Montag, 25. November 2019

Rechristianisierung abgeschlossen.


Ach ja, das war so schön.
Als am 27.10.1998 das erste rotgrüne Bundeskabinett eingeschworen wurde, Vizekanzler Fischer lässig den Bundeskanzlerausweis für „Gerd“ unterschrieb und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein Regierungschef auf die Gottesformel beim Amtseid verzichtete.

(…..)Aus Sicht der konservativen Merkel und Schäuble würde nun das „rotgrüne Chaos“ ausbrechen, die Unternehmer in Massen das Land verlassen und somit die deutsche Wirtschaft in den Abgrund gesaugt.
Das Unheil begann aus Merkels Sicht schon mit dem Amtseid, den Schröder als erster und einziger Kanzler ohne die Formel „so wahr mir Gott helfe!“ sprach und gleich sieben Minister, nämlich Joschka Fischer, Bodo Hombach, Otto Schily, Walter Riester, Jürgen Trittin und Edelgard Buhlman wurden ebenfalls ohne Gottesformel eingeschworen. (….)

Die fromme Oppositionsführerin Angela Merkel gruselte sich, sie schauderte und pöbelte. Es kam wie Frau Merkel befürchtete; die Gottlosen taten viele schreckliche Dinge, die es vorher bei den gottesfürchtigeren Kanzlerin nie gegeben hatte:

Zwangsarbeiterentschädigung, Homoehe, Ausstieg aus der Atomenergie, ökologische Steuerreform, Reduzierung der Rüstungsexporte, Weigerung am Irak-Krieg teilzunehmen, starke Intensivierung der Beziehung zu Frankreich, Green-Card-Initiative, eine Rentenreform, drastische Senkung der Einkommensteuer, Entkriminalisierung der Prostituierten.

Wie grauenhaft. Es sollte bis 2009 dauern, als endlich die Christin Merkel ohne Sozis regierte und diese atheistischen Irrungen abschaffen konnte.
Wiedereinstieg in die Atomenergie, Geschenke für die Superreichen, massive Zunahme der Rüstungsexporte. So wahr mir Gott helfe. Endlich wieder.

[….] Als bislang einziger Bundeskanzler verzichtete Gerhard Schröder (SPD) bei seinen Vereidigungen auf den Gottesbezug. 1998 löste dies eine breite gesellschaftliche Diskussion aus; die Gottlosen hätten nun das Ruder übernommen, hieß es, Religion werde vollends aus dem öffentlichen Raum gedrängt. Der damalige Erfurter Bischof Joachim Wanke gab zu bedenken, dass mit der fehlenden Rückbindung an eine transzendente Instanz auch andere "letzte Überzeugungen" verloren gingen.
Schröder selbst begründete seinen Verzicht auf den Gottesbezug indes mit dem Hinweis, der Glaube sei Privatsache. Schon als Ministerpräsident von Niedersachsen hatte er – obwohl Mitglied der evangelischen Kirche – die religiöse Formel bei den Vereidigungen vor dem Parlament weggelassen und sich dabei auch auf die Bergpredigt berufen. Dort heißt es: "Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde" (Mt 5,34f.). [….] Der Verfassungsrechtler und spätere Bundespräsident Roman Herzog schrieb mit Blick auf den Gottesbezug im Eid einmal: Ein Politiker, der die religiöse Beteuerung verwende, wolle "den rechtlichen Bindungen des Grundgesetzes eine weitere, für ihn besonders verpflichtende, hinzufügen". Dass es in der Tagesarbeit vielleicht nicht immer gelinge, dieser hohen Anforderung gerecht zu werden, sei "kein Beweis gegen den Sinn dieser Selbstverpflichtung". Allerdings, so Herzog weiter, entbehre es "nicht jeder Pikanterie", dass sich ein weltanschaulich neutraler Staat der Gläubigkeit seiner wichtigsten Amtsträger bediene, damit sie sich "weit über die Rechts- und Verfassungsbindung hinaus binden lassen".[….]

Vier Jahre später wiederholte sich das schaurige Schauspiel.
„Schröder will keine Hilfe von oben“ heiß es dazu im SPIEGEL.

Aber auch das Jahr 2002 scheint aus heutiger Perspektive weit entfernt.
Gottlose Minister gab es kaum jemals wieder.
Nur Brigitte Zypries verzichtete in einer Merkel-Regierung auf die Gottesformel. Inzwischen sind wieder alle Minister fromme Christen.
Selbst die, die es nicht sind, machen es wie in den USA; sie schwören trotzdem auf Gott, weil sie bei Weitem nicht das Rückgrat haben wie Trittin, Fischer oder Schröder, die aus Überzeugung handelten und dem folgenden konservativ-gläubigen Shitstorm trotzen.

