Freitag, 4. März 2016

Das politische Ende



John Edwards scheiterte fürchterlich.
Das war vor acht Jahren. Als der Frommste der demokratischen Präsidentschaftskandidaten wollte er wie der fromme Erdnussfarmer Carter die Christen hinter sich vereinen. Edwards, Südstaatler, Prediger und klar gegen Samesex-marriage positioniert hätte 2008 zum US-Präsidenten gewählt werden können.
Aber mitten im Wahlkampf vögelte er fremd. Es flog natürlich auf, weil ein Potus-Kandidat immer total durchleuchtet wird und so flog Edwards aus dem Rennen.

 Es gibt eine Sache, die den Allgemein-Amerikaner so brennend interessiert wie nichts anderes:
Wo steckt ein Politiker seinen Penis hinein?
Natürlich sind dabei die Penisse am interessantesten, die den religiösesten Typen gehören.
[…]
Wer könnte das besser wissen, als Senator John Edwards, der beide Seiten der Medaille kennt: Er vertrat Bill Clinton 1999 als Anwalt vor dem Untersuchungsausschuß beim Impeachmentverfahren.
Edwards kandidierte 2004 und 2008 selbst für das Präsidentenamt, war 2004 als Vizepräsident unter Kerry nominiert.
Edwards betrog aber auch seine Frau mit der 43-jährigen Video-Produzentin Rielle Hunter - wie er jetzt tränenreich und zerknirscht einräumen mußte.
Zu allem Übel ist Elizabeth Edwards wegen ihres mutigen Kampfs gegen ihren Krebs in den USA auch noch sehr beliebt. Das Paar hat drei Kinder, ein weiterer Sohn kam im Alter von 16 Jahren bei einem Autounfall ums Leben.
Damit ist die politische Katastrophe für ihn nur noch größer. Selbst seine engsten Weggefährten beben nun vor Wut über ihn.
Heuchler allüberall - aber man fragt sich schon wie man DERARTIG DUMM sein kann?
Abgesehen davon, daß Edwards selbst nun natürlich politisch tot ist, hätte er womöglich damit auch noch den blöden GOPsen die Präsidentschaft auf dem Silberteller serviert, wenn er selbst Kandidat geworden wäre, oder von Obama als Vize nominiert worden wäre.
Und DAS finde sogar ich unverzeihlich.

Um das klar zu stellen: Meiner Ansicht nach sind die sexuellen Vorlieben und Abwechslungen eines Menschen völlig irrelevant für seine Eignung als Toppolitiker.

Ein amerikanischer Politiker, der nicht weiß, daß meine Ansicht eine absolute Minderheitenposition ist, der darüber hinaus glaubt er könne mitten im Fokus der amerikanischen und Weltöffentlichkeit Vögelei mit anderen Menschen geheim halten, ist dumm. Es ist aber nicht nur dumm, sondern gefährlich. Denn mit so einem Verhalten kann man (in den USA) die ganze Partei in den Abgrund reißen und dem politischen Gegner den Sieg schenken.

Das ist eben keine Frage der Moral, sondern eine Frage der elementaren politischen Klugheit.

Dieser Tage liest man viele Artikel über die Wirkung und Verbreitung von Crystal Meth. Außerdem wird erklärt wieso Politiker anfällig für Drogen sind.

Der Berliner Kurier listet unter dem Titel Politiker und die Sucht Kokser, Sniffer, Trinker in Nadelstreifen auf welche Protagonisten außer Volker Beck schon mit Drogenskandalen auffielen.

Das ist alles ehrenhafte Pressearbeit, das ist alles interessant, geht aber meines Erachtens nach am Thema Volker Beck und das Crystal Meth vorbei.

Wie kaum ein anderer Beruf ist der des Politikers von Macht, Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit und Stress gekennzeichnet. Ich halte es für völlig natürlich, daß unter diesen Bedingungen Promiskuität und Drogen viel verbreiteter als beispielsweise bei Förstern ist.

