Dienstag, 9. Oktober 2018

Toxic Trump


Zweifellos wurde das gesamte politische Klima in den USA aber auch weltweit sehr viel giftiger durch Donald Trump.
Insbesondere das Verhältnis zwischen Republikanern und Demokraten wurde durch Trumps Toxizität irreparabel zerstört.

Gestern beklagte die republikanische Strategin Ana Navarro bei Don Lemon wie sich ihr gut bekannter Freund Senator Lindsey Graham unter Trump verändert habe. Er wäre einst ein „decent man“ gewesen, der sich für Opfer von Kriminalität einsetzte. Er sei eigentlich „better than this“ resignierte sie angesichts der wüsten Beschimpfungen Grahams bei der Kavanaugh-Anhörung, bei der er sich voll auf die Seite des Vergewaltigers und gegen das Opfer positionierte.
Das ist der toxische moralische Einfluss Trumps.


Oktober 2018

#45 ist auch toxisch für seine Partei, ruinierte mit seiner bizarren Show bei diversen Nachwahlen die Chancen von haushoch führenden Republikanern.

[…..] A huge red flag': why Trump could be toxic for Republicans at the midterms
US politics
The biggest losers from Trump’s policies are likely to be his supporters, and observers say it could herald a blue wave
This week Element Electronics warned that it might be forced to close its factory in Winnsboro and lay off 126 people because of TV parts affected by Donald Trump’s tariffs. Republican strategists fear there could be many more casualties in the president’s trade war with China.
It is the last thing they need going into the polls in November, where Democrats aim to pick up 23 seats to regain control of the House of Representatives for the first time in eight years. Historically, the party that controls the White House typically finds the pendulum swinging the other way. This year, a uniquely polarising president appears to be firing up Democrats eager to curb his power.  [….]

Trump vergiftet aber nicht nur das politische Klima, sondern er setzt alle moralischen Maßstäbe so weit herab, daß es gar keine Tabus mehr gibt.
Tabu-Brüche sind aber meistens nicht wünschenswert, weil viele Tabus dazu da sind jemand zu schützen. Man äfft nicht Behinderte nach, macht sich nicht über Vergewaltigungsopfer lustig, man betreibt kein Body-Shaming, weil sich irgendein verrückter Freiherr von Knigge so eine alberne Regel ausgedacht hat, sondern weil solche Tabubrüche sehr verletzend sind.

Trump versteht das nicht, weil er völlig mitleidslos ist. Er lebt nicht nur ohne Moral, sondern völlig ohne Empathie.


#45 Toxizität hat darüber hinaus auch eine ganz andere Bedeutung.
Die Nähe zu ihm ist beruflich toxisch. Sofern man selbst stramm rechts, rassistisch, islamophob und misogyn ist, also keine grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten zu ihm hat, wird man dennoch seine Nähe meiden, weil er so chaotisch ist und so schlecht rezipiert wird, daß es sich im Lebenslauf sehr negativ auswirkt für Trump zu arbeiten.
Vermutlich eine der groteskesten Veränderungen unter dieser Präsidentschaft.
Bisher war es nicht nur eine gewaltige Ehre für das Weiße Haus zu arbeiten, sondern natürlich auch ein Karriere-Boost.
Jede Firma schmückt sich gern mit Angestellten, die vorher für das Weiße Haus arbeiteten.
Das ist nun vorbei.
Inzwischen schadet es eher der Karriere, wenn man mit Trump in Verbindung gebracht wird.
Nur so lassen sich die vielen Absagen erklären, die sich das Trump-Team bei den Top-Anwaltskanzleien des Landes holte, nachdem die Mueller-Untersuchungen begannen. So war der Präsident gezwungen sich den weitgehend durch-debilisierten Winkeladvokaten Rudy Giuliani an die Seite zu holen, der es noch nicht mal schafft einen Tweet mit weniger als drei Rechtschreibfehlern abzusetzen.


