Samstag, 26. Oktober 2019

Linke Lektion


Da ich bei der SPD-Mitgliederbefragung ebenfalls für das Team Klara Geywitz & Olaf Scholz gestimmt habe, bin ich natürlich froh über den Sieg im ersten Wahlgang.

Außerdem nehme ich die miesen Ergebnisse der linken „Raus-aus-der-Groko“-Paarungen (Lauterbach, Stegner) mit Genugtuung zur Kenntnis.
Ein Kritiker der Groko bin ich auch, oh ja, manchmal wirkt sie so erbärmlich, daß ich in die Schreibtischplatte beißen möchte.
Aber sie ist bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen und den stabilen Wahlumfragen die am wenigsten schlechte Option.
Die CDU allein begeistert sich schon wieder für Kriegseinsätze und will auch garantiert keine sozialen Verbesserungen. Die CDU/CSU wehrt sich gegen die Grundrente, Schwarz und Gelb wollen Multimillionäre und Milliardäre steuerlich entlasten, Geringverdiener wie Paketboten würden ohne Sozis im Kabinett keinerlei Schutz erhalten.
Es wäre sehr schäbig die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft im Stich zu lassen, indem man sie der schwarz-braun-gelben Willkür überließe.

Der durchsetzungsstärkste SPD-Politiker ist der deutsche Vizekanzler und insofern ist es gut, ihn in guter Startposition für den Parteivorsitz zu wissen.

[…..] Offenbar ist vielen Genossen die Sache mit dem Neuanfang aber auch gar nicht wichtig - das Ergebnis für Scholz zeigt auch einen Wunsch nach Kontinuität, nach ordentlichem Zu-Ende-Regieren in der GroKo und Machtperspektive für die Zeit danach.
Wenn es aber doch auf ein personelles "Weiter so" hinausläuft, hätte die SPD Zeit und Kraft nicht sinnvoller einsetzen können, etwa um Politik zu machen? Vielleicht, wenn der Nahles-Rückzug ein normaler Abtritt in einer in sich ruhenden Partei gewesen wäre. In einer existenziellen Krise ist aber nichts normal. Zumal der Umgang mit Andrea Nahles auch erschreckende Einblicke gab in tiefe Grabenkämpfe, Heckenschützentum, Intrigen und Misstrauen. [….]

Rosig ist die Lage aber nicht für das einzige Schwergewicht der Bewerber, denn Scholz kam nur auf 23%.
Das ist noch ein weiter Weg bis zu den 50%, die er beim zweiten Wahlgang braucht.

[….] Ja, Scholz mag mit seiner Tandempartnerin Klara Geywitz die erste Runde im Mitgliedervotum der Partei gewonnen haben, aber wer genau hinsieht, der erkennt: Das Ergebnis der beiden ist ernüchternd. Mit 23 Prozent liegen sie nicht einmal zwei Prozentpunkte vor den jenseits von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg weithin unbekannten Favoriten der Jusos, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Und weil überhaupt nur die Hälfte der SPD-Mitglieder abgestimmt hat, hat faktisch nur jeder zehnte Sozialdemokrat für denjenigen gestimmt, der als Vizekanzler und Bundesfinanzminister eine weit größere Bühne hatte als jeder andere im Feld. Autsch. […..]

Aber was will man schon erwarten von einer teilweise fanatisiert ideologischen Parteilinken, die nahezu 20 Jahre nach der Agenda 2010, die ein großer Erfolg war, auf den man stolz sein sollte, immer noch besessen davon ist?
Sie ignorieren Trump, Brexit, Kriege, rechtsextreme Mordanschläge, AfD-Faschisten in den Parlamenten und eine schwere EU-Krise wegen einer sozialpolitischen Entscheidung aus vergangener Zeit.
Dabei war die Hartz-Gesetzgebung nicht nur richtig und daher auch maßgeblich von Gewerkschaftern und anderen Arbeitnehmervertretern mit ausgearbeitet, sondern sie ist auch populär. So populär immerhin, daß die einzige Partei, die immer noch dagegen ist, die Linke, trotz der Megakrise der SPD verkümmert.
Mit „Hartz abschaffen“ verliert man also offenbar massiv Wähler.
Die linke Anti-SPD-Verschwörung hat die Partei infiziert, die Stimmung vergiftet.

