Freitag, 22. November 2019

Realistische Kosten

Sich auf Jens Spahn zu verlassen hat wenig Sinn. Der Mann ist ein umtriebiger PR-Minister in eigener Sache, der viel ankündigt und damit seine konservativen Fans begeistert.

[….] Für den selbstverliebten Gesundheitsminister aus dem Münsterland ist es keineswegs ausreichend das politisch umzusetzen, was er richtig findet, sondern er will Regierungschef und Parteichef werden, er will Macht und Bewunderung. Er will zusammen mit seinen stramm rechten Kumpanen Lindner und Dobrindt wie ein Rollkommando durch den bundesrepublikanischen Betrieb gehen.
Spahn konkretisiert seine Zukunftspläne bereits als 38-Jähriger sehr stark. Er wanzt sich an Neo-Konservative und Neo-Nationale der ganzen Welt heran.
Demonstrativ umwirbt er Sebastian Kurz und Richard Grenell, bemüht sich stets der Rechteste unter den gerade noch Mainstreamigen zu sein. Kein anderer Bundesminister fand lobende Worte für Trump; Spahn schon.

[…..] Immer die eigene Außenwirkung im Blick
[…..] Spahn ist 38 Jahre alt, mit 15 trat er in die Junge Union ein, seit seinem 22. Lebensjahr ist er im Bundestag. Spahn saß in nahezu jeder Talkshow der Republik, er gab unzählige Interviews. Er provozierte gern mit konservativen Thesen. Spahn erfand den Begriff "burkaphob", wollte Flüchtlingen die Sozialleistungen kürzen, beschwerte sich über englischsprachige Kellner und oft auch über den Kurs der Kanzlerin. Als Angela Merkel ihn im Februar als Gesundheitsminister in ihr Kabinett holte, begriffen das viele Beobachter als Zugeständnis an ihre Kritiker. Doch nach zwei Monaten im Amt wirkt Spahn so, als sei ihm sein altes Image manchmal nicht mehr ganz recht.
[…..] Jens Spahn ist versessen auf seine Außenwirkung. Aufmerksam verfolgt er die Presseberichte über sich selbst. Er merkt sich genau, wie einzelne Journalisten zu ihm und seinen Themen stehen. Seinen früheren Pressesprecher, der ihn als Abgeordneten begleitete, setzte er an die Spitze des neuen Leitungsstabs seines Ministeriums. Einen weiteren Sprecher holte er sich von der Bild-Zeitung. Einen intimen Kenner des kleinen Mannes, sozusagen.
[…..] So viel Mühe sich Jens Spahn auch mit seiner Selbstdarstellung macht, so kompliziert ist es für ihn im Moment, sich nicht selbst ein Bein zu stellen. […..]

Die ersten Teile seiner Karrierestrategie konnte Herr Spahn schon mustergültig abarbeiten.

Sich einen Namen unter Rechtskonservativen machen.
Den unbedingten Willen zur Macht demonstrieren.
Furchtlos erscheinen.
Keinen Tag vergehen lassen, ohne sich mindestens einmal effektiv in die Medien geschoben zu haben. Es gibt keine schlechte Presse.
Omnipräsenz, um so bekannt zu werden, daß die politische Zukunft nicht ohne ihn gedacht werden kann.

[….] "Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden"[…..] Dass an diesem Vormittag die halbe Hauptstadtpresse über die aktuellen Karrierepläne des Jens Spahn rätselt, liegt an einer Biografie, die der Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker, geschrieben hat und mit ihm gemeinsam vorstellt.
Auf dem Einband loben der CSU-Altvordere Edmund Stoiber und Österreichs Kanzler Sebastian Kurz den jungen Konservativen, und Bröcker orakelt, dass Spahn "die Bundesrepublik maßgeblich prägen wird".
[…..] Als Gesundheitsminister sei er nun einmal der einzige Sozialpolitiker der CDU, sagt Spahn. "Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden", zitiert ihn Bröcker. Politiker mit Herz, das sei Jens Spahns nächstes Karriereziel. [….]

Jetzt kommt in der Tat der schwierige Teil. Die konservativen Zeitungen rufen Spahn brav zum neuen Kanzler aus. Das hat schon mal geklappt.
[…..]
Seine xenophoben und islamophoben Attacken, seine nationalistischen Wallungen, seine Nähe zu Rechtsextremen in aller Welt dürften kein großes Problem beim Werben um Wählerstimmen sein.
Spahns verächtliche Betrachtung von Geringverdienern, einfachen Menschen, Angestellten, Arbeitern, seine fortwährenden herablassenden Bemerkungen gegenüber finanziell klammen Menschen wirken da schon störender.

