Samstag, 27. Oktober 2012

Bremen




Moderne Menschen zeichnen sich dadurch aus, daß sie ihre Nachbarn hassen. Sie sind besessen davon besser als ihre Nächsten sein zu wollen.
Studien haben ergeben, daß Angestellte lieber auf eine Gehaltserhöhung verzichten, wenn dafür ihre Kollegen noch etwas weniger verdienen, anstatt daß alle viel mehr; aber gleich viel, bekämen.
Eine halbe Million Gerichtsverhandlungen wegen Nachbarschaftsstreitereien sind in deutschen Gerichten anhängig.
Wenn man die Perspektive vergrößert, bleibt das Verhaltensmuster gleich.
Es ist einem wichtig in dem schöneren/besseren/reicheren Stadtteil als der Nachbarstadtteil zu leben.
Und die eigene Stadt ist natürlich möglichst besser als die anderen Städte. Ebenso ist das eigene Bundesland das Beste, während die anderen doof sind und auf nationaler Ebene gilt das erst recht.

Natürlich mache ich dieses Spielchen mit einem Augenzwinkern mit und finde auch andere Städte doofer als Hamburg. Wenn man das mit einem ironischen Unterton sagt, kann das Gegenüber glücklicherweise nie einschätzen, ob da nicht ein Funken Ernst dabei ist.

Konkurrenz macht ja auch Spaß. 
Bei Konkurrenz unter Städten vergleicht man dabei praktischerweise Dinge, die nicht vergleichbar sind.
In der Rivalität zwischen Hamburg und Berlin beispielsweise kann sich jede Partei die Rosinen rauspicken, weil die Unterschiede gewaltig sind.

Als Hamburger mag man aber Berlin nicht, weil es arm, dreckig und proletig ist.

Noch weniger mag man München, weil München auch sehr reich ist, aber den Reichtum so gerne zeigt. Die Bayerische Bussi-Gesellschaft mit all den teuren Labels und Luxuskarossen missfällt den auf Understatement bedachten Hamburgern.

Zu Köln haben Hamburger ein Nicht-Verhältnis, weil wir einfach damit überfordert sind überhaupt Vergleichbares zu finden. Rheinische Frohnatur, Karneval, Kölsch, Comedy, Feierlaune und Katholizismus sind die diametralen Gegenteile des Hanseaten, der sich als nüchtern, protestantisch und unterkühlt versteht.
 Ein Indiz dafür ist, daß ich tatsächlich noch nie im Leben in Köln war.

Dann gibt es noch Hannover, welches Hamburg schon viel ähnlicher ist, aber so unauffällig ist, daß es an der Alster gar nicht richtig wahrgenommen wird.

Bremen fällt aus dem Rahmen, denn soweit ich es beurteilen kann, mag jeder Hamburger Bremen. 

Immer mal wieder trifft man jemanden, der ganz beglückt erzählt, er wäre gerade einen Tag in Bremen gewesen und es sei ja „so nett“ da.
Man blickt wohlwollend auf Bremen, benutzt zum Beispiel den Namen als Passwort und fühlt sich verstanden.

