Montag, 3. Mai 2021

Narrative

Was nützt ein kompetenter Kanzlerkandidat, wenn ihn niemand wählt, weil seine persönlichen Umfragewerte einfach zu schlecht sind?

So dachte Ende 2016/Anfang 2017 Sigmar Gabriel, der damals unumstrittene Herrscher der SPD. Als Parteivorsitzender hätte er selbstverständlich das sogenannte „Zugriffsrecht“ gehabt.

Seit 2009 war er SPD-Chef, seit 2013 Vizekanzler und seit Januar 2017 Außenminister.

Zickzack-Sigi, wie er wegen seiner notorischen Meinungsänderungen genannt wurde, ist sicherlich der begabteste Politiker seiner Generation, kann durchaus brillieren und in ausführlicheren Gesprächen so ein aufmerksamer und intelligenter Zuhörer sein, daß man restlos begeistert von ihm ist.

Blöderweise neigt er dazu, einen Tag später irgendetwas Schauderhaftes zu sagen, daß man sofort wieder vergisst ihn gerade noch so sehr gemocht zu haben.

Er wäre genauso gern Kanzler geworden wie es jetzt Söder will, aber da Gabriel wesentlich intelligenter und selbstreflektierter als der bayerische Ministerpräsident ist, zögerte er und überließ 2013 in einer abstrusen Sturzgeburt Peer Steinbrück die Kanzlerkandidatur.

Unglücklicherweise verschenkten die Deutschen die Gelegenheit endlich wieder einen fähigen Kanzler zu bekommen. Vier Jahre später wollte Immernoch-SPD-Chef Gabriel geplanter vorgehen, ließ für den Parteivorstand Umfragen erstellen, welche Chancen er gegen Angela Merkel hätte. Es sah nicht gut aus; der Außenminister war zu unbeliebt. Viel eher könne der EU-Mann Martin Schulz die Partei ins Kanzleramt führen, erklärten die Demoskopen.

Ihm fehle zwar Regierungserfahrung und die Sicherheit im Umgang mit der Berliner Presse, aber immerhin war er eine ernsthafte Machtoption. Er wäre also vielleicht erst mal kein guter Bundeskanzler, aber ein guter Kanzlerkandidat!

Martin Schulz war das Gegenteil von Olaf Scholz. Der heutige Bundesfinanzminister und Vizekanzler wäre ein guter Kanzler; er hat alle Fähigkeiten dazu. Aber er ist leider ein mieser Kanzlerkandidat, weil er die Wähler nicht mitreißt, nicht dazu geeignet ist viele Leute zu mobilisieren, um Wahlkampf für ihn zu machen.

Gabriel setzte also 2017 erneut nicht auf sich selbst, sondern den Chancenreicheren.

Zunächst einmal lief es wie am Schnürchen. Nach 12 Jahren hatte sich Merkelmüdigkeit ausgebreitet. Jemand aus Brüssel, der nicht zu dem inzestuösen Berliner Betrieb gehörte, wirkte frisch.

Zudem verkörperte der aus der tiefsten Provinz stammende Schulz glaubhaft eine Aufsteigerbiographie. Seine Familie war weder reich noch gebildet. Er hatte noch nicht einmal Abitur, sich aber in Brüssel als intelligenter Autodidakt zum Parlamentspräsidenten hochgearbeitet, sprach inzwischen vier Sprachen fließend und war durch seine Position automatisch für die Außenpolitik qualifiziert.

Ganz anders als beispielsweise Saskia Esken, kannten ihn alle europäischen Regierungschefs. Der Mann würde sich durchsetzen können.

Es bildete sich schnell ein einheitliches Narrativ in der deutschen Presselandschaft.

Martin Schulz wurde zu Martin, dem netten Mann aus dem Volk. Alle sprachen amüsiert und gleichzeitig bewundert von Würselen: Diesem schon phonetisch maximal provinziellen Nest, aus dem sich der Martin mit Fleiß und Bodenständigkeit ganz nach oben gearbeitet hatte. Die Metapher für den kleinen Mann, der es bis ins Kanzleramt schaffen sollte, war schnell gefunden: Der „Schulz-Zug“, der bald in jedem Artikel über die Bundestagswahl schnurgerade, wie auf Schienen, von Brüssel nach Berlin führte und so viel Platz bot, um die gesamte Partei mitzunehmen.

Die SPD schwoll in Umfragen auf 33% an, lag seit 11 Jahren erstmals wieder vor der Union. Die Linken und Grünen, die SPD-Parteilinken vergaßen sofort kollektiv, daß Martin Schulz ein Seeheimer war, weil sie alle vom Pro-Schulz-Narrativ gefesselt waren.

Diese komische Typ mit dem leicht unappetitlichen Fusselbart, der altmodischen Brille wurde gerade wegen seiner Fremdelei mit den bundesrepublikanischen Politprofis Klut.

Schließlich wird den alteingesessenen Ministern immer auch ein bisschen misstraut, ihnen alles Schlechte zugetraut. Da könnte frischer Wind nur hilfreich sein.

Wähler lieben dieses Außenseiter-Narrativ; so hatte sich kurz zuvor der hochadelige Multimillionär Karl-Theodor von und zu Guttenberg auf seinen 90%-Beliebtheitsolymp gehoben.
Er, der es eigentlich gar nicht nötig hätte, in die schnöde Politik herabzusteigen, der in der Wirtschaft erfolgreich gewesen war und mit seinen akademischen Graden beeindruckte.

Es war ganz offensichtlich Beschiss. Schon bevor er Minister wurde, hatten Magazine aufgedeckt, daß die mittelständige Firma, die er geleitet haben wollte, nur rein zufällig namensgleich war mit der Familienstiftung, in der er qua Geburt gesessen hatte. Seine Erfahrungen in der mittelständigen Wirtschaft waren ein Hirngespinst, seine Politik reine Show, es gab nicht die geringsten Spuren, die er als Wirtschaftsminister hinterlassen hätte, sein Doktortitel war Betrug. Der ganze Mensch ist Schall und Rauch, bestätigt sich bis heute als Lobbyisten-Windei, der für Wirecard und Augustus bei der Kanzlerin Propaganda machte. 90% der Deutschen liebten ihn aber dennoch, wollten ihn am liebsten per Akklamation zum Kanzler oder noch besser König machen.

Das Narrativ vom coolen Adeligen, der privat ACDC hört, nun aber die Politik aufmischt, war zu mitreißend.  Von SPIEGEL (Titelgeschichte „Die fabelhaften Guttenbergs“) bis BILD (wo praktischerweise sein Onkel Redakteur war) beteiligte man sich daran, nun im Yellow-press-Stil die Freiherrenfamilie zu feiern.

Blöderweise kam aber doch die schnöde Realität dazwischen, bevor Guttenberg im Kanzleramt eingezogen war. Das Narrativ vom Edelmann, dem alles gelingt und dem die Herzen nur so zufliegen, musste nach einigen brutalen Crashs mit der Wirklichkeit umgeschrieben werden zum Betrüger und Hallodri, der besser niemals in die Bundesregierung berufen worden wäre.

Martin Schulz erging es ähnlich. Er war als gefühlter nächster Kanzler ein idealer Schönwetterkandidat. Den wollte man nun auch als Parteichef und kürte ihn am 19.03.2017 mit historischen 100% zum Parteivorsitzenden. So viel Geschlossenheit gab es in der notorisch zerstrittenen SPD noch nicht mal bei Schumacher oder Willy Brandt. Wer sollte den Schulz-Zug nun noch aufhalten?

Als die schnöde Realität über ihn hereinbrach und die routinierte Kanzlerin ihn abtropfen ließ, wurde schnell deutlich, daß die Deutschen auch dem stimmigen Narrativ erlegen waren.