[…..] Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass der frühere SPD-Chef Oskar Lafontaine seinen Amtsvorgänger Rudolf Scharping wegputschte: "Wenn wir selbst begeistert sind", lautete sein legendärer Ausruf auf dem Mannheimer Parteitag des Jahres 1995, "können wir auch andere begeistern."
In diesen Tagen suchen die Genossen wieder eine neue Führung. Diesmal aber folgen sie einer anderen Lösung, das haben die Auftritte ihrer Kandidatenpaare bei den sogenannten Regionalkonferenzen gezeigt. Die Sozialdemokraten wollen sich nicht begeistern, sondern von sich selbst distanzieren, genauer: von der Agenda 2010 ihres einstigen Kanzlers Gerhard Schröder. Dies habe "sozialdemokratisches Profil gekostet", klagt Ralf Stegner. Sie habe in die "neoliberale Pampa geführt", bemängelt Norbert Walter-Borjans. Und selbst Olaf Scholz, der die Reformen einst mitentworfen hat, findet heute kein freundliches Wort mehr für sie. Das Motto, mit dem das SPD-Spitzenpersonal den Neustart schaffen will, lautet offenbar: "Wer sich selbst beschimpft, braucht nicht mehr beschimpft zu werden."
Bei kaum einem anderen Thema tritt die Partei derzeit so geschlossen auf wie bei der Verurteilung ihrer eigenen Politik. Unsolidarisch, entwürdigend, schädlich: So hatte schon die Linkspartei die Agenda niedergemacht, nun verwenden die Genossen gedankenlos dieselben Begriffe. Es ist wie bei einem SED-Parteitag kurz nach dem Mauerfall: Erst mal müssen alle bekennen, wie schlecht es früher war. So verzwergt sich die Sozialdemokratie nicht nur selbst, es ist auch noch falsch. Die Agenda war keine neoliberale Verirrung, sie war eines der erfolgreichsten wirtschaftlichen Umbauprogramme der jüngeren Geschichte.
90 Prozent der deutschen Ökonomen, so zeigen Umfragen, sind überzeugt: Die Hartz-Gesetze haben wesentlich dazu beigetragen, aus dem "kranken Mann Europas" ("Economist") wieder eine bewunderte Exportmaschine zu machen. Die Arbeitslosigkeit, die jahrzehntelang gestiegen war, hat sich innerhalb weniger Jahre halbiert. Millionen Jobs wurden geschaffen, und zwar zum großen Teil sozialversicherungspflichtige Normalarbeitsverhältnisse. Kaum ein anderes Land hat die tiefe Rezession nach der Finanzkrise so rasch und nachhaltig überwunden wie Deutschland. Von einem "Beschäftigungswunder" sprechen globale Organisationen wie die OECD oder der Internationale Währungsfonds.
Weltweit gelten ihre Reformen als Erfolg, und wie reagiert die SPD? […..] (Michael Sauga, 24. Oktober 2019)

Freitag, 25. Oktober 2019

Wenn Politiker den Staat diskreditieren


Der Staat im Staat in der ersten Person
[….] Siehst du ihn jetzt, wie der sich windet?
Wie wenn ihr eure Augen verbindet
Der mit Ausdruck Eindruck schindet
Bombenkratergleich weil
Der reißt dich richtig auf
Dein Rucken ist dem eine weit're Tür
"Paß auf dein Rückgrat auf" sagt der
Und "Ich stehe hinter dir"
Das ist dein Pech der meint
Gib's mir
Jedes Bild ist wie ein Messer ein Gebrauchsgegenstand
Und Lesen meint hier Denken mit ander'm Verstand
Indem man liest und was begreift
Sich und den andern, sucht und findet (das ist Arbeit)
Das Gefundene mit-teilt und verbindet (das ist Technik)
Gemeinsam eine Welt erfindet (vielleicht Liebe)
[….][….] Und die Angst die du fühlst
Ist das Geld das dir fehlt
Für den Preis den du zahlst
Für etwas, das für dich zählt
Und dich sicher sein läßt
Daß du da (wo du hingehörst) bist
Ware Kunst ist ein Produkt der Phantasie
An der dafür vorgesehenen stelle
Erhebe ich meine Stimme:
Das ist soziale Marktwirtschaft
Langweilig wird sie nie. [….][….]
(Blumfeld: Sing Sing. Aus dem legendären L'état et moi von 1994)