Ein Freund von mir hat in Bremen studiert, wohnte dort in einem Studentenwohnheim, behielt aber die ganze Zeit auch seine Wohnung in Hamburg.
Natürlich war das ein Luxus für jemanden, der sein ganzes Studium selbst finanzierte und jeden Nachmittag Geld verdienen mußte.
Auf Dauer nervte auch die Pendelei am Wochenende. 
Er könne sich wirklich inzwischen vorstellen die Hamburger Wohnung aufzulösen und ganz in Bremen zu leben, er fühle sich dort wirklich wohl; sinnierte er eines Abends bei einer Flasche Wein in meinem Wohnzimmer.
„Bremen ist aber auch wirklich nett“ fiel ich sofort ein. 
Bremen habe von allen Bundesländern grundsätzlich die sympathischsten Regierungschefs (Koschnik, Scherf, Böhrnsen,..) und fiele bundespolitisch nie durch Peinlichkeiten auf. Es sei doch erstaunlich, daß zwischen Hamburg und Bremen gar nicht die übliche Konkurrenz und Missgunst herrsche, befand ich weiterhin.
 Da lachte mein Freund! „Das denkst Du! Weil Du in Hamburg lebst! Bremer können Hamburger nicht ausstehen.“ Das sei ein echtes Manko für ihn, weil ihm als Hamburger dort immer mit Vorurteilen begegnet würde.
Ich war ja platt. Huch? Wieso das denn? 
Wir haben doch eine ganz ähnliche Kultur als reiche, unabhängige Handels- und Hansestädte mit enormen Maritimen Touch. Beides Stadtstaaten.
Deswegen fühle sich ein „Hamburger Pfeffersack“ ja auch gleich heimisch, wenn er mal in Bremen weile. Ich empfände Bremen gar nicht als Konkurrenten!
Wieder lachte mein Freund. „Eben! Weil Bremen auch keine Konkurrenz ist.“
 (Hamburg ist in allen erdenklichen wirtschaftlichen Kennzahlen meilenweit überlegen.)  
 Die Bremer empfänden Hamburg aber als enorme Konkurrenz und litten darunter immer nur auf den Plätzen zu landen. Daher stieße ihnen das Hamburger Wohlwollen ganz besonders sauer auf. Schließlich belege dies doch nur, daß Hamburg Bremen in keiner Weise auf Augenhöhe wahrnehme. Das verletze und würde zu übermäßigen Jubel führen, wenn Bremen in irgendeinem Aspekt doch mal besser als Hamburg abschneide - und sei es ein gewonnenes Werder-Spiel gegen den HSV.

Ich weiß nicht wie weit man diese Ansicht zu verallgemeinern ist. 

Aber für mich gilt weiterhin: Ich mag Bremen.

Vielleicht wirklich, weil Bremen so vertraut ist, obwohl, oder vielleicht gerade weil ich ganz selten da bin.

Ein Aspekt Bremens wirkt besonders bekannt auf mich.
 Das ist die völlig verlotterte Landes-CDU.
Die Hamburger CDU hatte sich hier nach der Wahl von 2011 vollkommen zerlegt.

Da muß ich eine Anekdote erzählen:
Vor drei Wochen erlebte ich den schönsten Tag meines Lebens!
Da war ich bei Toom, Groceryshopping. Alle Kassen mit langen Schlangen. Und wer steht genau vor mir, so daß ich 20 Minuten mit ihnen Frottage machen konnte?
Charlotte, Christoph und Fila!
Die Ahlhausens! Wie schön. Fila sieht vom Nahen echt genauso aus wie Betty Wulff und Christoph hat genau wie Christian Wulff total abgenommen und ist ergraut. Das scheint diese CDU-Regierungschefs irgendwie zu schocken, wenn sie plötzlich abgewählt, bzw abgesetzt werden. Dann fallen sie gleich vom Fleisch.
Obwohl die Ahlausens ja im Gegensatz zu den Wulffs ordentlich Kohle haben, war im Einkaufswagen nichts Dolles. Hauptsächlich Windeln für Charlotte und weitere Babykram wie Stilleinlagen und so. Interessant fand ich eher, daß Fila total aufgebrezelt war, das Balg im Arm hielt und ihren Gatten ignorierte. Er mußte alles ein- und ausräumen und bezahlen natürlich. Und wie immer war sein Anzug natürlich unmöglich. Schlechter Schnitt, miese Qualität. Sie hingegen in in ganz kurzem Kostüm mit schwarzen Strümpfen und gefährlichen schwarzen Lack-Pumps.
Begeisternd ist ja in Hamburg - und das fällt mir öfter auf - daß auch solche „Berühmtheiten“, wie der Ex-Regierungschef, total ignoriert werden. In dem Menschenandrang in dem enormen Kassenraum nahm keiner Notiz vom Ex-Bürgermeister.
Naja, jedenfalls, nachdem ich mir mal die Ahlhaus-Blase so ganz in Ruhe von ganz ganz nah ansehen konnte, war ich ja so froh und glücklich geradezu, daß stattdessen nun Scholz regiert! Wie schön!
Nachdem Ahlhaus die Wahl mit 21 Prozentpunkten Verlust in noch nie dagewesener Weise vergeigt hatte, begann auch die Landespartei sich aufzulösen. 
Schließlich verkrachte er sich vollständig mit der Restpartei und wollte nicht mehr in der Hamburger CDU mitmachen.


