Donnerstag, 7. Juni 2012

Eviva Espana Teil II




Dann sieht Spanien mehr als verzaubert aus.
Denn es schleichen dort an Stelle der gespenster
Die Caballeros mit Gitarre um das Haus.
Dann hört man Serenaden überall
So wie auf einem Schlagerfestival.
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht


Natürlich sind Umfragen nicht allzu ernst zu nehmen, aber ich bin nun mal ein Demoskopie-Junkie und ziehe mir daher mit wohligem Entsetzen immer wieder die neuen Zahlen rein.

Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend zeigt, daß die beiden Griechenland-Zerstörer Merkel und Schäuble Nr. 1 und Nr. 2 der Beleibtheitsskala sind. Auf solche Typen steht der Urnenpöbel also am allermeisten.
Sollte Griechenland sich nicht dem deutschen Spardiktat beugen, befürworten 83% der Befragten den Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro.

Und um den Wahnsinn komplett zu machen - bei der Kanzlerfrage schlägt Merkel alle vier Kandidaten der SPD deutlich (inkl Kraft).

Man staunt immer wieder über die ökonomische Unterbelichtung - nach all den Jahren. 
Nicht nur die Parlamentarier haben nicht die geringste Ahnung davon wie viel und ob überhaupt schon „deutsche Euros“ nach Athen geflossen sind (Danke PANORAMA für die erhellende Reportage), sondern es scheint immer noch nicht durchgedrungen zu sein, daß Angie und Nicolas deswegen unbedingt Griechenland „im Euro“ halten wollten, weil deutsche und französische Banken sonst Pleite gingen. 
Die haben nämlich zig Milliarden in griechischen Staatsanleihen angelegt und das ihren Kunden verkauft.
Die 83% der Deutschen würden sich vielleicht weniger bei der Vorstellung einer Drachme-Rückkehr aufgeilen, wenn ihnen ihre Lebensversicherungen um die Ohren knallen und Griechenland auf der Stelle aufhören wird für Milliarden Deutsche Panzer und andere Waffen zu importieren.

Mit einer abgewerteten Drachme könnten die Griechen vielleicht ihre Schulden besser weginflationieren. Eine Hilfe beim Aufbau eines de facto nicht vorhandenen Staats ist das aber auch nicht.

In Spanien ist das alles ganz anders. 
Die ökonomischen Kenndaten (Staatsverschuldung, Etat, ..) waren bis 2009 sogar deutlich besser als in Deutschland; sind es teilweise noch. 
Spanien hat auch ein funktionierendes Steuersystem, eine Finanz-Infrastruktur, ein belastbares juristisches System etc.
Anders als am Süd-Ost-Ende Europas muß in Madrid keineswegs erst mal nationbuilding betrieben werden.
Ich weiß nicht, ob in irgendwelchen Umfragen auch schon der „deutsche Wunsch“ nach einer Rückkehr Spaniens zur Peseta abgefragt wird.
Zutrauen würde ich dem Urnenpöbel so einiges.

Indes, auch das wäre eine miese Idee bei rund 100 Milliarden Euro, die deutsche Banken und Versicherungskonzerne in Spanien „investiert“ haben.
Gewisse Regierungen fanden es ja bisher für völlig unnötig irgendwelche Regularien für die internationalen Finanzmärkte einzuführen.

Spanien mit einer abgewerteten Peseta? 
Das dürfte auch für „uns“ Konsequenzen haben. 
Dazu reicht ein Blick auf die Basisinformationen der Bundesregierung.

In Deutschland leben heute rund 130.000 Spanier, die ein gutes Beispiel für Integration ohne Aufgabe der eigenen kulturellen Identität darstellen. Umgekehrt leben nach neueren Schätzungen weit über 500.000 deutsche Staatsangehörige dauerhaft, das heißt länger als drei Monate im Jahr in Spanien. Hinzu kommen rund 10 Millionen deutsche Touristen jährlich.
[…] Deutschland ist nach Frankreich der zweitgrößte Handelspartner Spaniens, bei den Importen Spaniens liegt Deutschland sogar auf Platz eins. Obwohl Spanien traditionell deutlich weniger nach Deutschland exportiert (Warenwert 2011: 22,52 Mrd. Euro, +2,5 Prozent) als es von dort importiert (Warenwert 2011: 34,86 Mrd. Euro, +1,8 Prozent), konnte Spanien über die letzten Jahre das bilaterale Handelsdefizit mit Deutschland verringern.   Die Bundesrepublik nimmt bei den industriellen Direktinvestitionen eine wichtige Position ein. In Spanien sind rund 1.100 deutsche Unternehmen mit Tochterfirmen oder Beteiligungen vertreten, viele davon mit eigener Produktion. Eine bedeutende Rolle in den Wirtschaftsbeziehungen spielt auch der deutsche Tourismus.

Die aktuellen Meldungen aus Spanien, welches nach dem EG-Beitritt so ungeheuer boomte und sich in Rekordzeit zu Europas viertfittester Volkswirtschaft emporarbeitete, sind allerdings deprimierend.

 Gerade erst hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CIS die Stimmung auf der iberischen Halbinsel festgehalten: 90,02 Prozent der Befragten bezeichnen die Lage ihres Landes als "schlecht" oder "sehr schlecht". Schon vor einem Jahr waren die Daten mies, jetzt ging es noch weiter bergab. "Der Pessimismus der Spanier bleibt im freien Fall", stellt die angesehene spanische Tageszeitung "El País" fest.
Die kollektive Eintrübung ist kaum verwunderlich. Die Zahl der Neueinstellungen geht drastisch zurück, die Industrieproduktion sinkt seit Monaten kontinuierlich, schon jetzt sind mehr als 50 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit oder Ausbildung, das Land muss hohe Zinsen zahlen, um sich frisches Geld auf den Finanzmärkten zu leihen, die Immobilienkrise hat wichtige spanische Banken in die Knie gezwungen.
 […] CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder sagt: "Ich denke schon, dass Spanien - nicht wegen des Landes, sondern wegen der Banken - unter den Rettungsschirm muss."

Die Wirtschaftsdaten verschlechtern sich dabei in einem rapiden Tempo.

