Montag, 5. November 2018

Kann man sich nicht ausdenken – Teil II



Nicht zu fassen. Da zerbricht fast die ganze Bundesregierung, weil ein rechtsauslegender B9-Beamter Seehofers alle drei Regierungsparteien um den Verstand bringt.

 Seit zwei Monaten geht das Theater schon.

(….. ) Heute bin ich zu müde mich noch mal mit der Causa Maaßen auseinander zu setzen.
Schon drei große Koalitionskrisensitzungen, die Deutschland an den Rande der Regierungsfähigkeit bringen, weil die schwache Rudimentärkanzlerin nicht in der Lage ist einen einzigen B9-Beamten zu feuern, der drauf und dran ist die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde lahmzulegen mit seinem Starrsinn.
Hätte Maaßen auch nur das kleinste bißchen Anstand und Integrität in sich, würde er seinem Land den Dienst erweisen zurück zu treten und damit den gordisch-germanischen Megaknoten auflösen.
Das hartnäckig zu verweigern ist schon Beleg genug dafür, daß er in der Regierung nichts verloren hat.

Nun also wieder ein fauler Kompromiss; Maaßen wird nicht B11-Staatssekretär, sondern B9-Sonderberater Seehofers.

[….] FDP-Chef Christian Lindner kritisierte die Versetzung. "Es wird der Posten eines Frühstücksdirektors geschaffen", twitterte Lindner. "Das offenbart den Charakter der GroKo. Abgekoppelt von realen Problemlösungen geht es nur noch um Gesichtswahrung und Beschwichtigung." [….]

[….] Ähnlich äußerte sich auch die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt: "Die Groko hat kein Problem gelöst, das real existiert, sondern nur welche, die sie selbst geschaffen hatte. Merkel, Seehofer, Nahles, Maaßen", schrieb sie auf Twitter. In einem anderen Tweet von ihr hieß es: "Und Maaßen bleibt. Das schafft wieder neue Probleme. Es bleibt der, der das Parlament bei Amri belogen hat, der die AfD coacht und rechte Verschwörungstheorien verbreitet".
"Merkel und Nahles sind offenbar begriffsstutzig. Dieses Postengeschacher versteht kein Mensch", hieß es von Linken-Chef Bernd Riexinger. "Es geht im Fall Maaßen nicht nur um die Gehaltserhöhung. Der Mann verbreitet aus höchster Position rechte Fake-News und sollte daher kein öffentliches hohes Amt mehr bekleiden." [….]

Alle anderen Menschen konnten den neu anschwellenden Shitstorm vorhersehen. Nur eben die drei Parteivorsitzeden der Regierungsparteien nicht.

Wie konnte das passieren?

Seehofer, der schon lange soziopathische Züge trägt, ist endgültig im Nero-Modus. Sein geliebter Ministerpräsidentenjob ist weg, er wird wissen, daß er in vier Wochen nach der Bayernwahl auch den CSU-Parteichefjob verliert, mutmaßlich auch seinen Regierungsjob.
Er ist getrieben von destruktivem Hass auf Merkel, die er einfach nicht loswird.
Lieber sprengt er die Bundesregierung und zieht CDU und SPD mit in den Abgrund, als selbst zum Wohle des Ganzen zurückzutreten. (….)

Herr Maaßen klebte weitere sieben Wochen an seinem Posten und mutierte zu dreierlei verschiedenen Personen:

1.) Ikone der Identitären und ultrarechten Verschwörungstheoretiker. Für sie ist die SPD linksradikal und verfassungsfeindlich.


