Montag, 7. August 2023

Bleibt wie es war

Bevor Ratzi mit 78 Jahren Papst wurde, war er schon sehr lange sehr mächtig.

1982 wurde er Kardinalpräfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und blieb 23 Jahre oberster Glaubenswächter der 1,3 Milliarden Katholiken. Außerdem stieg er auch in der formalen Hierarchie zum Dekan des Kardinalskollegiums auf und war damit offiziell der Mächtigste der Purpurträger.

Der größte Machtfaktor war aber ein zunächst meistens auf Weltreisen abwesender und schließlich schwer kranker Papst Woytila, der sich überhaupt nicht für die Kurie interessierte und alle Entscheidungen seinem Glaubenspräfekten überließ.

Ratzi konnte die Weltkirche also schon seit den frühen 1980ern nach seinen erzkonservativen Pädotäter-freundlichen Vorstellungen prägen.

 Unzufrieden und undankbar war er aber trotzdem, weil er ob seiner recht abstoßenden Persönlichkeit von niemanden gemocht wurde und außerdem auch immer nur ein rotes oder schwarzer Kleid tragen durfte, während er in Wahrheit auf die ganz pompösen güldenen CSD-Traumroben stand. Aber nicht nur, daß er sich selbst nicht wie bei Ru Pauls Dragrace aufbrezeln konnte, schmerzte ihn. Es empörte die Katholische Nummer Zwei auch, daß sein irdischer Chef so schrecklich hetero war und gar keine Freude an Gold- und Juwelen-besetzten Prunkkleidchen empfand. Der nur sieben Jahre ältere Karol Józef Wojtyła verzichtete demonstrativ auf jeden Pomp und galt dennoch als sehr charismatisch, hatte ständig Gäste aus allen Teilen der Welt zum gemeinsamen Essen und benahm sich dabei, wie ein ganz normaler Priester. Afrikaner, Inuit, Japaner oder Kreolen, zu allem Übel auch noch Juden, Buddhisten und Muslime – jeder durfte ihm offen sein Herz ausschütten. Und dafür liebten sie ihn. Wie das an Ratzi genagt haben musste! Da war dieser Papst vor seiner Nase, mit dem er rein theologisch auf der gleichen ultrakonservativen Wellen schwang, der aber so sehr die Prachtentfaltung vernachlässigte, sich unpäpstlich mit gewöhnlichen Plebs abgab und dennoch so verehrt wurde.

Am Schlimmsten waren die 1986 von Wojtyła erfundenen „Weltjugendtage“, zu denen bis zu vier Millionen junge Menschen erschienen, um dem ollen Polen im schlichten Weiß, ganz ohne eingestickte Perlen und Diamanten zuzujubeln. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Ratzi öffentlich seine Contenance verlor, indem er seine ganze Eifersucht, seinen Neid und seine Missgunst zeigte, indem er 2000 laut gegen seinen Chef ätzte: „Die brauchen wir nicht, diese Jugendlichen“, ließ der Glaubenspräfekt wissen - angesichts einer Vielzahl gebrauchter Kondome, die auf einer Wiese beim Weltjungendtag hinterlassen wurden. Pfui, womöglich waren beim Sex auch noch Frauen involviert – das konnte Ratzi, der sich immer nur mit Geschlechtsverkehr zwischen Priestern und kleinen Jungs beschäftigt hatte, ohnehin nicht leiden.

Nachdem Wojtyła am 02.04.2005 endlich die Hühner gesattelt hatte, ging Ratzi aus dem Konklave am 18. und 19. April 2005 wenig überraschend als Sieger hervor. Kunststück; er selbst hatte 23 Jahren in der Kurie die Fäden gezogen, fast alle wahlberechtigten Kardinäle verdankten ihm ihr Amt. Zudem sprach sein fortgeschrittenes Alter für ihn. Noch mal wollte niemand ein 27-Jahre Rekord-Pontifikat. Nur der antisemitische Unfehlbarkeits-Ferretti (Papst Pio Nono von 1846 bis 1878) hatte noch länger regiert. Das will aber keiner in der Kurie, denn schließlich trachtet jeder danach, selbst Papst zu werden. So herrscht schon mal ganz miese Stimmung, wenn gesunde Typen wie Ferretti mit 54 Jahren oder Wojtyła mit 58 Jahren auf den Thron springen und die Tiara aufstülpen.

