Sensationsgier, Gafferei und Lust an Eskalation sind klassische
Antriebsfedern des modernen Menschen. Deswegen verkaufen sich Zeitungen besser
mit der Überschrift „1.000 TOTE!“ in Schriftgröße 72, als „mehrere Todesopfer
befürchtet“ in Verdana 14. Deswegen lassen sich Influencer noch ein Pfund mehr
Silikon in die Lippen spritzen, oder die Rippen für eine Wespentaille
entfernen. Wäre Michael Jackson so eine Ikone geworden, wenn er seine Plastic
Sugerys nicht so grotesk übertrieben hätte, daß wir stets sensationsgierig mitbangten,
ob nun die Nase endlich abgefallen ist? Nach dem Prinzip arbeiten auch die
Algorithmen der Social-Media Plattformen. Offenbar versteht sich Tiktok am
besten darauf, den sensationslüsternen Teenie-Usern, stets die Inhalte zu
präsentieren, welche die heftigsten Reaktionen auslösen. Es ist eine ziemlich
abstoßende Triebfeder des Menschseins, die auch zu den enormen
AfD-Wahlergebnissen beiträgt: Je höher der blaue Balken wächst, desto mehr
gruseln sich die Spieler im politischen Betrieb: Das reizt den Urnenpöbel.
Aiwanger, Trump oder Erdoğan beherrschen das Spiel mit
der Aufmerksamkeitsökonomie, indem sie stets etwas noch Schrilleres erfinden,
das zu meinem großen Missfallen, von den Lanzens und Wills dieser Welt geifernd
weiterverbreitet wird. Besonnene, seriöse und analytische Stimmen haben dagegen
kaum eine Chance und so wählt der Souverän letztlich auch.
Es stellt sich die Frage, ob es einen Kipppunkt geben
kann, an dem der Irrsinn so sehr eskaliert, daß sich das Publikum abwendet.
Hubsi Aiwanger musste just die Kommentar-Funktion seines
Musk-Accounts abstellen, weil er als Chefeskalierer zu weit getrieben hatte.
[….] Auf der Plattform X
gilt Aiwanger als Dirigent eines wütenden Internet-Orchesters. Dessen Misstöne
schlagen ihm nun selbst entgegen, wegen seiner Zustimmung zum Schuldenpaket. [….]
All das hat Aiwanger beflissen auf seinem Account auf der Plattform X,
ehemals Twitter, in Wort und Bild dokumentiert. Nur: Bei den Kommentaren dazu
will sich kaum einer mit derlei Veranstaltungen oder mit regionaler
Wirtschaftspolitik an sich befassen. Stattdessen liest und las man dort:
„Umfaller“, „Verräter“, „Feigling“, „Dampfplauderer“, „Heuchler“, „Grußonkel
ohne Rückgrat“, „Söders Schoßhund“. Nicht
ein paar Mal, sondern tausendfach seit gut zwei Wochen. Man las es –
Vergangenheit –, weil die Kommentarfunktion auf dem X-Kanal des
Freie-Wähler-Chefs nun seit einigen Tagen eingeschränkt ist. Auf seinem
Lieblingsmedium, das er bislang wie kaum ein anderer Politiker bespielte: um
regelrechte Schlachten mit politisch Andersdenkenden auszutragen, um im
Stakkato seine Ansichten kundzutun. Aiwanger war dort oft Dirigent eines
wütenden Internet-Orchesters. Das hat für ihn zum Beispiel in der Flugblatt-Affäre
gut funktioniert, mit dem Beistand der Twitter-Meute konnte er sich damals
öffentlich so inszenieren, wie er es im Sinne hatte. Und jetzt fällt in großen
Teilen dieselbe Meute erbarmungslos über ihn her.
Was ist passiert?
Hintergrund ist die Entscheidung seiner Freien Wähler zu Schuldenbremse und
Sondervermögen, also zu den milliardenschweren Planungen der wohl künftigen
Bundesregierung aus Union und SPD. [….]
(Johann Osel, SZ, 02.04.2025)
Eine Über-Eskalation Trumps erscheint mir inzwischen auch
die einzige Hoffnung, ihn doch noch zu stoppen, bevor er die ganze Welt zerstört.
Das kann nur gelingen, wenn sich seine Anhänger gegen ihn wenden, weil sowohl
Medien, wie auch Opposition und Zivilgesellschaft der USA zu schwach dazu sein.
[….] Weltweit wachsen
gerade starke demokratische Protestbewegungen: in der Türkei, in Serbien, sogar
in Gaza. Nur im neuerdings autoritären Amerika regt sich kein Widerstand. [….]
Als die Welt noch in Ordnung war, oder besser als sie jetzt ist, jedenfalls:
ehe sich die USA auf den Pfad der Autokratie begeben haben, tauchte in
politischen Diskussionen über schlimme Regimes im Nahen Osten oder in Russland
zwangsläufig irgendwann die Frage auf: Warum demonstrieren die Menschen nicht
dagegen? Die Russen gegen Putin, die Palästinenser gegen die Hamas, kurz, die
Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker? Warum gehen sie nicht millionenfach auf
die Straße, um den Zustand der Unfreiheit zu beenden? Zu Überheblichkeit
neigende politische Beobachter bemerkten dann: Andere können es doch auch. Und
unterstützten ihre Analyse mit Kopfschütteln, Bedauern, wohligem Mitleid.

