Sonntag, 11. Januar 2015

Sonntagsstimmung



OK, das beeindruckt, wenn Millionen Menschen in Frankreich für die Opfer von Chérif und Saïd Kouachi, sowie Amedy Coulibaly auf die Straße gehen.
Wir sollten uns aber davor hüten jetzt in Optimismus auszubrechen.
Die deutsche Politik ist immer noch so wie sie ist.

Pressesplitter:

Prof. Dr. Jörn Kruse, Spitzenkandidat der AfD Hamburg, beim Wahlkampfauftakt am 10. Januar 2015 über Charlie Hebdo:


Die stramm konservative Bildungsministerin fordert schon mal prophylaktisch, daß Religion stark mit der Politik und Bildung verknüpft bleibt – als ob nicht mehr als genug bewiesen wäre, welchen Hass und welche Untaten wir Religioten aller Couleur verdanken.
Diese Johanna Wanka ist auch so eine Polit-Sinnlosigkeit, die unter dem medialen Radar hindurchschlüpft, keinerlei nennenswerte Leistung erbringt und ob ihrer bedingungslosen Treue zu Angela Merkel kontinuierlich mit schönsten Posten versorgt wird.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) warnt nachdrücklich davor, als Konsequenz aus dem islamistischen Terrorismus Religion aus Staat und Schule zurückzudrängen. "Die Bluttat von Paris fordert von uns eine Haltung dazu, welche Rolle Religion im staatlichen Bereich spielen soll", sagte die Ministerin der "Bild am Sonntag".
"Diejenigen, die den Glauben und seine Symbole aus dem Bildungssystem und anderen staatlichen Bereichen verdrängen wollen, sind auf dem falschen Weg." Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen leben nach den Worten der Ministerin in Deutschland meist gut zusammen. Dabei helfe, "dass wir Religion nicht als reine Privatsache betrachten". Deshalb fördere die Regierung an mehreren Hochschulen Studiengänge, die zum Beispiel künftige Islam-Lehrer an Schulen ausbilden.

Im gerade für Hamburger berüchtigten sächsischen Bad Schandau – hier wurde ein Schüler aus Hamburg-Lurup auf Klassenreise von Neonazis zusammengeschlagen – fuhr ein CDU-Politiker einen Polizisten bei einer DGB-Demo gegen die NPD an. Der Mann ist übrigens Fahrlehrer.

Es passierte am Donnerstagabend in Bad Schandau. Hier hatte die NPD zu einer Demo gerufen - und ein linkes Bündnis zu einer Gegendemo. Bei dieser Gegendemo (organsiert vom DGB) kam es auch zu dem Zwischenfall.
Der CDU-Stadtrat und ortsbekannte Fahrlehrer Steffen Kunze (49) war im Bereich der ersten Demo unterwegs. Als diese zu Ende war, wollte er zu seinem Auto, einem schwarzen VW Golf, das aber im Bereich der Linken-Demo abgestellt war. Die Polizei verbot ihm loszufahren, weil die Straße gesperrt war. Kunze stieg trotzdem ein, startet den Motor und fuhr einen Polizisten an.

Heinrich Böckelühr (CDU), Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Schwerte (46.000 Einwohner, Ruhrgebiet, südöstlich von Dortmund), hat einen prima Plan wo er die 21 ihm zugeteilten Flüchtlinge unterbringen kann:
IM KZ! Eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald hält er für geeignet.

Die Stadt Schwerte will Flüchtlinge in einem Gebäude eines ehemaligen Konzentrationslagers unterbringen. Das berichten die Ruhr-Nachrichten. In Schwerte gab es eine Außenstelle des KZ Buchenwald, mehrere hundert Zwangsarbeiter waren hier gefangen. Jetzt sollen 21 Flüchtlinge in die ehemalige Baracke der SS-Aufseher einziehen. Der Flüchtlingsrat NRW kritisiert das Vorhaben als sehr befremdlich.

Der CDU-Fraktionschef in Niedersachsen, des immerhin flächenmäßig zweitgrößten Bundeslandes, robbt sich ganz an die Pegida heran und will alle Fremden schnell loswerden. Die stinken ihm buchstäblich.

