Samstag, 10. September 2022

Mein katholisches Glück.

Gerade sorgte ich mich noch um die Zukunft meines liebsten deutschen Klerikers Woelki, der mir stets so viel Freude bereitet.

Das erkenntnisresistente katholische Fußvolk war, wie schon seit Jahrzehnten, wieder einmal blind in die bischöfliche/vatikanische Falle getappt: Ihr Unmut wurde in Gesprächsformate kanalisiert, die Mitsprache suggerierten, so daß alle Schäfchen brav bei der Stange blieben und Beiträge bezahlten. Dadurch waren sie so beschäftigt, daß sie die absolutistisch-antidemokratische Struktur ihrer Kirche ganz vergaßen, immer wieder das finale NEIN aus Rom verdrängten.

Es erinnert mich an James Clavells „Shogun“, meinem Lieblingsbuch als Teenager, das ich seither immer wieder verschlungen habe. (Tipp: Guckt niemals die Verfilmung mit Richard Chamberlain, die kommt dem Buch nicht ansatzweise nahe.)

Meisterstratege Fürst Yoshi Toranaga schwingt sich zum Herrscher Japans auf, indem er sagenhaft klug und raffiniert die anderen 150 Fürsten Japans ausmanövriert. Ein wichtiges Werkzeug stellt dabei der Brite Blackthorne mit seinem mächtigen Schiff voller moderner Kanonen dar, der just im Japan des späten 16. Jahrhundert gelandet war und von den meisten traditionellen Samurai als Barbar verachtet wird. Das Schiff wird konfisziert, die Mannschaft eingesperrt. Statt Navigator Blackthorne einfach hinzurichten, erkennt Toranaga seinen militärischen Nutzen. Der Kapitän stirbt im Kerker, aber Toranaga versteht, daß sein Navigator der viel klügere und aufgeschlossenere „Barbar“ ist. Er fördert ihn, manipuliert ihn dazu immer japanischer zu werden, motiviert ihn mit der Aussicht, ihm sein mächtiges Schiff zurück zu geben, um wieder nach Europa segeln zu können. Blackthorne ist ihm unendlich dankbar und revanchiert sich, indem er Toranagas mächtigste Konkurrenten bekämpft. Um einige dieser bedrohten Fürsten wieder auf seine Seite zu ziehen, lässt Tornanaga heimlich Blackthornes Schiff verbrennen, nutzt dessen Wut über den Verlust aus, zeigt sich dann wieder großzügig, indem er ihm die Mittel für den Bau eines neuen Schiffes stellt. Blackthorne ist noch dankbarer, engagiert sich noch stärker für Toranaga, weil er noch motivierter ist, mit dem neuen, möglicherweise noch schnelleren Schiff nach Hause zu kommen. Toranaga nutzt die erneut aufsteigende Furcht der anderen Fürsten vor dem Schiff voller Kanonen, welches auf Toranagas Geheiß vor ihren Küsten auftauchen könnte, sieht dem besessen bauenden Blackthorne wohlwollend und entspannt zu, weil er längst geplant hat, das neue Schiff kurz vor seiner Abfahrt nach England wieder zu verbrennen. Die Schuld wird er erneut seinen Feinden in die Schuhe schieben, Blackthornes Wut wieder ausnutzen und noch einmal einen Neubau finanzieren. Insgeheim lächelt Toranaga über die von ihm manipulierten Schachfiguren, weiß daß Blackthorne Japan niemals verlassen wird.

Die engagierten katholischen Laien, die sich im Synodalen Weg für die katholische Kirche engagieren, in Wahrheit aber durch ihr Geld und ihre Mitgliedschaft genau die Prälaten ermächtigen, die sie immer wieder blockieren, sind die Blackthornes unserer Zeit. Sehr nützliche Idioten, die mit voller Energie das Spiel ihrer Herren verrichten, ohne zu bemerken, wie sie von ihnen ausgelacht werden.

 [….] Homosexualität, Zölibat, Frauen: In Frankfurt treffen sich 230 Katholiken in Amt und Würden, um ihren Reformprozess Synodaler Weg fortzusetzen. Am Donnerstagabend aber sorgen sie für einen Paukenschlag - der die Reformen schon scheitern lassen könnte. [….] Fassungslosigkeit, gewaltige Enttäuschung und Tränen: Bei der Synodalversammlung der katholischen Kirche in Frankfurt ist am Donnerstagabend ein grundlegender Text zur kirchlichen Sexualmoral gescheitert. Die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe erreichte der Text nicht, der eine Liberalisierung der kirchlichen Sexualmoral anstrebte. Nur 33 Bischöfe stimmten für den Text bei 21 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen. [….] Am Abend dann rang Stetter-Karp [Präsidentin des Zentralrats der deutschen Katholiken (ZdK)] um Fassung. Wenn sich ein solches Abstimmungsverhalten wie bei der Sexualmoral auch beim Text über die Rolle der Frauen wiederhole, "stehen wir vor einem Scherbenhaufen", sagte sie. "Ich erwarte von den Bischöfen mit ihrer Macht, dass sie zu ihrer Meinung offen stehen." [….]  "Es kann doch nicht sein, dass die Gläubigen bei den Bischöfen bleiben müssen, aber die Bischöfe bleiben nicht bei uns!", rief die Ordensschwester Katharina Kluitmann.  Die Benediktinerin Philippa Rath sagte, sie fürchte, dass sich die Spaltung zwischen Gläubigen und Bischöfen angesichts solchen Verhaltens vertiefen werde. "Ich fühle mich, als sei ich ins Messer gelaufen", sagte eine Laienvertreterin. Ein Sprecher sah den Synodalen Weg bereits gescheitert. [….] Der Text über Sexualmoral übrigens galt im Vorfeld noch nicht einmal als der mit der meisten Sprengkraft. Deutlich kontroverser dürfte es bei der Diskussion über die Neubewertung von Homosexualität am Freitag zugehen. [….]

(Hessenschau, 08.09.2022)

Marcel Reich-Ranicki mochte keine Bücher, in denen der Ich-Erzähler ein Kind ist, weil er sich dadurch unangenehmerweise gezwungen sah, eine weniger intellektuelle Perspektive einzunehmen. „Ich schätze intelligente Erzähler“ pflege er zu sagen. Andere Literaturkritiker widersprachen vehement. Ich bin aber Team Reich-Ranicki. Obwohl es in „Shogun“ laufend wechselnde Erzähl-Perspektiven gibt, ist Yoshi Toranaga bis heute meine liebste Romanfigur, weil er schlauer als alle anderen Figuren des Buchs ist. Er mächtig und kann die meisten Menschen mit seinem direkten Befehl dirigieren. Aber die intelligentesten seiner Mitstreiter und diejenigen, die ihn aus freiem Willen unterstützen, manipuliert er, ohne daß sie es merken.

Meine Lieblingsstellen in dem Buch sind die, in denen eine intelligente Nebenfigur lächelnd, zumindest Teile der Toranaga-Pläne durchschaut und bemerkt, wie geschickt der Fürst anderen etwas vorspielt.

Es ist ein Vergnügen, zu lesen wie Toranagas Pläne funktionieren, weil ich mir seinen Erfolg wünsche.

Hier enden freilich die Parallelen mit den katholischen Bischöfen, weil ich mir den Misserfolg der Kirche wünsche. Ich staune, wie dämlich die katholischen Laien sind. Immer wieder lassen sie sich einlullen und bleiben in der Kirche.

Sie könnten einfach austreten; da haben sie es wesentlich einfach als Toranagas Untertanen, die ihn zwar auch gelegentlich verlassen, dann aber auch sofort dafür geköpft werden.

Erst wenn die Bischöfe wie jetzt beim Synodalen Paukenschlag von Frankfurt wirklich plump agieren, scheinen einige der manipulierten Schäfchen zu verstehen, wie sie verarscht werden.  Daß sie aus Enttäuschung weinen, also überhaupt Hoffnungen hatten, zeigt ihre grenzenlose Naivität.

Glücklicherweise sind nicht alle verbliebenen Mitglieder ganz so verblödet und ziehen den einzig richtigen Schluß, nämlich den Austritt aus der Kirche.

[…]  Demokratie à la Kirche: Eine Minderheit darf alles blockieren.

[….] Nun ist beim vierten Treffen des Synodalen Wegs ein Text zur Sexualmoral gescheitert. Zwar wurde die Zweidrittelmehrheit mit 82 Prozent insgesamt deutlich übertroffen. Aber es stimmten nur knapp 60 Prozent der Bischöfe zu. So geht Demokratie à la Kirche: 40 Prozent können verhindern, was mehr als 80 Prozent wollen. [….]  Diese Kirche hat sich über Jahrzehnte auch als Vereinigung organisierter Sexualkriminalität erwiesen. Und nun verhindern Bischöfe einen Text, in dem Schuld festgestellt sowie beklagt wird, dass die Kirche durch eine Fixierung der Sexualität auf die Ehe "Menschen ausgegrenzt, tief verletzt und in ihrer Menschwerdung behindert" hat. Was gibt es an dem Satz abzulehnen? Immer wieder erstaunlich, mit welcher Akribie so viele Bischöfe daran arbeiten, die Gläubigen zu vertreiben. [….]

(SZ, 09.09.2022)

Toranaga wäre das nicht passiert. Zum Glück sind die meisten Bischöfe nicht annähernd so schlau wie er.

Freitag, 9. September 2022

Energiewende hoffnungslos?

So lange ich mich zurück erinnern kann, bzw seit ich in den 1980ern die Begriffe „Uni“ und „Studieren“ mit einer Vorstellung erfüllte, hörte ich immer von Fächern, mit denen man unweigerlich als Taxifahrer, bestenfalls als Lehrer endete. Philosophie, Germanistik, Geschichte und natürlich die Exotenfächer wie Ägyptologie oder Slawistik. Dummerweise waren alle Fächer, die mich am meisten interessierten, „brotlose Künste“ und ich war mit 17 so brav, darauf zu hören, lieber etwas „Anständiges“ zu studieren.

