Mittwoch, 10. Juni 2015

Die spinnen, die Deutschen!




Diese SPIEGEL-Online-Kolumnisten schreiben schon öfter mal Unsinn. Diez finde ich oft nichtssagend und Fleischhauer ist de facto unlesbar.
Die anderen vier hauen aber alle immer mal ziemlich gute und sinnige Sätze raus.

So spricht mir heute Sascha Lobo aus der Seele, indem er nicht einfach nur „die da oben“ oder „DIE Politiker“ beschimpft, sondern gleich einen Schritt weiter geht, um das Wahlpack anzugreifen, welches genau diese Politiker in die Parlamente schickt.

Man gucke sich nur das peinliche TTIP-Theater heute in Brüssel an! Ungeniert machen die Industrielobbyisten so einen Druck auf die EU, daß höchstwahrscheinlich gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit der EU-Bürger bürgerfeindliche Schiedsgerichte und Genfood eingeführt werden.
Ich verstehe durchaus, daß von Attac über Greenpeace und Linkspartei bis zur Kirche Empörung über die TTIP-Freunde herrscht.

Aber warum ist eben diese Bevölkerungsmajoriät auch so doof genau die eine Partei, die FÜR TTIP ist zur mit Abstand stärksten Fraktion in der EU zu machen?
Das wußte man doch spätestens im Wahlkampf 2013 ganz genau:

TTIP: CDU dafür, SPD, Grüne, Linke dagegen
Homoehe: SPD, Grüne, Linke dafür, CDU dagegen
Höhere Vermögenssteuer: SPD, Grüne, Linke dafür, CDU dagegen
Höhere Erbschafsteuer: SPD, Grüne, Linke dafür, CDU dagegen
Doppelte Staatsbürgerschaft: SPD, Grüne, Linke dafür, CDU dagegen
Anti-Ausländer-Maut: CDU dafür, SPD, Grüne, Linke dagegen
Herdprämie: CDU dafür, SPD, Grüne, Linke dagegen

Und wer bekommt um ein Haar die absolute Mehrheit?
Die CDU.

Lobo zeigt dementsprechend nun auch bezüglich der Internetpeinlichkeit dem Urnenpöbel den Mittelfinger:

Die deutsche Digitalpolitik ist eine Katastrophe. Und Sie sind schuld daran. Sie lassen sich alles bieten und wählen weiter die gleiche Partei. Als Bürger haben Sie versagt.
Deutschland ist noch weniger als ein digitales Entwicklungsland, Deutschland ist ein Digitally Failed State. Und Sie tragen die Schuld. Sie, der Durchschnittsbürger. Eigentlich sind die Bürger, die Wählerschaft, das Publikum der Mittelpunkt der Medienlandschaft wie auch der der Demokratie. Leute also, die man nicht beschimpfen sollte. Aber ich halte es für notwendig, dass Sie Ihr fundamentales Versagen durch Nichtstun begreifen.
Es ist einfach, auf die böse Politik zu schimpfen, und das tun Sie ja auch. Aber es handelt sich um substanzloses Gemoser, denn Ihrem Unmut lassen Sie keinerlei Konsequenzen folgen. Sie sagen "Man kann ja nichts tun!", um anschließend nichts zu tun. Sie wählen weiter die gleiche Partei, Sie gehen nicht auf die Straße, Sie engagieren sich nicht. Ihre Beschwerde hat nämlich nicht das Ziel, irgendetwas zu ändern, sondern dient allein als Ventil: Sie sind Wutbürger minus Bürger, und selbst die Wut scheint mir aus Gründen der Seelenhygiene gespielt. Was die digitale Sphäre angeht, lassen Sie wirklich alles mit sich machen:

    Günther Oettinger, Digitalkommissar der Europäischen Kommission, versucht aktiv, die Netzneutralität zu zerstören, auch wenn er selbstredend das Gegenteil behauptet. Oettinger zieht einen hanebüchenen Vergleich, der von amerikanischen Lobbygruppen entwickelt wurde: Echte Netzneutralität münde direkt im Sozialismus. Könnte man Unverschämtheit in Energie umwandeln, ließe sich allein mit dieser Aussage die Ostsee auf den Siedepunkt erhitzen. Aber Sie nehmen sie teilnahmslos hin. [….]

So sind sie, die Wähler: Sie lassen sich nicht nur stoisch alles bieten, sondern begeistern sich sogar besonders für die Parteien, die sie am meisten verarschen.
Nach der Kaskade von Lügen und Fehlern Merkels, klettert die CDU in der aktuellsten Umfrage wieder nach oben und ist der Konkurrenz weit enteilt.



Dienstag, 9. Juni 2015

Wer 100 mal lügt, dem glaubt man nicht.


Im Jahr 2100 wird die vollständige Dekarbonisierung der weltweiten Energieversorgung erreicht sein.
Dafür stehen so bedeutende Denker und Visionäre wie Harper, Renzi und Merkel.
Der ein oder andere in Deutschland hofft und wünscht zwar tatsächlich Merkel möge ewig regieren, aber ob sie in 85 Jahren immer noch Bundeskanzlerin ist, weiß ich nicht so genau.

Etwas zu postulieren, das in 85 Jahren erreicht werden soll, ist für Merkel ideal. Dann kann sie getrost weiterhin gar nichts tun, oder sogar im Gegenteil wie bisher ausdrücklich für MEHR Kohlendioxidemissionen eintreten.