Der wirtschaftliche Absturz in Spanien beschleunigt sich. Im April ist die Industrieproduktion des Landes so stark eingebrochen wie seit mehr als zweieinhalb Jahren nicht mehr. Die Unternehmen stellten 8,3 Prozent weniger her als im Vorjahresmonat, teilte das Statistikamt in Madrid mit. Das war der stärkste Rückgang seit September 2009. Analysten hatten lediglich ein Minus von 6,5 Prozent erwartet.    Bereits im März hatten die Unternehmen ihre Produktion um 7,5 Prozent gedrosselt. Spanien leidet unter einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Arbeitslosigkeit ist die höchste in der Europäischen Union. Jeder vierte Spanier hat keinen Job, etwa jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos.  […]
Spanien braucht immer mehr Kapital, um notleidenden Banken zu helfen. Gleichzeitig wird es für den Staat angesichts steigender Zinsen immer schwieriger, Kredite am Finanzmarkt aufzunehmen. […]  Unionsfraktionschef Kauder […] forderte Spanien nunmehr auf, sich mit einem Hilfeantrag an den EFSF zu wenden. […] Allerdings könne es dabei gemäß den Bestimmungen des Rettungsschirmes EFSF nur um Hilfen für das Land gehen, die üblicherweise mit Auflagen verbunden werden, und nicht um Direkthilfen für notleidende Banken.

Man beachte, daß „Spiegel Online“ in so einem kurzen Text zweimal in die Sprache des Jahres 2008 zurück fällt.

Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff "Notleidende Banken", das Unwort des Jahres 2008.
Der Begriff stelle "das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf", begründete Schlosser die Wahl seines Gremiums. Die Banken samt ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise herbeigeführt worden sei, würden mit dem Ausdruck "notleidende Banken" zu Opfern stilisiert, erläuterte Schlosser. Tatsächlich sei aber der Steuerzahler das Opfer, der die Milliardenkredite mittragen müsse. Gleichzeitig gerieten ganze Volkswirtschaften in arge Bedrängnis.
(Spon 20.01.2009)

Wie kommt es nun, daß Spanien so ein Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit und der Produktivität hat?

Die Finanzkrise war, wie wir schon gesehen haben, keineswegs hausgemacht.

Aber strukturell leidet das katholische Land eben seit 500 Jahren an seiner Katholizität. 
Der ist nämlich Gift für die kulturelle und ökonomische Entwicklung.

Die iberische Halbinsel erlebte in den sieben Jahrhunderten maurischer Herrschaft eine beispiellose kulturelle Blüte, bevor mit Isabella der Katholischen alles zerschlagen wurde, Inquisition und Judenverfolgung das Bild bestimmten.
Blüte ist durchaus wörtlich zu verstehen - die islamischen Einwanderer hatten nämlich auch den Blumentopf erfunden und brachten bunte Pflanzen nach Spanien. Sie legten Gärten an.
Ebenfalls aus Arabien importiert wurde die Gitarre - man stelle sich den Flamenco ohne Gitarren und bunte Stoffe vor - so sähe er wohl heute aus, wenn Spanien nur unter Christlichen Einfluss gestanden hätte.

Weitere heute nicht mehr wegzudenkende islamische Errungenschaften sind:
Mehrstöckige Architektur, Burgenbau, Liedgut, Farbige Stoffe, Zuckerrohranbau, Schulwesen, Übernahme der Papierproduktion aus China, Brieftaubenkommunikation, Schach, Kristallglas, golddurchwirkte Stoffe, Muster.

Im 11. Jahrhundert sind Arabische Erfindungen z.B. Uhren, Messgeräte, Hebegeräte und Energiespender, Linsen für Fernrohre und andere optische, astronomische und medizinische Instrumente und Geräte.

Die Christen sind beleidigt, ob ihrer eigenen Doofheit.

Die Araber brachten eine derartige Hochkultur hervor, daß die wissenschaftsfeindlichen Christen im Vatikan dies als eine Bedrohung ansahen, auf die sie mit Gewalt reagierten.

Die Kirche fängt an, Forschung mit arabischen Grundlagen zu verbieten und lässt Forscher deswegen in den Kerker werfen oder sogar mit dem Tod bestrafen.
Die Kirche beginnt ihre Weltzensur gegen die überlegene islamische Lebensweise und technische Entwicklung.
500 Jahre Krise nannte Sebastian Schoepp seine feuilletonistische Analyse dieses destruktiven Christlichen Debakels in Spanien.

Was ist los mit Spanien? Noch in der Regierungszeit von Ministerpräsident José María Aznar (1996 bis 2004) war es der Wachstums-Musterknabe der EU. 150 Milliarden Euro Strukturhilfe aus Brüssel flossen in die viertgrößte Volkswirtschaft des Euro-Raums. Doch statt florierender Betriebe wuchsen auf den kargen Böden Andalusiens und Kastiliens Investitionsruinen empor, die inzwischen so tot und verlassen daliegen wie die verfallenen Burgen aus der Zeit von El Cid. […]
Mit demselben Übereifer [wie durch den ersten touristischen Geldsegen - T.] begann Spanien zwanzig Jahre später das Manna auszugeben, das in Form der EU-Strukturhilfen vom Himmel fiel. Anstatt jedoch in eine Produktivgesellschaft zu investieren, wollte es schnellstmöglich dazugehören, sich modernisieren, was vor allem hieß: modern aussehen. Das Geld wurde verbaut, anfangs sinnvoll, später - befeuert durch Aznars ultraliberale Bodenpolitik - in Raserei. Trotz hektischer Aktivität verharrte Spanien dabei innerlich in seinem 'betäubenden Immobilismus'.
[…]   Der Triumphzug des Antiökonomischen begann aber schon 1492. Damals entdeckte Spanien nicht nur Amerika, es besiegte auch das letzte Überbleibsel arabischer Herrschaft in Granada und vertrieb in den kommenden Jahrhunderten Mauren und Juden. Beide Gruppen waren für Handwerk und Handel zuständig. Der christliche Hidalgo hingegen verabscheute Arbeit, sie war ihm durch einen bizarren Ehrenkodex untersagt; nur im Soldatischen sah er eine gottgegebene Aufgabe. Die Reichtümer aus den Kolonien flossen durch Spanien hindurch wie flüssiges Gold - in den Schuldendienst bei deutschen oder flämischen Kaufleuten, die sie in industrielle Prozesse investierten. Mitteleuropa wurde reich vom Inkagold, während Spaniens Edelleute auf ruinösen Latifundien dahindämmerten.  Der Inquisition verfolgte dreihundert Jahre lang alles als Ketzerei, was nach Produktivität aussah. 'Kommerzielle, industrielle und finanzielle Unternehmungen ließen jeden, der sich damit abgab, automatisch zum Juden werden', schrieb der Historiker Americo Castro. Wer forschte, tüftelte, las, lief Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu landen. Als in Mitteleuropa während der Aufklärung die Naturwissenschaft erblühten, stritten sich spanische Gelehrte darüber, ob Engel beim Fliegen Seelen transportieren können.  Nach dem Ende der Inquisition lebte die Fortschrittsfeindlichkeit im Nationalkatholizismus fort. […]
Dass das Pyramidenspiel mit Immobilien schiefgehen würde, konnte jeder vorhersehen, der sich die Kreditvergabekriterien spanischer Banken ansah. Doch niemand schritt ein.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Eviva Espana