🤦🏻‍♀️ https://t.co/FBfxY3N6WA
— Ana Navarro (@ananavarro) 28. September 2018

Nikki Haley, die stramm Konservative Trump-Unterstützerin und UN-Botschafterin, die eben noch ihren Chef verteidigte, als dieser von der UN-Vollversammlung ausgelacht wurde – Nein, Donald, sie lachen nicht über dich, sondern MIT Dir – warf heute überraschend den Bettel hin, will zum Ende des Jahres aufhören.

(….) Und Nikki Haley, seine UN-Botschafterin legt noch einen drauf, indem sie ernsthaft behauptet, die Welt lache nicht über ihn, sondern mit ihm.

 [….] U.S. Ambassador to the United Nations Nikki Haley on Wednesday claimed President Donald Trump’s speech at the United Nations General Assembly on Tuesday drew laughter because world leaders “loved his honesty” and “respect” him.
“In less than two years, my administration has accomplished more than almost any administration in the history of our country,” Trump said to the assembly in New York, which responded with muted laughs.
“So true,” Trump said with a smirk, which in turn raised the volume of the laughter in the General Assembly hall. [….]

Genau, der Rest der Welt liebt Trumps Ehrlichkeit.

[…]  President Trump has made more than 5,000 false or misleading claims
[…]  In that single day, he publicly made 125 false or misleading statements — in a period of time that totaled only about 120 minutes. [Ich bin beeindruckt! –T.]   It was a new single-day high. […]  Trump’s tsunami of untruths helped push the count in The Fact Checker’s database past 5,000 on the 601st day of his presidency. That’s an average of 8.3 Trumpian claims a day, but in the past nine days — since our last update — the president has averaged 32 claims a day. [….]

Ein derartig geistesgestörter Irrer hat aber eben auch den Vorteil dem Rest der Welt klar zu machen, daß man die USA nicht mehr ernst nehmen kann und nun selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen muss. (….)

Es ist zwar nicht ungewöhnlich, daß Präsidenten-Mitarbeiter nach zwei Jahren aufhören, weil der Job extrem anstrengend ist – man denke an Barack Obamas Star-Stabschef Rahm Emmanuel – aber das kündigt man üblicherweise nach den Zwischenwahlen an und nicht unmittelbar vorher.

Haley, die heute von Trump gelobt wurde und ihm treu versprach sich bei der Präsidentschaftskampagne von 2020 voll hinter ihn zu stellen, setzt sich aber doch zur Sicherheit ab, weil sie als eine der wenigen in der US-Regierung  für kompetent gehalten wird. Außerdem ist sie jung und hat noch eine Karriere vor sich. Da kann es nur schaden sich allzu lange am sinkenden Lügenschiff Trump festzuhalten.
Rette sich wer kann.

[…..]  Es beginnt, wie so oft, mit einem präsidialen Tweet. "Wichtige Ankündigung mit meiner Freundin, Botschafterin Nikki Haley, um 10.30 Uhr im Oval Office", schreibt Donald Trump, als handele es sich um einen TV-Programmhinweis.
[…..] Haley war der letzte Star in Trumps Kabinett. Keiner verkaufte seine chaotische, krude Außenpolitik besser. Mal charmant, mal hart, mal leicht kritisch, doch stets auf Linie. Haley war die höchstrangige Frau, die unter Trump etwas zu sagen hatte und bei weiblichen Wählern punkten konnte.
[…..] Dass Haley den Uno-Posten nur als Sprungbrett fürs Weiße Haus nutze, wurde ihr schon länger nachgesagt. Sie ist erst 46, wer will da seine Karriere beenden? Zuvor war sie die erste Gouverneurin von South Carolina gewesen - damals noch eine Trump-Kritikerin, später eine glühende Verfechterin seiner Politik. Das riecht doch nach Strategie. […..]

