Freitag, 18. November 2022

Wie hältst Du es mit Katar?

Civey fragt mich andauernd, ob ich jetzt noch Fußball gucken mag. Ob Bundesminister zur WM reisen sollten und ob ich 2022 weniger Freude, als bei der letzten Fußball-WM empfinde.

Nein natürlich nicht. Diese WM ignoriere ich genauso wie alle vorherigen Fußball-Turniere, weil Fußball einer primitiver Proletensport ist, der mich nicht die Bohne interessiert. So eine Weltmeisterschaft erspart mir viel Zeit.

(…..)  […..] Schwennicke  […..] stellt sich der übergroßen Mehrheit der deutschen Fußballfans entgegen. Er versucht nicht nur die Angelegenheit auf Normalmaß zu schrumpfen – es ist nur ein Sport; es gibt keinen Grund, daß alle Politiker und Journalisten ununterbrochen Fußballmetaphern  verwenden müssen, um sich volksnah zu zeigen – sondern zeigt den Mittelfinger.

[….] Ich finde Fußball doof. Nein, ich finde Fußball grässlich – und ungemein langweilig. Ein Reigen alter Männer steht am Rand und schreit herum, viele mehr oder weniger junge Männer rennen auf einer Wiese herum, erst alle nach links, dann Ballverlust, dann wieder nach rechts, Ballverlust, wieder nach links. [….] Dieses Spiel ist unästhetisch und ordinär. Schon der Klang, wenn der Ball getreten wird, macht mich übellaunig. Es ist ein zutiefst ordinäres Geräusch, es klingt so ähnlich wie die Schläge von Bud Spencer in den alten Prügelfilmen mit Terence Hill. Die Spieler haben keine Manieren, tun sich absichtlich weh, sind nicht nur furchtbar verschwitzt, sondern oft auch noch sehr verdreckt und vom Regen pitschenass und rotzen dauernd auf die Wiese. Manchmal sogar ins Nackenhaar eines Gegners. Das ist so unappetitlich.   Viele Spieler sehen haarsträubend lächerlich aus, obwohl sie sich unwiderstehlich finden. Bei Bayern München gibt es einen, der hat sich sein glänzendes Hemdchen wie ein Ganzkörperkondom auf den Leib schneidern lassen, dazu tippelt er mit kleinen, wichtigen Schrittchen über den Platz, was so hühnerartig aussieht, dass man sich das Lachen verkneifen muss. Der Mann ist ein Star. Für mich ist er eine Witzfigur.   Vollends peinlich wird es, wenn versucht wird, diesem primitiven Sport eine politische oder philosophische Überhöhung zu geben. Dieser Theweleitismus ist noch schlimmer als die plumpe Fußballleidenschaft, die nach schalem Bier riechend, am Wochenende grölend die Bahnabteile füllt. Das ist wenigstens authentisch und stimmig. [….]

(CICERO, 28.04.2013)

Für diese wahren Worte werde ich dem CICERO-Chef ewig dankbar sein. Er hat so Recht; als Nicht-Fußballer gewinnt man so viel schöne Lebenszeit und erspart sich all die Frustration und schlechte Laune. (…..)

(Ordinär und national, 16.05.2018)

Bei der diesjährigen WM erscheint mir die Heuchelei aber besonders arg.

Plötzlich echauffiert man sich über die Kommerzialisierung. Als ob die FIFA jemals etwas anderes, als eine zutiefst korrupte Geldmaschine wäre, die über Leichen geht, um ihren Funktionären die Taschen vollzustopfen.

Es sind auch nicht irgendwelche dubiosen internationalen Strukturen, sondern der DFB, der es auch dieses Jahr nicht wagt einen Gegenkandidaten zu FIFA-Boss Gianni Infantino aufzustellen, ist selbstverständlich genauso korrupt.

Der DFB, der seinen Spielern nicht mal eine Regenbogen-Armbinde zugesteht, ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ein Abbild der Millionen deutschen Mitglieder, die tumb das erzkonservative homophobe Personal absegnen.

(….) Sich gegen Homophobie zu engagieren, wenn es wirklich nichts kostet und sogar opportun erscheint, ist aber nicht nur die Methode konservativer Parteien und Wirtschaftsunternehmen, sondern auch der Mehrheit der Bürger.

Nicht nur Markus Söder ist Gegner der Homoehe. Auch Angela Merkel stimmte dagegen, ihre Nachfolgerin im CDU-Parteivorsitz Kramp-Karrenbauer ebenso und insbesondere der radikal religiöse Armin Laschet mit seinem Opus Dei-Umfeld sind Feinde der LGBTIQ-Bewegung.

Laschet und Söder sind aber die liebsten Kanzlerkandidaten der Deutschen. Ihre CDUCSU führt mit Abstand die Umfragen zur Bundestagswahl an.

Wenn es Euch ernst ist mit Homorechten, dann wählt nicht CDU, CSU, AfD.

Ein weiterer ganz großer Akteur wider die Homo-Gleichstellung ist die Römisch-Katholische Kirche, die von weit über 20 Millionen Deutschen jedes Jahr mit Milliarden Euro unterstützt wird.

Wenn es Euch ernst ist mit Homorechten, dann tretet aus den Kirchen aus!

Im Moment wird die UEFA von allen Seiten für ihre servile Haltung gegenüber homophoben Diktatoren kritisiert. Der Protest gegen die UEFA mit Regenbogensymbolen ist aber für den milliardenschweren Funktionärsverein so lächerlich, daß er kurzerhand selbst sein Logo entsprechend einfärbte. Auch das kostet die UEFA nichts. Die verkrusteten Strukturen bleiben.

Wenn es Euch ernst ist mit Homorechten, dann kauft keine Tickets für Fußballspiele, boykottiert die TV-Übertragungen, gebt kein Geld für Fan-Artikel aus! All das ist nämlich nichts anderes als UEFA-Sponsoring und damit Unterstützung für die Homophoben.

Auch der Deutsche Fußball-Bund e. V. (DFB) mit sieben Millionen Mitgliedern ist als Dachverband von 26 deutschen Fußballverbänden Teil des homophoben Establishments. An der Spitze sitzen stets weit rechts stehende Unionspolitiker, die nahezu durch die Bank weg korrupt sind.

Wenn es Euch ernst ist mit Homorechten, dann tretet aus den Fußballvereinen aus.

Der DFB ist einer von 55 Mitgliedsverbänden eben dieser Union of European Football Association, UEFA, die vor Orbán und Putin kuscht.  Der CDU-Politiker Reinhard Grindel, 2002 bis 2016 weit rechts außen stehendes homophobes Mitglied des Deutschen Bundestags, ist UEFA-Vizepräsident, obwohl er so korrupt und verlogen ist, daß er 2019 vom DFB-Vorsitz zurücktreten musste.