Vor den Antworten, die es
tatsächlich gibt, muss man die Frage inzwischen zwingend erweitern. Sie lautet
nun: Warum gehen die Amerikaner nicht millionenfach auf die Straße, bieten
Trump in einer weltweit beachteten, heroischen Geste die Stirn? Andere können
es doch auch.
Die Türken beispielsweise.
Seit der Istanbuler Bürgermeister und Erdoğan-Rivale Ekrem İmamoğlu im März
festgenommen und auf ziemlich durchsichtige Weise politisch aus dem Verkehr
gezogen wurde, erlebt das Land Proteste wie seit Jahren nicht. [….]
(Sonja Zekri, 02.04.2025)
Trumpmerica kann mit seinen Handelspartnern und
Verbündeten so umspringen, weil es a) tatsächlich so viel mächtiger ist und
weil wir Europäer uns b) sofort in die Hosen scheißen.
Wir geben gleich auf, raufen uns nicht zusammen und
werfen bereitwillig unsere Werte über Bord, wenn der rasende Rassist auch von
deutschen Unternehmen verlangt, ihre Diversitätsregeln abzuschaffen.
Unsere EU-Gummirücken führen immer wieder zu Lachflaschs
in Moskau und Peking.
[…..] Und China lacht sich
tot! Während sich die USA mit allen überwerfen, dient sich Xi Jinping als
„verlässlicher Partner“ an. Ist ja gerade auch nicht schwer, vernünftiger zu
wirken als Trump. [….] Gao [Denkfabrik Center for China and
Globalization] schaut auf sein Handy, man weiß ja nie, was sich der
US-Präsident gerade wieder ausdenkt. Trump stellt Bündnisse infrage, regiert
per Tweet, zerschlägt Ministerien, verhöhnt die Demokratie. Die Zerstörungswut
gipfelte am Mittwoch in seinem „Tag der Befreiung“, an dem er Zölle gegen die
ganze Welt verhängte. Egal, ob Freund oder Feind. Europa ist geschockt und
ratlos. […..] Auch in den sozialen Netzwerken Chinas überwiegt die
Meinung, dass Trumps Kumpel-Diplomatie mit Putin dem Westen eher schadet als
nutzt. US-Vizepräsident J. D. Vance hatte mit seiner Rede auf der
Sicherheitskonferenz in München den Paradigmenwechsel eingeläutet: Wonach die
größte Bedrohung für Europa jetzt von innen ausgehe, nicht von Russland oder
China. Wohin kann sich Europa jetzt wenden? Wohin mit all der Unsicherheit?
Victor Gao lächelt. Die
Kommunistische Partei ist vieles, aber nicht unberechenbar. […..] „Wacht
aus eurem amerikanischen Albtraum auf und redet mit uns“, sagt Gao. „Redet
nicht über Werte, redet mit uns über richtige Dinge. China ist eine Ressource,
die ihr nutzen könnt.“ [….]
(Lea Sahay, SZ, 03.04.2025)
Daß Deutschland aufwacht, ist leider immer noch
unwahrscheinlich. In der kommenden Bundesregierung geben Trump-Fans den Ton an.
[….] Die Noch-Regierung
gibt sich kampfbereit, die Bald-Regierung druckst rum. Donald Trumps
Zollinferno platzt mitten in die Koalitionsverhandlungen von Union und SPD. Die
künftigen Regierungspartner bleiben auffallend still. Noch-Wirtschaftsminister
Robert Habeck ruft zum Gefecht. [….]
Robert Habeck holt an
diesem Donnerstagvormittag zu einem irritierenden Vergleich aus. Der Tag, an
dem US-Präsident Donald Trump entschied, die Welt mit Zöllen zu überziehen, sei
»vergleichbar mit dem russischen Angriff auf die Ukraine«, sagte der noch amtierende
Wirtschaftsminister der Grünen.
Fast zur selben Zeit tritt
der geschäftsführende Bundeskanzler Olaf Scholz vor die Presse, seine Worte
klingen beinah ebenso drastisch wie die von Habeck. Trumps Ankündigung sei »ein
Anschlag«, unter dem »die gesamte Weltwirtschaft« leiden werde, sagte der
Sozialdemokrat. Rücken der deutsche
Kanzler und der Vizekanzler den Präsidenten der Vereinigten Staaten tatsächlich
in die Nähe von Kriegsverbrechern und Terroristen? Scholz’ und Habecks Wortwahl
ist jedenfalls ein Anzeichen dafür, dass spätestens mit dem handelspolitischen
Rundumschlag Trumps das deutsch-amerikanische Verhältnis einen fürs Erste
schweren Schaden genommen hat. [….]