(Nachdem ich die Uni verlassen hatte, riet ich jungen Leuten immer das Gegenteil: Stellt die Berufsaussichten auch mal hintan und sucht euch lieber etwas aus, das euch wirklich interessiert und Spaß macht).

Das Anständigste waren damals Ingenieure und Informatiker. Die würden nämlich dringend gesucht in Deutschland. (So anständig konnte ich leider nicht studieren, weil ich in den beiden Bereichen unfähig bin.)

Die nächsten 20 Jahre wurde der Mangel immer schlimmer. Es fehlten MINT-Absolventen und Naturwissenschaften waren ein Problem, weil die Studiengänge wegen der umfangreichen Laborausstattung teuer waren. Deutschland sparte also an den Unis, so daß ich nach meinen persönlichen Erfahrungen auch abriet, Chemie oder Physik zu studieren. Dafür sind die deutschen Universitäten einfach zu schlecht. Man erhält dort eine Ausbildung, die gegenüber anderen Ländern 20 Jahre zurückhängt. Weltklasse-Chemiker aus Deutschland gibt es nur, wenn die sich schon in den ersten Semestern in eine bessere Uni außerhalb Deutschlands abgesetzt haben.

In der Rotgrünen Zeit 1998-2005 war der IT/Ingenieurs-Mangel eklatanter denn je. Der Bund ist nicht wirklich zuständig für Bildungspolitik, aber wenigstens war die Schröder/Fischer-Regierung nicht so xenophob borniert, wie die vorangegangene Kohl/Merkel-Regierung. Es gab Versuche, das Staatsbürgerschaftsrecht zu modernisieren und unkomplizierter die dringend benötigten hochqualifizierten Arbeitsmigranten nach Deutschland zu holen. Beides scheiterte an der CDUCSU. Die neue CDU-Generalin, eine gewisse Angela Merkel, zettelte 1999 erfolgreich mit Roland Koch einen Antiausländer-Wahlkampf an, ließ Listen auslegen, um „gegen Ausländer zu unterschreiben“. Merkels rechtsextremer Kurs, der dann von „deutsche Leitkultur“-Getöse untermalt wurde, funktionierte. Koch gewann gegen RotGrün in Hessen, die Sozi-Bundesratsmehrheit war weg. Fortan blockierte Merkel über den Bundesrat jeden Fortschritt.

Die anderen Unions-Größen kopierten natürlich den so erfolgreichen Merkel/Koch-Rechtskurs.

[…]  "Kinder statt Inder" Rüttgers verteidigt verbalen Ausrutscher

Wie einst Roland Koch hat Jürgen Rüttgers die Ausländerpolitik im Wahlkampf entdeckt. In einem Rundumschlag sagte der CDU-Politiker, es sei "schlichtweg unmoralisch", sogar "ausländerfeindlich", die Computer-Elite aus Indien abzuziehen. Außerdem kündigte er an, im Falle seines Wahlsieges in NRW den muttersprachlichen Unterricht abzuschaffen.

Setzt auf Angst vor Ausländern: Wahlkämpfer Jürgen Rüttgers. […] Rüttgers bekräftigte am Donnerstag seine umstrittenen Äußerungen zur geplanten Anwerbung ausländischer Computer-Experten. Der von Ministerpräsident Wolfgang Clement erhobene Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit sei "schlichtweg abartig", sagte der CDU-Spitzenkandidat für die NRW-Landtagswahl am Donnerstag in Düsseldorf.  Rüttgers hatte zur Green-Card-Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärt: "Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer." In der Sprache des deutschen Stammtisches empörte er sich: "Statt sich um die Integration der hier lebenden Ausländer zu kümmern, sollen jetzt noch Hindus hinzukommen". [….]

(SPIEGEL, 09.03.2000)

Das Ende ist bekannt; 2005 wurde Rüttgers tatsächlich NRW-Ministerpräsident und Merkel für 16 Jahre Bundeskanzlerin. Bildungspolitik und moderne Techniken interessierten sie nie. Bundesbildungsministern wurde ihre Freundin Annette Schavan, die extrem fromme Abiturientin aus BW, die zwar keine akademische Expertise besaß (alle höheren Grade als das Abitur hatte sie erschummelt und wurden ihr entzogen), dafür aber täglich das katholische Stundengebet praktizierte.

Diese Peinlichkeit übertraf dann noch die hoffnungslos desinteressierte und unterqualifizierte CDU-Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die verkündete, Forschung habe sich der Religion unterzuordnen.

(…..) Was nicht der Bibel entspricht, hat laut der Forschungsministerin nichts in der Forschung zu suchen. Dieses IT- und KI-Zeug sollen doch China oder die USA machen, Deutschland ist ein christliches Land und braucht den neumodischen Kram nicht.

[….] Wir sind nicht in China. Totale Kontrolle durch den Staat werden wir niemals akzeptieren. Wir sind aber auch nicht in den USA. Wir gehen einen anderen, einen eigenen Weg. Wir lassen uns von unserem christlichen Menschenbild leiten. Jeder technologische Fortschritt hat sich dahinter einzureihen. Wir sind überzeugt: Künstliche Intelligenz muss dem Menschen dienen. Menschenwürde, Persönlichkeitsrechte und individuelle Freiheit sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens. [….]

(Ministerin Karliczek vor dem Bundestag am 15.02.2019)

Immerhin, eins weiß die Bildungsministerin: Schwule sind schlecht. Und deswegen dürfen die keine Kinder haben.

[…..] Bundesbildungsministerin Anja Karliczek will in einer Langzeitstudie klären lassen, welche Auswirkungen es für Kinder hat, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft aufzuwachsen. In der n-tv Sendung "Klamroths Konter" sagte die CDU-Politikerin, es sei "eine spannende Forschungsfrage", dieses Thema "wirklich langfristig zu erörtern".  Auf die Frage von Moderator Louis Klamroth, ob sie im Jahr 2018 wirklich noch Studien brauche, um sich bestätigen zu lassen, dass Kinder von homosexuellen Paaren genauso glücklich und gut erzogen seien, antwortete Karliczek: "Es geht nicht um 'glücklich' und um 'gut erzogen'. Es geht um etwas grundsätzlich anderes. […..] Karliczek hatte im Juni 2017 im Bundestag gegen das "Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts" gestimmt. Bei "Klamroths Konter" sagte sie, es sei ein Fehler gewesen, gesellschaftliche Strukturen "mal eben so im Federstrich" zu verändern. [….]

(NTV, 20.11.2018)

Diese ostentativ und stolz vorgetragene bornierte Ahnungslosigkeit macht auch Hartgesottene fassungslos. (…..)

(Müssen die Deutschen, den Amis alles nachmachen?, 23.02.2019)

Gute 20 Jahre nach Rüttgers ist das der Stand der Dinge:

[….] Überall fehlen Fachkräfte. Die Klagen der Unternehmen und ihrer Lobbyisten werden immer lauter. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Verband oder ein Institut eine neue Studie über das Ausmaß des Mangels veröffentlicht. Der Arbeitsmarkt für Ingenieure erreicht im zweiten Quartal 2022 mit 171 300 offenen Stellen einen neuen Rekordwert, meldet der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) am Freitag. Dies sei ein Zuwachs um 46,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal, heißt es im Ingenieurmonitor, den der VDI gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft herausgibt.  [….]

(Elisabeth Dostert, 09.09.2022)

Christian Lindner schoss immer gegen die von Grünen und Sozis und FFF geforderten Klimaschutzmaßnahmen. Das wären „Verbotsorgien“, die FDP setze statt dessen auf intelligenten technische Lösungen.

Das war immer eine billige Lüge, um sich als Großspendenempfänger der Industrielobby zu empfehlen. Selbstverständlich sind klare Grenzwerte, Verbote und Verzicht notwendig, wenn der Klimawandel wenigstens ein bißchen verlangsamt werden soll. Aber selbst wenn Lindner nicht ganz falsch liegen sollte: Wer soll denn den Ausweg aus der carbonbasierten Energiewirtschaft Deutschlands erfinden, wenn wir gar keine Ingenieure und Naturwissenschaftler haben?

Woher sollten die auch kommen, wenn unsere Schulen so verrottet sind, daß Myriaden Kinder jedes Jahr von deutschen Schulen völlig ohne Abschluss in die Hoffnungslosigkeit entlassen werden? Immerhin, die Ampel sieht im Gegensatz zu Merkel das Thema und müht sich. Aber die gelbe Bildungsministerin Stark-Watzinger ist wieder ein Totalausfall.

[….] Die Bundesregierung hat einiges zusammengetragen, um zu zeigen: Wir kümmern uns, wir gehen gegen den Fachkräftemangel vor. Und zwar umfassend, von mehr Azubis für Klimatechnik bis hin zum Servicepaket für bürokratiegeplagte Einwanderer. Wen man aber vergeblich sucht in der Fachkräftestrategie, die am Mittwoch vorgestellt wurde: die Schulabbrecher in Deutschland. Schon klar, Schulen sind Ländersache, deshalb ist das Themengebiet vermint mit föderalen Empfindlichkeiten. Fehlen darf es trotzdem nicht. [….] Jedes Jahr verlassen etwa 45 000 Jugendliche die Schule, ohne irgendeinen Abschluss erreicht zu haben, das sind an die sieben Prozent eines Jahrgangs und deutlich mehr als vor zehn Jahren. Dies gehört zu den stillen Skandalen des Bildungssystems, denn ohne Abschluss verbauen sich viele dieser Jugendlichen die Aussicht auf einen Ausbildungsplatz, auf qualifizierte Jobs und auf ein Studium ohnehin. [….]

(Roland Preuß, SZ, 07.09.2022)

Nach so viel Unions-Blockade auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene, steht Deutschland vor kaum lösbaren Problemgebirgen.

SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt plante in den 1970er Jahren den flächendeckenden Glasfaserausbau in Deutschland, brachte vor 41 Jahren (sic!) einen Kabinettsbeschluss dazu auf den Weg. 16 Jahre Kohl plus 16 Jahre Merkel begruben die Pläne, so daß man heute froh sein kann, wenn man in Deutschland ein funktionierendes Kupferkabel vorfindet.

