Dienstag, 5. Oktober 2021

Kapitalismus der Glückseligen

Gerade hatte ich noch leicht gehässig wegen der Personal-Schwierigkeiten nach England geblickt.

So fährt man eine Wirtschaft gegen die Wand, wenn man auf dem Weltmarkt mitmischen will und gleichzeitig glaubt, die Grenzen fest verschließen zu können. Wenn man aber einseitig die Interessen der Besitzstandswahrer vertritt, glaubt die Augen vor dem Elend der Welt verschließen zu können und sich die Wirtschaftspolitik auf „Trickle Down“ beschränkt, wird man feststellen, daß Lindners unsichtbare Kraft des Marktes eben nicht ausreicht.

Der Markt erhält keine Bank- oder Postfilialen in kleinen Orten. Der Markt läßt keine Bahnstationen in wenig bevölkerten Dörfern bauen. Der Markt sorgt nicht für flächendeckendes Internet auf dem Lande. Der Mark schafft keine Ausbildungsplätze. Der Markt sorgt nicht für ausreichend Nachfrage. Der Markt baut keine günstigen Wohnungen für Menschen mit Durchschnittseinkommen. Der Markt generiert keine auskömmliche Altersversorgung. Der Markt schafft keine Klimaneutralität. Der Markt bezahlt Geringverdiener nicht anständig. Der Markt kennt kein Gemeinwohl. Der Markt stoppt nicht die völlig entkoppelte Reichtum-Vermehrung deutscher Milliardäre.

 […..] Der Hamburger Unternehmer und HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne gehört schon länger zu den reichsten Menschen der Welt. Auch in Zukunft dürfte der 84-Jährige kaum am Hungertuch nagen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten nahm das Vermögen Kühnes um satte 20 Milliarden Euro zu. 33 Milliarden Euro soll Klaus-Michael Kühne nun besitzen. In der neuen Rangliste der reichsten Deutschen führt ihn das „Manager Magazin“ auf Platz drei. […..] Dass es wirtschaftlich trotz Corona so rund für ihn läuft, hatte sich der Milliardär offenbar nicht vorstellen können. Sogar als „erschreckend“, „ungesund“ und „überzogen“ habe Kühne die Kursexplosionen zuletzt laut „Manager Magazin“ eingeschätzt. […..]

(MoPo, 04.10.2021)

Tatsächlich nähert sich Deutschland englischen Verhältnissen, weil durch die völlig verfehlte CDU-Wirtschaftspolitik und katastrophale CDU-Migrationspolitik Millionen Arbeitskräfte fehlen.

[…..] Arbeitskräftemangel in Deutschland: »Die Leute rennen uns alle weg« […..] Den Annaberger Backwaren gehen die Beschäftigten aus. 160 Mitarbeiter hat die Firma, 20 weitere Stellen kann Hübner nicht besetzen. Sie findet kein Personal. Die Öffnungszeiten mehrerer Verkaufsstellen hat sie deshalb verkürzt. Die Lage, so schildert sie es, sei existenzbedrohend. […..] Szenenwechsel weit in den Westen, ins Städtchen Rhodt unter Rietburg an der Südlichen Weinstraße. Dort schlendern bei sonnigem Wetter Touristen konsterniert durch den Ort: Wo sonst ein halbes Dutzend Lokale Besucher bewirten, hat nur noch ein Restaurant geöffnet, und das lediglich für Gäste mit Reservierung. Das Problem ist das gleiche wie in Annaberg-Buchholz: Personalmangel.  Ähnlich geht es vielen Branchen, an vielen Orten in Deutschland: Im Norden warnt die IG Metall, dass Windkraftbauer kaum noch neue Mitarbeiter finden. Den Spediteuren gehen – durchaus ähnlich wie im spöttisch beäugten Großbritannien – die Fernfahrer aus. Kita-Verbände melden akuten Erziehermangel. 42 Prozent der Architektur- und Ingenieurbüros müssen ihre Geschäftstätigkeit wegen fehlender Mitarbeiter einschränken, bei den Kanzleien von Steuer-, Rechts- und Wirtschaftsberatern sind es sogar 55 Prozent. Und der Zentralverband des Deutschen Handwerks sieht die deutschen Klimaziele in Gefahr: All die zusätzlichen Bau- und Instandsetzungsvorhaben seien »mit dem jetzigen Stamm an Beschäftigten wohl kaum hinzubekommen«.[…..] Deutschland geht nun nicht, wie von manchem befürchtet, die Arbeit aus. Das Gegenteil ist der Fall: Arbeit ist reichlich vorhanden. Dafür fehlt es fast überall inzwischen an Manpower, an Fachkräften, aber auch an ungelernten Arbeitskräften. […..]

(SPON, B. Bidder, 04.10.2021)

Es müssen sehr viele Stellschrauben gedreht werden.

Migranten willkommen; mindestens 400.000 Menschen mehr sollen jährlich nach Deutschland geholt werden. Sie müssen gefördert werden, statt sie mit Blockierung von Familiennachzug und Arbeitsverboten abzuschrecken. Berufsausbildungen aus anderen Ländern haben anerkannt zu werden.

Aber auch in Deutschland müssen Hausaufgaben gemacht werden. Deutsche Superreiche auf Steuerflucht müssen hart sanktioniert werden. Wer wie Amazon Milliardengewinnen in Deutschland macht und dabei Myriaden kleine Ladenbesitzer ruiniert, muss a) Steuern zahlen und darf nicht b) die deutsche Infrastruktur kostenlos nutzen. Unternehmer müssen verpflichtet werden auszubilden. Wer nicht in den Nachwuchs investiert, darf sich nicht anschließend beklagen, daß er keine Mitarbeiter findet. Das deutsche Bildungssystem von Kita über Berufsschule bis zu Universitäten muss personell und finanziell erheblich besser gestellt werden. Wir brauchen Mindestlohn.

Und schließlich muss der nächste Wirtschaftsminister einen Weg finden, den eklatanten Lehrlings- und Mitarbeitermangel zu beheben, indem diese Berufe finanziell attraktiver werden.

Wenn so wenig Menschen Bäcker, Krankenschwester, Paketboten, LKW-Fahrer, Pfleger oder Friseur werden wollen, daß die Betriebe aus Mitarbeitermangel aufgeben müssen, funktioniert der Markt nicht.

In dem Fall müssen Gesetzgeber und Regierung eingreifen, damit die Bäckerei-Chefs und Friseurladen-Inhaber ihre Azubis erheblich besser bezahlen.  Wenn sie das nicht können und stattdessen eher Konkurs anmelden, funktioniert der Markt nicht.

In dem Fall müssen Gesetzgeber und Regierung eingreifen und den Verbraucher zwingen pro Amazon- oder Ebay-Paket einen saftigen Aufschlag zu zahlen. So saftig, daß die Paketfahrer wirklich gut bezahlt werden und so saftig, daß die Bürger wirklich animiert werden in den Buchladen nebenan zu gehen, statt beim 200 Milliarden schweren Jeff Bezos ihren nächsten Rosamunde-Pilcher-Schmöker zu bestellen.

Steuern sind nicht nur dazu da, um Lindners superreiche Spender zu ärgern, sondern sie sollen a) den Staat handlungsfähig machen und b) auch im wörtlichen Sinne das Verhalten der Bürger steuern.

[…..] Der Hamburger Klempnermeister Steffen Wossidlo (42) sucht händeringend Auszubildende, doch es bewirbt sich einfach niemand. Mit diesem Problem ist er nicht allein. Überall in Deutschland leiden Betriebe unter einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel – nicht erst seit der Pandemie.  „Das Problem ist, viele junge Leute sehen eine Handwerksausbildung nur noch als letzte Option“, sagt Wossidlo zur MOPO. „Sie machen mit Ach und Krach ihr Abi und fühlen sich danach für eine handwerkliche Ausbildung überqualifiziert.“  Wossidlo ist Chef eines Betriebs am Fischmarkt, der sich um Sanitär-, Heizungs- und Gasanlagen kümmert. Mit den Auszubildenden hatte er nach eigener Aussage immer „Pech“, weil sie „nicht mit dem Herzen dabeigeblieben sind“. Viele Kollegen wollen schon gar nicht mehr ausbilden. Doch: Wo keine Azubis sind, gibt es später auch keine Fachkräfte. „Alle haben die Nase voll vom Fachkräftemangel“, sagt Wossidlo.  Laut des Bundeswirtschaftsministeriums betrachten schon jetzt mehr als die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland den Fachkräftemangel als Risiko. Besonders betroffen sind Berufe aus dem Handwerk, der Metall- und Elektroindustrie, dem MINT-Bereich (Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sowie dem Gesundheitssektor. […..]

(MoPo, 05.10.2021)

Wenn man mit Embolie oder Brüchen 12 Stunden unbehandelt in Notaufnahmen hockt und dabei auch noch von völlig überlasteten Pflegern angemeckert wird, wenn sich die Personalnot in Pflegeheimen und Kliniken laufend verschlimmert, weil die milliardenschweren Klinikkonzernbesitzer nicht willens sind, medizinisches Personal auszubilden oder gut zu bezahlen, dann müssen die Nachfolger der Markt-gläubigen Sinnlosminister Spahn und Altmaier gewaltig auf den Tisch schlagen.


[…..] 965 der 1.942 Krankenhäuser in Deutschland haben im Jahr 2017 Pflegefach­kräfte ausgebildet. Das sind weniger als 50 Prozent, wie aus der Antwort des Bundes­ge­sundheitsministeriums auf eine schriftliche Anfrage der pflegepolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Bun­destag, Pia Zimmermann, hervorgeht. […..]

(Ärzteblatt, 12.08.2019)

Gesundheitsversorgung sollte ohnehin eine hoheitliche Aufgabe sein und nicht ermöglichen, daß Superreiche wie der Multimilliardär Bernd Broermann jährlich so horrende Gewinne aus seinen Asklepios-Kliniken abzieht, daß er gar nicht mehr weiß, was er mit alle den Milliarden tun soll und deutschlandweit willkürlich Luxushotels aufkauft.

Wenn Patienten schlecht und falsch behandelt werden, weil Broermann viel zu wenige Pflegekräfte einstellt und über die Hälfte der Krankenhäuser gar nicht ausbilden, funktioniert der Markt nicht.  Dann müssen die Krankenschwestern so gut bezahlt werden wie amerikanische Travel-Nurses.