Glücklicherweise sind Deutsche oder auch Franzosen weiter als Amerikaner und erachten eheliche Treue kaum noch als Kriterium für die Wahl eines Politikers.

Bei Drogen sind wir allerdings nicht weiter als Amerikaner. Ich glaube zwar durchaus, daß auch in Deutschland trotz der weitgehenden Illegalität eine Majorität der Bürger alle Augen inklusive Hühneraugen zukneifen würden, wenn es um etwas Gras ginge, aber das ist bei Substanzen mit einem derart verheerenden Image wie Crystal Meth anders.

Beck ist ein Blödmann, wenn ihm nicht klar ist welches Risiko er eben nicht nur für sich, sondern für die ganze Partei eingeht.
Er ist einer der prominentesten Grünen überhaupt, er wird in Berlin überall erkannt und er ist jemand, den alle Rechten ohnehin auf dem Kieker haben, weil er a) nie ein Geheimnis daraus machte schwul zu sein und b) seit vielen Jahren (berechtigt oder nicht) diese Kindersex-Befürworter-Gerüchte aus grauer grüner Vorzeit an sich kleben hat.
Wenn nun dieser Super-Promi Beck, den es seit Jahrzehnten in die Talkshows, auf die Bühnen und in Zeitungen drängt, eine gute Woche vor für seine Partei extrem wichtigen Wahlen in drei Bundesländern mitten in der deutschen Hauptstadt persönlich zu einem Meth-Dealer spaziert, um sich dort Stoff zu kaufen, ist das sagenhaft dumm.
Es ist, genau wie bei Edwards damals sehr dumm und gefährlich.
So ein Risiko kann sich keine Partei leisten und Beck verliert daher völlig zu Recht seine Parteiposten; sollte sogar sein Bundestagsmandat zurückgeben.

Beck steht doch seit 20 Jahren unter Dauerattacke der rechten Medien.
Er muß doch wissen wie eine Zeitung wie die BILD reagiert, wenn er beim Crystal-Meth-Kauf erwischt wird.


Unter einem Hitler-Vergleich tut es SPRINGER nicht.
Und das ist, ganz wie für die Zeitung von Angela Merkels bester Freundin Friede Springer zu erwarten, noch keineswegs alles.
Die BILD legt sofort nach und sieht generell die Berliner Schwulen im Sumpf der „Hitler-Droge“. Man kennt ja die Homoperversen – tun den ganzen lieben langen Tag nichts anderes als Rudelbumsen im Drogenrausch.

Deutschland diskutierte und auch wir fragten uns, ob die Bild mit dieser Überschrift den Boden des schlechten Geschmacks erreicht hatte. Spätestens ab heute wissen wir: Nein. Es geht noch tiefer. Viel tiefer. Frei nach dem Motto „Bad publicity is good publicity" zaubert die Bild ein richtiges Sahnestück aus dem redaktionellen Hut: Hitler-Droge flutet die Schwulenszene. Darin wird dem Leser zunächst klar zu machen versucht, dass Chemsex-Partys der heißeste Scheiß in der hauptstädtischen Schwulenszene sind.

Was für ein Novum DER Hitler-Drogen-Trend wirklich ist, zeigt allein schon unser Artikel aus dem Jahr 2014 mit dem Titel: „Crystal Meth ist schon längst in Berlins schwuler Clubszene angekommen".
Der vermeintlich Aufhänger ist also Bullshit, für Bild aber nötig, um im weiteren Verlauf des Textes die schmierige Nummer abzuziehen, die sie sich vorgenommen hat. Schon gestern hat sie höchst suggestiv mit einer Reductio ad Hitlerum den Ruf von Volker Beck zu diffamieren versucht.

1. Adolf Hitler ist schlecht
2. Adolf Hitler nahm Pervitin/Crystal Meth
3. Volker Beck nahm Crystal Meth
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4. Es folgt: Volker Beck ist schlecht

Im jüngsten Artikel geht die Bild noch einen Schritt weiter; sowohl was die Diffamierung des grünen Politikers anbetrifft als auch die Sub­ti­li­tät, mit der sie es anstellt. Nachdem also Crystal Meth erstmal zum neuesten Trend in der Schwulenszene erklärt wurde, geht die Redaktion dazu über, die verdorbenen Praktiken auf den ominösen „Chem Partys" dem treuen Bild-Publikum zu beschreiben. Die Infos hierfür hat man sich vom szene-erprobten Stadtmagazin Zitty eingeholt: [….]