Klimaschutz/Energiewende, Beispiel E-Mobilität: Natürlich hängt Deutschland auch bei Elektro-Autos anderen Nationen hoffnungslos hinterher, verfügt über kein flächendeckendes Ladenetz.

Ein Ausweg sind die geförderten „Wallboxen“. Wer ein Privathaus oder einen Garagenplatz besitzt, sollte staatlich gefördert seine eigene „Auto-Steckdose“ bekommen. Das Geld dafür, ist allerdings schon aufgebraucht.

[….]  Im Herbst 2020 startete der Bund eine Förderprogramm, um Mieterinnen und Mieter, Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer und Vermieterinnen und Vermieter finanziell beim Einbau privater Ladestationen zu unterstützen. Seit Ende Oktober 2021 sind die zur Verfügung stehenden Mittel allerdings ausgeschöpft, eine Förderung ist derzeit deshalb nicht möglich.  Nach Auskunft der KfW sind laufende Anträge vom Antragsstopp nicht betroffen: Sofern alle Voraussetzungen für die Förderung erfüllt sind, werde man eine Antragsbestätigung erhalten. [….]

(ADAC, 20.06.2022)

Als stolzer Besitzer eines Garagenplatzes in einer Tiefgarage mit 30 Stellplätzen wurde auch ich mit dem Thema konfrontiert. Auch wenn es keine Förderungen mehr gibt, wäre zu überlegen, ob man nicht auf eigene Kosten diese privaten Ladestationen einbaut, um Stellplatzmieter mit E-Autos zu gewinnen.

In diesem konkreten Fall wehrten 29 von 30 Stellplatzbesitzern sofort jede Investition ab. Aber immerhin einer wollte für seinen Platz eine Wallbox.

Wir reden hier von der Hamburger Innenstadt, also einem absolut urbanen Ort in Deutschlands reichster Stadt. Die Haustechnik-Firma musste die Gegebenheiten prüfen und gab folgende Stellungnahme ab:

[…] Vorhanden ist ein stark veralteter Hausanschluss mit einer Absicherung von 3 mal 160A. Bei einer zu beachtenden Reserve von ca 20% kommen wir auf einen maximal möglichen Spitzenstrom von 3 mal 128A. Es wird bereits jetzt ein Spitzenstrom von 116A erreicht. Daraus folgt, dass maximal eine Wallbox mit 11kW über die bestehende Anlage betrieben werden könnte. Davon ist dringend abzuraten. Für die Umsetzung wäre eine Erneuerung des Hausanschlusses und der Zähleranlage notwendig. Allein hierfür werden Kosten von mindestens 50.000 Euro netto entstehen“ [….]

(Hamburg, August 2022)

Also mindestens 60.000 Euro um eine einzige Wallbox in einer Garage mit 30 Stellplätzen zu installieren. Überraschung; für diesen Plan gab es keine Mehrheit auf der Eigentümerversammlung.

E-Mobilität ist gut. Private Wallboxen sind eine feine Idee, liebe rotgrüne Politiker. Aber der Fördertopf ist leer und selbst, wenn man so reich ist, die Dinger selbst zu finanzieren, scheitert es oft an der total veralteten deutschen Infrastruktur.

Anderes Beispiel, wieder aus Hamburg: Um bis 2050 (sic!) klimaneutral zu werden, sollen Solaranlagen auf die Dächer gesetzt werden, um erneuerbaren, saubreren Strom zu erzeugen. Da trifft es sich doch gut, daß wir seit 2015 einen Grünen zuständigen Senator haben.

[….] Jens Hinrich Kerstan (* 18. Februar 1966 in Hamburg) ist ein deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen) und seit April 2015 Hamburger Umweltsenator, zunächst im Senat Scholz II[1], im Senat Tschentscher I und seit 10. Juni 2020 im Senat Tschentscher II. Von 2015 bis 2020 führte er als Präses eine Behörde für Umwelt und Energie, seit 2020 eine um den Bereich der Landwirtschaft erweiterte Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft.  […]

(Wikipedia)

Außer seinem großen Hobby Straßenbäume fällen und nicht wieder aufforsten, hat der Klima- und Energie-Senator noch ein anderes Steckenpferd: Klimawandel ignorieren und alle Maßnahmen dagegen verschlafen.

[….]  Solardächer: So versagt Hamburg im Vergleich zu anderen Großstädten. Hamburg liegt beim Bau von Solardächern im Großstädtevergleich schon wieder auf dem letzten Platz. Dabei ist Solarenergie einer der Bausteine, die Hamburg bis 2050 klimaneutral machen sollen.  [….]

(Mopo, 09.09.2022)

Gerade einmal 10,3% der neu gebauten geeigneten Dachflächen Hamburgs werden mit Solarpaneelen ausgestattet.

Das wird nichts mit der Bekämpfung des Klimawandels in Deutschland. Wir sind einfach zu rückständig. Zu unfähig und zu bräsig.

Donnerstag, 8. September 2022

Irrationale Queen-Sympathie

Wenn die berühmteste und bekannteste Person der Gegenwart unter acht Milliarden Menschen, im 97. Lebensjahr stirbt, ist das eine feine Sache für die Weltpresse. Die Nachrufe sind längst geschrieben, müssen nur aus der Schublade geholt werden. Ohne viel Dazutun, sind hohe Klickzahlen/Auflagen garantiert.

Ein Riesenglück ist die Angelegenheit für die Inkarnation des menschlichen Debakels Liz Truss. Eiiner Person, die unfassbarerweise sogar noch dämlicher, unsympathischer und unseriöser als Boris Johnson zu sein scheint. Zehn Tage lang werden sich Milliarden Augen der Weltöffentlichkeit auf London richten. Truss wird immer mit dabei sein und kann nur schwer Fehler machen, weil selbstverständlich jeder einzelne Schritt nach dem Tod der Queen minutiös durchgeplant ist.

Was für eine Chance, sich international in Szene zu setzen – die gibt es nur alle paar Jahrhunderte einmal und Truss ist erst zwei Tage im Amt.

[….] Truss war von Beginn an die Favoritin. In einer normal tickenden Welt wäre das vollkommen unverständlich - es sei denn, um mit Shakespeare zu sprechen, die Hölle wäre leer, und alle Teufel wären hier. Truss hat sich bereits als Außenministerin dadurch profiliert, dass sie sich als noch stärker kognitiv eingeschränkt, noch undiplomatischer erwies, als es selbst Johnson in dieser Rolle gelungen war. Der russische Außenminister Lawrow stellte sie bloß, indem er sie dazu brachte, zu behaupten, die russische Herrschaft über Rostow und Woronesch sei illegitim. Er hatte allerdings einen unfairen Vorteil, weil er im Gegensatz zu ihr wusste, dass diese Gebiete unumstritten auf russischem Territorium liegen. Truss stolpert von einem dummen, aggressiv-kämpferischen Fauxpas zum nächsten. Sie wirkt dabei wie eine Fünfjährige, die gerade gegen eine Tür gelaufen ist - und die Gefallen daran gefunden hat. […]

(A.L. Kennedy, 06.09.2022)

Jeder rationale Menschen muss Gegner einer Erbmonarchie sein. Nichts ist undemokratischer, als ein System, in dem man durch Geburt Staatsoberhaupt wird. Im Falle Großbritanniens nicht nur von England, Wales, Schottland und Nordirland, sondern auch Staatsoberhaupt von Antigua und Barbuda, Australien, Bahamas, Belize, Grenada, Jamaika, Kanada, Neuseeland, Papua-Neuguinea, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Salomonen und Tuvalu.

Verrückt; kein Jamaikaner, kein Australier, kein Kanadier, kein Brite hat Wahlrecht zur Bestimmung des eigenen Präsidenten.

Jeder rationale Menschen muss im Jahr 2022 bei einer am 21. April 1926 Geborenen jederzeit damit rechnen, daß sie stirbt.

Jeder rationale Menschen muss einer 96-Jährigen, die de facto ihr ganzes Leben ununterbrochen 24/7 diszipliniert arbeitete und unter strengster Beobachtung der ganzen Welt stand, von Herzen gönnen, diese Last endlich los zu sein. Man sollte sich für Elisabeth II. freuen, es endlich hinter sich zu haben.

Jeder rationale Menschen muss King Charles III. dafür bedauern, nun, in dem Alter, in dem andere längst ihre Rente genießen, eine ungeheuerliche Last auferlegt zu bekommen. Repräsentativer Chef eines zerfallenden Staaten-Konglomerats, dessen UK-Kern durch ein Regierungsquartett aus der Hölle – Cameron, May, Johnson, Truss – so massiv in den Dreck gefahren wurde, daß die nächsten Jahre unweigerlich schwere ökonomische und soziale Verwerfungen bringen werden.

Jeder rationale Menschen kann die endlosen Bilderstrecken mit Lebensstationen der Queen ignorieren, muss keinen der Myriaden Nachrufe lesen, weil es bereits so viele Großjubiläen mit entsprechenden Fernsehübertragungen und Titelseiten gab, daß man schwerlich noch etwas Neues erfahren kann.

Ich halte mich für einen rationalen Menschen und dennoch bin ich emotional vom Tod der britischen Monarchin betroffen, lese Nachrufe und gucke mir Queen-Berichterstattungen an. Ich bin sogar überrascht von ihrem Tod; dachte eigentlich, sie würde ihre Mutter, die mit 102 starb, locker übertreffen. Warum bloß?

Keiner ist völlig rational und die ungeheuerliche Länge ihrer Regentschaft – über 70 Jahre – führt dazu, daß man selbst schon hoch in den 80ern sein muss, wenn man sich überhaupt an einen anderen britischen König erinnert.

Wenn eine Person einem so lange durch eine unendliche Bilderflut bekannt ist, bildet man sich irgendwann ein, sie tatsächlich zu kennen.

Ich kann mich dem auch nicht entziehen und meine zu wissen, wie Elisabeth Windsor privat tickt. Was ihr gefällt, welchen Humor sie hat, wie sie privat mit Menschen umgeht.