[…..] Sie kündigen, verkürzen ihre Arbeitszeit oder wechseln in andere Krankenhäuser: Dem UKE gehen die Intensivpfleger aus. So schildern es Mitarbeiter in einem Brandbrief an die Chefetage. Grund für die Personalflucht seien eine chronische Unterbesetzung und aus ihrer Sicht unmenschliche Arbeitsbedingungen. Darunter leide nicht nur das Personal, sondern auch die Patienten, die nicht mehr adäquat versorgt werden könnten. […..] Auch die Hygiene leide dem Brief zufolge: „Leider passiert es des Öfteren, dass Patient:innen eine beträchtliche Zeit in ihren eigenen Fäkalien liegen müssen“, heißt es dort. An eine empathische Begleitung von Patienten und Angehörigen sei schon lange nicht mehr zu denken. All diese Faktoren können laut den Pflegern die Liegezeit verlängern und das Sterberisiko erhöhen. […..]

(MoPo, 28.09.2021)

Die nächste Bundesregierung muss unbedingt durchgreifen und das Totalversagen des Marktes ausgleichen.

Was für eine unerträgliche Absurdität, daß maßgebliche Kräfte bei den Grünen immer noch den unteren Einkommensschichten in den Rücken fallen wollen und wie Habeck und Baerbock, nach wie vor Gefallen an einem Bundeskanzler Laschet finden, sich lieber mit FDP und CDU und CSU zusammentun, drei Parteien, die allesamt gegen Mindestlohn sind und Superreiche noch reicher machen wollen.

Zum strikt weißen, nicht diversen Grünen Verhandlungsteam gehören außerdem die ausgesprochenen CDU-Fans Ministerpräsident Winfried Kretschmann, sowie die beiden Hamburgerinnen und früheren Akteurinnen im CDU-Beust-Senat Anja Hajduk und Katharina Fegebank, die wie zu erwarten ebenfalls für Jamaika trommeln.

Es bleibt zu hoffen, daß sich die kollabierende CDU selbst aus dem Spiel nimmt.

Es bleibt zu hoffen, daß die Grüne Jugend rebelliert. Die Grünen Spitzen sind durchaus willens, erneut den schlecht bezahlten Bürgern in den Rücken zu fallen.

Robert Habeck erinnert an die Situation in Schleswig-Holstein 2017. Auch dort gab es rechnerisch zwei Regierungsoptionen: Ampel und Jamaika. Wie heute im Bund, lagen die Grünen vor der FDP, hatten also die auschlaggebende Stimme. Sie wollten lieber mit der CDU, als mit der SPD regieren.

Auch in BW gab es im März 2021 eine Mehrheit Links der Union.

Aber wieder waren es die Grünen, die sich weigerten und trotz linker Mehrheit lieber mit der CDU eine Koalition bildeten.

Die Grünen Wähler liebten es und belohnten die Grünen mit Zuwächsen.

Montag, 4. Oktober 2021

Wenn Sprache nervt.

Als ich vor Äonen anfing zu studieren; es ist bald dreieinhalb Jahrzehnte her; kam die Nachricht über den Studienplatz erst eine gute Woche nach Semesterbeginn vom „Akademischen Auslandsamt“. Es war Sommersemester, in dem eigentlich kein Platz für Nichtdeutsche vorgesehen war. Ich rückte nach, als ein Biodeutscher absagte.

Schlau wie ich war, hatte ich mich vorher noch keine Sekunde mit der Uni beschäftigt, wußte nicht wo die Gebäude sind, geschweige denn wo mein Fachbereich war. Es war eine sehr peinliche Durchfragerei bis ich in einem Bibliotheks-Nebensaal landete, in dem die sechswöchige STEP (Studieneingangsphase) stattfand. Jeden Tag von 08.00 bis 18.00 mit durchgetaktetem Stundenplan. Ich kam um 10.00 Uhr. Wie früher in der Schule, waren mehrere kleine Tische zu Gruppen à 10 bis 12 Leute zusammen geschoben. Es gab sechs dieser Gruppen und alle waren mit „gruppendynamischen Spielen“ zum vertieften Kennenlernen beschäftigt. Natürlich kannten sich nach zehn Tagen schon alle per Namen, wußten wo sich welche Labore befinden, verstanden die bizarren Akronyme der Stundenpläne. Gruppendynamische Spiele sind schon per se sagenhaft peinlich, aber für mich steigerte sich die Peinlichkeit ins Unendliche, da ich a) nicht wußte zu welcher Gruppe ich sollte, mich b) auch keiner aufnehmen wollte und ich c) dann aufgefordert wurde mich vorzustellen. „Erzähl‘ mal was von Dir, wieso bist Du hier, was sind Deine Hobbys, was erwartest Du von dem Studium“.

Da wir unter Naturwissenschaftlern waren, handelte es sich bei den Typen vor mir (unter ihnen nur eine Frau) ausschließlich um Nerds, die große Brillen, Bundfaltenhosen und irgendwelche unscheinbaren Shirts trugen.

Sie starrten mich ungläubig an, denn ich war definitiv kein Nerd, sondern erschien als Cure-hörendes Kind der 80er mit sehr sehr viel Haarspray in den sehr vielen, blauschwarz gefärbten Haaren, spitzen Schnallen-Schuhen und trug selbstverständlich ausschließlich schwarz.

In meinem Bemühen, keine privaten Einblicke zu geben, plapperte ich irgendetwas darüber, wie ich mir Studenten vorstellte. Alle drehten sich um, plärrten mich mit „das heißt StudenTINNEN!“ an.

Hamburg, 1980er und es wurde eifrig gegendert. Gerade in der sehr stark männlich dominierten Naturwissenschaftler-Szene, gab man sich große Mühe bei  jeder Gelegenheit Frauen sprachlich zu inkludieren.

Einmal versuchte ich die Verwendung des Wortes „Professoren“, satt „ProfessorInnen“ zu rechtfertigen, weil wir in unserer Fakultät tatsächlich nur Männer auf den C2-, C3 und C4-Stellen sitzen hatten.

Wozu von ProfessorIn sprechen, wenn es ohnehin nur Männer sind?

Es gehe ums Prinzip, wurde mir bedeutet. Schließlich gäbe es Doktorantinnen und auch Habilitantinnen. Wir würden sprachlich schon darauf hinarbeiten, daß bald auch die erste Professorin eingestellt würde.

Mir kam es damals so mittelsinnvoll vor, aber um nicht anzuecken, gewöhnte ich mir Umschreibungen an, die dem Ohr nicht wehtaten. Die Studierenden. Die Lehrenden.

Spoiler; ich erinnere mich deshalb so gut an diese peinliche Situation, da ich nach meinem Vordiplom selbst vier Semester als STEP-Tutor arbeitete und versuchte die zehn mir jeweils anvertrauten Menschen dazu zu bringen, sich im Labor nicht selbst umzubringen und dabei möglichst die peinlichen Gruppendynamik-Spiele zu umschiffen.  Es stellte sich allerdings raus, daß anderen Menschen viel weniger peinlich ist als mir.

Ich traute mich als Neuling beispielsweise kaum einen der Tutoren/Assis mit Laborfragen anzusprechen, weil ich immer überlegte, ob es sich dabei womöglich um etwas handelt, das man eigentlich an meiner Stelle längst wissen sollte. War nicht der Unterschied zwischen Schule und Uni, daß man nun selbstständig lernte?

Als ich später Tutor war, kamen meine ehemaligen Tutanden auch noch lange nach dem STEP-Ende zu mir und erklärten mir abendfüllend, welche Versuche sie gerade durchführten. Sehr rätselhaft, denn ich hatte die gleichen Versuche nicht nur als Erstsemester selbst absolviert, sondern auch noch mehrfach als Tutor betreut. Ich wußte was das sollte. Wieso erzählt mir ein blutiger Anfänger noch mal alles? Ebenso gut könnte ich zu Hertha Müller gehen, um ihr zu erklären, wie man ein Buch schreibt.

Als Tutor hätte ich niemals den frisch bei mir eintrudelnden AbiturientInnen und Abiturienten, einen besonderen Sprachgebrauch aufgezwungen, verwendete aber selbst nicht das gesprochene „Binnen-I“ und formulierte meine Aufgabentexte an die Quietscher neutral.

Nach meinem damaligen Gefühl war die perfekt ausgewogene Gendersprache eine Milieu-Frage. Im Hochsicherheits-Biochemielabor würde einem sicher niemand den Kopf abreißen, wenn man die Privatdozenten ansprach, ohne mit dem Wort „PrivatdozentInnen“ die Notwendigkeit zu betonen, auch Frauen den Job zu geben.

Bewarb man sich auf einer Liste für das „Studierenden-Parlament“ und diskutierte im ASTA über Hochschulentwicklung, war das ein politisches Umfeld, in dem sensible, inkludierende Sprache wichtig wurde.

Aber schon in den 80ern war die Zeit der politisch aktiven StudentINNEN lange vorbei.  Das StudentINNEN-Parlament wurde mit einer beschämenden 15%-Wahlbeteiligung gewählt; kaum einer interessierte sich angesichts der randvoll gepackten Prä-Bologna-Studienpläne für Aktivitäten, die nicht unbedingt für Prüfungen notwendig waren.

Das Verb „gendern“ war damals noch nicht erfunden; daher hatte ich auch keine Meinung dazu. Das geschriebene Binnen-I empfand ich als studentische Kuriosität. So what? Studenten sind in der Regel ohnehin sehr eigenartig und meistens unsympathisch in ihrer Überzeugung, eine künftige Elite zu sein und unheimlich wichtig zu erscheinen. Dann sprach ich eben unter StudentInnen auch feminin-sensibel und in meinem privaten Umfeld nicht.

Als ganz junger Mann war ich durchaus Feminist, hielt es für beschämend, vor einem rein männlichen Lehrkörper zu stehen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, Frauen könnten grundsätzlich weniger als Hochschullehrkräfte qualifiziert sein.