Der Christdemokrat starte „Anbiederungsversuche an die rechtspopulistische Pegida-Bewegung“, sagte Marie Pelzer von Pro Asyl der taz. Außerdem schüre Thümler „Ressentiments gegen Flüchtlinge und Muslime“.
Der aus Berne in der Wesermarsch stammende CDU-Mann hatte im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa gefordert, Asylverfahren auf „zwei bis drei Monate“ zu beschränken und danach schnell abzuschieben. Außerdem müsse Zuwanderung selektiver reguliert werden: Mit einem „Punktesystem wie in Kanada“ will Thümler offenbar sicherstellen, dass Einwanderer von möglichst großem wirtschaftlichen Nutzen für Deutschland sind. Auch forderte er eine Einschränkung des Kirchenasyls.
Teile von Thümlers Interview markierten eine besondere „Form der persönlichen Ausgrenzung und Herabwürdigung von Migranten“, findet Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen: Der CDU-Fraktionschef hatte gefordert, die Themen „Zuwanderung, Asylbewerber und Flüchtlinge“ nicht weiter zu vermischen – denn „dieser Cocktail erzeugt für viele einen Geruch“.

Auch Merkels Generalsekretär biedert sich bei Pegida an.

[….] Hintergrund sind Äußerungen des Generalsekretärs der Christdemokraten Peter Tauber. Der CDU-Politiker regte in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ an, als Reaktion auf die Anti-Islambewegung Pegida über ein neues Deutschlandbild zu diskutieren und in dieser Hinsicht auch das Thema Zuwanderung in den Blick zu nehmen.
Das fordern auch die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) und die Pegida-Bewegung. Spitzenvertreter beider Gruppierungen sprachen betonten am Donnerstag gemeinsame Ziele, nachdem sie sich am Mittwoch erstmals offiziell getroffen hatten. Als Schnittmenge nannten beide auch die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz, über das der Zuzug von Ausländern nach Deutschland gedrosselt werden soll. [….] (Handelsblatt 08.01.15)

Die Nazi-affine Peginesen, die ohnehin seit Wochen mit NS-Parolen auf sich aufmerksam machen – „Lügenpresse! Lügenpresse!“ - sind übrigens nicht aus Versehen verbal an die Nazis gerückt – das tun sie bewußt.

[…] Organisatoren der islamfeindlichen Bewegung "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) haben von Beginn an rassistische Parolen und Hitler-Zitate eingesetzt, um Anhänger zu mobilisieren. […] Siegfried Däbritz, der zum zehnköpfigen Organisationsteam von Pegida gehört, beschimpfte Muslime als "mohammedanische Kamelwämser" oder "Schluchtenscheißer". […]  Däbritz war zuvor Mitglied der FDP und saß in seiner Heimatstadt Meißen im Vorstand der Liberalen.    Thomas Tallacker, ebenfalls Mitglied im Organisationsteam, hetzte bereits im Sommer 2013 auf Facebook gegen Asylbewerber: "Was wollen wir mit dem zu 90 % ungebildeten Pack was hier nur Hartz 4 kassiert und unseren Sozialstaat ausblutet." Nach Berichten über eine Messerstecherei an einem Badesee mutmaßte er: "Bestimmt wieder ein in seiner Entwicklung gestörter oder halbverhungerter Ramadan Türke." Tallacker war Stadtrat der CDU in Meißen, bis ihn seine Partei dazu drängte, dieses Mandat niederzulegen. […]

An der Dresdner Uni beklagen sich Politikwissenschaftler unterdessen darüber, daß die sächsische CDU noch nicht genug mit Pegida kooperiert.

Politikwissenschaftler Werner Patzelt von der TU Dresden sagte, oberflächlich scheine es bei den "Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlandes" um eine Form von 'Islamphobie' zu gehen. In der Tiefe gehe es jedoch um Ängste vor Veränderungen des eigenen Landes. Die meisten hätten gerade erst einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel erlebt nach dem Ende der DDR.  In begleitenden Worten des Forums betonte Patzelt, wie wichtig es sei, die Nöte der Bürger ernst zu nehmen. Doch die CDU sei zu feige, auf Pegida zuzugehen: "Die CDU hat immer Angst, von SPD und Grünen als rückständig oder rechts hingestellt und in Mithaftung genommen zu werden, was am rechten Rand sich eben auch an Unsinn und unsinnigen Aussagen tut. Sie sonnen sich im Glanz ihrer Modernität und Liberalität und man sieht dann, wie rechts davon die AfD entsteht."

Der CSU-Verkehrs-, Antiausländermaut-, und Internetminister Alexander Dobrindt, der  mentale Einzeller der Union (Priol) erkennt angesichts der PEGIDA-Aufmärsche woher die Gefahr in Deutschland droht: Von links natürlich.