Aber das ist weitgehend Unsinn. Wir alle haben immer nur das öffentliche Bild der Queen gesehen und ich wage zu bezweifeln, ob es mehr als eine Handvoll Menschen gibt, die die private Person Elisabeth kennen, die nicht das gekrönte Staatsoberhaupt ist. Wer so lange amtiert und gleichzeitig, anders als jeder Regierungschef niemals persönliche Meinungen oder politische Ansichten mitteilt, bildet eine gewaltige Projektionsfläche, auf der von links bis rechts, von jung bis alt, von arm bis reich, jeder seine Queen sieht.

Mir ist die Queen seltsamerweise immer sehr sympathisch gewesen, während ich Diana absolut nicht ausstehen konnte. Diana ist für mich ein manipulatives, eitles Miststück, das mich mit ihrem debil-doofen Blick aus gesenkten Kopf mit nach oben geöffneten Augen, stets abstieß. Harry, Meghan und Kate kann ich ebenfalls nicht leiden. William wirkt etwas sympathischer, allerdings scheint er recht dämlich und langweilig zu sein. Vielleicht habe ich auch nur Mitleid, weil ihm schon als Teenager die Haare ausfielen. Ich mochte Queen Mum, Anne und Margareth. Und ich bin definitiv Team Charles und Camilla. Die beiden dürften die intelligentesten Mitglieder der Windsor-Familie sein. Insofern haben die Briten noch Glück mit ihrem neuen König.

Queen Elisabeth II. hielt ich neben ihrer offensichtlich perfekten Fassade, für witzig, schlagfertig und selbstironisch. Ich glaube, sie tickte eher liberal, mochte die Labour-Premierminister lieber als die Tories. Zudem interpretiere ich ihre privaten Touren im Schottland-Urlaub; dort war sie Jahrzehnte lang am Steuer eines kleinen Jeeps mit Kopftuch und Gummistiefeln unterwegs; als das Fehlen jeder Eitelkeit. Sehr sympathisch. Privat sind ihr Titel, Kronen und königliche Roben offenbar schnurz.

Gleichzeitig weiß ich auch, daß ich diese privaten Erkenntnisse über die Royal-Family gar nicht verifizieren kann. Das sind weitgehend subjektive Empfindungen aus laienhafter Ferndiagnose.

Philipp Amthor veröffentlichte heute ein Queen-Bild mit CDU/CSU-Logo, vereinnahmt die just Gestorbene frech, als Ikone des Konservatismus.

Aber vermutlich gehört das zur Faszination an den hoffnungslos anachronistischen, irrationalen und undemokratischen Monarchien Europas.

Da sie nun einmal da sind, macht man sich gar nicht erst Gedanken über personelle Alternativen. Zudem amtieren viele Monarchen so lange, daß die Gewöhnungseffekte so stark werden, daß sich selbst überzeugte Republikaner nicht trauen, die Abdankung eines Monarchen zu fordern.

Die schwedische und die dänische Königin sitzen zwar erst ein halbes Jahrhundert und keine 70 Jahre wie Elisabeth auf dem Thron, aber des Effekt ist ähnlich. Sie genießen enorme Zustimmungswerte. Die Antimonarchiebewegung ist praktisch tot, weil nahezu jeder lebende Schwede und Däne inzwischen einen eigenen psychologischen Dreh gefunden hat, wieso er Silvia, bzw Margarethe so besonders gern mag.

Mittwoch, 7. September 2022

Sorge um Köln.

Johannes Dyba starb völlig überraschend am 23. Juli 2000 im Alter von nur 70 Jahren im Amt.

Walter Mixa wurde zurück getreten nach seinen wunderbaren NS-Vergleichen, den Berichten über seine Prügelattacken auf Schüler, Veruntreuung von Bistumsvermögen und sexuellen Übergriffen auf Seminaristen. Am 21. April 2010 bot er Papst Benedikt XVI den Rücktritt an.

Franz-Peter Tebartz-van Elst wurde nach einer unfassbaren Skandalserie, als er weltweit als „der Protzbischof“ bekannt geworden war, sogar am 23. Oktober 2013 gegen seinen Willen vom Heiligen Stuhl von seinen Pflichten als Bischof von Limburg entbunden.

Joachim Meisner wurde am 28. Februar 2014 achtzigjährig in den Ruhestand geschickt.

Vier fürchterlich traurige Tage für den deutschen Atheismus. So begnadete Säkularisierungsbeschleuniger, die unermüdlich und effektiv die Gläubigen dazu animieren in großen Scharen aus der römisch-katholischen Kirche auszutreten, sind ein seltenes Glück für mich.

Umso erfreulicher, daß Papst Franziskus mit Rainer Maria Kardinal Woelki, 66, am 11. Juli 2014 einen so wirkungsmächtigen Säkularisierungsbeschleuniger zum wichtigsten und reichsten deutschen Metropoliten machte. Als Kölner Erzbischof vermochte es Woelki, erst in Köln und dann bundesweit, die Terminvergabe für Kirchenaustrittsgesuche kollabieren zu lassen! Dank seiner Leistung unterschritten protestantische und katholische Kirche zusammen bereits 2022 die 50% Grenze und stellen nun erstmals seit vielen Jahrhunderten eine Minderheit in Deutschland.

Woelki ist mein Held und ich werde ihm für seinen Einfallsreichtum immer dankbar sein.

Langsam steigen in mir aber Sorgen um meinen Helden auf. Könnte mir nach Dyba, Mixa, TVE und Meisner etwa auch Woelki vorzeitig genommen werden?

Es spricht eigentlich wenig dafür, denn der Stellvertreter Gottes setzte ihn mit seiner unfehlbaren Weisheit nach einer kurzen Zeit des hochbezahlten Chillens (mit B11 auf Steuerzahlerkosten) am Aschermittwoch, dem 2. März 2022, wieder in seine Amtsgeschäfte ein. Ein Unfehlbarer kann nicht irren und daher wäre es schwierig für Matteo Bruni, den Direktor der Pressestelle des Heiligen Stuhls, wenige Wochen später zu erklären, Bergoglio habe da wohl Mist gebaut und nun müsse Woelki doch gehen.

Aber die braven Kölner Katholiken sind in derartiger Aufruhr gegen ihren verhassten Kardinal, daß selbst die treuesten der Treuen, Geistliche, wie Laien; jede Zusammenarbeit mit dem Kardinal verweigern.

Ein Oberhirte, der so verachtet wird, daß noch nicht mal Katholische Priester mit ihm zusammen gesehen werden wollen, ist für mich persönlich zwar äußerst amüsant, aber ich mache mir ernsthafte Sorgen, der Vatikan könnte doch noch einknicken und den Mann absägen.

[….]  Mit einer Boykott-Aktion haben führende Geistliche und Laienvertreter im Erzbistum Köln gegen Kardinal Rainer Maria Woelki protestiert. Ein wichtiges Beratergremium, der Diözesanpastoralrat, war nicht beschlussfähig.  Der Diözesanpastoralrat hat am Montagabend in Düsseldorf getagt. Allerdings hat deutlich weniger als die Häfte der mehr als 70 Mitglieder des Gremiums daran teilgenommen. Deshalb war der Rat nicht beschlussfähig. Bereits kurz nach der Einladung hatte es immer wieder Absagen gegeben, am Wochenende kamen weitere dazu, wie aus einem internen Schreiben des Erzbistums hervorging, dass dem WDR vorliegt. Hintergrund ist, dass viele Mitglieder des Rates in einem eigenen Tagesordnungspunkt über die aktuelle Krise des Bistums sprechen wollten. Das sei aber nicht möglich, man könne höchstens am Rande das Thema diskutieren, so das Erzbistum. [….]

(WDR, 06.09.2022)

Selbst das ultrareaktionäre Katholiban-Organ „Domradio“ lässt durch seinen Chefredakteur wissen:

[….] Es wird ganz offensichtlich, dass immer mehr wichtige Gremienvertreter keinen Sinn mehr in einer weiteren Zusammenarbeit mit dem Kardinal sehen. Ein hoher Geistlicher hat gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von einer "neuen Eskalationsstufe" gesprochen. Das ist wohl ganz offensichtlich so. Das wichtigste Beratungsgremium des Kardinals verweigert seinen Rat. Es sind nicht nur die Vertreter der Laien - acht von zehn Vertretern des Diözesanrates hatten ihre Nichtteilnahme angekündigt.  Zudem haben die pastoralen Dienste im Vorfeld mit großer Mehrheit "Nein" zur Sitzung gesagt und auch der eigene Klerus steht mehrheitlich offensichtlich nicht mehr hinter dem Kardinal. Man konnte hören, dass mindestens zehn der 15 Stadt- und Kreisdechanten der Sitzung fernbleiben wollten. Das muss für den Erzbischof ernüchternd sein, hatte er doch gerade noch in Interviews signalisiert, dass viele Priester hinter ihm stünden und Gläubige wegen ihm wieder in die Kirche eintreten würden.  Auffällig ist auch der verhärtete Ton: Wenn der Generalvikar, das "Alter Ego" des Kardinals, Dompropst Guido Assmann, schreibt, er stelle den Mitgliedern die Teilnahme frei, dann spricht das schon Bände. Hatte doch Kardinal Woelki gerade klargestellt, er sei kein absolutistischer Alleinherrscher.  [….]

(Ingo Brüggenjürgen, 05.09.2022)

Welche ein Dilemma für den Vatikan. Köln ist nach dem Bistum Rom die zweitreichste Diözese dieses Planeten. Geldströme sind wichtig und so kann Bergoglio nicht zusehen, wie dieser Säkular-Agent die Gläubigen verjagt. Er muss Woelki abberufen, wenn er nicht ganz Deutschland dem Atheismus vorwerfen will.