Profipolitikern war Schulz aber nicht gewachsen, machte Fehler, wußte nicht auf wen er hören sollte, wurde von der Parteizentrale getrieben, vermochte nicht sich durchzusetzen und beklagte sich öffentlich, er werde ungerecht behandelt. Im Kanzlerduell habe man ihm gemeine Fragen gestellt und er hätte nicht das sagen können was er wollte.

Und der Mann sollte sich von Würselen durch die gesamte EU-Bürokratie an die Parlamentsspitze gewühlt haben?
Nun musste ein neues Narrativ her. Geboren war der Jammer-Martin, der mit allem überfordert war.

Statt 34% wurden es am Ende nur 20% und als er nun noch alle seine Versprechen brach und ganz offensichtlich vor allem scharf auf einen schönen Posten für sich selbst war, wurde Mr. 100% von der SPD ganz schnell entsorgt.

Der schlaue Gabriel, der alles so intensiv geplant und demoskopisch durchforschen lassen hatte, mußte nicht nur zusehen, wie sein Idealkandidat des schlechteste SPD-Ergebnis seit 1949 geholt hatte, sondern war als Außenminister kurioserweise nun der beliebteste Politiker Deutschlands.

Hätte er mal ein Jahr zuvor nicht dem Umfragen über seine persönlichen demoskopischen Werte vertraut, sondern lieber auf einen Kandidaten gesetzt, der den Job kann.   Die Zahlen können sich ändern.

Wenn die Journalisten eine positives Narrativ verwenden, kann man fast nichts falsch machen. Dann geht es immer bergauf in den Umfragen.

So wie einst Guttenberg und Schulz, geht es im Moment Annalena Baerbock.

Wieder so ein Fall einer Außenseiterin ohne Erfahrung, in die alle Hoffnungen projiziert werden, so daß die demoskopischen Werte nur eine Richtung kennen: Nach oben!

Klebt aber einmal das Narrativ des unbeliebten Verlierers an einem, wird diese Haltung soweit dem Urnenpöbel eingeimpft, daß selbst winzige Fehlerchen und Versprecher höhnisch lachend in das „Da sieht man es wieder, der kann es nicht!“-Narrativ eingepflegt werden.

Peer Steinbrück wurde 2013 mit so einem toxischen Presse-Narrativ belegt.

Er war darin der auf großem Fuß lebende Schurke, der als Westerwelles Undercover-Agent die SPD neoliberalisieren wollte.

Lächerliche Petitessen, wie seine Bemerkungen keine Weine für fünf Euro die Flasche zu mögen, als Kanzler nicht im VM Golf fahren zu wollen oder sein Foto mit dem Stinkefinger für das SZ-Magazin wurden zu Megaskandalen, weil sie so breit besprochen wurden.

Markus Söder produziert jeden einzelnen Tag so viele Mini-Skandälchen, wie Steinbrück in seinem ganzen Leben. Söder ist aber wegen seines günstigeren Narrativs dennoch der Wunsch-Kanzlerkandidat der meisten.

Das Narrativ des ungeliebten Apparatschicks und Verlierers, der nie zum Kanzler gewählt wird, ist auch Bestandteil aller Artikel über Laschet – und zwar zu Recht.

Genauso ergeht es auch Olaf Scholz; allerdings in diesem Fall zu Unrecht.

Ein positives Narrativ ins Negative zu ändern, ist, wie wir gesehen haben, durchaus möglich. Zuletzt schaffte es Jens Spahn vom unheimlich fleißigen Corona-Minister und beliebtesten Mitglied der Bundesregierung in zehn Monaten zum hoffnungslos überforderten Raffke, der nun in allen Artikel das deutsche Missmanagement personifiziert.

Ein mieses Narrativ in ein Gutes zu kippen ist hingegen fast unmöglich.

Kaum vorstellbar, daß vor der Bundestagswahl ein einziger Journalisten so wohlwollend über Olaf Scholz schreibt, wie es jeden Tag 100 mal Baerbock widerfährt.

Sonntag, 2. Mai 2021

Probleme ganz rechts

Das ist schon nach kurzer Zeit zum running gag geworden:
Joe Bidens Präsidentschaft war bisher eine riesige Enttäuschung – für Comedians.

[…..] Three months into his presidency, it’s time to admit that Joe Biden has been a huge disappointment. To comedians. All the jokes we were stockpiling about ancient, doddering “sleepy Joe”? Useless. The man has been nothing short of sharp, focused and completely on top of things. We were expecting a font of comedy gold about a senile geezer showing up to work in his pajama bottoms and plowing his motorcade into a farmer’s market. Forget the dog – he was going to bite someone on the south lawn. But a funny thing happened on the way to the old-age home: Biden slayed the orange dragon and is now spearheading the most transformative administration since FDR with an approval rating of 59%. Even the Joe Biden tics and gaffes that used to bug us, the hair smelling and the getting lost in a sentence and the challenging of random people to a fight in the parking lot – gone. Biden stepped up his game – yes, he got better at 78. What a mind-blowing concept that must be to the younger generations for whom writing someone off simply for their age is the last acceptable prejudice. […..]

(Bill Maher, 24.04.2021)

100 Tage im Amt ganz ohne Skandal, ohne Golf-Trips, ohne tägliche durchgeknallte Tweets. Ein Präsident, der bloß konzentriert im Weißen Haus sitzt und seine Arbeit tut, ist man gar nicht mehr gewöhnt.  Die amerikanischen Medien müssen einige Gänge runterschalten.

[….] Seit Trump nicht mehr im Weißen Haus sitzt, sind die Quoten von Fox eingebrochen. Zwar leiden auch linke Sender wie CNN unter der penetranten Sachlichkeit des neuen Präsidenten Joe Biden, der nie auf die Idee käme, schon morgens vor dem ersten Kaffee eine Salve Tweets auf die noch schläfrige Nation abzufeuern. […..]

(DER SPIEGEL, 30.04.2021)

DAS Trump-Medium FOX trifft es aber besonders hart. Murdochs Sender hatte in einer vollkommen Symbiose mit IQ45 gelebt, schon früh morgens seine neuesten irrsten Attacken transportiert, wofür er sich mit exklusiven Zugang ins Innerste der Macht revanchierte und nahezu täglich mit den ultrarechten Verschwörungstheoretikern von FOX telefonierte.

FOX fördert aktiv die Pandemie und möchte mehr Menschen sterben lassen, indem es wie Trump gegen Masken agitiert.

FOX empfiehlt  seinen Zuschauern auf Menschen mit Masken zuzugehen, um zu verlangen, daß sie die Masken abnehmen!

FOX verschaffte der Person Trump Aufmerksamkeit und streichelte sein Ego, dafür übernahm der Präsident willig die Themen aus dem braunrechten Dobbs-Hannity-Carlson-Ingraham-Sumpf und beförderte deren Mitarbeiter direkt in die US-Regierung.

Es war so schön. Und so lohnend; besonders finanziell.

Nach Trumps Abwahl stand FOX weiter auf seiner Seite, verbreitete eifrig die Verschwörungstheorie, nach der er um den Sieg betrogen worden wäre und prognostizierte wie das orange Idol die Einführung des Kommunismus, einen wirtschaftlichen Niedergang und Zusammenbruch des Aktienmarktes.

Blöderweise geschah das diametrale Gegenteil.   Unter Bidens Präsidentschaft zog durch seine Maßnahmen erwartungsgemäß der Konsum so kräftig an, daß Monat für Monat eine Millionen Jobs entstehen, die Wirtschaft wächst wie seit Jahren nicht mehr und der Dow Jones Rekorde verzeichnet.

Natürlich lügt FOX die ökonomischen Tatsachen weg, aber da die Bürger der USA offensichtlich nicht in Armut und Agonie verfallen, sondern voller Optimismus Geld ausgeben, bleiben immer weniger Zuschauer für Murdochs braune Schwarzseher; zumal die total Fanatischen unter ihnen noch härteren Stoff bei den rechtsextremen Lügenstationen Newsmax und AON finden.