Ich wundere mich, daß die vielen Verteidiger Becks, die es durchaus auch in den Redaktionen gibt, auf der mangelnden Beweislage, der Doppelmoral, der juristisch kaum greifbaren kleinen Menge von 0,6 g herumkauen, wenn sie Becks Abgang bedauern.

Volker Beck lebt. Das sollte man nicht vergessen. Denn wenn man derzeit auf seine Facebook-Seite geht, liest es sich mitunter ganz anders. Da sind die Leute "traurig und betroffen", sie schreiben: "Danke für alles", "ein trauriger Tag", "du wirst sehr fehlen" und "der Respekt für deine Leistungen wird bleiben". Eine frühere grüne Bundestagsabgeordnete wird von der "Süddeutschen Zeitung" mit den Worten zitiert, man "verliere" einen der "Allerbesten". So viel anders würden die das alle nicht formulieren, wenn Beck einen tödlichen Skiunfall gehabt hätte - aber nein, er hatte eine andere Art von Unfall, wenn man so will.

Stokowski hat Recht, schreibt aber am Thema vorbei.

Natürlich sind 0,6 g eine winzige Menge und natürlich ist es doppelmoralisch Meth so viel mehr als alle anderen Drogen zu verteufeln.
Trotzdem bleibt Beck ein Blödmann, weil er den Shitstorm hätte ahnen müssen und trotzdem riskierte Winfried Kretschmann im viel konservativeren Baden Württemberg die Wahl zu versauen. Shame on you, Beck!

Hinzu kommt noch, daß Beck selbst ein Moralist ist, also oft moralisch argumentiert.
 Da ist wie beim frommen Edwards und der ehelichen Untreue die Fallhöhe größer.

Nun ist der Moralist Volker Beck mit einer nennenswerten Menge eines offenbar harten Rauschgifts erwischt worden. Der Konsum solcher Drogen steht aus guten Gründen unter Strafe; Crystal Meth ist kein Feierabend-Joint. Zwar darf Beck juristisch deswegen nicht härter angefasst werden als der durchschnittliche Crystal-Junkie. Aber dennoch wiegt bei ihm so eine Verfehlung schwerer als bei anderen - aus moralischen Gründen.
Es darf nicht sein, dass sich Crystal-Kids herausreden wollen mit dem Satz: "Die in Berlin machen das doch auch." Als relativ prominenter Politiker, zumal als Politiker mit einem meilenhohen moralischen Anspruch, wird Beck nicht so sehr als fehlbarer Mensch wahrgenommen, sondern er ist auch ein Symbol für die Grünen und die Politik. Beck ist dies bewusst, er hat all seine politischen Ämter niedergelegt. […..] Der politische Typus des linken Moralisten stößt bei Rechten auf Verachtung ("Gutmenschen" ist noch die freundlichste Schubladisierung), bei Konservativen mit Manieren auf arrogante Nachsichtigkeit und bei solchen, die sich selbst als Liberale bezeichnen, auf Ablehnung. Die FDP versucht ihren Wiederaufstieg auch als Anti-Moralisten-Partei.

Ich glaube nicht, daß Beck sich von diesem Rückschlag politisch erholen wird.
Schon einmal rutschte er verdammt tief ab, als die Pädophilen-Vorwürfe aufkamen. Nun auch noch das Zeug aus „Breaking Bad“, das BILD und die Rechten auf Facebook fleißig mit wüsten schwulen Sexorgien in Verbindung bringen.

Die „Pädogeschichte“ halte ich für nicht genügend belegt und zu lange her, um Beck als Politiker zu diskreditieren und das Meth sollte seine Privatsache sein.
Aber so ist die reale politische Welt nun einmal nicht. Das muß man wissen als Berufspolitiker und soll sich nicht wundern, wenn man sich damit selbst aus dem Rennen nimmt.