Die entsetzlich frommen SPD-Frauen Nahles und Griese haben die säkularen Sozis marginalisiert, die einst so konfessionsferne FDP, die sich in den 1970ern vielfach in der „Humanistischen Union“ engagierte und für die Trennung von Kirche und Staat kämpfte, ist seit Westerwelle und Rösler eine zutiefst kirchenfreundliche Partei, besetzt ihre Reihen mit schweren Religioten wie Pascal Kober, der als Theologe für die Liberalen im Bundestag sitzt.
Auch die Linke verfügt beispielsweise mit Ministerpräsident Bodo Ramelow über zutiefst gläubige engagierte Kirchisten.

Die Grünen boten ebenfalls schon seit ihrer Gründung Pastoren, Theologen und insbesondere Vertretern evangelischer Laienorganisationen eine Heimat.
Antje Vollmer, Christa Nickels, Andrea Fischer hießen die wichtigsten grünen Frommen damals. Heute sind es die evangelische Kathrin Göring-Kirchentag und der Hardcore-Katholik Winfried Kretschmann, die alte Atheisten wie Jürgen Trittin wegmobben.

So unangenehm und anmaßend und überheblich und unangemessen und fehlgeleitet und borniert ich Göring-Kirchentag und Kretschmann finde, so gestehe ich ihnen wenigstens zu, daß sie den Unsinn, den sie reden selbst glauben.
Sie sind vermutlich einfach nicht die hellsten Kerzen auf der Torte.

Schlimmer ist aber Robert Habeck, der sich voll dem neuen Grünen Credo verschrieben hat auf gar keinen Fall mehr irgendetwas zu sagen, mit dem man anecken könnte.
Es gilt jetzt der allgemeine „Kuschelkurs Grün“:
Kein Streit, keine Wähler verschrecken, keine Programmatik, bloß nicht konkret werden.
Und wenn sich doch mal eine Kontroverse anbahnt wie die um die Homöopathie, dann wird die Diskussion auf dem Parteitag von der Parteiführung radikal unterdrückt.


Dr. Robert Habeck spielt eine besonders unangenehme Rolle, weil er schlau ist und es besser weiß.
Er wurde 2000 zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über literarische Ästhetizität promoviert und windet sich heute rückgratlos mit solchen lahmen Sprüchen um jegliche Kontroverse.


Vermutlich ist er zufrieden damit wieder nirgends angeeckt zu sein. Mit dem Spruch sollten doch Christen und Atheisten zufrieden sein.
Außer mir. Ich frage mich:

Welche Werte meint er genau?
Den Antisemitismus?
Die Frauenverachtung?
Sklaverei?
Religionszwang?
Sippenhaft?
Kinder verprügeln?
Todesstrafe?
Homophobie?

Die WERTE des Christentums haben seit 2000 Jahren Terror und Genozid bedeutet.
Ich empfehle Dr. Habeck die zehn Bände Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums."

Sonntag, 24. November 2019

Im Paralleluniversum.


Social Media und die vielen Memes sind ein ganz lustige Ventile, um mit seinem Ärger über die politische Realität umzugehen.

Auf meiner Festplatte ist so eine gewaltige Anzahl Anti-Trump-Memes gespeichert, daß ich eine halbe Stunde scrolen muss, um etwas wieder zu finden.
Natürlich lösche ich beherzt diejenigen, die etwas outdated sind, oder einen vielfach verwendeten Witz recyclen.
Aber es bleiben dennoch Tausende übrig, die wirklich gut sind.
Trump, seine absurden Lügen und Versprecher, sowie seine zutiefst abstoßenden Physiognomie sind schließlich ein Fest für alle Polithumoristen.
Erstaunlicherweise gefallen mir oft die Memes nichtamerikanischen Ursprunges besser, weil die US-Perspektive allzu gern darauf abzielt Trump als jemanden darzustellen,
der gar nicht so ein wahrer Patriot ist, wie die uniformierten Kriegshelden,
der in Wahrheit gar nicht so gläubig ist, wie er tut,
der sich um den Militärdienst drückte,
der schon das dritte mal verheiratet ist,
der sich unchristlich verhält,
der sich aller biblischen Todsünden schuldig macht.

So eine humoreske Stoßrichtung ist einerseits naheliegend, weil sie die Heuchelei der GOPer offenbart, die angeblich so viel Wert auf christliche „family values“ legen und dabei verstößt Trump gegen alle diese Moralvorstellungen.
In der Tat, wer könnte ein extremerer „hypocrite“ als Trump sein?
Ich kann mir nicht vorstellen einen Menschen noch mehr zu verachten als Donald Trump. Der Mann übertrifft in jeder Hinsicht alles bisher Dagewesene.
Aber ausgerechnet die wenigen oben genannten Haupt-Meme-Themen sind die, bei denen sich meine Einstellung nicht mit der amerikanischen Linken decken.