[….] Rechtes Kabelfernsehen in den USA funktioniere wie die Pornoindustrie, sagt die Medienexpertin Ellen Goodman, die Jura an der Rutgers-Universität lehrt: Wer als Kunde mit dem »Playboy« angefangen habe, verlange schnell nach schärferer Ware – und Fox sei immer bereit gewesen zu liefern. [….] Die Gemütsruhe des neuen Präsidenten trifft Fox News auf ganz besondere Art: Seit der US-Wahl hat der Sender gut die Hälfte seiner Zuschauer verloren. Waren es Ende Oktober 2020 im Tagesdurchschnitt noch rund 2,4 Millionen, sind es heute gerade mal 1,2 Millionen. Biden sei ein »Desaster« für rechte Shows, seufzte kürzlich der Fox-Kommentator und Trump-Fan Dan Bongino in einem Interview.   Wie die republikanische Partei hat auch Fox News seit der Wahl den Fixstern verloren. Und zu Murdochs Ärger könnte der Sender nun erstmals in seiner Geschichte für die Lügen verantwortlich gemacht werden, die er seit Jahren in die Welt setzt. […..]

(DER SPIEGEL, 30.04.2021)

Zuschauer kommen und gehen, was aber FOX-Besitzer Murdoch gar nicht leiden kann, ist daß seine Einnahmen damit wegbrechen.

So wird FOX nun zur reinen rechtsradikalen Propaganda-Maschine, die drastische und hochgefährliche Lügen verbreitet.

Die letzten Jahre haben eindrucksvoll bewiesen, daß man den verschwörungstheoretisch verseuchten Amerikanern, die ohnehin streng abgeschirmt in ihrer Blase leben, in der sie nur das hören, was ihrem ultrarechten Weltbild entspricht, nicht mehr erreichen kann.

Sie sind keinen Argumenten mehr zugänglich, widersetzen sich hartnäckig allen Fakten, die ihren Irrsinn entlarven und sind nicht bereit aus ihrer Wahnwelt hinaus zu treten. So glauben immer noch 30% der Amerikaner, eigentlich habe Trump die Wahl gewonnen. Das sind immerhin 100 Millionen Menschen, die auch an die Überlegenheit der Weißen Rasse und die göttliche Schöpfung glauben. Sie behaupten Impfungen lösten Autismus aus, bestreiten den Klimawandel, hassen Schwule, Immigranten und Transgender genauso sehr wie die allgemeine Krankenversicherung. Sie fordern eindringlich das Verbot jeder Schwangerschaftsunterbrechung wie „Open Carry“ von Sturmgewehren für jedermann.

Diese 100 Millionen Menschen sind eine ökonomische und gesellschaftliche Macht, der sich die US-Republikaner total verschrieben haben.

Sie sind so fanatisch, daß sie im Gleichklang mit FOX und Trump grundsätzlich alle Vorhaben der Biden-Administration bis aufs Blut bekämpfen – selbst, wenn er 100% GOP-Gesetze verabschieden wollte.

Biden kann es sich daher sparen seine politischen Taten auf Überparteilichkeit abzuklopfen, um die Republikaner mit ins Boot zu holen.   Sie werden es niemals tun.    Politisch sind die Rechten nicht zu bekämpfen. Es gibt aber zwei andere Schwerter. Ein Stumpfes und ein sehr Scharfes.

Es gibt eine gewisse Hoffnung die 100 Millionen bewaffneten Fanatiker durch demographische Faktoren zu „outnumbern“.

Es gibt außerdem das amerikanische Schadensersatzrecht, daß zu drakonischen Strafen führen kann.

Der zum Disney-Konzern gehörende TV-Sender American Broadcasting Company (ABC) aus New York hatte 2012 in einer Reportage gesagt, ein Wurstprodukt des Fleischproduzenten Beef Products Inc. (BPI) bestehe aus „pinken Schleim“.

Im Auftrag von BPI verklagte der gewiefte Anwalt J. Erik Connolly Disney daraufhin auf mehrere Milliarden Dollar Schadensersatz und bekam einige Jahre später in einem Vergleich immerhin noch 177 Millionen Dollar ausgezahlt.

[…..] Disney paid Beef Products Inc. (BPI) $177 million to settle the 'pink slime' lawsuit that claimed a story ABC ran in 2012 misled viewers and caused hundreds of layoffs.   On Wednesday, Walt Disney Co's quarterly earnings report revealed that the company spent $177 million "in connection with the settlement of litigation" last quarter.   The case could have resulted in a verdict of as much as $5.7 billion if BPI had won.  In late June, ABC announced it had reached an "amicable resolution" with BPI. [….]

(Business Insider, 09.08.2017)

Insbesondere die Fox-Stars Hannity und Tucker Carlson verbreiten Trumps Gaga-Thesen, nach denen die amerikanischen Wahlcomputer zu Gunsten Bidens manipuliert gewesen wären  Smartmatic und Dominion, zwei Hersteller von elektronischen Wahlmaschinen, verklagten FOX inzwischen auf 4,3 Milliarden Dollar Schadensersatz. Smartmatic wird dabei wie BPI vor einigen Jahren von Anwalt Connolly vertreten.

Das gefällt FOX gar nicht und man nimmt an, daß deswegen der irrste Trumpist Lou Dobbs von eben auf jetzt aus dem Programm gestrichen wurde.

Möge J. Erik Connolly Erfolg haben und so viel Geld aus FOX quetschen, daß sie nicht mehr ganz so dreist lügen können.

Samstag, 1. Mai 2021

Impudenz des Monats April 2021

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Es sind diesmal die Covidioten, die nicht nur einzelne Maßnahmen anzweifeln, oder sich im Detail widersetzen, indem sie sich privat mit einer Person mehr als erlaubt treffen.

Inzwischen sind sie zu hartnäckig die Realität leugnenden Verschwörungstheoretikern geworden, die dadurch eine tödliche Gefahr für alle darstellen.    Im letzten Monat zeigten sich einige Aspekte der Corona-Pandemie mehr als deutlich. Die Populisten wie Boris Palmer, die einfach mal zur Freude der Geschäftsleute Corona-Beschränkungen aufhoben, sind gescheitert.

Dort explodiert die Inzidenz. Palmer und Co verlängern damit die Pandemie und die Beschränkungen, unter denen wir alle leiden.   Die seriösen Politiker wie Peter Tschentscher, die früh auf konsequente Maßnahmen setzten und strenger als in anderen Bundesländern eine Ausgangssperre einsetzten, sind hingegen erfolgreich. Hamburg ist neben Schleswig-Holstein nun das einzige Bundesland mit einer Inzidenz unter 100.

Hamburg führt hat die geringste Neuinfektionsrate der 15 größten deutschen Städte.   Es ist einer der viele Belege dafür, daß nur die strenge Befolgung aller Eindämmungsregeln die Infektionen zurückgehen läßt. Umso schneller können wir die Pandemie hinter uns lassen.

[….] Die Pandemie hat [Tschentscher] im Ansehen weit nach vorne gebracht, auch über die Grenzen der Hansestadt hin­aus. Am Freitag kommt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) höchstpersönlich an die Elbe, um sich den Hamburger Erfolgsweg von Tschentscher erklären zu lassen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) soll große Sympathien für den Mann aus Hamburg hegen – in der Pandemie kämpft sie mit ihm auf der Seite der Vorsichtigen.   Während auf Bundesebene gerade erst die Ausgangssperre eingeführt wurde, verbietet Tschentscher den Bürgern seiner Stadt bereits seit Ostern die spätabendlichen Ausflüge an die frische Luft. Sein steter Dreiklang in der Krise: mahnen, verbieten, winzige Schritte in Richtung Öffnung – wenn überhaupt.  [….] Tschentschers Kurs ist keiner der schnellen Sympathiepunkte – und doch scheint den Hamburgern zu gefallen, was der Mann im Rathaus da macht.   Drei von vieren sind laut einer Forsa-Umfrage aus dem März mit der Arbeit ihres Bürgermeisters in der Pandemie zufrieden – von allen Ministerpräsidenten belegt Tschentscher damit im Beliebtheits-Ranking Platz eins.  […..]