Man erinnere sich an Merkels erbärmliche Intervention in Brüssel, um eine CO2-Abgabe für große Autos zu verhindern.
Kaum wurde die EU einmal zu Gunsten des Klimaschutzes aktiv, reichte ein Anruf vom europäischen obersten Autolobbyisten Matthias Wissmann und Merkel sprang, um den Klimaschutz sofort zu verhindern.
Klimapolitik taugt bei Merkel für Sonntagsreden, aber in der Realpolitik hat sie sich stets scharf dagegen gerichtet.

Zu Klimagipfeln geht sie erst gar nicht mehr, sondern schmeichelt sich währenddessen lieber bei der CO2-Lobby ein.

Der 2014ner UN-Klimagipfel findet in Lima statt.
Natürlich wieder ohne Merkel.
Dabei schreckt die beliebteste Kanzlerin aller Zeiten mit ihren 75%-Zustimmungswerten beim deutschen Urnenpöbel nicht davor zurück auch den UN-Generalsekretär schwer zu brüskieren.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, ist verstimmt über die deutsche Regierungschefin Angela Merkel. Grund ist ihre Absage für den lange geplanten Klimagipfel. Das Treffen soll am 23. September in New York stattfinden. Schon vor Monaten hatte das Kanzleramt "terminliche Gründe" dafür angegeben, dass Merkel nicht kommen wird.
Ban Ki Moon hatte daraufhin noch einmal in Berlin nachhaken lassen. Als die Antwort erneut negativ ausfiel, sagte er verärgert seine ursprünglich geplante Teilnahme am Petersberger Klimadialog Mitte Juli in Berlin ab.
Für die Gipfelkonferenz im September haben sich unter anderen US-Präsident Barack Obama und Frankreichs Staatspräsident François Hollande angekündigt. […]

Nun liegt Merkels demonstrative Absage nicht nur daran, daß sie keinen Bock hat und daß ihr die Zukunft des Planeten schlicht egal ist, Nein, sie hat außerdem tatsächlich etwas Besseres vor.

Lieber Bosse als Bäume.
Die Kanzlerin schwänzt den UN-Klimagipfel in New York. Stattdessen hält sie an diesem Tag eine Rede vor deutschen Industriellen.
Monatelang wurde gerätselt, jetzt ist offenbar klar, was Angela Merkel vom Besuch des UN-Sondergipfels zum Klima abhält: Wenn die Bundeskanzlerin am 23. September nicht in New York erscheint, hat sie einen anderen Termin: Beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Merkel ist am gleichen Tag dort für eine Rede auf dem „Tag der Deutschen Industrie“ in Berlin vorgemerkt.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel zum Klima eingeladen, um die Erfolgsaussichten für die entscheidende Klimakonferenz von Paris im Dezember 2015 zu erhöhen. [….]

Die Reaktion des deutschen Urnenpöbels:

Neuer Rekordwert
Angela Merkel steigert Beliebtheit im Stern-RTL-Wahltrend erneut.
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in der Wertschätzung der Deutschen nach einer Forsa-Umfrage auf einen neuen Rekordwert gestiegen: Würde die Besetzung des Kanzleramts vom Wähler direkt bestimmt, käme Merkel auf eine Zustimmung von 63 Prozent, geht aus der jüngsten Erhebung für den "Stern" und RTL hervor.
Dies ist ein Plus von einem Punkt gegenüber der Vorwoche. Für SPD-Chef Sigmar Gabriel sprachen sich lediglich zwölf Prozent der Befragten aus.

Gute Nacht Deutschland.

Das revolutionäre Potential des deutschen Michels ist < 0.

Genau das Bild bot sich auch am Wochenende auf der Elmau.

Unverständlich ist nur wieso NGOs und Journalisten nach den forgesetzten Merkel-Lügen überhaupt noch irgendein Wort der Pinocchio-Kanzlerin ernst nehmen.
Heute macht sich allerdings bereits Ernüchterung breit.

Nach Verkündung der G7-Ziele war die Euphorie zunächst groß. Klimaschützer feierten den Beschluss als "Meilenstein", als "historisches Versprechen". Tatsächlich handelt es sich - wie so oft beim Thema Klima - um eine reine Absichtserklärung. Und diese ist aus deutscher Sicht gleich in dreifacher Hinsicht verlogen.
1. Die Ziele sind pompös - aber unkonkret  [….]
 2. Merkel handelt anders als sie redet
Auf der globalen Bühne des G7-Gipfels hat Angela Merkel am Montag zu ihrer Rolle als Klimakanzlerin zurückgefunden; in Deutschland dagegen hat die CDU-Chefin zuletzt einen anderen politischen Kurs eingeschlagen: Ihr Kabinett hatte im Dezember beschlossen, dass im Kraftwerksbereich zusätzlich 22 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden sollen. Das ist nötig, damit die Regierung ihr selbstgestecktes Ziel von 40 Prozent weniger CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 noch erreichen kann.
Um dieses Ziel zu erreichen, legte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) das Konzept einer Zwangsabgabe für mehr als 20 Jahre alte Kohlekraftwerke vor, die ein bestimmtes CO2-Ausstoßlimit überschreiten. Der Widerstand war groß, Merkel ließ Gabriel mit seinem Vorschlag allein. Seitdem ist unklar, wie die vielen Tonnen CO2 im Kraftwerksektor gespart werden sollen. [….]
3. Das Zwei-Grad-Ziel ist wahrscheinlich nicht zu halten. [….]