Trumps eheliche Treue hat meines Erachtens nicht die geringste Aussagekraft für seine Eignung als Präsident.
Wäre ich sein Geburtsjahrgang hätte ich sicherlich auch versucht mich mit „bone spurs“ vor dem Vietnamkrieg zu drücken. Ich finde es nicht erstrebenswert dort als Soldat „gedient“ zu haben und bei der Ermordung von Millionen vietnamesischer Zivilisten beteiligt gewesen zu sein.
Daher falle ich auch grundsätzlich nicht vor Ehrfurcht auf die Knie, wenn ich Uniformierte sehe, halte den US-Kult um ihre Veteranen für absurd.
Kein Christ zu sein sehe ich als charakterliches Plus an und im Gegensatz zu frommen amerikanischen Linken, halte ich Trumps Brutalität und seinen Rassismus, seine drastische Frauenfeindlichkeit für nicht etwa unchristlich, sondern für genau das wofür Kirche seit 2000 Jahren steht.

Memes auf Instagram oder Twitter sind eine Art Selbsttherapie, weil man manchmal nur durch Lachen den Irrsinn des real existierenden Trumpismus ertragen kann.
Daher gehöre ich auch nicht zu denjenigen, die pfennigfuchsend die verwendeten Zahlen und Zitate bei Anti-Trump-Bildchen untersuchen.
Sie dienen nur einer augenblicklichen Frust-Abfuhr und sollten nicht als seriöse politische Argumente herhalten.

Memes sind außerdem ein Cyber-Ritual, mit denen man in seinen bevorzugten Themenblasen sein Revier markiert.
Wer über die gleichen Typen lacht – Trump, Devin Nunes, Jim Jordan, Lindsey Graham, FOX, Rudy Giuliani – versteht sich und steckt den Claim ab.
So entsteht die angenehme Blasenwelt, in der man sich selbst dazu verführt zu glauben, alle dächten so wie man selbst.
Das ganze Internet hasse Trump und daher werde er auch bei den Wahlen 2020 keine einzige Stimme mehr bekommen.
Man kann darüber aber vergessen, daß gleichzeitig noch ein ganz anderes Internet mit ganz anderen Memen existiert.

Die sind frei von blasphemische Mashups.


In ihnen ist Trump ein strahlender Held, der sich gegen den Deep State und die linksextremen Amerikahasser behauptet.
Diese Memes zeigen Hilary Clinton als häßliche Teufelin, die zusammen mit den kommunistischen Präsidentschaftskandidaten alles zerstören will, was die USA so groß macht: Waffen, Weihnachten und Weiße.

[……]   Egal, wie klar die Beweise sind, Trumps Anhänger wird das Impeachment nicht beeindrucken. [……]  Zwischen Donald Trump und den ermittelnden Demokraten im amerikanischen Repräsentantenhaus gibt es einen gravierenden Unterschied: Die Verhörtruppe beißt sich terrierhaft in Dokumenten und Zeugen fest, sie wälzt Akte um Akte und wägt Wort für Wort. Der Präsident aber zieht einen einzigen Zettel aus der Tasche, auf den er mit dickem Marker ein paar Zeilen notiert hat. Dabei hätte ein Wort genügt: nothing - nichts wolle er von der Ukraine, kein Gegengeschäft, keine Untersuchung, kein gar nichts. Das Land interessiere ihn nicht.
Die Umlaufbahnen des Planeten Trump und des Impeachment-Planeten haben sich noch nicht wirklich gekreuzt. Auf dem Impeachment-Planeten wohnen die Juristen, Wortklauber und Fährtenleser. Ein, zwei Sätze des Hauptzeugen reichen da aus, um eine Amtsenthebung zu begründen. Auf dem Trump-Planeten gibt es hingegen dicke Marker-Buchstaben, keine Falschaussage, keine Widersprüche, keine Verbindlichkeit. Trump redet und lebt immer für den Augenblick. Wer ihn packen will, muss ihn jetzt und sofort greifen. Ansonsten wird sich der Präsident herauswinden.
Diese Houdini-Strategie hat Trump sein Leben lang einstudiert. Er kann nicht anders, auch weil er immer willfährige Helfer hatte, die statt seiner die Ketten angelegt haben. Michael Cohen, sein langjähriger Anwalt, war so ein Mann fürs Grobe. Er wurde wegen seiner Schmiergeldzahlungen und anderer Vergehen zu drei Jahren Haft verurteilt. Trump hat sich nun einen Anwalt größeren Kalibers genommen: Rudolph Giuliani. Con man nennt man im Englischen diesen Typus, was einerseits Trickbetrüger heißt und andererseits auch Vertrauensmann bedeuten kann. [……]  Für Trumps Klientel stellen die dicken Marker-Buchstaben und die con men kein Problem dar. Ihnen reicht das einfache Wort des Präsidenten. Die Langatmigkeit der Anhörung, die hysterische Begleitung im Fernsehen, die differenzierten Analysen erreichen sie nicht. [……] 

Samstag, 23. November 2019

Die No-Showdown-Partei.