Es dauerte aber noch zehn, 20 Jahre bis ich mir vollständig über systemische Misogynie im Klaren war, begriff was es für die Generation meiner Mutter bedeutete, von ihren Eltern selbstverständlich auf eine Hauswirtschaftsschule geschickt zu werden, während der Bruder studierte oder das Geschäft übernahm, den Namen weiterführte.

Das kam alles nur in Frage, weil er einen Penis hatte, während die Kinder mit Vagina kein Abitur brauchten und (wie mein Opa noch in den 1950ern befand) eben reich heiraten müssten, wenn sie es mal besser haben wollten.

Ich wußte schon als ganz junger Mann, daß es „früher“ nun mal so war, nur den männlichen Kindern alle Chancen einzuräumen, obwohl natürlich auch die Töchter geliebt wurden.

Aber erst später wurden mir die psychologischen Auswirkungen bewußt, die es haben musste, wenn man als in den 1920ern, 1930ern oder 1940ern geborenes Mädchen a priori von dem gesamten Umfeld ganz selbstverständlich wahrnimmt, für anspruchsvolle, verantwortungsvolle Positionen ohnehin nicht in Frage zu kommen. Natürlich gab es schon viel früher einzelne sehr bedeutende Wissenschaftlerinnen und intellektuelle Frauen. Marie Curie (*1867), Marion Gräfin Dönhoff (*1909) oder die promovierte Chemikerin Hildegard Hamm-Brücher (*1921).

Aber das waren nicht einfach Frauen, die zufällig intelligent geboren wurden und sich durchbissen, sondern das  waren außergewöhnliche Genies, die viel besser als die allermeisten Männer waren.

Was ist mit einer Frau, die einen IQ wie ein durchschnittlicher Physiker oder Mathematiker hat? Wird sie auch Physikerin oder Mathematikerin?

Leider nur mit einer kleineren Wahrscheinlichkeit als ein Mann, weil ihr mutmaßlich unterbewußt schon als Kleinkind suggeriert wurde, welches ihre passende Rolle ist.

Einige Frauen tun sich in der Fahrschule sehr schwer mit dem Einparken. Das ist nicht so, weil sie in irgendeiner Form geistig benachteiligt wären, sondern ein psychologischer Effekt davon, 18 Jahre lang immer Witze darüber zu hören, daß Frauen nicht einparken könnten. Natürlich gibt es durch gezielte staatliche Bemühungen die MINT-Fächer für Mädchen attraktiv zu machen Fortschritte. Höhere Frauenanteile unter den MINT-Studierenden.

Ich bin aber ganz bei Alice Schwarzer und Anja Rützel, wenn ich einen gewissen Backlash durch die elenden sozialen Medien und die vielen Trash-TV-Sendungen diagnostiziere. Unendlich viele „Influencerinnen“ transportieren ein Frauenbild, das nur äußerlich definiert ist. Gestraffte Brüste, gespritzte Lippen, extensionierte Haare, perfekte Schminke – und all das, um den Traummann zu finden. Den Versorger und Beschützer, für den sie stets möglichst bumsbereit bei der GNTM-Bachelor-Love Island posiert.

Das Uni-Gendern der 1980er störte mich nicht; es war nur Sprache, die man kurios finden konnte und nach Belieben mit verwendete oder nicht.

Sehr viel schlimmer fand ich die Rechtschreibreform von 1996, weil dort tatsächlich Regeln verändert wurden. Damit wurde das bisherige Schreiben ausdrücklich falsch.

Im Gegensatz zum Gendern gab es für die Rechtschreibreform gar keinen Sinn. Sie war absurd und überflüssig. Angeblich sollte sie die Schriftsprache vereinfachen. So wurde aus „daß“ ein „dass“. Das ist hochgradig absurd, weil die grammatikalischen Regeln, die zwischen DAS als Artikel und DASS als Konjunktion unterscheiden, dieselben blieben. Wer vorher nicht wußte, ob es „das“ oder „daß“ heißen muss, wußte anschließend genauso wenig, ob es „das“ oder „dass“ geschrieben wird. Gegen diese hanebüchenen Unsinn wehre ich mich bis heute, indem ich privat weiter das „ß“ verwende.

Eine sich verändernde Sprache, die wie beim Binnen-I oder dem Binnen-* auch neue Schreibweisen mit sich bringt, ist aber kein Zwang, sondern Angebot. Ein Angebot, welches nicht willkürlich und ohne Sinn aus „daß“ ein „dass“ macht, sondern das humanistische Werte ausdrückt.

Ein deutscher Landesparteichef, der stramm rechts stehende  Hamburger CDU-Vorsitzende Ploß, der 1985 in Hamburg geboren wurde, als man schon das Binnen-I an der Uni Hamburg sprach, kannte im Bundestagswahlkampf 2021 nur ein Thema , nämlich das Gendern zu verbieten. Er will also einen Zwang einführen, mit der Begründung, es dürfe kein Zwang eingeführt werden. Ich bin froh, daß er statt eines Direktmandates wie 2017 dieses mal nur auf Platz drei landet, landesweit überdurchschnittlich 12 Prozentpunkte verliert und damit die Hamburger CDU bei nur 15% aufsetzt. Das ist die gerechte Strafe.

Eine Berliner Juristin erzählte mir neulich empört, sie habe ihr Tagesspiegel-Abo gekündigt, weil sie das Gendern nicht ertrage und sich weigere diese „Vergewaltigung der Sprache“ zu finanzieren. Nun soll es ein FAZ-Abo werden; da werde die schöne deutsche Sprache noch gepflegt.

Ich kann mich nur wundern. Wir haben ungefähr zur gleichen Zeit studiert; wie kann ihr das Binnen-I nun nach 35 Jahren erstmals so störend auffallen? Ich lese gendernde Presse (taz, mopo) und nicht Gendernde (SZ, Abendblatt, Spiegel).

Vereinzelte „*“ und „I“ in den Worten stören mich nicht. Es bleibt schließlich mir überlassen, wie ich rede und ich verstehe die gute Absicht dahinter.

Ganz anders ist es bei Rezo-Videos. Der Mann schreibt nicht; ich muss ihm zumindest hören und das ist mir nahezu unmöglich, da er die deutsche Sprache mit einer Vielzahl von völlig überflüssigen Anglizismen derartig verballhornt, daß es meinen Ohren weh tut. Ich kann beim besten Willen keine Notwendigkeit dafür erkennen „walken“ statt gehen, „talken“ statt sprechen, „weird“ statt eigenartig zu verwenden.

Und ich behaupte, dabei handelt es sich eben nicht um Jugendsprache, weil die Mehrzahl der Teens und Twens sich nicht dieser denglisch-Kunstsprache der selbsternannten Influencer bedient.

Wie jeder Ü50 zu allen Zeiten, finde ich einige Jugend-Ausdrücke albern und nervig – cringe, krass, OMG – aber das ging der Generation vor mir auch nicht anders, als ich jung war. Sprache darf und soll sich verändern. Natürlich kommen neue Vokabeln hinzu. Wer wußte vor drei Jahren schon, was ein heute so gebräuchliches Wort wie „Pandemie“ oder „Inzidenz“ bedeutet?

Wenn man aber sein Vokabular künstlich mit Entlehnungen aus dem Englischen versucht hipp und jugendlich klingen zu lassen, schmerzt das. Ich ertrage das nicht und kann daher Rezo-Videos nur wenn es absolut sein muss (zB, wenn es wahlkampfrelevant wird) ertragen. Selbstverständlich darf er reden wie er möchte. Ob es einem 20 Jahre Älteren in Hamburg gefällt, soll und darf ihm herzlich egal sein.

Sonntag, 3. Oktober 2021

Briten in der Patsche

 Schadenfreude, also die Freude über Missgeschicke, Pech, Schmerzen anderer, gilt als besonders deutsches Phänomen. Gelegentlich hört man, Schadenfreude käme ähnlich, wie die panische Angst vor leichten Luftzügen („Zug“) überhaupt nur in Deutschland vor.

Mutmaßlich nivelliert das Internet diesen spezifisch deutschen Humor, so daß man nun global über Videoclips lacht, in denen sich jemand verletzt.

Meine Eltern behaupteten zumindest in meiner Teen- und Twen-Zeit, diese Begeisterung für Schadenfreude nicht aus den USA zu kennen.

(…..) Nur zwei Jahre später also rückte so eine Chemiekatastrophe ganz nah an uns heran. „Bhopal am Rhein“. Gemeint war damit die Baseler Sandoz-Katastrophe.

Am 01.11.1986 brannte eine gigantische Chemikalienlagerhalle ab. Riesige Mengen kontaminierten Löschwasser gelangten in den Rhein, darunter auch Herbizide des Nachbarunternehmens Ciba-Geigy; wie zum Beispiel 400 kg Atrazin.  Der gesamte Rhein färbte sich blutrot.

[…..] Die Giftwelle schob sich rheinabwärts: Sie löschte den gesamten Aalbestand auf einer Strecke von mehr als 400 Kilometern aus, tötete zahlreiche andere Fische und Lebewesen. Bilder von tausenden verendeten Aalen, die aus dem Rhein geborgen wurden, gingen um die Welt. Die Trinkwasserentnahme aus Deutschlands "Schicksalsfluss" wurde bis in die Niederlande für fast drei Wochen eingestellt. Es war eine der größten Umwelthavarien und löste damals, im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe, viele Ängste aus. […..]

(STERN, 01.11.11)

Als Herr Meister, der Gärtner aus dem kleinen Vorgarten in unser Wohnzimmer trat, starren wir gerade auf weihnachtliche Bilder aus Rotterdam.  Inzwischen war die toxische Flut aus der Schweiz im Rhein-Maas-Delta angekommen, alle Fische starben, trieben stinkend an der Oberfläche und die Niederländer mühten sich ab die Kadaver abzuschöpfen.