(Geli Tangermann, 01.05.21)

Die Corona-Paniker Söder und Laschet, die Öffner Hans, Kretschmer und Ramelow sehen hingegen mit den Zahlen ihrer Bundesländer sehr alt aus.


  Wer jetzt sofort lockern will, sorgt damit sicher für eine verlängerte dritte, respektive vierte Welle. Dabei hätten wir schon die zweite verhindern können, wenn nicht die Covidioten so viele MPs hätten einknicken lassen.

Im letzten Monat gab es außerdem eine Flut von extrem eindrücklichen Berichten – also Interviews, Videos, Zeitungsartikel oder TV-Reportage – von den kurz vor der totalen Überlastung stehenden deutschen Intensivstationen.

Fast ausschließlich werden dort mit Corona-Mutanten infizierte Menschen behandelt. Sie sind viel jünger als vor einem Jahr und durchleben sehr schnelle dramatische gesundheitliche Verschlechterung. Das medizinische Personal arbeitet kontinuierlich am Limit, um diese Menschen am Leben zu erhalten.

[…..] MOPO: Herr Schilling, wie war Ihr Arbeitstag?

Jan Schilling: Es war der tägliche Corona-Wahnsinn. Seit März 2020 versorgen wir auf unserer Station Covid-Patienten, auch sehr schwer kranke Patienten, bei denen eine Maschine die Funktion der Lungen übernimmt. Man nennt das extrakorporale Membranoxygenierung, kurz ECMO, das ist das Maximum an Intensivmedizin, dazu braucht man geschultes Personal und man muss ständig gucken, wie man das Personal auf die Patienten verteilt.

[…..] MOPO: Wie erleben Sie das Sterben auf der Covid-Station?

Schiolling: Wir haben jetzt in der dritten Welle einen Altersdurchschnitt von 59 Jahren bei den Patienten, die sind also deutlich jünger als bei der ersten Welle im März 2020. Unsere jüngste Patientin war 26 Jahre alt. Sie ist gestorben. Und wenn ein Patient stirbt, der jünger ist als man selbst, das macht psychisch etwas mit mir und den Kollegen. Wenn ein Mensch mit 86 Jahren stirbt, dann ist das natürlich schlimm für die Familie. Aber ich habe selbst Kinder und wenn ich dann einen 46 Jahre alten Familienvater sehe und weiß, dessen Kinder werden ihren Papa nie wiedersehen, das nimmt einen wirklich mit.

MOPO: Sind diese jüngeren Patienten schwer vorerkrankt?

Schilling: Wir erleben es, dass Patienten, die eigentlich gesund waren, in die Notaufnahme kommen, weil sie schlecht Luft bekommen, dann verschlechtert sich ihr Zustand so, dass sie auf die Intensivstation kommen und dort sehen wir dann so schwere Verläufe, dass diese Patienten sterben. […..]

MOPO: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die 8000 Protestler gegen die Coronamaßnahmen in Berlin sehen?

Schilling:  Ganz ehrlich? Da könnte ich kotzen, Entschuldigung für den Ausdruck. Alle gehen auf dem Zahnfleisch, und das nicht seit einer Woche, sondern seit einem Jahr. Und was sehr belastend ist: Keiner kann uns sagen, ob wir noch drei Wochen oder drei Monate durchhalten müssen. Kontaktbeschränkungen sind die einzige Möglichkeit, dass sich weniger Menschen anstecken und im schlimmsten Fall auf der Intensivstation landen. Jetzt müssen sich noch mal alle zusammenreißen und keine Partys feiern. […..]

(MoPo, 26.04.2021)

Jeder, der Augen und/oder Ohren hat, kann sich rund um die Uhr selbst davon überzeugen, wie brutal die Auswirkungen dieser Pandemie sind.

Hartnäckig halten sich dennoch Überzeugungen, nach denen Corona wie eine „normale Grippe“ verschwinden werde, sobald es wärmer werde.  Auch dafür muss man die Augen fest vor der Realität verschließen.

Das ganz große Sterben findet nämlich gerade in Indien und Brasilien statt. Beides sind Nationen, die nicht gerade für ihr winterliches Klima bekannt sind, aber durch verzögerte Impfungen (auch weil die gierigen reichen Nationen die Vakzine wegkaufen und nicht genug abgeben) Virus-Mutationen hervorbringen.

Zuletzt infizierten sich in Indien 400.000 Menschen innerhalb von 24 Stunden. Es gab 5.000 Tote bei einer als sehr hoch eingeschätzten Dunkelziffer. In vielen warmen Ländern bewegen sich die Todeszahlen im sechsstelligen Bereich.


Der indische Premier Modi stemmte sich gegen einen Lockdown, Brasiliens Bolsonaro ist selbst Covidiot.

Die Konsequenzen der Covidiotenpolitik sind wie unter Trump ein Massensterben.


[…..] Den Krankenhäusern in Indien geht wegen der steigenden Zahl an Corona-Patienten der medizinische Sauerstoff aus. Die Soldatinnen und Soldaten sollen eine mobile Sauerstoffgewinnungsanlage der Bundeswehr in Indien aufbauen, Personal des örtlichen Roten Kreuzes einweisen und dazu 14 Tage im Land bleiben, sagte ein Luftwaffensprecher. Die sehr große Sauerstoffgewinnungsanlage soll am Mittwoch und Donnerstag mit zwei Transportflugzeugen geliefert werden.   Zuletzt wurden in Indien mehr als 400.000 Corona-Neuinfektionen in 24 Stunden registriert - ein weltweiter Höchstwert in dem Riesenland mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Krankenhäuser sind überlastet, sie müssen immer wieder Kranke abweisen. Angehörige suchen selbst verzweifelt Sauerstoffflaschen. Inzwischen haben nach indischen Angaben mehr als 40 Länder Hilfslieferungen zugesichert. [….]

(Tagesschau, 01.05.2021)

Covidioten sind aber vollständig resistent gegen Tod und Mitleid und Fakten.   Sie glauben nicht an die Horrorbilder aus Indien und Brasilien.  Werden sie mit Bildern aus Deutschland konfrontiert, schwurbeln sie los.

[….] Alltag auf Intensivstation

Die Mühlenkreiskliniken in Minden wollen Einblicke in die Covid-Intensivstationen geben. Mit einer Fotoreportage bilden sie ab, wie der Alltag auf der Intensivstation zurzeit ist. Dazu schreiben sie in einer Pressemitteilung, dass die Arbeit auf den Stationen seit Monaten „einem Kraftakt“ gleicht. Außerdem heißt es: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Intensivstationen und den Isolierstationen sind keine Heldinnen und Helden. Das ist auch gut so. Denn Held*innen sind in Filmen am Ende meistens tot. […] Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Menschen. Aus Fleisch und Blut. Mit Familien, Sorgen und einer persönlichen physischen und psychischen Leistungsgrenze, die bei vielen seit vielen Monaten kontinuierlich überschritten wird.“ [….]

(RTL West, 29.04.2021)



Freitag, 30. April 2021

Ich sage JA zum Iran

Was soll man schon machen, wenn das eigene Land zufällig mitten im größten Pulverfass der Erde liegt, man von direkten Nachbarn angegriffen wurde, man darüber hinaus massiv von zwei weiter entfernteren Atommächten bedroht, sowie immer wieder durch Luftschläge attackiert wird?

Auf die Idee, sich selbst Atomwaffen zu beschaffen, würde in der Situation auch der friedlichste Perser kommen.

(…..) Auch Biden scheint dem Irrglauben zu erliegen, die USA hätten das Recht andere Nationen maximal unter Druck zu setzen, dabei wissen wir gerade aus dem Iran, daß die brutalen Sanktionen aus Washington die Mullah-Regierung sogar stabilisierten.