Der Papst hat aber andererseits bereits entschieden, Woelki im Amt zu lassen. Würde er sich auf Druck des Fußvolkes umentscheiden, wäre das ein ungeheuerlicher Präzedenzfall, der seine umfassende Allmacht unwiederbringlich ramponierte. Wenn das Schule macht, könnten überall auf der Welt, Gläubige ihren Bischof boykottieren, bis sie einen anderen bekommen. Also kann Bergoglio Woelki gar nicht abberufen.

Unterdessen löst sich das Erzbistum weiter auf.

[….] Brief an Woelki Schock-Werner zieht sich aus Protest aus Hochschul-Stiftungsrat zurück.

Die frühere Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner hat sich aus Protest aus dem Stiftungsrat der umstrittenen „Kölner Hochschule für Katholische Theologie“ (KHKT) zurückgezogen. „Ich kann nicht Verantwortung übernehmen für etwas, das ich nicht mehr durchschaue“, schrieb Schock-Werner in einem Brief an Kardinal Rainer Woelki sowie die Leitung und den Stiftungsrat der Hochschule, der dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegt.  [….]

(KSTA, 06.09.2022)

Dienstag, 6. September 2022

Hitze-Todesspirale

Heute bin ich spazieren gegangen. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Der größte Parkfriedhof dieser Erde und außerdem auch der schönste Park Hamburgs, der glücklicherweise wegen des Friedhofscharakters nicht von kreischenden Teenager, Grillfanatikern und Hobbysportlern missbraucht wird.

Normalerweise gehe ich da regelmäßig hin. In den letzten vier Monaten war es aber nicht möglich, weil es kontinuierlich viel zu heiß für mich war.

Obwohl dort eine Armee aus Friedhofsgärtnern die Flora wässert, war gegen den knochentrockenen hanseatischen Sahara-Sommer mit bis zu 40,1°C im Schatten (am 20.07.2022 in Hamburg-Neuwiedenthal) nicht anzukommen. 

Die Natur präsentiert sich braun in braun, die verzweifelten Laubbäume warfen schon im Juli ihre vertrockneten Blätter ab und sogar das stabile Efeu wickelt sich nur noch in totem graubraun um die Baumstämme.

Ich glaube, ich kann zukünftig nur in Deutschland überleben, wenn ich meine Lebenssituation so verändere, daß ich mit einer leistungsstarken Klima-Anlage die gesamte Wohnung auf jede beliebige Temperatur runterkühlen kann. Bei meinem amerikanischen Verwandten in L.A. herrschen heute 42°C.

Ich frage am Telefon gar nicht mehr „wie haltet Ihr das bloß aus?“, denn sie leiden kaum darunter, da ohnehin alles eiskalt gemacht wird. Das Haus, die eigene Wohnung, Autos, Bahnen, Busse, Büros, Restaurants, Geschäfte, Parkhäuser, Garagen.

Der gewöhnliche Ami geht auch nicht zu Fuß und erlebt die 42°C höchsten für die wenigen Sekunden, die es braucht, um aus dem Autos auszusteigen und dann wieder ein Geschäft zu betreten. In den asiatischen schwülheißen Supermetropolen wie Singapur oder HongKong oder Macao ist es noch abartiger. Da werden Hotels und Einkaufszentren derartig gekühlt, daß sie Passanten innen ihre teuerste Pelzmode vorführen können. Kalte Räume sind ein Statussymbol.

Und jeder, der in Deutschland im Sommer schon einmal Besuch aus den USA hatte, kennt die geschockten Gesichter seiner Amifreunde, wenn sie erzählen, sie hätten unglaublicherweise in einem Bus gesessen, in dem die Klimaanlange nicht ging. Selbst in einfachsten Hotels wird die Rezeption bei über 20°C Raumtemperatur angerufen „AC isn’t working“. Daß es gar keine Klimaanlage gibt, liegt außerhalb der Vorstellungskraft der USAner.

Ami-Vlogger, die schon länger in Deutschland leben, berichten mit einer Mischung aus Grusel und Faszination von dieser deutschen Eigenart „auf Kipp“. Mit dieser kuriosen mechanischen Fenster-Einstellung, die in den Staaten unbekannt ist, könne man nachts, bei kühleren Temperaturen eine Luftzirkulation bewirken, um sein Zimmer abzukühlen.

Aber erstens hilft „auf Kipp“ auch nicht, wenn man bei ständigen Tropennächten in einem nicht isolierten Gebäude lebt und zweitens bin ich nun einmal US-Amerikaner und brauche ein kühles Schlafzimmer. Das ist offenbar genetisch.

Andererseits bin ich schon so eingedeutscht, daß ich in der Lage bin, weiter als bis zu meiner Nasenspitze zu denken. Amerikaner bewerten die Güte ihrer Regierung weitgehend danach, ob Benzin und Strom lächerlich billig sind.

Steigen die Preise an den Zapfsäulen, sind Biden und die Demokraten bei den nächsten Wahlen chancenlos. Obwohl viele Amerikaner sogar begreifen, daß der US-Präsident nicht willkürlich die Benzinpreise bestimmen kann. Dennoch werben sämtliche linken und liberalen Pundits für Biden mit dem Argument, wie billig das „gasoline“ wieder sei.

Die Erkenntnis, daß Benzin- und Strompreise aus Umweltschutz- und Klimaschutzgründen HOCH sein sollten, damit man WENIGER verbraucht, gibt es noch gar nicht.

Auch die Ampel scheint diesen Zusammenhang zu vergessen und trachtet nur noch danach mit Geldgeschenken (Tankrabatt!) den Benzinverbrauch zu verbilligen und damit zu fördern. Das ist aber Politik, um den Klimawandel zu beschleunigen und nicht zu verlangsamen.

Ja, natürlich will ich auch eine Power-Klimaanlage und so billigen Strom, daß ich sie 24/7 laufen lassen kann. Das würde mich enorm entspannen. Endlich wieder gut schlafen im Sommer. Keine Furcht vor dem nächsten, noch heißeren Sommer.

Leider denken aber viel zu viele Leute so und leider handeln viel zu viele Regierungen so, um das möglich zu machen. Klima-Anlagen verbrauchen so viel Energie, daß sich davon allein schon der Planet relevant weiter aufheizt.

[….] Klimaanlagen sorgen für Abkühlung an heißen Tagen, dabei verschlimmern sie die Erderwärmung. [….] Die Nachfrage nach Raumkühlern wächst - allein in Deutschland laut Statistischem Bundesamt zwischen 2019 und 2020 um 28 Prozent. Aus dem Mittelmeerraum oder den Vereinigten Staaten sind "A/Cs" (Air Conditioner) ohnehin kaum mehr wegzudenken. Mit fatalen Folgen für die Umwelt: Einer Schätzung des Internationalen Kälteinstituts (IIR) zufolge werden 20 Prozent des weltweit produzierten Stroms von Kühlschränken, Klimaanlagen und anderen Kälteaggregaten verbraucht, wodurch jährlich 2,3 Gigatonnen Kohlendioxid freigesetzt werden.  Und die Geräte sind nicht nur Stromfresser: Der unbeabsichtigte Ausstoß von Fluorkohlenwasserstoffen, die als Kältemittel vor allem in Klimaanlagen in großen Mengen zum Einsatz kommen, ist für etwa vier Prozent der globalen Erwärmung verantwortlich. Diese sogenannten F-Gase, die eigentlich in einem geschlossenen Kreislauf zirkulieren, können wegen Undichtigkeit, bei Reparaturen oder bei der Entsorgung alter Kühlsysteme entweichen - und sind dann tausendfach klimaschädlicher als CO₂ [….] Es gebe Milliarden Kühlgeräte auf der Welt, die so viel klimaschädliche Gase emittieren "wie der Flug- und Schiffsverkehr zusammen", sagt Gottschall. Ein Drittel davon gehe auf fluorierte Kältemittel zurück, sodass selbst mit regenerativem Strom die herkömmliche Kühltechnologie nicht grün werde. Die Menschheit werde in Zukunft mehr Energie für Kühlung verbrauchen als fürs Heizen, sagt Gottschall. Der sich aufheizende Planet mache mehr Kühlung nötig, was wiederum die Erderwärmung vorantreibe. "Ein Teufelskreis."  [….]

(Andreas Jäger, SZ, 05.09.2022)

We are doomed.

Es gibt zwar Hoffnung auf andere technische Lösungen, mit denen man Kühleffekte erreicht, ohne der Umwelt so schwer zu schaden, aber das kostet! Und es bräuchte Einsicht der Konsumenten, sowie sinnvoll-pragmatisch handelnde Regierungen, um die Änderungen durchzusetzen. Mit anderen Worten: Hoffnungslos.

 [….] Anstelle eines Gases, das durch einen Kompressor verflüssigt und später, nach Passieren eines Ventils, wieder gasförmig wird, wodurch es sich ausdehnt und der zu kühlenden Umgebung Wärme entzieht, könnten in zukünftigen Kreisläufen feste Kältemittel zum Einsatz kommen. So hat ein Team um Adam Slavney von der Universität Harvard kürzlich einen Prototypen vorgestellt, bei dem ein Perowskit das Kältemittel bildet. Perowskite sind mineralische Verbindungen aus drei chemischen Elementen. Wie von dem Materialwissenschaftler kürzlich auf der Konferenz der American Chemical Society präsentiert, beruht der Kühlzyklus der Erfindung auf dem sogenannten barokalorischen Effekt, einer druckinduzierten Temperaturänderung in Festkörpern. Bereits im Mai hatten Slavneys Team in Nature Communications über zwei Halogen-Perowskite berichtet, die wegen ihrer starken Wärmeänderung bei Druckeinfluss als geeignete Materialkandidaten ausgemacht wurden.  Neben dem barokalorischen Effekt gibt es eine Reihe ähnlicher Mechanismen, die alle quantenphysikalischen Ursprungs sind und sich für Kühlung nutzen lassen. Ob elasto-, magneto- oder elektrokalorischer Effekt: Sie eint, dass sich die Entropie - das Maß für die Unordnung eines Systems - durch einen äußeren Einfluss verringert, zum Beispiel durch Druck, mechanische Spannung, sowie durch äußere magnetische oder elektrische Felder. [….]