[…..] Wenigstens 30 bis 40 Tonnen hochgiftiger Substanzen sickerten ins Flußwasser, wie viele es wirklich waren, wird sich nie rekonstruieren lassen. Rund 1200 Tonnen Chemikalien, darunter 900 Tonnen hochgiftiger Verbindungen, waren in der niedergebrannten Lagerhalle gestapelt - genug, um die Bevölkerung von ganz Europa umzubringen.  Mit 3,7 Stundenkilometer Fließgeschwindigkeit wanderte die 70 Kilometer lange Giftschleppe flußabwärts. Am sechsten Tag erreichte sie Bonn. Anfang letzter Woche diffundierten die Giftpartikel vor der niederländischen Rheinmündung in die Nordsee. Vorläufige Schadensbilanz für den Oberrhein: 150000 tote Aale, "riesige Mengen von toten Zandern, Barben und Barschen (Fischereisachverständiger Hartmut Kickhäfer), Vernichtung aller Wasserflöhe, das Absterben der Fliegenlarven zu 80 Prozent, der Wasserschnecken "in erheblichem Umfang" - Störung des ökologischen Gleichgewichts in diesem Flußabschnitt auf lange Zeit. […..]

(SPIEGEL, 17.11.1986)

Herr Meister hatte seine ganz eigene Meinung dazu: „Das gönne ich den Holländern!“

Wir mussten uns wohl verhört haben, starrten ihn ungläubig an.

Aber Herr Meister war überzeugt im Recht zu sein und präsentierte uns vollkommen unironisch seine Erklärung.   Seit 30 Jahren äßen seine Frau und er zu Weihnachten eine deutsche Gans. Dieses Jahr hätten sie erstmals eine Gans aus Holland gekauft und das Biest wäre ja dermaßen zäh gewesen!  In den folgenden Dekaden verwendete ich diese Begebenheit oft als Metapher für das Urteilsvermögen der Deutschen.   (….)

(Herr Meister, 23.07.2019)

Empirisch kann man tatsächlich nachweisen, wie sehr Deutsche im Vergleich zu anderen Völkern zu Missgunst und Neid neigen.

Während Chinesen oder US-Amerikaner, die sich kein teures Auto leisten können, den reichen Nachbarn für seinen Mercedes bewundern und sich an dem tollen Auto erfreuen, ist die naheliegende Reaktion der ärmeren Deutschen, den Lack des Nobelautos zu zerkratzen. Wenn man sich selbst keinen Porsche leisten kann, soll der reiche Nachbar auch keine Freude daran haben.

[….]  Deutsche sehen Reiche als egoistisch, materialistisch und rücksichtslos. Zudem neigen Deutsche stärker zum "Sündenbockdenken" als andere Nationen und geben Superreichen die Schuld an den Problemen dieser Welt. Schließlich reagieren sie eher als Franzosen, Briten und Amerikaner mit Schadenfreude, wenn ein Millionär mit einem Geschäft viel Geld verliert.  Das sind einige Ergebnisse der ersten international vergleichenden Studie zur Einstellung von Europäern und Amerikanern gegenüber Reichen, die vom Institut für Demoskopie Allensbach und von Ipsos MORI in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA durchgeführt wurde. In jedem Land wurden 1000 Personen befragt. Die Ergebnisse sind in meinem soeben im Finanzbuch Verlag veröffentlichten Buch "Die Gesellschaft und ihre Reichen. [….]

(Dr. Dr. Rainer Zitelmann, 11.02.2019)

Ob es an meinem fehlenden deutschen Pass liegt, kann ich nicht sagen, aber ich neige immer eher zu Mitleid, als zur Schadenfreude und habe das Konzept von „gerechter Strafe“ nicht verinnerlicht.  Selbst bei wirklich abscheulichen Menschen, verstört mich die allgemeine Freude über ihr Ableben.

Angela Merkel, die Christin, die sich angeblich auf Werte wie Nächstenliebe beruft, sagte nach der völkerrechtswidrigen Tötung Osama bin Ladens (ohne Gerichtsverfahren) «Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten

Als Atheist und Humanist empfinde ich keine Freude, wenn Menschen getötet werden und halte solche nationalen Strafaktionen inklusive der dubiosen geheimen Entsorgung der Leiche im Meer für falsch.  Dafür braucht es die biblische Rache-Ideologie (Auge um Auge, Zahn um Zahn), die mir fehlt.

Nicolae Ceaușescu, der rumänische Diktator wurde 81-jährig am 25.12.1989 zusammen mit seiner 83-jährigen Frau Elena Ceaușescu erschossen; die Bilder ihrer Leichen genüßlich landesweit verbreitet. Ich empfand keine Freude.

Saddam Hussein, der irakische Diktator wurde 69-Jährig, nachdem er Jahre elend in einem Erdloch hockte, am 30.12. 2006 unter barbarischen Gejohle seiner Henker barbarisch ermordet. Ich war angeekelt.

Muammar al-Gaddafi, der Libysche Diktator, wurde 69-Jährig am 09.09.2011 grausam verstümmelt und schließlich zu Tode gepfählt. Ich fand es widerlich.

Ich weiß nicht, wieso sich die Pfarrerstochter Merkel so über das Sterben eines Menschen freut. Offensichtlich ist das eine religiöse Eigenart. Radikale Muslime sind ebenso wie evangelikale Amerikaner begeisterte Anhänger der Todesstrafe, während wir evolutionären Humanisten staatliches Morden strikt ablehnen.

Natürlich lehne ich Strafen nicht generell ab.

Manchmal sind Freiheitsstrafen schon deswegen nötig, um potentielle Opfer vor gefährlichen Menschen zu schützen; gerade wenn keine Resozialisierung des Delinquenten möglich ist.

Manche Strafen sind als Erziehungsmaßnahmen notwendig.  Dazu gehören beispielsweise die enormen ökonomischen Probleme, die sich gerade im Post-Brexit-England manifestieren. Johnson und 51% der Wähler frönten ihrer Xenophobie, wollten wider alle Vernunft möglichst viele Ausländer aus dem Land werfen.

Nun stehen die Engländer vor leeren Supermarkt-Regalen, weil 100.000 LKW-Fahrer fehlen.

Die ausländerfeindlichen Briten wollten nämlich genau die ost- und südeuropäischen Menschen von den Inseln vertreiben, die solche Jobs erledigen, die Engländer und Waliser nicht selbst machen wollen. Wie sich nun  - völlig überraschend  - herausstellt, gerät die britische Ökonomie ohne Erntehelfer, Lageristen, Wäschereimitarbeiter, LKW-Fahrer und Putzkräfte in erhebliche Schwierigkeiten.

In den letzten beiden Jahren haben mindestens 300.000 Ausländer Groß Britannien verlassen. Ein Traum der UKIP/Brexiteers/AfD/LePen/FPÖ wurde wahr.

Es ist allerdings ein Alptraum.

  […..] Der Mangel an Truckern ist inzwischen so groß, dass sich die Unternehmen die knappen Fachkräfte gegenseitig abwerben, auch das verschärft die Versorgungskrise. »In den vergangenen Wochen haben viele Tanklastfahrer aufgehört, weil sie mehr verdienen, wenn sie für die Supermärkte fahren«, sagt Rod McKenzie, Geschäftsführer des Transportverbands RHA.
Während branchenübliche Jahresgehälter bei rund 42.000 Pfund liegen, bieten Supermarktbetreiber wie Tesco oder Sinsbury inzwischen 50.000 Pfund oder mehr, erzählt er. »Wir haben sogar gehört, dass einmal 75.000 geboten wurden.«
Das lockt derzeit kaum Frauen und Männer ins Führerhaus, aber es treibt die Preise, die wegen der Knappheit bei Energie und Rohstoffen ohnehin klettern wie lange nicht. Im August lag die britische Inflationsrate gegenüber dem Vorjahr bei mehr als drei Prozent, dem höchsten Wert seit Jahrzehnten.
Der Brexit wird unvermeidlich Wohlstand kosten
Es ist eine Krise mit Ansage. Dass die britische Wirtschaft ohne die Arbeitsmigranten in Not geraten würde, sei »lange vorhersehbar gewesen«, sagt Jonathan Portes, Wirtschaftsprofessor am King’s College in London. Bis 2011 war er Chefökonom im Kabinettsbüro des Labour-Premierministers Gordon Brown, der eine vergleichsweise liberale Einwanderungspolitik verfolgte.
Der Brexit, den Browns konservative Nachfolger durchsetzten, brachte das Gegenteil, und das hinterlässt nun überall Spuren. »Die Regierung sollte den Bürgern klar sagen: Das ist der Brexit, dafür haben Sie gestimmt«, sagt Portes. Der EU-Austritt, sei »keine dauerhafte Katastrophe«, aber er werde das Land nun einmal »unvermeidlich Wohlstand kosten«.
[…..]

(DER SPIEGEL, 02.10.2021)

Die leeren Supermarktregale, die Benzinknappheit, die Schrumpfung der Wirtschaft ist eine gerechte, wichtige und notwendige Strafe für England.

Ich kann auch hier keine echte Schadenfreude empfinden, weil mir die andere Hälfte der Briten, die gegen den Brexit stimmte, leidtut.

Aber es ist sowohl für die Inseln, als auch für die anderen EU-Austrittsfreunde in Warschau und Paris notwendig, um einen Erkenntnisprozess einzuleiten, der offensichtlich ohne drastische Nachteile am eigenen Leib nicht vermittelbar ist.

Chaos-Premier Johnson, den die Briten mit überwältigender Mehrheit wiederwählten, überlegte ganz kurz angesichts 100.000 fehlender Trucker doch immerhin 5.000 Rumänen und Polen wieder einreisen zu lassen. In seiner ganzen imperialen Ignoranz, tönte er aber, diese sollten dann bis Weihnachten wieder verschwinden. So macht man sich beliebt im Kampf um Arbeitskräfte. Inzwischen kassierte der blonde Irre in einer nationalen Aufwallung selbst dieses kleine Zugeständnis wieder.

[…..] Britische Benzinkrise Boris Johnson will doch keine ausländischen Arbeiter. Polnische Billig-Benzinkutscher, Deutsche Alt-Führerscheinhalter als Lückenfüller? Braucht Großbritannien gar nicht, sagt Boris Johnson vor dem Tory-Parteitag und verbreitet Optimismus. An dem aber wachsen die Zweifel. [….]

(SPON, 03.10.2021)

Wer nicht hören will, muss fühlen. Und irgendwo kommt in mir doch die klammheimliche Mescalero-Freude, ob der leeren englischen Regale auf.