Ja nach Spanien reisen viele Europäer
Nur wegen Sonne und Wasser und Wein
Einer später doch der and're um so eher
Fährt Richtung Spanien und packt die Koffer ein
Den Regenmantel lassen wir zu Haus
In Spanien sieht es nicht nach Regen aus


Ob und wie jemand Fremdworte benutzt, finde ich immer wieder faszinierend.
Mit Fremdworten kann man sich in Szene setzen und seine Eitelkeit befriedigen (Methode Peter Sloterdijk), oder aber man präzisiert Aussagen und stellt sinnvolle Zusammenhänge her.

Interessanterweise unterliegen Fremdworte Moden. Initiiert von einer Person, kann ein bestimmter Begriff plötzlich omnipräsent werden.

Als Verteidigungsminister Scharping mit seiner neuen Geliebten im Pool auf Mallorca plantschte und die Bilder von der Bunten veröffentlichen ließ, erschien monatelang kein Artikel über ihn, in dem er nicht „erratisch“ genannt wurde. 
Eine passende Beschreibung allerdings. Tatsächlich hatte man den überwältigenden Eindruck, daß Scharping völlig der Realität entkoppelt und wirr agierte.

Im Vorlauf des Irakkrieges positionierte sich Außenminister Fischer wider des angelsächsischen „Bellizismus‘“ und fortan wurden die Grünen (Kosovo!!) bei jeder Gelegenheit bellizistisch genannt. Ganz so, als ob sie auch Jux und Dollerei gerne mal Krieg spielen wollten.

Gerhard Schröder popularisierte 2002 den Begriff „Kakophonie“, als er donnerte, mit selbiger müsse in der rotgrünen Koalition nun Schluß sein. 
Auch dieses Fremdwort griff die Journaille begeistert auf und schrieb nun bei jeder kleinen Dissonanz zwischen Rot und Grün, es herrsche wieder Kakophonie.

Irgendwie drollig die damaligen Irritationen und kontroversen Meinungsäußerungen als derartigen Missklang zu werten, daß es eines Fremdwortes bedurfte. Welch unfassbares Chaos in Kabinett und Kanzleramt auch herrschen kann lernten wir erst ab 2009.

Das aktuelle Modewort lautet „Austerität.“

Mir ist entgangen wer eigentlich damit anfing. 
Aber im Jahr 2012 kann sich niemand zur „Eurokrise“ äußern, ohne sich deutlich pro oder contra der Austeritätspolitik zu positionieren.

Wikipedia:  (engl. austerity, von lat. austeritas „Enthaltsamkeit“, „strenge Einfachheit“) ist ein Fremdwort für „Strenge“ oder „Sparsamkeit“. Es wird heute vor allem in ökonomischen Zusammenhängen gebraucht und bezeichnet dann eine staatliche Haushaltspolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt ohne Neuverschuldung anstrebt (Austeritätspolitik).

In diesem Blog wurde die Merkelsche Austeritätspolitik mehrfach scharf kritisiert. 
Verwerflich und verlogen und heuchlerisch ist dabei insbesondere wer wem mit dem Austeritätsfinger droht. 
Es sind immer die Deutschen, namentlich Schäuble, Merkel und Rösler, die von den angeblich unsoliden Staaten Irland, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland drastische Einsparungen und Haushaltsdisziplin fordern.
 Es werde „deutsch gesprochen in der EU“ vermeldete Merkels Fraktionschef Kauder. 
Am deutschen Wirtschaftswesen solle Europa genesen.
Austerität einzufordern ist dabei hauptsächlich ein Signal an die heimischen Wähler. Billige Anbiederung.
Übersetzt heißt das nämlich: 

Guckt euch die faulen Griechen an - das hat man davon, wenn man disziplinlos rumprasst. Wir Deutschen hingegen sind sparsam und fleißig und halten unser Geld zusammen. Deswegen geht es uns auch so gut und zu verdanken ist das alles der eisernen Haushaltspolitik Merkels.

Viele Wähler glauben das vermutlich auch.
 Merkel selbst ist dabei mehrfach ertappt worden, wie sie dreist lügend behauptete die Griechen gingen früher in Rente und arbeiteten weniger als Deutsche.

Vor Allem aber macht Merkel in Deutschland das Gegenteil von Austeritätspolitik. 
Sie hat massive Konjunkturpakete verabschiedet, viele Branchen regelrecht mit Geld geflutet und die deutsche Staatsverschuldung explodieren lassen.

Die Konjunkturpakete von 2008, die noch heute ihre segensreiche Wirkung entfalten, stammen natürlich vom damaligen SPD-Koalitionspartner.
Die Deutschen sollten der SPD heute noch auf Knien dafür danken, daß damals nicht die Krisenpolitik durchgesetzt wurde, die CDU, CSU und FDP heute von allen anderen Ländern fordern.

Auch nach der 2009er Bundestagswahl schmiss Merkels Regierung mit Geld um sich. 
Keine Spur von Austerität. Unter Schwarz-GELB wird das Geld allerdings zu den ohnehin Wohlhabenden geschaufelt (Milliarden für Hoteliers und Versicherungskonzerne,..) oder wie bei der Herdprämie sinnlos aus dem Fenster geworfen, statt mit den Milliarden die Nachfrage zu stimulieren.

Aktuelles Beispiel ist der „Pflege-Bahr“.