Der Staat, das sind wir.
Der Staat steuert durch Steuern und kassiert nicht etwa aus Bosheit ab.
Selbst wenn er es täte, so käme es doch uns allen zu Gute.
Staaten mit hohem Steueraufkommen, insbesondere Dänemark und Schweden, haben die glücklichste Bevölkerung aller Nationen der Welt.
Steuern sind etwas Gutes.
Neoliberale Anti-Steuer-Apologeten wie Christian Lindner reden der Ungerechtigkeit das Wort, fördern den spaltenden Raubtierkapitalismus, in dem Macht und Wohlstand zu einer kleinen Oberschicht umgeleitet werden.
Der politische Einfluss geht dann über auf einige wenige Superreiche, die wie in der gegenwärtigen amerikanischen Administration ganz allein Ministerämter, Botschafterposten, Bundesrichterstellen untereinander aufteilen.
So werden die USA zu einem asozialen Land, in dem Millionen keine Krankenversicherung haben, Millionen Kinder hungern, Millionen obdachlos sind, 2,5 Millionen Menschen im Knast sitzen, das Bildungssystem marode ist, die Infrastruktur zerbröselt  und in dem die mit Abstand höchste Mordrate aller westlichen Länder grassiert.
Das ist die falsche Richtung. Es sollte nicht privatisiert, sondern verstaatlicht werden.
Die auf Druck der Gelben und Schwarzen in den 1990ern massenhaften Verkäufe städtischer und staatlicher Wohnungen haben Immobilien zu einem Spekulationsobjekt gemacht. Die Folgen sehen wir jetzt in allen Großstädten. Mietpreisexplosion und Wohnungsnot.

Versorger, medizinische Einrichtungen, Bahn, Bildung, ÖPNV, Sicherheit gehören in öffentliche Hand.
Regierung und Parlamentarier sollen den Staat stärken und durch hohes Steueraufkommen handlungsfähig machen.

Dabei sollten vorzugsweise keine Flattaxes und Kopfpauschalen erhoben werden, wie es sich die Konservativen wünschen.
Menschen mit Millioneneinkommen brauchen nicht den mit der Gießkanne verteilten gleichen Betrag Kindergeld wie eine Putzfrau.
Der Staat muss seine Steuern intelligent eintreiben, so daß nicht immer nur von „Lenkungswirkung“ gesprochen wird, sondern diese auch voll erzielt wird.
In der Praxis fürchten sich aber die meisten Politiker so sehr vor den nächsten Wahlen, daß sie dem mit einem Steuersatz in eine bestimmte Richtung gelenkten Bürger sofort auch eine Regelung bescheren, die in die diametral entgegengesetzte Richtung weist.
Mit der Kitafinanzierung sollen Eltern dazu animiert werden ihre Kinder in eine öffentliche Betreuung zu geben, weil man weiß daß durch diese frühkindliche Bildung sehr viel bessere schulische Leistungen erzielt werden, Sozialverhalten gefördert wird und spätere Probleme gar nicht erst auftauchen.
Kita-Finanzierung kostet viel Geld und weil die CSU total bescheuert ist, verlangte sie über Jahre eine Herdprämie, um gleichzeitig auch das Gegenteil zu erreichen: Mütter sollen ihre Kinder nicht in die Kita schicken, sondern lieber zu Hause isolieren.
Die Bildungsfernhalteprämie sollte dafür sorgen, daß insbesondere arme Kinder aus bildungsfernen Schichten von frühkindlicher Bildung ferngehalten werden, mit einem möglichst großen sprachlichen Nachteil in die Schullaufbahn starten.

Das armselige Klimapaket der Bundesregierung soll durch einen sehr sanften Aufschlag auf die Benzinpreise die Menschen auf umweltschonendere Fortbewegungsmittel umlenken. Eine sinnvolle Maßnahme.
Weil aber CDU und CSU die Mehrheit der Koalition stellen und am Tropf der Autolobby hängen, beinhaltet das Klimapaket auch eine Regelung, die in die gegenteilige Richtung lenkt: Mehr Pendlerpauschale, damit das Auto attraktiv bleibt.

(…..) Als Verteidiger der Großen Koalition habe ich es gerade sehr schwer. Zwei Tage musste ich nach Luft schnappen bevor ich einen Satz zum Klimapäckchen schreiben konnte.
Als Blogger pflegt man eine derbere, lockere Sprache als renommierte Printjournalisten; also, wie soll ich das übertreffen, wenn schon die biedere Tagesschau Mit Klimaschutz hat das nichts zu tun! schreibt, der SPIEGEL titelt Gute Nacht. Ein Desaster und Experten von „Klarem Politikversagen“ sprechen?