Die Brandenburgische CDU-Landes- und Fraktions-Vorsitzende Saskia Ludwig, 44, breitete in der rechten „Jungen Freiheit“ exklusiv in zwei Essays ihre CDU-Zukunftsversionen aus.
Die seit 2009 amtierende CDU-Chefin war auf knallharten konservativen Kampfkurs gegangen und führte ihre Partei bei den letzten Landtagswahlen auf nur noch 19,8% und somit Platz 3 hinter SPD und Linken.
Im braunen Nebelraum zwischen Kreuznet, JF und CDU verhedderte sie sich so sehr, daß Ludwigs Kopf am 11.09.2012 rollte. 14 der 19 CDU-Landtagsabgeordneten entzogen ihr das Vertrauen und drohten sie abwählen zu lassen. Damit ist die CDU-Karriere erst mal zu Ende und sie trat von sich aus zurück. Ihre Parteiämter ist sie los.
Am meisten bedauert das natürlich die JF, der ein wichtiges missing link zu den Etablierten verloren geht.

Auch die Bremer CDU wird von einer Frau geführt. 
Frauen dürfen in der CDU immer ran, wenn ein konservativer, männlicher Vorgänger den Verein so richtig gegen die Wand gefahren hat (Siehe Kohl -> Merkel oder Althaus -> Lieberknecht).

Rita Mohr-Lüllmann, geb 1957, Apothekerin, katholisch, zwei Söhne, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft seit 6. Juni 2003, CDU-Chefin seit 2011 hatte es bei der letzten Bremer Wahl am 22.05.2011 auf 20,4 % gebracht und sich damit den Ergebnissen im Norden angepasst. 

Landtagswahl Berlin 18.09.2011 CDU = 23,4%, Hamburg 20.02.2011 CDU = 21,9%, Brandenburg 27.09.2009 CDU = 19,8%.

Ein halbes Jahr nach der vergeigten Wahl erkämpfte sich Mohr-Lüllmann auch den Landesvorsitz und verdrängte mit Thomas Röwekamp den Mann, der sie zur Spitzenkandidatin gemacht hatte.  Im März 2012 wurde sie auf dem Landesparteitag zur Chefin gewählt und sieben Monate später versuchen mindestens 2/3 des Landesvorstandes sie wieder loszuwerden.

 Und das nur weil sie dem Bremerhavener Teil der CDU unterstellt hatte kriminell zu sein.
 Was soll daran falsch sein? 
Als die Hamburger CDU regierte gab es fast ein Dutzend CDU-Parlamentarier, die angeklagt wurde. Gegenwärtig steht der ehemalige CDU-Finanzsenator Carsten Frigge wegen versuchten Betruges vor Gericht. Business as usual in der CDU.
Immer mehr hochrangige CDU-Politiker in Bremen fordern den Rücktritt von Parteichefin Rita Mohr-Lüllmann. Sie solle die persönlichen Konsequenzen ziehen, um weiteren Schaden von der Partei fernzuhalten, heißt es in einer Erklärung, die Radio Bremen vorliegt. Am Dienstagabend hatte bereits der Kreisvorstand der Bremerhavener CDU Mohr-Lüllmann aufgefordert, den Posten zu räumen.
17 Unterschriften hat das Papier, darunter sind viele Mitglieder aus dem Landesvorstand der Partei. "Wir machen uns große Sorgen um den sich dramatisch verschlechternden Zustand unseres Landesverbandes", heißt es in dem Schreiben. Der andauernde Streit und die Verleumdungen beschädigten das öffentliche Bild der Bremer CDU. "Das Bild, das die Bürger von der Bremer CDU wahrnehmen müssen, ist das schlechteste seit ihrer Gründung." In dem Schreiben an den Landesvorstand ist auch davon die Rede, dass Mohr-Lüllmann es nicht hinbekommen habe, die tiefen Gräben in ihrer Partei zuzuschütten. Stattdessen sei sie Teil des Problems geworden und müsse gehen, so die Unterzeichner.
Norddeutsche CDU-Chefs haben es drauf ihre Parteien fertig zu machen.
Im Moment werfen sich Mohr-Lüllmann und ihr parteiinterner Konkurrent um die Bundestagskandidatur, der Bremerhavener Kreisvorsitzende Michael Teiser gegenseitig vor zu lügen. Er will gehört haben, von ihr der „kriminellen Machenschaften“ bezichtigt worden zu sein und scheint inzwischen eine große Mehrheit des Landesvorstandes auf seiner Seite zu haben.
Mohr-Lüllmann bestreitet die Äußerung. Sie habe diese "weder gemacht noch gedacht, gleichzeitig entspricht sie nicht meinem Sprachgebrauch", betonte die CDU-Politikerin, die Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der letzten Bürgerschaftswahl war. Sie rief die CDU dazu auf, "zu einer solidarischen Gemeinschaft zurückzukehren". Die Bremerhavener teilten dagegen mit, es gebe keinen Anlass an der Aussage der Zeugin zu zweifeln.
Das gefällt mir.