[….] Wegen Pegida: Dobrindt macht Front gegen Linke
[….] Der CSU-Politiker und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat angesichts der rechten Pegida-Aufmärsche eine schärfere Auseinandersetzung mit linken politischen Positionen gefordert. Den Demonstranten, die dem Ruf gegen angebliche Islamisierung und für schärfere Asylgesetze folgten, gehe es vor allem um Angst »vor ungebremster Zuwanderung, um eine Uminterpretation des Leistungsgedankens, eine Verfälschung des Eigentumsbegriffs und eine einseitigen Gerechtigkeitsdiskussion«, sagte Dobrindt im Gespräch mit dem »Münchner Merkur«. Dies seien »genau die Themen, die die linken Gruppen offensiv betreiben. Mit ihnen sollten wir eine harte Auseinandersetzung führen.« Dobrindt meinte, man müsse »die Ängste der Menschen auf der Straße offensiv diskutieren«.   Auf die Frage »Wenn Sie auf die Linken einhauen, wird alles gut?« antwortete der CSU-Politiker mit einem Verweis auf Thüringen. Dass dort »ein Linkskommunist« Ministerpräsident geworden sei, habe »für Deutschlands Zukunft jedenfalls mehr Bedeutung als die Dresdner Pegida-Demonstranten«. Dobrindt nannte es die »wahre Richtungsentscheidung für 2017 im Bund, nämlich ob wir zur linken Republik werden mit Rot-Rot-Grün, oder ob die Union die Kraft findet, eine eigene Mehrheit zu haben.«
Der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, reagierte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit den Worten: Sein »Fazit nach Lektüre von Dobrindt heute« sei: Die »CSU will Hass auf Fremde nutzen, um Hass auf Linke zu schüren«. Die Pegida-Bewegung habe in der CSU einen »parlamentarischen Arm«. [….]

Zum Schluß darf ein Blick auf meine Lieblings-Religion, den Katholizismus nicht fehlen.
Auch hier meldet man sich zu Wort.
Der „Je suis Charlie“-Solidaritätsbewegung will man sich jedenfalls nicht anschließen.

Ich bin NICHT Charlie Hebdo!
Die erschütternde Bluttat von Paris macht ratlos. Wie können Menschen so grausam sein? Fast genauso ratlos macht mich aber auch die Heroisierung der getöteten Redakteure und Zeichner der Zeitschrift „Charlie Hebdo“. […] Ich für meinen Teil muss es ganz klar aussprechen: „Ich bin nicht Charlie Hebdo“, sondern ich distanziere mich von diesem Blatt und seinen Machwerken.  […] Die Karikaturen von „Charlie Hebdo“ sind nicht Ausdruck eines bedingungslosen Einsatzes für die „Meinungsfreiheit“ und noch weniger können sie für sich nicht in Anspruch nehmen, der Rettung Europas vor einer „Islamisierung“ zu dienen (so viel an die Neu-Abendländer in Deutschland). Sie sind in ihrer Lust an „sexualisierter Provokation“ pubertär - viel schlimmer aber: sie sind vor allem völlig verantwortungslos. […]
(Dr. phil. Michael Schäfer, Kack.net, 11.01.15 war Mitarbeiter am Romano-Guardini-Lehrstuhl der LMU München und arbeitet heute in der Geschäftsführung einer in Stuttgart ansässigen, international tätigen Unternehmensberatung.)

Mein Optimismus ist wie immer sehr begrenzt.
Daß jetzt Vernunft in die Politik, in ihren Umgang mit Religion und Moral einkehrt, glaube ich nicht.
Schlimmer geht immer.

Samstag, 10. Januar 2015

Nur die Guten und Produktiven.


Noch mal zu dem leidigen Einwanderungsland-Thema.

Über Jahrzehnte haben bekanntlich insbesondere die rechten Parteien diese Offensichtlichkeit hartnäckig bestritten, weil nicht sein kann was nicht sein darf.
Und bei allem Gerede über Multikulti, über die echte Freude, daß angelsächsische Popmusik, italienisches Essen und japanische Kommunikationstechnik zur Verfügung stehen (jaja, Deutschland kann auch im Jahre 2015 keine Fernseher oder Smartphones herstellen!), ist doch eine Ansicht über „die Ausländer“ Konsens:
Sie sind schlecht und sollen möglichst wenig das schöne Deutschland durch ihre Ausländergene verwässern.
Nach NSU, Pegida und deutschlandweit brennenden Asylunterkünften scheinen aber die Bundestagsparteien alle die „Zuwanderung“ (klingt ja nicht so schlimm wie EINwanderung) irgendwie regeln zu wollen.
Und die öffentlich rechtlichen Sender erfragen dazu wie der Urnenpöbel so denkt.
Der sieht das differenziert und ist nicht mehr ganz so grundsätzlich gegen Ausländer, würde auch einige mehr in Deutschland akzeptieren, aber eben nicht jeden!
Nur die Nützlichen!
Christliche Kriegsflüchtlinge… nun gut, die vielleicht.
Aber Afrikaner, die nur nichts zu fressen haben? Da sagt die Mehrheit „Nein!“