Ich schüttele so viel mit dem Kopf, daß ich dauernd Aspirin einwerfen muss.

[……] Niemand scheint mit den Plänen des sogenannten Klimakabinetts zufrieden zu sein. Umweltverbände und Wirtschaftswissenschaftler, Klimaforscher und Demonstranten , Kommentatoren nahezu quer durch die Medienlandschaft sind sich einig: Das war nichts.
Der Kern des Kompromisses ist, wie das bei Parteien, die um ihre Wiederwahl fürchten müssen, zu sein pflegt: Wir tun ein bisschen gegen unseren CO2-Ausstoß, aber keine Sorge, lieber Wähler: Du wirst davon gar nichts merken! Nur nicht den "kleinen Mann" verärgern. Auch, wenn man die eigenen Ziele so unmöglich wird einhalten können.
Angesichts von geschätzten eineinhalb Millionen Demonstranten allein in Deutschland und vielen Millionen rund um den Globus, von Bangladesch bis Uganda, von Tasmanien bis New York, erscheint das arg kümmerlich. [….]

Diese aberwitzige Hasenfüßigkeit bei einem Thema, das so viel Zustimmung erfährt. 88 Milliarden Euro betragen die jährlichen Subventionen für die KfZ-Industrie und wenn Autofahrer ein winziges bißchen belastet werden sollen für einen absolut Menschheits-überlebenswichtigen Zweck, knicken die Koalitionäre in vorauseilendem Gehorsam ein.

[…..] Der magere Preisanstieg an der Zapfsäule verbunden mit der höheren Pendlerpauschale führt bei spitzenverdienenden 50-km-Pendlern dazu, dass sie ihren großen SUV behalten können und - zumindest am Anfang - sogar noch daran verdienen! Wer für Mindestlohn pendelt, der zahlt drauf.
Das ist weder sinnvoll noch sozial. [….]

Die Inkarnation des Problems ist Angela Merkel, die völlig unverantwortlich handelt, indem sie nur ihre eigene Amtszeit im Blick, aber keinesfalls das Format zur Kanzlerin hat. (…..)

Es ist richtig Energie zu verteuern, so daß sich Otto Normalverbraucher überlegt, sich in seinem Haushalt von den schlimmsten Stromfressern zu trennen, sparsamere Geräte und Lampen anschafft.

Aber auch hier lenkt der Staat mit seinen Steuern gleichzeitig in die andere Richtung. Wer viel verbraucht und daher besonders dringend sparen sollte, wird von der Sparverpflichtung ausgenommen.
Auch in diesem Fall haben die arme Rentnerin, der Paketbote und die Altenpflegerin keine Möglichkeiten Einfluss auf das Parlament zu nehmen, um ihre Stromrechnungen zu senken.
Die Superreichen aber schon. Für sie gibt es die brutalen Lobbyisten von der Energieintensive Industrien in Deutschland (EID).
Der Bundeswirtschaftsminister sitzt tief im Mastdarm der EID und übernimmt deren Propaganda auf seiner Website.

[….] Energieintensive Industrien - Bedeutung für eine moderne Energiewirtschaft
[….] Die Energiewende kann in Deutschland nur mit einem starken Industriestandort gelingen. Dazu brauchen wir innovative und wettbewerbsstarke Unternehmen, die dazu beitragen eine zukunftsorientierte Energieerzeugung, -speicherung und -versorgung sicherzustellen.
Leistungsstarke und damit international wettbewerbsfähige energieintensive Industrien sind eine wichtige Voraussetzung für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland. Sie sind regelmäßig der Grund für die Ansiedlung nachgelagerter Produktionsstandorte und damit auch indirekt für die Schaffung und Erhaltung weiterer Arbeitsplätze verantwortlich. Sie sind aber auch eine unverzichtbare Grundlage für die Wertschöpfungsketten, die wir für eine Umstellung unserer Energiewirtschaft brauchen. Denn die energieintensiven Industrien liefern unverzichtbare Grund- und Werkstoffe für wichtige Zukunftsbranchen in Deutschland. [….]
(BMWI)

Während also Oma Kalubke einen Weg finden muss ihre höheren Stromrechnungen zu bezahlen, brauchen die extremsten Stromverschwender gar nicht erst anfangen den Verbrauch zu reduzieren.
Die Umlage des Erneuerbare-Energie-Gesetzes müssen sie nicht zahlen.