Freitag, 26. Oktober 2012

General Doof




Man muß nicht alles sagen was wahr ist, 
aber alles was man sagt muß wahr sein.
(Egon Bahr)


Offiziell sind gerade ziemlich viele Menschen „empört“ darüber, wie die CSU mal wieder auf die öffentliche Berichterstattung Einfluß nehmen wollte.

Ich bezweifele allerdings sehr stark, ob auch die bayerischen CSU-Anhänger empört sind.
 In einem Land, in dem es nach wie vor üblich ist öffentliche Aufträge mit dem Landrat im Puff auszuklüngeln, statt öffentlich auszuschreiben, goutieren die Wähler gerade das nicht ganz astreine Verhalten ihrer Führer.
 Das gilt als gewitzt und klug UND bayerisch.
 Das Ausmaß der Amigo-Affären wäre in anderen Bundesländern undenkbar. 
Vor allem aber würde bei Bekanntwerden die entsprechende Partei abgewählt werden. 
Die Bayern aber stören die Strauß-Zwick-Pfahls-Tandler-Schreiber-Holtzer-Stoiber-Riedl-Connections gar nicht. Stoisch wurde die CSU trotzdem und gerade deswegen mit absoluten Mehrheiten bedacht.
Die bayerische Opposition versucht, Horst Seehofer die Verantwortung für den ZDF-Anruf seines Pressesprechers zuzuschieben. Nützen wird ihr das kaum. Ganz im Gegenteil: Potentielle CSU-Wähler schätzen die unerschütterliche Selbstzufriedenheit ihrer Staatspartei.
[…]  Wo kämen wir denn da hin, das hat man sich offenbar am vergangenen Wochenende auch in der CSU-Parteispitze gedacht. Das muss doch nicht sein, dass in den Hauptnachrichten über eine völlig unwichtige Veranstaltung der völlig uninteressanten bayerischen SPD berichtet wird. […]
Die Affäre um den Anruf gibt der CSU endlich wieder Gelegenheit, eindrucksvoll zu beweisen, wie ungebrochen sie ihre Traditionen pflegt. Als sei kein Tag vergangen, seit sich der BR 1982 auf Veranlassung der christsozialen Landesregierung aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm ausblendete, weil ihre Bevölkerung die schlimme Satire des "Scheibenwischer" nicht sehen sollte, demonstrierte sie ihr fast schon vergessen geglaubtes Staatsverständnis und ihr Verhältnis zur Pressefreiheit mit dem Anruf beim ZDF: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind frei, solange sie das bringen, was uns gefällt.
Ungebrochen auch die Methoden des Umgangs mit Affären: Zuerst wird geleugnet, das machte Strepp nicht anders als zuletzt Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner zusammenkopierten Doktorarbeit. Später, wenn es nicht mehr anders geht, distanziert sich die Spitze vom Sünder. […]
Nein, schaden wird der CSU der Wirbel um den Anruf beim ZDF kaum.
[…]  Sie werden die CSU wieder wählen, nicht nur trotz, sondern auch wegen ihrer Uneinsichtigkeit in der Anruf-Affäre. Sie können sich sicher sein: In Bayern bleibt alles beim Alten, wenn sie ihr Kreuz bei den Christsozialen machen. Mit einem wohligen Seufzen.
 Die in Restdeutschland geltenden Ansprüche an Moral und Ethik darf man offenbar nicht für Bayern anwenden.
Anders kann ich mir nicht erklären, daß ein so oft der Lüge und Hetze überführter Mann wie Alexander „Doof“ Dobrindt immer noch Seehofers Parteigeneralsekretär ist.

Dobrindt ist sogar international als Problem bekannt.

