Freitag, 19. Dezember 2025

Klappt-nicht-Kaskade

Das haben wir ja alle noch im Ohr; „Klempner der Macht“ und „Sie können es nicht!“ Im Austeilen, aus der Bequemlichkeit der Opposition, war Merz immer ganz groß. 70 Jahre Schimpfen von der Seitenlinie, ohne selbst je Verantwortung zu übernehmen.

Nun waren die wenigsten von uns schon mal Bundesminister und Bundeskanzler. Ich, zum Beispiel, habe überhaupt noch nie eine Industrienation regiert.

Dennoch weiß ich aber, daß Kanzler keine absolutistisch regierenden Monarchen sind, sondern eingebettet in Koalitionen, die Mehrheitsverhältnisse in Bundesrat und Bundestag, innerparteiliche Befindlichkeiten, landsmannschaftliche Eifersüchteleien, internationale Erfordernisse, EU-Regeln, massive Lobbyeinflüsse und unendlich viele Sachzwänge – alles andere als frei entscheiden.

Basta-Kanzler geht nur selten und nur, wenn man über breite Mehrheiten, Autorität und Kompetenz verfügt. Das liegt in der Natur unserer parlamentarischen Demokratie und wird, angesichts der Zerfaserung unserer Parteienlandschaft und der wegbrechenden globalen Sicherheiten, immer extremer.

Das versteht auch jeder.

Außer einem. Fritze Merz checkt das ganz offenkundig immer noch nicht und denkt, als Kanzler lebe er so eine Art Wünsch-dir-was-Traum, in dem er jeden pampig anmachen kann und nur zackig Forderungen stellen braucht, die ihm sofort erfüllt werden.

Immer häufiger verfolgt ihn aber diese lästige Realität, die ihm dann beim Überholen kräftig in seinen knochigen Sauerländer Hintern tritt.

Daß man sich kümmern muss, Allianzen zu schmieden hat, für seine Vorhaben werben sollte, alle Details kennen müßte, während man dicke Bretter bohrt, scheint Hoppla-jetzt-komm‘-ich-Merz nach wie vor unbekannt zu sein.

Daher holte er sich in 24 Stunden gleich drei kräftige Arschtritte: Mercosur-Pleite, keine Freigabe der russischen Milliarden und Kramp-Karrenbauer ante portas.

Merz kann es einfach nicht!

[….] Eigentlich sollte das EU-Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten am Samstag unterzeichnet werden. Doch nach dem EU-Gipfel ist klar: Daraus wird nichts. [….] Die Verschiebung des EU-Handelsabkommens mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten sorgt in der deutschen Wirtschaft für Kritik. "Die erneute Verschiebung ist ein Rückschlag für Europas Glaubwürdigkeit als geostrategischer Akteur", sagte Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). [….] Auch für den Verband der Automobilindustrie (VDA) ist die Verschiebung eine "schlechte Nachricht". Die EU sende in Zeiten, in denen eine starke europäische Wirtschaft entscheidend sei, ein Zeichen der Schwäche und setze ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel, kritisierte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Die Welt warte nicht auf Europa. "Die Automobilindustrie in der EU ist heute stärker denn je auf eine Verbesserung des Marktzugangs in Drittländern angewiesen."

Die EU-Staats- und Regierungschefs hatten auf ihrem Gipfel entschieden, den eigentlich für diesen Samstag geplanten Abschluss des EU-Freihandelsabkommens mit vier Mitgliedsländern des Staatenbunds Mercosur zu verschieben. [….]

Die neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wäre nach Angaben der EU-Kommission die weltweit größte dieser Art und soll auch ein Zeichen gegen die protektionistische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump setzen.   […..]

(Tagesschau, 19.12.2025)

Mit der Methode Brechstange schoss sich der Fritzekanzler selbst ins Aus. Er kann keine Sozialpolitik, er kann keine Finanzpolitik, er kann keine Wirtschaftspolitik und Außenpolitik erst recht nicht.

Was für ein Desaster für Europa!

Noch blamabler wirkt sich aber die Merzsche Desaster-Affinität bezüglich der 200 russischen Milliarden Euro in Belgien aus. Hier erlitt er totalen Schiffbruch; das russische Vermögen bleibt eingefroren. Nun muß Deutschland wieder einmal ein Fritze-Versprechen kassieren und 70 Milliarden Euro gemeinschaftliche Schulden aufnehmen. 

Carsten Volkery vom konservativen Handelsblatt schlackern die Ohren bei so  viel Merz-Unfähigkeit. 

[….]  Bundeskanzler Friedrich Merz war mit klaren Ansagen zum EU-Gipfel nach Brüssel gereist. Zwei Schicksalsentscheidungen für Europa mussten aus seiner Sicht getroffen werden: der Handelsdeal mit den Mercosur-Staaten und das Reparationsdarlehen für die Ukraine

Berlin warnte die anderen Europäer: Wenn das Mercosur-Abkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund nicht diese Woche unterzeichnet werde, wäre es „tot“. Und sollte sich der Gipfel nicht darauf einigen, das russische Vermögen für ein Reparationsdarlehen für Kiew zu nutzen, wäre dies „das Ende Europas“. Eine Alternative zu diesem Plan gebe es nicht.

Nach dem Gipfel ist festzuhalten: Die zackigen Ansagen aus dem Kanzleramt haben ihre Wirkung verfehlt. Denn erst beschlossen die Regierungschefs, die Unterzeichnung des Handelsabkommens mit den Mercosur-Staaten auf Januar zu verschieben. Das setzte Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni durch, weil sie die vereinbarten Schutzklauseln für Landwirte ihrem Parlament erklären will. Merz musste es akzeptieren, weil ihm ohne Meloni die nötige Mehrheit fehlte.  Danach verwarfen die Regierungschefs auch noch den Plan mit dem Reparationsdarlehen und beschlossen stattdessen einen „Plan B“, den es laut Kanzleramt gar nicht gab. […..]

(Handelsblatt, 19.12.2025)

Was Merz anfasst, stirbt.

Und zu Hause, in seinem Land, in seiner Partei?

[….] Niederlage ohne Not

Die neue Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung heißt Annegret Kramp-Karrenbauer. Dass dieser Umstand dem Bundeskanzler als Niederlage ausgelegt wird, liegt auch in seiner Verantwortung. [….]

Annegret Kramp Karrenbauer hat es geschafft. [….] Unter normalen Umständen wäre das eine Meldung unter vielen. Nicht groß der Rede wert. Doch die Umstände sind nicht normal, und das hat auch viel mit dem diplomatischen Gespür des Bundeskanzlers zu tun.

Merz hatte sich zuvor öffentlich für Unions-Fraktionsvize Günter Krings ausgesprochen, obwohl er wusste, dass Annegret Kramp-Karrenbauer auch um das Amt kandidiert. Er hätte ohne Zweifel weitere Komplikationen vermeiden können. Warum hat Merz nicht die Kandidatur seiner alten Konkurrentin begrüßt und sich auf ihre Seite geschlagen? Oder sich neutral verhalten? Das hätte vieles einfacher gemacht. Doch Merz, der 2018 bei der Stichwahl um den Parteivorsitz gegen AKK den Kürzeren zog, weigerte sich, die Widersacherin von einst zu unterstützen. [….]

(Torben Lehning, ARD Berlin, 19.12.2025

Ein sagenhafter Lauf des Versagens.

[…] Friedrich Merz geht angeschlagen in die Weihnachtspause. Nach einer Schlappe in Brüssel hat der Kanzler und CDU-Chef am Freitagnachmittag in Berlin gleich die nächste Niederlage eingefahren. Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hat die ehemalige CDU-Chefin und Ex-Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an ihre Spitze gewählt. Damit ist der Bundestagsabgeordnete Günter Krings, den Merz dort platzieren wollte, durchgefallen. Und das nicht einmal knapp. Für AKK, wie Kramp-Karrenbauer in der Partei meist genannt wird, stimmten 28 der KAS-Mitglieder, für Krings 21. Es gab eine Enthaltung.