Pflegekrise? Macht doch nichts. Soll man doch ein paar Kräfte aus dem Ausland holen und außerdem können die faulen Säcke in den Pflegeheimen ja auch mal etwas mehr arbeiten.

[….] "Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen", sagte der CDU-Politiker der "Augsburger Allgemeinen". [….]

Damit noch nicht genug der Demütigung.
Inzwischen unterstellte der Gesundheitsminister den Pflegern und Krankenschwestern gar, sie übten überhaupt keinen richtigen Beruf aus.
Das wären eher mindere Hiwi-Tätigkeiten, die auch in der Familie erledigt werden könnten. [….]

Sachpolitik simuliert er aber nur; die meisten seiner Ideen und Vorhaben werden ohnehin nie umgesetzt. Die betroffenen Bürger haben also rein gar nichts davon. Aber das ist auch unnötig, da Spahns Ministeramt ohnehin nur der Befriedigung seiner Eitelkeit dient, ihm Bekanntheit verschaffen und so für höhere Aufgaben empfehlen soll.

Seine in der rechten Presse gefeierten Bemühungen für die 3,4 Millionen Pflegebedürftigen nutzt den Betroffenen also rein gar nichts.

Zahlen vom statistischen Bundesamt für Ende 2017
Kranke Menschen sind dem Gesundheitsminister, der erfrischend ehrlich sagt, er habe auch keine Lust seine eigenen Eltern zu pflegen, vollkommen egal.

(….) Und eins muss man sagen, Spahn schafft was weg (Merkel): Ein gutes Jahr nach seiner Ankündigung bundesweit 13.000 zusätzliche Pfleger einzustellen (gebraucht werden mindestens 50.000 Zusätzliche), hat er bundesweit schon fast 300 Neueinstellungen geschafft! Yippie, wenn das in dem Tempo weitergeht, sind die 13.000 Stellen in etwa 43 Jahren, also 2062 besetzt. Die 50.000 benötigten Kräfte wären dann im Jahr 2186 einsatzbereit. (….)

Versorgt werden müssen die 3,4 Millionen Menschen aber. Denn zwei Dinge sind sicher:
1. Wir müssen alle sterben, 2. Das wird verdammt teuer.
Millionär Spahn ist es wurscht. Wenn zu wenig Pfleger da sind, sollen die doch länger arbeiten, findet der CDU-Rechtsaußen.

Einen Kranken und/oder dementen Menschen zu pflegen ist verdammt hart.
1.764.904 werden zu Hause allein durch Angehörige versorgt, bei weiteren 829.959 Personen wird zusätzlich ein ambulanter Pflegedienst in Anspruch genommen, 818.289 Bedürftige werden vollstationär verpflegt.
(Zahlen aus dem aktuellen Katapult-Magazin)


 Die Dilemmata sind vorprogrammiert.
Ab einem bestimmten Zeitpunkt, ist die medizinische Versorgung zu komplex um sie selbst zu machen. Bei schwerer Demenz, die es erfordert den Betroffenen nicht nur 24 Stunden kontinuierlich zu beobachten, sondern womöglich auch kontinuierlich eingreifen zu müssen, weil er sich oder andere gefährdet, aggressiv und verängstigt wird, ist es nicht ohne professionelle Hilfe möglich.
Der erste Gedanke in so einem Fall ist „ich brauche eine Polin“.
Tatsächlich werden über eine halbe Million Deutsche von „Care-Migrantinnen“ verpflegt. Sie stammen zu 46% aus Polen, 11% aus der Slowakei, 10 % aus Rumänien. Ungarn, Bulgarien, Litauen machen je gut 6% aus.