(Andreas Jäger, SZ, 05.09.2022)

 

Montag, 5. September 2022

In Deutschland kann es schon mal länger dauern

In der vorletzten deutschen Regierung, der Merkel-Groko Nr. 2, verfielen SPD, CDU und CSU auf eine bahnbrechende Idee. Wie wäre es, wenn die Bürger nicht mehr persönlich „zum Amt“ gehen müssten, um endlose Formulare auf Papier auszufüllen, sondern dafür diese wundersame neue Dings, wie heißt das noch mal? Also nicht mit Fragebögen auf Papier, nicht mit dem Kugelschreiber schreiben, na, ich komme gleich drauf, ach ja #Neuland! Wenn Bundesbürger Ummeldungen oder Anträge auf dem Bildschirm zu Hause erledigen könnten? Ein Onlineportal für alle Ortsamtsleistungen.

Also natürlich nicht so hypermodern wie in den baltischen Staaten oder der Ukraine, wo die Verwaltung generell digital funktioniert.

Das nicht, denn „es ist Deutschland hier“, wie schon der große G. Westerwelle feststellte. Deutschland…

[….]  in dem es behördlicherseits schon als eine "Onlineleistung" gilt, wenn man ein Formular am Laptop ausfüllen kann, auch wenn man es am Ende dann doch wieder ausdrucken und per Post abschicken muss.  [….]

(Boris Herrmann, SZ, 30.08.2022)

Aber 2017, im Wahljahr, traute sich die Merkel-Regierung Großes. Eine „bürokratische Revolution, keine dicken Pakete mit Zetteln.

[….]  Mit dem Onlinezugangsgesetz (OZG), das im August 2017 in Kraft trat, wurden Bund, Länder und Kommunen dazu verpflichtet, 575 Verwaltungsdienstleistungen zu digitalisieren, die wiederum aus 6000 Einzelleistungen bestehen. Kfz-Ummeldungen, Kindergeldanträge, solche Dinge sollten digital möglich werden. Und das alles bis zu einem klar vorgegebenen Stichtag, dem 31. Dezember 2022.  [….]

(Boris Herrmann, SZ, 30.08.2022)

Ach ja, die Papiersammlungen meines Einbürgerungsverfahrens, welches seit vielen Jahren dahinplätschert, waren stets so umfangreich, daß ich sie als Paket schicken musste. Ich wußte gar nicht, daß ich überhaupt so viele Papiere habe. Aber es geht schließlich nicht nur um alles, das ich je auf Papier produzierte – angefangen von Schulzeugnissen über sämtliche Bank- und Steuerunterlagen, sondern das ganze musste auch zwei Generationen zurück verfolgt werden. Circa einmal im Jahr erhalte ich ein Schreiben, mit der Bitte um eine letzte Auskunft. Zum Beispiel wo meine Mutter geboren wäre und wo sie vor 72 Jahren lebte. Natürlich Jahre nachdem ich sämtliche Urkunden (Geburtsurkunde, Lebenslauf, Einkommensnachweise, Vermögensverhältnisse, Hochzeit, Scheidung, Tod) meiner Eltern längst eingereicht hatte. Logisch, wer keine Meldebestätigung seiner Großeltern zu jedem beliebigen Zeitpunkt des letzten Jahrtausends vorlegen kann, darf auch nicht Deutscher werden.

Selbstverständlich habe ich seit dem Oktober 2021 nie wieder etwas von der Behörde gehört und dort auch niemanden erreicht.

Da nun fünf Jahre seit der Verabschiedung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) verstrichen sind, ist es an der Zeit mal nachzusehen, wie weit es die Blitzbirnen Seehofer, Scheuer und ihre Länderkollegen gebracht haben.

Haben wir unter der Aufsicht dieser IT-Genies und der weisen treibenden Aufsicht Merkels aufgeholt und liegen bei der Digitalisierung nicht mehr auf dem letzten Platz in Europa? (Rhetorische Frage)

[….] Bis Ende des Jahres sollten eigentlich die meisten Behördengänge auch online möglich sein. Doch bei der Digitalisierung hakt es an vielen Stellen. [….] Eine Waffenbesitzkarte online beantragen, das geht in Berlin. In Stuttgart kann man seinen Hund digital anmelden. Für einen neuen Personalausweis oder die Anmeldung des Wohnsitzes muss man weiterhin persönlich aufs Amt. Der Grund sind zum Teil rechtliche Hürden, vor allem aber ist die Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach wie vor eine riesige Baustelle. Das zeigt auch eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke. Die Antwort des für die Behördenmodernisierung zuständigen Bundesinnenministeriums (BMI) liegt dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vor.  Es ist ein Dokument des Schulterzuckens, in dem der Bund immer wieder auf Länder und Kommunen zeigt. Digitale Aufbruchstimmung oder gar digitaler Führungsanspruch, wie sie die Ampel doch eigentlich versprochen hat, sucht man vergebens. Dabei fällt beispielsweise auf, dass viele Gelder, die der Bund für die Digitalisierung der Verwaltung bereitstellt, dieses und vergangenes Jahr von den Ländern nicht abgerufen wurden. Aus Sicht des BMI scheint das unproblematisch zu sein, weil am Anfang von Projekten weniger Mittel gebraucht würden als im Fortgang. Faktisch heißt es aber, es geht sehr langsam voran.  Anke Domscheit-Berg, digitalpolitische Sprecherin der Linksfraktion ist wenig überrascht, aber ernüchtert: "Es zeigt, dass Bund, Länder und Kommunen nicht an einem Strang ziehen." [….] Eigentlich müssten Behörden die meisten Verwaltungsdienstleistungen - vom Arbeitslosengeld bis zur Sterbeurkunde - bis Jahresende bundesweit digital anbieten - so lautet die Vorgabe im Onlinezugangsgesetz (OZG), das 2017 verabschiedet wurde. Von diesem Ziel hat sich die Bundesregierung aber wohl schon verabschiedet und setzt nun darauf, dass in den Ländern wenigstens ein Grundgerüst an Leistungen flächendeckend online zur Verfügung steht. [….] Dabei geht es um sogenannte Einer-für-alle-Projekte, also Onlinedienste für Verwaltungsleistungen, die von einem Bundesland entwickelt und betrieben werden und von anderen genutzt werden können. Dazu gehören etwa die KFZ-Zulassung, das Elterngeld, die digitale Baugenehmigung - und eben auch die Beantragung von Waffenerlaubnissen, zeigt die Auflistung des Ministeriums.  "Das macht mich wirklich fassungslos", sagt Digitalpolitikerin Domscheit-Berg. [….] Auch Wissenschaftlerin Heine hat Zweifel, dass zumindest die 35 priorisierten OZG-Leistungen bis Ende des Jahres flächendeckend nutzbar sind, denn laut Innenministerium ist bislang nicht mal die Hälfte verfügbar. [….]  Dass eine Leistung als digital verbucht wird, heißt nicht, dass sie wirklich durchdigitalisiert ist, kritisieren Fachleute. Zwar kann man vielleicht seine Eingaben für einen Antrag online machen, in der Behörde selbst wird dann trotzdem wieder alles ausgedruckt und analog verwaltet, sagt Expertin Heine. "Viele Prozesse im Hintergrund sind überhaupt nicht digitalisiert. Jeder wurschtelt vor sich hin." [….]

(Tagesschau, 23.08.2022)

Die Süddeutsche Zeitung bietet zumindest eine einleuchtende Erklärung für das totale Regierungsversagen auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene: Wie bereits Westerwelle als Vizekanzler feststellte: Es ist Deutschland hier und wir sind nun einmal generell verblödet. Das gilt für die Politik, aber noch mehr für den Urnenpöbel, der nach einen halben Jahr Ampel schon wieder den Offline-Dinosaurier Merz zum Kanzler machen will und sich die Scheuers und Spahns zurück in die Ministerämter wünscht.

[….]  Und das alles bis zu einem klar vorgegebenen Stichtag, dem 31. Dezember 2022. 18 Wochen sind bis dahin noch Zeit, aber das Ergebnis steht schon fest: Deutschland wird die Zielmarke von 575 nicht einmal ansatzweise schaffen.  Das sagt zum Beispiel Lutz Goebel, der Vorsitzende des Normenkontrollrats, einer Art Kompetenzzentrum für Bürokratieabbau der Bundesregierung. Goebel geht davon aus, dass bis zum Jahresende "nicht mehr als 50" Verwaltungsdienstleistungen flächendeckend digitalisiert sein werden. 50 von 575. [….] Das für die Umsetzung dieses Gesetzes zuständige Bundesinnenministerium (BMI) rechnet offenbar anders als der Normenkontrollrat. Eine BMI-Sprecherin teilt auf SZ-Anfrage mit: "Zur Zeit sind 81 OZG-Leistungen flächendeckend verfügbar. Eine weitere Leistung ist in elf Bundesländern verfügbar." So viel erst einmal zur gröbsten Zahlenverwirrung. Fest steht: Die Revolution muss noch ein bisschen warten.  Was immer klappt: gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen föderalen Ebenen. [….][….]  Wie viel genau bis jetzt passiert ist, gehört zu den großen Mysterien des OZG.

(Boris Herrmann, SZ, 30.08.2022)

Wir schaffen also in fünfeinhalb Jahren keinerlei Fortschritte bei der Digitalisierung? Immerhin gibt es nun eine pragmatische Idee, wie es damit weiter geht. Einfach eine andere Frist zum Verstreichen lassen setzen! Konsequenzen keine.

Es ist Deutschland hier.

Sonntag, 4. September 2022

Putins Plan geht weiterhin auf.

Annalena Baerbock fehlt es immer noch ein bißchen an Ernst und Seriosität. Sie konnte ihren Hang zur Schluderigkeit noch nicht ganz ablegen. Was wir im Wahlkampf erlebten  - frisierter Lebenslauf, plagiiertes Buch, Versprecher – wird zwar weniger, ist aber noch nicht ganz ausgemerzt.