Der letzte im Amt, der mutmaßlich von seinen Brüdern umgebracht wurde, war 1978 Albino Luciani im Alter von 65 Jahren. Aber solche Aktionen erfordern natürliche das blitzartige Verschwindenlassen der Leiche ohne Obduktion und das wird heutzutage mit der garstigen Presse auch immer schwieriger. Also lieber gleiche einen greisen Wackelkopp zum Chef machen. Am besten mit nur einem Lungenflügel, wie Bergoglio.

Als Ratzi selbst den Thron bestieg, war natürlich Schluß mit der Bescheidenheit. Endlich. Er gab Millionen Euro für edelsteinbesetzte und golddurchwirkte Kostüme aus, zog rote Prada-Slipper an, ließ Hermelin-besetzte Hütchen anfertigen.

Seine Kritik an den Weltjugendtagen vergaß er auch ganz schnell; schließlich stand kurz nach seiner Machtergreifung der Weltjugendtag in Köln an. Das war geniales Timing. Deutschland war noch im Rausch über den ersten deutschen Papst nach einem halben Jahrtausend; der alte Ratzi war noch „der Neue“ und viele Durchschnittskatholiken hatten keine Ahnung, was für ein fieser Charakter er ist.

Da er beim XX. Giornata mondiale della gioventù Colonia nun selbst bejubelt wurde, fand Ratzi die Aktion auf einmal ganz toll und konnte sich auch nicht weiter an dem Attentat, das am ersten Tag auf Frère Roger am 16. August 2005 in Taizé verübt wurde, stören.

Weltjugendtage sind bis heute reine PR-Shows zu RKK-Werbezwecken, bei denen es darum geht, Nachwuchs zu rekrutieren und nicht etwa darum, das Richtige zu tun.

Das hält Kinderfi**erfreund Bergoglio ganz genauso und ärgert sich über renitente Portugiesen, die ihm die Stimmung verderben.

[…..] Der Besuch des Papstes und der Weltjugendtag führten in Lissabon auch zu zahlreichen Protesten. Zum einen wurde gegen die hohen Kosten protestiert, die der portugiesische Staat für die katholische Massenveranstaltung aufbringt. Zum anderen wurde an Missbrauchsfälle erinnert, für die katholische Priester verantwortlich sind.  [….]

(SPON, 07.08.2023)

Dabei zeigen gerade das Beispiel Portugal und die Anwesenheit des Pontifex Maximus, wie die katholische Kirche des Jahres 2023 mit dem massenhaften sexuellen Übergriffen durch Geistliche auf kleine Jungs umzugehen gedenkt:

Das Leid der Opfer verdrängen, die Aufklärung nach Kräften verhindern und ausschließlich das Wohl der Kirche im Auge haben.

Täterschutz vor Opferschutz; immer die Arme weit ausgebreitet für pädosexuell und sadistisch Veranlagte, um ihnen in den Priesterseminaren Raum zur freien Entfaltung zu geben. Demut und das Verhindern zukünftiger Taten will Bergoglio gar nicht erst anfangen. Einen Gottesdienst für die Betroffenen sexueller Gewalt durch Priester, ließ Bergoglio absagen.

[….] Beim Weltjugendtag trifft sich Papst Franziskus zwar mit Betroffenen, doch dabei bleibt es auch. Offensichtlich stört das Thema. [….] Dafür ließ ein Satz des Papstes aus einer Ansprache vor Kirchenvertretern aufhorchen: Die Skandale hätten das Antlitz der Kirche entstellt, sagte Franziskus, deshalb müsse sie sich nun in Demut läutern und dabei den "Schmerzensschreien der Opfer" zuhören. Da ist sie wieder, die eigentümliche Prioritätensetzung, die schon Benedikt XVI. vertreten hat: Worum geht es denn in erster Linie bei der Aufklärung sexueller Gewalt - um das Antlitz der Institution Kirche? Oder um Gerechtigkeit für die Opfer? Ohne Letzteres ist das Erste nur Fassadenmalerei.