Katapult Okt-Dez 2019
70% der Kräfte werden durch die ca 300 deutschen Entsendeagenturen direkt nach Deutschland geholt, der Rest organisiert sich privat. Hinzu kommt eine gewaltige Dunkelziffer.
Eine dieser 24-Stundenkräfte, liebevoll „Pani“ genannt (Polnisch für „Frau“, aber auch Haushaltshilfe) kostet den Auftraggeber brutto im Durchschnitt 1.796,-.
Sie sind versichert, zahlen Sozialabgaben und die deutsche Agentur.
Wieviel eine Pani also tatsächlich netto verdient, schwankt.
Gehen wir mal von 1.500 Euro aus, um eine runde Zahl zu haben.
Die Pani soll 24/7 einen vollen Monat einsatzbereit sein.
Die Berechnung des Stundenlohns ist einfach: 1.500/(24x31) = ZWEI EURO Stundenlohn.
Es ist also offensichtlich, wieso weniger als ein Prozent der in der 24-Stundenpflege arbeitenden Menschen Deutsche sind.
Wir nutzen das Elend in osteuropäischen Ländern aus.
Dabei gilt für die einst in der Branche dominierenden Polinnen inzwischen, daß sie ihren Wert kennen. Sprechen sie gut Deutsch und verfügen über besondere Qualifikationen im Bereich Altenpflege oder sind womöglich als Krankenschwester ausgebildet, können sie auch deutlich mehr als 1.700,- brutto verlangen.
Deswegen weichen die Entsendeagenturen verstärkt auf Rumänien, Moldawien und Weißrussland aus.

Nicht immer ist es möglich eine Pani einzusetzen. Vielfach hapert es an den räumlichen Gegebenheiten; schließlich muss die Wohnung des zu Pflegenden über ein Gästezimmer und möglichst ein zusätzliches Bad verfügen.
In anderen Fällen ist es der Pflegebedürftige selbst, der sich beispielsweise aufgrund der beginnenden Demenz weigert eine fremde Person in seiner engsten Umgebung aufzunehmen. Schließlich kann man niemand eine Pani aufzwingen; es wäre auch unzumutbar für sie (ihn) in einer Wohnung zu arbeiten und zu leben, wenn sie (er) dort abgelehnt wird.

Wer sich gesetzestreu verhalten will, wendet sich an einen professionellen Hilfsdienst wie „Hamburg Care“. Eine vorbildliche Firma, die ich nur empfehlen kann. Dort kauft man gewissermaßen Zeit und bekommt eine geduldige Fachkraft in die Wohnung geschickt, die nicht ständig auf die Uhr sieht, weil sie in 20 Minuten beim nächsten Patienten sein muss, sondern sich zwei oder vier Stunden nur für eine Person reserviert hat, ohne daß ein bestimmtes Pensum erledigt werden muß.
Mit diesen Damen und Herren kann man klönen, sich etwas vorlesen lassen, sich im Haushalt helfen lassen oder auch spazieren gehen.
Kostet pro Stunde 32 Euro zuzüglich Wegpauschale, Investitionskosten, Ausbildungsumlage und Mehrwertsteuer.
Das sind bei einer 24/7-Betreuung etwa 17.000 Euro im Monat.
Bucht man hingegen lediglich am Wochenende vier Stunden und verzichtet auf einen ausgebildete Kraft, kommt man schon mit 1.636,46 Euro weg.


 Vier Stunden jeden Tag kosten 5.500,-

Hinzu kommen Verbrauchmaterialien wie Desinfektionsmittel. Besonders teuer sind die vielfach notwendigen Hilfen bei Inkontinenz. Es gibt aber auch viele einmalige Anschaffungen, wie Haltegriffe, Dusch-Sitze, Rollatoren, Rollstühle, Gehhilfen, Greifhilfen, physiotherapeutische Hilfsmittel.

Einen Senioren mit Alzheimer, der womöglich den Herd anstellt oder das Badewannenwasser laufen lässt, kann man aber nicht nur vier von 24 Stunden betreuen lassen.
Es muss ein herkömmlicher ambulanter Dienst wie zum Beispiel die Bodelschwingh-Damen der Diakonie engagiert werden.
Die rufen üblicherweise einen Stundenlohn zwischen 46 und 50 Euro auf, rechnen im Zehn-Minutentakt ab. Ich habe das in einem früheren Beitrag dargestellt.
Das macht bei einer 45 Minuten morgens Waschen und ankleiden, 45 Minuten mittags Mahlzeit zu bereiten, 20 Minuten für die hauswirtschaftliche Versorgung, sowie der abendlichen Medikamentengabe nebst Zusatzkosten wie Ausbildungsumlage etc ebenfalls rund 5.500,- im Monat aus.
In dem Fall ist der Patient aber nach wie vor nachts allein und hat niemand, der ihn zum Arzt bringt, oder einkauft.
Weitere Dienste wie ein Hausnotruf sind zwingend nötig, wenn es keine Vollzeit pflegenden Angehörigen gibt.