[….]  Manchmal stoibert die Außenministerin [….]  Allerdings neigt Baerbock manchmal dazu, zu stark zu überzeichnen, um einen Punkt zu machen. Das war schon bei ihrer Warnung vor "Volksaufständen" so oder als sie, gefragt nach der Taiwan-Reise Nancy Pelosis, ungeachtet der völkerrechtlichen Unterschiede, Parallelen zog zwischen dem Verhalten Chinas und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Auch verirrt sie sich immer wieder in Bandwurmsätzen, die ihre Botschaften verkleistern und wie Edmund Stoiber klingen. Als Außenministerin tut sie sich und ihren Anliegen damit keinen Gefallen. Mehr sprachliche Präzision, ein Gedanke weniger, dafür konzise formuliert, darum sollte sie sich bemühen, ohne darüber ihre authentische Art aufzugeben.  [….]

(Paul-Anton Krüger, 02.09.2022)

Diese gewisse Flappsigkeit kostete sie das Kanzleramt. Und die Vizekanzlerschaft. Zu Recht. Aber sie ist noch jung und sie ist nicht doof. Wenn sie von „Kobold“ statt „Kobalt“ spricht, ist das kein Zeichen mangelnder Qualifikation, wie es rechte Trolle darstellen, sondern bloß ein auf Unkonzentriertheit beruhender Versprecher. Wie Krüger ganz richtig feststellt, macht Baerbock sich leider unnötig angreifbar, weil sie nicht in einer gerechten Welt mit fairen Gegnern agiert, sondern in einer bösartigen Umgebung, in der die linksrechte Querfront sofort jeden Strohhalm ergreift, um auf die deutsche Außenministerin einzudreschen und damit gleichzeitig Putins Hintern zu küssen.

[….]  Es wundert nicht, wenn sich jetzt Alice Weidel vom rechten Lager der AfD (deren Reden zur Ukraine Moskauer Propagandakanäle schon mal ins Russische übersetzen) und die Putin-Claqueurin Sevim Dağdelen von der Linken quasi zusammen auf Baerbock stürzen und ihren Rücktritt fordern. Dabei hat sie nur bei einer Podiumsdebatte am Mittwoch in Prag ihre völlig richtige Position bekräftigt, dass alle Sanktionen gegen Russland so angelegt sein müssen, dass man sie über Jahre durchhalten kann. [….] 

(Paul-Anton Krüger, 02.09.2022)

Natürlich benutzt der Kreml Bots, Social Media-Fälschungen und Fake-Account, um ihre westeuropäischen Gegner zu destabilisieren.

[….]  Unter den Hashtags #Hochverrat und #BaerbockRuecktritt ist in den Sozialen Medien eine heftige Debatte um Bundesaußenministerin Annalena Baerbock entbrannt. [….]  Das Netz tobte, Politiker äußerten Kritik, Rücktrittsrufe wurden laut. "Gewählter Ministerin ist Wählerwille egal", schrieb etwa die Bundestagsabgeordnete der Linken Żaklin Nastic. AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel schrieb auf Twitter: "Der Rücktritt der Außenministerin ist überfällig. Wer ausdrücklich auf die Interessen der Wähler in Deutschland pfeift, hat in einem Ministeramt nichts mehr verloren." [….]  Das Auswärtige Amt hingegen äußerte den Verdacht, dass es sich um gezielte Desinformation von pro-russischen Kanälen handelt. Der Ministeriumsbeauftragte für strategische Kommunikation im Auswärtigen Amt, Peter Ptassek, schrieb auf Twitter: "Der Klassiker: Sinnentstellend zusammengeschnittenes Video, geboostert von prorussischen Accounts und schon ist das Cyber-Instant-Gericht fertig, Desinformation von der Stange." [….]  Eine erste Analyse deutet tatsächlich daraufhin, dass eine pro-russische Desinformationskampagne die Debatte um Baerbock forciert haben könnte. Die Analyse des Disinformation Situation Center, einer Koalition von Nichtregierungsorganisationen, die russische Desinformation verfolgt, hat Bemühungen Kreml-naher Accounts beobachtet, Baerbocks aus dem Kontext gerissenes Zitat sehr früh zu streuen.  In der Studie heißt es: "Unsere vorläufige Analyse deutet darauf hin, dass eine dekontextualisierte Version von Baerbocks Zitat, eine manipulierte Version ihres Zitats und ein manipuliertes Video ihrer Aussage zuerst auf sozialen Medienkanälen erschienen, die mit dem Kreml verbunden sind." [….] 

(Tagesschau, 02.09.2022)

Der Kreml ist mit seiner destruktiven Desinformations-PR so erfolgreich, weil sich von Weidel bis Wagenknecht nützliche Idioten finden, die Putins Spiel weiterspinnen.

Ich weiß nicht, was diese AfD- und Linken-Politiker mehr disqualifiziert: Sind sie zu dumm, diese Fälschungen und Russlands Spiel zu erkennen? Oder aber wissen sie was da geschieht und entscheiden sich bewußt dazu, im Sinne Putins PR gegen die deutsche Regierung zu unternehmen?

Aber es kommt noch schlimmer. Auch die stramm konservative Lindner-Presse (Springer/Welt, bei der seine Frau Chefreporterin und seine Ex-Frau Chefredakteurin sind) verbreitet die Kreml-Lügen weiter.

[….]  In den deutschsprachigen Sozialen Netzwerken wurde Baerbocks Zitat zunächst auf kleineren, anonymen Konten geteilt - schnell jedoch griffen es reichweitenstärkere Konten auf. Im rechtspopulistischen und verschwörungsideologischen Milieu wurde der Vorwurf an Baerbock dankend angenommen und verbreitet. AfD-Konten teilten das Video sogar mit dem Wasserzeichen des Telegram-Kanals von Russian American Daily. [….]  Doch nicht nur rechte Agitatoren verbreiteten den Clip, auch Mitglieder der Linken und Medien befeuerten die Debatte. So titelte beispielsweise die "Welt" zunächst eine verzerrte Version des Zitats. [….]  "Seit der Wahl ist Baerbock ein populäres Feindbild in rechtsextremen Kreisen, sie wird mit Falschinformationen und Verschwörungserzählungen attackiert", sagt Julia Smirnova, Analystin vom Institut für Strategischen Dialog (ISD). [….] 

(Tagesschau, 02.09.2022)

Das bleibt nicht ohne Folgen. Die Unterstützung für die Ukraine bröckelt.

[….]  77 Prozent der Bundesbürger sind einer Umfrage zufolge der Meinung, dass der Westen Verhandlungen über eine Beendigung des Ukraine-Kriegs anstoßen sollte. Das geht aus einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa für das RTL/ntv-"Trendbarometer" hervor. [….]  26 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Bundesregierung zur Unterstützung der Ukraine zu wenig unternimmt. 43 Prozent erachteten den Umfang der Unterstützung als gerade richtig. 25 Prozent waren der Meinung, die Bundesregierung tue zu viel für die Ukraine.  Knapp ein Drittel der Bundesbürger (32 Prozent) sprach sich der Umfrage zufolge dafür aus, mehr schwere Waffen an die Ukraine zu liefern - auch wenn dies zulasten der Ausstattung der Bundeswehr ginge. Dagegen waren 62 Prozent der Bundesbürger der Meinung, dass Deutschland das nicht tun solle.  [….]

(STERN, 30.08.2022)

Es ist wie ich immer prophezeite: Die Leidensfähigkeit der Deutschen ist mickrig. Die Heizperiode hat noch gar nicht angefangen und allein die Aussicht auf höhere Preise in der Mietnebenkostenabrechnung treibt die Menschen gegen die Ampel auf die Straße. Als ob es Baerbock und Scholz wären, die einen Krieg angezettelt hätten und damit die Energiepreise vervielfachten.

Gelbblaue Fähnchen raushängen ja, aber zahlen oder womöglich frieren für die Ukraine? Eher nein. Norstream2 zu öffnen erscheint vielen  immer attraktiver.

[…] Natürlich wäre das jetzt ganz einfach, über die Handwerker aus dem Halle-Saalekreis und ihren offenen Brief an Olaf Scholz zu lachen. Oder Wolfgang Kubicki, die Mensch gewordene Stammtisch-Parole der FDP, als Außenseiter abzutun. Beide eint aber: Wenn sie lautstark die Öffnung der Gaspipeline Nord Stream 2 fordern, haben sie einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung auf ihrer Seite.  66 Prozent der Deutschen, das ergab kürzlich eine repräsentative Forsa-Umfrage, hätten kein Problem damit, die neue Röhre aus Russland zu öffnen. Sie hoffen mutmaßlich auf sinkende Gaspreise und einen Winter ohne Frieren und Verbote.  [….]

(T-Online.de, 19.08.2022)

Herrlich doof, diese Europäer, wird sich Wladimir Putin denken, während er die Gazprom-Rekordgewinne einstreicht.

[…] Wegen der massiv gestiegenen Preise für Gas und Öl hat der staatliche kontrollierte russische Energiekonzern Gazprom seine Geschäftsergebnisse nach eigenen Angaben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres deutlich steigern können. Demnach erzielte Gazprom einen Rekordgewinn von 2,5 Billionen Rubel (umgerechnet 41,63 Milliarden Euro), wie das Unternehmen gestern Abend mitteilte.  Das ist bereits mehr als der gesamte Gewinn des vergangenen Jahres. 2021 hatte der Konzern wegen der hohen Preise für Öl und Gas bereits einen Rekordgewinn von 2,09 Billionen Rubel (rund 27,5 Milliarden Euro) erreicht. […]

(Tagesschau, 31.08.2022)

Schwere EU-Sanktionen gegen Russland. Russland exportiert viel weniger Gas und Öl. Russland verdient mehr denn je. Das hat ja ganz toll geklappt, Frau von der Leyen.

Die CDU-Präsidentin der EU ist seit geraumer Zeit untergetaucht und sieht planlos zu, wie ihr immer mehr rechts regierte Nationen (denen sie ihre Wahl verdankt) von der Fahne gehen.

Viktor Orbán blockierte die Sanktionen gegen Kriegstreiber Kyrill I., Putins wichtigsten Alliierten.