Damit ist Merz’ Autorität erneut angeschlagen. Dass es in der CDU-nahen Stiftung zum ersten Mal überhaupt zu einer Kampfabstimmung um den Vorsitz gekommen ist, hat viel mit Merz’ schlechter Kommunikation und dem miesen Prozessmanagement zu tun. Der Kanzler hatte Krings den Job versprochen, sich dann aber nicht darum gekümmert, die Mehrheiten für den eigenen Kandidaten zu organisieren. Und er trug auch niemand anderem auf, dies zu tun. Lange war es, wie zu hören ist, sogar unbekannt, dass Merz überhaupt einen Kandidaten hat.  [….]

(Sabina am Orde, 19.12.2025)

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Ein Freund weniger.

Es ist albern, sich nach einer Dekade immer noch Hoffnungen zu machen, Trump könne es sich doch noch mit seinen Anhängern verscherzen, indem er den Irrsinn, seine Lügen zu weit treibt.

Aber, immerhin, sein physischer und mentaler Verfall wird immer offensichtlicher, die schlechten Wirtschaftsdaten lassen sich nicht verheimlichen und die 2024 dazugewonnenen Latino-Voter gehen ihm wegen der SA-, äh.., ICE-Pogrome von der Fahne.

[…] 18 Minuten Eigenlob und Schuldzuweisungen

[…] Nach fast einem Jahr im Amt des US-Präsidenten hat sich Donald Trump in einer Rede an die Nation gewandt. […] Vor allem beim Blick auf die wirtschaftliche Lage zeigte sich der Präsident betont optimistisch. Vor einem Jahr sei das Land "tot" gewesen, nun sei es das "angesagteste" in der ganzen Welt. Vor seinem Amtsantritt seien die USA ein Land gewesen mit "Millionen krimineller Ausländer" im Land, einer woken Gesellschaft und einer ausufernden Inflation. Doch nun stünden die Vereinigten Staaten vor einem "Wirtschaftsboom, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat".

In aktuellen Wählerumfragen spiegelt sich dieses positive Bild, das Trump zeichnet, jedoch nicht wider. Die Zufriedenheitswerte des Präsidenten sinken, vor allem aufgrund der anhaltenden Inflation und den hohen Lebenshaltungskosten für amerikanische Bürgerinnen und Bürger. Diese Unzufriedenheit schürt bei Trump und seinen Republikanern die Sorge vor den sogenannten Midterms in rund einem Jahr.  [….]

(Tagesschau, 18.12.2025)

Natürlich lügt Trump, daß sich die Balken biegen.

Natürlich erwarten wir nichts anders, als absurde Lügen des orangen Egomanen.

Aber es ist schon auffällig, wie die Panik aus ihm spricht. Offensichtlich ist er sich nicht sicher über seinen Rückhalt in der Bevölkerung, in der Partei, bei seiner Basis.

Politanalysten hüben, wie drüben, diagnostizieren unisono Angst und Nervosität.

[….]  Tiefer geht’s nicht? Doch. Donald Trump entfacht in diesen Tagen einen sogar für seine Verhältnisse irren Sturm aus Tod, Verhöhnung, Trash und Kitsch. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. [….] Am Dienstag hat Bret Stephens, der liberal-konservative Meinungskolumnist der New York Times, fast die Beherrschung verloren. In der Überschrift seines Kommentars nannte er den Präsidenten ein „kleines, hohles, schmutziges Ungeheuer“.

In der Einleitung zitierte er noch einmal die abscheulichen Sätze Trumps zum Mord an Rob Reiner und dessen Frau. Dann erklärte er, warum Manieren das Entscheidende seien; ohne Manieren falle die Gesellschaft zurück in die Barbarei.

In der Einleitung zitierte er noch einmal die abscheulichen Sätze Trumps zum Mord an Rob Reiner und dessen Frau. Dann erklärte er, warum Manieren das Entscheidende seien; ohne Manieren falle die Gesellschaft zurück in die Barbarei.

Und dann zählte er alles auf, womit Trump die moralischen und zivilisatorischen Standards fast schon irreparabel zerstört habe: die dummen, vulgären Social-Media-Posts; die Kabinettssitzungen in der Art von Nordkorea; die stillosen Beleidigungen seiner Vorgänger; die unverschämte Gier, mit der sich seine Familie in diesen Tagen bereichert; die nie gesehene Unterwürfigkeit, die er von Staatsgästen fordert. Und so weiter. [….]

(Claudius Seidl, 18. Dezember 2025)

Bemerkenswert ist nicht die kontinuierliche Eskalation des grotesk geschminkten Kriminellen. Bemerkenswert ist nicht die Empörung, die er damit in einer Hälfte der USA auslöst. Bemerkenswert ist nicht die Blase aus speichelleckenden Cronies, in der er lebt und die ihm 24 Stunden am Tag bestätigen, der Tollste aller Zeiten zu sein.

Bemerkenswert ist aber, daß Trump selbst inzwischen offenkundig wahrnimmt, wie sich die Daumen senken und er sich unter Zugzwang gesetzt sieht.

Er muss das ewige Feiern und Golfspielen unterbrechen, um seine Agenda zu verteidigen. Das ist nicht das Ende des Trumpismus. Thiel, Heritage-Foundation, Newscorps, Musk, Project 2025, eine korrumpierte Partei und 75 vollkommen verstrahlte GOP-Wähler stehen dafür, den Weg in die toxische, menschenfeindliche Autokratie weiter zu gehen. Aber es ist vorstellbar, vor Januar 2029 einen neuen Cultleader zu installieren. Alle Nachwahlen und kommunalen Abstimmungen, seit Trumps zweiten Amtsantritt, verloren die Republikaner dramatisch. Deswegen halte ich eine Absage der Midterms auch für weiterhin realistisch. Sollten aber in elf Monaten das House und ein Drittel des US-Senates neu gewählt werden, könnte bei genügender Unzufriedenheit, trotz der massiven Wahlbeeinflussung und speziell die Republikaner bevorzugender Wahlgesetze, der Kongress demokratisch geführt werden und damit dem Weißen Haus das Leben schwer machen.

[…] Natürlich gibt es Leute, die gut finden, was Trump macht. Aber Trump hat seinen Zenit schon überschritten. Die Republikaner im Kongress sind sehr besorgt, was die Midtermwahlen im November 2026 betrifft. Die MAGA-Bewegung beginnt, sich zu spalten. Es gibt Revolten, etwa bei den Republikanern in Indiana, die sich geweigert haben, die Wahlkreise neu zuzuschneiden. Es kommt immer dieser Moment, an dem die Leute beginnen, einen Präsidenten in seiner zweiten Amtszeit als lahme Ente zu sehen und über die Zeit danach nachzudenken. [….]

(John Bolton, 18.12.2025)

Ich nehme weiterhin an, daß die Zeit der kompromissbereiten demokratischen Dinosaurier wie Chuck Schumer, vorbei sein wird.

Nach zehn Jahren Trumpismus, haben immer mehr Demokraten die Nase voll davon, den GOPern devot die Hand zum Frieden auszustrecken.

Bei weiterhin explodierenden Lebensunterhaltskosten (ACA!) und einem erratisch vor sich hin spinnenden Präsidenten, könnte ein GOP-Massaker bei den Präsidentschaftswahlen 2028 drohen, welches den ein oder anderen Trumphintern-Küsser dazu animieren mag, einem dritten Impeachmentverfahren zuzustimmen.

In dieser Situation braucht IQ45-47 seine Freunde, die ihm Kraft geben. Einer seiner liebsten Freunde und eifrigsten Speichellecker wurde nun aber entmachtet. Ins Abseits gestellt.

[….] Papst Leo XIV. schickt Trump-Vertrauten als Erzbischof von New York in Rente[….] Zuletzt trat Dolan vor allem als Unterstützer und Freund von US-Präsident Donald Trump in Erscheinung. Bei beiden Amtseinführungen des aus New York stammenden Trump sprach der Kardinal ein Gebet und pflegt auch privat ein gutes Verhältnis zu ihm. Das führte sogar dazu, dass ihn der Präsident im Frühjahr als möglichen Franziskus-Nachfolger ins Spiel brachte. Auf die Frage, wen er sich als nächsten Papst wünsche, sagte Trump: »Wir haben einen Kardinal, der zufälligerweise aus einem Ort namens New York kommt und der sehr gut ist.« [….]

(SPIEGEL, 18.12.2025)

Der MAGA-Kardinal schlechthin entmannt; ausgerechnet vom einem US-Papst!