[….] Die Vorsitzenden der drei Parteien, die die Bundesregierung in Deutschland bilden, Frau Merkel, CDU, Herr Seehofer, CSU, und Frau Nahles, SPD, hatten am 23. September beschlossen, dass ich als Präsident des Bundesverfassungsschutzes abgelöst werden soll. Damit ist eine Regierungskrise in Deutschland beendet worden. Die SPD hatte mit einem Bruch der Koalition gedroht, wenn ich weiter im Amt bleiben würde.
[….] Gegenüber den zuständigen Parlamentsausschüssen stellte ich in der folgenden Woche klar, dass ein Kampf gegen Rechtsextremismus es nicht rechtfertigt, rechtsextremistische Straftaten zu erfinden. Die Medien sowie grüne und linke Politiker, die sich durch mich bei ihrer Falschberichterstattung ertappt fühlten, forderten daraufhin meine Entlassung. Aus meiner Sicht war dies für linksradikale Kräfte in der SPD, die von vorneherein dagegen waren, eine Koalition mit der CDU/CSU einzugehen, der willkommene Anlass, um einen Bruch dieser Regierungskoalition zu provozieren. Da ich in Deutschland als Kritiker einer idealistischen, naiven und linken Ausländer- und Sicherheitspolitik bekannt bin, war dies für meine politischen Gegner und für einige Medien auch ein Anlass, um mich aus meinem Amt zu drängen. [….]



2.) zukünftiger Politstar der AfD. Er stellt einen Wechsel in die aktive Politik in Aussicht und wird von der Partei, die wegen ihrer faschistischen Umtriebe bald womöglich vom Verfassungsschutz überwacht wird bereits umworben.
Dann würden die Verfassungsschützer zukünftig ihren alten Chef beobachten.

 [….] AfD-Chef Jörg Meuthen hat den scheidenden Verfassungsschutz-Chef zur Mitarbeit in seiner Partei eingeladen. Meuthen findet: Hans-Georg Maaßen würde gut in seine Partei passen. [….]

Willkommen in Schilda.

3.) allgemeine Witzfigur.

[….]  7 Dinge, die Maaßen außer der SPD noch für linksradikal hält
[….] 1. Die katholische Kirche
[….] 2. Tauben
Sie scheißen auf Autos, paaren sich im Freien, leben in Kommunen und nutzen keinerlei kapitalistische Zahlungsmittel. Noch Fragen? Nicht umsonst werden Tauben auch die Punks der Lüfte genannt (von Maaßen).
3. Seine Nachbarn
Die Lehmanns vom Haus schräg gegenüber haben grundlos hohe Hecken und daher ganz offensichtlich etwas zu verbergen. Taktische Observierungen mit Fernglas, Nachtsichtgerät und Infrarotkamera haben außerdem zutage gefördert, dass sie Fair-Trade-Kaffee trinken und den Spiegel lesen. Kommunistische Linkssozialisten, extremistische!
4. Normal große Brillen
Was hatten Erich Honecker, Walter Ulbricht und Tito gemeinsam? Genau: Sie trugen normalgroße Brillengestelle. Darum schöpft der erfahrene Verfassungsschützer Maaßen stets Verdacht, wenn er durch die 50-Cent-Stück-großen Gläser seiner Brille einen Träger eines normal bemessenen Brillengestells erspäht. Die Bolschewisten lauern überall!
[….] 7. Horst Seehofer[….]

Mit ihrer völligen Unfähigkeit die Brisanz des Themas Maaßen zu erkennen, ihrer Schwäche Horst Seehofer gegenüber und der erbärmlichen Entscheidungsunfähigkeit hatten Merkel und Nahles diese Groko maßgeblich in den Abgrund gestürzt und sehr viel dazu beigetragen, daß es für alle drei Groko-Parteien in Hessen und Bayern so derbe Arschtritte des Wähler gab.

Wie soll man auch zwei Frauen zutrauen eine große Industrienation zu führen, wenn sie noch nicht mal in der Lage sind einen mittleren aufmüpfigen Beamten ruhig zu stellen und sich deswegen paralysiert und phlegmatisch zwei Monate lang von einem außer Rand und Band geratenem Innenminister auf der Nase rumtanzen lassen?

An dieser Petitesse manifestiert sich das ganze Elend der Groko unter dieser desaströsen Führung. Seehofers Maaßen-Handling ist die Apotheose des Scheiterns dieser Bundesregierung.