Ich hingegen halte es grundsätzlich für problematisch, wenn Nationen, die selbst ganz selbstverständlich Kernwaffen produzieren und testen – Frankreich, GB und USA – anderen Nationen mit dem Zeigefinger vor der Nase herumfuchteln und ihnen Atombomben verbieten.

Was ich darf, darfst du noch lange nicht?

Außerdem ist es aus sicherheitspolitischen Überlegungen absolut verständlich, daß Teheran Atombomben anstrebt.   Der Iran wurde immer wieder mit westlicher Unterstützung militärisch angegriffen. Die USA lieferte dem Irak Waffen und Zielkoordinaten für den Angriff auf den Iran 1980. Der achtjährige Krieg kostete 500.000 bis 1.000.000 Iraner das Leben.   Die USA flogen 1980 und 1988 direkte Militärschläge gegen den Iran, griffen immer wieder Iranische Anlagen an und töteten einzelne Iraner.

Der prominenteste Fall war die Ermordung des iranischen Volkshelden und Generalmajors Kassem Soleimani im Januar 2020 durch das US-Militär.    Anschließend zeterte Trump los, er werde 52 weitere Ziele im Iran angreifen.

[….] Auf Twitter richtete Trump äußerst konfrontative Worte an die Islamische Republik, der er dringend von Vergeltungsakten abriet: Die für Iran und dessen Kultur teils sehr bedeutsamen Orte auf der Liste würden sonst "sehr schnell und sehr hart angegriffen", schrieb er in Großbuchstaben - ebenso wie das Wort "Warnung". Seine Tweet-Serie schloss Trump mit den Worten: "Die USA haben genug von Drohungen!" […..]

(SZ, 05.02.2020)

Die „Schurkenstaaten“, die sich gegen den Willen der USA tatsächlich Atomwaffen beschafft haben; Pakistan und Nord-Korea; sind hingegen nicht nur vollkommen sicher vor US-Angriffen, sondern werden als Partner auf Augenhöhe behandelt.

Iran hat bei seinen beiden großen Nachbarn – dem Irak und Afghanistan – erlebt, wie es einer Nation im Clinch mit den USA ergeht, wenn sie keine Atomwaffen haben. Beide wurden in die Steinzeit gebombt, haben Millionen Tote zu beklagen. (…..)

(Nicht so schreckliche Schreckensszenarien, 06.03.2021)

Im bekannten Iran-Atomvertrag von 2015, (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA), dem ganz wichtigen außenpolitischen Werk der Obama-Kerry-Regierung ging es darum, dem Iran jede Nutzung der Atomkraft zu verbieten.

Warum ein 85-Millionenvolk auf gar keinen Fall das darf, was ein 8-Millionenvolk in der Nähe ganz selbstverständlich tut und vom Rest der Welt akzeptiert wird, ist völkerrechtlich nicht zu erklären.

Dennoch hielt sich der Iran bekanntlich peinlich genau an die Bestimmungen des Atomvertrages. Er kooperierte mit den internationalen Kontrolleuren und die JCPOA-Vertragspartner USA, EU und UN attestierten Teheran dies wohlwollend.

Im Gegenzug sollte wieder der Handel stattfinden.

Dann kam allerdings ein vollkommen fanatischer irrer Vollidiot an die Macht – in den USA. Trump kündigte im Mai 2018 zum Entsetzen Europas, Russlands und Chinas einseitig den JCPOA, verhängte brutale Sanktionen nicht  nur gegen den Iran, sondern drohte sie auch allen Ländern an, die vertragstreu mit dem Iran Handelsbeziehungen begannen.    Die Europäer fügten sich dem illegalen Vertragsbrecher und Erpresser USA und standen nicht zu dem vertragstreuen Iran.

Washington ist zu mächtig, um zu widersprechen.    Die Sanktionen, der Ausschluss von Öl-Geschäften, das Handelsverbot und Corona sind eine brutale Mischung für Teheran.

Dort tobt die vierte Welle, das ganz große Sterben ist in vollem Gange.

[….] Die Arbeiter schichten graue Betonziegel übereinander zu einem Schachbrett aus Rechtecken, mehr als zwei Meter hoch. Es sind neue Gräber auf Irans größtem Friedhof Behescht-e Sarah am Rand der Hauptstadt Teheran. [….] Jetzt kommen jeden Tag mehr Tote hier an als während der schlimmsten Schlachten gegen Saddam Hussein.  Said Khal, der Direktor des Friedhofs, sagte jüngst im Staatsfernsehen, dass jeden Tag bis zu 350 Verstorbene zu bestatten seien. Mehr als 150 von ihnen seien an einer Covid-Infektion gestorben. Es seien "die härtesten und traurigsten Tage" in der 50-jährigen Geschichte des Friedhofs. In aller Eile wird eine neue Leichenhalle errichtet.   Iran befindet sich mitten in der vierten Corona-Welle, und es ist mit Abstand die schlimmste. Gesundheitsminister Said Namaki warnte bereits vor Wochen vor einer "Welle des Todes". [….] Der Große Basar von Teheran, noch immer das pulsierende Herz der Hauptstadt, hat die dritte Woche in Folge geschlossen - auch das gab es nicht einmal im Golfkrieg der Achtzigerjahre. Moscheen und Restaurants sind auch im laufenden Fastenmonat Ramadan dicht, es gibt Beschränkungen für die Nutzung privater Autos und für Reisen zwischen den Provinzen. [….] Die Sanktionen aber hindern Iran auch daran, die Pandemie wirkungsvoll zu bekämpfen. Obwohl es Ausnahmen für humanitäre Güter gibt, findet die Regierung kaum Banken, die bereit sind, Transaktionen für den Kauf von Beatmungsgeräten, Medikamenten, Schutzausrüstung oder dringend benötigten Impfstoff abzuwickeln. Gerade einmal 700 000 Impfdosen hat Iran erhalten, mit denen vor allem das Personal im Gesundheitswesen immunisiert wird. [….] "Die Sanktionen schaden nicht nur der iranischen Wirtschaft, sondern auch dem Recht der Iraner auf Gesundheit, indem sie den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten einschränken", sagte Mahmoud Farazandeh, Irans Botschafter in Berlin, der Süddeutschen Zeitung. Leider hielten sich die europäischen Länder "an die ungerechten amerikanischen Regeln und verweigern die Zusammenarbeit mit Iran sogar auf dem Gebiet der Medizin".[….]

(Süddeutsche Zeitung, 30.04.2021)

Natürlich halte ich islamische Theokratien nicht für sympathische Staatsform.

Aber „Religionsfreiheit“ ist doch einer dieser wichtigen Werte des Westens. Saudi Arabien, der Liebling der USA legt die Scharia noch strenger und brutaler als der Iran aus. Im Iran dürfen Transgender-Männer sich legal operieren lassen, 50 % der Frauen studieren.  Davon ist Riad weit entfernt. Das muslimische Pakistan ist sogar Atommacht, ohne daß es irgendjemand in den USA stört. Der größte muslimische Staat der Erde, Indonesien, ist geschätztes Urlaubsland und Handelspartner, die muslimische Türkei ist NATO-Mitglied. In den absoluten Golfmonarchien ist von Religionsfreiheit keine Rede. Das sind streng muslimische Staaten, die aber von westlichen Investoren umschmeichelt werden, während ihren Stränden gerammelt voll sind mit großbusigen kaum bekleideten europäischen Influencerinnen.

 In Washington regiert nun Biden.  Was ist bloß los mit der europäischen Außenpolitik, daß wir nicht endlich dem Iran inmitten einer Pandemie mit dringend benötigten medizinischen Hilfsmitteln zur Seite stehen?

Donnerstag, 29. April 2021

Weinen mit dem Stadtdechant

Ohne ehrerbietende Titel machen es die Amtsträger der Kirche der Armen (Bergoglio), deren Gott einst in der Inkarnation seines eigenen Sohnes das Zinswesen verdammte und die Geldverleiher davonprügelte, schon mal gar nicht.

