Samstag, 12. Mai 2018

Irreversibel kaputt.


Das eigentliche Trump-Problem beschreibt Jake meines Erachtens völlig richtig:

Presse/Medien drehen sich im Kreis, springen auf täglicher Basis von einem Skandal zum anderen und lassen ständig alles stehen und liegen. [….]

Die Beleidigungen, Lügen und rassistischen Skandale kommen in einer derart schnellen Folge aus dem Weißen Haus, daß es unmöglich ist sie alle wahrzunehmen, geschweige denn sie angemessen medial zu „covern“.

Für die Trump-Fans sind seine Korruption, Korrumpierung und Chaos bloß noch „Weißes Rauschen“.
Für uns andere ist es der pure Stress, der einzige Ausweg ist gelegentliches Lachen aus Notwehr.

Es ist ja auch witzig zu sehen wie die Kabarettisten aufdrehen.






Aber während wir paralysiert auf den Bildschirm starren, haben wir zugelassen, daß sich die Pforten der Hölle nicht nur geöffnet haben, sondern auch fest eingerastet sind.
Nun heißt es „Anything Goes“.
Es gibt keine Schäbigkeit mehr, die nicht einfach durchflutschen würde.
Jüngstes Beispiel ist die ekelige Bemerkung der White-House-Kommunikationsstrategin Kelly Sadler (since May 2017 under the role of Special Assistant To The President and focuses on illegal immigration), die eine extrem verletzende Bemerkung losließ.
John McCains Bedenken gegenüber der Nominierung der folteraffinen Gina Haspel als CIA-Chefin, wären egal, da er eh bald sterbe.
Sehr widerlich in jedem Fall, aber insbesondere wenn es einen hochgeachteten Parteifreund, Senator, Kriegshelden, POW und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten handelt.
Natürlich gibt es in jedem großen Regierungsapparat Idioten, die idiotische Dinge sagen.
Aber in so einem Fall würde jeder der anderen bisherigen 44 US-Präsidenten dasselbe getan haben: Sadler feuern und dann sofort zum Telefonhörer greifen, um Cindy McCain anzurufen, ihrem Mann gute Genesung zu wünschen und in aller Form als Präsident um Entschuldigung zu bitten.
Damit wäre die Sache aus der Welt geschafft.

[…..] McCains Tochter Meghan McCain sagte dem Sender ABC am Freitag (Ortszeit), sie verstehe nicht, wie Sadler noch immer im Amt sein könne. McCains Ehefrau Cindy wandte sich direkt via Twitter an Sadler: „Wenn ich Sie daran erinnern darf, mein Mann hat eine Familie, 7 Kinder und 5 Enkel.“ Der ehemalige Vize-Präsident Joe Biden sagte laut Berichten am Freitag: „Die Leute haben sich gefragt, wann der Anstand bei dieser Regierung den Tiefpunkt erreichen würde. Gestern ist es passiert.“ Ähnlich fassungslos äußerten sich zahlreiche weitere Abgeordnete. [….]
(FAZ, 12.05.2018)

Joe Biden wird sich getäuscht haben. Für Trump gibt es keinen moralischen „rock bottom“, den er nicht leicht unterschreiten könnte.

Ana Navarro, Freundin der McCain-Familie wies auch noch auf die 104-Jährige Mutter McCains hin, die den Spot aus dem Weißen Haus über ihren schwer krebskranken Sohn ertragen müsse.

Das größere Problem als Sadler versus McCain besteht aber darin, daß Trump eben dieses moralisch schwarze Loch erzeugt hat.
Er, der sich fünf Mal mit einem dubiosem Attest eines Fersensporns um den Wehrdienst in Vietnam gedrückt hatte, macht sich über einen Kriegshelden lustig und weist ganz offensichtlich seine Pressechefin Sanders an sich keinesfalls dafür zu entschuldigen, daß erneut ein Sterbenskranker von seiner Administration in den Dreck gezogen wird. Seine erbärmlichen Epigonen wie Paris Dennard verteidigen das im TV und lügen wie gedruckt.

Wie naiv waren wir noch 2015, als wir dachten, DAS wäre nun aber echt der absolute Tiefpunkt:

[…..
]  Donald Trump might finally have crossed the line.
Appearing on Saturday at the Family Leadership Summit in Ames, Iowa, the real estate mogul took his running feud with Arizona Sen. John McCain to a new level.
“He’s not a war hero,” said Trump. “He was a war hero because he was captured. I like people who weren’t captured.” [….]

