Samstag, 15. August 2015

Ich will eine richtige Regierung.



Klar, politisch bin ich mit Merkel und ihrer Politik nicht einverstanden.
Aber sie könnte einige Pluspunkte sammeln, wenn sie wenigstens nach zehn Jahren ein bißchen professionell wirkte und nicht weiterhin planlos in die Desaster mit Ansage stolperte.

Wie viele Jahre soll dieser Mist mit Griechenland weitergehen? Daß Berlin auf den IWF und KEINEN Schuldenschnitt besteht, während alle anderen wissen, daß es so nicht funktionieren kann und sogar die IWF-Chefin ausdrücklich auf einem Schulden-Cut besteht?
Wie lange sollen wir noch zusehen, wie deutsche Behörden mit rund 100 verschiedenen rechtlichen Aufenthaltstiteln debakulieren und die Betreuung von Flüchtlingen weitgehend Freiwilligen überlassen, weil sich der Innenminister nicht dazu bequemt mal eine grundsätzliche Regelung zu erarbeiten?

Unglaublich, ZWEI Jahre ist es her, daß der SPIEGEL veröffentlichte Merkel werde von der NSA abgehört.
Das ist schon an sich eine Superblamage, daß dies von Medien enthüllt wurde und nicht etwa von einem der zahlreichen Geheimdienste entdeckt wurde, die immerhin von ihrem Kanzleramt aus koordiniert und kontrolliert wurden.
Inzwischen weiß man, daß alles noch viel schlimmer ist. Die NSA spannte sogar Merkels BND ein, um Ministeriale, befreundete Regierung in der EU, aber auch Personen wie Oskar Lafontaine abzuhören. In zwei Jahren konnte sich aber niemand in Merkels Regierung dazu bequemen das irgendwie aufzuklären, geschweige denn abzustellen.
Mit gestrichen vollem Hosenanzug traut sich die Kanzlerin noch nicht mal Personen wie Ed Snowden oder Julian Assange auch nur befragen zu lassen.

Im gestern erschienenen SPIEGEL steht ein dreiseitiges Interview mit dem zuständigen Kanzleramtsminister Peter Altmaier (aka „Fatboy Schlimm“), das mich fassungs- und ratlos zurücklässt.
Was ist los mit Merkels Amt? Gibt es nicht irgendwo ein „Regieren für Dummies“-Manual, in dem die mal nachschlagen können, was man eigentlich zu tun hat?

Daß die Parlamentarier die berühmt-berüchtigte Selektorenliste einsehen wollen, blockt Altmaier gleich ab.

Altmaier: Das geht nicht so einfach. Es gibt Spielregeln zwischen Geheimdiensten, die wir einhalten müssen. Die Selektorenlisten dürfen aufgrund der Vereinbarung mit den Amerikanern und den geltenden Geheim
Schutzabkommen  nicht ohne deren Einverständnis veröffentlich werden. Daran halten wir uns. Wenn klar wäre, dass es um strafbare Handlungen ginge, wäre das möglicherweise anders.

SPIEGEL: Am Mittwoch meldete Zeit Online, die angebliche Verweigerungshaltung der Amerikaner sei eine Erfindung. Tatsächlich habe die US-Seite die Entscheidung, ob der Untersuchungsausschuss die Selektorenliste einsehen dürfe, der Bundesregierung überlassen. Was sagen Sie dazu?

Altmaier: Hätte es tatsächlich eine Zustimmung zur Weitergabe aus den USA gegeben, hätten wir uns manche schwierige Debatte ersparen können.

SPIEGEL: Mit Herrn Graulich bestimmt die Regierung selbst, wer sie kontrollieren soll. Das ist so, als würde Sepp Blatter aussuchen, wer gegen die Fifa ermittelt
(DER SPIEGEL 14.08.2015, s.37.)