Fünf Euro im Monat will der Staat springen lassen, wenn ein Bürger sich gegen das Risiko versichert, zum Pflegefall zu werden. So soll die Lücke zwischen den Leistungen der (erzwungenen) gesetzlichen Pflegeversicherung und den tatsächlichen Kosten geschlossen werden.
Das hört sich ganz gut an. Doch greift die Koalition das Problem an der falschen Stelle an; und sie verwendet das falsche Handwerkszeug. Um das zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Richtig teuer wird es für den Staat und damit für die Steuerzahler, wenn immer mehr Leute nicht mehr in der Lage sind, die Pflegekosten aus der eigenen Rente zu finanzieren. Das betrifft vor allem Langzeitarbeitslose und Menschen mit niedrigem Einkommen. Doch ausgerechnet diese Gruppe wird nicht in der Lage sein, einen Pflege-Riester abzuschließen. Wer Monat für Monat kaum über die Runden kommt, macht sich mehr Sorgen um die Gegenwart als um die Zukunft. Keinesfalls zahlt er 50 oder 60 Euro im Monat für eine zusätzliche Pflegeversicherung.
Wozu auch? Denn eine zusätzliche Absicherung lohnt sich für sie gar nicht. Kann ein armer Mensch die Kosten für das Pflegeheim nicht zahlen, springt die Sozialhilfe ein. Das heißt, wer sich als Langzeitarbeitsloser oder Geringverdiener einen Pflege-Riester anschafft, mindert nicht das eigene Finanzrisiko, sondern allenfalls das staatliche.
Ganz anders stellt sich die Lage für Gutverdiener oder Vermögende dar. Wer ein komfortables Auskommen hat, kann sich eine private Pflege-Police auch ohne Zuschuss leisten. Der Pflege-Riester bedeutet für diese Gruppe demnach vor allem eines: ein aus Steuergeldern gestütztes Programm zum Schutz des Erbes.

Das ist vermutlich aber immer noch besser, als die Medizin, die Merkel in Griechenland und Spanien durchsetzen will.

Die Iberer sollen regelrecht erwürgt werden. 
Funktionieren kann das nicht. Aber was kümmert Rösler und Merkel die schnöde Realität?

Knechtung Spaniens führt ins Verderben.
"Was in Griechenland passiert ist, darf sich in Spanien nicht wiederholen", warnt Michael Schlecht, Chefvolkswirt der Fraktion DIE LINKE. "Angela Merkels Euro-Rettungspolitik ist offenkundig gescheitert. Wer versucht, Spanien durch den sogenannten Rettungsschirm zu knechten, und der spanischen Bevölkerung dafür weitere massive Kürzungen abverlangt, führt das Land ins Verderben." Schlecht weiter:
"Der Weg der konditionierten Finanzhilfen und barbarischen Kürzungsprogramme ist gescheitert. Dieser Weg führt in die Rezession und vermindert noch nicht einmal neue Schulden. In Spanien geht es im Kern um eine Banken- und Finanzmarktkrise. Wer ernsthaft dagegen vorgehen will, muss die Spekulationsmachine abschalten. Die EZB muss die Euro-Staaten direkt mit Krediten versorgen, damit die Zinsbelastung nur noch ein Prozent beträgt, statt der horrenden Zinsen von sechs bis sieben Prozent, die private Banken verlangen. "
(Pressemitteilung der Linksfraktion im Bundestag 06.06.12)

Auf den Nachdenkseiten schildert Jens Berger in einem sehr empfehlenswerten Artikel die katastrophalen Folgen des Merkel’schen Diktats und endet mit dem Satz 

„Nicht nur Spanien, sondern auch das europäische Haus brennt lichterloh und Angela Merkel ist die Brandstifterin.http://vg08.met.vgwort.de/na/9893794c09144a02accae2a2bf0aa56f
(JB 05.06.12)

Eine Wortwahl, die er offensichtlich bei Joschka Fischer abgeguckt hat.

 Dem Ex-Außenminister ist vor ein paar Tagen schon der Kragen geplatzt:

Das europäische Haus steht in Flammen, und London fordert ein vernünftiges und entschlossenes Verhalten der Feuerwehr. Freilich hat er die Rechnung ohne die Feuerwehr (uns Deutsche) und unsere Feuerwehrhauptfrau Angela Merkel gemacht. Europa, angeführt von Deutschland, löscht lieber weiter mit Kerosin statt mit Wasser, und der Brand wird so mit der von Merkel erzwungenen Austeritätspolitik beschleunigt. Genau deshalb hat sich die Finanzkrise in der Euro-Zone innerhalb von drei Jahren zu einer wirklichen Existenzkrise ausgewachsen.

Das erlebt man auch selten, daß Jens Berger, Helmut Kohl, Linkspartei, Helmut Schmidt und Joschka Fischer einer Meinung sind. 
Alle bewerten die Europa-Politik der derzeitigen „bürgerlichen“ K.O.alition gleich.

Glückwunsch Frau Merkel. 

Sie konnte zwar nicht die Kakophonie in den eigenen Reihen abstellen - aber dafür sind sich alle anderen einig in ihrer Ablehnung.


Nur der Urnenpöbel findet sie noch immer toll.

Dienstag, 5. Juni 2012

Das Nichts




Die Sieger schreiben Geschichte.
Daher erinnert sich jeder, der an den 2005er Wahlkampf denkt nur noch an den pampigen Gerd Schröder in der Elefantenrunde, der ganz offensichtlich ein Glas Rotwein zu viel hatte.
Das ist ungerecht, denn da waren die Würfel schon gefallen.

In Wahrheit war es so, daß Schröder zum Entsetzen seiner Partei und des Grünen Koalitionspartners am 22.05.2005 unmittelbar nach dem schockierenden Rüttgers-Durchmarsch in NRW die Reißleine gezogen hatte und in aussichtsloser Lage Neuwahlen angesetzt hatte.

Die CDU lag im Juni 2005 in der Sonntagsfrage bei der absoluten Mehrheit von ungefähr 49%. Dazu kamen rund acht Prozent für Guido. Die SPD weit abgeschlagen.

Merkel hatte in den letzten sechs Jahren die rotgrüne Regierung regelrecht zersetzt, indem sie als „Mme Njet“ im Bundesrat alles blockierte. 
Sie führte eine völlig verantwortungslose Fundamentaloppositions-Strategie durch, die selbst die vernünftigsten Dinge stoppte. 
Das Land war ihr völlig egal. Sie wollte aktiv die Wirtschaft ruinieren und Deutschlands außenpolitischen Ruf kaputt machen, weil sie hoffte, daß ein Land in Agonie sich von der Regierung abwenden würde.

Die CDU-Chefin hatte sich seit ihrer „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“ Kampagne in Hessen (Januar 1999) ohnehin moralisch diskreditiert.

Schröder erkannte, daß diese Zermürbungsmethode funktionierte. 
Zumal Merkel fast die gesamte Großpresse auf ihre Seite gebracht hatte. 
Ihre Spezies Friede Springer, Liz Mohn und Sabine Christiansen machten massiv Stimmung gegen Schröder.