Jesu‘ Zinsverbot ist aber sowas von out; nun betreiben die Kirchen gleich selbst Banken und werden mit Börsenspekulationen immer reicher.

Zottelige lange Haare, Sandalen und Lendenschurz sind ebenfalls seit vielen hundert Jahren vergessen. Nun trägt man Hermelinstolas, edelsteinbesetzte Purpurkleider, kassiert 15.000 Euro monatlich und residiert in römischen 700m2 Palazzi oder Münchens schönstem Rokoko-Palais wie Kardinal Marx.

In so einer Organisation ist der Chef der Priesterschaft eines Ortes natürlich auch nicht einfach „Oberpriester“, sondern Stadtdechant (von lateinisch decanus von decem ‚zehn‘). Er ist dem Bischof unterstellt, herrscht aber über die einfachen Pfaffen.

Aufgaben: Leitung der Kirchengemeinde, Gottesdienste, Sakramente, Kirchenvorstand, Pfarreirat, Personalführung, Büchereien, Caritas, Kommunionhelfer- / Lektorendienst, Spiritualität

Der „Chef von Zehn“ aus Münster heißt Jörg Hagemann, ist seit Februar 2012 als @hagemannjoerg auf Twitter aktiv und konnte in diesen gut neun Jahren bereits erstaunliche 48 Follower hinter sich bringen.

Daher erkennt der Dechant glasklar aktuelle Trends: Das Image seiner römisch-katholischen Kirche ist suboptimal und zu Masseneintritten wird es wohl erst mal nicht kommen. Jörg Hagemann ist daher sehr betroffen und gibt traurige Interviews.

[….] Auch engagierte Gemeindemitglieder treten vermehrt aus der Kirche aus: Das schmerzt den Münsteraner Stadtdechanten Jörg Hagemann. Viele nähmen die Kirchen als "Täter-Organisation" wahr – und er erwische sich manchmal bei Gedanken an seine Rente.  Der Stadtdechant von Münster, Jörg Hagemann, hat sein tiefes Bedauern über die gegenwärtige Welle von Kirchenaustritten zum Ausdruck gebracht. Dass inzwischen selbst engagierte Gläubige aus der Mitte der Gemeinde der Kirche den Rücken kehrten, mache ihn fassungslos und traurig, sagte der leitende Geistliche am Dienstag im Interview mit dem Internetportal "Kirche+Leben". Es sei für ihn "kaum aushaltbar, dass so viele nicht mehr bei uns bleiben können oder wollen", so Hagemann.   Allein in den ersten drei Monaten des Jahres sind laut Information des WDR mehr als 3.500 Menschen aus dem Münsterland, eine der drei Regionen des Bistums Münster, aus der Kirche ausgetreten. [….] Der Exodus ehemals kirchlich Beheimateter ist für Hagemann "theologisch und praktisch eine Katastrophe", denn er bedeute, dass die Kirche ihrem "Auftrag, den Menschen ein Zeugnis von Gott zu geben, nicht gerecht" werde. [….]

(Katholisch, 27.04.2021)

Wieso wollen die Leute wohl nicht zahlende Mitglieder der RKK sein?

Es ist ein absolutes Mysterium. Ein Rätsel, für das mir auch keine Erklärung einfällt.

Daher argumentiere ich auch gar nicht erst, sondern beschränke mich ganz primitiv-politisch auf Whataboutism.

Da die RKK-Vertreter lieber hochtrabende Fremdworte verwenden: Das ist sowas ähnliches wie Tu Quoque.

Da mögen Sie mir verzeihen, Herr Stadtdechant, daß sich mein Mitleid in Grenzen hält.

Sie sprechen von einer nicht auszuhaltenden „Katastrophe“, von einem „Exodus“, von Ihrer „Fassungslosigkeit“ und Ihrer „Traurigkeit“, weil die Kirche weniger wird.

Und what about die 200 Millionen Menschen indigener Abstammung, die durch die Christianisierung in Nord- und Südamerika massakriert wurden?

What about die sechs Millionen in deutschen KZs von den nahezu 100% christlichen Nazisoldaten mit ihren DES LO VULT-Koppelschlössern? Gott will es!

What about die 850.000 Tutsi, die 1994 in Ruanda von christlichen Hutu bestialisch gekillt wurden?

What about die Millionen Schwulen, Andersgläubigen, Linkshänder, Atheisten, heliozentrischen Forscher, Intellektuelle, die von der christlichen Kirche ermordet wurden?

What about die Millarden Frauen, die im Laufe der letzten 2000 Jahre von der Kirche erfuhren, wie minderwertig sie sind, daß ihre Männer das Recht hätten sie zu schlagen und vergewaltigen?

What about die 300.000 Babys, die während der Franco-Diktatur von christlichen Nonnen ihren Eltern weggenommen und verkauft wurden?

What about den Myriaden deutschen Kindern, denen es wie Ben Königs ging, der in den 1960er Jahren in christlicher Obhut von Priestern bei regelrechten „Vergewaltigungsorgien fast totgevögelt wurde“, beginnend als er fünf Jahre alt war?

What about die Hunderttausenden Kinder, die im 20. Jahrhundert von katholischen Geistlichen gefoltert und sexuell schwer missbraucht wurden, aber bis heute nur mit erbärmlichen Ausreden abgespeist werden?

What about die Tauenden Kinder, die in christlichen Heimen bis 1975 in Mengele-Tradition für Medikamententests verkauft wurden?

What about die Opfer der Naziherrschaft, für die die RKK keinen Finger rührte, aber anschließend extrem aktiv wurde, um die Nazi-Täter zu schützen?

Adolf Eichmann, Alois Brunner, Dr. Josef Mengele, Franz Stangl (Kommandant der Vernichtungslager Sobibór und Treblinka), Gustav Wagner (Stangls Assistent), Klaus Barbie, Edward Roschmann („Der Schlächter von Riga“), und Aribert Heim (KZ Mauthausen) sind einige der Männer, die auf Veranlassung des Papstes durch Bischof Hudal mit Vatikanischen Papieren ausgestattet vor der alliierten Justiz nach Südamerika flüchteten.

What about ganzer Völker wie den Katharer oder den Templern, die christlichen Genoziden zum Opfer fielen?
What about der Millionen Opfer, die bei katholischen Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverbrennungen und Auto Dafés auf Befehl der Kirche massakriert wurden?

Herr Stadtdechant, waren da nicht vielleicht ein paar Leute, die mehr Grund hätten „traurig“ zu sein?

Wären diesen Abermillionen Opfern nicht  Trauer, Entsetzen und Exodus erspart geblieben, wenn Ihre elende römisch-katholische Kirche schon vor 1.700 Jahren die Austrittswelle von heute erlebt hätte?

Haben da nicht andere durch die Verbrechen der Kirche mehr „Schmerz“ erlitten?

Sollten Sie sich nicht schämen als Topvertreter der Täterorganisation in Selbstmitleid zu baden und in der Presse auszubreiten, Sie empfänden Trauer und Schmerz?

Hätte nicht ein Fünfjähriger, der von Priestern immer wieder blutig vergewaltigt wurde eher Grund von „nicht aushaltbar“ zu sprechen?

Mittwoch, 28. April 2021

Grüne Manie

Mir ist schon klar, daß ich wie eine Schallplatte mit Sprung klinge.

Aber was soll man anderes machen mit diesen extrem CDUCSU-affinen Hamburger Grünen?

Heute war der Grüne Umweltsenator Anjes Tjarks mit seinem Kumpel Andreas Scheuer auf gemeinsamer Wahlkampfradtour.

Daran merke ich wie alt ich bin; ich erinnere mich noch gut an die Ur-Grünen, die sicherlich nicht öffentlich mit den unangenehmsten und betrügerischsten CSU-Politikern gekuschelt hätten. Aber heute sind CSU und Grüne kaum zu unterscheiden.  Beide vertreten den kirchenfreundlichsten und finanzkräftigsten Teil der Wählerschaft. Es ist eher eine gemeinsame OLIVE Partei.