Ich halte es nicht für vorstellbar, daß man dieses Rad jemals zurückdrehen kann.
Amerikas internationale Reputation ist ohnehin zerstört, jeder weiß, daß man sich nicht auf die USA verlassen kann.
Donald Trump hat uns allen klar seinen Mittelfinger gezeigt und wird dabei von den Republikanern nach wie vor trotz seiner 3.000 öffentlichen Lügen genauso unterstützt, wie von einem großen Teil der amerikanischen Medien und Millionen fanatisierter weißer Rassisten, die ihn dafür bejubeln.

[….] With his decision to blow up the Iran deal, U.S. President Donald Trump has thrown Europe into uncertainty and anxiety -- and raised the specter of a new war in the Middle East. One thing is certain: the trans-Atlantic relationship has been seriously damaged. [….]


Der Geist ist aus der Flasche, man kann Zahnpasta nicht zurück in die Tube drücken, aus Rührei wird niemals wieder ein rohes Hühnerei – egal welche Metaphorik wir bemühen:
Trump ist kein schlechter Präsident wie es auch schon andere lügende und schlechte US-Präsidenten gegeben hat.
Nein, er transformiert das gesamte Land moralisch final in den Abgrund.
Das können selbst die integersten und kompetentesten #46, #47, #48 ff nicht wieder gutmachen.

Und bleibt nur Galgenhumor.


Freitag, 11. Mai 2018

Hätte, hätte, Fahrradkette.


Martin Schulz war wirklich ein extrem unglücksseliger Kanzlerkandidat.
Er jammerte, beklagte sich ständig ungerecht behandelt zu werden, konnte gar nicht begreifen, daß irgendjemand gegen ihn war, schließlich findet er sich selbst ganz großartig.
Es ist nach wie vor atemberaubend und surrealistisch was uns Markus Feldenkirchen in „Die Schulz-Story“ vor Augen führt.
So viel dadaistische Unfähigkeit wie im Willy-Brandt-Haus kann man sich gar nicht vorstellen.
Während Peer Steinbrück sich 2013 noch gegen die radikal verblödete Kampagne unter der hoffnungslos überforderten Debakel-Generalin Nahles wehrte und verzweifelt versuchte die Querschüsse von Parteichef und Urnengift-Andrea zu unterbinden, war Schulz selbst Parteichef und hatte alle Freiheiten.
Aber er suchte mit viel Mühe und Akribie Möglichkeiten sich selbst ins Knie zu schießen, indem er beispielsweise denjenigen, der als Generalsekretär die Bundestagswahl 2009 zum schlechtesten SPD-Ergebnis aller Zeiten ritt, erneut zum Generalsekretär bestimmte. Und Heil lieferte; unter seiner WBH-Führung debakulierte sich die SPD sogar noch unter den Wert von 2009; nur noch 20,5%.

Die ganz große Tragik ist aber, daß Martin Schulz als sozial, international und europäisch denkender Mensch doch noch klar besser gewesen wäre als Phlegma-Merkel der Kanzlerjahre 13-16.

Sein Macron-Namedropping war mehr als peinlich, aber Recht hatte er dennoch: Die einzige Chance für Europa und womöglich sogar die einzige Chance für Frieden in der Welt, ist jetzt der ganz intensive Schulterschluss zwischen den EU-Mächten.
Sie müssen einen monolithischen Block gegen den großen Antagonisten USA bilden.
Das Iran-Desaster zeigt sogar, daß die notorischen Washington-Poodle in London fest an der Seite Europas gegen Trump stehen.
Ein auch nur halbwegs zurechnungsfähiges Kanzleramt stünde schon seit einem halben Jahr an der Seite des Élysée-Palasts und würde den Macron-Weg für Europamitgestalten.
Stattdessen sitzt aber die womöglich schon lange entschlafene Merkel im Kanzlersessel und blockiert, moniert, verhindert, nörgelt, bremst, verneint.