Wohlmeinende Presseleute und Politiker veröffentlichen nun vermehrt Studien, welche die ökonomische Notwendigkeit von Ausländern in Deutschland betonen.
22 Milliarden Euro bringen die in Deutschland lebenden Ausländer unterm Strich offenbar in die Staatskasse.
Sie scheinen tatsächlich finanziell nützlich zu sein, sonst würden die Gutmenschentum-unverdächtigen Wirtschaftsverbände nicht so massiv gegen Peginesen und Grenzen-Zu-Pöbler aus CDU und CSU vorgehen.

Ich staune.
So geht die christliche Nation Deutschland also mit Menschenleben um.
Myriaden Flüchtlinge werden durch die EU-Frontex-Maßnahmen zum elenden Tod im Mittelmeer verurteilt. Das nehmen wir achselzuckend hin. Die bringen uns wirtschaftlich ja auch nichts.
Genau wie Roma aus Südosteuropa. Gut, die werden in Ungarn auch massakriert, aber andererseits sind die doch auch alle faul, ungebildet und sowieso bestenfalls Taschendiebe. Die wollen wir nicht in deutschen Städten. So ein Roma-Leben ist uns eben nicht so viel wert.
Ausländer sollen wenigstens anpacken – so wie polnische Pflegekräfte oder Erntehelfer. Oder am besten als ausgebildete Akademiker hier ankommen.
Wenn sie einen hochbezahlten Arbeitsplatz nachweisen können, läßt Thommy de Maizière sie sogar für zwei Jahre rein.
 (Abhauen sollen sie aber schon irgendwann wieder).

Auch wenn die Magenta-FDP nur noch als Zombi-Partei ihrem endgültigen Ende entgegen wankt. Das neoliberale Denken, die Sharholder-value-Ideologie, das ökonomische Leistungsprinzip haben wir alle verinnerlicht.
Wer finanziell nichts nützt, soll auch nicht in Deutschland leben.

Vielleicht sollten wir das Prinzip noch viel konsequenter anwenden.
Was ist eigentlich mit den ganzen Rentnern? Die kosten doch auch nur! Und die faulen Hartzler sowieso. Und chronisch Kranke? Wer soll die finanzieren?
Am besten sofort alles ausweisen. Im Morgengrauen abholen, in die erprobten Abschiebeknäste sperren und dann in Transallmaschinen ausfliegen. Da könnte man eine richtige Luftbrücke einrichten.
Deutschland-Timbuktu. One Way Ticket. Am besten gar nicht erst landen da. All die Krankheiten, die man sich dort holen kann. Einfach immer zehn Kranke und Alte zusammenbinden, Lastenfallschirm dran und Ladeklappe auf. Fertig.
Aber nicht die Behinderten. Die sind zwar auch irgendwie unnütz und kosten nur, aber das KÖNNTE möglicherweise einen schlechten Eindruck in der Welt machen, wenn Merkel die „Aktion T4“ wieder aufleben ließe.
Und womöglich meckern auch die Lebensschützer in der Union. So wenig sie sich für Schwarze, Schwule und Linke erwärmen können; bei Ungeborenen und Down-Kindern reagieren sie immer so empfindlich.

Freitag, 9. Januar 2015

Weiter geht’s..



Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

Oh Darwin!

Heute hatte ich einen von diesen Organisationstagen mit jeder Menge Terminen. Bin ununterbrochen unterwegs gewesen, habe von nichts um mich herum bemerkt.
Dann komme ich um 19.30 Uhr nach Hause, koche noch einen Kaffee, schimpfe wie anstrengend heute alles war, will mich früh hinlegen, im Bett chillen, will nur noch ganz kurz die Mails checken, fahre mal eben schnell den Computer hoch, mache mal eben das Internet an und dann DAS.

Es dauerte eine Weile bis ich diese Informationsfülle in meine Birne getrichtert hatte.
Paris in so einem Strudel von Ereignissen, daß es nur noch eine winzige Meldung am Ende der Nachrichten ist, daß sechzehn nigerianische Ortschaften von Boko Haram vollständig niedergebrannt, Hunderte Menschen getötet worden sind. Die muslimischen Fanatiker gingen dabei derart brutal vor, daß Soldaten in der Nähe vorher aus ihrem Militärcamp geflohen sind.