Auch wenn für mich die eine Sache nicht bewiesen und die andere zumindest moralisch irrelevant ist, weine ich Beck keine Träne nach.

Ich lehne ihn als Politiker aus drei Gründen ab:

1.
Becks ausgesprochene Religiösität. Er ist, bzw war, religionspolitischer Sprecher seiner Fraktion, setzte sich immer für Privilegien der Kirchen ein und gab dem Papst Ratzinger im Bundestag Standing Ovations. Beck applaudierte also dem Mann, der als Bischof selbst bekannte Pädophile in neue Gemeinden schickte, der als Inquisitor dafür sorgte, daß weltweit kinderfickende Priester nicht den Behörden gemeldet wurden und der als Papst demonstrativ den größen Kinderficker-Aufklärungsverhinderer Bischof Müller zum Chef der Glaubenskongregation erhob.
Diesem Ratzinger, der sich zudem immer wieder schwer homophob äußerte und Holocaustleugner rehabilitierte, applaudiert man nicht stehend im Bundestag, Herr Beck.

2.
Meiner Ansicht nach darf jeder seinen Penis ab- oder beschneiden, ihn tätowieren, piercen, operieren wie er will – vorausgesetzt man ist über 18! Kindern darf man nur am Penis rumschneiden, wenn es aus medizinischen Gründen notwendig sein sollte.
Man darf nicht an Penissen rumschneiden, um wie einst Herr Kellogg damit die vermeidlich unmoralische Masturbation zu verhindern, man darf nicht bei den jährlich rund 40.000 in Deutschland geborenen Babys mit unklarem Geschlecht den Penis amputieren, um sie zu Mädchen zu machen, weil eine überkommene Moral ein eindeutiges Geschlecht verlangt und schon gar nicht darf man aus religiösen Gründen Vorhäute von Kindern und Säuglingen abschneiden.
Herr Beck gehört zu den intensivsten Verteidigern der Säuglingsbeschneidung, argumentiert dafür irrerweise im Bundestag, indem er aus der mörderischen Genesis vorträgt und lügt darüber hinaus auch noch in perfider Weise über die Gefährlichkeit solcher Eingriffe.

„In den USA, wo die Beschneidung übliche Praxis ist, sterben mehr Jungen an der Zirkumzision als am plötzlichen Kindstod. Ganz zu schweigen von den 1.000 schwer verletzten Jungen, die jedes Jahr in den USA ihre ganze Eichel verlieren. Beschneidung ist richtig gefährlich – auch dann, wenn sie angeblich kunstgerecht durchgeführt wird.“
(Christian Bahls)

„Bei der Abwägung muss auch die Bedeutung des Eingriffs bewertet werden. Er ist in der Tat irreversibel, aber doch vergleichsweise gering – eine gesundheitliche Schädigung ist nicht die Folge..“
(Bundestagsrede von Volker Beck, 19.07.2012)

Beschnittene Männer berichten in Psychotherapien darüber, dass sie unter dem Gefühl leiden, es sei ihnen ohne ihr Einverständnis etwas weggenommen worden. In der Tat hat die Vorhaut wichtige erotische Funktionen: Sie erleichtert die Penetration und erhält die sexuelle Erregbarkeit. […] Die Entfernung der Vorhaut von Säuglingen ist buchstäblich einschneidender als die von Erwachsenen oder älteren Kindern. Da Vorhaut und Eichel bei fast allen Neugeborenen noch fest verwachsen sind, ähnlich wie Fingernägel mit dem Nagelbett, müssen diese beiden Strukturen zunächst einmal auseinandergerissen werden. Danach wird - je nach Methode - die Vorhaut längs abgeklemmt und eingeschnitten, mit einem Beschneidungsinstrument rundum für mehrere Minuten gequetscht und schließlich mit einem Skalpell amputiert. Die gesamte Operation dauert bis zu zwanzig Minuten. Obwohl in medizinischen Studien bewiesen wurde, dass die Neugeborenen extreme Schmerzen erleiden, ist eine adäquate Betäubung auch heute noch eher die Ausnahme als die Regel.
(Prof. Wolfgang Schmidbauer)