Immerhin.
Es ist aber auch gerade mal drei Wochen her, daß Merkel bezüglich „No Spy“ als massive Lügnerin enttarnt wurde.

Merkels „Stil“ (im pisperschen Sinne) macht es nun sogar möglich mit massiven Lügen vor ihrem Wahlvolk zu bestehen.
Es ist nur noch peinlich.
Aber es interessiert keinen. So entsteht auch kein Druck auf die Kanzlerin.
Sie orientiert sich nur an Umfragen und nicht an Moral oder Wahrheit.
[……………]
Die SPD und Frau Fahimi bezichtigen Merkel der massiven Lüge, fordern aber keine personellen Konsequenzen. Macht ja nichts.
Merkel kann mich nicht überraschen. Ich habe ihr immer alles Schlechte zugetraut und meine Ansichten zu ihr unverblümt immer wieder aufgeschrieben.
Mich überrascht auch das Phlegma des Urnenpöbels nicht.
Natürlich schaltet der ab bei ernsthafter Politik, wenn man lieber Enthirnungs-TV mit Heidi Klump gucken kann.
Aber von der schmalen Klasse der Journalisten hätte ich schon deutlichere und massivere Angriffe auf die Kanzlerin erwünscht.

Bizarrerweise genügt Merkels Lügen-Teflon zwar vor dem Wähler und den Journalisten, aber ausgerechnet ihr treuer Kanzlerwahlverein macht ihr Sorgen.

Es geht um Griechenland.
Gianis Varoufakis ist derzeit in Deutschland. Der griechische Finanzminister, der von deutschen Medien systematisch runtergeschrieben und diskreditiert wird.
Zum Glück sieht man das anderswo noch anders.

Der österreichische Journalist Robert Misik hat neulich darauf aufmerksam gemacht, dass der deutsche Diskurs von politischer Klasse und medialem Establishment sich weit jenseits der europäischen Normalität abspiele: "Während hier selbst in linksliberalen Medien ein Zerrbild vom "radikalen Finanzminister" Gianis Varoufakis gezeichnet wurde und ihm uralte und auch noch verfälschte Zitate in den Mund gelegt wurden, musste man schon die "New York Times", den "Guardian" oder auch den erzkonservativen "Telegraph" lesen, um die Wahrheit zu erfahren: Globaler Ökonomie-Superstar, ein Postkeynsianer, kein Linksradikaler, wird Finanzminister Griechenlands! Der Popstar unter den Ökonomen hängt seine cosy texanische Professur an den Nagel, um den härtesten Job der Welt zu übernehmen! Wie spannend! Wie bewundernswert! Aber hierzulande: ein völlig anderer Spin."

Selbst den derbsten Griechenlandhassern bei BILD und Union dämmert es aber, daß Merkels Versprechungen vom harten Kurs gegen Athen nicht eingehalten werden – auch wenn alle gemeinsam Finanzminister Varoufakis hassen.
Grexit ist dennoch keine echte Option, weil dann gar kein Geld mehr nach Deutschland zurück gezahlt würde und die Währungsunion de facto erledigt wäre, wenn man damit rechnen müßte, daß ein Land, das in ökonomische Schwierigkeiten kommt, ausgeschlossen wird.
Also muß die griechische Wirtschaft auch aus eigenen finanziellen Interessen am Leben erhalten werden.
Varoufakis kann das als begabter Professor sogar so ausdrücken, daß jeder versteht, wieso man jetzt nicht noch mehr Geld aus der griechischen Wirtschaft abziehen kann.

Tagesspiegel: Wenn man die Zahlen aus beiden Vorschlägen vergleicht, dann fordern die Gläubiger Kürzungen und Steuererhöhungen im Umfang von drei Milliarden Euro und die griechische Seite bietet 1,87 Milliarden an. Warum sollte das nicht zu überbrücken sein?

Varoufakis: Die Differenz könnte entscheiden, ob wir auch den Rest der griechischen Volkswirtschaft abwürgen oder nicht. Wir sind im siebten Jahr der Rezession. Wenn wir in dieser Lage noch mal drei Milliarden Euro durch Rentenkürzung und Erhöhung der Mehrwertsteuer der Wirtschaft entziehen, wird das Defizit im nächsten Jahr wieder viel höher ausfallen. Das ist, als ob man eine kranke Kuh schlägt, damit sie mehr Milch gibt. Das bringt sie um. Sogar unser eigener Vorschlag von 1,8 Milliarden Euro ist schon exzessiv. Ja, Griechenland braucht einen ausgeglichenen Haushalt, aber nicht mehr.

Merkels Austeritätskurs war falsch und kontraproduktiv. Es sind vor allem IHRE Fehler, die Griechenland in die Megarezession gedrückt haben. Und es ist ihre selbst gestellte Falle, daß sie jetzt ihre Versprechen nicht mehr halten kann.