Martin Schulz wird in diesem Jahr mit der Europa-Lilie der EUD-Hauptstadtgruppe Europa-Professionell ausgezeichnet. […] Die Europa-Distel für den größten europapolitischen Fauxpas des Jahres geht an CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Die Preisverleihung findet am 27. Oktober in Düsseldorf im Rahmen des Bundeskongresses der Europa-Union statt.
[…] Die Europa-Lilie für bürgerschaftliches Engagement wird in diesem Jahr an zwei Partnerorganisationen verliehen, an das Europäische Forum für angewandte Kriminalpolitik e.V. und die Association Nationale des Visiteurs de Prison.
Preisträger der Europa-Lilie für europäische Jugendarbeit sind die beiden Radiosender Radio Klangbrett aus Aschaffenburg und Radio FM Air aus Luc-sur-Mer in Frankreich.

Die Europa-Union ist eine 1946 gegründete gemeinnützige Organisation mit 17.000 Mitgliedern, die sich die Völkerverständigung zum Ziel gesetzt hat.

Sagenhaft auch Dobrindts verlogene Ausflüchte auf die Fragen von PANORAMA. 

Er hatte sich schwer heuchelnd aus dem Fenster gehängt, um Peer Steinbrücks Nebeneinkünfte zu kritisieren. 
Dabei hatte der SPD-Kanzlerkandidat die bestehenden Transparenzregeln überkorrekt eingehalten. Von Rot-Grün eingeführte Regeln, die damals der CSU schon viel zu weit gingen. Dobrindts Partei lehnte sie ab.
Das, was Alexander Dobrindt, Generalsekretär der CSU seines Zeichens, da gerade zum Thema Nebenverdienste von Politikern von sich gibt – ist dann doch überraschend. Selten konnte man Heuchelei derart gut nachweisen wie in diesem Fall.


In der gegenwärtigen Fernseh-Maulkorb-Affäre; inzwischen sind vier CSU-Anrufe zur Unterbindung von Berichten über die SPD bekannt geworden; blamierte sich Dobrindt durch tagelanges Schweigen.

Inzwischen wird er hart kritisiert und streitet alles ab. Er habe von nichts gewußt. Obwohl es sein unmittelbarer Aufgabenbereich als Generalsekretär ist, will er von der „Pressearbeit“ des Parteisprechers Strepp rein gar nichts mitbekommen haben.
Glaubhaft ist das nicht, aber Dobrindt spielt ohnehin in der Post-Truth-Era.
Dobrindt lehnt es ab, sich als Konsequenz aus der Affäre aus den ZDF-Kontrollgremien zurückzuziehen, wie dies die SPD verlangt. Dobrindt sitzt im ZDF-Fernsehrat. Er sagte der SZ, es gebe die "Notwendigkeit", mit dem ZDF weiter über den Vorfall zu reden. "Da habe ich auch in den Gremien eine Aufgabe zu erfüllen", sagte Dobrindt.
SPD-Landeschef Florian Pronold hatte gefordert, die Anruf-Affäre in den zuständigen Gremien des ZDF zu besprechen. "Allerdings ohne Horst Seehofer und Alexander Dobrindt." Seehofer sei befangen, weil er das ZDF bezichtigt habe, den Anruf Strepps falsch wiedergegeben zu haben. Der Ministerpräsident müsse deshalb sein Verwaltungsratsamt ruhen lassen. "Und Dobrindt ist als Mitglied des ZDF-Fernsehrates untragbar geworden, weil er in der Affäre vertuscht statt aufgeklärt hat", sagte Pronold.

Dobrindt geht beschädigt aus der Causa Strepp hervor. Seine Gegner in der Partei, von denen es einige gibt, beäugen seine Amtsführung ohnehin seit Monaten kritisch. Dobrindts Angriffe gegen Griechenland und gegen EZB-Präsidenten Mario Draghi sorgten vor allem unter Europapolitikern der CSU für Kopfschütteln. Mit dem Verbalschlag gegen Draghi - "Falschmünzer Europas" - überzog er selbst aus Seehofers Sicht. "Es hat sich eine Menge an Groll aufgestaut", sagt ein prominenter Christsozialer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
(Veit Medick und Severin Weiland 26.10.12)

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Aua, aua, au.