Die Neuwahlentscheidung überrumpelte die destruktive Matrone des Konrad-Adenauer-Hauses aber insofern, als sie nun zur direkten Konfrontation gezwungen wurde. 
Sie mußte aus der Deckung und sich in mehrere TV-Duelle mit dem amtierenden Kanzler wagen.

Dabei machte Schröder seine Sache in auswegloser Lage geradezu brillant.
 Mit Detailwissen, Erdung an der Basis, Witz und Intelligenz schaffte er es FAST noch einmal das Blatt zu wenden. Nicht einmal dir größten Optimisten in der SPD hatten daran geglaubt.
Eine furiose Aufholmacht gelang umso besser, je mehr die Deutschen den direkten Vergleich zwischen dem charismatischen Staatsmann Schröder und der Ost-Wuchtbrumme ohne Erfahrung und Charakter vor Augen hatten.

Nur der minimal zu frühe Wahltermin rettete Merkel den nicht vorhandenen Hals.
Die SPD war auf 34,2% geklettert und die CDU auf 35,2% abgeruscht. 
Noch ein oder zwei Wochen länger und Merkel wäre tatsächlich nie Kanzlerin geworden.
Woran lag’s? Nur an Schröder. 

Als Bundeskanzler ist er einfach drei Klassen besser, als Merkel, die sich mit Nicht-Regieren durchmogelt.

Unglücklicherweise haben wir uns aber inzwischen so daran gewöhnt, daß die apolitische Mauschlerin im Kanzleramt hockt, daß wir es für völlig normal halten, wenn die offensichtlich dringend anliegenden Dinge jahrelang ignoriert werden.

Minister, die ihren eigentlich Job schon seit Jahren verschlafen, sind nach wie vor in Amt und Würden.
 Ja, Röttgen, der stoisch die „Energiewende“ verdrängte und sich nie um die Atomendlagersuche kümmerte, ist nun weg. 
Aber was heißt das schon, wenn Schavan, Rösler, Schäuble und Westerwelle weiterdösen dürfen?

Nach fast drei Jahren im Amt kam die unbestritten schlechteste Regierung, die Deutschland je hatte, gestern mal wieder zu einem Krisengipfel zusammen.
 Der Bajuwarische Donnergott hatte vernehmlich im ZDF gegrollt, so daß seinem demoskopisch kastrierten Parteichefkollegen Rösler schon vor Schreck die Frosch-Vergleiche ausgingen. Seehofer wollte es mal so richtig krachen lassen.

Und nun ist das Ergebnis so wie immer: Es gibt kein Ergebnis. 

Zwar hat die Koalition eine ganze Latte von Megabaustellen ……

    ...die Vorratsdatenspeicherung, das Dauerzoff-Thema der Koalition. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Justizkollegin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) stehen sich unversöhnlich gegenüber. Inzwischen klagt die EU vor dem Europäischen Gerichtshof, weil die entsprechende Brüsseler Richtlinie nicht umgesetzt ist. Die Liberalen wollten hart bleiben und sich einer anlasslosen Speicherung von Kommunikationsdaten weiterhin verweigern.
    ...den Mindestlohn: Die CDU hofft noch immer, die FDP für allgemein verbindliche Lohnuntergrenzen in jenen Branchen zu überzeugen, in denen es keine Tarifverträge gibt. Doch die Liberalen sträuben sich.
    ...die Pkw-Maut: Die CDU will keine Maut, die FDP will keine Maut - nur die CSU bringt das Thema regelmäßig wieder auf. Die Liberalen spotteten im Vorfeld schon, mit der Maut sei es wie mit dem Ungeheuer Nessie: Es tauche immer wieder auf, obwohl jeder wisse, dass es es nicht gibt. So wird es weiter gehen.
    ...die Frauenquote: Merkel und Seehofer wollen die sogenannte Flexi-Quote, bei der sich Unternehmen verpflichten, eine selbst gesetzte Frauenquote zu erreichen. Die FDP ist gegen jede Form der Quote.
    ...die Praxisgebühr: Angesichts der Milliardenüberschüsse der Sozialkassen will die FDP die Zehn-Euro-Gebühr abschaffen, um die Versicherten zu entlasten. Die CDU will lieber Rücklagen für schlechte Zeiten bilden.

….aber Merkel macht es wie immer - auf die lange Bank schieben.

Wie immer bei brisanten Themen blockiert sich die schwarz-gelbe Schlafwagentruppe gegenseitig.

Einzig die vollkommen gagaeske Bildungsfernhalteprämie, eine Milliarden-teure Geldverschwendung, um die Jugend systematisch zu verblöden wurde „verabschiedet“. 

Natürlich durch einen Kuhhandel: Wenn schon die CSU auf Kosten der nächsten Generation Geld raus prassen darf, bekommt die FDP auch einen süßen Lutscher. Natürlich auch einen Milliarden-schweren. Den sogenannten Pflege-Bahr, bei dem die FDP-spendende Versicherungslobby mit fünf Staats-Euro subventioniert wird.
Selbst Friede Springers Blätter können kaum noch verhehlen, daß Merkels Leistungen ein Totalausfall sind.

Die Kontrahenten, die eigentlich gemeinsam Europas wichtigste Wirtschaftsnation lenken sollten, verheddern sich immer wieder zwischen Koalitionsvertrag, Parteiprogrammen, Klientelpolitik und Animositäten. Alte Beschlüsse werden infrage gestellt, neue Forderungen erhoben. Sie erwecken allzu oft den Eindruck, dass bei ihnen Eigennutz vor dem Wohl des Landes rangiert. Und so werden immer wieder Dreiergespräche der Parteivorsitzenden oder Koalitionsgipfel zu Krisentreffen. […]
Den Eindruck von Harmonie werden diese Koalitionäre in ihrer Endphase nicht mehr vermitteln können, eher Endzeitstimmung.


Montag, 4. Juni 2012

Der Friedensnobelpreisträger - Teil II



Barack Hussein Obama II im Jahr 2009 den Nobelpreis zu verabreichen, war taktisch das größte Desaster, welches „das Komitee zur Vergabe des Friedensnobelpreises“ in Oslo, bestehend aus fünf Personen, die vom norwegischen Parlament ausgewählt und ernannt werden, je angerichtet hat.