Wenn es Euch ernst ist mit Homorechten, dann boykottiert Fußballübertragungen, verlaßt DFB-Vereine und wählt nicht CDUCSU.

Der DFB ist Teil der UEFA, die wiederum eine von sechs Kontinental-Konföderationen des Weltfußballverbandes FIFA ist.

Die FIFA dürfte in Punkto Korruption, Skrupellosigkeit und Diktaturaffinität unübertroffen sein.

Die nächsten Weltmeisterschaften vergab sie nach Katar. Dort gilt das Schariarecht. Frauen sind nicht gleichberechtigt und Schwule können von der Rechtssicherheit und Freiheit, die sie in Ungarn oder Polen genießen, nur träumen. In Katar gibt es drei Jahre Gefängnisstrafe, wenn man als Homosexueller enttarnt wird.

Wenn es Euch ernst ist mit Homorechten, dann werdet Ihr sicherlich nicht nur aus DFB-Vereinen austreten, nicht mehr CDU wählen, sondern ganz sicher auch kein einziges Spiel der WM 2022 gucken, demonstrativ jeden Fanartikel meiden, kein einziges Trikot kaufen, alle schwarzrotgoldenen Werbewimpel links liegen lassen und jede Fußballübertragung mit Einschaltquote Null quittieren. Oder sind Euch Homorechte so wenig wert, daß Ihr dafür noch nicht mal für zwei Stunden ein anderes TV-Programm einschalten würdet? (…)

(Buntwashing, 24.06.2021)

Katar ist genauso schwulenfeindlich wie immer. Das ist nicht überraschend. Das wußte die FIFA, das wußte der DfB und das wußten all die bayerischen Spieler und Funktionäre, die dort ständig hinreisen, um sich die Taschen voller Geld zu stopfen.

Social Media feiert diese Woche den Fußball-Fan Rod Stewart, der eine Gage von einer Million Dollar ausschlug, um bei der Eröffnungsfeier des antidemokratischen misogynen Staates zu singen.

Die metrosexuelle Schwulen-Ikone David Beckham bekam allerdings 150 Millionen Pfund aus Katar. Für so viel Kohle wirft man doch gern die Überzeugungen über Bord und lobpreist das Schwulenhasser-Emirat rund um die Uhr.

[….] Neben seinen zahlreichen offiziellen wie inoffiziellen Titeln ist Beckham ein sehr reicher Mann. Die »Sunday Times« schätzte das Vermögen der Beckham-Familie kürzlich auf 425 Millionen Pfund. Und damit ist noch lange nicht Schluss, denn: Beckham ist seit vergangenem Herbst auch offizieller Sportbotschafter Katars. Wie viel Geld der 47-Jährige dafür aus Doha bekommt, ist nicht genau bekannt. Berichten zufolge liegt die Summe aber bei bis zu 150 Millionen Pfund für zehn Jahre. Seit Bekanntwerden seines Engagements steht Beckham in der Kritik. Und je näher die WM rückt, desto lauter wird der Unmut. »Becks« wird unter anderem vorgeworfen, an Sportswashing teilzunehmen, also dem Versuch, das Ansehen eines Landes durch die Veranstaltung von Sport-Events und deren positiver Reputation in den Medien zu verbessern. [….]

(SPON, 18.11.2022)

Der Deutsche Bank-Lobbyist Sigmar Gabriel warf sich ebenfalls ins Zeug für Katar.

Die deutsche Arroganz gegenüber Qatar ist „zum Ko…“! Wie vergesslich sind wir eigentlich? Homosexualität war bis 1994 in D strafbar. Meine Mutter brauchte noch die Erlaubnis des Ehemanns, um zu arbeiten. „Gastarbeiter“ haben wir beschissen behandelt und miserabel untergebracht.

 (Sigmar Gabriel 29. Okt. 2022)

Gabriels Motive sind unbekannt, aber er ist Profi genug, um damit zu rechnen, daß bösartige Blogger erwähnen werden, wem eigentlich Gabriels Arbeitgeber Deutsche Bank gehört: Zu 10% dem Katarischen Staatsfonds.

Multimillionär Fritz Merz muss man nicht extra schmieren. Er ist offensichtlich von Natur aus homophob genug, um die deutschen Fußballtouristen zu ermahnen, nicht gegen Katars Schwulenpolitik zu protestieren.

[….]  Merz warnt deutsche Fans!

Friedrich Merz rät den deutschen Fußballfans, sich bei der WM in Katar an die Gesetze des Emirats zu halten. „Die WM ist ein Sportereignis und keine politische Demonstrationsveranstaltung. Letztendlich sind die Fans zu Gast in Katar, und da muss das Recht des Gastgeberlandes eingehalten werden“, sagte der CDU-Chef den Zeitungen der „Funke Mediengruppe“. [….]

(MoPo, 18.11.2022)

Sind das alles alte Hüte! Fußballfunktionäre sind korrupt, Katar und Merz sind homophob. What else is new?

Ich kann es nicht mehr hören.

Zwei Punkte zum Thema Fußball-WM gibt es aber, die in der allgemeinen Diskussion untergehen, die erwähnenswert sind.

1.)

Im Gegensatz zu dem Eindruck, den nahezu alle Zeitungen und Fernsehsender und Politiker erwecken, ist Fußball gar nicht mehr der Volkssport, für den ihn alle halten.

Mehr als zwei Drittel der Deutschen wollen sich ohnehin keine Spiele im TV ansehen.

[….]  Eine große Mehrheit der Deutschen hat nicht vor, sich die Spiele der Fußball-WM in Katar live im TV anzusehen. Das geringe Interesse hat mit dem Gastgeberland und der kritikwürdigen Menschenrechtslage im Emirat zu tun – gleichzeitig hat aber auch die Begeisterung für die Nationalmannschaft der Männer deutlich nachgelassen. Das geht aus dem Ergebnis einer aktuellen Erhebung des Onlinebefragungsunternehmens Civey für den SPIEGEL hervor. Demnach gaben 70 Prozent der Befragten an, die WM-Partien nicht live verfolgen zu wollen. [….]

(SPON, 17.11.2022)

Natürlich schreckt das konservative Emirat die Fans ein wenig ab. Aber erfreulicherweise erkennen inzwischen auch viele Deutsche, wie blöd Fußball an sich ist – egal wo Meisterschaften im Bällchentreten gerade ausgetragen werden.