Becks Feldzug gegen intakte Kinderpenisse ist zudem doppelt verwerflich, weil sie der UN-Kinderrechtskonvention widerspricht und gerade als Politiker, der Pädophilie-Legalisierungs-Vorwürfe an sich kleben hat, sollte sich nicht auch noch über die physischen Unversehrtheit von kleinen Jungs hinwegsetzen.

3.
Beck greift in der persönlichen Auseinandersetzung zu perfiden Methoden.
Ich habe das selbst erlebt, als er mich auf Facebook auf widerlichste Art angriff.
So ein Verhalten mir gegenüber würde ich nicht zum generellen Kriterium gegen einen Politiker machen, aber in dem Fall ging Beck anschließend vor die Presse und an das Rednerpult des Bundestags um in unerträglicher Larmoyanz zu beklagen wie gemein alle zu ihm im Netz wären, obwohl er derjenige war, der so austeilte, daß ich fassungslos um einen Shitstorm gegen ihn bitten mußte.

Becks übliche Gegner wie Erika Steinbach, AfD und sonstige stramm Konservative sind auch meine Gegner.
Daß ich rein zufällig wie Beck auch für eine extrem liberale Drogenpolitik und für völlige rechtliche Gleichheit homosexueller Menschen eintrete, kann nicht meine Ablehnung seiner anderen Positionen wider das Kindeswohl und für die Kirche kompensieren.

Beck ist weg? Gut so.

Donnerstag, 3. März 2016

Ganz schlechtes Benehmen



Die Sachsen-CDU des Jahres 2016 reagiert auf den Rechtsextremismus wie die katholische Kirche 2010 auf die Kinderfickerei.

Das jeweilige Problem ist strukturimmanent.
Die Politik der Sachsen-CDU ermöglicht nicht nur, sondern fördert den Rechtsextremismus.
Die Politik der RKK ermöglicht nicht nur, sondern lockt Pädophile regelrecht zu sich.

Und obwohl es seit Jahren überall in der Presse Berichte darüber gab, will die RKK bis 2010 und die Sachsen-CDU bis 2016 von allem nichts gewußt haben.

„Öffentliche Aufrufe zur Gewalt gegen Politiker, Richter und Journalisten. Und dazu jede Menge Applaus. Fast jede Woche gibt es so etwas mittlerweile zu hören - mitten in Sachsen. Guten Abend und willkommen bei Monitor. Ein Flüchtlingsheimchef, der Mitglied der AfD ist, ein Polizeipräsident, der verängstigte Flüchtlinge zu Tätern macht und johlende Bürger, die besoffen applaudieren, wenn ein Flüchtlingsheim in Flammen aufgeht, auch das ist Sachsen. Und plötzlich tun alle ganz entsetzt, als hätten sie von nichts etwas gewusst. Dabei brennen in Deutschland fast täglich Flüchtlingsheime, werden Brandsätze in Schlafzimmer geworfen, finden Hetzjagden auf Flüchtlingskinder statt. Und immer wieder Sachsen. Ausgerechnet das Land, das Dichter und Philosophen wie Kästner, Lessing oder Leibnitz hervorgebracht hat. Aber eben auch Pegida und eine CDU, die die Gefahr von Rechtsaußen jahrelang verharmlost hat.“


Gerne hätte ich jetzt eine Zeitmaschine, um einige dieser Pöbel-Sachsen in die Zeit kurz nach dem Mauerfall zurück zu beamen.

Schon Anfang 1990, also erst wenige Wochen nach dem 09. November 1989 in Berlin und der gewaltigen transnationalen Freude, begannen die Alt-BRDler zu bereuen. Wie man so schön sagt: Die Stimmung kippte.
Sachsen, Thüringer und Brandenburger waren weniger leicht zu integrieren, als man zunächst dachte.