Montag, 8. Oktober 2018

Endspurterinnen


Vielleicht konnten manche hypersensible Zeitgenossen schon aus meinen vergangenen Postings herauslesen, daß ich nicht unbedingt in Tränen ausbrechen würden, wenn die Söder/Seehofer-CSU in sechs Tagen einen heftigen Tritt in den Hintern bekäme.
Dem Land Bayern, der demokratischen Kultur und auch der gesamten Bundesrepublik täte es gut, wenn die CSU in die Opposition müsste.
Das könnte die Obstruktion im Berliner Kabinett beenden, würde die vielen unsinnigen und oft verfassungswidrigen CSU-Pläne im Bund stoppen.

Vieles bekommt man kaum noch mit ob des Seehofer-Schlachtenlärms.
So verlängert die Bundesregierung auf massiven Druck der Bayern derzeit die extrem tierquälerische Ferkelkastration ohne Betäubung.
Das Grauen sollte ab 2019 verboten werden. Aber Seehofer und Söder stehen auf Viecherquälen.

[….] Das deutsche Tierschutzgesetz schreibt in Paragraph 5 vor, dass ein schmerzhafter Eingriff bei einem Wirbeltier nicht ohne Betäubung durchgeführt werden darf. Es lässt allerdings die Ausnahme zu, dass Ferkel bis zu ihrem siebten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden dürfen (Tierschutzgesetz, Paragraph 5, vierter Abschnitt "Eingriff an Tieren"). Nachdem das Tierschutzgesetz 2013 geändert wurde, ist die betäubungslose Kastration nur noch bis 31.12.2018 erlaubt. Doch am 1. Oktober 2018 hat die Koalition beschlossen, mittels einer Fraktionsinitiative im Bundestag die Betäubungspflicht für Ferkel um zwei Jahre hinauszögern zu wollen. Diese Pläne sind Verrat an den Ferkeln und am Staatsziel Tierschutz – die Branche bewegt sich nicht und die Regierungskoalition verlängert daher einfach das Leid der Ferkel, weil nun die Zeit für Anpassungen im Ferkelsystem angeblich nicht mehr reicht. [….]

33% CSU bei der Landtagswahl und am besten Opposition wären ein Segen.
Alle nichtbayerischen Regierungsparteien (außer der Hamburger SPD) würden sich über 33% freuen. In den meisten Ländern liegen CDU, SPD und Grüne demoskopisch meilenweit von einem 3-Ergebnis entfernt.

Aber man muss sich ansehen woher die CSU kommt.
Noch bis vor zehn Jahren regierten die Christsozialen mit einer Zweidrittel-Landtagsmehrheit, nachdem MP Stoiber fast 61% der Stimmen bekommen hatte.

Sich innerhalb einer Dekade zu halbieren ist schon eine starke Leistung, die bisher nur die Hamburger CDU unter Christoph Ahlhaus schaffte.

Was für ein Fest für die Opposition. 30 Prozentpunkte, die vorher bei der CSU feststecken waren neu auf die anderen Parteien zu verteilen.
Endlich Hoffnung für die Sozis, die zwar immer schwach in Bayern waren, aber immerhin zu Gerd Schröders Zeiten auch noch Landtagswahlergebnisse von rund 30% bekamen.
Knapp 30% von vor 20 Jahren und dazu noch mal 30 Prozentpunkte, die bei der CSU freiwerden müssten doch nach Adam Ries locker für eine absolute SPD-Mehrheit reichen.
Endlich könnten mal die Sozis den bayerischen Ministerpräsidenten stellen, nachdem sie ein halbes Jahrhundert so tapfer gegen die Chancenlosigkeit ankämpften, für soziale Gerechtigkeit eintraten und die Finger in die Wunde legten, als zum Beispiel der damalige bayerische Finanzminister Söder 33.000 Wohnungen der staatlichen Wohnungsgesellschaft GBW an ein Heuschrecken-Konsortium um die private Gesellschaft Patrizia vertickte.
Angesichts der katastrophalen bayerischen Wohnungsnot und den bundesweit einmaligen Rekordmieten in München haben die bayerischen Wähler sicher eingesehen, was die CSU ihnen einbrockte und beauftragen nun die SPD, die schließlich Recht behalten hätte und so ein Desaster gar nicht erst erlaubt hätte.
Und dann guckt man sich die Umfragen an und stellt verblüfft fest: Die SPD liegt gar nicht bei 45% oder 50% in Bayern, sondern hat Mühe mit der Zweistelligkeit und muss ernsthaft befürchten auf Platz Vier oder gar Fünf abzustürzen.
Die sozialdemokratische Spitzenkandidatin Natascha Kohnen, immerhin auch stellvertretende Bundesparteivorsitzende, ist derart schwach auf der Brust, daß sie noch nicht mal zum TV-Duell mit Söder geladen wurde.
Wie konnte das denn passieren?