77 Prozent der Deutschen haben gar kein oder weniger Interesse an Fußball.


2.)

Die hochkorrupten FIFA und DFB-Funktionäre sind deswegen so mächtig, weil sie steinreich sind. Sie sind deswegen so steinreich, weil die Fantastillionen mit Merch-Lizenzen und Übertragungsrechten verdienen. Jede Margarine, jeder Joghurt und jede Packung Lakritz, die mit dem Aufdruck  „Sponsor der Nationalmannschaft“ verkauft wird, lässt die Taschen der Fußballfunktionäre klingeln. Die Herren verdienen also ohne eine eigene Leistung zu erbringen.

[….] Die TV-Rechte für das Fußballspektakel im Wüstenstaat liegen beim Telekom-Sender Magenta TV. Die Deutsche Telekom hat sich als einziger Anbieter die Lizenzen für den vollständigen Spielplan gesichert. [….] Doch auch die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF übertragen via Sublizenzen einige Spiele der WM 2022. Immerhin 48 der 64 WM-Partien werden live gezeigt, mit inbegriffen sind natürlich alle Spiele mit deutscher Beteiligung. Insgesamt werden also 16 Spiele der Winter-WM exklusiv von Magenta TV gezeigt. Das beinhaltet einige Partien im Achtel- und Viertelfinale, sowie das Spiel um Platz drei, sofern die deutsche Nationalmannschaft nicht daran beteiligt ist.  [….]

(FR, 16.11.2022)

Wie viel Geld genau in die Taschen der FIFA floss, kann man nicht leicht ergoogeln. Gemunkelt wird, daß allein die Sub-Rechte der ARD und ZDF eine Viertelmilliarde Euro kosten. Für die Übertragungsrechte der Putin-WM 2018 zahlten die Fernsehsender bereits 218 Millionen Euro.

Die Telekom gehört immer noch zu 32% dem deutschen Staat. Da würde ich schon gern genau wissen wie viele hundert Millionen für Katarische WM-Übertragungsrechte verprasst wurden.

Und auch Tom Buhrow und sonstigen halbpopulistischen Kritikern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks möchte ich ins Stammbuch schreiben, daß eine Viertelmilliarde Euro ein absurd hoher Preis sind für ein bißchen Bällchentreten-Übertragungsrechte, die 77% der Deutschen ohnehin nicht interessieren.

Da bleiben nämlich unsere Rundfunkgebühren hängen und nicht beim Gehalt einzelner Regionalintendanten.

Donnerstag, 17. November 2022

Die Linke hat fast nichts mehr zu verlieren.

Mehr als zwei Prozent waren für die Linke bei den vier Landtagswahlen des Jahres kaum zu schaffen. Mitten in der größten Wirtschaftskrise, in der alle Nicht-Superreichen darum bangen, sich Heiz- und Lebensmittelkosten leisten zu können, fällt ausgerechnet die Oppositionspartei aus, die sich der Sozialpolitik verschreibt.

Die Landesverbände befinden sich weitgehend in Lyse. Landesvorsitzende werfen frustriert ihre Posten weg, die letzten verbliebenen Parteiprominenten treten aus.

Was für ein Armutszeugnis. Schon bei der Bundestagswahl im September 2021 schaffte sie die 5%-Hürde nicht, sitzt nur wegen der drei Direktmandate-Sonderregelung im Bundestag.

[….] Seit Ewigkeiten gibt es Gerüchte, das prominenteste Gesicht der Linken könnte eine eigene Partei gründen. Der SPIEGEL hat mit mehreren Politikerinnen und Politikern im Umfeld Wagenknechts gesprochen, stets ist dasselbe zu hören: Die Überlegungen seien so ernsthaft wie noch nie, es werde geplant und geprüft. In diesem Jahr werde zwar nichts mehr passieren. Aber die Linke sei verloren, dem Untergang geweiht. Deshalb habe man doch nichts zu verlieren. […..]

(SPON, 17.11.2022)

Die Fraktionsmacht dürfte das einzige sein, das überhaupt noch weiter erodieren könnte. 39 Abgeordnete garantieren den Fraktionsstatus, für den man mindestens 37 Sitze benötigt. Es erfordert nur geringste Mathematikkenntnisse, um Sahra Sarrazins Erpressungspotential zu erkennen. Verließe sie die Bundestagsfraktion, würden ihr mindestens eine Handvoll weiterer Mandatsträgerfolgen und somit wäre die Linke im Bundestag nur noch eine „Gruppe.“ Das heißt: Weniger Geld, weniger Redezeit, weniger Einfluß, weniger Rechte.

[….]  5.1 Bildung von Fraktionen und Gruppen

Die Fraktionen sind mit eigenen Rechten ausgestattete Teile des Bundestages. Aufgrund ihrer Eigenständigkeit sind sie berechtigt, Rechte des Bundestages und eigene Rechte, die das Grundgesetz einräumt, vor dem Bundesverfassungsgericht geltend zu machen. Die Fraktionen sind aber keine Organe des Bundestages, da sie von ihm weder eingesetzt werden noch Aufträge oder Weisungen erhalten; sie sind vielmehr von der Organisationsgewalt des Bundestages unabhängige Vereinigungen von Mitgliedern des Bundestages, die sich zur gemeinsamen Verfolgung politischer Ziele zusammengeschlossen haben.  [….] 

Abgeordnete, deren Zusammenschluss die Fraktionsmindeststärke nicht erreicht, können sich gemäß § 10 Abs. 4 GOBT zu einer Gruppe zusammenschließen, wenn der Bundestag diesem zustimmt. Ob die erforderliche Gruppenstärke vorhanden ist, entscheidet der Bundestag mittels der Anerkennung oder Ablehnung als Gruppe. Die Geschäftsordnung räumt Gruppen keinerlei den Fraktionen zuerkannte Rechte ein. [….]

(Bundestag 11.01.2022)

Welche Rechte genau einer neuen Linken Gruppe eingeräumt würden, liegt bei den anderen Bundestagsparteien. Auf sehr viel Entgegenkommen werden die Dewagenknechtisierten nicht hoffen können. Hinter vorgehaltener Hand wird eine Zahl von 150 Mitarbeitern genannt, die man entlassen müsse. Ein Horrorszenario; gerade für eine Linke Partei. Das Arbeitsklima dürfte dramatisch vergiftet werden.