Die Intention war klar: Die Norweger wollten sich im Glanze des in Europa überaus beliebten neuen Präsidenten, des Anti-Bushs, sonnen und zudem die US-Außenpolitik in eine bestimmte Richtung drücken.
Erreicht wurde ein jeder Hinsicht das Gegenteil. 
Europa lachte über Oslo, weil selbst die größten Obama-Fans zugaben, daß er so kurz nach der Amtsübernahme noch gar nichts geleistet hatte.
 In Amerika brachte ihm der Preis sogar regelrecht Spott ein. Für US-Republikaner sind skandinavische Parlamentarier böse europäische Kommunisten. 
Wer von ihnen derart geehrt wird, ist nach Teabagger-Vorstellung grundsätzlich auf dem Holzweg.
Der Friedensnobelpreis verstärkte also die Vorurteile der Rechten gegen Obama erheblich. Obama war angeschlagen und deutete diese vermeidliche Schwäche als Verpflichtung zukünftig eher den Falken, denn die Taube zu geben.
Er konnte noch nicht mal die 10 Millionen schwedischen Kronen Preisgeld behalten, weil sie in Amerika als schmutziges Geld galten.
Geld und Prestige, das manch international unbekannter Friedensaktivist sehr gut hätte gebrauchen können, wurde in Oslo einfach in den Müll geworfen.

Hinzu kommt, daß die 2009er Entscheidung noch lange nachwirkt, weil bei jeder höchst unfriedlichen Aktion, die Obama durchführt, das Nobelpreiskomitee noch ein Stück lächerlicher gemacht wird.

Nachdem ich Obamas Kriegslust bereits beleuchtet hatte, wird es Zeit für ein Update.

In Pakistan fielen bisher 2.300 bis 3.000 Menschen US-Drohnenangriffen zum Opfer, davon ca. 80% Zivilisten.
Insgesamt kostete Amerikas "war on terror" bisher 1,7 Millionen Menschen das Leben.
Das sind fast 600 mal so viele, wie beim WTC-Anschlag starben.
Diese klar völkerrechtswidrigen Drohnenangriffe auf Pakistan hatte schon der damalige Senator Obama im Wahlkampf 2008 eingefordert und sie scheinen ihm bis heute großen Spaß zu machen.

So wie einst George W. Bush seine Besucher mit dem goldenen Colt Saddam Husseins zu beeindrucken suchte, meint auch Obama ein direktes und persönliches Eingreifen in den Krieg sei angebracht. 
Offenbar hält auch er das gezielte Töten Tausender Zivilisten für so eine Art Videospiel.
Diese Vorgehen bringt ihm durchaus Pluspunkte in der Öffentlichen Meinung ein, wie ein Bericht über die „secret kill list“ des Potus der beiden New-York-Times Journalisten Jo Becker und Scott Shane zeigt.

 Der US-Präsident hat den Drohnenkrieg gegen Terroristen intensiviert. Und er behält sich vor, persönlich über Leben und Tod zu entscheiden.
 […]   Tatsächlich hat sich der US-amerikanische Präsident an die Spitze eines streng geheimen Entscheidungsprozesses gesetzt, in dessen Folge über das Schicksal von mutmaßlichen Terroristen entschieden wird. Es gilt darüber zu urteilen, ob der Verdächtige getötet oder nur festgenommen wird - wobei Letzteres wohl eher zur theoretischen Option verkommen ist. Obama hatte einst geschworen, sich im Kampf gegen al-Qaida von amerikanischen Werten leiten zu lassen. Die Auflistung der Menschen, deren Tod er bald befehlen könnte, unterstreicht nur, in welchem moralischen und gesetzlichen Dilemma sich dieser Kampf befindet.
[…]   Die Diskussionen im Weißen Haus über eine langfristige Strategie gegen al-Qaida seien in den Hintergrund geraten, weil der Fokus immer stärker auf die tödlichen Angriffe gelegt worden sei. "Man konnte fast den Eindruck gewinnen, die Verantwortlichen wollten nicht von ihrem neuen Lieblingsspielzeug lassen", bemängelte Dennis C. Blair, der bis zu seiner Entlassung im Mai 2010 Chef des nationalen Nachrichtendienstes war.
[…]    Seine Mitarbeiter sagen, es gebe mehrere Gründe dafür, dass Obama sich derart intensiv mit tödlichen Anti-Terror-Einsätzen befasst. Als eifriger Leser der Schriften von Augustinus und Thomas von Aquin begreife er es als seine Pflicht, moralische Verantwortung für solche Operationen zu übernehmen. […]   Der Einfluss, den Obama damit ausübt, belegt letztlich auch sein beachtliches Selbstvertrauen. Der Präsident sei fest davon überzeugt, so bestätigen es mehrere seiner engen Mitarbeiter, dass sein eigenes Urteilsvermögen in diesen Fragen unerlässlich sei. Als Donilon, Obamas Berater für Fragen zur nationalen Sicherheit, einmal gefragt wurde, was ihn an Obama am meisten überrascht habe, sagte er: "Er ist ein Präsident, dem die Anwendung von Gewalt im Namen der Vereinigten Staaten kein Unbehagen bereitet." […]    Und trotz dieser Erfolge ist der Anti-Terror-Kampf noch weit von seinen Zielen entfernt: Sowohl der Jemen als auch Pakistan sind beide instabiler und den USA feindlicher gesinnt, seit Obama Präsident ist. Der Drohnenkrieg ist zu einem provokativen Symbol amerikanischer Macht geworden, die nicht vor Ländergrenzen oder dem Tod Unschuldiger zurückschreckt.
 (Jo Becker und Scott Shane May 29, 2012, Übersetzung Silke Mülherr)


Konventionelle Waffen sind die wahren Massenvernichtungswaffen unserer Zeit - jedes Jahr sterben hunderttausende Menschen durch ihren Missbrauch, werden verletzt oder in Armut getrieben. Eine der wichtigsten Ursachen: Es gibt keine rechtlich verbindlichen internationalen Regeln, die den grenzüberschreitenden Handel mit Schusswaffen, Panzerfahrzeugen oder anderen konventionellen Rüstungsgütern einschränken würden.
Das weltweite Volumen des Handels mit Schusswaffenmunition übersteigt deutlich das mit Pistolen, Gewehren und Maschinengewehren. Dennoch gibt es bisher kaum internationale Regeln, wohin und wofür Munition geliefert werden darf. Oxfam kritisiert in dem Bericht „Stop a Bullet, Stop a War“, dass wegen mangelnder Kontrollen große Mengen an Munition legal an Staaten in Krisenregionen gelangen und dann illegal an Bürgerkriegsparteien weitergeleitet werden können. Das geplante UN-Abkommen zur weltweiten Kontrolle des Waffenhandels muss deshalb auch strenge Regeln für Munitionstransfers enthalten.