Wenn das kein böses Omen für den MAGA-Gott ist!

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Keine Wirtschaftskompetenz, nirgends

Es ist DIE Kernkompetenz der CDUCSU: Aus ideologischer Verblendung, katastrophal falsche Politik zu machen und damit der deutsche Ökonomie abzuwürgen.

Stichworte „Altmaier-Dellen“, einseitig auf russischem Gas basierende Energiepolitik und natürlich der himmelschreiende Schwachsinn, im Jahr 2025 den Kompass auf Verbrenner-Motoren zu stellen. Ich dachte wirklich, von Merz, Spahn und Linnemann, nur das Schlechteste erwartet zu haben. Aber selbst ich Pessimist hatte noch unterschätzt, wie verblödet die Fossilkaspar der Christenunion sein können.

[….] Die neuen Regeln zum Verbrenner-Aus versteht kein Mensch mehr[….] Gilt nun also das Verbrenner-Aus oder gilt es nicht? Die Antwort ist ein entschlossenes Jein. [….] Europa war schon mal viel weiter. Was nun infrage gestellt wird, war vor gerade mal zweieinhalb Jahren unter großen Mühen beschlossen worden. EU-Kommission, Parlament und auch der Rat der Mitgliedsstaaten hatten sich geeinigt, dass neue Autos vom Jahr 2035 an nur noch zugelassen werden, wenn kein klimaschädliches CO₂ aus dem Auspuff kommt. Auch nicht ein kleines bisschen. Es war ein ambitioniertes Ziel, verbunden mit schmerzhaften Strafen für die Hersteller, die es nicht erreichen. Beliebt war die Regelung in der Industrie deshalb nie. Aber sie war wenigstens verständlich: Alle konnten sich darauf einstellen. Die Autobauer und Zulieferer investierten viel Geld in neue Werke und moderne Technik, die Kunden wussten, dass E-Autos die Zukunft sein würden.

Darauf hätte man politisch klug aufbauen, der Bevölkerung wie den Unternehmen die nötige Sicherheit geben können, dass man es gemeinsam ans Ziel schafft. Stattdessen wird nun politisch Verunsicherung geschürt, von der nach einhelliger Meinung der meisten Beobachter am Ende wohl niemand profitiert: nicht die Unternehmen und ihre Beschäftigten, nicht die Kunden und schon gar nicht das Klima. [….] Denn jetzt herrscht plötzlich wieder Unklarheit, über den Weg und übers Ziel. [….]

(Stephan Radomsky, SZ, 16.12.2025)

Immerhin, der Merz/Reiche-Fossilwahn bekommt zwar Applaus von Rechtsaußen und stärkt ganz sicher die AfD. Aber kein ernstzunehmender Ökonom oder Journalist verteidigt den Unsinn des Sauerländer Simpels. 

Unbeirrt stemmt sich dieser Depp gegen die Realität und gegen die Naturgesetze.

Es wird medial durchaus deutlich, welchen enormen Schaden der Fritzekanzler dem Wirtschaftsstandort Deutschland zufügt.

Viel weniger Aufmerksamkeit erfährt leider, wie extrem CDUCSU der deutschen Wirtschaft durch die fatale Migrationspolitik schaden. Deutschland braucht unbedingt Zuwanderung. Stichworte Fachkräftemangel und Demographie.

Wenn Deutschland nicht hochattraktiv für Einwanderer ist, um die wir mit den anderen Industrienationen konkurrieren, wird der Merz-induzierte Zusammenbruch der deutschen KfZ-Industrie zu einem Randproblem.

[….] Während dir die Bundesregierung erzählen will, wie toll ihre „Migrationswende“ läuft, passiert fast nebenbei etwas, worüber fast keiner spricht und was dir die Bundesregierung natürlich nicht erzählen wird: Es kommen viel weniger „reguläre“ Migranten. Deutschland ist kaum noch attraktiv für ausländische Arbeitskräfte. Das hat dramatische Folgen. [….] In den letzten drei Jahren kamen etwa 200.000 Zuwanderer weniger jedes Jahr nach Deutschland. Auch in anderen OECD-Ländern sank die Arbeitsmigration, besonders stark aber in Deutschland. Im August kamen gerade einmal noch 3000 Zuwanderer netto. [….] Vielleicht denkst du jetzt: „Na und? 200.000 sind doch immer noch viel!“ Nein, nicht für ein Einwanderungsland wie Deutschland. Der Durchschnitt der letzten zehn Jahre lag bei 600.000. Im letzten Jahr waren es 420.000. Und jetzt 230.000? Zum Vergleich: Im Moment kommen etwa so wenige Migranten wie während des Corona-Krisen-Jahrs 2020. [….] Die Stimmung ist schlecht, aber der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften ist groß. Aktuell schätzen Arbeitsmarkt-Experten ihn auf etwa 300.000 Personen pro Jahr bis 2040. Die OECD geht sogar von 600.000 Arbeitskräften pro Jahr aus. Unter den aktuell 230.000 sind nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Angehörige oder Studierende. Wenn der aktuelle Trend so weitergeht, wird der Arbeitskräfte-Bedarf nicht mehr gedeckt werden können. [….] Experten sehen vor allem wirtschaftliche Gründe. Das abgeflaute Wirtschaftswachstum macht Deutschland weniger attraktiv. Und viele osteuropäische Staaten bieten inzwischen attraktivere Bleibe-Bedingungen. Damit verschwindet ein Haupt-Magnet für Arbeitsmigration, nämlich eine stabile, prosperierende Wirtschaft. Und auch im internationalen Vergleich ist Deutschland für Fachkräfte nur noch mittelmäßig interessant.

Neben den strukturellen Verschiebungen dürfte auch die Migrationspolitik der Bundesregierung eine Rolle spielen – oder eher, die Nicht-Migrationspolitik. Während unter der Ampel-Regierung noch zahlreiche Gesetze zur Förderung der Arbeitskräfte-Migration verabschiedet wurden, passierte in der aktuellen Bundesregierung fast nichts mehr. Es geht nur noch um „Asyl“ und Abschiebungen, um die „reguläre“ Migration kümmert sich keiner. [….] Doch inzwischen altert die Bevölkerung in Deutschland weiter. In zehn Jahren wird jede*r Vierte über 67 Jahre alt sein. [….] Besonders stark betroffen wird der Osten Deutschlands sein. Dort geht der demografische Wandel am schnellsten – es gibt die wenigsten Zuwanderer, Frauen und auch Kinder. Und der aktuelle Rückgang der Migration zeigt sich jetzt schon besonders deutlich: Während in die Stadtstaaten noch recht viele Zuwanderer gehen, kommen kaum noch welche im Osten an. Mit dramatischen Folgen: Der Osten schrumpft, Arbeitsplätze bleiben unbesetzt, die Wirtschaft stagniert. Darüber freut sich höchstens die AfD. [….]

(Carsten Schwartz, 17.12.2025)

Dienstag, 16. Dezember 2025

Journalisten wider die Realität.

Der Fritzekanzler und sein oranger Freund, über den er nicht die Nase rümpfen will, haben beide ein ähnliches Problem.

Durch ihre Faktenresistenz und Großsprecherei kann man Wahlen gewinnen, weil große Teile des Urnenpöbels so verblödet sind, zu glauben, man könne Klimaschutz aufgeben und mit 100 Jahre alten Stinke-Technologien vorankommen.

Im Regierungsalltag sieht es allerdings anders aus, weil sich die harte ökonomische Realität nicht mit hanebüchenen Lügenstories nachhaltig verbiegen lässt.

[….] Wirtschaftsmacht legt Rückwärtsgang ein

Auch nach 2035 sollen Fahrzeuge mit Verbrenner-Motor noch zugelassen werden. Das ist eine schlechte Entscheidung – nicht nur für's Klima. Die Europäische Union will ihre ökonomische Zukunft sichern, indem sie auch in zehn Jahren noch Tastenhandys verkauft. Mit diesem polemischen Vergleich kritisierte Monika Schnitzer, die Chefin der Wirtschaftsweisen, kürzlich die Auto-Politik der EU-Kommission.