[…..] Die Verleihung des Karlspreises nutzt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für Klartext - nicht alles dürfte Angela Merkel gefallen haben. Angesichts der Entfremdung mit den USA mahnt er zum Handeln.
Der französische Präsident Emmanuel Macron hat Deutschland einen zu strikten Sparkurs und mangelnden Mut bei der Reform Europas vorgeworfen.
Bei der Entgegennahme des Internationalen Karlspreises in Aachen forderte Macron die Bundesregierung am Donnerstag zu höheren EU-Ausgaben auf und kritisierte einen "Fetischismus" für Budget- und Handelsüberschüsse. Die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stemmt sich bisher gegen deutlich höhere Ausgaben und bekennt sich nur zu den Mehrkosten durch das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU (Brexit). Um in Europa voranzukommen, müsse man sich auch von Tabus lösen, mahnte Macron. [….]
(Hamburger Abendblatt, 11.05.2018)

Statt seinen Vorurteilen gegenüber Russland zu frönen, muss die deutsche Bundesregierung jetzt das tun, was das kleinste Übel ist:
Angesichts der ungeheuerlichen vertragsbrüchigen Lügenstorys aus Washington muss eine Allianz der herkömmlichen Staaten geformt werden, die wenigstens nicht völlig wahnsinnig sind.

Das bedeutet, daß Merkel als mächtigste und erfahrenste Person Europas nun Tag und Nacht wie Schröder und Fischer 2003 an einer großen Entente aus dem Iran, Russland, China, Frankreich, England, Deutschland und der EU arbeiten muss.
Sie hätte längst dafür sorgen müssen Xi, Putin, May, Macron, Rohani und Federica Mogherini zu einer Petersberger Krisenkonferenz zu laden.
Dort hätte man angesichts der dramatischen Lage in den USA in den sauren Apfel beißen müssen, die antirussischen Sanktionen und den aberwitzigen Brexit erst mal beiseite stellen müssen.
In dem Fall müsste Deutschland seine geballte Wirtschaftsmacht einbringen und zusammen mit dem auch nicht gerade armen China garantieren, daß kleine Nationen und Privatfirmen nicht vom Amoktrio Pompeo-Bolton-Trump gezwungen werden können dem Iran in den Rücken zu fallen.

Man könnte noch viel mehr Länder ins Boot holen. Wer, außer Netanjahu steht denn noch aus Überzeugung zu Trumpmerica?

Der äußerst Russland-kritische Heiko Maas, der bisher sehr viel mehr Distanz zu Putin hält als sein Vorgänger Gabriel, hat immerhin diese Notwendigkeit erkannt, ist nach Moskau gereist, spricht mit Lawrow.

Merkel hingegen sitzt tumb in der tiefsten deutschen Provinz, beim Kirchentag in Münster.
Für ihre Verhältnisse setzt sie sich schon dramatisch von Trump ab, indem sie sagt, der Ausstieg aus dem Iran-Abkommen sei „nicht richtig“.

[….] Nach der vielbeachteten Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Eröffnungstag bekommt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel viel Applaus für ihre deutlichen Worte auf dem Podium.
Die Aufkündigung des Iran-Abkommens durch US-Präsident Donald Trump sei „ein Grund großer Sorge, auch ein Grund von Bedauern“, sagt sie klar und spricht damit dem Publikum aus der Seele. Es sei nicht richtig, ein Abkommen, das verabredet wurde, über das man dann im UN-Sicherheitsrat abgestimmt hat, es einstimmig gebilligt hat, einseitig aufzukündigen, so Merkel am Freitagmittag in der Halle Münsterland. [….]
(WN 11.05.18)

Nicht zu fassen!
Die Kanzlerin soll nicht mit den christlichen CDU-Stammwählern schmusen und laue Worte absondern, die eins garantiert nicht tun, nämlich Trump beeinflussen.
Los, ab in den Regierungsjet und Pendeldiplomatie.
Moskau, Peking, Paris, Teheran.
Washington hat fertig. Die Besuche Macrons, Merkels und Johnsons haben es ja eindrucksvoll gezeigt: Egal wie man mit Trump redet, wie dringlich man es macht, ob man mahnt, warnt oder das volle Schmeichel-Programm abspult: Der Mann bleibt unbelehrbar, borniert, bösartig und eine einzige Abrissbirne für den Weltfrieden.
Auch Schulz hätte bei Trump nichts bewirkt, aber er hat immerhin erkannt, daß man ihm massiv entgegentreten und alternative Machtstrukturen generieren muss.

Donnerstag, 10. Mai 2018

Der Dealmaker.

Die Weltsicherheitslage ist in der schlimmsten Situation seit Jahrzehnten. Schuld sind Trump und sein Minimi Netanjahu, die offensichtlich mit großer Verve gegen die Wand steuern.

Daß ihnen fast die gesamte Welt entgegensteht, stört die beiden Großmannssüchtigen nicht, da ihr Ego auf mindestens 1000 Atü aufgeblasen von innen an die Hirnschale drückt.
Bibi hat seine 200 Atomsprengköpfe und Donald seinen „very big button“.