Ja, die arme, arme CDU-Vorsitzende.
Sie musste sich nach nur einem Jahr im Amt so sehr vor der vor fast 20 Jahren ausgemusterten Konkurrenz fürchten, daß sie dramatisch die Machtfrage stellen musste, um nicht gleich wieder in die Wüste gejagt zu werden.

Die Andrea Nahles der CDU ist zwar taktisch maximal ungeschickt, verfügt über kein rhetorisches Talent, spricht schlechter Englisch als eine schwäbische Drittklässlerin, verfügt über den Humor eines Klo-Feudels und hat den politischen Durchblick eines Grottenolms, aber immerhin ist sie in der Lage die Schwächen der innerparteilichen Gegner zu analysieren.

Daher schätzte sie ihren Hauptkritiker, Liebling der Parteirechten und Kuban-Wichsphantasie Friedrich Merz richtig ein:
Der Mann reißt gern aus sicherer Distanz seine Klappe auf, ist hochempfänglich für Schmeicheleien, strebt dahin, wo er sicher weiß bejubelt zu werden, scheut aber das Risiko und nässt sich zuverlässig ein, wenn sich ihm eine Frau entgegenstellt.

Auf dem Leipziger CDU-Bundesparteitag musste Kramp-Karrenbauer gestern kämpfen, sprach volle anderthalb Stunden – und das war nicht nur für sie selbst eine Qual – aber als es darauf ankam, trat sie Merz dahin, wo es ihm richtig weh tut.
Solle er doch „hier und jetzt und heute“ gegen sie antreten und die Führungsfrage klären.
Ein exzellenter Schachzug der homophoben Saarländerin. Denn nun war ihr einerseits erstmals ehrlicher Applaus sicher – selbst die sie hassenden Delegierten bewunderten ihren Mut – aber andererseits, ging sie in Wahrheit gar kein Risiko ein. Sie hatte nämlich Friedrich Merz analysiert und wußte; der ist kein Lafontaine von 1995, der mit einer fulminanten Rede den drögen amtierenden Parteichef Scharping wegfegte. Merz hatte dementsprechend auch sofort die Hosen voll, duckte sich ganz tief und wand sich wie ein winselnder Welpe von dannen.

[….] In den entscheidenden Momenten – und auf die kommt es bekanntlich an – machte Annegret Kramp-Karrenbauer stets alles richtig. Das war auf dem Parteitag vor einem Jahr in Hamburg so, als sie mit einer furiosen Rede überzeugte. Und das war auch gestern so, als die Saarländerin die Machtfrage stellte, die Krone symbolisch auf den leeren Thron legte – wissend, dass da keiner war, der das Format hatte, zuzugreifen. [….] Die Partei hatte sie gestern hinter sich, auch weil ihr prominentester Gegenspieler Friedrich Merz mal wieder als Bettvorleger landete, nachdem er zuvor mit Fundamentalkritik als Tiger gestartet war. Allmählich weiß es jeder in der CDU: Er hatte seine historischen Chancen. Er nutzte sie nie. [….]
(Harald Stutte, Mopo, 23.11.2019)

JU-Chef Kuban ist jetzt sehr traurig.
Zu allem Übel hatte seine Mutterpartei auch noch den Plan den Kanzlerkandidaten per Urwahl zu bestimmen weggefegt und damit die einzig realistische Chance den zaudernden Scheinriesen Friedrich doch noch zum Kanzler zu machen. Es flossen viele Tränen in den Reihen der pyknischen JU-Männerrunde.

Die sich ohne Merkel weiter selbstverzwergende CDU steuert damit auf einen Kanzlerkandidaten Söder zu.

[….] Eine Überlebende, ein Verlierer - und ein großer Gewinner.
Kramp-Karrenbauer kann Leipzig ohne Niederlage verlassen, Merz muss klein beigeben - der lachende Dritte im Wettbewerb der beiden Christdemokraten ist CSU-Chef Söder. [….]

Eine gute Nachricht für GR2.