Diese veröffentlichte jetzt ihren Vorschlag, dass Fahrzeuge mit altbekannten Benzin- und Dieselmotoren auch nach 2035 weiter produziert und angemeldet werden können. Damit verschiebt die EU ihr Ziel, den Ausstoß klimaschädlicher Abgase neuer Autos auf Null zu senken („Verbrenner-Aus“). [….] Damit besteht die Gefahr, dass noch jahrelang ganz normale Verbrenner weiter produziert werden. [….]

(Hannes Koch, 16.12.2025)

Merz, Trump, Reiche, Vance können täglich noch so sehr gegen Windräder und andere erneuerbare Energieträger hetzen. Aber damit ändern sie nicht deren höhere Wirtschaftlichkeit gegenüber fossilen Energien. Merz und Söder setzen gerade ein eindrucksvolles Zeichen dafür, die Wirtschaft in China zu stärken. Zu Lasten Deutschlands.

[….] Politiker wie Markus Söder scheinen Trump sogar beim Ersetzen von Fakten durch gefühlte Wahrheiten nachzueifern. Die erneute Wahl Trumps zum US-Präsidenten schien diese Lesart zu bestätigen: Tatsachen zählen nicht mehr, entscheidend ist, wer auf die richtigen Knöpfe drückt. [….] Die neue »Nationale Sicherheitsstrategie« , die der innerste Kreis um Donald Trump offenbar mehr oder weniger im Alleingang produziert hat, ist nach der Oxford-Definition ein »postfaktisches« Dokument: Sie enthält lauter falsche Tatsachenbehauptungen, die bei Trumps treuesten Wählern aber vermutlich gut ankommen. [….] Noch gravierender ist der Realitätsverlust hinsichtlich der Klimakrise. »Wir weisen die desaströsen ›Klimawandel‹- und ›Netto-null‹-Ideologien zurück«, steht in dem Text. Diese »Ideologien« hätten »Europa sehr geschadet« und würden »unsere Widersacher subventionieren«. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Klimakrise ist real, gefährlich, extrem teuer  und tötet schon jetzt Zehntausende Menschen pro Jahr. Ideologisch ist es, das weiterhin zu leugnen.

Die aktuelle US-Regierung baut also geopolitische Erwägungen auf vor über 50 Jahren von Öllobbyisten erdachter Desinformation  auf. So dreist wäre im Jahr 2025 nicht einmal mehr der Chef von ExxonMobil. [….] In der Uno-Vollversammlung  behauptete Trump dagegen, die Nationen der Welt schadeten sich selbst mit erneuerbaren Energien. Auch das dürfte vor allem Kopfschütteln, heimliches Grinsen und heimliche Verachtung für den schwadronierenden Greis hervorgerufen haben.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass der Anteil der erneuerbaren Energien am globalen Kapazitätswachstum zur Stromerzeugung im Jahr 2022 bei 83 Prozent, 2023 bei 86 Prozent und 2024 bei 92,5 Prozent lag. Es wird demnach fast nichts anderes mehr gebaut, [….]

Auch der Rest der Welt hat längst verstanden, dass die Klimakrise real ist und die Alternativen attraktiv sind. Es gibt gigantische globale Mehrheiten für mehr Klimaschutz. [….] Mit »postfaktischer« Politik kann man vielleicht Wahlen gewinnen, aber man richtet damit eben auch sein Land zugrunde.

[….] Wenn Markus Söder kanadische »Mini-Kernkraftwerke«  erfindet oder Jens Spahn »grünes Öl«  und solarbetriebene Gasheizungen , dann richtet das Schäden an. Nicht zuletzt an der Demokratie selbst. Von »postfaktischer« Politik profitieren nur »postfaktische« Parteien wie die AfD: In der Opposition lügt es sich leicht, denn man muss ja nichts umsetzen. [….]

(Prof. Christian Stöcker, 14.12.2025)

Da es selbst einigen der sagenhaft unterkomplex denkenden rechten Wählern auffällt, wie wenig die Versprechen ihrer anti-grünen, anti-woken Idole wert sind, weil mit Gender- und Veggiewurst-Verboten nicht plötzlich die Wirtschaft boomt und die Verbraucherpreise purzeln, trudeln dafür Bundeskanzler und US-Präsident in den demoskopischen Keller.

Selbst sehr rechte Outlets, wie Döpfners WELT melden finsterste Zahlen.

Da sich das gemeine Volk so massiv abwendet, versuchen die Merz-Fans in den Redaktionen mit Leitartikeln ihren Hoffnungsträger zu pushen.

Für die Misere könne der Fritzekanzler gar nichts, das habe alles die schreckliche Angela Merkel verbockt. Außerdem gäbe es diese gemeinen äußeren Einflüsse, die nicht in der Hand der Bundesregierung lägen.

[….] Der Kanzler ist in den ersten Monaten seiner Amtszeit hart kritisiert worden. [….] Aber eines übersehen die meisten Kanzler-Kritiker: Merz ist ein Kanzler, der die ganze Welt im Blick hat.

Es ist Fakt: Friedrich Merz hält Deutschland – und damit Europa – am Tisch der Macht. Die Hauptstadt war wieder eine Festung. Scharfschützen, Hubschrauber, Straßensperrungen und endlose Kolonnen, die mit Blaulicht durch die Straßen rasen. Im Kanzleramt [….]  wurde Weltpolitik gemacht.

Das ist kein Zufall. In Washington und Moskau hat man genau registriert, welche Nation einen Führungsanspruch nicht nur reklamiert, sondern ihn auch durch Taten unterstreicht. [….] Selbst wenn Merz am Ende mit seiner Vermittlungsrolle scheitern sollte, ist der internationale gestaltende Anspruch, den er für Deutschland erhebt, richtig. [….]

(Jörg Quoos, Chef der FUNKE-Zentralredaktion, 15.12.2025)

[….] Merz muss die wirtschaftspolitischen Trümmer der Ära Angela Merkel beseitigen. Praktisch alle wesentlichen Fehlentscheidungen, für die das Land heute bitter bezahlen muss, datieren aus der Ära seiner prinzipienlosen Vorvorgängerin: die Abhängigkeit von russischer Energie, das Aussetzen der Wehrpflicht, unterlassene Investitionen in Digitalisierung, Bildung, Infrastruktur. Hinzu kommen externe Schocks, für die der Kanzler nichts kann: amerikanische Zölle, Chinas Konjunkturschwäche, Russlands Krieg, der starke Euro, der die Exporte abschwächt.

Merz wird weniger Zeit haben als Merkel, die viel zu lange im Amt war. Aber dass bereits jetzt viele in der Wirtschaft die Geduld mit ihm verlieren, ist unangemessen, unfair und kurzsichtig. Das schadet nicht nur der Regierung, das schadet der Demokratie insgesamt.  [….]

(Der SPIEGEL-Leitartikel von Tim Bartz,12.12.2025, DER SPIEGEL 51/2025)

Es stimmt natürlich; in den 16 Jahren CDU-Herrschaft 2005-2021, wurde all das liegengelassen, was wir nun auszubaden haben. Es stimmt natürlich; die USA wenden sich ab und Putin greift uns an.

Das galt aber alles auch für die Ampel, die darauf immerhin mit richtigen Konzepten reagierte, aber keinerlei Nachsicht von der Journaille erfuhr.

Merz hingegen verdient keine Freundlichkeiten. Während Olaf Scholz erkannte, was jetzt zu tun ist – Digitalisierung, Klimaschutz, Unabhängigkeit von Russland, Fokus auf neue grüne Technologien – aber bei der Umsetzung auf halben Weg stecken blieb, weil Linocchio im Kabinett blockierte und der Sauerländer Simpel die finanziellen Spielräume verweigerte, gibt es für Merz keine Entschuldigung.

Er hat keine Nachsicht dafür verdient, mit zusätzlichen 1.000 geliehenen Milliarden Euro in der Hand, uns so konsequent auf das Abstellgleis der Vergangenheit zu schieben.

Ja, Trumps Zölle, Putins Krieg, Merkels Versäumnisse machen das Regieren für jeden Kanzler schwer bis nahezu unmöglich. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, täglich mit Verbal-Tölpeleien diplomatisches Porzellan zu zerschlagen. Das ist keine Entschuldigung dafür, an deutschen Grenzen widerrechtlich zu handeln, die Parolen der AfD nachzuplappern. Das entschuldigt nicht, mit Mütterrente, Pendlerpauschale, Flugbenzinsteuerbefreiung und Gastrosteuersenkung genau die falschen Impulse zu setzen; mit 100 Milliarden Euro den CO2-Ausstoss auch noch zu fördern, auf Gaga-Technologien wie Verbrenner und AKWs zu setzen.