Den Opfern solle die Kirche zuhören, hat Franziskus gefordert. Doch gerade die portugiesischen Bischöfe haben in diesem Jahr gezeigt, dass sie daran nicht interessiert sind. Der Untersuchungsbericht einer Expertenkommission unter Leitung des renommierten Kinderpsychiaters Pedro Strecht wurde im März zwar dankend angenommen. Gefolgt ist daraus bislang nichts.

Mehr noch: Die Bischöfe haben erklärt, keine Geldentschädigungen zahlen zu wollen. [….]  

(Annette Zoch, 04.08.2023)


 

Sonntag, 6. August 2023

Opfer pflastern ihren Weg

 Also, das muss ich schon zugeben; die Zerstörungskraft der Sahra Sarrazin ist beeindruckend.

(….) Sahra Sarrazins Querfront-Kurs wird immer kompromissloser. Waren es vor Jahren vereinzelte völkische und queerfeindliche Floskeln, die sie von ihrem zweiten Ehemann übernahm, deckt sie inzwischen zuverlässig den gesamten Aluhut-Kosmos ab. Völkisch, national, homophob, antisemitisch, covidiotisch und putinesk.  (….)

(Linker Exodus, 12.09.2022)

 Wie so eine Art Kardinal Woelki der Linken, schafft sie es fast im Alleingang, ihre Partei zu entvölkern und an der Wahlurne in die Bedeutungslosigkeit zu drücken.

(….) Die rationalen Anhänger der Linken verzweifeln, weil ihre eigentlich bevorzugte Partei dadurch kontinuierlich unwählbar bleibt. Ob dieses massiven Wagenknecht-Querfront-Problems, blieb die Linke bei der Bundestagswahl 2021 unter der 5%-Hürde und stürzte bei den folgenden Landtagswahlen sogar auf das „sonstige-Niveau“ ab.

(…) Aber nachdem die Linke nach der Bundestagswahl (4,9%), weitere dreimal bei Landtagswahl für ihre elende Schwurbelei und Unfähigkeit, sich von der Querfront zu trennen, schwer abgestraft wurde – 27.03. im Saarland 2,6%, 08.05. Schleswig-Holstein 1,7%, 15.05. NRW 2,1% - und bundesweit klar unter 5% entlangkrebst, demonstriert sie weiterhin ihre völlige Politikunfähigkeit. Geradezu erbärmlich, wie sich die einst so stolze Partei von ihrer völkischen AfD-Freundin Sahra Sarrazin und dem doppelten Partei-Zerstörer Lafontaine zerhacken lässt.  (…)

(Wie lange noch, Linke?, 15.06.2022)

Durch Wagenknechts sagenhafte Arschloch-Qualitäten – sie klebt hartnäckig auf dem Bundestagssitz ihrer verhassten Partei fest, schwänzt aber fast alle Parlamentssitzungen und stieg zu einer der Top-Nebenverdienst-Volksvertreterinnen auf – atomisiert sie aber nicht nur eine Partei, sondern hinterlässt auch auf der menschlichen Ebene Leichen.

Nicht nur die Politikerin vertritt abstoßende Ansichten, sondern auch der Mensch Sahra Wagenknecht scheint charakterlich völlig verdorben zu sein. Man kann sich nicht auf sie verlassen, niemand will mehr mit ihr zusammenarbeiten.

Wenig überraschend, denn ihrem Egoismus opfert sie, wie eine klassische Soziopathin, die Karrieren jedes Parteifreundes, ohne mit der Wimper zu zucken. Stoisch kassiert Sahra Sarrazin trotz Arbeitsverweigerung weiter ihre Diäten, während ihren seriösen Parteifreunden nichts anderes übrig bleibt, als ihre Parteibücher zu schreddern, oder sich ganz aus der Politik zu verabschieden.

(….) Es passt ins Bild, Hamburg ist bei Weitem nicht der einzige Landesverband in Auflösung. Saarland, Rheinland-Pfalz, NRW und Hessen sind bereits kollabiert.

Wie ich gestern ausführlich darlegte, bleibt für seriöse Mitglieder gar keine andere Wahl. Sie müssen die Wissler-Ernst-Wagenknecht-Partei verlassen.

Die Bundesvorsitzende Hennig-Wellsow warf hin, die Rheinland-Pfälzische Landeschefin Melanie Wery-Sims folgte, trat sogar ganz aus. Den gleichen Schritt ging der Kollege aus NRW.