Merkels großer historischer Fehler war ihre Unfähigkeit, die Krise im Euroraum als eine Chance zur politischen Vertiefung zu begreifen, und stattdessen auf unrealistische Regeln und Verträge zu pochen.
Der Euro war ohne Zweifel eine Frühgeburt. Die Große Lektion dieser Krise lautet, dass eine Währungsunion entweder Staaten braucht, die einander sehr ähnlich sind, so wie Deutschland und Österreich, oder eine übergeordnete politische Union. Ohne politische Union kann die Währungsunion langfristig nicht funktionieren.
Merkels zweiter Fehler war ihr Beharren auf einer Sparpolitik, die Griechenland in eine fünf Jahre andauernde Rezession stürzte. Wir wissen aus der Wirtschaftsgeschichte, was mit Ländern passiert, die in eine Rezession hineinsparen. Nämlich genau das, was den Griechen passiert ist.
Jetzt verlangen die Geldgeber weitere Einsparungen. Das ist in der Tat absurd und irrational, wie Tsipras das seinem Parlament erklärte. In diesem Punkt hat er recht.

Der gemeine Unions-Parlamentarier interessiert sich nicht für Klimaschutz oder NSA-Bespitzelung. Auch nicht für gebrochene Wahlversprechen bezüglich der Anti-Ausländermaut.
Während der gesamten Zeit auf der Elmau hat Merkel nach eigenen Angaben Obama nicht ein einziges mal auf die massenhafte illegale Spitzeltätigkeit der NSA angesprochen. Heute gab sie nun die Entscheidung heraus die Selektorenliste NICHT zu veröffentlichen. Ihr Aufklärungsversprechen ist also eine weitere Lüge, der sie überführt ist.

Selbst der größte Merkel-Fan unter den CDU-Bundestagsabgeordneten hat inzwischen begriffen, daß man ihr einfach nicht trauen kann. Die Frau lügt nun einmal immer wieder.

Misstrauen wächst unter ihren eigenen Leuten und das könnte durchaus doch noch einmal ihre Machtbasis beeinflussen.

[….] Der Ärger wächst in der Union, der Kurs der Athener Regierung weckt mehr und mehr Widerstände. Angela Merkel muss um die Unterstützung aus den eigenen Reihen fürchten. Für die Kanzlerin ist das riskant.
[….]  Die Kritiker, die gegen weitere Hilfskredite an die Links-Rechts-Koalition von Ministerpräsident Alexis Tsipras sind, sind keine Außenseiter. Mit dem früheren Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und dem Fraktionsvize Arnold Vaatz (CDU) werden Stimmen laut, die Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer nicht so einfach übergehen können.
Gefährlich ist vor allem das Grollen im Wirtschaftsflügel der Union. Immerhin sind 188 von 311 Abgeordneten von CDU und CSU Mitglieder im Parlamentskreis Mittelstand. Zwar gehen dort die Meinungen auch auseinander, der Vorsitzende Christian von Stetten hat sich aber festgelegt. [….] Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, glaubt, "dass man sich - wie in den letzten Jahren - wieder um 'kurz vor zwölf' auf ein neues Paket einigen wird". Die Griechenland-Krise aber werde dadurch nicht gelöst. [….] Dabei dürfte selbst das laufende Hilfsprogramm, über dessen Verlängerung gerade verhandelt wird, laut Wirtschaftsexperten nicht mehr ausreichen - ein drittes Paket scheint nötig. Dafür müsste der Bundestag auf jeden Fall in Gänze wieder seine Zustimmung geben.
Für Merkel könnte es in einem solchen Falle noch enger werden. Bei der letzten Abstimmung im Frühjahr hatten 135 Mandatsträger - darunter 118 von 311 CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten - schriftlich zu Protokoll gegeben, ein drittes Paket zu verweigern. Das wäre ein großer Imageschaden für die Euro-Retterin Merkel. [….]


Montag, 8. Juni 2015

Städter – Teil IV


Merkels Macht im Bund sieht gewaltig aus.

Es gibt aber von 16 Landesregierungen nur noch vier CDU-Geführte und eine CSU-Geführte.

Merkels CDU regiert insgesamt in sechs von 16 Bundesländern mit und liegt damit hinter den Grünen, die an neun von 16 Landesregierungen beteiligt sind und natürlich weit hinter der SPD mit ihren 14 von 16 Landesregierungsbeteiligungen.


In den Städten ist es noch übler. Da rennen die Menschen schreiend vor den CDU-Kandidaten davon.

Im Jahr 2014 verlor die CDU noch die Bürgermeisterwahlen von Dortmund, Düsseldorf und Bielefeld.


Das Leben auf dem Dorf, in der Vorstadt hat eine Menge Vorteile, aber ich bin mit Leib und Seele Städter und will für’s Erste nicht außerhalb der Innenstadt leben.

Das Umfeld ist einfach liberaler und anonymer. 
Grundsätzlich ist ein höherer Anteil der Menschen gebildet und tolerant.

Das kann man unter anderem an den Wahlergebnissen ablesen, welche sich fundamental von den gesamtbundesrepublikanischen Trends unterscheiden.
 Merkel ist die beliebteste Politikerin und die CDU führt in allen Bundestags-Umfragen meilenweit vor der nächstgrößten Partei (gegenwärtig noch die SPD).

Der Blick auf die größten Städte Deutschlands, welche allesamt im Vergleich zu echten Weltstädten wie Rom, Paris, London oder gar New York und Shanghai winzig sind, zeigt aber eine erstaunliche CDU-Schwäche!

Seitdem sind auch noch Hannover und Düsseldorf an die SPD übergegangen. Nun stellt sich das Bild folgendermaßen dar.