Das klingt doch alles ganz gut und sympathisch. Nicht so derbe-arrogant wie die CSUler, die sich als gottgleich empfinden und über alle anderen Bundesländer stellen. OK, das Video ist leicht angekitscht mit lauter lächelnden Kindern und Babys, aber so ist nun mal Parteienwerbung.
Immerhin listet Kohnen auch detailliert auf was sie in Bayern verändern möchte – und da gibt es einiges.
Das klingt doch alles vernünftig.

Offensichtlich verfängt aber diese Art Wahlkampf nicht nur nicht, sondern lässt die sympathische Natascha heillos hinabtrudeln. 11 Prozent werden erwartet.
Die Methoden sind viel zu altbacken.
Wenn man sich nicht ausdrücklich für Politik interessiert und gezielt nach Natascha Kohnen googelt, bemerkt man sie gar nicht.
Ein einziges Mal, nämlich als sie sich gegen das Maaßen-Totaldesaster ihrer Chefin Nahles stellte, wurde Kohnen bundesweit bemerkt.

Die immerwährende Frage nach Rückenwind oder Gegenwind aus dem Bund, muss man diesmal wirklich nicht stellen. Nach der Fehlleistungs-Kaskade der Parteiführung kann nur noch radikale Distanzierung vom Willy-Brandt-Haus helfen. Andrea Nahles ist pures Urnengift, die auch ein Jahr nach der letzten Bundestagswahl immer noch damit beschäftigt ist die Sozis noch blöder aussehen zu lassen.
Warum zum Teufel machte sie nicht ein riesiges Fass auf, als die CSU-Minister auf ihrer Ferkelquälerei bestanden?
Das wäre die perfekte Gelegenheit gewesen auch dem minderinteressierten Wähler zu zeigen, wo ein Unterschied zwischen den (noch) großen Parteien liegt und weswegen man lieber SPD wählen sollte.
Die Bundesparteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion versteht aber nicht nur klassischen Wahlkampf nicht, sondern ist zudem eine klassische Offlinerin, die mit den digitalen Gewohnheiten der Millennials nicht vertraut ist.

(….)Wir haben ja jetzt Lars Klingbeil.
Da wird es was mit der alten Tante SPD. Der Mann ist nämlich „internetaffin“.
Der kennt sich aus mit diesem #Neuland, in dem heutzutage so viel passieren soll. #Neuland ist dieser Ort, an dem all die vielen ehemaligen SPD-Wähler hocken, die man nicht mehr erreicht mit Infoständen vorm EDEKA – selbst wenn man neben SPD-Luftballons auch noch kostenlos SPD-Kugelschreiber und SPD-Lollis anbietet. Verstehe einer diese jungen Leute.
Aber die kriegen wir nun doch auf unsere Seite.
Geheimwaffe Klingbeil macht das. Der ist jung (40) und frisch (Seeheimer).
Jetzt hauen die großen SPD-Gliederungen short messages in die hippen sozialen Netze.
Sogar auf Facebook, dernier cri, Jugendtreffpunkt der hippen Online-Community gibt es jetzt die poppig aufpoppenden SPD-Botschaften als gesponserte Links für Likes. Natürlich im Sozi-Rot.
In einfachen Hauptsätzen, ohne Fremdworte, dafür aber gern in Versalien werden die mitreißenden Sprüche nur so rausgehauen – inklusive Heschtegg, damit sich auch die Gerontengeneration auf Twitter (Donald Trump, Horst Seehofer, Erika Steinbach) angesprochen fühlt. (…..)