[….] Ein Beispiel dafür ist der langjährige nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Knud Vöcking. 28 Jahre war er Mitglied erst der PDS, dann der Linkspartei. Unmittelbar nach der Wagenknecht-Rede hat er seinen Austritt erklärt. „Meine Geduld ist zu Ende“, schreibt Vöcking in seiner Austrittserklärung.  [….]

(Pascal Beucker, 11.09.2022)

Auch der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider trat gestern aus. Heute legte Thérèse Fiedler, Fraktionsvorsitzende der Linken in Hamburg-Altona alle Ämter nieder. Der viel größere Paukenschlag war aber der über alle Parteigrenzen hinweg Achtung genießende Finanz-Guru Fabio de Masi, den ich seit Jahren bei jeder Gelegenheit lobe.

[….] »Ich habe soeben gegenüber dem Landesverband Hamburg der Partei meinen Austritt aus der Partei erklärt«, teilte De Masi auf Twitter mit. [….] In seiner Zeit als Bundestags- und davor als Europaabgeordneter galt De Masi als Finanzexperte bei den Linken. »Ich möchte nicht mehr in Verantwortung für das eklatante Versagen der maßgeblichen Akteure in dieser Partei in Verantwortung genommen werden, die eine große Mehrheit der Bevölkerung im Stich lassen, die eine Partei brauchen, die sich für soziale Gerechtigkeit und Diplomatie überzeugend engagiert«, schrieb De Masi weiter. Er habe versucht, seinen Teil dazu zu leisten, sei aber dabei gescheitert. [….] (SPIEGEL, 13.09.2022)

Es geht nicht anders, „nur raus da“ lautet das Motto der Rudimentär-Linken. Welch ein Drama um eine eigentlich so wichtige Partei in Deutschland, die als einzige konsequent für die nicht Privilegierten eintrat.

Die Wagenknechte der Partei streben nun aber einen Zusammenschluss mit den Nazis zu einem Querfront-Amalgam an, ohne von den beiden Parteivorsitzenden oder den beiden Fraktionsvorsitzenden aufgehalten zu werden.

[….] Die drei Linken-Landespolitikerinnen aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt König-Preuss, Nagel und Quade konstatieren: „Die Grenze des Erträglichen ist mit Blick auf das Gebaren von Sahra Wagenknecht und ihrer Getreuen schon lange erreicht.“ Konkret zählen sie Äußerungen gegen die Aufnahme von Geflüchteten, gegen die europäische Integration, gegen Coronaschutzmaßnahmen oder gegen Bündnispartner:innen aus den antirassistischen, Klima- oder Queerbewegungen auf. Auch beklagen sie Wagenknechts Glorifizierung einer Querfrontdemonstration in der tschechischen Hauptstadt Prag Anfang September. Dort hatte die – seit 2021 nicht mehr im Parlament vertretene – Kommunistische Partei gemeinsam mit rechtsextremen Parteien- und Organisationen sowohl gegen hohe Energiepreise und Sanktionen gegen Russland als auch gegen Corona-Impfungen, die Aufnahme von Flüchtlingen und die EU demonstriert. Wagenknecht sieht diese Demo als Vorbild für Deutschland an, wie sie in einem am Donnerstag auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlichten Video bekundet hat. [….]

(Pascal Beucker, 11.09.2022)

Sagenhaft, welches Zerstörungspotential das Partei-TNT-Paar Wagenknecht-Lafontaine entfalten kann.    (…)

(Linker Exodus – Teil II, 13.09.2022)

Heute ließ die völkische Schwurblerin den nächsten Parteipromi über die Klinge springen. Bemerkenswert ist aber, wie eiskalt Wagenknecht auch ihre wenigen ausdrücklichen Verbündeten opfert. Ganz wie bei dem von ihr stets gelobten Donald Trump, versteht sie Loyalität immer als Einbahnstraße.