(SPON, 03.04.2025)
Der Begriff „Zeitenwende“ scheint bei den europäischen Konservativen
immer noch nicht angekommen zu sein. Sie hoffen immer noch, es werde schon
nicht so schlimm kommen und sympathisieren mit vielen Trump-Ansätzen:
Steuergeschenke für Superreiche, Diversität als Irrweg, Klimaschutz wird
übertrieben.
Da muss Trump schon extrem eskalieren, um die Spahns,
Scheuers und Merze auf die Hinterbeine zu bekommen. Zum Glück ist der orange
Wahnsinnige aber nicht nur kein Wirtschaftsgenie, sondern so unfassbar
verblödet und borniert, den Handelspartnern und seiner eigenen Nation so extrem
zu schaden, daß er es womöglich schafft, selbst die Europäer aus ihrer Trägheit
zu reißen.
Die Börsen weltweit auf Talfahrt zu schicken wird
nicht gern gesehen bei Blackrock.
Trump läßt Handelsbilanzdefizite der Waren, aber nicht der
Dienstleistungen, in Prozent umrechnen und setzt dies als
angebliche Zölle gegen die USA an.
Selbst die phantasievollsten Ökonomen hatten dem senilen
Golfer nicht so
viel Schwachsinn zugetraut.
[….] Die Vereinigten
Staaten, behauptete Trump, würden lediglich die Hälfte der Strafzölle erheben,
die andere Staaten anlegen. 39 Prozent, so stand es auf dem Pappschild,
betrügen etwa die Hemmnisse, die die EU angeblich amerikanischen Firmen
aufbrummt, da scheinen 20 Prozent Gegenzoll fast billig. Die Wahrheit ist:
Brüssel erhebt mitnichten 39 Prozent Zölle. Offenkundig hat Trump sein eigenes
Zahlenwerk nicht verstanden.
Vermerkt sind die
Handelsbilanzdefizite, die die USA mit Staaten überall auf der Welt haben –
wohlgemerkt ausschließlich für Güter. Dienstleistungen, die für die
amerikanische Wirtschaft deutlich lukrativer sind, werden gar nicht erfasst.
Ein Beispiel: Indonesische
Firmen exportieren Waren im Wert von etwa 28 Milliarden Dollar in die
Vereinigten Staaten. Amerikanische Unternehmen liefern für rund 17,9 Milliarden
Dollar weniger nach Indonesien. Der Überschuss beträgt also 64 Prozent. Um das
auszugleichen, möchte Trump nun Ausfuhren aus Indonesien mit Zöllen in Höhe von
32 Prozent belegen – angeblich nur die Hälfte des Defizits. […] Es ist
also ein Konflikt, bei dem es nur Verlierer geben kann, steigende Inflation in
den USA und wirtschaftliche Schwierigkeiten in vielen Ländern, die auf den
Export angewiesen sind. […] In Peking können sie ihr Glück kaum fassen,
wie Trump innerhalb nur weniger Wochen alles, was einmal Bestand zu haben
schien, zerschlägt. Die Voice of America, der Auslandssender der USA, seit 1942
auf Sendung – abgeschaltet. Die Entwicklungshilfeorganisation USAID, die in
vielen Staaten die Demokratie förderte – kaputt gekürzt. Und nun die Zölle:
Thailand 36 Prozent, Kambodscha 49 Prozent, Madagaskar 47 Prozent.
Viele dieser Länder könnten
sich neu orientieren. Peking statt Washington. In China witzelt man bereits:
Trumps »America first« sei in Wahrheit »America alone«. [….]
(Christoph Gießen, SPON, 03.04.2025)
Erst versetzte Trump den Kreml in einen Dauer-Champagner-Rausch
und nun auch Peking. Genau darin liegt unsere (allerletzte kleine) Chance.
Vielleicht erkennt man nun sogar in der CDUCSU, wie fatal es ist, weiter auf
die USA zu setzen.
Es ist natürlich absoluter Irrsinn, auf US-amerikanische
Waffensysteme wie den F-35 Kampfjet zu setzen.
Es ist natürlich absoluter Irrsinn, auf US-amerikanische Überwachungssoftware
des rechtsextremen Trumpisten Peter Thiel zu setzen. Auf keinen Fall dürfen die deutschen Innenminister Palantir anschaffen!
Es ist natürlich absoluter Irrsinn, auf US-amerikanische
Techmonster zu setzen, deren Algorithmen die Europäische Demokratie zerstören.
Die EU muss endlich meta, Amazon und Co gewaltig in die Parade fahren. Wir brauchen Alternativen zu US-Digitalplattformen.
Als erste Maßnahme muss „X“ in Europa abgeschaltet werden.
Es ist natürlich absoluter Irrsinn, nur über
US-amerikanischen Schwachsinn, wie die Zölle gegen menschenleere antarktische Pinguin-Inseln
zu lachen. Über das Lachen sind wir weit hinaus. Jetzt muss Europa Widerstand
leisten und sich mit den Willigen zusammenschließen: Kanada, Australien,
Neuseeland, Südafrika: Willkommen in der EU!