Das sind also bei durchaus lückenhafter Pflege etwa € 11.500,- im Monat.

Vergleicht man diese Summe mit den Leistungen der Pflegeversicherung, wird klar, wieso viele Angehörige notgedrungen zu Ausbeutern moldawischer Pflegemigrantinnen werden:

Bei Pflegegrad 1 gibt es eine monatliche Kostenerstattung von bis zu 125 Euro pro Monat für Betreuungs- und Entlastungsleistungen.
Die weiteren Abstufungen:
2: Pflegegeld bei häuslicher Pflege von 316 Euro pro Monat
3: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 545 Euro pro Monat
4: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 728 Euro pro Monat
5: Pflegegeld bei häuslicher Pflege: 901 Euro pro Monat

Auch bei schwachen Mathematikkenntnissen sollte klar sein: 11.500 minus 901 haut nicht hin!

Gehen wir also davon aus, daß schon wegen der abstrusen Kosten eine vollstationäre Unterbringung notwendig wird.

Gerne würde man in eins dieser Luxusaltendomizile gehen, von denen einige Prominente (Tiller/Giller, Hans-Jochen Vogel) erzählen.

In Hamburg haben wir beispielsweise das berühmte Augustinum mit Elbblick.

[….] Am Rand des Hamburger Hafengebietes befindet sich in einem umgebauten historischen Kühlhaus und in exklusiver Lage direkt am Elbufer die Augustinum Seniorenresidenz Hamburg. Dieses architektonische Meisterwerk mit dem Restaurant in der Glaskuppel bietet alle Voraussetzungen für ein stilvolles und komfortables Leben im Alter und ist gleichzeitig ein sicherer Hafen, wenn Sie später einmal auf Hilfe angewiesen sein sollten. [….]

Eine feine Sache, denn dort gibt es geräumige Apartments.


 Der Grundpreis beträgt lediglich 4.578,98 €.

Noch schöner die Elbschlossresidenz.

[….] Die Elbschloss Residenz liegt inmitten von Parkanlagen in einem der schönsten Wohnviertel Hamburgs. Das Areal der ehemaligen Elbschloss-Brauerei wurde im Jahr 2001 mit acht freistehenden Villen bebaut. Auf die einzelnen Villen verteilen sich 188 hochwertige Appartements. Alle Villen sind barrierefrei durch Passagen und Parkwege verbunden. [….]


 Der Nettogrundpreis ab 4.200 Euro wirkt geradezu geschenkt.

Kleiner Nachteil: Es werden in beiden Häusern nur Menschen mit Pflegestufe Null angenommen. Wer auch nur den kleinsten Pflegeaufwand mitbringt, wird gar nicht erst reingelassen.

Wer tatsächlich schon pflegebedürftig ist, kann aber etwas abseits in die spezielle Demenzeinrichtung der Elbschlossresidenz in Klein Flottbek einziehen.

Ich hatte das Glück mich dort einen vollen Tag umzusehen und kann das Konzept nur loben. Niemand wird eingesperrt, fixiert oder mit Medikamenten ruhig gestellt.
Großartig. Das ist der Ort, wo man seine Mutter oder Vater unterbringen möchte, wenn sie schon gaga sind.

Kosten eines 45qm-Anderthalbzimmerapartment inklusive Pflege: Schlappe 11.000,- im Monat.

In einer ganz anderen Hamburger Einrichtung werden auch Menschen mit beginnender Demenz in eigenen Apartments aufgenommen.
49 qm, zwei Zimmerchen.

Grundpreis 6.000,- Euro.


 Hinzu kommen etwa 1000 Euro im Monat für Physio- und Ergotherapie, sowie die schon genannten 1.600 für die Betreuung am Wochenende durch HH Care, denn diese Einrichtung bietet eben nicht rund um die Uhr Aufsicht.
Mit Versicherungen und weiteren Verpflegungen wie Friseur und Pediküre, kommt man also mit gerade mal 9.000,- netto aus.

Die armen Blödmänner, die sich das nicht leisten können, müssen dann eben in Mehrbettzimmer staatlicher Pflegeheime.
Mit Dekubitus, Unterernährung, Fixierung im Bett und vielen anderen Foltermaßnahmen aufgrund der Personalknappheit.

Dafür ist es dann aber auch echt billig; den mickrigen Eigenanteil, den man noch zuzahlen muss, hat jeder locker übrig.


Aber Jens Spahn ist inzwischen schon richtig beliebt.

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