Man kann dem Fritzekanzler keinen Erfolg wünschen, wenn er Deutschland in die diametral falsche Fossil-Richtung führt.

Montag, 15. Dezember 2025

Länger leben

Die Anti-Aging-Industrie hat selbstverständlich längst die Männer entdeckt, bietet vielfältige Produkte, die uns y-Chromosomer frisch und straff machen.

Es gilt, sich auch optisch dem einen großen Menschheitsziel zu verschreiben: Die Sterblichkeit zu überwinden.

[…] Mehr als 50 Pillen täglich, ständige Körperüberwachung und öffentliche Wetten über seine Erektionen: Der Tech-Unternehmer Bryan Johnson ist zum kontroversen Netzphänomen geworden. Jetzt widmet sich die Doku "Don't Die" dem Mann, der nie sterben will. […] Der Mann, um den es geht, ist der amerikanische Tech-Unternehmer Bryan Johnson – der selbsternannte "meistvermessene Mensch der Welt". Bizarre Aktionen wie das Wetten auf Körperfunktionen sind für ihn nur ein kleiner Teil eines größeren Experiments: seinem Kampf gegen das Altern.

"Nächtliche Erektionen sind ein wichtiger biologischer Altersmarker und stehen für sexuelle, kardiovaskuläre und psychologische Gesundheit", erklärt Johnson auf der Plattform X. "Männer mit schwachen nächtlichen Erektionen haben ein 70 Prozent höheres Risiko, frühzeitig zu sterben." […] Johnson ließ sich eine Zeit lang Blutplasma seines Sohnes verabreichen. [….]

(BR, 03.01.2025)

Obschon Kryo-Unternehmen boomen, die unsere Körper in flüssigem Stickstoff bei -196°C badend für Jahrzehnte und Jahrhunderte aufzubewahren, ahnen wir eins: Älter werden mag nicht schön sein, ist aber die einzige Methode länger zu leben.

[….] Die Alcor Life Extension Foundation ist eine von drei Organisationen in den USA, die Menschen anbieten, ihren Körper nach dem Tod mithilfe von Kälte zu konservieren. In einem Werbevideo erklärt Max More, der ehemalige Präsident der Stiftung, was passiert, wenn ein Kunde im Sterben liegt: „Sobald wir eine Notfallmitteilung erhalten, schicken wir unser Standby-Team raus. Nachdem die Person für klinisch tot erklärt wurde, legen unser Leute los.“

Das Notfallteam beginnt dann sofort mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung und fängt an, den Körper mithilfe von Eis zu kühlen. Danach wird die oder der Tote ins Behandlungszentrum nach Arizona gebracht, wo die eigentliche Prozedur beginnt. Die Konservierung und Aufbewahrung eines ganzen Körpers kostet mindestens knapp 180.000 Euro, die Aufbewahrungskosten pro Jahr liegen bei rund 169 Euro.  [….]

(Deutschlandfunk, 15.09.2020)

Daß wir in einem 14 Milliarden Jahre alten Weltall, 66 Millionen Jahre nach dem Ende der Dinosaurier, mit einer lächerlichen Mikro-Lebensspanne von rund 75 Jahren geschlagen sind, halten wir nicht aus. Unser Hirn ist zu unterentwickelt, um sich der eigenen Sterblichkeit stets bewußt zu sein.

[….] Sie schlafen auf gekühlten Matratzen, schlucken Dutzende Vitaminpillen oder lassen ihr Plasma austauschen: Biohacker wie die Silicon-Valley-Unternehmer Bryan Johnson und Dave Asprey versuchen mit vielen Mitteln, das biologische Altern zu verlangsamen und ihre Lebensspanne zu verlängern.   [….]

(Valentina Reese, 10.12.2025)

Wir können nicht akzeptieren, im kosmischen Sinn vollkommen irrelevant zu sein. Das machen sich Religionen zu Nutze, die ewiges Leben versprechen und dafür Kontrolle über das „diesseitige Leben“ verlangen.

Das macht sich aber auch der Kapitalismus zu Nutze, indem er uns die Illusion verkauft, viel länger leben zu können. Deswegen gibt es an jeder Ecke ein Fitnessstudio. Deshalb gibt es Schönheitschirurgie. Coaches, Anti-Aging-Nahrungsergänzung. Deswegen kleistern sich schon 12-Jährige mit Anti-Aging-Cremes zu.

[…..] Die globale Anti-Aging-Marktgröße war im Jahr 2023 rund USD 73,56 Milliarden wert und wird voraussichtlich auf rund USD 121,23 Milliarden bis 2033 mit einer jährlichen Wachstumsrate von 5,12 % zwischen 2023 und 2033 wachsen. Anti-Aging-Geschäft entwickelt sich schnell durch erhöhtes Bewusstsein und Bewusstsein unter den Menschen in Bezug auf Zeichen der Alterung, wie Stirn feinen Linien, Gesichtsfalten und mangelnder Hautton. Das zunehmende Interesse an der jugendlichen Suche ist auf dem Vormarsch.   [….]

(Spherical Insides)

Dafür, daß wir angeblich alle kein Geld mehr haben, den Gürtel enger schnallen müssen, weil alles so teuer geworden ist, prassen wir enorm viele Milliarden Euro komplett sinnlos raus. Alles dem einen, a priori zum Scheitern verurteilten Wunsch untergeordnet, länger zu leben.

Dabei gibt es eine preiswerte Methode das eigene Leben signifikant zu verlängern, die tatsächlich funktioniert:
Kastration!

[….] Diese radikale Maßnahme könnte dem Ziel, lange zu leben, nämlich ebenfalls dienlich sein. Zumindest führen Kastration und Sterilisation bei vielen Säugetierarten zu einer längeren Lebensspanne. Das geht aus einer Studie der University of Otago und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie hervor, die kürzlich im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde.

Dafür analysierten die Forschenden um Mike Garratt von der Otago School of Biomedical Sciences die Daten von 117 Tierarten in Zoos und Aquarien weltweit. Außerdem erstellten sie eine Meta-Analyse von 71 Studien, die verschiedene Wirbeltierarten umfassten. Das Ergebnis: Die Lebenserwartung nahm um zehn bis 20 Prozent zu, wenn die Tiere kastriert oder sterilisiert waren. Die relative Zunahme der Lebensspanne war bei beiden Geschlechtern ähnlich, allerdings vermuten die Forschenden unterschiedliche Ursachen bei Männchen und Weibchen.

Bei Männchen könnte der Effekt durch die Entfernung der Sexualhormone bedingt sein, mutmaßen die Autoren. Eine frühe Kastration wirkte sich besonders stark auf die Lebensspanne aus, während eine Vasektomie, bei der die Hormonproduktion aufrechterhalten bleibt, keinerlei Auswirkungen hatte. Woran liegt das? „Die Sexualhormone könnten mit Signalwegen im Körper interagieren, die das biologische Alter regulieren“, vermutet Studienleiter Garratt in einer Pressemitteilung. Zudem könnte die Kastration die Männchen womöglich weniger risikobereit und aggressiv gemacht haben. Gewalt und Übermut können zuweilen auch zum Tod führen. […] Kann man diese Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen? Sollte man Biohackern und Longevity-Fans raten, sich kastrieren oder sterilisieren zu lassen? Frühere Studien liefern zumindest bei den Männern Hinweise darauf. Die wohl bekannteste Studie, die 2012 in Current Biology erschien, untersuchte das anhand historischer Aufzeichnungen von 81 koreanischen Eunuchen aus der Chosun-Dynastie, die zwischen Mitte des 16. Jahrhunderts und der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten.