Ich kann es kaum glauben, daß ausgerechnet ich den folgenden Satz schreibe:
Die Muslime, die heute überall in Europa zum Freitagsgebet erschienen tun mir Leid.
So beschissene PR hatte ja noch nicht mal die RKK im Jahr 2010, als jeden Tag neue Kinderfickerfälle enthüllt wurden.
Wer möchte heute als Moslem vor die Kamera gehen?
Natürlich gibt es intellektuell betrachtet nur einen Weg, den man als Muslim gehen kann: Austreten, Allah abschwören.
Aber Religion ist eben nicht nur eine Ideologie, sondern insbesondere ein soziokulturelles Konstrukt, in dem sich gerade die nicht mit überragender Intelligenz und Bildung Ausgestatteten, heimelig und geborgen fühlen können.
Ich habe leicht reden; schon meine Eltern waren Atheisten; ich bin die second generation und mußte mich nie von einer Religion lösen.
Richtig fanatisierte, überzeugte Anhänger verlassen ihre Religion nicht.
Aber der durchschnittliche mittelreligiöse Christjudemoslem fühlt sich ohne Religion vermutlich erst einmal so, wie ich als nach Jahrzehnten mein Lieblingsdeo und später auch noch meine Lieblingszahnpasta aus dem Verkauf genommen wurde. Als ich plötzlich meine geliebten Schallplatten gegen diese öden kleinen CDs eintauschen mußte, die keine tollen Coverbilder mehr hatten und auch noch dieses unangenehme Plastik-auf-Plastik-Klacken von sich geben, wenn man in mehreren von ihnen herum sucht.
Vinylschallplatten oder Rembrandt-Original-Zahncreme haben allerdings auch niemanden wehgetan. Bei Religion spielt aber immer eine „gegen die anderen, die unter uns stehen“-Schwingung mit.
Religion ist eine fürchterlich ernste Sache und deswegen ist es naheliegend, daß sich die Fundis einer Religion auch besonders auf Satiriker stürzen, weil diese schon durch ihr Berufsethos, das professionelle Nicht-Ernstnehmen ein Antidot zu jeder Religion bilden.

Und nun sind es die grundsätzlich Unkomischen vom rechten Rand, die sich der erloschenen Komik bedienen.

Gauland, Petry, de Maizière, Seehofer und Co haben sicher alle schon ein feuchtes Höschen vor Glück.
Nun kann man beherzt nach Gesetzverschärfungen kreischen.
Und die braune Marine Le Pen schwebt vor Begeisterung schon zehn Zentimeter über dem Boden. Für sie ist das Paris aus den ersten Januarwochen eine einzige Steilvorlage.

Unglaublich, da findet eine gewaltige Schießerei in einem jüdischen Laden in Paris statt, bei denen vier jüdische Geiseln sterben müssen und die Hitler-affine Pegida profitiert davon.

In den Nachrichten sieht man heute viele ernste französische Journalisten, die mutig ein „jetzt erst recht“ in die Kamera sagen. Sie wollen sich nicht klein kriegen lassen. Sie wollen genauso weiter machen. Chérif und Saïd Kouachi, sowie Amedy Coulibaly sollen keinesfalls erfolgreich gewesen sein und tatsächlich Charlie Hebdo zum Schweigen bringen.

Ist ein 'religiöses Gefühl' weniger wert als das Gefühl, von religiösen Fanatikern bevormundet, belogen, verletzt und für dumm verkauft zu werden?, fragt Maria Schmitt, Mitherausgeber und Ex-Chefredakteur der Titanic.
[….] [Islamkarikaturen] sind dann witzig, wenn sie von Satiremachern für komisch befunden werden, und dann müssen sie raus. Immer und immer wieder, bis zum jüngsten Tag.
Satire ist Kritik mit komischen Mitteln, sie muss immer alles wollen und dürfen. […]

Richtig, es muß jetzt einfach weiter gehen.
AL Kaida, Boko Haram, IS und Taliban sollen und müssen lernen, daß ihre Anschläge nicht erfolgreich sind, daß man damit nicht seinen Willen durchsetzen kann.

Daher finde ich die Solidaritätswelle auch grundsätzlich sehr sympathisch. Es freut mich, daß so vielen Zeitungen mit „Je suis Charlie“ aufmachen, es hat mich durchaus emotional berührt, daß die um ihre Leben fürchtenden Schüler in Dammartin-en-Goële „Je suis Charlie“ aus den Fenstern riefen, während ein gewaltiges martialisch bewaffnetes Polizeiaufgebot die verschanzten Attentäter angriff.
Ich möchte gern mal fünf Minuten lang nicht darüber nachdenken wie widerlich ich die Trittbrettfahrerei finde, wie absurd es ist, daß in den ARD-Tagesthemen von heute sich der religiöse Rechtsaußen Siegmund-CSU-Gottlieb als Verteidiger der Satiriker inszeniert.