12 Milliarden Schuss sind genug, um jeden Menschen der Erde zweimal zu erschießen - JEDES JAHR.
Rufe nach Beschränkungen des Munitionshandels werden von Obama in der UN blockiert.
Eine Welt mit weniger Waffen wäre ihm wohl zu unfriedlich.

Guns are useless without bullets. An Arms Trade Treaty (ATT) that does not control ammunition will not achieve its purposes.
• Ammunition is bigger business than weapons. Twelve billion bullets are produced each year – nearly two bullets for every person in the world. The global trade in ammunition for small arms and light weapons is worth more than the trade in firearms and light weapons themselves: an estimated $4.3bn per annum.
• The international trade in ammunition is even less accountable and transparent than the trade in arms. Ammunition flows are difficult to monitor, so the risk of diversion to unauthorised or illicit users is increased.
Several countries, including the USA, China, Egypt and Syria, are arguing that ammunition should be excluded from the ATT. Some of these countries say the sheer volume of trade makes it too difficult to monitor. This would be a colossal mistake. There are now several reasonably simple and effective ways to track ammunition transfers. Inclusion in the ATT would significantly strengthen these mechanisms and the resolve to implement them. Failure would undermine what best practice already exists.

Sonntag, 3. Juni 2012

Langsam reicht es - Teil II




Wochenend und kein Sonnenschein, da nahm ich mir zum Glück allein die aktuelle ZEIT vor.

Es ist nicht neu, daß in der einst so vorbildlichen Qualitätszeitung konservative Leitartikel und schwer religiotische Kirchenhuldigungen stattfinden.
Das Elend kam aber erst auf s. 58 so richtig dicke, als ich die Rubrik „Glauben und Zweifel“ aufschlug.
Hauptartikel ist ein Interview mit der Harvard- und Oxford- Professorin Monica Toft.

Monica Duffy Toft is Associate Professor of Public Policy and Director of the Initiative on Religion in International Affairs at Harvard’s Kennedy School of Government. She is the author of most recently Securing the Peace: The Durable Settlement of Civil Wars (Princeton, 2010) and God’s Century: Resurgent Religion and Global Politics, with Daniel Philpott and Timothy Shah (Norton, forthcoming, 2011).

Miss Toft ist für den ZEIT-Leser keine Unbekannte.

So erschien 2006 eine Rezension ihres Artikels in der Juli/August-Ausgabe der amerikanischen Foreign Policy unter dem schönen Titel Why God is winning.

In Indien wuchsen die religiös-basierten Hindu-Nationalisten zum wichtigsten Herausforderer der säkularen Kongress-Partei heran. In Amerika wurden die Evangelikalen zur wahlentscheidenden Kraft.
Das seien keine Ausrutscher. Vielmehr: Gott ist in, Säkularismus out Die Demokratie gibt Menschen eine Stimme, und immer mehr wollen von Gott sprechen. Die mächtigen Schübe von Modernisierung und Globalisierung in den letzten drei Jahrzehnten fielen zusammen mit einer sprunghaften Zunahme an religiösem Erwachen. Gerade 50 Prozent der Menschheit gehörten vor hundert Jahren den großen Religionsgemeinschaften Christentum, Islam und Hinduismus an, heute seien es 64 Prozent, es könnten bald nahezu 70 Prozent sein.
Ihre Anhänger seien nicht nur frömmer als früher, sondern darüber hinaus bereit, religiösen Führern mehr Mitwirkung an politischen Entscheidungen zuzubilligen.

Genau an diesem Thema hat sich die Direktorin der "Initiative Religion in International Affairs" inzwischen weiter breit gemacht und veröffentlichte das oben schon genannte Buch
 „Gottes Jahrhundert. Wiederkehr der Religion und globale Politik“
Darin stellt die Dame die steile These auf, daß sich nun erst die Religion richtig entfalte und damit Freiheit und Demokratie gefördert würden.

Eine gute Diskussionsgrundlage, wie ich meine.

Für die ZEIT interviewte Manuel Hartung, der Chefredakteur von „Zeit Campus“ und künftige Geschäftsführer der ZEIT-Tochter „Tempus Corporate“.

Frau Toft haut dabei Thesen und angebliche „diskriptive Aussagen“ raus, die bei mir Schnappatmung und Durchfall auslösten.

Das hätte ein gutes Streitgespräch werden können. Leider muß ich diesen Satz im Konjunktiv schreiben, da der überzeugte und engagierte Katholik Hartung die überzeugte Katholikin Toft ganz im Sinne seines katholischen Chefs di Lorenzo einfach reden ließ und nicht ein einziges mal widersprach.
Hartung, 30, engagierte sich schon in der Schule in der „Schüler-Union“ und der Katholischen Kirche.

Toft: Neue Studien zeigen, dass Agnostiker und Atheisten weniger werden, während die Zahl der Gläubigen wächst. Religion boomt in Afrika, Lateinamerika, Asien. In Staaten wie Nigeria und Indien finden Menschen, dass ein Politiker gläubig sein sollte. In den USA hieß es früher, dass ein Katholik niemals Präsident werden könne. Heute kann ein Atheist niemals Präsident werden.
(Die ZEIT 31.05.12)

Das freut Frau Toft.
Daß aber auch in Amerika die Atheisten eine stark anwachsende Gruppe sind, die je nach Umfrage schon die 30%-Marke knacken, weiß Hartung anscheinend nicht. 
Stattdessen wirft er Stöckchen und meint der Säkularismus verlöre an Bedeutung.