1. Berlin  3,5 Millionen Einwohner. Müller SPD

2. Hamburg 1,8 Millionen Einwohner. Scholz SPD

3. München 1,4 Millionen Einwohner. Reiter SPD

4. Köln 1 Millionen Einwohner. Roters SPD

5. Frankfurt am Main 680.000 Einwohner. Feldmann SPD

6. Stuttgart 610.000 Einwohner. Kuhn Grüne

7. Düsseldorf 590.00 Einwohner. Geisel SPD

8. Dortmund 580.000 Einwohner. Sierau SPD

9. Essen 570.00 Einwohner. Paß SPD

10. Bremen 550.000 Einwohner. Böhrnsen SPD

11. Dresden 520.000 Einwohner. Orosz CDU

12. Leipzig 520.000 Einwohner. Jung SPD

13. Hannover 520.000 Einwohner. Schostok SPD

14. Nürnberg 510.000 Einwohner. Maly SPD

15. Duisburg 490.00 Einwohner. Link SPD

16. Bochum 370.000 Einwohner. Scholz SPD

17. Wuppertal 350.000 Einwohner. Jung CDU

18. Bonn 320.000 Einwohner. Nimptsch SPD

19. Bielefeld  320.000 Einwohner. Clausen SPD

20. Mannheim 310.000 Einwohner. Kurtz SPD

Die letzten Kommunalwahlen gingen für die Konservativen in den Großstädten allesamt desaströs aus.
Im März 2014 gab es für die CSU eine heftige Klatsche; insbesondere bei den Stichwahlen in den größten Städten.

Die CSU hat bei der zweiten Runde der bayerischen Kommunalwahlen in München und anderen Großstädten deutlich Stimmen verloren. Nach den Trendmeldungen konnte die CSU vier von fünf Oberbürgemeister-Stichwahlen nicht gewinnen – in München, Regensburg, Erlangen und Ansbach.
In München ist der SPD-Politiker Dieter Reiter zum neuen Oberbürgermeister gewählt worden. [….]
Auch in Regensburg hat ein SPD-Politiker gewonnen. Dem SPD-Kandidaten Joachim Wolbergs hatten vor zwei Wochen 18 Stimmen zum Wahlsieg gefehlt. In der Stichwahl gegen den Unionspolitiker Christian Schlegl (CSU) erreicht Wolberg über 70 Prozent der Stimmen und wird somit neuer Regensburger Bürgermeister.
Nach 18 Jahren wurde in Erlangen Oberbürgermeister Siegfried Balleis abgewählt, der SPD-Kandidat Florian Janik gewann deutlich. In Ansbach verlor ein CSU-Kandidat ebenfalls deutlich. Thomas Deffner unterlag der parteilosen Politikerin Carda Seidel deutlich, die die Wahl mit 60 Prozent der Stimmen deutlich gewann und so für sechs weitere Jahre im Amt bleibt.  

Und heute folgen noch ein paar angenehme Ergebnisse aus den NRW-Großstädten.

Gestern nun wählte Dresden.
Helma Orosz (CDU) trat nicht mehr an und im Pegida-Wahn hatte sich der CDU-Kandidat Ulbig, der als sächsischer Innenminister selbst für die konservative Landes-CDU weit rechts stand, versucht als ultraultra-Hardliner zu profilieren, indem er ungeniert ausländerfeindliche Töne anschlug.

Zuwanderer aus Osteuropa sind zudem deutlich besser gebildet als der Durchschnittsdeutsche und daher unverzichtbar für die hiesige Wirtschaft.
Sächsische Minister sollten sich also aus vielerlei Gründen darum bemühen möglichst viele von den kostbaren Migranten in ihr unterausländerisches Bundesland zu holen.

Aber auch bei ihnen ist die Entklugung viel zu weit fortgeschritten. Sie bedienen lieber ultrarechte, latent völkische Ideologien.
Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) will jetzt spezielle Polizei-Sondereinheiten bilden, um gegen die kriminelle Asylantenflut vorzugehen. Ausgerechnet in dem Bundesland, in dem es mit am wenigsten Migranten überhaupt gibt.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig macht Stimmung gegen Flüchtlinge. […] Schon ab Dezember sollen in Sachsen künftig spezielle Polizeieinheiten für straffällige Asylbewerber zuständig sein. „Wir beginnen mit dem Modell in Dresden und wollen sie dann im ganzen Land einsetzen“, sagte Innenminister Markus Ulbig (CDU) der Dresdner Morgenpost. […] „Es darf nicht sein, dass einer, der kein Recht auf Asyl hat und dann noch schwer straffällig geworden ist, durch das Zusammentreffen von Strafprozessordnung und Ausländerrecht am Ende mit einer Art Bleiberecht belohnt wird“, erklärte Ulbig. […] Der sächsische Flüchtlingsrat hält Ulbigs Äußerungen für gefährlich und falsch. Die Kriminalitätsrate sei selbst nach Angaben der sächsischen Polizei im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften nicht gestiegen, so Sprecher Marko Schmidt. „Ulbig schürt Ängste“, sagte Schmidt der taz. Die Polizei sollte besser zunehmende rechtsmotivierte Übergriffe auf Asylbewerber aufklären.
Ulbig bediene die Argumentation der sogenannten „Patriotischen Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida), die seit Wochen in Dresden Stimmung gegen Asylbewerber machen, so Schmidt. Für den Montagabend hat die islamfeindliche Initiative bereits zum sechsten Mal zu einer Demonstration durch Dresden aufgerufen. […] Scharfe Kritik an Ulbigs Vorhaben kam am Montag von den sächsischen Linken. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Rico Gebhardt, kritisierte Ulbigs Zungenschlag als befremdlich. Es handele sich um das Gegenteil von Willkomenskultur. „Es ziehen keine zugereisten marodierenden Banden durchs Land, sondern es müssen Asylbewerberheime rund um die Uhr vor befürchteten Übergriffen ,einheimischer' Täter geschützt werden“, so Gebhardt. […] Ulbig strebt derzeit eine Kandidatur als Oberbürgermeister von Dresden an. Die Wahl soll Anfang Juni 2015 stattfinden. Die oppositionellen Grünen vermuten darin auch das Motiv für Ulbigs Äußerungen: „Fremdenfeindlichen Einstellungen Vorschub zu leisten, gehört nicht zu den Aufgaben eines Innenministers. Und Oberbürgermeister-Wahlkampf auf niedrigstem Niveau genauso wenig“, sagte Petra Zais, migrationspolitische Sprecherin der Fraktion. […]
(taz, 24.11.14)