Das Wort „Ossi“ war noch gar nicht geboren. Man sprach von „DDR-Übersiedlern“, die zunächst begeistert empfangen und mit Hilfsbereitschaft überhäuft wurden.
Arbeitgeber, die solche Übersiedler einstellten, bereuten es manchmal ziemlich schnell.

Nie wieder Übersiedler titelte damals der SPIEGEL


Bei Westdeutschlands Arbeitgebern schwindet die anfängliche Begeisterung über die Zuwanderer aus der DDR: Viele, geprägt von sozialistischem Schlendrian und Kommando-Wirtschaft, sind an den neuen Arbeitsplätzen überfordert. Unter den Übersiedlern, vor allem bei den Frauen, steigt die Zahl der Erwerbslosen.
Friedrich Dormann hat sich etwas einfallen lassen. Der Chef des Arbeitsamtes Darmstadt lädt Übersiedler zu einem Motivationskurs ein. Die Teilnehmer sollen vor allem eines lernen: "Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit". Da hätten, sagt Dormann, die Einwanderer aus der DDR "besondere Defizite". [….] [….]
(DER SPIEGEL 19.02.2016)

Da sage noch mal einer Geschichte wiederhole sich nicht.

Die Typen in Ostdeutschland, die heute am lautesten gegen Bürgerkriegsflüchtlinge polemisieren, auf die Straße gehen und Asylunterkünfte anstecken, waren vor einem Vierteljahrhundert selbst eine schwer zu integrierende Masse, die unsereins alle Geduld abforderte.

Der Unterschied zu damals ist allerdings, daß die Wessis des Jahres 1990 niemals gewalttätig wurden, nicht tausendfach Übersiedlerunterkünfte angriffen, lautstark auf der Straße Anti-DDR-Übersiedler-Parolen grölten.

Die frühen Ossis waren zwar oftmals anstrengend, wurden aber geduldig behandelt.
Darüber hinaus ließen sich die damaligen Alt-Bundesrepublikaner die Integration von 17 Millionen DDR-Bürgern richtig was kosten.
Zwei Billionen Euro wurden investiert – und auch, wenn man es kaum glauben mag: Es hat sich offenbar gelohnt. Deutschland profitierte ökonomisch gesehen von den armen und unwilligen Zuwanderern.

2016 ist die Lage natürlich etwas anders. Die Zuwanderer, die jetzt nach Deutschland kommen sind sehr viel weniger und sie sind hochmotiviert.
Und vor allem können sie sich sehr viel besser benehmen. So wie es vor 25 in Übersiedlerheimen zuging, ist es heute nicht.

[…] In Westdeutschland kocht Haß auf die DDR-Übersiedler hoch. Die Staatenwechsler werden zunehmend als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt betrachtet. Vor allem in den Fluren der westdeutschen Sozialämter entlädt sich der Zorn auf die Zuzügler. Ein Beamter: "Wir sind froh, wenn das Mobiliar heil bleibt."
[…] [Übersiedler Martin] Laubsch [43, aus Neuruppin haust] unter erbärmlichen Umständen in einer dringend renovierungsbedürftigen Turnhalle im Zentrum von Bochum. Jeden Tag kommt es in dem Notquartier zu Streit und Schlägereien, und nachts kann der Mann kaum schlafen, weil Betrunkene krakeelend durch die Gänge torkeln. Laubsch: "Es ist die Hölle."
[…] Im Westen wären viele heilfroh, wenn Leute wie Laubsch endlich dahin zurückgingen, woher sie gekommen sind: Bei den Bundesbürgern macht sich zunehmend Angst breit, daß diejenigen, die nun Woche für Woche zu Tausenden mühelos die Grenzen passieren, das westdeutsche Sozialsystem sprengen und den Wohnungs- und Arbeitsmarkt zum Kollabieren bringen.
Wie bedrohliche Wasserstandsmeldungen rücken die Tageszeitungen wöchentlich die aktuellen Übersiedlerzahlen ein: In der ersten Februar-Woche etwa wechselten 14 500 Ostdeutsche nach Deutschland-West, vorletzte Woche waren es, trotz Aussicht auf Wiedervereinigung samt Währungsreform, immer noch 11 800; im Februar werden kaum weniger kommen als im Januar - rund 58 000, die Bevölkerung einer Stadt wie Lüneburg.
[…] Wohl nur noch in "Baracken-Gettos am Rande der Großstädte", glaubt Bernhard Happe, Sozialdezernent beim Deutschen Städtetag, ließen sich die Massen aufnehmen, die bis Ende 1990, bei erstmals ganzjährig geöffneten Grenzen, erwartet werden: nach vorsichtigen Schätzungen 1,5 Millionen Neubürger, nach pessimistischen Prognosen weit über zwei Millionen.
[…][…][…][…][…][…][…][…][…] "Wir halten dieser Belastung nicht mehr stand", gibt Gerd Stille, Bürgermeister im niedersächsischen Rodenberg, die Stimmung in seiner Gemeinde wieder: "Hoffentlich wird die Mauer bald wieder dichtgemacht."