Natürlich tragen Maaßen und Seehofer die Primärschuld an dieser grotesk verfahrenen Lage. Beide sind tatsächlich nicht zurechnungsfähig.

[….] Wenn dieser Mann nicht nur der Wichtigtuer ist, als der er sich in den vergangenen Jahren hervorgetan hat, sondern das Demokratieverständnis der Mitarbeiter seines Hauses repräsentiert, wenn beim Verfassungsschutz insgesamt so gedacht wird wie im Kopf des nun abgesetzten Chefs, dann ist unsere Demokratie in ernster Gefahr.
Selbstverständlich konnte so ein Mann nicht mehr weiter vom Staat beschäftigt werden, nicht als Verfassungsschutzpräsident und auch nicht im Innenministerium: Wer in der kreuzbraven SPD "linksradikale Kräfte" entdeckt, also solche, die ein Problem aus linker Perspektive bis zu seinen Ursachen denken und grundsätzlich lösen wollen, der sieht Dinge, die es ganz offensichtlich nicht gibt. Sein politisches Koordinatensystem hat sich so weit nach rechts verschoben, dass er Olaf Scholz bei hellem Tageslicht mit Che Guevara verwechseln könnte. [….]

Aber Merkel hat es mit sich machen lassen und Nahles hat nie begriffen wie toxisch die Regierungs-PR für ihre Partei ist.

Daß Merkel nach ihrem Verzicht auf den CDU-Parteivorsitz immer noch nicht die Reißleine zieht, immer noch tumb, müde und desinteressiert den völlig irre gewordenen Superminister Seehofer agieren lässt, zeigt daß sie offensichtlich immer noch keine Ahnung hat wie weit sie den Karren in den Dreck gefahren hat.
Was hat sie denn jetzt noch zu verlieren?


Die Parteichefinnen von CDU und SPD hätten jetzt die Chance wenigstens einmal das Richtige zu tun und mit einer Tabula Rasa Handlungsspielraum zu schaffen. Sie müssten den CSU-Chef sofort aus der Regierung werfen.


Sonntag, 4. November 2018

Interessiert zwar niemanden, aber Fakten.


Natürlich bin ich mir vollkommen bewußt darüber, daß es Rechtsradikale und Lügner gibt, die damit großen politischen Erfolg haben.
Ich muss mich aber noch daran gewöhnen wie einfach Lügen heute geworden ist.
Einst bezeichnete man in der Post-NSDAP-Zeit Typen wie Haider oder Fortuyn als Demagogen.

Demagogie ist inzwischen, anders als in der Antike zwar sehr negativ konnotiert, aber man versteht darunter immer noch eine gewisse Kunstfertigkeit, für die es Talent und Planung braucht.
In Deutschland sind auch die Begriffe „Propaganda“ oder „Agitprop“ seit der NS-Zeit verseucht, weil jeder den ultimativen Schaden kennt, der damit angerichtet wurde – nämlich 60 Millionen Tote und ein völlig zerstörter Kontinent.

Niemand würde aber die große Begabung Hitlers, Goebbels oder Riefenstahls bestreiten.
Leni Riefenstahl ersann vor 100 Jahren im Alleingang Methoden und Techniken, die bis heute der Goldstandard in Foto, Film und Werbung sind.
Die bewegten Kameras, die Schnitttechnik, die Filter, die Perspektiven – alles was wir heute aus Hollywoodfilmen kennen und schätzen, läßt sich letztendlich auf Riefenstahls Innovationen zurückführen.

Junge Menschen kennen Hitler- und Goebbels-Reden heute als Kuriosum, weil sie alle diese kurzen Ausschnitte gesehen haben, in denen die Protagonisten laut schreien und wild fuchteln.
Vor 90 Jahren aber gab es nicht diese 30-Sekunden-Clips; die Menschen gingen persönlich zu den Veranstaltungen und hörten sich vollständige Reden an, in denen Hitler natürlich nicht von Anfang an hysterisch schrie, sondern seine Auftritte choreographierte. Er schmeichelte, heuchelte, baute einen Klimax auf.