Herr Ulbig stellt damit die Moral seiner Partei wieder einmal zur Schau, verhält sich widerlich und menschenverachtend.
Aber eben auch saudumm.

Markus Ulbig ist also eine der unangenehmsten Erscheinungsweisen der Gattung CDU-Mensch.

Genützt hat es gar nichts, denn in Dresden war für Pegida auch die rechtsrechtsrechts stehende Hooligan-Frau Tatjana Festerling angetreten.
Ein derart schreckliches Weib, daß sie selbst aus der strammrechten AfD geworfen wurde, weil sie nicht mehr von Hooligans und NPD zu unterscheiden war.

Statt nun einen Ulbig vom rechtesten Rand der rechten CDU zu wählen, kreuzten die Dresdner gleich die richtig Braune an.

Die 51-Jährige freiberufliche Marketingfrau ist für das islam- und fremdenfeindliche Pegida-Bündnis als Kandidatin angetreten.
Den Wahlsonntag hatte sie gemeinsam mit Pegida-Gründer Lutz Bachmann damit verbracht, verschiedenen Wahllokalen Kontrollbesuche abzustatten. Zudem hatte Bachmann schon im Vorfeld angekündigt, den etablierten Parteien einen "mächtigen Arschtritt" zu verpassen. Hinter vorgehaltener Hand hatten Dresdner Lokalpolitiker die Messlatte dafür tief gehängt: Jedes Ergebnis Festerlings, das "deutlich über fünf Prozent" liegt, wäre eine Schande für die Stadt, war man sich fraktionsübergreifend einig. Als gegen 20.15 Uhr fast alle abgegebenen Stimmen ausgezählt sind, haben beinahe doppelt so viele Dresdner ihr Kreuz bei Festerling gemacht wie befürchtet: Die Pegida-Kandidatin landet bei knapp zehn Prozent.
Zu diesem Zeitpunkt hat Markus Ulbig offenbar schon aufgegeben – sein Balken steht da bei gerade einmal 15,4 Prozent. Auf den Fluren des Stadtmuseums heißt es, Sachsens Innenminister, der angetreten war, für die CDU den letzten Chefposten einer deutschen Großstadt zu verteidigen, werde beim nächsten Wahlgang am 5. Juli erst gar nicht mehr antreten.

Ein schönes Ergebnis für die CDU in Dresden. Genau wie in der Partnerstadt Hamburg errang sie 15%.

Die CDU regiert damit nur noch in einer der 20 größten Städte Deutschlands. Und in keiner einzige der zehn Größten.

Die CDU hat am Sonntag in Dresden ihren offiziell letzten Oberbürgermeisterposten in einer deutschen Großstadt mit mehr als 500 000 Einwohnern verloren. Nach Auszählung aller Wahlbezirke war am späten Sonntagabend der CDU-Kandidat, Sachsens Innenminister Markus Ulbig, mit gut 15 Prozent deutlich abgeschlagen. Seine Kabinettskollegin, Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD), die von Rot-Rot-Grün unterstützt wurde, lag bei etwa 36 Prozent. Der amtierende Erste Bürgermeister Dirk Hilbert (FDP), der für ein unabhängiges Bündnis antrat, kam auf knapp 32 Prozent.

Zur Stichwahl am 5. Juli wird nun gar kein CDU-Kandidat mehr antreten.
Ob die mit 36% führende Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) gewinnen wird, ist angesichts der heimatlosen 15% CDU-Stimmen, 10%-Pegida-Stimmen und 5%-AfD-Stimmen allerdings mehr als fraglich. Ein Drittel des Kuchens muß neu verteilt werden und der ist stramm rechts in Dresden.



Sonntag, 7. Juni 2015

Grün, olivgrün, lilagrün.


Als ich in der Schule Politikunterricht bekam, erstmals in der 9. oder 10. Klasse, war die deutsche politische Welt klar manichäisch aufgeteilt: Hier die breite JU-Fraktion unserer Schule, die einem „dann geh doch nach drüben“ entgegenbrüllte, wenn man die NATO-Rüstung kritisierte und da die Sozialdemokraten.
Es fiel mir nicht schwer mich für eine Seite zu entscheiden.

Später entwickelte sich dann eine Gruppe, die für die Grünen sympathisierte.
Von der JU wurden die gar nicht erst ernst genommen. Helmut Kohl beklagte sich mit seinem berühmten Augenaufschlag in der ersten Bundestagssitzung mit Grünen Parlamentariern, diese hätten „viel Hass“ ins hohe Haus gebracht.