Mittwoch, 2. März 2016

Erste Erkenntnisse aus dem Super-Tuesday.



Was für eine Nacht!

Zehn Stunden US-Wahlkampfberichterstattung und ich lebe immer noch.
Dabei habe ich deutlich mehr republikanische Gesichter ertragen, als es der Gesundheit zuträglich ist.

Trump gewinnt in Alabama, Arkansas, Georgia, Massachusetts, Tennessee, Virginia und Vermont. Die Parteiführung mag ihn immer noch nicht, ist aber andererseits auch nicht in der Lage eine Alternative zu präsentieren.
Sieben Jahre Teabagging und Fundamentalopposition haben die einst so stolze GOP in einen Witz verwandelt. Ein Haufen erratischer Extremisten, die keiner Vernunft mehr zugänglich sind.

Die Republikaner seien nun "die Partei Trumps", schreibt die "New York Times". Keine Revolution - ein Putsch: Trump profitierte von einem zersplitterten Feld aus Kandidaten, die kaum mehr gegen die Delegierten-Mathematik ankommen können, auch wenn sie ein paar Achtungssiege erzielten. Die Partei stellt das vor eine extrem schwierige Wahl: Entweder sagt sie sich von Trump los und riskiert ihre Spaltung. Oder sie solidarisiert sich mit dem Geiselnehmer - und riskiert ihre Unwählbarkeit im November.

Es waren mal 17 GOP-Kandidaten im Rennen.
Das erinnert mich übrigens an den größten Witz des Jahres; Ted Cruz sagte gestern über das Feld der republikanischen Kandidaten:

 „We are blessed with a deep, talented, honorable field“

Damit komme ich zu meiner persönlichen Haupterkenntnis des Abends.
Ja, Trump ist eine nahezu unerträgliche und verabscheuungswürdige Person, aber vor die Alternative gestellt, ob Trump oder Cruz US-Präsident sein sollte, würde ich mich für Trump entscheiden.
Cruz ist noch fanatischer und hasszerfressener und somit gefährlicher.


Sein unerträglich selbstzufriedenes Gesicht und dieses abartige Pathos während er seinen Hass auskübelt, ist schlimmer als Palin und Bachmann zusammen.

Marco Rubio, der gestern seinen ersten mickrigen Sieg (Minnesota) holte, erschien mir bei seinen Erklärungsversuchen wieso er der erfolgversprechendste Kandidat wäre ebenfalls nicht unbedingt als jemand, den man Trump vorziehen würde – und ich würde im Oval Office lieber einen Schimpansen als Donald Trump sehen.
Bei diesen megaerfolgreichen Youtubern gibt es immer wieder das alte „Fuck-Marry-Kill“-Spiel. Wendet man es auf die GOPer-Trio Trump, Cruz und Rubio an, wird es schwierig. OK, killen würde ich Cruz. Aber dann?