[….] EEG-Umlage: Ausnahmen für energieintensive Betriebe
Über die EEG-Umlage werden die Kosten für den Ausbau der regenerativen Energien auf den Endverbraucher umgelegt. Diese Umlage ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Dieser Anstieg ist teilweise darauf zurückzuführen, dass Großverbraucher von der EEG-Umlage weitgehend befreit sind. Im Ergebnis führt dies dazu, dass die energieintensive Industrie zwar 18 Prozent des Stroms verbraucht, aber an der Finanzierung der Energiewende über die EEG-Umlage nur zu 0,3 Prozent beteiligt ist. […..]

[…..] Die "Besondere Ausgleichsregelung" sieht vor, dass stromkostenintensive Unternehmen nur eine reduzierte EEG-Umlage zahlen müssen. Diese Ausnahmeregelung gilt nur für stromkostenintensive Unternehmen aus Branchen, die im internationalen Wettbewerb stehen. Die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Arbeitsplätze der stromkostenintensiven Industrie, die im Vergleich zur internationalen Konkurrenz hohe Strompreise zahlt, dürfen nicht gefährdet werden. [….]
(BMWI)

In der Praxis führt diese politische Pervertierung des Staates dazu, daß man durch Stromsparen mehr Energiekosten hat.


 

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Erwachsen werden


Meine Ökobilanz ist vorbildlich.
Seit 30 Jahren bin ich Vegetarier, in etwa genauso lange nicht mehr mit dem Flugzeug geflogen, ich kaufe nach Möglichkeit regionales Gemüse, Q-Tipps ohne Plastikstäbchen, verwende seit Jahrzehnten keine Plastiktüten, halte keine fleischfressenden Haustiere, wohne in einer eher kleinen Wohnung, die ich nie heize und am wichtigsten: Ich habe bezüglich der größten denkbaren Umweltsauerei eine weiße Weste: Keine Kinder!
Natürlich bin ich nicht perfekt. Mein Haushalt ist nicht frei von Kunststoffverpackungen und außerdem habe ich, seit ich 18 Jahre alt bin ein eigenes Auto. Derzeit ist es ein Benziner, der auch noch zu allem Übel deutlich übermotorisiert ist für einen Städter und Single.
Das gute Stück bereitet mir aber dennoch keine schlaflosen Nächte, da ich durch das viele Metall in meinem Bein gar nicht Radfahren könnte und auch schlecht zu Fuß bin, zudem transportiere ich regelmäßig einen Rollstuhl/Rollator-Benutzer.
Hinzu kommt, daß ein Verbrennungsmotor nur dann schädlich für die Umwelt ist, wenn er läuft und nicht, wenn er friedlich in der Garage schläft.
Meine Jahres-Kilometerleistung ist aber derart lächerlich gering, daß ich in Werkstätten im schräg angeguckt werde, weil die denken, ich hätte den Tacho manipuliert.

Ich habe früher als andere Generationsgenossen darauf geachtet der Umwelt keinen übermäßigen Schaden zuzufügen.
Einst wurde ich für leicht gestört gehalten, wenn ich beim Gemüsemann erklärte keine Braeburns aus Neuseeland zu kaufen, weil die Dinger doch auch in Hamburg (im Alten Land) wachsen. Daß ich nicht unbedingt südamerikanischen Spargel haben möchte, wenn zwei, drei Wochen später auch der Hiesige im Angebot ist. Daß ich deswegen auch nicht die allzeit verfügbaren Billig-Rosen aus Kenia kaufe.
Inzwischen ist „regional“ Mainstream, weil doch viele Menschen begriffen haben, wie unverantwortlich es ist für eine Schale Erdbeeren aus Südafrika anderthalb Liter subventioniertes Kerosin zu oxidieren und als CO2 direkt in die heiklen Luftschichten zu pusten.

Heute steckte ich in der Rushhour fest und begegnete nun schon zum zweiten mal „extinction rebels“.

[….] Extinction Rebellion (XR) macht mit friedlichem Ungehorsam auf den drohenden Klimakollaps und das massive Artensterben aufmerksam. [….]