Schon damals dachte ich ziemlich strategisch und befürchtete mit dem Aufkommen der Grünen würden viele Jahre CDU-Herrschaft garantiert, da das Volk für lange Zeit keine rotgrünen Koalitionen akzeptieren werden und durch das Fehlen der Machtperspektive erst recht die Wahlerfolge ausblieben.

Einen ähnlichen Effekt erlebten wir 2013, als Steinbrück keine realistische Option hatte jenseits der CDU eine stabile Kanzlermehrheit zusammen zu bekommen.
Dann bleiben die Leute gleich zu Hause.

Auch phänotypisch missfielen mir die Grünen.
Vollbärtige Waldschrat-Männer in Strickpullis mit schulterlangen Haaren werden in der öffentlichen Wahrnehmung nicht im erforderlichen Maße ernst genommen.
Das mag man beklagen, aber es ist so.
Ich glaube sogar, daß das bis heute gilt. Hätte Anton Hofreiter kurze Haare und glattrasierte Wangen, würde man ihn thematisch auch mehr wahrnehmen.

Während meiner Schulzeit bekamen die Grünen den Spitznamen „Müslis“ und das war ganz schlecht, weil man dann mit diesen stets nach Schweiß riechenden Ökofreaks assoziiert wurde.
Ich sage das als jemand, der ausgesprochen gerne Müsli isst und in den 80ern links von der SPD, also nahe bei den Grünen stand.

Keineswegs predigte ich damals oder heute die totale Anpassung; man muß kein Klon der grauen CDU-Anzugträger sein, um ernst genommen zu werden.
Aber wenn man beim TV-Zuschauer stets die Assoziation erweckt erst einmal in die Badewanne und gründlich abgeschrubbt zu gehören, ist es für das politische Anliegen kontraproduktiv.

Die gesamten 80er Jahre machten sich die Grünen  während ihres langen Lernprozesses auch selbst das Leben schwer, indem sie überflüssigerweise darüber stritten, ob sie eigentlich überhaupt jemals in die Regierung wollten, oder indem sie auf dem völlig untauglichen Rotationsprinzip bestanden.
1990 dann der Schock; die (West-)Grünen brachen auf 3,8% ein und blieben dem ersten gesamtdeutschen Bundestag fern. Nur acht Ostgrüne um Werner Schulz, Gerd Poppe, Christina Schenk (heute als Christian Schenk bei der Linken), Wolfgang Ullmann und die inzwischen rechte CDU-Frau Vera Lengsfeld (damals Wollenberger) hielten die Stellung.

Die Armen gingen natürlich unter.
Joschka Fischer aber war nicht untätig und brillierte sowohl als Redner als auch als Strippenzieher seit seiner Rückkehr in den Bundestag von 1994.
Zu dieser Zeit genoss ich die Grünen in Bonn.
Die 49 Mitglieder der Fraktionen waren immer noch bunt gemischt, aber unter ihnen fanden sich jede Menge intelligenter integrer Menschen, die sich voll ins Zeug legten, um die dahinsiechende Kohl-Merkel-Regierung sturmreif zu schießen.
Bundestagsübertragungen im Fernsehen wurden ein echtes Vergnügen. Vor allem Dank grüner parlamentarischer Experten wie Angelika Beer (schade, daß sie an die Piraten verloren ging, sie war die erste echte VerteidigungsexpertIN der Grünen) Annelie Buntenbach (schade, daß sie an die Linke verloren ging), Franziska Eichstädt-Bohlig, Andrea Fischer, Joschka Fischer, Gerald Häfner (mein damaliger Lieblingsredner!) Kristin Heyne (eine der besten Parlamentarierinnen aller Zeiten! Gott ist scheiße, daß er sie so früh sterben lassen hat!), Michaele Hustedt, Steffi Lemke, Oswald Metzger (schade, daß er an die CDU verloren ging), Kerstin Müller, Cem Özdemir, Gerd Poppe, Christine Scheel, Irmingard Schewe-Gerigk, Rezzo Schlauch, Waltraud Schoppe, Antje Vollmer, Ludger Volmer und Margareta Wolf.

Die hatten es echt drauf und hätten allein ein Bundeskabinett füllen können.
Ich rechne es den Grünen auch hoch an, daß sie sich 1998 der Problematik Kosovo und Bosnien so mutig und offen stellten, statt sich einen schlanken Fuß zu machen und zu sagen „ist uns egal, wenn weiterhin Myriaden massakriert werden – wir sagen niemals ja zu einem Waffeneinsatz.“
Mit Trittin, Fischer und Künast stellten die Grünen auch drei der stärksten Minister in Schröders Regierung.
Ich halte insbesondere Jürgen Trittin für einen der meistunterschätzten Politiker Deutschlands. Vermutlich hat seine Amtszeit so viele hochwertige Arbeitsplätze generiert wie keine andere. Inzwischen arbeiten in der Hightech-Ökobranche weit mehr Menschen als in der deutschen Automobilindustrie – dank der Trittinschen Weichenstellungen.

Natürlich waren die Grünen ab 1998 auch phänotypisch angepasst. Joschka Fischer betrachtete seinen außenministerlichen Dreiteiler richtigerweise als „Arbeitskleidung“, Jürgen Trittin rasierte endlich den albernen Stalin-Bart ab und Künast läßt sich ihre unförmigen Hosenanzüge sogar von derselben Schneiderin wie Merkel anfertigen.