ZEIT: Der große amerikanische Theologe Harvey Cox hat die Säkularisierungstheorie vor einigen Jahren schon als »den Mythos des 20. Jahrhunderts « bezeichnet.
Toft: Cox hat recht. Die Menschen wenden sich nicht von der Religion ab, bloß weil ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind. Im Gegenteil. Wer ein bestimmtes Level von sozialer Sicherheit erreicht hat, kann sich für das interessieren, was größer ist als er selbst.
(Die ZEIT 31.05.12)

Man staunt. 
Ausgerechnet die monotheistischen Großideologien, die mit ihrer manichäischen Weltsicht den Grundstein für Intoleranz, Vorurteile und Diskriminierung legen, jubelt die US-Professorin zu Vorkämpfern des Pluralismus hoch:

Toft: In unserem Buch God’s Century stellen meine beiden Co-Autoren und ich drei Faktoren dar, die zur selben Zeit zusammenkommen und für den Aufstieg der Religion verantwortlich sind: Modernisierung, Demokratisierung und Globalisierung.
ZEIT: Das müssen Sie erklären.
Toft: Früher war das eigene Schicksal sehr stark vorherbestimmt durch den Ort, an dem man aufwuchs, und die Familie, aus der man stammte. Heute hat jeder Mensch die Wahl, wie er lebt. Es gibt einen Wettbewerb um den richtigen Glauben. Religiöse Gruppen konkurrieren untereinander und mit dem Staat.  […]  Wenn Sie sich anschauen, welche Länder sich seit den 1970er Jahren demokratisiert haben, haben religiöse Akteure in 63 Prozent der Fälle die Demokratisierung vorangetrieben. Eine politische Theologie, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt, hat automatisch einen engen Bezug zur Demokratie; sie lebt vom Grundsatz »eine Person, eine Stimme«.
(Die ZEIT 31.05.12)

Genau. 
Wir wissen ja alle, daß der Vatikan die Keimzelle der Demokratie ist und dort immer streng basisdemokratisch via „liquid democracy“ abgestimmt wird.
Auch das Talibanistische Afghanistan, das Wahabitische Saudi-Arabien und die Islamische Theokratie Iran mit ihren konzentriert religiösen Führungen sind als Hort der Toleranz und Demokratie bekannt.

ZEIT: Warum sind Sie so sicher, dass dieses junge Jahrhundert wirklich »Gottes Jahrhundert« wird?
Toft: Es werden immer mehr Menschen in einen Glauben hineingeboren. Immer mehr entscheiden sich für eine Religion oder konvertieren. Ja, Religion kann Staaten auseinanderreißen. Und Bürgerkriege, in denen sie eine Rolle spielt, sind blutiger, dauern länger und brechen immer wieder auf. Auf der anderen Seite hat Religion positiven Einfluss: Sie übt Druck auf autoritäre Regime aus, und sie stiftet Frieden. Religiöse Gruppen zählen zu den wichtigsten Mediatoren in Konflikten.
(Die ZEIT 31.05.12)

Ja, das stimmt. In Reinkultur konnte man dies beispielsweise in Ruanda 1994 erleben, als insbesondere Christliche Geistliche das Abschlachten von fast eienr Million Menschen anstachelten.

Das erst 1962 aus belgischer Kolonialherrschaft entlassene Land hat eine fast rein christliche Bevölkerung.
Unsere christlichen Mitbrüder!
Knapp 60% Katholiken, knapp 40% Protestanten.

Das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas wurde gründlich missioniert.

Es handelte sich 1994 also um einen Genozid an Christen - verübt durch Christen.
Ein Christengenozid, der keineswegs beendet ist - aus Furcht vor Rache flohen mindestens zwei Millionen Hutu in die Nachbarstaaten; insbesondere in den Kongo, in dem jetzt fröhlich weiter gemordet wird.

Der katholische Klerus spielte eine besonders aktive Rolle im „Bürgerkrieg“ - nicht etwa als Friedensstifter, sondern als Todesengel.
Heute sind rund 50 Kirchen in Knochenmuseen umfunktioniert - in ihnen lagern die Gebeine der Opfer.

There are the bones of adults and, heartbreakingly, also of babies and toddlers who were hacked to death. Visitors come not to see how life was lived but to remember how people were killed.
These bone museums are a silent indictment against many clergymen who were involved in the genocide, in which some 800,000 ethnic Tutsis and moderate Hutus were put to death in just one hundred days - a faster killing rate than that achieved by the Nazis in Germany.

Die Katholiken haben das einst geradezu paradiesisch schöne Ruanda in einen Friedhof verwandelt.
Obwohl die Aufklärung des Völkermordes alles andere als gründlich voran geht, kann man schon jetzt sagen, daß der katholische Klerus nach den Berufssoldaten diejenige Berufsgruppe ist, die am stärksten in den Völkermord verwickelt war.

Internationale Gerichtshöfe verurteilten wenigstens einige der Mord-Priester und Terror-Nonnen.
So wurde die katholische Nonne, Schwester Theopister Mukakibibi, im Jahr 2006 zu 30 Jahren Haft wegen Völkermordes verurteilt.

Im Februar 2009 wurde Pater Emmanuel Rukundo zu 25 Jahren Gefängnishaft verurteilt.

Rukundo habe bekannt, mit seinen Morden die ethnische Minderheit der Tutsi „vollkommen oder zumindest in Teilen“ habe ausrotten wollen. ….. Nach Angabe des Gerichtes war der Geistliche zusammen mit Soldaten des Hutu-Volkes an der Tötung von Tutsi-Zivilisten beteiligt, die sich in der Stadt Gitarama in ein Seminar geflüchtet hatten.

Aber auch in Nordirland haben die Protestanten und Katholiken durch gezielte Attentate und Steinwürfe auf kleine Kinder bewiesen, wie man Konflikte entschärft.

Geborene Mediatoren scheinen mir auch die Ultraultraorthodoxen Juden in Jerusalem und den Siedlungsgebieten zu sein! Dort ist es bekanntlich auch die Religion, die als einzige für Frieden sorgt!

Meinen Dank an die ZEIT!
Man lernt so viel….

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings für Frau Prof Toft: Die Hochschullehrer widersetzen sich noch der Religion - Ganz Academia ist stark säkularisiert“
Aber auch in Harvard erkennt sie Zeichen der Hoffnung.

Toft: Würde man ein Ranking der am stärksten säkularen Gesellschaftsbereiche machen, Academia würde einen der vordersten Plätze belegen. Immerhin gibt es mittlerweile eine gewisse Offenheit: Ich habe mein Buch den Professoren der Kennedy School of Government an einem Aschermittwoch vorgestellt. Ich begann mit der Beobachtung, dass an jenem Tag auch in Harvard viele Studenten mit Aschekreuzen in die Uni kamen. Das wäre vor ein paar Jahren unmöglich gewesen. Von den Professoren trug niemand ein Aschekreuz. Ich auch nicht. Aber Abends ging ich in die Kirche.
(Die ZEIT 31.05.12)

Und mit dem Satz endete das sogenannte „Gespräch“ über Glauben und Zweifel in der aktuellen ZEIT.