Wenn diese Tragödie eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie. Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen - seien es religiöse oder politische - sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens.
Zur Erinnerung: Wenn von westlichen Werten die Rede ist, spielen sich die christlichen Kirchen gern als deren Geburtshelfer auf. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jene Werte der Aufklärung, auf die sich auch Deutsche heute gern berufen - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung - wurden nicht von den Kirchen, sondern meist gegen sie durchgesetzt.
Das zentrale Merkmal der Aufklärung ist, alles hinterfragen zu dürfen. Das Licht der Vernunft soll in jeden Winkel scheinen, um Unterdrückung, Aberglaube, Intoleranz und Vorurteile zu überwinden. Und das stört all jene, die manche Bereiche lieber im Dunkeln lassen wollen.
Eines der meistbenutzten Instrumente dieser Dogmen-Verteidiger ist das religiöse Gefühl. Wer den Schutz religiöser Gefühle für sich markiert, erhebt seine persönliche Weltanschauung über den kritischen Diskurs, er erklärt Teile seines Glaubenssystems für heilig, ihr Hinterfragen zum Affront. "Das verletzt meine religiösen Gefühle" ist ein Satz, der jede Debatte beenden kann.

Ja! Was für ein eindrucksvolles Statement der Welt, wenn nun erst recht überall Mohammed-Karikaturen und Kruzifix-Witze gedruckt werden und somit die Religioten Farbe bezüglich der Meinungsfreiheit bekennen müssen.

Und doch ist alles für die Katz.
Ausgerechnet Selbstmordattentätern pädagogisch zu kommen, ist ähnlich sinnvoll wie Marine Le Pens und Sarah Palins Forderung nach der Todesstrafe für Selbstmordattentäter.

Glauben wir etwa, daß in den Terrorcamps von IS und Al Kaida nun die Teilnehmer des Fortgeschrittenen-Kurses für Selbstmordattentäter bei einer streng rationalen Diskussion nach dem Studium deutscher Feuilleton-Texte zu dem Schluß kommen, daß sie sich lieber auflösen und stattdessen Bäcker oder Friseur werden sollten, da „der Westen“ ja gar nicht auf Anschläge reagiert, bzw den Propheten dann nur noch mehr verunglimpft?

Wer sich selbst mit dem Ziel sprengt möglichst viel Schaden anzurichten, weil das eine eingebildete Gottheit so sehr erfreuen wird, daß sie dafür 72 Jungfrauen spendiert, denen nach dem Koitus augenblicklich das Hymen nachwächst, der ist offensichtlich rationaler Argumentation nicht zugänglich.
Simple as that.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Nachtrag Charlie Hebdo.




Es kam, wie es kommen mußte.
Wenn ein religiös motiviertes Verbrechen die Weltöffentlichkeit in Atem hält, stecken die Doofen und Vernagelten aller Couleur ihre Köpfe hervor und versuchen Kapital aus der Situation zu ziehen.

Am Schnellsten war die braune CDU-Pestbeule Erika Steinbach, die einen Smiley-Tweet absetzte und es unmittelbar nach der Tat angebracht fand Witze zu reißen.
So eine sitzt im Fraktionsvorstand der mit riesigem Abstand beliebtesten Partei im Bundestag; jener Partei, mit der die Wähler so zufrieden wie nie zuvor sind.

Die ganz braune Pest à la Elsässer und Gauland war ebenfalls auf Zack und nutzte die Toten als Werbematerial für ihre Pegida aus.

Die Abscheulichkeit der Vertreter des rechten Randes überrascht kaum und ist daher immerhin erträglicher, als die Heuchler, die sich nun als Hüter des Friedens und der Meinungsfreiheit inszenieren.

HuffPo entblödete sich noch nicht mal den ultrakonservativen katholischen Fundamentalisten Sean Hannity (FOX) für seine Pöbeleien gegen einen Iman zu feiern. Ausgerechnet FOX, der Sender, der 24h/day Hass und Rassismus verbreitet, wird nun indirekt als Kämpfer für den links-atheistischen Charlie Hebdo gelobt. Geht es noch?

Ein Lichtblick ist, wie immer, taz-Kommentator Yücel.