Die richtige und notwendige Professionalisierung generierte allerdings Fliehkräfte.
Querdenker verschwanden und die radikaleren Ideen wurden mit dem wachsenden Wohlstand der Grünen-Wähler über Bord geworfen.

Mehr und mehr strenggläubige Christen enterten die Partei.
Waren früher die fromme Christa Nickels und die Theologin Antje Vollmer noch Ausnahmen, strebten mit Kathrin Göring-Kirchentag immer mehr schwere Religioten in die grünen Fraktionen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Christen ist heute mächtig. Diejenigen, die wie Trittin und Fischer noch ohne Gottesformel den Amtseid leisteten und für eine Trennung von Staat und Kirche plädierten, sind in die Minderheit gedrängt worden.

Es gibt Fälle, in denen christlicher Glaube ein klares Nein erfordert – z. B. bei Kriegsvorbereitungen oder Präimplantationsmedizin (PID) – oder ein ebenso klares Ja zu lebens- und entwicklungsfördernden Perspektiven. In Jesu Hinwendung zu den Armen und seinem gleichwertigen Verhalten zu Frau und Mann; in seinem Ausbrechen aus den Kreisläufen von Gewalt und Gegengewalt, von Hass und Missgunst, auch in der Einstellung '"Gott mehr zu gehorchen als den Menschen" finden wir Motive für ein Handeln in Nächstenliebe und dem Streben nach Gerechtigkeit.
Da die Religion wichtiger Bestandteil des öffentlichen Diskurses ist, diskutieren wir in der Partei der Grünen die religiös fundierten Werte unserer Kultur im Rahmen einer postsäkularen, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft und entwickeln sie im Hinblick auf die neuen gesellschaftlichen Bedürfnisse weiter. Dies gilt umso mehr, als die tradierten christlichen und humanistischen Grundwerte den Grundpfeilern grüner Politik sehr nahe stehen: ökologisches, basisdemokratisches, soziales und des gewaltfreies Handeln als ethischer Imperativ, zusammengehalten durch das Prinzip der Wahrung der Menschenwürde. – Christliche Ethik als Leitlinie alltäglichen, verantwortlichen Handelns gebietet es geradezu, sich an den Maximen grüner Politik zu orientieren.

Erbärmlich. Grüne unterwerfen sich freiwillig einer konservativen, partiell menschenfeindlichen Ideologie.
Kein Wunder, daß Koalitionen mit der CDU immer häufiger werden.

Sven Giegold, Volker Beck, Bettina Jarasch, Sigrid Beer, Josef Winkler, Winfried Kretschmann, Silvia Löhrmann oder eben Katrin Göring-Eckardt heißen die strenggläubigen Grünen.

Mit ihnen ist die rechtlich, moralisch und sozial gebotene Trennung zwischen Kirche und Staat nicht zu machen.
Grüne stehen nun wieder hinter dem kirchlichen Arbeitsrecht, das Schwulen oder Juden den Mittelfinger zeigt.

Erbärmlich.

Der heute in Stuttgart endende evangelische Kirchentag ist kaum noch von einem Grünen-Parteitag zu unterscheiden.

Religionssoziologen der Universität Leipzig haben vor einigen Tagen eine Studie vorgestellt. Bei Umfragen unter mehreren Tausend Kirchentagsbesuchern der vergangenen Jahre fanden sie bestätigt, dass viele sehr gern über politische Themen diskutieren, am liebsten über Umweltpolitik. Es gebe eine starke Verbindung zum sozialökologischen Milieu, so das Urteil der Wissenschaftler; die politischen Präferenzen seien ganz eindeutig: „Etwa die Hälfte der Kirchentagsbesucher würde die Partei der Grünen wählen.“ Kein Thema des Kirchentags, das nicht auch bei einem Grünen-Parteitag auf der Agenda stehen könnte. [….] Der Kirchentag von Stuttgart macht deutlich, wie tief die Grünen im Zuge ihrer Verbürgerlichung in das protestantische Buß- und Bettagsmilieu vorgedrungen sind. […]
Nur noch wenige Grüne fordern eine klarere Trennung von Staat und Kirche. Die Privilegien, die die beiden großen christlichen Konfessionen etwa beim Arbeitsrecht genießen, werden nicht ernstlich infrage gestellt. Es gibt auch kaum noch einen prominenten Grünen, der sich gegen das Tanzverbot an stillen Feiertagen wie etwa Karfreitag ausspricht. Und die Abschaffung des sogenannten Gotteslästerungsparagrafen 166 im Strafgesetzbuch hat auch schon lange kein Spitzengrüner mehr gefordert. Göring-Eckardt ist dafür, das Blasphemieverbot erst einmal beizubehalten. Mitte Januar veranstalteten die Grünen in Düsseldorf den ersten religionspolitischen Kongress in ihrer Parteigeschichte und kamen zu einem klaren Votum: Kirche und Staat gehören zusammen. Die Partei hat ihren Frieden mit der christlichen Werteordnung gemacht. „Wir sind uns einig darüber, dass wir kein laizistisches Modell wie in Frankreich fordern“, so der Chef des grünen NRW-Landesverbands Sven Lehmann.
(DER SPIEGEL 06.06.2015 s.40f)

Somit sind die Grünen für mich endgültig unwählbar geworden.