Unglaublich.
Die Regierung eines der größten und mächtigsten Länder der Erde traut sich noch nicht einmal auf Klo zu gehen, ohne vorher die Amerikaner um Erlaubnis zu bitten. So der Eindruck. In Wahrheit ist es aber wohl noch schlimmer – denn die Amis sehen das viel lockerer, als dargestellt. Merkel fürchtet sich aber vor ihrem eigenen Volk. Offensichtlich sind ihre beiden Koalitionspartner genauso hasenfüßig und der SPIEGEL läßt den Kanzleramtsminister auch schnell vom Haken, ohne wirklich unangenehme Fragen zu stellen.

[….] Aber statt sich deshalb mit den Amerikanern anzulegen, erfindet die Bundesregierung etwas von einer Zustimmungspflicht der US-Regierung. Die Bundesregierung sei verpflichtet, so eine Einwilligung einzuholen. [….] Dröseln wir das mal auseinander. Die Regeln, von denen Altmaier da spricht, haben der BND und die NSA einst miteinander auf Behördenebene ausgemacht. Es sind also keine zwischenstaatlichen Abkommen im klassischen Sinne. Die Dokumente dazu nennen sich Memorandum of Understanding oder Memorandum of Agreement. Absichtsbekundungen sind das, mehr wohl nicht.
Selbst das Auswärtige Amt befand jüngst in einem Gutachten für das Bundeskanzleramt, dass das Völkerrecht hier nicht greife und die Bundesregierung nicht von einer eigenständigen politischen Entscheidung entbunden werden könne.
Dennoch ringt die Bundesregierung seit Monaten in so genannten Konsultationsgesprächen mit den Amerikanern um deren ausdrückliche Zustimmung. Die aber nicht kommt.   Warum auch?
Die Amerikaner scheinen besser zu wissen als die Deutschen, dass der eine Staat dem anderen nichts vorschreiben kann. Die Amerikaner haben ihre Bedenken geäußert. Es ansonsten aber der Bundesregierung überlassen, eine Entscheidung zu fällen. [….] Aber wozu das ganze Theater? Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Offenbar scheinen die Suchbegriffe auf der Liste so spektakulär zu sein, dass die Bundesregierung diplomatische Verwerfungen fürchtet, sollten sie an die Öffentlichkeit kommen.
Andererseits: Was soll da noch kommen? [….] Schlimmer geht es eigentlich nicht. So unter Freunden könnte die Bundesregierung jetzt also ruhig mal sagen: Sorry, auf eure Zustimmung pfeifen wir diesmal, nix da mit um Erlaubnis bitten. [….]

Merkels Regierung ist so devot und erbärmlich, daß sich laut eines geleakten BND-Vermerks sogar die Amerikaner nicht erklären können, wieso Berlin sie nicht angreift.
Offensichtlich völlig unfähige Gestalten wie BND-Chef Schindler und Verfassungsschutzchef Maaßen dürfen weiter wurschteln.
Da sie aber ihre ureigene Aufgabe nicht bewältigen können, kaprizieren sie sich nun stattdessen auf die Verfolgung derjenigen, die wie das kleine Blog „Netzpolitik.org“ über sie berichten wollen.
Regiert Merkel, die schon 2013 ihre Volk massiv über das angebliche kommende „No Spy-Abkommen“ massiv belogen hatte, eigentlich in Berlin oder in Schilda?


Freitag, 14. August 2015

Wie es hier so läuft – Teil IV


Mal wieder ein kleiner Abstecher ins Regionale.