Sicher, sie lässt twittern und facebooken, aber das ist so offensichtlich nicht authentisch und katastrophal gemanaged, daß man damit der SPD eher schadet. Eine Werbeagentur plump ein paar Wohlfühlsätzchen ins Netz schicken zu lassen, reicht natürlich nicht. Das gehört zu den vielen, vielen Dingen, die Nahles aber einfach nicht versteht. Sie glaubt die Methoden aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, kreischige Tingelauftritte in der Provinz mit geschenkten SPD-Kugelschreibern wären auch im folgenden Jahrtausend zielführend.

(….) Andrea Nahles war sicher nie die Hellste, aber wie kann es sein, daß sie nach 25 Jahren als Spitzenfunktionärin immer noch nicht das geringste Gefühl dafür entwickelt hat wie ihr Handeln beim gemeinen Volk und der Parteibasis ankommt? (….)

Auf den letzten Metern vor dem zu erwartenden SPD-Megadesaster will das Willy-Brandt-Haus nun das Ruder rumreißen, indem ausgerechnet Nahles dauernd in Bayern auftritt.

[…..]  Für ihren Auftritt hat sich die Bayern-SPD den Eingang vor dem Dantebad ausgesucht. Ob die bayerische SPD nun doch schon vor dem kommenden Wahlsonntag baden geht? Nein, es geht um das Gebäude gegenüber, das über einem Parkplatz errichtet wurde und gleich als Beispiel für gute SPD-Wohnungspolitik verkauft werden soll. Für ihren Wahlkampfendspurt hat sich die bayerische Spitzenkandidatin Natascha Kohnen Politikprominenz eingeladen.
Das Bundespräsidium und SPD-Chefin Andrea Nahles sollen ihr aus den traurigen Elf-Prozent-Umfragen helfen. Sie kommen in einem Reisebus. Dessen Fahrtwind weht gleich mal die Plakate der Bayern-SPD um.
Nahles und Kohnen haben, vorsichtig ausgedrückt, nicht das herzlichste Verhältnis. […..] "Kein Blatt" passe zwischen sie und Kohnen, sagt Nahles also am Montag. Eine Diskussion, wer an den schlechten Umfragewerten der Bayern-SPD Schuld trage, gebe es nicht. "Wir hier stehen geschlossen." […..]

Als Sozi wünsche ich mir ja auch ein viel besseres SPD-Ergebnis, aber ob DAS hilft?
Meines Erachtens wäre es besser, wenn sich Nahles NICHT blicken lässt.
Den größten Gefallen tut sie ihrer Partei, wenn sie sich eine Papiertüte über den Kopf zieht und erst mal schweigend ein paar Wochen zu Hause in der Eifel bleibt. Da kann sie dann gemeinsam mit ihrer Ella beten bis der Arzt kommt.

Sonntag, 7. Oktober 2018

Nur wer sich ändert, bleibt sich selbst treu


Ein paar Prozentpunkte weniger bei der Bayernwahl in einer Woche wären zwar glanzlos für den neuen Ministerpräsidenten, hätten aber den Vorteil für den Machthungrigen endlich Parteichef Seehofer als Sündenbock zu entsorgen und zum Alleinherrscher aufzusteigen.
Söder selbst galt als ungefährdet, weil es keine Alternative zu ihm gibt.
Sollte etwa der eine Generation ältere Herrmann nach dem MP-Job greifen, nachdem er als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017 das mieseste Ergebnis aller Zeiten geholt hatte?
Oder Ilse Aigner, die im Kampf um die Seehofer-Nachfolge schon das völlige Fehlen von Machtbewußtsein bewies und immer nur absteigt? Von der Bundesministerin über die Landesministerin mit Aufstiegschancen zur Landesministerin unter „ferner liefen“?
Nein, das sah ganz gut aus für Söder.
Nun aber brechen die CSU-Umfragewerte derartig ein, daß schon eine Zahl in den hohen 30ern ein Achtungserfolg wäre. Es könnten aber auch 33 oder 34% werden.