Wenn der ehemalige Eistänzer und heutige CSU-General ausnahmsweise mal Grüne kritisiert, statt sie zu umarmen, ist das heute ein Ereignis.

Aber Annalena Baerbock als „Enthaltungskünstlerin“ zu bezeichnen, ist angesichts ihrer stromlinienförmigen Politik, die niemals konkret wird und nie aneckt, auch bloß eine zutreffende Beschreibung der Realität.

 
Heute muss ich das hanseatisch-grüne Ärgernis aber erneut erwähnen, weil sie wieder einmal ihrem Lieblingshobby frönen: Straßenbäume abhacken.

Grüne hassen Bäume; das scheint absolut manisch zu sein. Sobald sie auf irgendeiner Ebene  - im Bezirk oder Land - an die Schaltstellen der Macht kommen, beginnen sie ihren Abholzungsfeldzug. Kaum ein Wald, Hamburger Hain oder auch nur eine Gruppe weniger alter Straßenbäume, die vor den Grünen Kettensägen sicher ist.

Nun trifft es den Bezirk Hamburg-Nord. Nachdem die Grünen bei der Wahl am 26. Mai 2019 mit 35,7 % ein Rekordergebnis erzielten und mit Michael Werner-Boelz den Bezirksamtsleiter stellen, wird gerodet.

Für ihren Radwahn versiegeln sie manisch Flächen, betonieren. Für ihre „protected bikelane“ in der Tangstedter Landstraße (Hamburg-Langehorn) müssen auch 100-Jährige Linden für Parkplätze dran glauben – gegen den massiven Protest der Anwohner.

[…..] 51 von den 143 Parkplätzen sollen durch die Fällung von 16 Bäumen auf der Westseite geschaffen werden. Darunter teilweise fast 100-jährige Linden, wie die Kaiserlinde von 1924. Bereits 2017 hatte die Bezirksversammlung allerdings beschlossen, dass es politisch gewünscht sei, die Zahl der Straßenbäume in Hamburg-Nord nicht sinken zu lassen.  Wie könnten die Grünen, die bei den Wahlen 2019 die Mehrheit im Bezirk erreichten, eine Fällung dieser Bäume verantworten? „Für uns Grüne wäre der Verlust von 16 Bäumen zum Parkplatzerhalt sehr schmerzlich“, kommentiert Timo Kranz, Fraktionsvorsitzender der Grünen, die Pläne. […..]

(MoPo, 28.04.2021)

Es gibt natürlich nur Unions-affine passionierte Baummörder unter den Hamburger Grünen.  Einige Kommunalpolitiker wollen wenigstens ein paar der abgeholzten Straßenbäume wieder aufforsten. Aber dann blockiert der Grüne Umweltsenator Kerstan die Mittel.

In der Zeit der SPD-Alleinregierung von 2011 bis 2015 gab es in Zusammenarbeit mit der Loki-Schmidt-Stiftung ein massives Baumpflanzungsprogramm, das mich so begeisterte, daß ich eine Pappel in meiner Straße zur Hälfte finanzierte. Die andere Hälfte legte die Stiftung in Zusammenarbeit mit Olaf Scholz drauf. Aber seit 2015 die Grünen mitregieren und den Umweltsenator stellen, kann die SPD nicht allein entscheiden und so wird immer mehr abgeholzt ohne nach zu pflanzen.

Seit 2015 die Grünen in Hamburg mitregieren, wurden 10.649 Straßenbäume gefällt und nur 7154 Kleine nachgepflanzt. Unterm Strich ein Verlust von 3495 Bäumen.

Einen noch größeren Baumverlust gibt es auf den Hamburger Privatgrundstücken. Seit die Grünen mitregieren, werden großzügig Fällgenehmigungen erteilt. Wie viel nachgepflanzt wurde, verschleiert der Grüne Umweltsenator zum Ärger des NABU.

[….] Zwischen 2015 und 2018 wurden in den Bezirken Mitte, Altona, Nord und Harburg jährlich durchschnittlich 5.000 Fällgenehmigungen erteilt. Die tatsächlichen Baumverluste sind unklar, denn die Nachpflanzungen werden nur stichprobenartig überprüft“, moniert Dr. Katharina Schmidt, Baumschutzexpertin beim NABU Hamburg. Der schleichende und unüberschaubare Grünverlust kann für ganz Hamburg nur grob geschätzt werden. Der NABU Hamburg fordert die Zahlen zu Fällgenehmigungen und Ersatzfestsetzungen bei Privatbäumen ebenfalls für die Öffentlichkeit transparent zu machen. […..]

(NABU, 29.03.2021)

Transparenz? Nicht mit den Hamburger Grünen!

Dienstag, 27. April 2021

Annalena, die Öde

 Während Linke der SPD noch 20 Jahre später nachtragen, daß sie eine völlig richtige Reform machte, die nahezu einmütig als Ursache der anschließenden Wirtschaftskraft und der extrem sinkenden Arbeitslosenzahlen angesehen wird, vergessen sie kurioserweise ganz schnell, daß die Grünen die Hartz-Gesetzgebung ebenso wie die Gewerkschaften nicht nur mittrugen, sondern massiv bewarben. Viele Grüne waren damals radikaler als die SPD.

Nach 2005 waren sie nur leider nicht ehrlich und ließen ganz gern die SPD die Prügel kassieren, während sie auf einmal so taten, als wären sie nicht dabei gewesen. Der damalige starke Mann, Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer zog absolut mit Schröder an einem Strang.

Nur ist Fischer jetzt vergessen, während Schröder als ewiger Buhmann herhalten muss.

Grüne mit Rückgrat  und linkem Profil wie Jürgen Trittin, der sich traute unangenehme Wahrheiten auszusprechen, wurden sukzessive in der grünen Partei entmachtet und durch fromme Merkel-Freunde à la Katrin Göring-Eckardt und den konservativen Cem Özdemir ersetzt.

Als großer Trittin-Freund bedaure ich das sehr. Ihn hätte ich gern als Kanzler erlebt.

Die gegenwärtigen Grünen haben aber aus Trittins klaren Ansagen gelernt, daß der Wähler das absolut nicht hören will. Veggie-Day, 5Mark-für-den-Liter-Benzin, Flugverbote, Tempolimit.

Das sind gar keine guten Narrative, um die demoskopischen Zahlen noch oben zu puschen.

Also gibt es jetzt nur noch Nettigkeiten und falls mal einer konkret nachbohrt, fängt Baerbock das Schwurbeln an wie eine Reinkarnation Helmut Kohls.

[…..] Annalena Baerbock muss aus Floskeln Inhalte machen.  Nach 20 Minuten stellte der ProSieben-Moderator der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock eine einfache Frage: Was ist ein gutes Gehalt für Pflegerinnen und Pfleger? Es folgte eine Antwort, wie man sie von Politikern kennt: wortreich und nichtssagend. Es gebe große Unterschiede in der Bezahlung, sagte Baerbock. Man müsse genau hinsehen, aber eine tarifliche Bindung müsse schon sein. Keine Zahl, nur Nebel.  Annalena Baerbock ist eine Kandidatin des Ungefähren, die Aura des Aufbruchs ist wichtiger als Fakten, das Karma entscheidender als das Konkrete. Eine Strategie, die zunächst nachvollziehbar ist. Die grüne Kandidatin will der breiten Mitte, wie sie es nennt, ein Angebot machen. Sie steht für ein frisches Lebensgefühl, einen Bruch mit politischen Konventionen, einen Neuanfang. Sie trifft damit die Sehnsucht vieler, die nach 16 Jahren Angela Merkel müde sind, erschöpft auch von der trägen Coronapolitik und den testosteronschweren Machtkämpfen in der Union.  [….]