Daher war auch Jörg Haider so eine Gefahr, weil er nach vielen häßlichen, alten fiesen Rechtsradikalen ein charismatischer, gutaussehender und hochtalentierter Rhetor war.

Das ist eine äußerst gefährliche Mischung und macht erst den perfekten Volksverhetzer aus. So einer kann die Massen triggern, jedem einzelnen das Gefühl geben persönlich angesprochen zu sein und dabei völlig glaubwürdig wirken.

Der Rechtsradikalismus à la Trump, Gauland und Farage bedeutet insofern eine neue Qualität, weil diese Herren so unfassbar schlecht und sofort durchschaubar lügen.
Trump verfügt nur über sehr reduziertes Vokabular, hat eine geradezu grotesk abstoßende Physiognomie (wie auch Wilders oder Johnson), gestikuliert lächerlich einfältig und wird auch noch ständig in äußerst lächerlichen Positionen ertappt. Er steigt mit angeschissenem Klopapier am Schuh in ein Flugzeug, lässt einen Schirm fallen, greift nach Mays Hand, weil er keine Treppen gehen kann, sabbert.
Dazu verkünden diese Herren derart hanebüchenen Unsinn, daß noch nicht mal deren glühendste Anhänger das wirklich glauben können.
Gaulands Rede auf dem Kyffhäuser Treffen, welche die ultrarechte Strömung „Der Flügel“ begeistert verbreitet, ist so absurd, daß ich sie immer wieder ausschnittsweise in Satiresendungen wie der Heute-Show oder Extra3 höre.

Das ist die neue Qualität der Demagogie und Hetze im Zeitalter der Filterblasen und sozialen Medien – sie braucht nicht gut zu sein. Selbst miserabel vorgetragene Gaga-Lügen werden begeistert geschluckt und multipliziert.
 Die renommierte FAZ druckt das vollständige Skript im Wortlaut ab.


[…..] Liebe Freunde, die Bundeskanzlerin will vollendete Tatsachen schaffen, bevor sie abtritt. Sie will den Bevölkerungsaustausch unumkehrbar machen… Wir sollen als Volk und als Nation allmählich absterben… Die Bundesregierung will, dass wir für die Einwanderer arbeiten, damit die in Ruhe Kinder in Welt setzen und Bevölkerungsaustausch vollenden können...“  [….]
(AG, Kyffhäuser 2018)

Niemand kann mir vorwerfen Sympathien für die CDU-Chefin zu hegen, aber zu erklären, sie wolle das deutsche Volk sterben lassen, ist fortgeschrittener Irrsinn.

Wenn die Partei, der er vorsitzt mühelos in alle 16 Landtage mit jeweils zweistelligen Ergebnissen einzieht, gibt es ein grundsätzliches Problem mit der deutschen Bildungspolitik und der Medienlandschaft.
Ja, die meisten Deutschen haben sich gut mit den Zufluchtsuchenden arrangiert, aber eine große Minderheit ist offenbar bereit völlig schwachsinnigen Naziparolen Glauben zu schenken.

Den Nazis – Rassisten/Demagogen/Lügner haben keinen euphemistischeren Begriff verdient  - ist es gelungen ein Narrativ zu etablieren, nach dem Angela Merkel im Jahr 2015 urplötzlich die Grenzen geöffnet habe, um Millionen Flüchtlinge ins Land einzuladen.
Dies wird inzwischen durchaus auch von seriösen Medien fahrlässig so übernommen, auch wenn sich Merkel, gelegentlich sogar assistiert von Christian Lindner wehrt und richtigstellt.
Die Grenzen waren natürlich im Jahr 2015 schon lange „auf“. Die generelle Reisefreiheit ohne irgendwelche Grenzkontrollen ist schließlich der Kern des Schenkenabkommens und der EU.
Die Grenzen waren also weder 2015, noch 2014 oder 2013 jemals geschlossen!
Es gab keine Kontrollen, die Merkel hätte abstellen können, keine Grenzbäume, die von der Bundesregierung hochgezogen worden wären.