[….] Being outside the EU single market and customs union imposes bureaucracy and friction at borders that British businesses did not previously face. Ending freedom of movement for EU nationals has drained the labour pool from which many industries recruited. Without agricultural workers, food rots before it can get to market. Without hauliers, goods sit unshipped in depots.  This was all predictable, and predicted. Ending free-flowing EU migration was an advertised benefit of Brexit. The theory was that foreigners were taking jobs from British-born workers or depressing their wages. The gaps should, in that view, now be filled with eager locals. One problem, as businesses warned well in advance, is that migrants were not generally working in dream jobs, surrounded by unemployment. The tasks they did, and the conditions under which they worked, might not appeal to British workers. There might not be slack in the labour market to be taken up. In some fields – haulage, for example – there are also limits to how quickly new recruits can be trained and licensed. [….]

(The Guardian, 25.08.2021)

So wie 75 Millionen Amerikaner auch nach 500.000 Covid-Toten und einem ökonomischen Desaster noch nicht begriffen, daß Trump ein schlechter Präsident war, müssen wohl hartnäckige Brexiteers erst wirklich hungern, um zu verstehen, daß Xenophobie keine gute Politik ist. Mögen sie den selbst angerichteten Clusterfuck als schmerzhafte Lehre akzeptieren.

[…..] It means major retailers such as Sainsbury's and Tesco are warning they are unable to keep all their shops stocked in the way they’d want.

"Their [supermarkets'] number of deliveries decrease over the course of a week, so where they might have been getting five, six, seven deliveries a week that might have gone down to four or five," said retail analyst Bryan Roberts.  "Tesco has already noted that it’s had some issues with food waste as it can’t get it through the system fast enough. "I think we’ll see lots more of these types of issues in the weeks and months ahead because there’s such a shortfall of truck drivers and that will take a long time to remedy because there are thousands that need to be trained." [….]

(EuroNews, 22.07.2021)

Samstag, 2. Oktober 2021

Spinner-Quote.

Zehn Monate sind Corona-Vakzine verfügbar. Seit gut vier Monaten kann sich jeder in Deutschland an unzähligen Stellen unkompliziert und kostenlos seinen Pieks abholen. Priorisierungsregeln sind längst aufgehoben.

Selbstverständlich erreicht man mit solchen Angeboten keine schwäbischen Hardcore-Covidioten, die nicht an die Existenz von Viren glauben; kann rechtsradikale Aktivisten des Schlages Naidoo-Berger-Hildmann nicht einfangen und überzeugt auch nicht die Verschwörungs-affine AfD-Brut in Sachsen. Aber solche Menschen sind ohnehin für die Gesellschaft verloren; da kann man nur Wanderwitzig auf folgende Generationen hoffen.

Viel schwerer erträglich ist aber die Erkenntnis, daß auch ein stabiler Prozentsatz völlig vernünftig wirkender Menschen, die man sogar mag und schätzt, mit denen man sich regelmäßig unterhält, ebenfalls Spinner sind. Das sind keine Covidioten im Sinne von völlig wahnsinnigen Verschwörungstheoretikern, sondern Partial-Debile, die ein weitgehend normales rationales Leben führen.

Die wollen sich immer noch nicht impfen lassen und leiden wie Religioten offensichtlich an einer Inselverarmung, so daß sie einige Hirnareale gänzlich faktenfrei verdrahtet sind, obwohl sie ansonsten ganz normal intelligent sind.

Die sehen die ihnen zweifelsfrei schwarz auf weiß vor Augen gehaltenen Fakten nicht.

Welcher Impfstoff verfügt schon über derartig viele empirische Daten, wurde buchstäblich milliardenfach verwendet, wie die mRNA-Vakzine von Moderna und BionTech? Aber die Partial-Debilen blicken einen seelenruhig an, erklären, daß ihnen einfach nicht genügend Daten vorlägen und sie Myriaden medizinischen Experten nun mal nicht trauten.

Und zwar, das ist das Charakteristikum dieser Inselverarmung, nur beim Corona-Vakzin. Sie fragen nicht nach, wie denn der Grippeimpfstoff gewonnen wurde, den sie jedes Jahr bekommen. Sie wissen nicht wie der Polio-Impfstoff ihrer Kinder hergestellt wird. Wenn sie eine Lungenentzündung, Gürtelrose oder Leukämie bekommen, gehen sie ganz selbstverständlich zu den Ärzten, denen sie bei Corona nicht vertrauen und vertrauen ihnen an, die richtigen Antibiotika/Chemotherapie auszusuchen.

Die Spinner-Dunkelziffer der Bevölkerung ist je nach Spinn-Gebiet unterschiedlich relevant.

Bei einer Pandemie kann man sich keine hohe Spinner-Quote leisten, weil sie zu einer Okkupation der Krankenhäuser durch diese Seuchenfreunde führt und sich unter den Ungeimpften jene Mutanten entwickeln, die womöglich wieder für die Gesamtbevölkerung lebensgefährlich sind.

Harmloser sind die Spinner-Anteile der Bevölkerung, wenn sich ihre Inselverarmung beispielsweise auf Astrologie oder Aberglauben bezieht. Selbstverständlich ist der Glaube an Tierkreiszeichen hochgradig debil, aber es schadet dem rationalen Teil der Bevölkerung nicht, wenn die Teil-Verblödeten Horoskope lesen, Charaktereigenschaften ihrer Kinder mit Sternzeichen korrelieren, vierblättrigen Klee sammeln oder sich weigern in einen 13. Stock zu ziehen.

Dennoch plädiere ich dafür, Partial-Debile lieber nicht mit einflussreichen öffentlichen Ämtern zu betrauen. Wo eine Inselverarmung manifestiert ist, könnten Weitere lauern. Mir fehlt es an empirischen Daten, ob die Wahrscheinlichkeit für eine zweite und dritte Hirnverarmung nicht erhöht sein könnte, wenn die Erste deutlich hervortritt.

Als Beispiel möchte ich die Engel-gläubige bayerische Bischöfin Susanne Breit-Keßler nennen.

[…..] Am Samstag begeht die katholische Kirche das Schutzengelfest. Seinen Ursprung hat der Schutzengelglaube im Judentum, doch auch Buddhismus und Islam kennen Wesen, die über jene, die an sie glauben, eine schützende Hand halten. Neu im Engelskosmos sind „Engelskarten“ für die tägliche spirituelle Orientierung.  (…) Auch für Papst Franziskus sind Schutzengel offenbar keine Fantasiegeschöpfe. Gott schicke jedem Menschen nach kirchlicher Tradition einen Engel, damit er ihn begleite und beschütze, sagte der Papst anlässlich des Schutzengelfests 2014.   […..]

(AMB, 02.10.2021)

Breit-Kessler ist aufgrund ihrer außerordentlichen religiotischen Qualitäten und reduzierten intellektuellen Möglichkeiten eine alte Blog-Bekannte.

In ihren Kolumnen verbreitet die 67-Jährige Oberbayerin hanebüchenen Unsinn, der einen staunend zurück lässt. Man kann ihr aber nicht wirklich böse sein, weil sie offensichtlich nicht klug ist. Ich lasse Milde walten, weil die arme Frau es offenbar wirklich nicht besser weiß.

Religiotie befriedet die Gesellschaft, indem sie die Unterprivilegierten beruhigt, ihnen damit hilft sich mit Ungerechtigkeiten abzufinden. Je mehr Religioten, desto einfacher lassen sich rechtliche und soziale Unterschiede aufrechterhalten, Der Glaube hält die Armen dumm und still.

[….] Religiosität macht arme Menschen glücklicher.

In einer neuen Studie untersucht ein internationales Forschungsteam den Zusammenhang zwischen sozialer Klasse, psychischem Wohlbefinden und Religiosität. Das Ergebnis: Religiosität kann durch Armut verursachte psychische Belastungen abfedern oder gar wettmachen. Die Studie legt außerdem nahe, dass mit fortschreitender Säkularisierung ein niedriges Einkommen immer gravierendere Effekte auf das Wohlbefinden haben wird.  […..]

(Uni Mannheim, 23.09.2021)

Als atheistischer Sozialdemokrat und Staatsbürger möchte ich aber nicht, daß sich „die Unterschicht“ klaglos damit abfindet, wenn kontinuierlich von unten nach oben  umverteilt wird.  Ich plädiere für Fairness, sozialen Ausgleich und Chancen-Gleichheit.

Daher halte ich es für unproblematisch, wenn das schlichte Gemüt Breit-Keßler in TV-Zeitschriften ihren Unsinn verbreitet.

Markus Söder machte diese (mindestens) Partial-Debile aber zur Vorsitzenden des Bayerischen Ethikrates.

Diese Frau ist wie alle Bischöfe Multifunktionärin und sitzt in allerlei staatlichen Gremien.

[…..] Heute ist sie stellvertretende Vorsitzende der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, Vorsitzende des Seelsorgeausschusses der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) sowie Mitglied der Bioethik-Kommission der Bayerischen Staatsregierung und seit 2011 Mitglied im Präsidium der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege. Darüber hinaus ist sie unter anderem Mitglied in der Jury des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises, Vorsitzende der Evangelischen Stiftung Hospiz sowie Mitglied der Bayerischen Volksstiftung und des Bayerischen Bündnisses für Toleranz. Außerdem ist sie Vorsitzende des Dreierrates Grundrechtsschutz, der die Bayerische Staatsregierung dabei unterstützen soll, „den bestmöglichen Ausgleich zwischen effektivem Infektionsschutz und geringstmöglichen Freiheitsbeschränkungen zu finden“. […..]

(Wikipedia)

Ich halte das für gefährlich.

Lasst die Frau privat spinnen, in ihrer Kirche spinnen, in privatwirtschaftlichen Publikationen spinnen.

Sie hat aber in staatliche Kommissionen nichts verloren.

Freitag, 1. Oktober 2021

Impudenz des Monats Oktober 2021

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Eine der bizarrsten Erinnerungen meiner Teenagerzeit war es, zu erfahren, daß gleich drei Mädchen aus meiner Stufe, direkt nach dem Abi schwanger waren und die Brut austrugen.

Endlich mit der Schule fertig, endlich frei sein, endlich selbst entscheiden, was man tun will, wann man aufstehen will und wie man seinen Tag verbringt – das war mein Lebensgefühl. Wie konnte man sich nur freiwillig sofort wieder Fesseln anlegen, so eine Verpflichtung eingehen?