[….] Linken-Fraktionschefin Amira Mohamed Ali zieht sich wegen des Umgangs ihrer Partei mit Sahra Wagenknecht von ihrem Amt zurück. »Ich habe mich entschieden, bei der kommenden Vorstandswahl nicht mehr für den Fraktionsvorsitz der Linken im Bundestag zu kandidieren«, heißt es in einer Erklärung Mohamed Alis. »Diese Entscheidung hat politische Gründe.« Den letzten Ausschlag habe die Distanzierung der Parteispitze von Wagenknecht Anfang Juni gegeben.  […..]

(SPON, 06.08.2023)

Ein Jammer, daß auch der von mir seit drei Jahrzehnten hochgeschätzte hochintelligente Gregor Gysi offensichtlich nicht mehr klar denken kann und das völkisch-faschistische radikal menschenfeindliche Geschwurbel ausdrücklich in der Partei behalten möchte.

[….] »Ist die Linke noch zu retten?«, heißt der Titel der Veranstaltung. Es geht darum, was geschieht, wenn Sahra Wagenknecht ihre Ankündigungen wahrmacht und eine eigene Partei gründet. Gysi wird deutlich. Er sei strikt dagegen, dass Wagenknecht das mache. Er sei aber auch strikt dagegen, dass man sie loswerden wolle. »Ich finde, zur Breite unserer Partei gehört selbstverständlich auch Sahra Wagenknecht.«   [….]

(DER SPIEGEL 31/2023, 29.07.2023)

So viele Jahre wünschte ich mir, Gysi würde eines Tages Bundesminister werden und der deutschen Politik durch seine unkonventionelle Denkweise neue Impulse verschaffen. Aber scheinbar sind auch bei ihm zu viele Synapsen durchgebrannt.

Samstag, 5. August 2023

Demokratie-Crash

Freundlicherweise griff Christian Ehring in der letzten Extra3-Sendung noch mal ausführlich meine Themen auf, denen ich mich in den letzten Wochen hauptsächlich widmete.

Da ist die katastrophale Performance der C-Parteien, die offensichtlich systematisch und leider erfolgreich daran arbeiten, die Faschisten groß zu machen.

Der Lügner Merz ist eine Schande der Politik.

Noch elender, als der gegenwärtige Faschisten-freundliche Kurs der deutschen Konservativen ist allerdings der Gesamttrend, der immer mehr zeigt, in welcher Hinsicht Autokratien der umständlichen Demokratie überlegen sind.

Die Menschen im Social-Media-Zeitalter des Jahres 2023 bevorzugen eben nicht automatisch Freiheit über Diktatur, Rechtssicherheit über Willkür, Freie Presse statt Propaganda, Berücksichtigung der Schwachen statt Durchmarsch der Starken. Sie lassen sich lieber belügen, statt reinen Wein eingeschenkt zu bekommen.

Der freie Mensch der Gegenwart – nur 45 Prozent der Menschheit leben in Demokratien – schließt sich freiwillig der diktatorischen Mehrheit an, indem er für einen starken Führer stimmt, der verbunden mit einer antihumanistisch orientierten und minderheitenfeindlichen Religion, die Säulen der Demokratie einreißt: Pressefreiheit, Gewaltenteilung, unabhängige Justiz, freie Wahlen.

Polen, Ungarn, Russland und die Türkei haben den Weg in die Diktatur nicht nur beschritten, sondern  im Falle Russlands auch weitgehend abgeschlossen.

Die vier genannten Staaten gelten nicht als klassische Demokratien. Sie hatten wenig Zeit demokratische Strukturen zu etablieren.

Umso erschreckender sind die Beispiele USA und Israel, die immer als Demokratien existierten und sich ebenfalls, wie die Weimarer Republik 1933 durch freie Wahlen für demokratieverachtende Kriminelle entscheiden.

[….] Denn die rechts-religiöse Koalition hat in der Knesset die Änderung eines Grundgesetzes durchgedrückt, das einer Aushebelung der Gewaltenteilung gleichkommt. Dem Obersten Gericht wird damit die Möglichkeit genommen, gegen "unangemessene" Entscheidungen der Regierung vorzugehen. Damit wird eine Kontrollinstanz in Israel ausgeschaltet.  [….] Anlass zur Sorge muss auch geben, dass sich Netanjahu in Interviews mit US-Medien nicht festlegt, ob er sich an ein Urteil des Obersten Gerichts halten würde. Seine Warnung, es könne zu einer Art Spirale führen, falls sich das Gericht nicht an eine Entscheidung des Parlaments halten sollte, lässt vermuten: Netanjahu zieht seinen Plan zur Entmachtung der Justiz weiter durch - koste es, was es wolle. [….]