Offenbar ist das eine recht neue Jugendgruppe der Aussterbungsrebellen, die aktiv den Hamburger Innenstadtverkehr stört.
Man sollte meinen, daß Hamburger Autofahrer genervter sind, wenn im Feierabendverkehr ein Dutzend Teenis mit Plakaten eine Kreuzung blockieren und dort stumm ihre Plakate vor den Autos hochhalten.
Ach ja, die sind irgendwie rührend. In beiden Fällen, die ich beobachtet habe, war ein einzelner Polizist dabei, der das Geschehen vom Straßenrand beobachtete und die Demonstranten waren offensichtlich bemüht die von ihnen Angehaltenen nicht zu verärgern. Einige sollen sogar selbstgebackene Kekse und Tee anbieten.

[…..] Etwa 20 Jugendliche der Gruppe „XR Youth“ haben am Sonntag den Verkehr in Hamburg blockiert. Sie gehören zur Bewegung „Extinction Rebellion“, die in den vergangenen Wochen immer wieder mit Klima-Aktionen wie der Grünfärbung des Rathaus-Brunnens auf sich aufmerksam gemacht hat. Die neue jugendliche Ortsgruppe probte nun ebenfalls den ersten Protest.
Gleich an zwei Orten in der Stadt starten „XR Youth“ ihre Demonstration. Von 10 bis 13.15 Uhr blockierten sie die Kreuzung Wiesendamm/ Goldbekufer. Zwischen 13.30 und 16 Uhr war die Kreuzung Barmbeker Straße/Semperstraße an der Reihe.
„Das ist unsere erste Aktion und wir wollen nicht so krass in Action geraten, wir wollen uns erstmal austesten und unserer Taktik erproben“, sagt Jan Ohe aus Poppenbüttel. Der 17-Jährige erklärt, die Gruppe hätte sich diesmal für die Swarming-Taktik entschieden und den Protest vorher angemeldet.
 „Die Teilnehmer warten an einer Ampelkreuzung auf eine Grünphase und sperren dann für fünf bis zehn Minuten die Straße ab. Zusätzlich werden Flyer an die wartenden Autofahrer verteilt und manchmal auch Kekse, um sie zu besänftigen“, erklärt Friederike Mayer von „Extinction Rebellion“ die Demo-Taktik.
[…..] „Aussterben ist blöd“ steht auf einem Laken und auf einem anderen wird der Artikel 20A des Grundgesetztes zitiert. […..]

Ich bin zu alt und zu desillusioniert, um mir noch Hoffnungen zu machen.
Es ist sehr schmerzhaft zuzusehen wie Fauna und Flora unter Homo Sapiens leiden. Ein Homo Sapiens, der eher ein Homo Demens ist und sogar in Brasilien oder den USA demonstrativ Regierungschefs wählt, die geradezu mit Wonne alle Umweltschutzregelungen vom Tisch fegen und aus purer Lust Wälder und Lebensräume abholzen lassen.
Der Gattung Mensch weine ich keine Träne nach, wenn die sich endlich selbst ausgerottet hat. Die Extinction kann ich nur empfehlen.
Und nun soll der Mensch selbst die Notbremse ziehen? Auf einmal vernünftig werden?
Die Kunde hör‘ ich wohl; allein mir fehlt der Glaube.
Sicher, es gibt eine wachsende Minderheit dieser aufrecht gehenden Trockennasenaffen, die versuchen ihre Umwelt nicht übermäßig zu strapazieren.
Und ja, es ist gut und richtig weniger Auto zu fahren, Ökostrom zu beziehen und im Supermarkt das Obst ohne Plastikfolie zu kaufen.
Aber es gibt trotz all der Erkenntnisse noch kein ernsthaftes Umdenken bei der Masse des Volkes.
Die Masse frisst immer mehr Billigfleisch, nutzt immer mehr Billigflieger, trägt poppenderweise zur drastischen Weltüberbevölkerung bei, besteigt Millionenfach Kreuzfahrtschiffe, die hundertrausende Tonnen Schweröl ungefiltert verbrennen.

Ich lächele milde, wenn mich die XR Youth HH anhält, winke ihnen zu.
Einst war ich auch mal in Eurem Alter und war beseelt von dem Gedanken „da muss man doch was tun!“
Und ja, womöglich fängt auch der ein oder andere angehaltene Autofahrer an über die Schockbilder von den gematerten Äffchen des Hamburger Skandal-Tiefversuchslabors LPT nachzudenken.