[….] Während die AfD Merkel als Eidbrecherin bezeichnet, nennt Grünen-Politiker Konstantin von Notz die Theorie, Merkel habe die Grenzen geöffnet, die "Dolchstoßlegende unserer Zeit".
Formulierung Grenzöffnung "grundfalsch" [….] 1985 hatten Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Deutschland das Schengen-Übereinkommen unterzeichnet, das den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an den Binnengrenzen zwischen den Vertragsstaaten vorsieht. Seit 1995 ist dieses Abkommen in Kraft und die stationären Grenzkontrollen sind abgeschafft. Heute umfasst der Schengen-Raum mit 26 Staaten fast alle EU-Mitglieder und einige nicht EU-Länder.
Kolja Schwartz von der ARD-Rechtsredaktion stellte daher bereits im April 2016 fest: Die Formulierung, Merkel habe die Grenzen geöffnet, sei "grundfalsch, weil es schon seit Jahren keine geschlossenen Grenzen mehr gibt innerhalb des so genannten Schengen-Raums. Es konnten also im Jahr 2015 auch keine Grenzen geöffnet werden." [….]

Man kann das alles detailliert nachlesen, wenn man an Fakten interessiert ist. Zum Beispiel in der ZEIT, ebenfalls unter der irreführenden Überschrift „Grenzöffnung“.

[….] In Angela Merkels Büro im siebten Stock des Kanzleramts trifft sich die "Morgenlage", die Runde ihrer engsten Mitarbeiter. [….] Aber die Stimmung an diesem Morgen ist angespannt, die Seelen sind aufgeraut. Zwei Tage zuvor ist an einem türkischen Strand der leblose Körper eines Dreijährigen gefunden worden, rotes T-Shirt, Gesicht nach unten – ertrunken im Mittelmeer, auf der Flucht nach Europa. Acht Tage zuvor hat man in Österreich, auf einem Seitenstreifen der Autobahn A 4, einen Lastwagen mit 71 Leichen entdeckt: 59 Männer, acht Frauen, vier Kinder, alle erstickt. Und dann sind da die Bilder vom Bahnhof in Budapest, seit Tagen schon kann man sie im deutschen Fernsehen sehen. Die Flüchtlingskrise sei kein europäisches Problem, sondern ein deutsches, hat Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán am Vortag gesagt.
Im Kanzleramt sehen sie das völlig anders, und dieser Konflikt, diese wechselseitigen Schuldzuweisungen, werden das ganze Wochenende bestimmen. [….]

Wer nicht ganz so bösartig wie die AfD-Nazis ist oder es gar als „Bahnhofklatscher“ oder „Rotgrünversiffter“ begrüßt heimatvertriebenen in Deutschland Asyl zu geben, ist Merkel heute dankbar und schreibt diese Entscheidungen ihrer christlichen Grundüberzeugung zu.

Das ist natürlich schon deswegen Unsinn, weil sich Merkel in den folgenden drei Jahren mit maximalem antihumanen Impetus mühte alle Grenzen zu blockieren, den Flüchtlingen das Leben schwer zu machen, Familien zu trennen, Kinder von ihren Eltern wegzureißen, bestens Integrierte Migranten abzuschieben und jedes Jahr tausende unschuldige Menschen im Mittelmeer elend ersaufen zu lassen.

Dennoch sitzt beispielsweise auch die bedeutende und kompetente CNN-Journalistin Christiane Amanpour der Legende von einer christlich überzeugten Gut-Kanzlerin auf und befragt zum Ende ihres CDU-Vorsitzes den SZ-Journalisten Stefan Kornelius dazu.

[….] AMANPOUR: [….] Because clearly, you remember way back in 2000, you quoted it, she quoted it, she talked about her vision as being the market plus humanity. So, she's obviously a conservative economist, if I could put it that way, but she has tried to have a compassionate,
Christian, humane government and policy.  And of course, we saw that when she allowed these immigrants fleeing war and devastation in their own country in 2015 to come in. That seems to  have backfired on her. How does she go forward with that very issue now?