Die Leichen in Paris waren noch nicht kalt, als die Ersten in Deutschland versuchten, sie für ihre Zwecke zu vereinnahmen: Pegida, Alexander Gauland von der AfD, einschlägige Webseiten, am Ende sogar die NPD, die auf ihrer Facebookseite erklärte, nun ebenfalls Charlie zu sein. Diesen Leuten sind ein paar linksliberale Karikaturisten scheißegal, sie freuen sich nur wie Bolle, ihre Ressentiments bestätigt zu sehen.
Darum, Spackos, hört zu: Wagt es nicht, die Toten von Paris zu instrumentalisieren. Denn für euch hätten die Satiriker von Charlie Hebdo zur „Lügenpresse“ gehört. Ihr könntet ahnen, was die für euresgleichen übriggehabt hätten. Was sie für euresgleichen in Frankreich übrighatten. Was die Titanic, der Postillon oder die „heute-show“ für euch übrighaben: nüscht. Absolut nüscht. Außer Kritik, Spott und Verachtung.
Ihr habt kein Recht, euch der ermordeten Satiriker zu bemächtigen.
[…]   Kein Aber
Damit wären wir bei der anderen Seite: Ich wünsche jedem islamischen Vorbeter und seinem Nachbeter, der der Verurteilung des Mordes ein „Aber“ hinterherschiebt, lebenslang Dresden an den Hals.
Dieses „Aber“ war am Mittwoch nicht in offiziellen Stellungnahmen in Deutschland zu hören, dafür umso mehr in sozialen Netzwerken. Und es sind weniger irgendwelche Salafisten, nicht mal allein Muslime, die sagen: Ja, schlimm. Aber die haben ja provoziert. Aber man müsse die religiösen Werte und Gefühle respektieren. Aber die Islamophobie. So formulierte es beispielsweise der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Es ist exakt dasselbe verlogene und beschissene „Aber“, wie man es von den Klemmrassisten von der AfD und Pegida kennt: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ...“  […]

Ich lobe ausdrücklich die Zeitungen wie beispielsweise die Hamburger Morgenpost, die nun die Charlie-Hebdo-Karikaturen nachdrucken und sich damit a posteriori auf die Seite der Meinungsfreiheit stellen.


Schöner wäre es natürlich gewesen, wenn sie früher entsprechend mutig gewesen wären, dem Jyllands-Posten beigestanden hätten, als er von radikalen Irren wegen der Mohammed-Karikaturen angegriffen wurde.
Wenn sich all die jetzt mutigen Zeitungen jedes Mal genauso ins Zeug gelegt hätten, wenn eine Satire-Postille von Kirchenvertretern angegriffen und verklagt wurde.

Wieso sind es wieder einmal nur der einsame hpd zusammen mit einigen atheistischen Gruppen, die eine Abschaffung des Einfallstors für religiöse Gewalt, den Gotteslästerungsparagraphen fordern?
Mit dem §166 StGB wird die Schwere einer Tat in Abhängigkeit von dem Erregungspotential eines Religioten bestimmt.
Jemand kann für eine Meinungsäußerung bis zu drei Jahre in Haft kommen, wenn sich nur ein Inselverdummter findet, der sich genügend dadurch beleidigt fühlt.
Es ist ein Willkür-Paragraph, der jeder Objektivität abschwört.
Der Mist gehört SOFORT abgeschafft, wenn wir es tatsächlich ernst nehmen mit unseren westlichen Werten.

Es sind aber gerade auch Christen, die in unserer Gesellschaft wider die Meinungsfreiheit kämpfen und die gestern Ermordeten nun noch besprucken.

Nach Meinung der US-amerikanischen Lobbyorganisation «Catholic League» ist der Chefredakteur der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», Stephane Charbonnier, nicht schuldlos an seiner Ermordung. «Wäre er nicht so narzisstisch gewesen, könnte er noch leben», erklärte der Vorsitzende der rechtskonservativen «Catholic League», Bill Donohue, am Mittwoch (Ortszeit) in New York. Das Magazin habe eine «lange und abstoßende Tradition», insbesonders religiöse Figuren zu verspotten. «Wir sollten aufhören, diese Art von Intoleranz zu tolerieren, die diese gewalttätige Reaktion hervorgerufen hat», so Donohue. […]

Nun ja, die katholische Kirche hat gerade im 21. Jahrhundert eine beachtliche Fähigkeit erlernt Täter in Opfer und Opfer in Täter umzudichten.
Das ist bei weltweit hunderttausenden Kinderfick-Fällen geradezu ihr Alleinstellungsmerkmal geworden. Die Täter vor der Justiz schützen, die Missbrauchten Kinder diffamieren und/oder anderen die Schuld geben - emanzipierte Frauen, den Schwulen, der liberalen Presse – je nach dem was gerade passt.
Nach diesem Drehbuch gehen auch die Islamhasser vor.
Sie haben eine im Kern ähnliche Ideologie wie die drei Charlie Hebdo-Killer: Hass auf andere.
Und nun nutzen sie den Hass der mörderischen selbsternannten Rächer, um ihren eigenen Hass zu etablieren.