Die Krönung der Groteske passierte einige Jahre nach dem Abi, als ich ausnahmsweise mal wieder in der spießigen Gegend des Gymnasiums war, weil ich für meine Tante eine Bestellung in dem spießigen Einkaufszentrum nebenan abholen sollte und dort mit der spießigen blonden Nina zusammenprallte, mit der ich die Klassen 5 bis 13 verbracht hatte.

Sie trug eine Hochsteckfrisur, ein Kostüm, auffälligen teuren Schmuck, wirbelte demonstrativ ihren Schlüsselbund mit dem BMW-Funkchip und beantwortete die obligatorische „Mensch, und was machst Du so?“-Frage wie folgt:

Sie habe nach dem Abi begonnen Jura zu studieren, das wäre aber sehr hart gewesen. Im zweiten Semester habe sie ihr Prof angesprochen „Frau X, sie sind doch so eine attraktive Frau, sie haben es doch gar nicht nötig sich dieses Studium anzutun!“

Das habe sie gleich überzeugt und daher hätte sie sehr schnell ihren Mann Y kennengelernt, der auf jeden Fall genug verdiente, damit sie nicht arbeiten müsse. Das ein oder andere Gör hatte sich dafür natürlich ausbrüten müssen.

Ich war fassungslos. Mit Anfang 20 war Nina in die nächste Generation gewechselt, erwachsen, Mutter. Ich hingegen gehörte noch zur Jugend, die irgendwas lernte und weit davon entfernt war, sich durch irgendwelche Lebensentscheidungen festzulegen. Von diesen Früh-Erwachsenen hielt ich mich fern, bekam an meinem 30. Geburtstag keine Krise. An den 40. erinnere ich mich gar nicht und mit Mitte 40 wurde ein alter Schulfreund von mir Großvater.

Inzwischen kenne ich mehrere Leute meines Alters, die schon Enkel haben.

Ich verstehe nicht, wie die zwei Generationen weiter springen konnten, während ich immer noch in der Findungsphase bin und darüber nachdenke, was ich tun könnte, wenn ich mal groß bin.

Daß ich eine mit „5“ beginnende Zahl, auf die Frage nach meinem Alter nennen muss, überzeugt mich immer noch nicht davon, selbst erwachsen zu sein.

Es irritiert mich aber zunehmend, wenn ich auf Menschen treffe, die durch ihre Berufe als Ärzte oder Handwerkermeister eine natürliche Autorität ausstrahlen und dabei offensichtlich viel jünger als ich sind.

Fachleute um für mich wichtige Informationen zu bitten, wirkt irgendwie grotesk, wenn es sich dabei um Küken handelt, die erst geboren wurden, als ich schon die Schule hinter mir hatte.

Es gibt aber auch überzeugende Indizien dafür, daß ich womöglich doch selbst erwachsen sein muss.

- Die Großelterngeneration existiert nicht mehr.

- Die Elterngeneration stirbt weg.

- Ältere Menschen, die ich früher für ihr Wissen und ihre Expertise bewunderte, fragen nun mich um Rat.

- Ich durchschaue Zusammenhänge, die mir früher unklar waren.

- Einige Menschen, Bücher, Werke, die ich lange Zeit für ungeheuer klug hielt, sind doch nicht ganz so genial.

- Ich bin in der Lage Entscheidungen zu treffen und dabei den Rat anderer, auf den ich früher gehört hätte, zu ignorieren.

- Junge Leute fragen mich nach Dingen, von denen sie noch nie gehört haben, die mir aber völlig geläufig sind.

- Es existiert eine Generation, die sie „die Jugend“ nennt, die ich nicht mehr versehe.

- Die Jugend beschäftigt sich mit Dingen, für die ich nicht nur kein Interesse aufbringe, sondern bei denen ich sogar froh bin, das ignorieren zu können: Manga, TikTok, Playstation, Tinder, Vollbartmode, Muskelstudios, Tattoos, Podcasts, Bluetooth, Selfies, Anime, Hipster, Intimrasur, Deutsch-Repp, Streaming, ghosten, dick-pick, piercing, Upper-Cut, E-Scooter und…

…..damit kommt ich nach endloser Einleitung zur Impudenz des Monats: Die Jugend wählt FDP! Die Generation 18-25 ist für mich der Blödmann des September 2021.

  […..] Laut Schätzung des Bundeswahlleiters durften bei der Bundestagswahl 2,8 Millionen junge Menschen zum ersten Mal wählen. Viele von ihnen entschieden sich für die FDP: Laut Umfrage von Infratest dimap für die ARD am Wahlabend kamen die Liberalen auf 23 Prozent und lagen damit sogar noch einen Prozentpunkt vor den Grünen. Später justierte das Institut seine Zahlen etwas nach, inzwischen liegen FDP und Grüne bei den jüngsten Wählern gleichauf. In den sozialen Medien lösten diese Ergebnisse dennoch eine Welle des Erstaunens aus, viele reagierten auch hämisch. Tatsächlich wirft die Erhebung Fragen auf: Warum wählen junge Menschen ausgerechnet die FDP, die gemeinhin immer noch als Partei der Ärztinnen und Rechtsanwälte gilt, die Reiche noch reicher machen will und kaum Frauen ins Parlament schickt. Hat die FDP mit ihrem Wahlkampf einen Nerv getroffen?  […..]

(SPON, 01.10.2021)

In den vorherigen 20 Jahren gab es immer wieder schockierende Untersuchungen über das Nazi-affine Wahlverhalten insbesondere ostdeutscher Erstwähler. Eine Jugend, die den Faschisten hinterherrennt, ist selbstverständlich noch abstoßender als der Massenzulauf zum braungelb blinkenden haartransplantierten Porschefahrer-Posterboy Lindner. Weglaufen, wenn es brenzlig wird, ist sein Signature-move.

Aber für rechtsextreme Jugend gibt es beschreibbare Gründe: Antisemitismus, Hass, Xenophobie, Internet-Hetze, persönliche Perspektivlosigkeit, bildungsferner Prekariats-Hintergrund, Sehnsucht nach dem starken Staat/starken Mann, allgemeiner Protest, Gewaltfreudigkeit.

Aber Lindner, der selbstverliebte Voodoo-Ökonomie-Luftikus, der als einzige Programmatik eine „der Teufel scheißt auf den größten Haufen“-Politik anbietet?

Lindner, der zwar mit teuren Statussymbolen und Tittenbildern seiner jungen Freundin auf Instagram prahlt, aber immer wegläuft, wenn es schwierig wird.

Der seit Jahren nichts anderes zu bieten hat, als immer wieder die gleichen schwarz-weiß-Fotos von Fotomodel Christian zu posten und dazu Verblödungsfloskeln wie „Freiheit!“ (als ob irgendeine Bundestagspartei gegen Freiheit wäre!) plakatiert.

Lindner, der nicht nur eine zutiefst unseriöse Wirtschaftspolitik verspricht, sondern seit Jahren immer wieder im braunen AfD-Fäkalienbecken nach Wählern fischt.

Seine Affinität für ganz rechte, verschwörungstheoretische und ausländerfeindliche Positionen war auch schon vor seinem aberwitzigen Kemmerich-AfD-Coup in Thüringen offensichtlich.

Sehr viel schlimmer ist es, daß Linder die Ausrichtung seiner Partei, die schon immer Berührungen mit dem rechtsextremen Spektrum hatte, seit Jahren immer stärker an die AfD anlehnt.  Die Lindner-FDP ist ein Gauland-Appendix.

(….) Die FDP suche nun ihren Platz weit rechts der Mitte zwischen CDU/CSU und AfD.

Wieder muß ich Jörges zustimmen; die Christian-Linder-Partei (CLP) wird rapide unsympathischer.

Ungeniert feuert der Chef aus der rechten Ecke.

[…..] In einem Interview mit dem Magazin "Stern" wendet sich Linder recht offensichtlich an die Menschen am rechten Rand des Wählerspektrums. "Warum sind so viele Deutschtürken keine Verfassungspatrioten?", fragt Lindner darin. Deutschland sollte beginnen, sich "offensiver zu seinem großartigen liberalen Grundgesetz zu bekennen".   Der FDP-Chef befand in diesem Zusammenhang außerdem: Der türkischstämmige Fußballer Mesut Özil soll vor Spielen der Nationalmannschaft die deutsche Hymne mitsingen.  Lindner kritisierte zudem die Flüchtlingspolitik der Bundesreagierung. "Unsere Zuwanderungspolitik benötigt eine Generalinventur", sagte er dem "stern". "Wer bleibt, den müssen wir uns aussuchen. Da sollte das Ziel der Integration viel stärker die deutsche Staatsangehörigkeit sein."  Das Interview von Lindner sorgte in den sozialen Medien schnell für Wirbel. Vor allem der Satz über Mesut Özil missfiel vielen Lesern. "Leute zwingen, eine Hymne zu singen - ist das liberal?", fragte etwa einer. […..]

(HuffPo, 26.04.2017)

Die FDP in der Nähe der AfD scheint zu funktionieren. Petrys Umfragezahlen werden kleiner, die FDP kratzt schon wieder an den 10%. Braun kommt immer an in Deutschland.

Bezeichnenderweise verwendet der eher linke Grüne Jürgen Trittin heute die gleiche Wortwahl wie CDU-General Tauber vor vier Monaten:

   [….] CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat FDP-Chef Christian Lindner scharf attackiert. Zwei Tage nach dem Dreikönigstreffen der Liberalen, bei dem Lindner die Union erneut wegen ihrer Flüchtlings- und Sicherheitspolitik kritisiert hatte, warf Tauber dem FDP-Chef überhebliches Verhalten vor. Das provoziere ein erneutes Scheitern der Liberalen wie bei der Wahl 2013.
  Damals hatte die FDP bei der Bundestagswahl nur 4,8 Prozent der Stimmen geholt und ist seitdem nicht mehr als Fraktion im Bundestag vertreten. "Der Grund, warum die FDP damals aus dem Bundestag geflogen ist, war nicht die CDU, sondern sie selbst", sagte Tauber der Bild am Sonntag. "Und mit seinem selbstherrlichen Auftreten tut Herr Lindner gerade alles dafür, dass sie es wieder nicht schafft. Dann wäre die FDP erledigt." Lindners Auftreten erinnere ihn an den stellvertretenden Parteichef der Alternative für Deutschland, sagte Tauber: "Er redet teilweise wie Herr Gauland von der AfD. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er statt eines abgewetzten Tweed-Sakkos einen überteuerten Maßanzug trägt." […..]