(Alexandra Föderl-Schmid, 01.08.2023)

Während die Industriebosse in großen autokratischen Nationen, wegen der eingeschränkten oder abgeschafften Individualrechte die Diktatur bevorzugen – superreiche Unternehmer sind auch die Hauptspender der US-Republikaner - gibt es im kleinen Israel allerdings eine kuriose Sondersituation. Die wirtschaftliche Stärke des Landes resultiert nicht aus klassischer Schwerindustrie, sondern eher auf hochinnovativen Gentech-Firmen und Software-Startups, die weltweit führend sind. Eine Klientel, die auf Diversität und Freiheit aufbaut, sich also von Netanjahus erwünschter Diktatur fürchtet.

[….] Liora Katzenstein ist ein Urgestein der israelischen Hightech-Szene: [….]  "Wir haben hier schon vieles erlebt: Krisen und Kriege - aber nichts hat der Wirtschaft so geschadet wie das Vorhaben der Regierung." Die Folgen seien schon jetzt absehbar, sagt sie. "In Israel gibt es in den vergangenen Monaten einen stillen und konstanten Braindrain."

Seit Monaten gehen Tausende Menschen in Israel auf die Straßen, um gegen die Justizreform der rechtsnationalen Regierung unter Benjamin Netanjahu zu demonstrieren. [….] Viele der Protestierenden sind entsetzt, was aus der einzigen Demokratie im Nahen Osten zu werden droht. [….] Eine wesentliche Gruppe derjenigen, die Widerstand leisten, sind gerade jene Menschen, auf die Israel in den letzten Jahren besonders stolz war, die Gründer und Tech-Entwickler, welche die "Start-up-Nation" Israel ausmachen.  [….] In einer Studie des Branchenverbandes "Start Up Nation Central" gaben acht Prozent der Unternehmen in Israel an, dass sie bereits mit der Verlegung ihres Hauptsitzes begonnen haben. 29 Prozent bekunden die Absicht, dies in naher Zukunft zu tun. 20 Prozent der Investoren sagen, dass die Unternehmen in ihren Portfolios mit der Verlagerung ihres Hauptsitzes begonnen haben. Viele Unternehmen hätten bereits ihre Anlagen und Reserven aus den israelischen Banken abgezogen und an anderen Orten angelegt. [….]

(Sina-Maria Schweikle, 02.08.2023)

In den USA ernennen republikanischen Präsidenten schon seit 30 Jahren rechte Ideologen zu obersten Richtern. Der Supreme Court wird von fanatischen Trumpisten kontrolliert.

[….] US-Bundesrichter ohne moralischen Kompass [….] In den USA tobt die Debatte um Ethikregeln für den Obersten Gerichtshof. Besonders im Visier: Bundesrichter Clarence Thomas, der sich von Gönnern gerne beschenken lässt. [….] Die Liste der Vorwürfe ist lang: Jahrelang ließ sich Thomas vom superreichen Immobilienmagnaten Harlan Crow auf teure Reisen mit Crows Privatjets und seiner Superyacht einladen, ohne dies - wie es gesetzlich vorgeschrieben ist - zu melden. [….]  Crow bezahlte offenbar auch zwei Jahre lang die Schulgebühren in Höhe von 6.000 Dollar pro Monat für den Großneffen von Clarence Thomas, dessen Vormund der Richter ist. [….] Als fragwürdig gelten auch die Aktivitäten von Clarence Thomas' Ehefrau Ginni. Sie ist eine rechtskonservative Aktivistin, die sich in Lobbygruppen engagiert, die teilweise an Verfahren vor dem Obersten Gericht beteiligt waren. Darüber hinaus war Ginni Thomas eine treibende Kraft beim Versuch, die Präsidentschaftswahl 2020 für ungültig zu erklären; sie nahm vor dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 an der Kundgebung des abgewählten Präsidenten Donald Trump teil.  [….]