[….] Die grausamen Tierversuche im LPT-Labor bei Hamburg machen derzeit weltweit Schlagzeilen. Am vergangenen Wochenende fand eine große Tierrechtsdemo statt, weitere sind geplant. Jetzt hat sogar die berühmte Affen-Forscherin Dr. Jane Goodall die Vorkommnisse im Labor aufs schärfste kritisiert.
„Die Aufnahmen zeigen einige der schlimmsten Misshandlungen, die ich je in Verbindung mit Tierversuchen gesehen habe“, sagte Dr. Jane Goodall über das LPT-Labor. Sie zählt zu den weltweit führenden Affen-Forschern, hat ein eigenes Institut gegründet und ist UN-Friedensbotschafterin. Zudem wurde sie mit der zweiten Stufe des britischen Ritterordens ausgezeichnet.
Die Recherche, über die in der letzten Woche weltweit berichtet wurde, enthüllt ein schockierendes Ausmaß an Tierleid, welches eindeutig Europäische und Deutsche Gesetze verletzt. Verstörende, verdeckt gedrehte Aufnahmen von massiv blutenden Hunden und systematisch misshandelten Affen haben den Schleier der Geheimhaltung von vorgeschriebenen Giftigkeitstests gelüftet, und die Tierquälerei dahinter offenbart. […..]

Aber all die Empörung wird auch schnell wieder vergessen sein, wenn man wieder im Sommer möglichst billig grillen will mit Tropenholzkohle und Discounter Wilke-Schimmelwurst für ein paar Cent das Pfund.


Menschen sind beschissene Egoisten und werden sich nicht bessern.

Ich applaudiere den XR-Jugendlichen.
Aber ich belächele sie auch dafür, sich vor ein paar Hamburger Autos zu stellen, während der Urnenpöbel ja doch immer wieder konservativ wählt und mit Typen wie Merkel und Klöckner tief im Hintern der Agrarlobby hockt.
Und wie wollt Ihr eigentlich AKK aufhalten?

[…..] Plastiktüten zählen, aber über das Militär schweigen? Die Debatte über den Klimaschutz hat sich in eine Ideologie privater Verantwortung verwandelt. Sie muss politischer werden.
[…..] Es gibt zwar so etwas wie "die Menschheit". Es gibt sie im Hinblick auf ihr Dasein als biologische Spezies, auf ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung und auf etwas so Abstraktes wie Zeitgenossenschaft. Doch hat "die Menschheit" gewiss noch nie etwas gedacht, geschweige denn etwas beschlossen. Sie wird es auch in Zukunft nicht tun. Sie ist gänzlich unfähig, ihr "Verhalten" zu ändern, denn sie ist kein Subjekt.
Wer immer "die Menschheit" anruft, um einen klimapolitischen […..] Schwieriger ist es, die Argumentation im Kleinen als Ideologie kenntlich zu machen. Daher ein Beispiel: Für jeden Passagier, der von München nach Mallorca fliegt, werden, grob gerechnet, etwa hundert Liter Kerosin verbrannt. Die Menge erscheint als sehr groß, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie erscheint allerdings als winzig klein, wenn man sie am globalen Ölverbrauch misst: Das amerikanische Militär, der größte einzelne Energieverbraucher der Welt, verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was etwas weniger als einem Siebtel des gesamten deutschen Ölverbrauchs entspricht oder ungefähr so viel ist, wie ganz Schweden in derselben Zeit vernutzt.
Bei allen Vorschlägen, die gegenwärtig zur Verminderung des Kohlendioxidausstoßes kursieren, ist allerdings nie vom Militär die Rede. Das Politische erscheint in der Debatte um eine Verminderung des Klimawandels ins Private verschoben, und während jenes offenbar als nicht verhandelbar erscheint, sind der Fantasie des Energiesparens im Leben des Einzelnen offenbar keine Grenzen gesetzt. […..][…..]

Wäre ich heute ein Teenager, würde ich hoffen, daß sich Typen wie ich irren, daß noch Hoffnung besteht.
Daher ermutige ich auch die Jugendlichen sich weiter bei XR und „Fridays For Future“ zu engagieren.
Aber das ist jetzt Eure Sache. Die vorherigen Generationen haben versagt und dabei waren einige, die sich wirklich engagierten und nicht dachten, einen Like-Button auf Instagram anzuklicken sei ein veritabler Protest.

In meinem Greisenalter sitze ich mit laufenden Motor hinter meinem Steuer und denke mir nur „Lass sie untergehen, die Menschheit. So schnell wie möglich!“