(SZ, 08.01.2017)  

Das ist schon eine sehr ekelige Allianz mit den Rechten, die Türkei-Basher Lindner anstrebt.

Von taz bis WELT, von Linke bis CSU stehen Medien und Parteien in Deutschland ausnahmsweise zusammen, wenn es um die Menschenrechtsverstöße unter Präsident Erdoğan geht. Einheitlich fordert man die Freilassung Deniz Yücels und all der anderen inhaftierten Journalisten in der Türkei.  Aber rechts von der CSU, bei denen, die Lindner anvisiert sieht das anders aus. (…..)

(Türken-Twitter, 27.04.2017)

Nachdem die FDP aus der Hamburger Bürgerschaft flog, schien sich Lindner voll auf die Greta-hassenden FFF-Kritiker des rechten Spektrums zu konzentrieren.

Aber offensichtlich kann er nicht seriös.

Selbst in der Corona-Megakrise, in der doch Konsens sein sollte nun zusammen zu halten und die staatlichen Maßnahmen zu unterstützen, kann er nicht anders als ganz rechts zu framen. Sich bei Identitären und Reichbürgern, bei JF und PP ins Gespräch zu bringen.

[….] Der jetzige Zustand darf keinen Tag länger dauern, als es medizinisch geboten ist. [….]

(CL, März 2020)

Als ob irgendjemand in Deutschland ein Interesse daran hätte, die jetzige Krise unnötig in die Länge zu ziehen.  Solche Sätze kommen harmlos daher, sind aber infam. Weil als Huckepack-Botschaft das Geraune von irgendwelchen finsteren Kräften mitschwingt, vor denen uns nur neoliberale Selbstdarsteller wie Lindner beschützen können.

(Lorenz Meyer, 30.03.20) (….)

(Christian Brauner, 30.03.2020)

Für diesen Lindner erwärmen sich nun als die Erstwähler.

Nun weiß ich es nicht nur rational, sondern habe auch emotional begriffen:
Ich verstehe die Jugend nicht, finde sie nicht sympathisch, will ihr nicht nacheifern und mache mir große Sorgen bei der Vorstellung, wie Leute mit so einem mangelnden Urteilsvermögen die Zukunft gestalten sollen.

Ich bin gern alt und gehöre nicht zur Quietscher-Generation. 

Donnerstag, 30. September 2021

Die Partei der Besserverdienenden

Eigentümlicherweise sind immer noch überproportional viele Journalisten FDP-affin und halten Lindners Liste für besonders kompetent in Wirtschaftsfragen.

Der Grund dafür ist offensichtlich, daß FDPler von sich selbst hartnäckig behaupten, ökonomische Expertise zu besitzen.

Belegt ist eher das Gegenteil. Von 1969 bis 1998 stellte die FDP ununterbrochen den Bundeswirtschaftsminister. In diesen 29 Jahren sind die Innovationen eingeschlafen, die FDP trieb den Spitzensteuersatz auf sagenhafte 56% hoch und schuf einen undurchdringlichen Dschungel aus Subventionen und Quersubventionen. Jeder, der Parteispenden an die FDP leistete, wurde irgendwann von „liberalen“ Ministern mit irgendwelchen Subventionen aus der Steuerkasse belohnt.

Von den kläglichen schwarzgelben Merkel-Jahren, als die Gurkentruppen-Minister Rainer Brüderle (2009-2011) und Philipp Rösler (2011-2013) im Wirtschaftsressort debakulierten, möchte ich höflicherweise gar nicht erst anfangen. Ich behaupte; auch glühenden FDP-Wählern wird keine segensreiche Tat der beiden Minister einfallen.

Man hätte die Frage nach dem Wirken der Fehlbesetzungen in den letzten Wochen vielleicht dem einzig noch aktiven FPD-Politiker jener Jahre, dem damaligen FDP-Generalsekretär, einem gewissen Christian Lindner, stellen sollen.  

In mehreren Post-Wahlsendungen und Artikel höre/lese ich empörte Vorwürfe an den SPD-Parteichef Walter-Borjans wegen seiner undiplomatischen Attacke auf die FDP, der er, genau wie sein Vize Kühnert, vorwarf „Voodoo-Ökonomie“ betreiben zu wollen. Liberalen-Freund Plasberg ging den stellvertretenden SPD-Parteichef Kühnert scharf an, weil er Christian Lindner „Luftikus“ genannt hatte.

1.
Ja, das ist undiplomatisch.

2.
„Luftikus“ stammt aus dem Wahlkampf und ist weit harmloser als die Bezeichnungen, die sich Kühnert aus Reihen der FDP anhören musste.

3.
Inhaltlich sind „Voodoo-Ökonomie“ oder „Luftikus“ durchaus richtig. 30 Milliarden Steuersenklungen für Superreiche, Schuldenbremse und Investitionen gleichzeitig sind unmöglich.

[…..] SPD-Vorstandsmitglied Kevin Kühnert kritisiert die FDP-Steuerpläne als nicht vereinbar mit dem Ziel stabiler Staatsfinanzen. Nach Ansicht führender Wirtschaftsforschungsinstitute hätten die Liberalen ein „ziemliches Voodoo-Programm“ vorgelegt, sagt der SPD-Linke in der ARD und fügt hinzu: „Steuern runter - auch für Superreiche. Investitionen hoch, aber gleichzeitig Schuldenabbau.“  Irgendwas davon werde am Ende nicht funktionieren. „Und wenn die FDP mitregieren möchte, dann wird sie sich, glaube ich, in den nächsten Tagen zu solchen Fragen noch mal verhalten müssen.“ [….]

(Tagesspiegel, 27.09.2021)

Lindners Liste vertritt den klassischen Trickle-Down-Ansatz: Großzügige Steuererleichterungen für die Superreichen, damit diese dann investieren und so der Wohlstand bis in die untersten Einkommensschichten durchsickert.

Es gibt ein winziges Problem an dieser immer wieder zB in GB und den USA von konservativen Regierungen versuchten Politik: Sie funktioniert nie!
Damit häufen die Neoliberalen und Rechten einen enormen Schuldenberg und gleichzeitigen Investitionsstau an. Die Vermögen der Superreichen steigen immer rasanter, während die Infrastruktur zerfällt und Arbeitsplätze deregulierterweise nach Asien und Afrika verschwinden.

Und dann müssen die demokratischen Präsidenten Clinton und Obama kommen, um den Schlamassel wieder aufräumen.

In einem der Trielle wurde Laschet bedrängt, wieso er Erbschafts- und Vermögenssteuern strikt ablehne, stattdessen aber Superreiche steuerlich entlasten wolle.

Er setzte zu einer tränenrührigen Geschichte über kleine Handwerksbetriebe an, denen durch die Vermögenssteuer die Substanz besteuert würde, so daß sie Konkurs anmelden müssten.

Das ist selbstverständlich großer Unsinn. Noch nicht mal bei Jusos oder der Linken plädiert jemand für eine Vermögenssteuer, die das Betriebsvermögen kleiner oder mittlerer Firmen abgreift.

Es wäre in einem Gesetz leicht zu regeln, daß auch superreiche Unternehmer, wie zB die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin ihr „Vermögen“ behalten sollen, wenn es in einem Unternehmen steckt und damit  viele Arbeitsplätze, sowie Staatseinnahmen (Gewerbesteuer, Mehrwertsteuer) generiert werden.

Ich denke, kein Bundestagspolitiker, auch wenn er noch so links ist, will solchen Unternehmern ihre Firmen kaputt machen.

Zum großen Ärger gerade auch der persönlich haftenden Unternehmer und Familienfirmen, werden sie bei der Diskussion über Superreiche aber in einen Topf geworfen mit parasitären Existenzen, die durch reinen Besitz (Aktien oder Immobilien) von ganz allein immer reicher werden, ohne daß sie dafür einen Finger krumm machen.

Zudem können die reichsten 0,01% das Steuersystem beliebig austricksen, um sich der Solidarität gänzlich zu entziehen.

(….)  Warren Buffett erzählte schon vor 20 Jahren, daß seine Sekretärin mehr Steuern als er bezahle.  (….) Warren Buffett zahlt weniger Steuern als seine Sekretärin Debbie Bosanek; geschätztes Jahreseinkommen: 50.000 Dollar, für die sie etwa 36 Prozent Steuern zahlt. Ihr Boss zahlt gute 14%.   Multimillionär Mitt Romney zahlte 12,9% Steuern auf seine 22 Millionen Dollar Kapitaleinkünfte.

Das ist so offensichtlich ungerecht, daß amerikanische Millionäre schon seit Jahren regelrecht darum betteln mehr Steuern zu zahlen.

[….] "Erhöht die Steuern für Millionäre". Das fordern nicht etwa linke Aktivisten, sondern 80 Vermögende aus New York. Unter anderem unterzeichneten George Soros, Steven Rockefeller und Abigail Disney den offenen Brief, der am Dienstag veröffentlicht wurde.  Das Schreiben ist an den demokratischen Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, gerichtet. Aus Sicht der Unterzeichner sollten Top-Verdiener mehr für Schulen, Straßenbau oder Programme für Arme und Obdachlose bezahlen. […..]

(Huff Po, 21.03.2017)

Andere Superreiche denken stattdessen lieber an ihr eigenes Wohl und spenden für Konservative.  Für ihr intensives Däumchendrehen und konzentriertes Chillen wuchs beispielweise das Vermögen der Susanne Klatten, geborene Quandt, im vergangenen Jahr um zwei Milliarden Euro.