(ZDF, 30.07.2023)

Verfassungsfeinde im obersten Verfassungsgericht? Das passt zu einem Land, in dem ein amtierender Präsident einen blutigen Putsch versuchte, Das Parlament stürmen ließ, sich über Strafverfolgungsbehörden lustig macht, Justiz und Polizei beschimpft und den Justizminister/Generalstaatsanwalt der USA für seinen persönlichen Anwalt hält, der dafür sorgen soll, daß er außerhalb der Gesetze agieren kann.

Der wegen seiner vielfachen Verbrechen auf Bundes- und Staatenebene angeklagte Trump – siehe Trumps Sünden, Amerikas Tragödie – schwor als Präsident, die Verfassung zu schützen, tut aber das Gegenteil, indem er Verfassungsorgane ungeniert bedroht.

[….]  Staatsanwaltschaft bittet um Schutzverfügung nach Post von Trump.

Der ehemalige Präsident muss sich gerade vor Gericht verantworten. In einem Post in seinem sozialen Netzwerk »Truth Social« droht er anscheinend deswegen bereits mit Rache. [….]

(SPON, 05.08.2023)

[….] "Wenn Sie mich verfolgen, verfolge ich Euch", so drohte Ex-US-Präsident Trump nach der Verlesung der jüngsten Anklage gegen ihn. Sonderermittler Smith sieht darin einen Einschüchterungsversuch gegen Geschworene und Zeugen - und verlangt Konsequenzen.

Nach seinem Gerichtstermin in Washington hat eine Äußerung in sozialen Medien dem früheren US-Präsidenten Donald Trump neuen juristischen Ärger eingebracht. "Wenn ihr mich verfolgt, dann werde ich Euch verfolgen", schrieb der Republikaner auf der von ihm mitgegründeten Online-Plattform Truth Social einen Tag nach der Verlesung der Anklage gegen ihn in der US-Hauptstadt.

Nach Auffassung von Sonderermittler Jack Smith richtet sich Trumps Äußerung gegen Zeugen, Richter und Anwälte, die an dem Strafverfahren rund um versuchten Wahlbetrug und den Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 gegen Trump beteiligt sind. Smith zufolge ist Trumps Äußerung ein Beleg dafür, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass Trump vertrauliche Informationen, die ihm im Laufe des Verfahrens zugänglich gemacht werden, geheim halten wird.

In einem bei Gericht eingereichten Antrag des Sonderermittlers hieß es, es bestehe die Gefahr, dass Trump Beweismaterial, mit dem er konfrontiert werde, verwende, um Zeugen einzuschüchtern oder ihnen zu drohen. Smith bat das Gericht deswegen darum, Trump und seinen Anwälten rasch Grenzen für den Umgang mit sensiblen Informationen aufzuzeigen. Die zuständige Richterin Tanya Chutkan ordnete an, dass Trump sich bis Montagnachmittag zu Smiths Position äußern muss.  [….]

(Tagesschau, 05.08.2023)

Natürlich säße jeder andere Angeklagte, der sich so verhält, im Knast.

Trump aber nicht, weil er den Rechtsstaat bereits ausgehebelt hat.

Eine gesamte Partei verteidigt diesen Verfassungsfeind, den Schlächter der US-Demokratie.

75 Millionen haben ihn zuletzt gewählt und stehen fester denn je zu ihm.

Freitag, 4. August 2023

Regierende Faschisten und ihre Probleme


Unglaublich, daß Brian Molko schon 50 Jahre alt ist, daß es „Placebo“ schon 29 Jahre gibt.

Klar, nicht jeder mag dieses Grunge-Punk-Alternative-Genre. Ich höre das üblicherweise auch nicht, aber Placebo ist eine Ausnahme, weil mir die drei Schützlinge von David Bowie von Anfang an sympathisch waren: Der schwule schwedische Gitarrist/Bassist Stefan Olsdal (*1974), der bisexuelle androgyne belgisch-amerikanisch-schottisch-französische-italienische Sänger/Gitarrist Brian Molko (*1972) und der coole straighte US-Schlagzeuger Steve Forrest, geb 1985. (Steve Hewitt 1996-2007).