Sachsens Landesvater, von der Leyens Parteifreund Kretschmer, schert ebenfalls aus und zeigt der Ukraine den Stinkefinger.

Ungarn erhöht die Importe aus Russland deutlich.

[….]  Der Außenminister reist nach Moskau, um über neue Gaslieferungen zu sprechen. Die relative Nähe seiner Regierung zum Kreml könnte dabei helfen. Budapest ist sehr abhängig von dem fossilen Brennstoff.  Die Abhängigkeit von Gas zwingt zum Handeln. Im Falle Ungarns bedeutet das eine höhere Einfuhr aus Russland. Das kleine mitteleuropäische Land will 700 Millionen zusätzliche Kubikmeter Gas von Russland kaufen. Dies kündigte am Donnerstag die rechtskonservative Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten Viktor Orbán an. Außenminister Peter Szijjarto wird noch im Laufe des heutigen Tages nach Moskau reisen, um über neue Gaslieferungen zu sprechen. [….]

(FAZ, 21.07.2022)

Als nächstes verließ Bulgarien die ohnehin nicht mehr einheitliche EU-Linie.

[….]  Bulgarien steht vor einer Zerreißprobe. Das EU-Land ist in der Gas-Versorgungskrise tief gespalten über den richtigen Umgang mit Russland und seinem staatlichen Energiekonzern Gazprom.  Während der proeuropäischen Kräfte eine Wiederaufnahme des Liefervertrages mit dem Petersburger Energieriesen ablehnen, befürwortet die Übergangsregierung unter Ministerpräsidenten Galab Donew die umstrittenen Gespräche. "Als geschäftsführende Regierung wollen wir das zu Ende führen, was wir als Vereinbarung bereits haben", sagt der 55-jährige Ökonom in einem TV-Interview. Der langfristige Vertrag mit Gazprom läuft erst Ende 2022 aus. [….]

(Wiener Zeitung, 01.09.2022)

Mit Italien wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bald auch das erste echte EU-Schwergewicht auf Russland zugehen.

[….] Der italienische Rechtspopulist Matteo Salvini hat die wegen des Ukraine-Krieges verhängten EU-Sanktionen gegen Russland in Frage gestellt. Mehrere Monate seien vergangen, und die Menschen würden ihre "Rechnungen doppelt und vierfach zahlen", während sich nach sieben Monaten Krieg "Russlands Kassen mit Geld füllen", sagte der Chef der rechtsradikalen Lega-Partei dem Radiosender RTL. [….]

(NTV, 04.09.2022)

Die Außentemperaturen in Europa sind noch sommerlich warm, die hohen Energiepreise sind noch gar nicht beim Verbraucher angekommen.

Und jetzt schon klappt die EU-Anti-Putin-Front zusammen.

Wie soll das erst werden, wenn die Deutschen in einem kalten Dezember und Januar wirklich frieren und die Industrie ihre Werke stilllegen muss?

Wladimir Putin kann sich entspannt zurücklehnen und abwarten.

Samstag, 3. September 2022

Wir sind unmoralisch und unverantwortlich.

Es ist sehr billig, Grüne und SPD daran zu messen, was sie einst in ihre Wahlprogramme schrieben. Selbstverständlich hätten Habeck, Scholz, Baerbock und Klingbeil vor einem Jahr gleichermaßen empört die Lieferung schwerer Waffen in Kriegsgebiete und die Laufzeitverlängerungen für AKWs abgelehnt.

Es gibt nichts Dümmeres, als bei völlig veränderten Bedingungen stupide weiterhin auf alten Positionen zu beharren. Es ist gut und richtig, mit anderen Antworten, auf andere Fragen zu antworten.

Das bedeutet freilich nicht, plötzlich alles zu verdammen, nur weil man es einst befürwortete. Man kann es als Friedensbewegter auch übertreiben, wenn man nun geradezu erotisch enthusiasmiert, von Panzerhaubitzen und Flak-Geschützen schwärmt, Herr Hofreiter.

Aus der Kernenergiegewinnung auszusteigen, war keine Mode aus dem letzten Jahrtausend, sondern beruht auf absolut unumstößlichen Erkenntnissen.

Schwarzen und Gelben bereitet es eine diebische Freude, Grüne und Rote damit zu piesacken, sie müssten sich nun von ihrem Anti-AKW- und Anti-Kohle-Kurs verabschieden. Die Konservativen wollten diesen ökologischen Wandel nie und fühlen sich nun a posteriori im Recht. Damit belügen sie sich aber selbst. Ja, es gibt kurzfristig sehr starke Argumente – nämlich Putins Angriff auf die Ukraine – den Klimaschutz hintan zu stellen. Der Betrieb von Panzerhaubitzen ist ein klimapolitischer Alptraum. Aber auch wenn das ökologische Argument, die Menschen in der Ukraine verständlicherweise im Moment überhaupt nicht interessiert, bleibt doch der Klimawandel langfristig das sehr viel wichtigere Thema.

Die Ausnahmesituation Ukraine darf nicht dazu führen, in einem allgemeinen „Anything Goes“-Modus alle klimapolitischen Regeln zu ignorieren.

Im Gegenteil. Jetzt ist es wichtig zu demonstrieren, daß ökologischer Wandel und Energiewende keine Schönwetterthemen für die angeökten wohlhabenden Waldorf-Mütter in Vorstadt-Walmdachvillen ist, sondern von uns allen eine massive Verhaltensänderung erfordert.

In Hamburg zur Energiegewinnung im großen Maßstab Holz zu verfeuern, ist und bleibt Irrsinn, lieber grüner Umweltsenator.

[….] Verheizt unsere Wälder nicht!

Spektakulärer Protest am Heizkraftwerk in Hamburg

Mit einer großflächigen Bewegtbild-Projektion am Heizkraftwerk Tiefstack in Hamburg hat der NABU gemeinsam mit ROBIN WOOD und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gegen das Verfeuern von Holz in Kraftwerken protestiert.

Gemeinsam mit einer internationalen NGO-Koalition appellieren die Umweltorganisationen NABU, ROBIN WOOD und Deutsche Umwelthilfe (DUH) mit der Aktion an die Abgeordneten des EU-Parlaments, bei der Abstimmung zur Erneuerbaren-Energien-Richtlinie am 13. September gegen das industrielle Verheizen von Holz zu votieren. Zudem fordern sie die Betreiber von Kraftwerken auf, die klimafreundliche Energiewende voranzutreiben und alle Pläne für eine Umrüstung auf Holzverbrennung zu stoppen.

Die EU-Gesetzgebung unterstützt bislang, dass Mitgliedstaaten Holz für die Energieproduktion nutzen. Nach der aktuellen wissenschaftlichen Studienlage ist die Einstufung von Holzverbrennung als erneuerbar – und damit emissionsfrei – jedoch überholt. Denn die Verbrennung von Holz setzt mindestens ebenso viele Treibhausgase frei wie die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Der Ausgleich dieser Belastung durch das Aufwachsen neuer Bäume dauert Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Auch die Stadt Hamburg setzt darauf, mit Holzverbrennung die eigene Klimabilanz zu schönen. Zur Umsetzung des notwendigen Kohleausstiegs plant die Umweltbehörde, das stadteigene Kohlekraftwerk Tiefstack auf das Verfeuern von Holz und Gas umzustellen – zusätzlich zur Nutzung industrieller Abwärme und dem Bau von zwei neuen Flusswärmepumpen.

„Wälder im großen Maßstab in umgerüsteten Kohlekraftwerken zu verfeuern, ist keine innovative Energie- und Wärmewende, sondern eine sehr schlechte Idee. Intakte Wälder sind elementar für den Klima- und Artenschutz. Wir brauchen Investitionen in echte emissionsfreie erneuerbare Energien sowie Energieeinsparung anstatt kontraproduktiver Scheinlösungen. Die EU darf Energie aus Waldholz nicht länger als erneuerbare Energie fördern – staatliche Unterstützung darf es nur für wirklich klimafreundliche Technologien geben.“   Leif Miller, NABU-Bundesgeschäftsführer  [….]

(Nabu, 02.09.2022)

Massentierhaltung ist und bleibt ebenfalls eine klimapolitische Katastrophe. In Zeiten der Ukrainekriegs-bedingten Weizenverknappung mit verheerenden Hunger-Krisen, weiterhin so viel Getreide als Viehfutter zu verschwenden, ist genauso amoralisch wie Lindners Begeisterung dafür, „Biosprit“ mit seinem Porsche zu CO2 zu verbrennen.


[….] Kein Essen in Trog und Tank

Globale Hunger- und Klimakrise bekämpfen!

Wertvolle Lebensmittelpflanzen wie Getreide und Ölsaaten werden in Deutschland in großen Mengen zu Biokraftstoff verarbeitet und an Schweine, Rinder und Geflügel verfüttert. Das macht unser Essen teurer und trägt dazu bei, dass in vielen Ländern immer mehr Menschen hungern. Angesichts von Kriegen und der zunehmenden Klimakrise können wir das nicht zulassen.   Die Bundesregierung muss jetzt dafür sorgen, dass Essen nicht länger in Tank oder Trog landet, um verheizt zu werden oder um Fleisch, Milch und Eier aus Intensivhaltung zu erzeugen. Lebensmittel werden dringend gebraucht, damit die Nahrungsversorgung für Millionen Menschen sicher und bezahlbar ist.

Darum fordert Greenpeace gemeinsam mit Misereor von der Bundesregierung:

    Die Bekämpfung der globalen Hungerkrise durch die Koordination des internationalen Handels mit Getreide im Welternährungsrat.

    Die Beimischung von Biokraftstoffen zu Benzin und Diesel muss umgehend beendet werden.

    Abbau der Tierzahlen in der deutschen Landwirtschaft, um den Bedarf an Futtergetreide zu senken.

Greenpeace setzt sich zusammen mit Misereor dafür ein, dass eine Verschärfung der Hungerkrise abgewandt wird. Bitte helfen Sie mit und unterzeichnen Sie jetzt!  [….]

(Kein Essen in Trog und Tank)