Die Ergebnisse legen nahe, dass kastrierte Männer in dieser Zeit zwischen 14 und 19 Jahre länger lebten als nicht kastrierte Männer ähnlichen sozialen Standes. Drei der Eunuchen sollen sogar über 100 Jahre alt geworden sein, was für diese Zeit ein bemerkenswert hohes Alter ist. Auch in die Meta-Analyse der aktuellen Studie sind historische Daten von Männern einbezogen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der kastrierten Männer war demnach um 18 Prozent höher als die von nicht kastrierten. […]

(Valentina Reese, 10.12.2025)

Die Biohacker Bryan Johnson und Dave Asprey hingegen glauben an Erektionspower und lassen sich künstlich Testosteron zufügen. Das könnte ein Rohrkrepierer sein.

Sonntag, 14. Dezember 2025

Sehnsucht nach Früher

Ganz knapp bin ich keiner der verhassten Boomer mehr, da ich nach 1965 geboren wurde. Aber meine Schulfreunde haben schon Enkel; also bin ich alt genug, um meine Jugend zu verklären. Früher war alles besser. Dieses Gefühl kann mit den zunehmenden Sorgen, mit dem daraus resultierenden Pessimismus, überwältigend werden. Ich kann den Impuls, aus Frustration über aktuelle Entwicklungen, anfällig für populistische politische Versprechen zu werden, durchaus verstehen. MAGA und AfD fußen auf Hass und Rassismus, den ich selbstverständlich verurteile und verachte. Aber das sentimentale Sehnsucht-nach-dem-Früher-Gefühl verstehe ich.

Ein Gefühl, das die gesamte Agenda des Fritzekanzlers bestimmt: Atomkraftwerke, tolle röhrende Benziner ohne die Miesmacher-Grünen und nervenden Emanzen.

Unglücklicherweise entspricht dieses „goldene Früher“ nicht der Realität, sondern ist ein Produkt aus Selbstverklärung und beschränkter Information.

Das liegt insbesondere daran, in diesem „goldenen Früher“ nicht Derjenige von heute gewesen zu sein.

Viele physische Beschwernisse existierten nicht. Peters Ustinov sagte so treffend „Die Jugend ist eine wunderbare Sache, nur schade, dass sie an Kinder verschwendet wird.“ Natürlich ist es toll, keine Brille zu brauchen, keine knackenden Gelenke zu spüren, nichts über problematische Blutwerte zu wissen, Energie zu haben, Treppen problemlos hinaufsprinten zu können, im Yogasitz zu hocken. Aber wir haben es damals nicht genossen, weil wir nicht ahnten, nicht wußten, daß so etwas einen selbst treffen könnte.

Auf der geistigen Ebene war das mangelnde Problembewußtsein noch eklatanter. Zwar war ich ein engagierter politischer Jugendlicher, der ganz vorn gegen Nachrüstung, Robbentötungen oder Volkszählung 1987 kämpfte, aber die alltäglichen Lästigkeiten ahnte ich nicht: Steuererklärung machen, sich um todkranke, sterbende Eltern/Verwandte sorgen, Miete zahlen, einkaufen, aufräumen, Auto durch den TÜV bringen, sich den Kopf zerbrechen, wie man als Pflegefall versorgt wird.

Die Probleme existierten selbstverständlich alle schon in den von mir verklärten 1980ern, aber ich war noch zu unterentwickelt, um sie zu kennen.

Die großen Menschheitssorgen kamen ohnehin verspätet und textlich aufbereitet, per Zeitung oder 20Uhr-Tagesschau zu uns. Kriege, Naturkatastrophen, Seuchen, Chemieunfälle existierten natürlich schon genauso, aber sie waren nicht simultan auf jedem Mobiltelefon sichtbar.

Insbesondere gab es massenhaftes individuelles Leiden, das uns 80er-Jahre Jugendliche aber kein bißchen beschwerte, weil wir nichts davon wußten, gar nicht davon wissen konnten, weil es medial verschwiegen wurde:

Massenhaft durch Geistliche gequälte und vergewaltigte Kinder. Trans-Menschen, die in den Selbstmord getrieben wurden, weil sie gegen ihre Natur leben mussten. Unterdrückte und diskriminierte Schwule und Lesben. Geschlagene Kinder. Ihren Männern untergeordnete Frauen. People Of Color, die von vielen Berufszweigen ausgeschlossen waren. Männer, die in Kriegen und Gefangenschaft schwerste psychische Schäden erlitten hatten und nie therapeutisch behandelt wurden. Genitalverstümmelte Jungs und Mädchen überall auf der Welt. Buchstäblich versklavte Menschen. Osteuropäer ohne Freiheit.

Wenn man das alles nicht weiß und am besten selbst ein weißer heterosexueller, wohlhabender christlicher Mann ist, waren die 1950er, 1960er, 1970er schon toll.

Es gab in meinem „goldenen Früher“ ein Vielfaches der Verkehrstoten, der Sexualmorde an Kinder, ja der Kriminalität insgesamt.

Aber die allermeisten Fälle wurden verschämt verschwiegen, brachten es nie in die Medienaufmerksamkeit. In der heilen Welt von damals vergewaltigten und verprügelten Pfarrer viel mehr kleine Jungs als heute, aber ohne unser Wissen, unser Bewußtsein. Herrlich.

Heute gibt es – ZUM GLÜCK – eine viel höhere Bereitschaft solche Fälle anzuzeigen, sich zu wehren. Sie werden sofort publik, wir hören dauernd davon und kommen zu dem Fehlschluss, „es gibt immer mehr Kinderschänder“!

Es gibt immer mehr Kriminalität! Immer mehr überfahrene Kinder im Straßenverkehr!

Das wird von interessierter Seite gern aufgeblasen und führt zu einem allgemeinen Bedrohungsgefühl, auf das wir mit Abschottungsphantasien, Forderungen nach härteren Strafen und der Wahl rechter Parteien reagieren.

Aber all das beruht auch falscher Wahrnehmung.

Im „goldenen Früher“ mussten wir uns nicht anschnallen und keine albernen Fahrradhelme tragen. Aber damals gab es auch zehnmal so viele Verkehrstote wie heute! Über 20.000 Menschen verunglückten in meiner Jugend jedes Jahr tödlich im Verkehr, heute sind wie bei rund 2.500 im Jahr.

Ganz im Gegensatz zum gefühlten tödlichen Verkehrswahnsinn von heute, leben wir sicherer, denn je.

Jeder grantige Rentner in Hamburg wird einem erzählen, wie sehr ihn die zunehmende Kriminalität beunruhigt. Dabei sinkt sie Kriminalitätsrate seit 45 Jahren kontinuierlich. Wir haben seit meiner Jugend 500.000 Einwohner dazu bekommen und die wenigstens Straftaten seit 1990, aber BILD und Social Media vermitteln den diametrale gegenteiligen Eindruck.

In den 1990ern gab es rund 1.500 Mordopfer jedes Jahr, heute nur noch ein Drittel.

Nicht nur unsere rückblickend idealisierte Fehlwahrnehmung trübt das Bild.

Vieles war wissenschaftlich und technisch noch nicht erkannt, oder aus der wissenschaftlichen Sphäre noch nicht ins Allgemeinwissen diffundiert.

Natürlich wirkte Coca Cola mit Kokain herrlich erfrischend.

Natürlich war der Heroin-Hustensaft für Kinder effektiv.

Natürlich schätzen Migränepatienten ihren Laudanum/Opium-Saft.

Natürlich war es unheimlich praktisch, bei Läuseplagen den Kindern radioaktives Uranerz auf dem Kopf zu legen, so daß alle Haare ausfielen.

Natürlich ist DDT ein wirksamer Unkrautvernichter.

Natürlich sind Barbiturate, Polamidon und Contergan zuverlässige Schlafmittel.

Natürlich ist Asbest ein idealer Baustoff gegen Brandgefahr.

Natürlich erhöhen Bleizusätze die Klopffähigkeit von Benzin.

Natürlich sind FCKWs wegen ihrer Reaktionsträgheit gute Haarspraytreibgase.

Natürlich ist weniger umständlich, in der Schwangerschaft einfach weiter zu rauchen und zu trinken.

Natürlich ist es billiger, seine Blagen ohne Kindersitze im Auto fahren zu lassen.

Das war schon toll, als man all das lästige Wissen noch nicht hatte, welches einem solche technischen Fortschritte vermieste.

Aber wir lernen nun einmal dazu und begreifen in der Regel irgendwann unsere Irrwege.

Außer man heißt Friedrich Merz. Der Mann ist auch erschreckende Weise erkenntnisresistent.