Eine gute Nachricht auch für Angela Merkel, die dereinst nicht nur eine in einer langen Kette von Unions-Kanzlern sein wird, sondern von Historikern eine singuläre outstanding Position zugesprochen bekommen wird.
Auch ihre Rolle als Parteivorsitzende wird umso mehr verklärt und idealisiert werden, je mehr die Nachfolgerinnen debakulieren und es nicht mehr schaffen die Macht zu garantieren.

[….] In der Krise erfasst die Union eine kuriose Nostalgie - die Partei müsse wieder für Marktwirtschaft stehen wie einst 2003 in Leipzig. Eine schräge Gedankenirrung.
[….] Dabei ist näher betrachtet nicht ganz klar, was an 2003 zum realpolitischen Erfolgsbeispiel taugt. Möglich sogar, dass das, was die Union damals als Wirtschaftsprofil feierte, heute noch weniger ziehen würde als damals ohnehin schon. [….]

Freitag, 22. November 2019

Realistische Kosten

Sich auf Jens Spahn zu verlassen hat wenig Sinn. Der Mann ist ein umtriebiger PR-Minister in eigener Sache, der viel ankündigt und damit seine konservativen Fans begeistert.

[….] Für den selbstverliebten Gesundheitsminister aus dem Münsterland ist es keineswegs ausreichend das politisch umzusetzen, was er richtig findet, sondern er will Regierungschef und Parteichef werden, er will Macht und Bewunderung. Er will zusammen mit seinen stramm rechten Kumpanen Lindner und Dobrindt wie ein Rollkommando durch den bundesrepublikanischen Betrieb gehen.
Spahn konkretisiert seine Zukunftspläne bereits als 38-Jähriger sehr stark. Er wanzt sich an Neo-Konservative und Neo-Nationale der ganzen Welt heran.
Demonstrativ umwirbt er Sebastian Kurz und Richard Grenell, bemüht sich stets der Rechteste unter den gerade noch Mainstreamigen zu sein. Kein anderer Bundesminister fand lobende Worte für Trump; Spahn schon.

[…..] Immer die eigene Außenwirkung im Blick
[…..] Spahn ist 38 Jahre alt, mit 15 trat er in die Junge Union ein, seit seinem 22. Lebensjahr ist er im Bundestag. Spahn saß in nahezu jeder Talkshow der Republik, er gab unzählige Interviews. Er provozierte gern mit konservativen Thesen. Spahn erfand den Begriff "burkaphob", wollte Flüchtlingen die Sozialleistungen kürzen, beschwerte sich über englischsprachige Kellner und oft auch über den Kurs der Kanzlerin. Als Angela Merkel ihn im Februar als Gesundheitsminister in ihr Kabinett holte, begriffen das viele Beobachter als Zugeständnis an ihre Kritiker. Doch nach zwei Monaten im Amt wirkt Spahn so, als sei ihm sein altes Image manchmal nicht mehr ganz recht.
[…..] Jens Spahn ist versessen auf seine Außenwirkung. Aufmerksam verfolgt er die Presseberichte über sich selbst. Er merkt sich genau, wie einzelne Journalisten zu ihm und seinen Themen stehen. Seinen früheren Pressesprecher, der ihn als Abgeordneten begleitete, setzte er an die Spitze des neuen Leitungsstabs seines Ministeriums. Einen weiteren Sprecher holte er sich von der Bild-Zeitung. Einen intimen Kenner des kleinen Mannes, sozusagen.
[…..] So viel Mühe sich Jens Spahn auch mit seiner Selbstdarstellung macht, so kompliziert ist es für ihn im Moment, sich nicht selbst ein Bein zu stellen. […..]

Die ersten Teile seiner Karrierestrategie konnte Herr Spahn schon mustergültig abarbeiten.

Sich einen Namen unter Rechtskonservativen machen.
Den unbedingten Willen zur Macht demonstrieren.
Furchtlos erscheinen.
Keinen Tag vergehen lassen, ohne sich mindestens einmal effektiv in die Medien geschoben zu haben. Es gibt keine schlechte Presse.
Omnipräsenz, um so bekannt zu werden, daß die politische Zukunft nicht ohne ihn gedacht werden kann.

[….] "Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden"[…..] Dass an diesem Vormittag die halbe Hauptstadtpresse über die aktuellen Karrierepläne des Jens Spahn rätselt, liegt an einer Biografie, die der Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker, geschrieben hat und mit ihm gemeinsam vorstellt.
Auf dem Einband loben der CSU-Altvordere Edmund Stoiber und Österreichs Kanzler Sebastian Kurz den jungen Konservativen, und Bröcker orakelt, dass Spahn "die Bundesrepublik maßgeblich prägen wird".
[…..] Als Gesundheitsminister sei er nun einmal der einzige Sozialpolitiker der CDU, sagt Spahn. "Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden", zitiert ihn Bröcker. Politiker mit Herz, das sei Jens Spahns nächstes Karriereziel. [….]