KORNELIUS: Well, on immigration issue, you are right. It totally backfired and she not only was liberal or welcoming to those migrants because she was liberal mind or had an open heart, but because she's a very pragmatic and clear-thinking woman. Not the German chancellor, not a single politician in Europe would have been able to stop 15,000 migrants a day crossing the German border.
So, I guess she didn't close the borders or didn't send them back for several reasons. She would have destabilized vast parts of east and southeast Europe, she would have sent an extremely devastating message about Germany's culture to the outside world. And she couldn't have lived up to the promises in the end anyway because those people would have turned around and come through the back door. You cannot seal off Germany. This is not possible.
So, what she did is she put in policies in place with Turkey, with other neighboring countries across the Mediterranean and Northern Africa to
basically channel this flow of migrants and actually trickle it down. It's definitely it's too many people coming to Europe. Now, that took time.
And that was the basic mistake, she communicated badly and she now pays a huge price for that.  She lost power for that in Germany. This is the single issue which has turned against her and it will be the issue which she will be compelled to deal with for the remaining time in her office. But
[….] things she could do or have to do with European unity, with the rise of populism in Europe. [….]

Ich stimme Stefan Kornelius in dieser causa vollständig zu. Der Syrienkrieg lief damals schon 5 Jahre, Millionenfaches Sterben fand statt, Kinder lagen krepiert an den Mittelmeerstränden rum und Merkel musste erkannt haben, daß es keinen EU-Konsens gibt die Flüchtlinge zu verteilen und anzuerkennen.

Sie wird einfach abgewogen haben, daß eine abrupte Grenzschließung a) technisch und rechtlich unmöglich war und b) aus den drei von Kornelius genannten Gründen noch schlimmer gewesen wäre.

Dafür musste sie weder multikulti-freundlich, humanistisch oder christlich eingestellt sein. Sie musste nur in ihrer bisherigen Amtszeit alle Bemühungen für einen Frieden im Irak/Syrien in den Sand gesetzt haben  - das war bereits geschehen – und fahrlässig die europäische Solidarität ruiniert haben, indem sie Hardliner wie Hans Peter Friedrich das Dublin-Abkommen betonieren ließ, damit den Südländern den Stinkefinger zeigte, nachdem Hardliner Schäuble ihnen durch das Austeritätsdiktat ebenfalls den Stinkefinger gezeigt hatte – auch das war 2015 bereits passiert.
Nun konnte Merkel keine schnelle Hilfe von anderen Ländern mehr erwarten.

Die Grenzen zu blockieren wäre aber im September 2015 illegal gewesen, hätte die südöstlichen EU-Länder vollends in Chaos gestürzt, durch katastrophale Bilder an den deutschen Grenzen das Ansehen der weltweit größten Exportnation ruiniert und dabei die Flüchtlinge auch nicht aufgehalten, weil es eben keinen Grenzzaun oder Grenzmauern gab. Sie hätten überall nach Deutschland gehen können.

Für Merkel und jeden anderen, der in dieser Situation bei halbwegs klarem Verstand gewesen wäre, blieb als größtes EU-Land nur die Möglichkeit zu sagen „OK, kommt erst mal alle her!“

Es ist rätselhaft wieso die Kanzlerin in den folgenden drei Jahren weiterhin so passiv blieb und weshalb die Regierungsparteien so duckmäuserisch vor der AfD und xenophoben CSUlern krochen, statt klar zu kommunizieren wie die Situation nun mal war.

Samstag, 3. November 2018

Der Umgang mit Rechts.


Der groteskeste Aspekt an der Briefbombenserie des Cesar Sayoc auf 14 prominente Trump-Kritiker war wie wenig überraschend, sondern vorhersagbar die Aktion war.