Er will in Atomkraft und Verbrennertechnik einsteigen.

[…] Aber rettet die Rückkehr zum Verbrenner wirklich deutsche Industriejobs? Vier namhafte Ökonomen aus verschiedenen Lagern, von arbeitgeber- bis gewerkschaftsnah, hat die SZ zu genau dieser Frage um Antwort gebeten. Ihre Einschätzungen im Protokoll:

Monika Schnitzer, Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

„Die Abkehr vom Verbrenner wird Industriearbeitsplätze kosten, das war immer klar. Einfach weil man für die Produktion eines Verbrenners nicht so viele Leute braucht, das ist ein viel einfacherer Prozess. Aber würde man diese Arbeitsplätze retten, wenn man das Verbrenner-Aus jetzt verschiebt? Ich fürchte, das Gegenteil ist der Fall. […] Meine Sorge ist, dass manche Autohersteller das gleiche Schicksal erleiden könnten wie Nokia oder Kodak. Die waren auch mal extrem erfolgreich mit ihren Tastenhandys und Fotofilmen. Aber heute spielen sie keine Rolle mehr. Wenn es jetzt also heißt, die Deutschen hätten bei den Verbrennern einen großen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, kann ich nur sagen: kurzfristig vielleicht. Aber heute nutzt auch niemand mehr ein Tastenhandy.“

Thomas Puls, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

„Ich halte das alles vor allem für eine Symboldebatte: E-Autos und Plug-in-Hybride werden bis 2035 für die allermeisten Anwendungen sowieso das bessere Produkt sein. Und das Problem der Autoindustrie liegt auch nicht im Angebot. 40 Prozent aller in Deutschland produzierten Autos sind schon E-Fahrzeuge und Plug-ins, Tendenz steigend. […]


Sebastian Dullien, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

„Das Problem der deutschen Autoindustrie ist weniger das Verbrenner-Aus, sondern vor allem der technische Rückstand, zum Beispiel bei den Batteriezellen. Auf der Lernkurve für E-Autos sind die Hersteller im Vergleich zu China nicht schnell genug und nicht weit genug. Je weiter man da kommt, desto besser und günstiger wird man. Aber das funktioniert nur, wenn man mehr E-Autos baut. Wenn man stattdessen mehr Verbrenner baut, hilft das nicht. […] 

Anita Wölfl, Ifo-Institut

„Die CO₂-Emissionsgrenzen jetzt aufzuweichen, indem man das Verbrenner-Aus zurücknimmt oder verschiebt, würde die Situation der deutschen Autohersteller nicht verbessern. Ganz im Gegenteil: Es führt zu einem Glaubwürdigkeitsverlust und zu Unsicherheit bei den Käufern. So hat die Flaute im Geschäft von neuen Elektrofahrzeugen im letzten Jahr nicht nur an der wirtschaftlichen Unsicherheit gelegen, sondern auch viel mit Unsicherheit bei den Käufern über die Entwicklung der E-Mobilität zu tun. […]

(SZ, 14.12.2025)

[….] Friedrich Merz steht auf einem CSU Parteitag und verkündet mit dem Pathos eines Mannes, der gerade den Schlüssel zu einer Zeitmaschine gefunden zu haben glaubt, Deutschland steige nun endlich wieder ein. Einsteigen, das heißt bei ihm, den Rückwärtsgang mit Entschlossenheit einzulegen und dabei so zu tun, als sei Stillstand ein Startschuss. Atomausstieg, Verbrenner Aus, Verteufelung der Biotechnologie, ruft er, als habe eine finstere Sekte das Land von seinen heiligen Maschinen entfremdet. Dass ausgerechnet er die Vergangenheit zur Zukunft erklärt, ist keine Ironie mehr, sondern ein intellektueller Offenbarungseid.

Denn was meint Merz mit Einsteigen. Er meint Kohlenstoff, Uran und Kolben. Er meint Technologien, die schon im Museum standen, als man noch mit Faxgeräten die Moderne herbeisehnte. Fossile Energien, die uns seit Jahrzehnten in geopolitische Abhängigkeiten treiben. Atomkraft, die nur dann billig ist, wenn man Endlager, Rückbau und Zeit aus der Rechnung streicht. Der Verbrennungsmotor, diese mechanische Kerze, die Energie in Hitze verwandelt und Hitze in Abgase und Abgase in Ausreden. Das alles verkauft Merz als Aufbruch, während er gleichzeitig dort aussteigen will, wo tatsächlich gefahren wird.

Denn die vermeintlichen Aussteiger, die Grünen, haben nicht den Motor abgestellt, sondern neue gebaut. Wärmepumpen, Speicher, Solarzellen, Windräder, Elektromobilität, geteilte Fahrzeuge, vernetzte Netze, all das sind keine ideologischen Fantasien, sondern funktionierende Industrien, globale Wachstumsmärkte und reale Maschinen. Merz nennt sie Ausstieg, weil sie nicht nach Öl riechen und keinen nostalgischen Sound haben. Er nennt sie Ideologie, weil sie der Physik gehorchen und nicht den Stammtischen. [….]

(Wemeze, 14.12.2025)

Samstag, 13. Dezember 2025

Rechte steuern gegen die Wand

Mit abenteuerlichen hochgradig unseriösen Sprüchen durch die rechtspopulistischen Gefilde der Politik zu segeln, ist bedauerlicherweise erfolgreich.
Überall in der „westlichen Welt“ erobern sich groteske Hallodris damit die Regierungspaläste.

Es wird ihnen erstaunlich leicht gemacht, weil die Opposition nirgends in der Lage ist, eine gemeinsame Abwehrfront zu bilden. Man werfe nur mal einen Blick in die linksliberale Bluesky-Welt, wie leidenschaftlich dort gegen Linke (zu Putin!), Grüne (zu Wirtschaft!) und SPD (zu CDU!) gewettert wird. Ein Irrsinn, über den sich  CDUCSUAfD freuen. Das gleiche Bild in den USA, in der die Trump-Gegner sich an den Demokraten abarbeiten, die ihnen einerseits viel zu woke sind und auf lebensfremde Identitätsthemen setzen und andererseits viel zu pragmatisch, weil sie im Kongress immer wieder die Hand den Republikanern entgegenstrecken.

95% der Wähler haben sich ohnehin aus der aktiven Politik-Begleitung verabschiedet. Parlamentsdebatten sind Nischenprogramme. Minister sind unbekannt, Wahlen unbeliebt. „Die Jugend“ beklagt sich über die Misere, die ihnen von den Boomern hinterlassen wird, die ihre Zukunft ruiniert, die sie so überfordert, daß sie in Rekordzahl im FOMO-Stress zu Psychotherapiefällen werden.

Aber 53% der unter 30-Jährigen in den USA konnten sich nicht aufraffen, bei den Präsidentschaftswahlen überhaupt zur Wahl zu gehen. Mehr als  jedem Zweiten war es offenbar egal, ob der kriminelle Rassist, Vergewaltiger, Demokratieverächter und Klimakiller Trump ihre Zukunft gestaltet, oder ob Kamala Harris im Weißen Haus sitzt.

[….] According to a new CIRCLE estimate of youth voter turnout based on aggregated voter files, close to half of young people (47%) ages 18-29 cast a ballot in the 2024 presidential election. This revises our earlier estimate, based on exit polls available immediately after the election, which had put youth turnout at 42%, and it places young people’s electoral participation in 2024 much closer to 2020 (50%), which was a historically high year for voter turnout. [….]

(CIRCLE, 14.04.2025)

Von den 47% der U30er, die überhaupt wählten, entschieden sich auch noch fast die Hälfte für Trump; nämlich 45%.

Sagenhafte drei von vier US-Amerikanern unter 30 Jahren, konnten sich bei der Präsidentschaftswahl am 05.11.2024 mit Trump ante portas nicht dazu durchringen, mit einem „Ja für Harris“ dagegen zu stimmen.

Als GenX kann ich der GenZ dafür nur den Mittelfinger zeigen. Beklagt Euch nicht über Eure No Future-Welt, wenn Ihr nicht mal das absolute Mindestmaß an Engagement zeigt.