Heute erfolgt ein kleiner Abstecher zur CDU zwischen Alster und Elbe.
Die Konservativen leiden hier traditionell an Personal-Mangel.
Ole von Beust hatte als Spitzenkandidat die CDU 2001 auf erbärmliche 26,2% abstürzen lassen, während die SPD auf 36,5% kam.
Er nutzte aber die rechtsradikale Gang des kriminellen Koksers Schill und eine willige FDP, um sich dennoch zum Bürgermeister wählen zu lassen.
Sein großes Glück war der spätere homophobe Erpressungsversuch seines Zweiten Bürgermeisters Schill.
Von Beust war zwar damals noch nicht geoutet, aber jeder in Hamburg wußte, daß er schwul ist und so kam es zu einer psychologisch verständlichen großen Solidarisierung mit ihm.
Bei den vorgezogenen Neuwahlen im Februar 2004 schoss die CDU demzufolge auf 47,2% und errang die absolute Mehrheit, während der verbrämliche Schill Amt und Mandat verlor; sich sogar auf der Flucht vor der Justiz nach Brasilien absetzte.
Bei den nächsten regulären Wahlen im Februar 2008 sank von Beusts Stern. Die absolute Mehrheit war futsch, es kam zur schwarz-grünen Katastrophenkoalition. Bald hatte der Bürgermeister keine Lust mehr, warf hin und überließ dem Heidelberger Pykniker Ahlhaus das Feld.
Kurz darauf zerbrach die Koalition und die CDU verursachte das dritte Mal durch ihre eigene Unprofessionalität vorgezogene Neuwahlen (1993, 2004, 2011).
CDU-Spitzenkandidat war der amtierende Bürgermeister Christoph Ahlhaus, der es schaffte auf einen Schlag die 20,7 Prozentpunkte zu verlieren und die CDU auf die Hälfte (=21,9%) zu schrumpfen. Die Ära Scholz brach an.

Dietrich Wersich, CDU-Gesundheitssenator von 2008-2011, übernahm die extrem unangenehme Aufgabe als Fraktionsvorsitzender die von 56 auf 28 Mann geschrumpfte Gruppe demoralisierter CDU-Abgeordneter zu führen.

Das war gar nicht so einfach, denn die Hamburger Bürgerschaft ist ein sogenanntes „Feierabendparlament“. Der Tradition entsprechend sollen die Abgeordneten aus der Mitte der Bürger kommen – daher auch „Bürgerschaft“ statt Parlament – und weiterhin ihren Berufen nachgehen, so daß sie im sozialen und wirtschaftlichen Leben verankert bleiben.
2.668 Euro beträgt die „Diät“, die ein Abgeordneter in Hamburg verdient.
Bedenkt man, daß Hamburg das mit Abstand reichste Bundesland Deutschlands ist, kann man also nicht gerade von üppiger Versorgung sprechen. Ein einfacher Abgeordneter in Bayern erhält 11.008 Euro monatlich.

Die Fraktionsvorsitzenden hingegen gelten aufgrund ihrer Aufgabenfülle verständlicherweise als „Hauptberufliche“ und bekommen daher dreifache Diäten.
Rund 8.000 Euro verdienen sie im Monat.
In der CDU gab es durchaus Gerangel um den Posten. Nicht, weil das so eine schöne Aufgabe wäre, aber da die Partei nun keine Pöstchen mehr zu vergeben hatte, war der einzige 8.000er Job finanziell interessant.

Man stellte sich nach dem gewaltigen 20,7 Prozentpunkte-Minus auf eine Durststrecke ein. Bei der nächsten Wahl 2015 konnte es ja nur bergauf gehen.
Dachte die CDU.
Aber dann kam der 15.02.2015 und die CDU war bei 15,9% auf Augenhöhe mit den Grünen gelandet.
Möglicherweise muß die Merkelpartei in ihrer Geburtsstadt in absehbarer Zeit um ihre Zweistelligkeit kämpfen.
Der Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidat Wersich nahm seinen Hut und die auf nunmehr nur noch 20 Abgeordnete geschrumpfte Union bekam einen aus Hamburg-Harburg importierten neuen Chef, der weniger großstädtisch und  schwul (als Wersich und von Beust) sein sollte und dafür konservatives Profil zeigen soll:
André Trepoll, Jahrgang 1977, Quiddje (geboren in Celle), Bart-Bauch-Brille, römisch-katholisch, Abschiebungs-Hardliner, übernahm die abermals geschrumpfte CDU-Truppe.
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wersich gibt sich Trepoll aber nicht mit den lumpigen 8.000 Euro monatlich zufrieden, sondern erhält von seiner Partei einen 7.000-Euro-Aufschlag, so daß er mit monatlich €15.000 sogar knapp mehr als der Bürgermeister Olaf Scholz (€14.800) verdient.
Man kennt das ja aus Hamburg, daß viele städtische Angestellte deutlich üppiger als Senatoren oder Bürgermeister bezahlt werden.
Die CDU-Hamburg empfindet es auch als überhaupt nicht irgendwie albern, daß ausgerechnet der Chef ihrer derzeitigen 20-Mann-Mikrofraktion 15.000 EURO Gehalt braucht. Im Gegenteil, nur so könne Trepoll „auf Augenhöhe mit dem Bürgermeister verhandeln.“