Susanne Klatten gewinnt zwei Milliarden Dollar hinzu  [….] Schwer genervt ist Susanne Klatten, 54, wenn sie immer nur als die reichste Frau Deutschlands tituliert wird. "Das beschreibt den Menschen nicht, das beschreibt nur einen Status", klagte die Multimilliardärin im vergangenen Sommer in der Zeit. [….] Umso besser läuft es bei BMW. Gemeinsam sind die Geschwister - ihre Mutter Johanna ist vor zwei Jahren gestorben - Großaktionär. Die Dividende wird erneut angehoben, und die Quandt-Erben bekommen alleine etwas mehr als eine Milliarde Euro ausgeschüttet. Auch viele andere Beteiligungen laufen gut, zur Freude Klattens. Gerade wurde wieder die Liste der reichsten Menschen der Welt veröffentlicht, berechnet von dem auf die Superreichen spezialisierten US-Magazin Forbes. Für Susanne Klatten reicht es in der Hitliste auf Platz 38, ihr Vermögen wird jetzt auf 20,4 Milliarden Dollar taxiert, immerhin knapp zwei Milliarden Dollar mehr als 2016. Der jüngere Bruder Stefan Quandt liegt mit 18,3 Milliarden Dollar auf Platz 47. [….]

(Caspar Busse, SZ vom 22.03.2017)

Ich bin übrigens gar kein Linksradikaler, der Frau Klatten und Herrn Quandt alles wegnehmen will. Reichtum an sich stört mich nicht. Ich halte es durchaus für möglich, daß anständige Menschen, die sozial denken mit moralisch akzeptablen Methoden sehr reich werden.   Meinetwegen kann Frau Klatten gern Milliardärin bleiben.   Es stört mich nur, wenn Superreiche steuerlich besser gestellt werden als Normalverdiener, daß es offensichtlich möglich ist mit einem Heer von Anwälten und Steuerberatern die Abgabenlast gen Null zu drücken.  Für Einkommens-Multimillionäre sollte eine staatlich festgelegte Mindeststeuerquote gelten, von der nichts abziehbar ist. (Stichwort „Buffett-Steuer“)

Es ist darüber hinaus schon recht ekelhaft, wenn wiederholt der Eindruck entsteht, die Quandt/Klatten-Familie erhielte ihren jährlichen Geldsegen insbesondere durch ihre Finanzierung der CDU

[….] Eine Spende mit Geschmäckle: 690.000 Euro überwies die BMW-Eignerfamilie Quandt der CDU, Kanzlerin Merkel erstritt Schonung für deutsche Autokonzerne bei EU-Abgasnormen. [….] Die drei Mitglieder der Quandt-Familie haben laut der Bundestagsverwaltung der CDU am vergangenen Mittwoch insgesamt 690.000 Euro an Spenden zukommen lassen. Gemeinsam halten sie 46,7 Prozent der Anteile an BMW. Die Spenden fallen zeitlich mit einer brisanten politischen Entscheidung zusammen. Die Bundesregierung kämpft seit diesem Sommer dafür, strengere Abgasnormen für Autos in Europa später einzuführen als ursprünglich geplant. Mit Erfolg: Am Montag verhinderte die Bundesregierung bei einem Treffen der EU-Umweltminister vorläufig eine Einigung. Davon profitieren insbesondere deutsche Oberklasse-Hersteller wie BMW, aber auch Daimler, Audi oder Porsche. [….]

(Florian Diekmann, 15.10.2013)

Jedes Jahr überweist die Quandt-Sippe sechsstellige Summen an CDU und CSU und; oh Wunder; die Steuer- und Umweltschutzgesetze bleiben kontinuierlich sehr Quandt-freundlich. (….)

(Was wir uns nicht leisten können, 29.03.2017)

 […..] Der Club der Superreichen, zu dem Menschen mit einem Finanzvermögen von mehr als 100 Millionen Dollar gehören, wuchs im Krisenjahr in Deutschland um 186 Personen auf 2900. […..] Die Zahl der Dollar-Millionäre in Deutschland erhöhte sich demnach um 35.000 auf 542.000. Die BCG führt den Anstieg auch auf die Entwicklung des Eurokurses zurück, der im Vergleich zum Dollar zugelegt hat. Die Menschen haben damit – nicht nur in Deutschland – im Corona-Krisenjahr 2020 insgesamt so viel Reichtum angehäuft wie nie. […..]

1. Beate Heister und Karl Albrecht Jr.[…..]  erbten die Supermarkt-Kette Aldi Süd von ihrem Vater Karl Albrecht S.r[…..]  Sie waren bereits vor der Corona-Krise im Jahr 2019 die reichsten Menschen Deutschlands mit einem gemeinsamen Vermögen von 36,1 Mrd. US-Dollar.  Dieses Vermögen haben sie bis Mai 2021 laut „Forbes“ um mehr als drei Milliarden US-Dollar wachsen lassen. […..]

2. Dieter Schwarz (81, Lidl/Kaufland) […..] ist derjenige unter den fünf reichsten Deutschen, dessen Vermögen während der Corona-Krise am meisten gewachsen ist – von 22,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 auf jetzt 36,9 Milliarden. […..]

3. Susanne Klatten (59, Hauptanteilseignerin BMW) […..] Ihr Bruder Stefan Quandt ist mit 21,6 Milliarden US-Dollar die fünftreichste Person Deutschlands. Klattens Vermögen ist laut „Forbes“ weitaus größer und beläuft sich auf 27,7 Milliarden US-Dollar. […..]

4. Klaus-Michael Kühne (83, Kühne + Nagel) […..] ist der einzige unter den fünft reichsten Deutschen, der sein Vermögen seit 2019 mehr als verdoppeln konnte, von 12,9 Milliarden US-Dollar vor der Corona-Krise auf jetzt 26,3 Milliarden. […..]

(Tagesspiegel, 10.06.2021)

Der olle Kühne hat mal eben 13,4 Milliarden Dollar in einem Jahr dazu "verdient".  Das sind 1,12 Milliarden pro Monat. Das sind 248 Millionen Dollar mehr pro Woche, oder 37 Millionen Dollar mehr PRO TAG.

Herr Schwarz nahm um 14,4 Milliarden Dollar zu.  Das sind 1,2 Milliarden pro Monat. Das sind 275 Millionen Dollar mehr pro Woche, oder 39 Millionen Dollar mehr PRO TAG.

Menschen mit lumpigen 20 oder 30 Milliarden Euro Privatvermögen darf man natürlich nicht mit ketzerischen Gedanken wie MINDESTSSTEUER oder VERMÖGENSSTEUER erschrecken.

Über Einkommenssteuer und Erbschaftssteuer lachen die Herrschaften dieser Größenordnung ohnehin sehr herzlich. Diese Steuern werden nur von der Mittelschicht bezahlt, die ein Haus oder drei vermietete Ferienwohnungen vererben. Wer aber Milliarden sein Eigen nennt, entzieht sich diesen Steuerpflichten durch Doppelstiftungsmodelle, Scheinfirmen in Steueroasen und findige Steuerberater.

Dennoch achten Katten und Co darauf, daß sie auch weiterhin genügend Millionen an die INSM spenden, um zu verhindern, daß der Urnenpöbel auf dumme Ideen am 26.09.2021 kommt. (….)
(Über das Wahlvolk kann ich mich nur wundern, 14.06.2021)

Firmenerben, die keine Lust haben, wie die fünf Generationen vor ihnen, jeden Tag das Geschäft zu leiten, statt dessen alles an den nächstbesten chinesischen Investor verticken und von den erlösten Millionen Yachten und Strandvillen kaufen, dürfen nicht noch mehr entlastet werden-

Ein 90-Jähriger Seniorchef einer uralten Hamburger Handelsfirma sagte mir mal vor Jahren wutentbrannt, für solche Firmenerben sollte eine Erbschaftssteuer von 99% gelten.

Mit Trickle-Down à la FDP werden deutsche Milliardäre, die ohnehin kontinuierlich durch Ausschlafen, Däumchendrehen und Jetsetten reicher werden, schneller noch reicher, ohne daß davon irgendein gesellschaftlicher Nutzen entsteht.

[…..] Die Vermögen der reichsten Deutschen wachsen trotz Corona

Sie sind wieder ganz vorn: Mit einem geschätzten Vermögen von 34,2 Milliarden Euro sind Susanne Klatten und Stefan Quandt die reichsten Menschen in Deutschland. Das ergibt die neueste Schätzung des manager magazins. Die Geschwister und Großaktionäre des Autokonzerns BMW haben damit nach drei Jahren die Familie Reimann wieder von der Spitzenposition in der Liste der reichsten Deutschen verdrängt. Dem Magazin zufolge sind die Großvermögen in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten trotz der Coronakrise so stark gestiegen wie noch nie seit 2001, als die Rangliste erstmals erstellt worden war. Seit 2020 legten die Buchvermögen der Top 100 insgesamt um 116 Milliarden Euro auf 722 Milliarden Euro zu – in absoluten Zahlen ist das ein neuer Rekord. Den Schätzungen zufolge gibt es inzwischen 213 Milliardäre in Deutschland – 24 mehr als im vergangenen Jahr. Auch das ist ein Rekord. Die Zahl umfasst dabei Individuen ebenso wie Großfamilien, die ein entsprechendes Vermögen gemeinsam besitzen. Hinter den BMW-Erben Klatten und Quandt folgt auf Platz zwei in der Rangliste der Lidl-Gründer Dieter Schwarz mit einem Vermögen von 33,5 Milliarden Euro. Der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne belegt mit 33 Milliarden Euro den dritten Rang.  [….]

(SPON, 30.09.2021)

Kühnert und Walter-Borjans haben völlig Recht; es ist „Voodoo-Ökonomie“, wenn man in einem Land mit massiven Investitionsstau, dem lahmsten Internet Europas und bröckelnden Infrastruktur, wie Herr Lindner und Herr Laschet darauf setzt, den Superreichen einfach noch mehr Geld zu geben. Dann würden die sich schon irgendwie von allein darum kümmern Handymasten in der Oberlausitz aufzustellen und tolle neue Technologien zum Klimaschutz zu erfinden.

116 Milliarden, das sind 116.000 Millionen Euro bekamen allein innerhalb der letzten 12 Monaten die 100 reichsten Deutschen in ihre Geldspeicher geschoben.

BMW hat aber ganz offensichtlich nicht Lindners grandiosen Klima-Motor erfunden, sondern setzt nach wie vor auf CO2-pestende schwere Verbrenner-Limousinen. Wir brauchen in Deutschland ganz sicher keinen FDP-Finanzminister und keine FDP-Steuersenkungen.

Bedauerlicherweise braucht es aber FDP-Stimmen zur nächsten Kanzlerwahl.