Jetzt kommt in der Tat der schwierige Teil. Die konservativen Zeitungen rufen Spahn brav zum neuen Kanzler aus. Das hat schon mal geklappt.
[…..]
Seine xenophoben und islamophoben Attacken, seine nationalistischen Wallungen, seine Nähe zu Rechtsextremen in aller Welt dürften kein großes Problem beim Werben um Wählerstimmen sein.
Spahns verächtliche Betrachtung von Geringverdienern, einfachen Menschen, Angestellten, Arbeitern, seine fortwährenden herablassenden Bemerkungen gegenüber finanziell klammen Menschen wirken da schon störender.

Pflegekrise? Macht doch nichts. Soll man doch ein paar Kräfte aus dem Ausland holen und außerdem können die faulen Säcke in den Pflegeheimen ja auch mal etwas mehr arbeiten.

[….] "Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen", sagte der CDU-Politiker der "Augsburger Allgemeinen". [….]

Damit noch nicht genug der Demütigung.
Inzwischen unterstellte der Gesundheitsminister den Pflegern und Krankenschwestern gar, sie übten überhaupt keinen richtigen Beruf aus.
Das wären eher mindere Hiwi-Tätigkeiten, die auch in der Familie erledigt werden könnten. [….]

Sachpolitik simuliert er aber nur; die meisten seiner Ideen und Vorhaben werden ohnehin nie umgesetzt. Die betroffenen Bürger haben also rein gar nichts davon. Aber das ist auch unnötig, da Spahns Ministeramt ohnehin nur der Befriedigung seiner Eitelkeit dient, ihm Bekanntheit verschaffen und so für höhere Aufgaben empfehlen soll.

Seine in der rechten Presse gefeierten Bemühungen für die 3,4 Millionen Pflegebedürftigen nutzt den Betroffenen also rein gar nichts.

Zahlen vom statistischen Bundesamt für Ende 2017
Kranke Menschen sind dem Gesundheitsminister, der erfrischend ehrlich sagt, er habe auch keine Lust seine eigenen Eltern zu pflegen, vollkommen egal.

(….) Und eins muss man sagen, Spahn schafft was weg (Merkel): Ein gutes Jahr nach seiner Ankündigung bundesweit 13.000 zusätzliche Pfleger einzustellen (gebraucht werden mindestens 50.000 Zusätzliche), hat er bundesweit schon fast 300 Neueinstellungen geschafft! Yippie, wenn das in dem Tempo weitergeht, sind die 13.000 Stellen in etwa 43 Jahren, also 2062 besetzt. Die 50.000 benötigten Kräfte wären dann im Jahr 2186 einsatzbereit. (….)

Versorgt werden müssen die 3,4 Millionen Menschen aber. Denn zwei Dinge sind sicher:
1. Wir müssen alle sterben, 2. Das wird verdammt teuer.
Millionär Spahn ist es wurscht. Wenn zu wenig Pfleger da sind, sollen die doch länger arbeiten, findet der CDU-Rechtsaußen.

Einen Kranken und/oder dementen Menschen zu pflegen ist verdammt hart.
1.764.904 werden zu Hause allein durch Angehörige versorgt, bei weiteren 829.959 Personen wird zusätzlich ein ambulanter Pflegedienst in Anspruch genommen, 818.289 Bedürftige werden vollstationär verpflegt.
(Zahlen aus dem aktuellen Katapult-Magazin)


 Die Dilemmata sind vorprogrammiert.
Ab einem bestimmten Zeitpunkt, ist die medizinische Versorgung zu komplex um sie selbst zu machen. Bei schwerer Demenz, die es erfordert den Betroffenen nicht nur 24 Stunden kontinuierlich zu beobachten, sondern womöglich auch kontinuierlich eingreifen zu müssen, weil er sich oder andere gefährdet, aggressiv und verängstigt wird, ist es nicht ohne professionelle Hilfe möglich.
Der erste Gedanke in so einem Fall ist „ich brauche eine Polin“.
Tatsächlich werden über eine halbe Million Deutsche von „Care-Migrantinnen“ verpflegt. Sie stammen zu 46% aus Polen, 11% aus der Slowakei, 10 % aus Rumänien. Ungarn, Bulgarien, Litauen machen je gut 6% aus.