Jetzt habe ich seit einer Woche wieder dieses pochende, dicke, rote Ei am rechten Oberarm.
So reagiere ich immer auf Impfungen. 
Vor ein paar Jahren habe ich mich einmal überreden lassen die Injektion in den Hintern zu bekommen - „damit du nicht beim Schreiben gehandicaped bist!“
Das war ja noch blöder. So ein Arm hängt ja meistens nur freischwingend umher, während man auf seinen vier Buchstaben sitzt oder liegt. Das mache ich nie wieder.

Wenn man zwei Ärzte fragt, ob man sich grippeimpfen lassen sollte, bekommt man dazu drei Meinungen. Relativ unstrittig ist nur, daß sich Alte und Schwache impfen lassen sollten.

 Ich klammere mich an die Theorie, daß neben der echten Influenza die Grippeimpfung auch indirekt ein bißchen gegen grippale Infekte helfen könnte, weil das Immunsystem schon mal in Wallung gebracht wird.

Ob stimmt? Letztes Jahr hatte ich mal wieder einen Totalausfall mit fast 40°C Fieber und einer Woche stramm im Bett liegen (trotzdem gebloggt!); davor ging es ein paar Jahre gut.

Jedenfalls gehöre ich wohl zur Influenza-gefährdeten Spezies Mensch, da ich regelmäßig in Wartezimmern, Krankenhäusern und mit Pflegepersonal verkehre.
Also lieber doch impfen.

Man liest ja dauernd von den Lieferschwierigkeiten, die Apotheker mit den aktuellen Seren haben. 

Zum Glück ist meine Apothekerin, Frau Dr. Gül Özdemir, richtig gut und bemüht sich immer intensiv um alle ihre Kunden, also auch um mich.

Vor ca zwei Wochen rief ich sie an und bekam das OK. 
Sie habe das Serum nun da; ob sie den Boten schicken solle, oder wolle ich das selbst abholen.

Nein, nein, ich käme selbst, da ich noch vorher zum Internisten müßte, um ein weiteres Rezept für einen alten Herren abzuholen, um den ich mich kümmere.
Der gute Mann ist bettlägerig und wird vom Pflegedienst versorgt. 
Irrtümlich denkt man, so einer könnte sich ja nicht anstecken, wenn er nie rausgehe. Aber weit gefehlt, denn die Pflegerinnen sind echte Virenschleudern. Schließlich gehen sie den lieben langen Tag von einem Kranken zum Nächsten.
Für jemanden, der schon aus dem letzten Loch pfeift, kann aber eine Influenza der Exitus sein. An Grippe sterben in Deutschland mehr Leute als im Verkehr.

In Deutschland erkranken jedes Jahr vier bis zehn Prozent der Bevölkerung an Grippe (Influenza). Bis zu 4,5 Millionen Krankschreibungen gibt es deswegen. Das Robert-Koch-Institut geht von jährlich 5000 bis 15 000 Grippetoten in Deutschland aus.

 Alt und krank und schwach ist eine gute Indikation, um sich grippeimpfen zu lassen. 
Also lieh ich mir seine Barmer-Ersatzkasse-Karte, ging zu seinem Internisten und bat um ein Rezept für eine Grippeimpfung.

Aber das ginge leider gar nicht, bedeutete man mir. Der Impfstoff sei noch gar nicht fertig und es könne noch Wochen dauern, bis er ausgeliefert würde.

Verblüffende Information. 
Ich hätte doch aber heute Morgen mit Frau Özdemir gesprochen und die habe den Impfstoff da!

Aber nicht den für die Barmer-Patienten, Herr Tammox. Sie sind ja privat-versichert.

Ach so.

Daher habe ich jetzt das Ei am Arm.

 Kostete € 22,66. Afluria 2012/2013 mit Nadel von Merck. Kosten erstattet meine PKV. 

Die Barmer GEK hat aber einen exklusiven Vertrag mit Novartis ausgehandelt.
 Daß die Schweizer nicht liefern können wissen wir schon seit sechs Wochen.
 Die gesetzlichen Krankenkassen legten seit dem aber intensiv die Hände in den Schoß und beschäftigten sich mit Däumchendrehen. 