Ich lese zum Thema Iran-Deal und der Lage im Nahen Osten derzeit viele richtige, warnende und sehr pessimistische Analysen.

Trump sei jetzt voll und ganz Trump, endlich wären alle vernünftigen Stimmen im Weißen Haus weggeräumt, keiner trüge mehr Bedenken vor, sogar Jared und Ivanka hielten die Klappe, schreibt der Spiegel.

[…..] Donald Trump sieht sich selbst auf der Erfolgsspur. Der Abschied aus dem Iran-Abkommen und die Aussicht, vielleicht schon bald einen historischen Deal mit Nordkorea abschließen zu können, beflügeln den Präsidenten. Während viele Europäer über die Alleingänge dieses Präsidenten nur den Kopf schütteln und auch in den USA etliche Bürger an seiner disruptiven Außenpolitik verzweifeln, glaubt Trump fest daran, genau das Richtige zu tun.
Ja, man könnte sogar sagen, Trump ist mit sich im Reinen. […..]

Trump stärke massiv die Hardliner in Teheran und schwäche die eher moderaten und kompromissbereiten Kräfte rund um den Präsidenten Rohani, schreibt die Süddeutsche zutreffend:

[….] Fraglich ist jedoch, ob sich Rohani im Machtkampf zu Hause durchsetzen kann. Der wurde jüngst mit zunehmender Schärfe ausgetragen. Die Hardliner würden am liebsten die Urananreicherung wieder hochfahren, das ins Ausland verlagerte Uran zurückfordern, das Abkommen für hinfällig erklären. Das würde wohl eine scharfe Eskalation nach sich ziehen, die letztlich auch einen Militärschlag der USA oder Israels wieder als Option erscheinen ließe. [….] Teheran kann aber auch die Auseinandersetzung mit den USA und deren Verbündeten Israel und Saudi-Arabien im Nahen Osten und angrenzenden Regionen verschärfen - Syrien, Irak, Libanon, Jemen, Afghanistan, Straße von Hormus lauten die Stichworte. Dies entzieht sich weitgehend der Kontrolle Rohanis. Es sind die Revolutionsgarden, die mit Billigung Khameneis dort Irans Politik bestimmen. [….]

Der drei Irren aus der US-Administration, Pompeo, Trump und Bolton, wissen ganz offensichtlich gar nicht was sie anrichten, weil sie sich nie mit der Geschichte des Nahen Ostens im Allgemein und des Irans im Besonderen beschäftigt haben.

[….] Hinter Trumps Rückzug aus dem Abkommen, der eigentlich ein Vertragsbruch ist, steht das Kalkül, dass maximale wirtschaftliche Sanktionen Iran in die Knie zwingen werden, wenn sie nicht sogar zu einem Kollaps des Regimes führen - das ist Boltons offen erklärtes Ziel. Und niemand sollte Zweifel haben, dass er bei einer Eskalation schnell bei der Hand sein wird, mit Militärschlägen zu drohen.
Diese Denkweise verkennt zutiefst, wie die Islamische Republik funktioniert. Ja, die iranische Währung, der Rial, ist im freien Fall und viele Iraner sind unzufrieden. Aber Trump spielt mit seiner Entscheidung nur den Hardlinern in Teheran in die Karten. Das Regime hat sich gut gewappnet gegen mögliche Aufstände, und die meisten Iraner wollen mit dem Blick auf die blutigen Umbrüche überall in der Region keinen Umsturz, sondern graduelle Reformen. Und schon gar nicht wollen sie von Boltons Einflüsterern bei den Volksmudschahedin regiert werden, einer obskuren Gruppe von Exil-Iranern in den USA. Wenn der Druck nicht mit einem für Iran attraktiven Angebot verbunden ist, wird Teheran darauf nicht reagieren. […..]