Aber wenn man beobachtet, wie die Linke in den letzten 14 Monaten ihre Fraktionsrechte MIT Sahra Wagenknecht nutzte, ist die Leistungsbilanz derartig negativ, ja geradezu verheerend, daß es ohne die völkischen Putinophilen nicht schlimmer werden kann. Im Gegenteil, die AfD-affinen Querfrontler sind für viele Linksliberale ein Wahlausschlusskriterium. Wer sich eine Politik links der Ampel wünscht, hat derzeit kein Angebot.

Erst mit Sahra Sarrazins Abgang gäbe es wieder eine wählbare Alternative.

[….] Die »progressiven Linken« sehen eine Wagenknecht-Partei nicht als Gefahr. Die Noch-Genossin sei nicht teamfähig und unnahbar, sie habe sich weder in der Fraktion noch in der Partei wirklich integrieren können. Zudem fehle es Wagenknecht an einer konsistenten Programmatik. Eine Anti-USA-, Anti-Corona- und Anti-Woke-Partei gebe es mit der AfD schon. Ebenso wird auf die von Wagenknecht initiierte Sammlungsbewegung »Aufstehen« verwiesen, die im Tumult verendete. Wagenknecht, heißt es, habe zu viele Chaoten hinter sich, etwa den einstigen Musiker Diether Dehm. Oder die Abgeordnete Sevim Dağdelen, die als menschlich höchst schwierig gilt. Diese zwei, lästern Wagenknecht-Gegner, würden schon reichen, um jede neue Partei in kürzester Zeit zu zerlegen. […..]

(SPON, 17.11.2022)

Eine Wagenknecht-Partei würde sich mit der AfD um dieselben Wähler streiten. Das muss kein Schaden für die Demokratie sein, wenn sich Rechte sektieren und gegenseitig beschädigen.

Diese Leute sind für eine wählbare Linke aber ohnehin destruktiv.

[…] Der Wagenknecht-Vertraute Diether Dehm soll aus der Linkspartei geworfen werden. Vordergründig geht es um Abspaltungsfantasien. Doch er hat viele fragwürdige Auftritte hinter sich. […]  In dem Antrag, der ZDFheute exklusiv vorliegt, heißt es, Dehm habe "dazu aufgerufen, einen konkurrierenden Wahlantritt gegen die Partei die Linke zur Europawahl 2024 zu unterstützen und zu organisieren". Und weiter:

    Herr Dr. Dehm-Desoi hat vielfach vorsätzlich, öffentlich und mit Außenwirkung gegen die Satzung sowie die Grundsätze und Ordnung der Partei verstoßen. Damit hat er der Partei schweren Schaden mit Blick auf ihre Glaubwürdigkeit und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit zugefügt. […] Mit dem Antrag zum Rauswurf reagiert die Partei auf die erneuten Gerüchte über eine Spaltung der Linken. Befeuert wurden die vor drei Wochen noch einmal von Sahra Wagenknecht selbst, die bei "Bild TV" gesagt hatte: "Ich wünsche mir, dass in Deutschland eine Partei entsteht, die die Politik der Regierung verändern kann." […] Diether Dehm ist schon lange umstritten. In dem Antrag heißt es: Dehms jüngster Aufruf für eine Konkurrenzorganisation sei "nur der inakzeptable Höhepunkt unzähliger Äußerungen der letzten Jahre". Und weiter:

    Eine vollständige Dokumentation aller dieser für die Linke schädlichen Äußerungen würde den Rahmen deutlich sprengen.

Das Schreiben nennt dennoch drei Beispiele.

    Bei einer Rede hatte Dehm die den Holocaust relativierende Aussage getroffen: "Die größte Verbrecherorganisation nach der SS war die Nato. Und das ist die Nato auch heute noch."

    In einer von ihm geteilten Bild-Montage werden Politikerinnen mit einem Hund verglichen. Angesichts der Metoo-Vorwürfe in seiner Partei ist das umso problematischer.

    In einem Tweet nannte er die Parteiführung zudem "karrierebeseelten Apparat von BND-gestutzten Egomanen".  [….]

(ZDF, 12.11.2022)

Wenn Dehm, Höcke, Dağdelen, Weidel, Wagenknecht, Storch und Chrupalla zusammen ins braune Schlammbad steigen, um dort miteinander zu catchen, lehne ich mich entspannt zurück und genieße die Show.

Mittwoch, 16. November 2022

Umgang mit Medienmeldungen.

Herkömmlicher Wahlkampf ist ein Stück weit unmöglich geworden, weil man in Deutschland etwa 15-20% der Menschen nicht mehr erreicht.

Homöopathie-Anhänger, Covidioten, Nazis, Esoterixe, Chemtrails-Gläubige, Reichsbürger, Great-Replacement-Fasler, Identitär Bewegte, „Lügenpresse“-grölende Sachsen oder Flat-planet-Überzeugte sind längst in ihre braunen Info-Blasen hinweggedriftet, in denen sie wie in einer Sekte immer mehr gebrainwashed werden. Dort denken alle wie sie, bestätigen sich gegenseitig und radikalisieren sich, weil sie gar keinen anderen Input mehr wahrnehmen. Treffen sie außerhalb ihrer Internet-Parallelwelt auf die Realität, die ihren Wahnideen widerspricht, missverstehen sie es lediglich als Beweis dafür, daß „die Mainstreampresse“ lüge.

In den USA gilt das in verschärfter Form, nachdem ein extremer Lügner und Verschwörungstheoretiker seit sieben Jahren die politische Szene bestimmt und vier Jahre davon US-Präsident war.

Zudem werden weite Teile der US-Medien ebenfalls von ultrarechten Verschwörungstheoretikern beherrscht.

Statt 15 oder 20% dürfte der Prozentsatz der komplett enthirnten US-Amerikaner eher bei knapp 50% liegen. Man kann sich immer wieder kopfschüttelnd darüber amüsieren, wie fanatische Trumpianer sagenhaften Unsinn in TV-Kameras plappern, ohne zu merken, wie sie sich selbst dauernd widersprechen.

Diese Info-Blasen und das damit verbundene Misstrauen gegenüber ganz normalen Fakten werden wir generell schlecht wieder los. Solche Typen können durch ihr Smartphone so wegdriften, daß sie nie mehr zu erreichen sind.

Wir könnten vielleicht noch einiges mit viel Sozialarbeit und enorm verbesserter schulischer Ausbildung wieder gut machen.

Aber das käme erst bei der nächsten Generation zu tragen. Die jetzigen Spinner müssten erst aussterben und so viel Zeit hat der Planet gar nicht mehr. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, dieses Apfelbäumchen noch zu pflanzen.

Es wäre wünschenswert, wenn in frühen Schulklassen Medienkompetenz gelehrt würde, so daß auch ein durchschnittlicher Hauptschüler die Seriosität von Quellen im Internet ein bißchen einschätzen kann.