Gestern immerhin warben alle drei unter maximalen Schleimausstoß um Unterstützung. Nur sie könnten die Partei einen und daher sollten die anderen Kandidaten bitte sofort aufgeben und sich hinter ihn stellen.

Auch in dieser Disziplin war Cruz der unerträglichste Heuchler.

"For the candidates who have not yet won a state, who have not racked up significant delegates, I ask you to prayerfully consider uniting," Cruz said, after congratulating Trump on his victories. "For those who have supported other candidates, we welcome you on our team standing as one."

Cruz ging Donald Trump hart an. Angriffsfläche gibt der Lügen-Milliardär schließlich genug.
Auch andere Republikaner hatten Trump zuvor kritisiert und hinterließen ein „graveyard of elephants“; wieso also hatten Cruz und Rubio sechs Monate lang Trump nur freundlich zugegrinst und nie einen Ton über den Mann gesagt, den sie jetzt auf einmal als „absolutes Desaster für Amerika“ ansehen?
Die Frage stellte CNN-Frau Dana Bash dem Texanischen Senator nach dessen Siegesrede.
Cruz hatte natürlich keine Antwort, mäanderte aber kaum herum, sondern ignorierte die Frage und spulte stattdessen wortwörtlich noch einmal die Sätze ab, die er gerade zuvor auf dem Siegerpodium aufgesagt hatte.

Nicht nur Rubio ist ein Sprechautomat, der stoisch das aufsagt, was man ihm aufschreibt. Cruz ist nicht besser.

Eine neue Bestmarke der Erbärmlichkeit setzte übrigens Chris Christie, der demnächst seinen gemütlichen Gouverneursposten in NJ loswird, auf Bundesebenen nicht überzeugen konnte und nun schleimspurziehend auf den Knien hinter Trump her rutscht, um sich den Posten des Running mates zu ergattern.

Chris Christie, [Trumps] Ex-Rivale, der seit seinem Ausstieg aus dem Rennen auf wundersame Weise zu Trumps größtem Fan mutiert ist. Christie, der Gouverneur von New Jersey, liest ein paar Sätze vom Blatt ab. "Donald Trump vereint die Partei", sagt er nüchtern. "Dies ist ein großer Abend für Amerika." Er wirkt dabei wie eine Geisel, die vor der Kamera sagen muss, dass die Entführer gar nicht so schlimm sind, wie alle glauben.
Man muss dazu wissen, dass Christie sich bis vor Kurzem für den größten Politiker seit Abraham Lincoln gehalten hat. Eigentlich sogar für einen noch größeren. Gut, besser, Christie. So sah er die Welt. Jetzt macht er die Vorgruppe für jemanden, der seinen Beruf gerade erst lernt. Es ist ein bemerkenswertes Beispiel politischer Selbstverzwergung und ein Beleg dafür, wie dramatisch Donald Trump die Verhältnisse bei den Republikanern verändert hat.

Die eigentliche Frage ist natürlich was das bloß für Menschen sind, die sich jubelnd und grölend für Trump engagieren und dabei die GOP aufbauen, stärken und vergrößern?

Die enorme Wahlbeteiligung bei den Republikanern rührt aus verschiedenen Quellen.
Einerseits sind da die halbwegs zurechnungsfähig gebliebenen Parteisympathisanten, die nur wegen Trump zu den Vorwahlen gehen, um ihn zu verhindern.
Des Weiteren gibt es völlig Politikferne, die sich an dem Gedanken ergötzen, daß ein Nicht-Politiker, ein Prolet wie jeder gemeine Redneck den Etablierten mal so richtig einheizen könne.
Die dritte große Gruppe der Trump-Wähler besteht aus nicht registrierten Demokraten, die annehmen ein Clinton-Wahlsieg gelänge am einfachsten gegen Trump, so daß man der GOP am meisten schade, indem man die Apfelsine mit der irren Föhnfrisur zur Kandidatur verhelfe.

Nur eins kann man wohl ausschließen:

Rationale Menschen, die aus rein inhaltlichen Gründen Trump für einen geeigneten US-Präsidenten halten, gibt es vermutlich nicht.