Und selbstverständlich ist es auch richtig, was gegenwärtig so viele schreiben, daß nämlich Europa erbärmlich versagt, indem Merkel zögerlich und zaudernd damit beschäftigt ist Macron zu bremsen, Wirtschaftsminister Altmaier und die deutschen Betriebe zähneknirschend Trumps Willen erfüllen (keine Geschäfte mehr mit dem Iran, weil die US-Wirtschaft nun mal finanzkräftiger ist), anstatt mit China, Russland und der G20 eine starke Allianz gegen Trump zu formen, so daß der Iran-Deal aufrecht erhalten werden kann und die Sanktionen letztendlich die USA selbst treffen.
Bisher sind Trumps superscharfe Sanktionen für ihn ungefährlich, weil sie für alle schwächeren Länder bedeuten: Wer mit Iran weiter Handel betreibt, darf keinen Handel mehr mit Amerika betreiben. Aus der Sicht jedes einzelnen Landes ist der Handel mit Amerika wichtiger.
Würden aber alle an einem Strang ziehen und von China über Russland bis Deutschland, England, Brasilien und Südafrika die Nationen dennoch ihren Handel mit Teheran weiterführen, könnte sich auch Trump nicht leisten mit allen diesen Nationen den Handel abzubrechen, ohne daß er eine gewaltige Wirtschaftskrise in den USA auslösen würde.
Die Bundeskanzler Schmidt und Schröder hätten so etwas als stärkste EU-Nation anstoßen können. Merkel ist aber passiv, unfähig und phlegmatisch.

[….] Deutschland muss sich endlich Trump entgegenstellen
[….] Es wird geschossen im Nahen Osten, in Iran spitzt sich die Lage zu, und die Welt fragt sich besorgt: Was wird Donald Trump als Nächstes einfallen, um die Welt zu einem noch gefährlicheren Ort zu machen? Europa, und in seiner Mitte Deutschland, sollte sich aber lieber fragen: Was wird uns als Nächstes einfallen?
Allzu lange sind die Europäer dem amerikanischen Präsidenten in einer eigenartigen Mischung aus Verachtung und Nachsicht begegnet. Haben sich zu Hause über den Anti-Politiker lustig gemacht und sind bei Bedarf nach Washington gepilgert, beflügelt von der Hoffnung, der Mann sei belehrbar. Die Europäer müssen sich damit abfinden, dass ein Besänftigungskurs nicht funktioniert. [….] Es hilft erkennbar nicht, ihm freundlich-kompetent entgegenzutreten, wie das Angela Merkel macht, oder schmeichelnd wie der französische Präsident Macron. Auch nicht devot, wie deutsche Konzernchefs zu Jahresanfang beim Weltwirtschaftstreffen in Davos. Trump kennt nur Unterwerfung, und selbst wer sich fügt, kann nicht sicher sein, wie lange ihm Gunst gewährt wird. Wer das immer noch nicht begriffen hat, der sollte auf den neuen US-Botschafter in Berlin achten.
[….] Es ist ein Anfang, dass EU-Vertreter mit Iran reden und versuchen, das Abkommen auch ohne die USA am Leben zu erhalten - aber das reicht nicht. Die Bundesregierung muss den deutschen Unternehmen, die in Iran und anderswo Geschäfte machen, öffentlich zur Seite springen und sie gegebenenfalls juristisch schützen. Fürs erste hätte Botschafter Grenell einbestellt und zurechtgewiesen werden müssen, noch ist es dafür nicht zu spät. Eine Runde mit Regierenden und Firmenchefs im Kanzleramt könnte den Schulterschluss demonstrativ besiegeln. [….]

Recht hat der SZ-Wirtschaftschef Beise, dem ich sonst nicht oft zustimme.

Den besten Text zur aktuellen Washington-Teheran-Situation verfasste der PANORAMA-Redakteur Stefan Buchen.
Auch er hat vollkommen Recht, wenn er schreibt:

