20 Minuten.
[….] Budmigers Massnahme erinnert an das Badiverbot aus Bremgarten AG. Im August 2013 wurde Asylbewerbern der Zutritt zu Badis und Schulhausplätzen untersagt.

Um das bestätigt zu bekommen, muß man nur nach Bayern gucken.

Zum Urlaubs-Boykott in Griechenland ruft der Passauer CSU-Politiker Konrad Kobler auf. "Der Zenit eines europäisch-solidarischen Verhaltens ist überschritten. Jetzt muss das anständige Schweigen gegenüber den derzeit für Furore machenden Vertretern der griechischen Links-Rechts-Regierung gebrochen werden", teilte der ehemalige Landtagabgeordnete in einer Pressemitteilung mit.
Sollte Griechenland weiterhin mit Schuldzuweisungen gegenüber Deutschland von der eigenen Verantwortung und Reformwilligkeit ablenken, sollte Griechenland bis auf Weiteres als Urlaubsdomizil gemieden werden. [….]

Um das bestätigt zu bekommen, muß man nur nach Brüssel gucken und dem dortigen CSU-Chef und Vorsitzenden der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament, MdEP Manfred Weber, zuhören wenn er den griechischen Ministerpräsidenten anspricht

„Sie lieben die Provokation, wir lieben den Kompromiss. Sie lieben das Scheitern, wir den Erfolg. Sie spalten Europa, wir lieben Europa“.
(Manfred Weber im EU-Parlament 09.07.2015)