Wir alle können mithelfen, indem wir auch in unseren Blasen auf Facebook und Co stets die Quellen überprüfen, Artikel lesen, bevor wir sie teilen, die Angaben in Memes überprüfen und unsere Freunde konfrontieren, wenn sie sich auf die BILD-Zeitung beziehen, oder ungeprüfte Zitate verwenden.

Auch im Privatleben gilt: „habe ich im Internet gelesen“ ist kein hinreichender Beleg für die Wahrheit.

Was zum Beispiel gar nicht geht, ist die Verwendung erster aufpoppender Meldungen als Beleg für eigene Thesen, solange niemand verifizieren konnte, was eigentlich passiert ist:

(….)  Es wird mit Nadelstichen beginnen. Kleine Vorkommnisse, die man zur Not als „Versehen“ darstellen kann, um die NATO maximal aufzuregen. „Hey Biden, nachdem das House nun republikanisch ist, müssen die US-amerikanischen Waffen und Finanzhilfen an Kiew aufhören, sonst mache ich Dir das Leben richtig schwer!“

[…]  Bei einer Explosion in Polen nahe der ukrainischen Grenze sind nach Angaben der Feuerwehr am Dienstag zwei Menschen ums Leben gekommen. »Feuerwehrleute sind vor Ort, es ist unklar, was geschehen ist«, sagte der diensthabende Beamte. Demzufolge ereignete sich die Detonation auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.  Der polnische Hörfunk-Sender ZET berichtete in diesem Zusammenhang, dass zwei verirrte Raketen in Przewodów eingeschlagen und dabei zwei Menschen ums Leben gekommen seien. Einzelheiten wurden nicht genannt. Auch die Nachrichtenagentur AP berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen US-Geheimdienstmitarbeiter, dass fehlgeleitete russische Raketen in Polen niedergegangen seien.  [….]

(SPON, 15.11.2022)

Wie schon die Sabotageakte auf die Deutsche Bahn und die Nordstream-Leitungen, soll auch dieser „Vorfall“ offenbar eine Putinsche Warnung an die westeuropäischen Hauptstädte sein: „Ich kann noch viel fieser werden; Ihr auch?“

Die Taktik scheint zunächst einmal im Sinne des Kremls zu funktionieren. Chaos in den NATO-Staaten. Die wichtigen Leute sind gerade nicht zu Hause, sondern weilen im fernen Bali, beim G20-1. Man verfällt in den Hühnerhaufenmodus.  (….)

(Eskalation nach Plan, 15.11.2022)

Puh, da hat sich ein gewisser Tammox aber hinreißen lassen und zwei Raketeneinschläge in Polen als russische Raketen beschrieben und noch dazu als gezielte Putin-Provokation gedeutet.

Das darf auch in einem winzigen privaten Blog nicht passieren. Auch wenn das Posting in einem offensichtlich sarkastischem Zusammenhang erschien:

„Denn ein Atomweltkrieg wird gerade wahrscheinlicher. Damit wären Überbevölkerung, Entdemokratisierung und CO2-Ausstoß erst mal erledigt.“

Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich gestern tatsächlich Recht hatte, aber dafür gibt es derzeit keinen Beleg. Es sieht eher so aus, als ob Ukrainische Abwehrraketen, die aber in Russland gebaut wurden, versehentlich auf polnischem (und damit NATO-) Territorium gelandet sind.

Seit Jahren predige ich, wie wichtig die Gatekeeper der klassischen Medien sind, die aus einem Wust von Meldungen, die wahren und wichtigen herausfiltern.

Da schmerzt es mich doppelt, mir ausgerechnet von Arno Frank, einem der SPIEGEL-Redakteure, den ich nicht übermäßig liebe, folgendes sagen lassen zu müssen:

[….] Hin und wieder ist es doch ganz beruhigend, dass die Welt – noch! – nicht von sozialen Medien regiert wird. Sondern von Politikerinnen und Politikern. Als am Dienstagabend die ersten Meldungen über Explosionen im polnischen Weiler Przewodów auf Twitter die Runde machten, hatte man den Eindruck gewinnen können, dass erstens russische Raketen am Werk waren und zweitens Polen deshalb sich sehr bald auf Artikel 5 des Nordatlantikvertrages (Bündnisfall der Nato) berufen werde. Drittens, logische Folge: dritter Weltkrieg.

Im Englischen nennt man dieses Überdrehen »jumping to conclusions«. Überraschend und erfreulich oder auch, wenn man’s klassisch mag, erwartbar und professionell besonnen waren hingegen die Reaktionen aus der Politik. [….] Bundeskanzler Scholz verwies dankenswerterweise darauf, dass man ohne einen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine überhaupt nicht über Raketen (und woher sie genau gekommen sein mögen) diskutieren müsste – die beiden Todesopfer folglich durchaus auf das Konto von Putin gehen.  [….]

(SPON, 16.11.2022)

Mea Culpa. Frank hat Recht. Scholz hat Recht. Ich habe gestern Mist gebaut.

Dienstag, 15. November 2022

Eskalation nach Plan.

Bei so vielen düsteren Prognosen, hoffe ich mich zu irren.

Die Welt wird es nicht schaffen, den Klimawandel ausreichend zu verlangsamen.

Hitze und Hochwasser werden zu nie dagewesener Elendsmigration führen.

Die Ressourcen werden sich immer ungerechter auf wenige Superreiche konzentrieren.

Wir werden immer mehr und immer schneller Tier- und Pflanzenarten ausrotten.

Demokratie befindet sich auf dem Rückzug, Extremismus nimmt zu.

Nationalismus siegt über Gemeinsinn.

Die USA steuern auf einen Bürgerkrieg zu.

Deutschland verliert technologisch den Anschluß an Asien.

Die Überbevölkerung wird zu mehr Kriegen führen.

In der Ukraine wird es böse ausgehen.

Natürlich erscheint es erfreulich zu sein, wenn es wie bei den US-Midterms am 08.11.2022 etwas glimpflicher endet, als man annahm. Aber es ging keineswegs gut aus. Die Mehrheit der Wähler entschied sich für antidemokratische, rassistische Lügenpolitiker.

Die Republikaner, die Frauen, Schwulen und Transsexuellen Rechte entziehen, intensiv daran arbeiten, Andersdenkenden das Wahlrecht zu verwehren und einem offen rassistischen und hochkriminellen Ex-Präsidenten zujubeln, bekamen 4,4 Millionen Wähler mehr, als die demokratische Alternative. Das ist kein Grund zum Aufatmen.