Katapult Okt-Dez 2019
70% der Kräfte werden durch die ca 300 deutschen Entsendeagenturen direkt nach Deutschland geholt, der Rest organisiert sich privat. Hinzu kommt eine gewaltige Dunkelziffer.
Eine dieser 24-Stundenkräfte, liebevoll „Pani“ genannt (Polnisch für „Frau“, aber auch Haushaltshilfe) kostet den Auftraggeber brutto im Durchschnitt 1.796,-.
Sie sind versichert, zahlen Sozialabgaben und die deutsche Agentur.
Wieviel eine Pani also tatsächlich netto verdient, schwankt.
Gehen wir mal von 1.500 Euro aus, um eine runde Zahl zu haben.
Die Pani soll 24/7 einen vollen Monat einsatzbereit sein.
Die Berechnung des Stundenlohns ist einfach: 1.500/(24x31) = ZWEI EURO Stundenlohn.
Es ist also offensichtlich, wieso weniger als ein Prozent der in der 24-Stundenpflege arbeitenden Menschen Deutsche sind.
Wir nutzen das Elend in osteuropäischen Ländern aus.
Dabei gilt für die einst in der Branche dominierenden Polinnen inzwischen, daß sie ihren Wert kennen. Sprechen sie gut Deutsch und verfügen über besondere Qualifikationen im Bereich Altenpflege oder sind womöglich als Krankenschwester ausgebildet, können sie auch deutlich mehr als 1.700,- brutto verlangen.
Deswegen weichen die Entsendeagenturen verstärkt auf Rumänien, Moldawien und Weißrussland aus.

Nicht immer ist es möglich eine Pani einzusetzen. Vielfach hapert es an den räumlichen Gegebenheiten; schließlich muss die Wohnung des zu Pflegenden über ein Gästezimmer und möglichst ein zusätzliches Bad verfügen.
In anderen Fällen ist es der Pflegebedürftige selbst, der sich beispielsweise aufgrund der beginnenden Demenz weigert eine fremde Person in seiner engsten Umgebung aufzunehmen. Schließlich kann man niemand eine Pani aufzwingen; es wäre auch unzumutbar für sie (ihn) in einer Wohnung zu arbeiten und zu leben, wenn sie (er) dort abgelehnt wird.

Wer sich gesetzestreu verhalten will, wendet sich an einen professionellen Hilfsdienst wie „Hamburg Care“. Eine vorbildliche Firma, die ich nur empfehlen kann. Dort kauft man gewissermaßen Zeit und bekommt eine geduldige Fachkraft in die Wohnung geschickt, die nicht ständig auf die Uhr sieht, weil sie in 20 Minuten beim nächsten Patienten sein muss, sondern sich zwei oder vier Stunden nur für eine Person reserviert hat, ohne daß ein bestimmtes Pensum erledigt werden muß.
Mit diesen Damen und Herren kann man klönen, sich etwas vorlesen lassen, sich im Haushalt helfen lassen oder auch spazieren gehen.
Kostet pro Stunde 32 Euro zuzüglich Wegpauschale, Investitionskosten, Ausbildungsumlage und Mehrwertsteuer.
Das sind bei einer 24/7-Betreuung etwa 17.000 Euro im Monat.
Bucht man hingegen lediglich am Wochenende vier Stunden und verzichtet auf einen ausgebildete Kraft, kommt man schon mit 1.636,46 Euro weg.


 Vier Stunden jeden Tag kosten 5.500,-

Hinzu kommen Verbrauchmaterialien wie Desinfektionsmittel. Besonders teuer sind die vielfach notwendigen Hilfen bei Inkontinenz. Es gibt aber auch viele einmalige Anschaffungen, wie Haltegriffe, Dusch-Sitze, Rollatoren, Rollstühle, Gehhilfen, Greifhilfen, physiotherapeutische Hilfsmittel.

Einen Senioren mit Alzheimer, der womöglich den Herd anstellt oder das Badewannenwasser laufen lässt, kann man aber nicht nur vier von 24 Stunden betreuen lassen.
Es muss ein herkömmlicher ambulanter Dienst wie zum Beispiel die Bodelschwingh-Damen der Diakonie engagiert werden.
Die rufen üblicherweise einen Stundenlohn zwischen 46 und 50 Euro auf, rechnen im Zehn-Minutentakt ab. Ich habe das in einem früheren Beitrag dargestellt.
Das macht bei einer 45 Minuten morgens Waschen und ankleiden, 45 Minuten mittags Mahlzeit zu bereiten, 20 Minuten für die hauswirtschaftliche Versorgung, sowie der abendlichen Medikamentengabe nebst Zusatzkosten wie Ausbildungsumlage etc ebenfalls rund 5.500,- im Monat aus.
In dem Fall ist der Patient aber nach wie vor nachts allein und hat niemand, der ihn zum Arzt bringt, oder einkauft.
Weitere Dienste wie ein Hausnotruf sind zwingend nötig, wenn es keine Vollzeit pflegenden Angehörigen gibt.