Der von Trumps Hass-Lügen aufgegeilte MAGA-Mann Sayoc raste vor eleminatorischer Wut auf Schwule, Schwarze, Juden, Liberale, Muslime, Einwanderer und Medien.
Wir sehen hier wieder einmal einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Links- und Rechtsextremen:
Linker Hass richtet sich gegen Mächtige, Rechter gegen die Schwachen.
Dabei sind Rechte deutlich gewalttätiger, weil ihnen humanitäre Werte nichts bedeuten. In all den TV-Panels nach am Tag der Briefbombenserie berichteten Trumpkritiker von der Flut der Mord- und Gewaltandrohungen, die sie täglich erhalten. Linke leben viel gefährlicher als Rechte. Daher brauchen sie viel nötiger Unterstützung der Wähler.


Auch das ist eine Spezialität der Rechten: Terror und Gewalt gegen ganz normale unschuldige Menschen – nur aufgrund ihrer Hautfarbe/Meinung/Liebe.
Linksextreme Hassbotschaften und Morddrohungen sind damit verglichen kaum messbar.

In den Zeiten des deutschen RAF-Linksextremismus in den heißen 1970er Jahren gab es selbst unter den gewalttätigsten Terroristen, von denen es nie mehr als ein paar Dutzend gab – im Gegensatz zu Tausenden gewaltbereiten Rechtsextremen heute – heftige Diskussionen um die Frage der „Kollateralopfer“. Durfte man Polizisten und Personenschützer töten, weil sie dem Schweinesystem dienten? Nur eine Handvoll RAFler beantworteten das mit „Ja“ und als diese Morde passierten, verloren sie schlagartig jede Sympathie in der Unterstützerszene.
Insgesamt wurden von 1971 bis 1993 bei RAF-Terroranschlägen 33 Menschen ermordet.
Von 1990 bis 2015 wurden hingegen hunderte Opfer rechtsextremen Terrorismus gezählt. Die Toten sind Frauen, Kinder, Schwache, Arme, Schwule, Obdachlose, Behinderte, Migranten.

[…..] Die Amadeu Antonio Stiftung zählt 193 Todesopfer rechter Gewalt. Zudem eine Verdachtsfallliste mit 13 weiteren Fällen. […..] Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Dies hat nicht zuletzt die Selbstenttarnung des NSU gezeigt. Zudem werden nicht immer die Namen bekannt. Vor allem bei Menschen aus dem Wohnungslosen-Milieu ist dies häufig der Fall. Obdachlose finden als Opfergruppe rechter Gewalt kaum Beachtung. Selten wird ihnen gedacht, über ihr Leben kaum berichtet. […..]  Aufgrund dieses öffentlichen Drucks entschied sich das Bundeskriminalamt zusammen mit allen 16 Landeskriminalämtern, mehr als 3.300 unaufgeklärte versuchte und vollendete Tötungsdelikte zwischen 1990 und 2011 noch einmal auf ein mögliches rechtsextremes Tatmotiv zu prüfen. Schließlich wurden bei 745 Tötungsdelikten und –versuchen (mit insgesamt 849 Opfern) Anhaltspunkte für ein rechtes Tatmotiv gefunden. In diese Überprüfung sind die bisher nicht anerkannten 117 Fälle der Liste der „Todesopfer rechter Gewalt von 1990-2011“ miteinbezogen, die von „Der Tagesspiegel“ und „Die Zeit“ geführt wird. [….]

In der rechten Unterstützerszene gibt es nicht nur gar kein Entsetzen darüber, sondern sie wächst kontinuierlich. Rechtsextreme Parteien haben enormen Zulauf bei Wahlen, jeden Tag finden rechtsextreme Anschläge statt.

Der Linksterrorismus versetzte das ganze Land in Schreckstarre, führte zu bundesweiten Megafahndungen und war über Jahre das bedeutende politische Thema.
Der sehr viel tödlichere Rechtsterrorismus, der aber keine reichen und mächtigen Opfer produziert, wird hingegen relativ achselzuckend hingenommen.
Angela Merkel erscheint kaum jemals an den Tatorten, spricht nicht mit den Hinterbliebenen; ihre CDU redet die Verbrechen klein.