Ich befürchte ebenfalls, mich nicht bei meinen pessimistischen Ukrainekrieg-Prognosen zu irren. Seit einem halben Jahre predige ich denjenigen, die russische Niederlagen bejubeln und meinen, man könnte Putin mit mehr konventionellen Waffenlieferungen an die Ukraine in die Schranken weisen, für wie unwahrscheinlich ich einen sang- und klanglosen Rückzug des Kremls halte.

(….) Selbst der bellizistische SPIEGEL, der besonders laut schwere Waffen für Selenskyj fordert (….), fragte kürzlich kleinlaut, wie und ob man überhaupt eine nukleare Supermacht besiegen könne.

Das ist in der Tat ein riesiges Problem: Wenn Putin so entschlossen und so böse ist, wie er immer beschrieben wird, muss man davon ausgehen, daß er bei einer totalen Niederlage vor Augen, Atomwaffen einsetzen würde.  (….)

(Impudenz des Monats Mai 2022)

(….) Die schlichte Tatsache, daß man einen konventionellen Krieg gegen eine atomare Supermacht, mit einem zu allem entschlossenen Diktator, der von der breiten Mehrheit seines Volkes unterstützt wird, gar nicht gewinnen kann, verdrängen Baerbock und Hofreiter. Ich verweise in diesem Punkt erneut auf den vielleicht klügsten lebenden Denker Deutschlands: Jürgen Habermas. Mir fehlt die Phantasie dazu, mir vorzustellen, wie Wladimir Putin, ganz besänftigt von deutschen Panzerhaubitzen, global gedemütigt, seine Niederlage akzeptiert, gelobt nun wieder rechtsstaatliche, demokratisch und liberal zu agieren, ohne auf die Idee zu kommen, in seinen prall gefüllten Giftschrank mit den Horrorwaffen zu greifen.  (….)

(Bundeswehr 2022, 19.06.2022)

(….) Es ist unbekannt, ob sich Putin, wenn er abends allein im Bett liegt, in den Schlaf weint – „scheiße, scheiße, scheiße, warum bin ich bloß in die doofe Ukraine einmarschiert?“ – oder, ob er der Realität entrückt, grimmig-zufrieden aufzählt, welche Optionen er noch hat.

Sollte letzteres der Fall sein, wird er nicht auf einen baldigen russischen Sieg mit konventionellen Waffen hoffen, sondern an seinen umfangreichen Giftschrank denken: Gas- und Uranabhängigkeit des Westens, Weizenabhängigkeit der Welt, Sabotage, Atomwaffen, Destabilisierung der NATO-Staaten, Schwächung der Ukraine-Helfernationen, Angstkampagnen, Installation Putin-freundlicherer Regierungen. Putin hat noch einiges im Köcher.  (….)

(Wieder ein schöner Tag für Wladimir Wladimirowitsch Putin, 20.10.2022)

Ganz offensichtlich läuft es konventionell militärisch ganz mies für den Kreml. Der gesamte Westen bejubelt den Ukrainische Sieg in Cherson, verhöhnt die fliehenden Russen.

[….]  Der ukrainische Präsident Selenskyj hat in Cherson ein Zeichen der Unterstützung gesetzt. Ohne schusssichere Weste ging er grüßend durch die Stadt. Der Abzug der Russen aus Cherson sei der Anfang vom Ende des Krieges, sagte er. [….]   Er wolle den Menschen mit seiner Anwesenheit seine persönliche Unterstützung ausdrücken. "Damit sie spüren, dass wir nicht nur davon reden, nicht nur versprechen, sondern real zurückkehren, unsere Flagge hissen." Außerdem wolle er selbst die Emotionen und die Energie seiner Landsleute spüren, betonte der 44-Jährige. "Das motiviert auch sehr." [….]  Unter dem Druck erfolgreicher ukrainischer Gegenoffensiven war die russische Armee am vergangenen Freitag komplett vom rechten Ufer des Flusses Dnjepr abgezogen. Dabei gab sie auch die einzige seit Kriegsbeginn Ende Februar eroberte Gebietshauptstadt auf. [….]  Für Russland ist der Rückzug eine herbe Niederlage. Cherson war die einzige Regionalhauptstadt, die die russischen Truppen erobert hatten.  [….]

(Tagesschau, 14.11.2022)

Keine Frage, die Freude der Ukrainer verstehe ich vollkommen.

Keine Frage, Putin hat sich das Desaster selbst eingebrockt.

Ich stelle mir aber durchaus die Frage, wie der Kreml reagiert, weil eine so riesige Atomsupermacht militärisch nicht endgültig besiegbar ist und ich nach wie vor fest davon überzeugt bin, daß Putin charakterlich nicht geeignet ist, um eine militärische Demütigung wie ein fairer Sportsmann zu akzeptieren.

Er wird nicht nachgeben, so lange er noch Eskalations-Möglichkeiten hat.

Vermutlich erleben wir genau das heute Abend.

Biden und die NATO hatten Russland mit schärften Worten vor der Überschreitung der Roten Linie „Nato-Grenze“ gewarnt. Natürlich rollen russische Panzer auch nicht in breiter Front auf NATO-Gebiet.

Es wird mit Nadelstichen beginnen. Kleine Vorkommnisse, die man zur Not als „Versehen“ darstellen kann, um die NATO maximal aufzuregen. „Hey Biden, nachdem das House nun republikanisch ist, müssen die US-amerikanischen Waffen und Finanzhilfen an Kiew aufhören, sonst mache ich Dir das Leben richtig schwer!“

[…]  Bei einer Explosion in Polen nahe der ukrainischen Grenze sind nach Angaben der Feuerwehr am Dienstag zwei Menschen ums Leben gekommen. »Feuerwehrleute sind vor Ort, es ist unklar, was geschehen ist«, sagte der diensthabende Beamte. Demzufolge ereignete sich die Detonation auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.  Der polnische Hörfunk-Sender ZET berichtete in diesem Zusammenhang, dass zwei verirrte Raketen in Przewodów eingeschlagen und dabei zwei Menschen ums Leben gekommen seien. Einzelheiten wurden nicht genannt. Auch die Nachrichtenagentur AP berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen US-Geheimdienstmitarbeiter, dass fehlgeleitete russische Raketen in Polen niedergegangen seien.  [….]

(SPON, 15.11.2022)

Wie schon die Sabotageakte auf die Deutsche Bahn und die Nordstream-Leitungen, soll auch dieser „Vorfall“ offenbar eine Putinsche Warnung an die westeuropäischen Hauptstädte sein: „Ich kann noch viel fieser werden; Ihr auch?“

Die Taktik scheint zunächst einmal im Sinne des Kremls zu funktionieren. Chaos in den NATO-Staaten. Die wichtigen Leute sind gerade nicht zu Hause, sondern weilen im fernen Bali, beim G20-1. Man verfällt in den Hühnerhaufenmodus.