In Hamburg und Teilen von Norddeutschland fehlt ausreichend Wirkstoff für die jährliche Grippeschutzimpfung. Der Hersteller Novartis kann anders als in früheren Jahren erst Ende September liefern. Die Krankenkassen haben aber nach einer Ausschreibung einen Vertrag mit Novartis geschlossen, sodass allein dieser Hersteller zum Zuge kommen soll. Novartis hat mit Kassenvertretern für heute einen Krsiengipfel anberaumt.   Denn Hamburger Hausärzte warnen bereits: Wenn chronisch Kranke, Kinder und Menschen in Altenheimen zu spät geimpft werden, könnte der Schutz nicht mehr reichen, wenn die Grippeviren sie angreifen. "Das ist eigentlich ein Skandal, dass die Firma, die mit den Krankenkassen einen Vertrag abgeschlossen hat, nicht liefern kann", sagte Dr. Stephan Hofmeister dem Hamburger Abendblatt. Er ist der Vize-Vorsitzende der Vertreterversammlung in der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Hofmeister sagte, die Grippewelle in Australien sei stärker ausgefallen als gedacht.

 Aber auch Ende September wurde das nichts. 

Mitte Oktober gab es immer noch kein Serum für Kassenpatienten. 

Exklusivverträge mit dem Hersteller Novartis für Begripal gibt es Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern.
Wer also im hohen Norden oder im Südosten privat versichert ist, kann sich schützen, Kassenpatienten müssen einkalkulieren womöglich zu sterben.

Frau Özdemir ist entsetzt und sagt die Kassen spielten mit der Gesundheit ihrer Patienten.
So ist das in der Zweiklassenmedizingesellschaft Deutschlands. 
Mein Nachbar, der bettlägerig und ausgemergelt ist, hat zwar kein schmerzendes Ei am Arm, aber dafür stirbt er womöglich an Influenza.

Ein echter Skandal. 
 Müßte da nicht eigentlich das Gesundheitsministerium einschreiten?
Ach nein, Gesundheitsminister ist ja ein FDP-Mann, der sich ohnehin nur um Privatpatienten kümmert.
 FDP-Mitglieder bekommen bei meiner Privatkrankenkasse sogar einen speziellen Rabatt von 5 %.

Die Nähe der Liberalen zur privaten Versicherungswirtschaft geht über politische Kontakte weit hinaus. Zwischen der FDP und der Deutschen Krankenversicherung gibt es auch eine geschäftliche Kooperation: ein vergünstigtes Rundum-sorglos-Paket allein für Parteimitglieder.
"Exklusiv für FDP-Mitglieder", so lautet das Angebot. Genauer: die "liberale Alternative zur Gesundheitsreform". So wirbt die Deutsche Krankenversicherung DKV, Europas größter Privatversicherer, auf der FDP-eigenen Internet-Plattform netzwerk-mit-nutzwert.de. Weitere Informationen? Nur für den, der sich als "FDP-Mitglied verifizieren" kann.
Auf den Seiten der DKV selbst wird es noch deutlicher. Das Logo der Liberalen prangt unter dem der DKV. Daneben drei glückliche Anzugträger und der Claim: "Freie Demokratische Partei und DKV - starke Partner".
Eine Partnerschaft, die sich auszahlt für FDP-Mitglieder und Mitarbeiter. Es gibt Fünf Prozent Rabatt. Vorerkrankungen sind - anders als üblich - kein Grund, den Versicherungsschutz zu verweigern.

 Ich frage mich, ob ich einen bestimmten Aufpreis bezahlen müßte, wenn heraus käme, daß ich SPD-Mitglied bin.

Mein bettlägeriger Nachbar kann noch etwas länger auf seine Novartis-Impfung warten. 

Zwar sind erste Chargen inzwischen nach Deutschland gekommen, aber die sind gleich wieder verboten worden.

Nachdem in Ampullen zweier Grippeimpfstoffe des Herstellers Novartis weiße Partikel entdeckt worden waren, schlugen italienische Behörden Alarm. Die Aktion endete zunächst in dem Verkaufsstopp der beiden Impfstoffe Fluad und Agrippal in Italien, später auch in der Schweiz und in Österreich. Jetzt haben auch die deutschen Behörden ein Verkaufsverbot verhängt.
Das Verbot betrifft vier Chargen des Impfstoffs Begripal und eine Charge des Impfstoffs Fluad.

Was sagt der Gesundheitsminister dazu?
Nichts.
Wozu auch. In Merkels Tu-nichts-Regierung ist das üblich und so kommt die regierende CDU auf satte 12 Prozentpunkte mehr in den Umfragen als die SPD.
Dem Urnenpöbel gefällt es.