Aus der staubigen Gruft des Franz Josef Strauß im Schatten der Klosterkirche von Rott am Inn hört man heftiges Rotieren.
Wie konnte das nur geschehen?

Interessanterweise ist das keine rhetorische Frage für die CSU-Altvorderen, sondern sie verstehen es wirklich nicht. Bayern gehe es doch so gut und ihre CSUler wären doch so großartig. Wieso also nicht 55+x%, wie das unter FJS in Stein gemeißelt schien?

[….] 24 Jahre lang war [Scharnagl] Chefredakteur der Parteizeitung "Bayernkurier", des Zentralorgans der CSU. Auf dem Tisch liegt die Kopie eines "Bild"-Artikels über Strauß und ihn von 1985. "Was ich denke, schreibt Scharnagl", lautet die Schlagzeile. Ein Strauß-Zitat. Scharnagl nimmt die Uhr in die Hand, die Strauß so oft trug, eine silberne Omega, Modell Speedmaster Professional. Nach Strauß' Tod bekam er sie von dessen Kindern zum Geburtstag geschenkt. Sie blieb stehen bei fünf vor halb sieben.


Scharnagl schießen Tränen in die Augen. "Ich muss da immer ankämpfen, dass es mich nicht zu sehr berührt. Es ist da eine tiefe Traurigkeit", sagt er. "Ich muss mit Strauß immer noch fertig werden, mit dem Verlust, nach 30 Jahren." Zusammen sind sie um die Welt gereist, haben als Vertreter Bayerns die Großen dieser Erde getroffen. Deng Xiaoping, der beim Treffen einen Spucknapf neben sich stehen hatte. "Der hatte eine Art zu spucken, dass sich der Napf gedreht hat." Einmal im Jahr fuhren sie privat für ein paar Tage mit dem Geländewagen über die Alpen bis nach Südfrankreich. "Das war die verlorene Zeit, die wir gesucht haben." […..]
(DER SPIEGEL Nr 41, 06.10.2018, s.16)

Wie konnte die Staatspartei zur Satireveranstaltung werden?
Während FJS als CSU-Chef in der Hauptstadt gefürchtet wurde, lacht man Seehofer aus.


Es sind aber nicht nur die zwei Deppen Söder und Seehofer, die Straußens Partei in den Abgrund reißen.
Die CSU verfängt auch deswegen nicht mehr so gut bei den Bayern, weil sich selbst das bizarre Alpenvolk irgendwie weiterentwickelt, während die CSU ideologisch stehenbleibt.

Die von ihr Regierten halten Umweltschutz nicht mehr für eine sozialistische Teufelei und sind gelegentlich sogar bereit einen Schwulen erst mal leben zu lassen, statt ihn sofort zu lynchen.
Nicht mehr alle Bayern stehen treu zur Kirche nachdem Kindesmissbrauch in beinahe allen großen bayerischen katholischen Einrichtungen publik wurde.
Und noch erstaunlicher: Es soll sogar Bajuwaren geben, die Frauen als echte Menschen betrachten, die sogar eigene Meinungen haben dürfen. Potzblitz.
In der CSU ist dieser Unsinn noch völlig verpönt. In der CSU-Parteiführung spielen Frauen keine Rolle, die CSU schickte keine einzige MinisterIN in die Bundesregierung und selbstverständlich ist das gesamte Führungspersonal des gewaltigen Heimat-Innen-Superministerium des Parteichefs Seehofer 100% männlich.
Diese Weiber- und Umwelt-affinen Multikulti-Bayern sind eigentlich gar keine echten CSU-Bayern, sondern verkappte Saupreißen. Aus anderen Bundesländern dahergelaufene Artfremde, die nicht wissen was sich an der Wahlurne gehört.
  