Genauso wenig, wie Wähler und Opposition, richten Medien und Gerichte etwas gegen die Rechte Pest in Palästen aus. Vier Jahre mühte sich die US-Justiz aller Ebenen gegen Trumps kriminelle Machenschaften ab und erreichte unterm Strich gar nichts. Im Gegenteil, nach der Biden-Präsidentschaft, vermochte es der orange Verfassungsfeind in Rekordzeit Staatsanwaltschaften, Geheimdienste, Ermittlungsbehörden und Richter auf Linie zu zwingen.

Nach zehn Jahren AfD wissen wir zwar mit Brief und Siegel, daß es sich um eine gesichert rechtsextreme Partei handelt, die uns alle verschlingen wird, sind aber nach wie vor zu schwach und unfähig, auch nur zu beantragen, ein Parteienverbot gerichtlich prüfen zu lassen. Stattdessen kopiert die Bundesregierung die Zukunfts- und menschenfeindliche Politik der AfD, während sie auf die Umfragen starrt, in denen die Nazis bundesweit zur stärksten Partei aufgeblasen werden.

Die Liberalen und Konservativen beugen devot ihr Knie vor dem braunen Mob, während die Linken hüben, wie drüben, in geradezu rührender Naivität, nach zehn Jahren AfD, nach einer Dekade Trump, immer noch glauben, mit „Debunken““ erfolgreich zu sein. Wenn man den Rechtsschwurblern nur ihre Lügen, ihre Heuchelei, ihre Kriminalität nachweise, wenn man sie im TV entlarve, wenn man ihre konzeptionelle Ahnungslosigkeit allen vor Augen führe, müsse der Wähler doch einsehen, diese Typen nicht zu wählen!

NEIN! Genau das tut der Wähler eben nicht! Seit 2015 behauptet Trump den verhassten „Affordable Care Act“, AKA „Obamacare“, abzuschaffen und durch etwas viel besseres und billigeres zu ersetzten. Er habe schon Grundzüge eines Konzepts, das in 14 Tagen vorliege.

Wenn einer 120 Monate lang behauptet, in zwei Wochen das Anti-Obamacare-Konzept umzusetzen, das aber nie kommt, muss der Urnenpöbel doch begreifen, angelogen zu werden – denken die Demokraten. Immer noch.

Was für ein Trugschluss! Nein, man kann weder auf die Weisheit der Wähler, noch auf die Entschlossenheit der Jugend, noch auf die Kraft der Gerichte, noch auf die demokratische Opposition, noch auf die Presse setzen. Sie alle versagen im Social-Media-Zeitalter auf ganzer Linie, beißen sich an der rechten Pest die Zähne aus.

Gut möglich also, daß Merz, Reiche, Söder, Trump, Vance, Rubio uns in absehbarer Zeit in Klimatod oder Atomkrieg steuern.

Aber es gibt Hoffnung.

Mit etwas Glück schaffen sie es, vorher die Wirtschaft so drastisch zu ruinieren, das eigene Volk so sehr ins Elend zu stürzen, daß alle Lügen, alle Internetbots, es nicht mehr schaffen, die bittere Realität zu übertünchen:
Wohnungsnot, Entlassungen, allgemeine Dysfunktionalität durch Verdummung und Fachkräftemangel. Und natürlich Preisexplosionen.

Noch böllern wir, rasen auf der Autobahn, fressen Fleisch, fliegen nach Malle, produzieren Plastikmüll-Rekordmengen und machen Maximal-Klimakiller (Kinder).

Aber es bröckelt.

Der Fritzekanzler spürt es schon bei seinen treuesten Fans; der JU, die es wagt zu widersprechen.

Der bayerische Gottkönig, Wurst-Markus I., erlebt blasphemische Tage bei seinen Jüngern.

[….] Söder geht vielen in der CSU gewaltig auf die Nerven

Mit einem überraschend schlechten Ergebnis hat der Parteitag Markus Söder abgestraft.. [….]  Im Fall Söder hat sich etwas zusammengebraut. Die „One-Man-Show“ an der CSU-Spitze, alles auf Effekt getrimmt, das Denken in markigen Überschriften ohne lästige Details, zudem sein ruppiger Führungsstil mit Hang zur Bloßstellung nicht nur des politischen Gegners, sondern auch von Parteifreunden – das missfällt in der CSU immer mehr Leuten. Diese Kritik wird von manchen dezent öffentlich formuliert, hinter vorgehaltener Hand aber harscher; wenn niemand in der Nähe ist, der in der Staatskanzlei petzt.

Es ist keine Mehrheit in der CSU, die so denkt, es gibt immer noch viele, die an Söder das Marketing-Talent und Bad-Guy-Image schätzen. Aber das Ergebnis ist ein Denkzettel. Keine gnadenlose Abstrafung, kein Ausdruck von Wechselstimmung. Ohnehin gibt es niemanden, der oder die ihm die Führung streitig machen und den Unmut kanalisieren würde. [….] Die ganze Republik ist gerade verunsichert, wegen der Wirtschaft, die partout nicht florieren will, wegen der Weltlage, wegen des Aufstiegs der AfD. Warum sollten sie in der CSU, selbst wenn sie noch so kraftmeierisch daherkommt, nicht verunsichert sein? [….]

(Johann Osel, 13.12.2025)

Selbst in der totalitären Trump-Sekte machen sich nach fast einer Dekade erstmals Zweifel breit, weil ihr Messias allzu offensichtlich die amerikanische Wirtschaft ruiniert.

[…] „Es läuft besser als je zuvor“, erzählte der US-Präsident dem Publikum, als sei er im Wahlkampf. Tags zuvor hatte er der Interviewerin vom Portal Politico die Frage, welche Note er seiner Wirtschaft geben würde, so beantwortet: „A-plus.“ A-plus? „Yeah. A-plus plus plus plus plus.“

Für seine Geschäfte kann das stimmen, die Trumps verdienen in seiner zweiten Amtszeit vor allem mit Kryptodeals ein Vermögen. Die reichsten Menschen der Welt umgarnen ihn, und sein Oval Office ist inzwischen vergoldet. Gerade kam noch ein Friedenspokal von der Fifa dazu. Die meisten Landsleute entdecken sein „Golden Age of America“ dagegen hauptsächlich, wenn sein Büro im Bild ist. Ansonsten merken sie, dass alles teurer wird. Mieten oder Hypotheken, Kaffee oder Steaks, überall gehen die Preise eher rauf als runter. Die Inflation beträgt drei Prozent, wie bei Joe Bidens Abschied, Tendenz steigend. Dabei hatte der Maga-Republikaner das Gegenteil versprochen. Jetzt nennt er die Klagen über die „Affordability“, die Lebenshaltungskosten, einen Schwindel der Demokraten, der niemanden interessiere. Da täuscht er sich.

Denn Trumps Zustimmungsrate, die in zahlreichen Umfragen von verschiedenen Organisationen regelmäßig erhoben wird, geht seit Beginn seiner zweiten Amtszeit stetig nach unten. [….] Nicht zuletzt wegen der Unzufriedenheit über das horrende Preisniveau gewannen sie Wahlen in New York, Miami, New Jersey und Virginia sowie ein Referendum in Kalifornien. Im stockkonservativen Tennessee verlor zwar am Dienstag eine Demokratin, doch im Vergleich zur Präsidentschaftswahl büßten die Republikaner dort etliche Prozentpunkte ein. „Trump verliert von Minute zu Minute an Macht“, meint Politikberater und -kritiker James Carville. „Man spürt förmlich, wie sie ihm entgleitet.“ [….] Einige Anhänger werden angesichts der Wahlniederlagen und Umfrageergebnisse nervös. Ihr Anführer von „America First“ befasst sich nach ihrem Geschmack zu viel mit fremden Kriegen und Konflikten, um den Friedensnobelpreis zu erhalten – und zu wenig mit den Alltagssorgen der US-Bevölkerung. David Axelrod, ein früherer Berater von Barack Obama, erahnt eine Art Altersstarrsinn, wie ihn manche Trumps Vorgänger Biden nachgesagt haben. Trump, schreibt er im Magazin The Atlantic, begebe sich „in dieselbe gefährliche Falle, indem er die wirtschaftliche Realität leugnet, in der arbeitende Familien leben.“

Es scheint, als ließe Trump sein Instinkt im Stich. [….]

(Peter Burghardt, 12.12.2025)