[….]  In Lettland hat Ministerpräsident Krisjanis Karins nach Berichten über mutmaßliche Raketeneinschläge in Polen für Mittwoch eine außerordentliche Regierungssitzung einberufen. Bei dem Treffen sollen Berichte der zuständigen Ministerien und Institutionen über die Sicherheitslage in der Region angehört werden - auch um "für weitere Maßnahmen bereit zu sein".[….]  Nach einer Explosion mit zwei Toten in Polens Grenzgebiet zur Ukraine hat Staatsoberhaupt Andrzej Duda mit US-Präsident Joe Biden und mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesprochen. [….]  Nach Angaben von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht sind die NATO-Staaten wegen der Explosion mit zwei Toten in Polen in engem Austausch miteinander. "Wir stehen in engem Kontakt innerhalb der Allianz. Die NATO bleibt stark", sagte die SPD-Politikerin, wie das Verteidigungsministerium bei Twitter schrieb. [….]  Die Vertreter der NATO-Mitgliedsstaaten werden sich nach Angaben von europäischen Diplomaten am Mittwoch auf Bitten Polens treffen. Das Treffen werde auf Basis von Artikel 4 der NATO abgehalten. Artikel 4 besagt, dass die NATO-Mitglieder einander konsultieren, wenn etwa die Sicherheit eines Mitglieds bedroht ist. [….]  US-Präsident Biden hat nach den Berichten über mögliche Raketeneinschläge in Polen mit dem polnischen Präsidenten Duda telefoniert. [….]  Polen hat einen Teil seiner Streitkräfte in erhöhte Bereitschaft versetzt. Dies gelte auch für andere uniformierte Dienste, sagte ein Regierungssprecher in Warschau. [….]  Per Tweet äußerte sich EU-Ratspräsident Charles Michel "schockiert", dass eine Rakete oder andere Munition auf polnischem Staatsgebiet eingeschlagen sein soll. "Wir stehen an der Seite Polens", betonte Michel. Estland versicherte, es stehe in engem Austausch mit Verbündeten, um die Lage zu klären. Gleiches erklärten auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und der niederländische Regierungschef Mark Rutte. [….]  Der lettische Außenminister Edgars Rinkēvičs hat für den Fall, dass sich Berichte über den Einschlag russischer Raketen in Polen bestätigen sollten, die Option in den Raum gestellt, die NATO könne Polen und Teile der Ukraine mit Flugabwehrsystem unterstützen. [….]  Auch der slowakische Ministerpräsident Eduard Heger zeigte sich über die Meldungen "zutiefst besorgt". Sollte sich bestätigen, dass russische Geschosse auf polnischem Territorium eingeschlagen seien, wäre das eine neue Eskalationsstufe vonseiten Russlands, warnte Tschechiens Regierungschef Petr Fiala. [….] 

(Tagesschau, 15.11.2022)

Nur weil wir uns in Deutschland einen heißen Krieg nicht mehr vorstellen können, heißt das nicht, daß es keinen geben wird.

Aber womöglich kommen wir als Menschheit doch um die eingangs genannten  Megakrisen herum. Denn ein Atomweltkrieg wird gerade wahrscheinlicher. Damit wären Überbevölkerung, Entdemokratisierung und CO2-Ausstoß erst mal erledigt.

 

Nachtrag:

Bitte die heutige Stellungnahme dazu lesen!

 

Montag, 14. November 2022

Antibürgerliche Bürgerliche.

Die von Friedrich Merz immer mehr zum unseriösen destruktiven Fear-Porn degenerierte CDU, verbreitet nach der Blackout-Panik nun das nächste Horror-Märchen. Ganz wie ihr republikanisches US-Vorbild verzichtet sie vollständig auf eigene Vorschläge und beschränkt sich auf schwärzeste Szenarien.

Mit dem üppigen Ampel-Bürgergeld, verlören die Deutschen ihr Motivation zu arbeiten und ruhten sich zukünftig auf der sozialen Hängematte aus.

Wahr ist an der CDUCSU-Darstellung wieder mal gar nichts, aber Merzens avisierte BILD-Leser werden es nicht überprüfen. 

Die Blockade des Bürgergelds ist populär beim Urnenpöbel, so wie jede Härte gegen Arbeitssuchenden auf großen Beifall stößt.

Die Menschen in größter Not, die nun keine Hilfe bekommen werden, können sich bei den Grünen bedanken, die sich in mehreren Bundesländern trotz linker Mehrheit  (zB NRW und BW) dafür entschieden, lieber mit der CDU zu koalieren und damit Merz und Söder die Macht im Bundesrat zuzuschieben. Danke also an Winfried Kretschmann. Danke an Mona Neubaur.  Politische Entscheidungen haben Konsequenzen.

[….] Kurz nach zwölf Uhr ist klar: Die Ablehnungsfront der unionsgeführten Bundesländer, und von Baden-Württemberg, wo die CDU Juniorpartner ist, steht. Damit ist das geplante Bürgergeld, ein zentrales Reformprojekt der Ampel-Koalition, vorerst gestoppt. Das Regierungsbündnis muss sich nun mit der Union verständigen, wenn das Vorhaben gesetzliche Wirklichkeit werden soll. Die Koalition müsste zumindest ein größeres Bundesland mit Regierungsbeteiligung der Union auf seine Seite ziehen, um in der Länderkammer die nötige Mehrheit zu erzielen, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg. [….]

(SZ, 14.11.2022)

Bundesarbeitsminister Heil war nicht überrascht, daß Fritze Merz trotz der deftigen Mahnung seines persönlichen engen Freundes Christian Lindner, auf rechtspopulistische Blockade setzte. Ihm geht es im Zweifelsfall immer um Herabwürdigung derjenigen, die wenig Geld haben und unter der Krise am meisten leiden. Sein Herz schlägt für Millionäre, Blackrock-Anleger und Milliardäre. Und die Wähler mögen es offenbar genau so. Das gefällt Merz und ergötzt sich daran, der Ampel zu schaden.

[….] Aber richtig ist halt auch, dass Friedrich Merz sich ganz offensichtlich freut, endlich wieder ein Thema gefunden zu haben, bei dem es auf die ansonsten machtlos gewordene Union ankommt. Außerdem sieht der CDU-Chef die Umfragen, in denen eine Mehrheit der Deutschen das neue Bürgergeld ablehnt. Das will Merz ausnutzen. [….]