(Martin Knobbe, SPIEGEL-Leitartikel, 24.04.2021, 17/2021)

Ekelhafterweise ist das gar nicht dumm von Baerbock, sondern eine erfolgreiche Strategie, um Menschen von den Grünen zu überzeugen.

Es ist aber dennoch eine ärgerliche Form der Wähler-Weiterverdummung.

(…..) Der Gipfel der grünen Politikverweigerung war die umstrittene Abstimmung am 21.04.2021 zur „Bundesnotbremse“. CDU, CSU und SPD steckten dafür viel Kritik ein, die AfD rotierte auf Hochtouren, um die Aluhutszene fest an sich zu binden, die FDP reichte Verfassungsbeschwerde ein. Sämtliche Ärzte, Fachleute und Virologen befürworteten die Notbremse nicht nur, sondern hielten sie für zu schwach. Die Linke stimmte zusammen mit AfD und FDP dagegen.

Die Grünen aber mit ihrer Abgeordneten Annalena Baerbock zeigten maximale Unverantwortlichkeit, dachten nur an ihre Wahlchancen und nicht etwa an das Wohl des Landes, indem sie sich enthielten. Bloß niemanden auf die Füße treten, bloß nichts sagen, auf das man festgenagelt werden kann, bloß keine Position beziehen.

15 Monate Pandemie und die Grünen haben dazu leider keine Meinung. Sie haben nicht nur keine eigenen Vorschläge, sondern sie können noch nicht mal sagen, ob sie die Groko-Pläne ablehnen oder unterstützen. (….)

(Genosse Trend, 26.04.2021)

Der aktuelle SPIEGEL mit seiner Baerbock-Titelgeschichte ist aber unter dem Strich ein pures Grünen-Werbeheft. Das Titelbild der möglichen nächsten Kanzlerin ist meiner Ansicht nach nahezu perfekt. Sie wirkt seriös, sympathisch. Locker und gleichzeitig entschlossen.  Besser hätte es keine Profi-Werbeagentur ausleuchten können.

Als besonderen Coup gibt es eine persönliche Story des SPIEGEL-Redakteurs Malte Müller-Michaelis, der 2001 zusammen mit Baerbock Politikwissenschaft studierte und eng mit ihr befreundet war.

Er liefert die intimen Einblicke, die die Grünenchefin immer vermeidet.

Ein kleiner Einschub an dieser Stelle: Ich finde es gut und richtig wie konsequent sie ihr Privatleben aus der Politik raushält. Und ich finde es natürlich erbärmlich schlecht, daß fast alle Medien darüber orakeln wie sie den schweren Job einer Kanzlerkandidatin bloß bewältigen soll, obwohl sie doch Mutter wäre! Das ist im Jahr 2021 eine echte Unverschämtheit. Nicht ein Journalist hat je gefragt, wie Laschet und Söder die Arbeit schaffen könnten, obwohl sie doch Kinder haben.  Ich bin kein Freund davon Frauen vorzuziehen, weil sie Frauen sind. Aber diese Mutter-Fragen sind eigentlich ein Indiz dafür, daß es immer noch notwendig ist Frauen zu fördern.

Müller-Michaelis lässt es nun ordentlich menscheln und da er sein Lenchen ganz offensichtlich immer mochte und auch immer noch mag, hilft er ihr in der Phase der gesteigerten Medienaufmerksamkeit, indem er die Facette an ihr ausleuchtet, die sie sonst nicht zeigt.

Da Baerbock zufällig in derselben Stadt und an derselben Uni wie ich studierte, ging ich mit einem besonderen Interesse an den Artikel.

Aber was für eine Enttäuschung! Die Grüne Hoffnung war offensichtlich der langweiligste Durchschnittsstudent, den man sich vorstellen kann.

Es wimmelt nur von Klischees, die ich schon als 18-Jähriger Student so schrecklich fand, daß ich das niemals mitgemacht hätte.

Wohnung in der hippen ultraangesagten Schanze.

Jedes Wochenende in der Kaiserkeller-Disco, Große Freiheit 36. Für die Nicht-Hamburger – das ist unter 1.000 Läden auf dem Kiez sicher der Langweiligste, in den sich nur Touristen und Jugendliche aus der Vorstadt verirren. Ganz schlimm.

[….] Über die wichtigsten Fragen unserer Studienzeit herrschte in der kleinen Gruppe meist Einigkeit, ohne dass es großer Debatten oder gar einer Befragung der Basis bedurft hätte. Zum Beispiel darüber, dass wir uns Woche für Woche donnerstags ab 22 Uhr im Kaiserkeller trafen, um bei dem immer selben Alternative-Rock-Mix das Wochenende einzuläuten. Drei Akkorde, Gitarre, Schlagzeug, Bass, Bier – mehr brauchten wir nicht für einen gelungenen Abend. Die Playlist eines Kaiserkeller-Abends könnte ich heute noch zusammenstellen. Eines der Lieder, bei denen Annalena garantiert auf die Tanzfläche hüpfte, war »Nobody's Wife« von Anouk. […..]

(MMM, SPIEGEL, 24.04.2021)

Es gab nichts zu diskutieren für Baerbock, die sich damals „Lenchen“ nannte und dazu frönten sie nicht nur den langweiligsten Freizeitbeschäftigungen, sondern auch noch immer den gleichen!

Aber es kommt noch übler. Ihr Hobby war FUSSBALL SPIELEN und auch außerhalb blieb die immer gleiche Gruppe der Kommilitonen offenbar immer zusammen, verreiste auch zusammen und zwar in das Ole-von-Beust-Reichenparadies Sylt. Mehr Klischee geht nicht.

OK, doch, sie heiratete früh, schön spießig, im Brautkleid mit Schleier.

Damit sind wirklich alle Punkte abgearbeitet, mit denen man sich für eine RCDS-Karriere qualifiziert. Langweiliger geht es nicht mehr. Solche Studenten habe ich an der Hamburger Uni gemieden wie der Teufel das Weihwasser.

Anschließend ging es natürlich ebenso straight weiter. Praktikum bei der Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter, Hocharbeiten zur Büroleiterin, eigenes Bundestagsmandat, Aufstieg in der Partei.  Glücklich verheiratete Cis-Hetero-Frau und Mutter und zahlendes Kirchenmitglied, die nie auch nur einen zehnminütigen Umweg in ihrer Karriere beschritt.

Nein, all das disqualifiziert sich natürlich nicht als Kanzlerkandidaten.

Aber diese extrem glatten Karrierepolitiker ohne einen einzigen Bruch in der Biographie sind mir suspekt.   Ich habe lieber Schröder- oder Fischer-Biographien mit vielen Umwegen, die enorme Erfahrungen aufweisen und die eigentlich für sie vorgesehenen Lebenspfade verließen. Die mussten sich durchbeißen und haben sich gegen enorme Widerstände durchgesetzt.  Ich glaube, letztere haben eine größere Problemlösungskompetenz als eine Baerbock, bei der noch nie irgendetwas schwierig war und nie etwas schief ging.

 Das wolkige Programm der Grünen ist leider auch keine Hilfe.

[…..] Solardächer sollen Standard werden – alles freiwillig? Kurzstreckenflüge sollen unnötig, Langstreckenflüge verringert werden – wird Reisen wieder zum Privileg der Reichen? Die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr sollen verdoppelt werden – auf wessen Kosten?  Ach ja, die Kosten: Die Grünen streben finanzielle Verbesserungen in vielen Bereichen an. Sie wollen das Geld aus einer CO2-Abgabe an die Bürger weiterreichen und trotzdem jährlich 50 Milliarden Euro unter anderem in klimaneutrale Infrastruktur investieren. Die Schuldenbremse im Grundgesetz soll dafür aufgeweicht, eine Vermögensteuer eingeführt werden. Reicht das? Woher kommt das restliche Geld? Und wer trägt den Schuldenberg wieder ab? […..]

(SPIEGEL, Nr.17, 24.04.2021, s.6)