Das sind also bei durchaus lückenhafter Pflege etwa € 11.500,- im Monat.

Vergleicht man diese Summe mit den Leistungen der Pflegeversicherung, wird klar, wieso viele Angehörige notgedrungen zu Ausbeutern moldawischer Pflegemigrantinnen werden:

Bei Pflegegrad 1 gibt es eine monatliche Kostenerstattung von bis zu 125 Euro pro Monat für Betreuungs- und Entlastungsleistungen.
Die weiteren Abstufungen:
2: Pflegegeld bei häuslicher Pflege von 316 Euro pro Monat
3: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 545 Euro pro Monat
4: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 728 Euro pro Monat
5: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 901 Euro pro Monat

Auch bei schwachen Mathematikkenntnissen sollte klar sein: 11.500 minus 901 haut nicht hin!

Gehen wir also davon aus, daß schon wegen der abstrusen Kosten eine vollstationäre Unterbringung notwendig wird.

Gerne würde man in eins dieser Luxusaltendomizile gehen, von denen einige Prominente (Tiller/Giller, Hans-Jochen Vogel) erzählen.

In Hamburg haben wir beispielsweise das berühmte Augustinum mit Elbblick.

[….] Am Rand des Hamburger Hafengebietes befindet sich in einem umgebauten historischen Kühlhaus und in exklusiver Lage direkt am Elbufer die Augustinum Seniorenresidenz Hamburg. Dieses architektonische Meisterwerk mit dem Restaurant in der Glaskuppel bietet alle Voraussetzungen für ein stilvolles und komfortables Leben im Alter und ist gleichzeitig ein sicherer Hafen, wenn Sie später einmal auf Hilfe angewiesen sein sollten. [….]

Eine feine Sache, denn dort gibt es geräumige Apartments.


 Der Grundpreis beträgt lediglich 4.578,98 €.

Noch schöner die Elbschlossresidenz.

[….] Die Elbschloss Residenz liegt inmitten von Parkanlagen in einem der schönsten Wohnviertel Hamburgs. Das Areal der ehemaligen Elbschloss-Brauerei wurde im Jahr 2001 mit acht freistehenden Villen bebaut. Auf die einzelnen Villen verteilen sich 188 hochwertige Appartements. Alle Villen sind barrierefrei durch Passagen und Parkwege verbunden. [….]


 Der Nettogrundpreis ab 4.200 Euro wirkt geradezu geschenkt.

Kleiner Nachteil: Es werden in beiden Häusern nur Menschen mit Pflegestufe Null angenommen. Wer auch nur den kleinsten Pflegeaufwand mitbringt, wird gar nicht erst reingelassen.

Wer tatsächlich schon pflegebedürftig ist, kann aber etwas abseits in die spezielle Demenzeinrichtung der Elbschlossresidenz in Klein Flottbek einziehen.

Ich hatte das Glück mich dort einen vollen Tag umzusehen und kann das Konzept nur loben. Niemand wird eingesperrt, fixiert oder mit Medikamenten ruhig gestellt.
Großartig. Das ist der Ort, wo man seine Mutter oder Vater unterbringen möchte, wenn sie schon gaga sind.

Kosten eines 45qm-Anderthalbzimmerapartment inklusive Pflege: Schlappe 11.000,- im Monat.

In einer ganz anderen Hamburger Einrichtung werden auch Menschen mit beginnender Demenz in eigenen Apartments aufgenommen.
49 qm, zwei Zimmerchen.

Grundpreis 6.000,- Euro.


 Hinzu kommen etwa 1000 Euro im Monat für Physio- und Ergotherapie, sowie die schon genannten 1.600 für die Betreuung am Wochenende durch HH Care, denn diese Einrichtung bietet eben nicht rund um die Uhr Aufsicht.
Mit Versicherungen und weiteren Verpflegungen wie Friseur und Pediküre, kommt man also mit gerade mal 9.000,- netto aus.

Die armen Blödmänner, die sich das nicht leisten können, müssen dann eben in Mehrbettzimmer staatlicher Pflegeheime.
Mit Dekubitus, Unterernährung, Fixierung im Bett und vielen anderen Foltermaßnahmen aufgrund der Personalknappheit.

Dafür ist es dann aber auch echt billig; den mickrigen Eigenanteil, den man noch zuzahlen muss, hat jeder locker übrig.


Aber Jens Spahn ist inzwischen schon richtig beliebt.