(Robert Roßmann, 14.11.2022)

Ob es dem Blackrock-Multimillionär langfristig nützt, wie einmal bloß als Mr. Njet dazustehen, der Hilfen für Arbeitslose verhindert, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Transfer-Empfänger, die bei über 10% Inflation im Januar Strom, Heizung und Lebensmittel nicht mehr bezahlen können, dürfen sich bei CDU und CSU bedanken. Die Ampelparteien, sogar Lindner (!), taten alles, was sie konnten.

 [….] Doch er muss aufpassen, dass er den Konflikt nicht zu weit treibt. Schon jetzt hat er durch sein Auftreten die Ampelparteien nicht auseinandergetrieben, sondern zusammengeschweißt. Und das ausgerechnet auf einem Feld, auf dem das nicht zu erwarten war - der Sozialpolitik. [….] Außerdem sind die Karten von Merz gar nicht so gut, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn nicht er oder seine Unionsfraktion besitzen die Macht zur Blockade, sondern die Unionsvertreter in den Landesregierungen. Und es muss nur ein großes Bundesland aus der Unionsfront ausscheren - und schon ist die Blockademehrheit im Bundesrat Geschichte. Und Friedrich Merz geht als Verlierer vom Platz. [….]

(Robert Roßmann, 14.11.2022)

Der Vermittlungsausschuss soll es richten. Die Ampel ist vorbereitet.

Sonntag, 13. November 2022

Zwei republikanische Strömungen.

Natürlich bin ich immer noch entsetzt: Am 08.11.2022 wählten die US-Amerikaner bei den Midterms eine republikanische Gouverneursmehrheit und eine republikanische Mehrheit im House. Inklusive solcher hochgefährlichen rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker wie Marjorie Taylor Greene. Sogar Lauren Boebert, die nah am Rande des Schwachsinns agitiert, scheint ihren Sitz wiederzugewinnen

Aber dennoch, die Mehrheit im Senat bleibt demokratisch und auch im House liegt die GOP eher knapp vorn. Gemessen an dem siegessicheren Geschrei vom RED TSUNAMI vor der Wahl, müssen die Trump-MAGAs enttäuscht sein.

Nachdem sich die Gemüter der Wahlkämpfer ein paar Tage abkühlen konnten, schlägt nun die Stunde der Hinterzimmer-Strippenzieher. Die Parteigranden befinden über die großen Linien und überlegen sich, wie man zukünftig Wahlen gewinnt. Also, woran lag es, daß Rot trotz eines so schwachen Blauen im Weißen Haus, Inflation und Benzinpreiskrise so mies abschnitt?

Senator Ted Cruz schnauft vor Empörung; er hat einen besonders perfiden demokratischen Skandal ausgemacht. Während die Republikaner konsequent immer nur gegen etwas sind, einen reinen „Fear Porn“ abziehen, indem sie erklären, was sie hassen – Migranten, Wokeness, Benzinpreise, Schwule, Transsexuelle, Steuern, Klimaschutz – hätten die Demokraten im Kongress ihre Agenda umgesetzt und wären dafür insbesondere von den jüngeren Wählern, denen das gefiel, am Wahltag belohnt worden.

Gegen diese demokratische Gemeinheit – etwas für die Wähler zu tun und dann dafür Stimmen zu bekommen – schwebt ihnen schon eine Lösung vor die Augen:
Wahlalter auf 21 Jahre raufsetzen.

Das ist konsequente republikanisches Politikverständnis: Wer womöglich Demokraten wählt, muss daran gehindert werden, seine Stimme abzugeben. So feierte auch Ron Deathsantis seinen großen Sieg in Florida.

Hinter den Kulissen wird aber auch die T-Frage gestellt. Hat Trump geholfen, oder geschadet? Ist es nicht so, daß nach dem Trumpsieg bei der Präsidentschaftswahl 2016 (bei dem auch schon Hillary Clinton fast drei Millionen Stimmen mehr bekam), jede Wahl verloren gingen, fragen sich die alten Haudegen wie Mitch McConnell, Lindsey Graham und Paul Ryan. Midterms 2018: GOP-House-Mehrheit weg. Alle Nachwahlen verloren. Präsidentschaftswahl 2020: House bleibt demokratisch, GOP-Präsident verloren. GOP-Senatsmehrheit verloren. Midterms 2022: Senat bleibt demokratisch und das House wird nur sehr knapp republikanisch. Die ultraextremen Trump-Kandidaten fallen durch.

Die Politiker, die immer noch bei den Republikanern mitmachen, obwohl sie nicht vollkommen irre sind, sagen: Trump schadet uns. Der darf nicht weiter die Partei bestimmen, soll nicht 2024 als Präsidentschaftskandidat antreten. Ron Desantis ist der neue Star, 32 Jahre jünger als Trump. Jetzt muss Trump sich zurückziehen.

Politanalysten mögen dieses Narrativ nicht unterschreiben, weil sie das schon zu oft gehört haben. Nach dem „Grab‘em by the Pussy“-tape. Nach dem ersten Impeachment, nach der Insurrection und dem zweiten Impeachment. Nach den Anklagen und der Durchsuchung Mar A Lagos. Nun nachdem seine handverlesenen extremistischen Kandidaten durchfielen. Jedes Mal dachte man, Trump wäre nun aber wirklich erledigt. Aber nichts passierte. Trump ist nicht zu erschüttern, wird niemals einen eigenen Fehler einsehen.

Die Trumpster erklären hingegen, man habe jetzt schlechter als erwartet abgeschnitten, weil Trump eben NICHT zur Wahl stand.  Bei Präsidentschaftswahlen ziehe er viel mehr.

Trump hat noch zwei Asse im Ärmel. Da sind einmal die fanatischen Trumpianer an der Basis, die es ihm ermöglichen, nach Belieben republikanischen Kandidaten, die ihm nicht gehorchen, von den Wahllisten zu entfernen.

Da ist zweitens die „Big Lie“, die er so erfolgreich verbreitete, daß er damit schon hunderte Millionen Dollar Trump-Spenden einnahm. Etwa 30% aller Amerikaner wurden von Trump so nachhaltig von der Realität entfernt, daß sie fest glauben, er hätte die Wahlen von 2020 gewonnen und daher verdiene er es unter allen Umständen 2024 wieder Präsident zu werden. In ihrer verqueren Q-Weltsicht ist das eine Frage der Gerechtigkeit.

Diese Menschen sind nicht von Ryan und McConnell zu erreichen. Sie hören nur auf Trump.