Für was, für wen haben die ermordeten Journalisten von Charlie Hebdo gelebt? Für die Freiheit, öffentlich nach Belieben ja und nein zu sagen, für den Kampf gegen rechte und linke Ressentiments, für das Recht auf Verspottung religiöser und politischer Autoritäten. […]
Und für wen, für was sind die Karikaturisten gestorben? Für die NPD, für „Pegida“, für Alexander Gauland von der AfD, die sich der Mordopfer sogleich bemächtigten, als die Leichen noch warm waren, und sie als Zeugen aufriefen gegen die vermeintliche Islamisierung Europas, als Helfershelfer ihrer menschenfeindlichen Ressentiments in Dienst nahmen und zu Komplizen ihres Hasses erklärten.
Gauland, der „Pegida“ als „natürliche Verbündete“ seiner AfD betrachtet, betrieb öffentliche Leichenschändung, als er wenige Stunden nach den Morden beteuerte: „All diejenigen, die bisher die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft.“ – so wie natürlich auch die Morde des islamophoben Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch die Islamophobie auf blutige Weise bestätigt haben. […]

Ich habe heute sehr sehr viel Zeitungen gelesen und immer wieder vorgehalten bekommen, wie groß die Ressentiments der Deutschen gegen „den Islam insgesamt“ sind - was auch immer das sein mag.

Es liest sich tatsächlich in weiten Strecken wie eine Werbekampagne für die Peginesen.

Stimmt es nicht irgendwie doch, daß die Muslime die Agenda bestimmen, daß sie die Melodie spielen, zu der der Westen tanzen muß?
Haben die Muslime in Deutschland folglich nicht irgendwie selbst schuld, wenn sie niemand leiden kann; wenn man sie am liebsten aus dem Land verweisen würde?

Solche Gedanken schwingen jetzt genauso durch die Mainstreampresse, wie durch das Internet.

In dieser verrückten Zeit lese ich dazu die sinnvollste Relativierung ausgerechnet in Springers „WELT“.
Der konservative Atheist, rückt die Furchtidee von der islamischen Weltherrschaft auf das richtige Maß zurück.

[….] Eineinhalbtausend Millionen Muslime gibt es auf der Welt. Ein winziger Bruchteil davon sind Fundamentalisten, und davon ein Winziger Teil Terroristen. In Deutschland leben vielleicht viereinhalb Millionen Muslime, die überwältigende Mehrheit von ihnen gemäßigte türkische und kurdische Sunniten. Aber nach jedem Terroranschlag verlangen die Islamfeinde von „den Muslimen“ eine Distanzierung, als stünden alle Muslime unter Generalverdacht.
Noch vor sechzig, siebzig Jahren gab es so gut wie keine unabhängigen islamischen Staaten, lebten fast alle Muslime in Kolonien, die von christlichen Ländern seit Jahrzehnten, wenn nicht jahrhunderten beherrscht worden waren. Zu Recht hätte man von der „Europäisierung“ oder „Verwestlichung“ der muslimischen Welt reden können. Da muss es einem Moslem schon merkwürdig vorkommen, wenn nun ausgerechnet Europäer die „Islamisierung“ ihres Kontinents an die Wand malen – nachdem sie selbst die Muslime als billige Arbeiter ins Land geholt haben.
Noch in den letzten 20 Jahren haben die Russen in Afghanistan und Tschetschenien, die Serben in Bosnien und im Kosovo genozidale Operationen gegen Muslime durchgeführt; die Chinesen unterdrücken seit Jahrzehnten die muslimischen Uiguren; in Indien wird der Hindu-Nationalismus von Muslimen als Bedrohung empfunden. Von den westlichen Operationen im Irak und in Libyen und vom israelisch-palästinensischen Konflikt will ich erst gar nicht anfangen. Wie muss es einem hier lebenden Moslem vorkommen, wenn nun Menschen grölend durch Dresden ziehen, „Wir sind das Volk“ rufen – und Politik und Medien, teilweise jedenfalls, statt von den Ängsten der muslimischen Bürger zu reden, die Ängste der Rassisten ernster zu nehmen versprechen? [….]