(Der Grüne Fraktionschef Dr. Anjes Tjark lässt mitteilen, er könne auch so auf Augenhöhe mit Scholz verhandeln. Und das obwohl die Grüne Fraktion mit 15 Abgeordneten sogar noch etwas kleiner als die der CDU ist.)

Die CDU demonstriert hier deutlich was sie von den rhetorischen und inhaltlichen Fähigkeiten ihres Chefs, sowie der Parteiprogrammatik hält – nämlich nichts.
Nichts, das der Bürgermeister ernst nehmen müßte.
Also hilft man sich im CDU-Stil über den Gehaltsscheck. Wer mehr verdient, muß auch automatisch wichtig sein – so die Unionslogik.
Zudem ließe seine zeitraubende Tätigkeit keine Möglichkeit die lumpigen 8.000 Euro Grundgehalt aufzustocken.
Man fragt sich wie der ehemalige Chef Wersich die letzten vier Jahre überleben konnte, ohne betteln gehen zu müssen.

Außerdem wäre es schlicht und ergreifend unmöglich für die CDU jemand zu finden, der für weniger den Job als Fraktionsvorsitzender übernähme.

Immerhin, das Argument zieht.
Wer will schon freiwillig CDU-Fraktionsvorsitzender sein?
Mir müßte man dafür noch wesentlich mehr als € 15.000 zahlen.

Vielleicht wird das ja noch was. Die CDU hat ja offenbar mehr als genug Geld.



Donnerstag, 13. August 2015

Schlägernation Amerika

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Die Bürgerrechtsorganisation „Fatal Encounters“ zählt die Menschen, die durch Polizeigewalt getötet wurden.
Innerhalb des letzten Jahres überlebten 1091 Menschen den Kontakt mit den US-Cops nicht. Damit erschießt die amerikanische Polizei drei Menschen am Tag. Mindestens. Denn es handelt sich um keine offizielle Statistik. Die könnten nur die US-Behörden oder die Polizei selbst erstellen. Das tun sie aber wohlweislich nicht.
Daher dürfte es sich bei den 1091 dokumentierten Toten um eine Mindestzahl mit unbekannter Dunkelziffer handeln.
Natürlich gibt es Fälle, in denen Polizisten gerechtfertigt schießen oder zurückschießen; allein darüber gibt es keine Statistik. Niemand weiß wie hoch der Prozentsatz der nicht gerechtfertigten tödlichen Polizeigewalt ist.
Das einzige, das man sicher sagen kann, ist daß schwarze Amerikaner ein dreifach höheres Risiko haben von der Polizei ermordet zu werden.

A few of the more disturbing highlights: Black people are three times more likely to be killed than white people by a police officer. Roughly one-third of Black victims are unarmed when they are shot. In 17 of the largest American cities, police killed Black men at higher rates than the total U.S. murder rate in 2014. What's more: It's not getting better. It's actually getting worse. […] Put another way: We can’t leave it up to the police to police themselves. If the data set is right, 314 Black people were killed by police since one year ago today. Next August, it could be more. Something very clearly must change.

Manchmal wundert man sich angesichts der überquellenden US-Gefängnisse, daß die Cops überhaupt noch Schwarze zum Erschießen finden.