Dies ist nicht die Stelle, um 29 Jahre Musik zu erläutern. Aber es sei auf Molkos Familie verwiesen. Der Vater ist ein reicher internationaler US-Banker, der unbedingt wollte, daß der kleine Brian auch ein konservativer Anzugträger wird, der in der Finanzwelt Karriere macht. 2013 singt Molko „Rob the Bank/Of England and America/Rob the Bank/Of the entire euro zone“ seinem Erzeuger entgegen.

Die Mutter ist ultrareligiöse fundamentalistische schottische Christin, die den kleinen Brian nach der Bibel erzieht und möchte, daß er Pfarrer wird.

Druck erzeugt Gegendruck. Brian hasst beide Pläne, lackiert sich die Fingernägel, schminkt sich, kultiviert seine weibliche Seite, schmeißt die Schule und will Rockstar werden – und zwar in einer bis dahin homophoben Musikrichtung.

Das klappt nicht nur, sondern klappt erstaunlicherweise gleich auf Anhieb. Schon das erste Album, „Placebo“ von 1996 ist ein Erfolg. Die Tourneen sind ausverkauft, es entstanden bisher insgesamt acht kommerziell erfolgreiche Alben, obwohl die Band sich allen gängigen Erfolgsmechanismen widersetzt.

Die sehr früh, in Opposition zu seinem christlich-konservative-kapitalistischen Elternhaus ausgebildete, politische Sensibilisierung für die Ausgegrenzten, behält Molko bei.

1999 nimmt er „black Market Music“ auf uns fordert in seiner ganzen jugendlichen Schönheit im Eingangssong „Taste in Men“ den Männergeschmack ändern.

Change your taste in men
It's been this way since Christmas Day
Dazzled, doused in gin
Change your taste in men

In dem melancholischen Song „Follow the cops” (Meds/2006) solidarisiert er sich mit den Ausgestoßenen und Verfolgten, indem er ihnen vorschlägt, den Polizisten nach Hause zu folgen und mal ihre Häuser auszurauben.

Let's follow the cops back home And rob their houses

Im düsteren “Exit Wounds” (Loud Like Love/2013) leidet Molko so bitteren Liebeskummer, daß er zu Drogen und Selbstmord rät.

Want you so bad I can taste it

But you're nowhere to be found

Now I'll take a drug to replace it

Or put me in the ground

Put me in the ground

Der polyglotte und polylinguale Molko macht aus seinem Herzen keine Mördergrube und sagt klar was er von der fünf Jahre jüngeren Faschistin Meloni hält, die gerade Italien aufmischt: Nämlich nichts!

Am 11. Juli 2023 spielte Placebo auf einem Festival in Turin und erklärte dem johlenden Publikum in geschliffenen Italienisch, die Regierungschefin sei ein „rassistisches, faschistisches Stück Scheiße.“

Sicherlich nicht die feine englische Art, aber die adäquate Antwort eines queeren Rockstars auf eine Regentin, die drastische homophobe Attacken von sich gibt.

Meloni ist aber nicht bloß eine xenophobe und homophobe Faschistin, sondern auch noch sehr dumm.

So dumm, daß sie den Streisand-Effekt nicht kennt und nun europaweit kostenlose Werbung für Placebo macht, indem sie den italienischen Regierungsapparat nutzt, um den Sänger Molko zu verklagen.

[….] Ob Politprofi Meloni darüber persönlich wirklich empört war, weiß man nicht. Aber sie hat jedenfalls reagiert und Molko jetzt laut Medienberichten wegen Beleidigung verklagt. Ohnehin ermittelt bereits die Staatsanwaltschaft, denn wer die "Republik öffentlich beleidigt", macht sich nach italienischem Recht strafbar. Unter den Begriff Republik fällt neben den Gerichten, der Armee und dem Parlament eben auch die Regierung des Landes und damit auch die Ministerpräsidentin. Was man sagen kann, ist, dass Meloni unter ihrem Image als ultrarechte Politikerin leidet.  [….]

(Marc Beise, 04.08.2023)

Sehr schön, Meloni. Das bietet Gelegenheit noch mal dran zu erinnern, was die Italienische Ministerpräsidentin über bisexuelle Männer wie Molko zu sagen hatte.

„Ja zur natürlichen Familie! Nein zur LGBT-Lobby!“

Das muss ja super laufen in Rom, wenn die Regierungschefin Zeit hat, sich mit belgischen Sängern zu streiten.