[…..] Ein Hinfiebern auf den Krieg ist unübersehbar. Als wenn es davon nicht schon genug gäbe, scheinen die Vereinigten Staaten es gar nicht erwarten zu können, einen neuen, größeren Krieg im Mittleren Osten zu entfachen. [….] Bolton, nun einer der mächtigsten Männer der amerikanischen Administration, ist im Juli 2017 in Paris bei einem Treffen der exiliranischen "Volksmodschahedin" aufgetreten. Dort proklamierte er vor einigen tausend begeisterten Zuhörern das Ziel seiner Iran-Politik: "Regime Change." Wörtlich sagte Bolton: "Es gibt nur eine Lösung. Wir müssen das Regime austauschen. Wir werden noch vor 2019 gemeinsam in Teheran feiern." Als wäre der inzwischen zum Sicherheitsberater des Präsidenten aufgerückte Außenpolitiker beeindruckt von der schiitischen Zahlenmystik: Die Islamische Republik solle ihren 40. Geburtstag nicht mehr feiern, der in den Februar 2019 fiele. Die Zahl "40" hat im Schiitentum eine besondere Bedeutung. [….] Um es kurz zu sagen: Was hier passiert, ist Wahnsinn. Amerika wird von moralisch Verwahrlosten regiert. Das Schlechteste der amerikanischen Gesellschaft hat sich durch die Institutionen nach oben gespült. In der Iran-Politik zeigt es sein hässliches Gesicht. Bolton, der neue Außenminister Pompeo und Verteidigungsminister Mattis ziehen die Fäden der Iran-Politik. Trump ist nur ihr Lautsprecher nach außen. Wie immer beruht die Politik von Wahnsinnigen auf Illusionen. Die Machthaber in Washington glauben, durch neue Sanktionen die Wirtschafts- und Währungskrise im Iran so verschärfen zu können, dass die Bevölkerung sich erhebt, das Regime in einem Aufstand stürzt und die Amerikaner als Befreier feiert. [….] Angesichts der politischen Klasse, die jetzt in Washington regiert, fällt es "dem Mullah" Hassan Rohani nicht schwer, seine geistig-moralische Überlegenheit zu zeigen. [….] Es ist sehr leicht für die Machthaber der Islamischen Republik in diesen Tagen, rhetorisch Recht zu behalten. [….] Die aufdringlich lärmende Rolle der israelischen Regierung kann niemand ignorieren. Trump hat sich in seiner Ausstiegserklärung auf "die Beweise" berufen, die Premierminister Netanjahu über das iranische Atomprogramm präsentierte. Die Anti-Iran-Clique in Washington geht mit der Regierung in Jerusalem Hand in Hand. Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman posaunte vor einigen Tagen, es gebe "drei Probleme: Iran, Iran und Iran." Damit plapperte er die Worte des amerikanischen Verteidigungsministers Jim Mattis nach, der sich vor zwei Jahren genauso ausdrückte.
Ist der Wahnsinn zu stoppen? Es wird sehr schwierig. Europa ist schwach. [….] Größere Hoffnung möchte man da noch auf die israelische und die iranische Gesellschaft setzen. [….][….] [….]

Danke für die zutreffende Trump-Beschreibung, Herr Buchen.
Da sind wir ja alle verbal am Limit.


 

Eins kommt mir immer zu kurz bei allen Analysen.
Ja, Trump und Netanjahu haben keinen Plan B, sie verschlimmern die Situation dramatisch.
Aber selbst wenn Trump, Pompeo und Bolton Recht HÄTTEN und man könnte Iran so zu einem neuen „Deal“ zwingen:
Weshalb sollte irgendwer noch einen Vertrag mit den USA unterschreiben, nachdem Trump so nachdrücklich bewiesen hat, daß PACTA SUNT SERVANDA nicht mehr gilt?
Die USA halten sich bewiesenermaßen ohnehin nicht an Verträge, steigen nach Lust und Laune wieder aus, treten alle internationalen Vereinbarungen mit Füßen, erkennen internationale Regeln nicht an, führen Drohnenagriffe durch, die der UN-Sicherheitsrat verbietet, kümmern sich nicht um UN-Vorgaben, kennen den internationalen Strafgerichtshof nicht an.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind unzuverlässig und prinzipiell nicht vertragstreu.
Trump steigt aus dem Klimaschutzabkommen von Paris aus, will das  Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta aufkündigen, warf die DACA-Garantien über Bord, killte die Gesundheits-Reform, erledigte das transpazifische Handelsabkommen TPP mit einem Dekret. Und nun zerstört er das extrem wichtige Iran-Abkommen. TTIP ist ohnehin schon tot.

Das passt zu Trumps Vorgehen als Privatmann, seit Jahrzehnten betrügt er Vertragspartner.

[….] Signal: Verträge mit den USA sind wertlos
Iran ist ein schwieriger Vertragspartner - das sehen viele Verbündete der USA so. Das Land unterstützt Terrorgruppen, treibt ein ambitioniertes Raketen-Programm voran. Das sind Probleme, die angegangen werden müssen. Trump hat aber nicht gesagt, wie das geschehen soll und warum das ohne Atom-Vertrag einfacher sein sollte. Iran hat den Vertrag über sein Atomprogramm eingehalten - Trump hat ihn gebrochen. Das ist ein hoher Preis, besonders, weil er den Vertragsparteien keine Alternative zeigen kann. Es gibt kein Konzept seiner Regierung für den Nahen Osten. Das einzige Signal ist: Unter Präsident Trump sind Verträge mit den USA nichts mehr wert. [….]
Warum sollten also Nordkorea oder Iran, aber auch Europa noch Verträge mit den USA aushandeln??
Die Mühe kann man sich sparen.
Trumpmerica hält sich ohnehin nicht dran.