Ein Menschenleben ist eben nicht so viel wert wie ein anderes.
Wenn der mächtige Arbeitgeberpräsident ermordet wird, steht das ganze Land für Jahrzehnte Kopf. Trifft es ein Flüchtlingskind oder einen Obdachlosen, ist das gar keine Meldung wert.

Es sind nicht nur zwei unterschiedliche Meinungen/Weltbilder, die von der rechten und der linken Presse in den USA transportiert werden.

Die einen berichten über Fakten und bewerten diese.
Die anderen haben eine festgelegte Bewertung und passen die Realität ihrer Meinung an.


Was nicht passt, wird passend gemacht.
Bombenanschläge auf Demokraten durch Trump-Fans?
Passt nicht in das FOX-Narrativ, also verbreiten Trumps Fanboys sofort die Theorie es handele sich um eine False-Flag-Aktion, um den Republikanern zu schaden.

[...] Seit Amtsantritt verbreitet Donald Trump pro Tag im Schnitt acht Unwahrheiten. Vor den wichtigen Kongresswahlen erhöht der US-
Präsident    noch mal die Schlagzahl - und bricht seinen Lügenrekord.
[...] In den mehr als 600 Tagen seiner Amtszeit hat Trump pro Tag durchschnittlich 8,3 falsche Behauptungen geäußert, berichtet die "Washington Post". In den vergangenen Monaten hat die Frequenz seiner falschen oder zumindest missverständlichen Aussagen noch einmal zugenommen. Das belegen Auswertungen der "Washington Post" und des kanadischen "Toronto Star".   Demnach waren es in den vergangenen sieben Wochen sogar 30 Lügen am Tag. Insgesamt kommt die "Washington Post" derzeit auf mehr als 6400 falsche oder irreführende Aussagen des Präsidenten. 
Jeder andere seiner Vorgänger hätte für derart viele öffentliche Fehlinformationen wahrscheinlich schon längst seinen Sturz fürchten müssen. Doch für Trump sind die Konsequenzen bisher gleich null - und so erhöht er einfach weiter die Schlagzahl. [...]

Trump, FOX und die GOP agieren, CNN und die Demokraten reagieren.


Die Rechten drehen die Welt weiter in die Scheiße, CNN und MSNBC berichten darüber, wiederholen jede einzelne Trump-Lüge und lassen dazu artig einen Trump-Kritiker und einen Trump-Unterstützer sprechen.
Ersterer seufzt dann ziemlich viel, benutzt Worte wie „unprecedented“ und „flabbergasting“, Zweiterer bestreitet und fährt dann eine große Schubkarre voller „Whataboutism“ ins TV-Studio.
Dabei kann man Trump gar nicht mit den herkömmlichen journalistischen Methoden behandeln.
Er lügt deswegen immer radikaler und immer mehr, weil er nach zwei Jahren an der Staatsspitze gelernt hat, daß er damit durchkommt.
Es schadet ihm nichts und es fällt ihm niemand in den Arm.

Warum leckt sich der Hund den Penis??
-      Weil er es kann.

Demokraten und Medien müssen zu ganz anderen Methoden greifen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen immer nur Trumps Spiel mitzumachen und letztendlich für ihn zu werben.
Sie sollten ein Lügenmoratorium beschließen und alle GOPer ignorieren, die nicht die Wahrheit sagen. Keine TV-Präsenz mehr für Enabler von Rassismus und Terror.

In Deutschland ist es übrigens ähnlich. All die Einladungen von AfDlern in die Talkshowstudios und das ständige Hochschreiben ihrer Themen haben sie nur stärker gemacht.

Außerdem sollten sie ihre landesweit verbliebene Power benutzen, um Regierungsstellen, Ministerien und das Weiße Haus juristisch lahmzulegen. Klagen bis der Arzt kommt.