Früher hätte man solche windigen Typen mit Forken und Mistgabeln vertrieben oder aber politisch auf Linie gebracht, indem sie beim Pfaff, beim Wirt, sowie im Trachten-, Schützen, Sanges- und Heimatverein assimiliert werden.
Aber jetzt gibt es ja dieses Neuländer „Internet“ und da holen sich die Bayern dreist ihre eigenen, nicht von der CSU vorgegebenen Informationen.

Der olle FJS war vermutlich moderner als Söder heute.
Er hätte sich an die Spitze der Bewegung gesetzt, jedes Kuhdorf an Breitbandinternet angeschlossen und vor zehn Jahren schon in Anbetracht der drohenden Wohnungsnot gewaltige soziale Bauprojekte aus dem Boden gestampft – das meint zumindest FJS-Biograph Peter Siebenmorgen im neuesten SPIEGEL.
Das ist eine hypothetische Aussage. Nicht hypothetisch, sondern blanke Realität ist hingegen, daß Seehofer und Söder beim schnellen Internet, bei den Verlegungen von Stromtrassen, beim Kita-Ausbau und insbesondere im sozialen Wohnungsbau total versagt haben.

Sie dachten, es wäre bayerisch genug einfach so weiter zu wurschteln wie immer.
Ein paar Reminiszenzen an die 50er Jahre („Kruzifixzwang“) und dazu ein paar Nazi-artige Sprüche, wie sie FJS auch in seinen Bierzeltreden donnerte.
Die mit CSU-Anhängern vollgestopften Bierzelte johlen auch immer noch begeistert auf, wenn Söder gegen Multikulti hetzt.
Die Majorität der Bayern hat sich allerdings gewandelt.
Und die richtig Rechten, die ewig Gestrigen, werden sogleich zur AfD weitergereicht.
Die bayerische AfD-Kandidatiin Ebner-Steiner kann ihr Glück und die Doofheit der CSU-Spitze gar nicht fassen. Seit Monaten macht die kostenlose AfD-Werbung und pumpte die gauländer Braunen mit heißer Hetze-CSU-Luft in die Zweistelligkeit.

[….] Es sei nicht nur die Flüchtlingspolitik, die die Leute zur AfD treibe, sagt sie und spricht dann über die großen und kleinen Skandale örtlicher CSU-Politiker[….] Die CSU habe überall ihre Spitzel, sagt Ebner-Steiner. Sie kenne Bedienstete der Stadt Deggendorf, die nicht an ihrem AfD-Stand stehen bleiben dürften. "Für diese Leute ist es wie ein Befreiungsschlag, wenn sie jetzt heimlich AfD wählen können. Die sagen: Jetzt muss mal Schluss sein mit den Amigos und der sozialen Kontrolle." Dieses Empfinden habe sich über Jahre angestaut. Das Fass zum Überlaufen gebracht habe dann die Flüchtlingspolitik.
Auch da, sagt Ebner-Steiner, verstehe sie die CSU nicht. "Man kann die AfD so leicht bekämpfen, aber sie tun es einfach nicht." Vor allem Horst Seehofer mache alles falsch. "Der ist für uns wie ein Pressesprecher. Der macht Wahlwerbung für uns." Sein Satz, die Migrationsfrage ist die Mutter aller Probleme, sei großartig für die AfD. "Er hebt das Thema immer wieder hoch. Und jeder weiß, dass die AfD dieses Thema dominiert. Ich versteh nicht, dass die das nicht kapieren." [….]
(DER SPIEGEL Nr 41, 06.10.2018, s.20)