Keine andere Nation der Welt hat so viele Gefängnisinsassen wie Amerika, derzeit über 2.2 Millionen.
Auf den Plätzen folgen China (1,6 Millionen) und Russland (0,6 Mio).
Bezogen auf die Bevölkerung ist die US-Gefangenen-Quote weltweit unübertroffen. 25% aller Gefangenen des Planeten sind Amerikaner – bei einem US-Weltbevölkerungsanteil von 5%.
Schlimm genug, aber zudem bilden die USA auch noch ein rassistisches System.

Auch die Inhaftierungszahlen für schwarze Amerikaner sprechen für einen systematischen Rassismus der amerikanischen Institutionen. So sind 37 Prozent der amerikanischen Gefängnisinsassen schwarz, obwohl sie nur 13,2 Prozent der Bevölkerung ausmachen (Zahlen von 2013). Die Soziologin Michelle Alexander spricht deshalb von einem "Kastensystem", durch das insbesondere männliche Schwarze dauerhaft von der Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen werden. […]
So schreibt der schwarze Essayist Ta-Nehisi Coates, dass "Amerika auf einem Fundament weißer Suprematie ruht". Die amerikanische Gesellschaft ist laut Intellektuellen wie Coates und Alexander zutiefst und unabänderlich rassistisch verfasst. Daran hätten weder die Bürgerrechtsgesetze der sechziger Jahre noch die Wahl Obamas wirklich etwas geändert. "Man hat das Messer, das 20 Zentimeter tief in unserer Schulter steckt, einen Zentimeter weit herausgezogen", so Coates.

Wie ist es aber zu erklären, daß die durchaus dynamische US-Gesellschaft, die rasend schnell bunter wird und sich bei anderen sozialen Fragen wie der Marihuana-Freigabe und der Gay Marriage so liberal zeigt, gleichzeitig so
ignorant auf das offensichtliche krasse Unrecht in ihren Gefängnissen reagiert?

[….] Erstmals in der Geschichte der USA befindet sich ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung im Gefängnis. Zu Beginn des Jahres saßen etwa 2,32 Millionen Menschen in den USA in Haft, teilte das unabhängiges Wissenschaftsinstitut PEW in Washington mit.
[….] Jeder neunte schwarze Amerikaner im Alter zwischen 20 und 34 Jahren sei im Gefängnis, verweist die PEW-Studie auf jüngste Angaben des US-Justizministeriums. Bei weißen US-Bürgern dieser Altersgruppe befinde sich nur einer von 30 in Haft. Derzeit seien 13 mal so viele Männer im Gefängnis wie Frauen. Deren Zahl steige aber stetig.
Die amerikanische Zeitung USA Today berichtete hingegen im Internet, dass immer weniger neue Insassen in Haft kommen. Vielmehr verbüßten die Häftlinge längere Strafen und würden seltener früher entlassen.
Die Kosten für die 50 US-Bundesstaaten zum Unterhalt der Haft- und Justizvollzugsanstalten belaufen sich auf 49 Milliarden Dollar (32 Milliarden Euro) jährlich, heißt es in der Studie. Vor 20 Jahren hätten die Kosten nur 11 Milliarden Dollar betragen. Damit seien die Haftkosten sechsmal so stark gestiegen wie die Ausgaben für Bildung.

Müßte es nicht auch genügend Amerikaner geben, die es für völlig wahnsinnig halten deutlich mehr Geld für Gefängnisse als für Bildung auszugeben?
Müßten sie nicht begreifen, daß drakonische Strafen bis zur Todesstrafe offenbar eben keine wirksame Abschreckung sind, daß die Mordrate in den USA exorbitant höher als in allen anderen vergleichbaren westlichen Nationen ist?
Müßten Amerikaner nicht irgendwann zur Kenntnis nehmen, daß ihre Gefängnisse nur Kriminalität statt Schutz vor Kriminalität erzeugen?
Müßten die Amis nicht irgendwann kapieren, daß die nahezu wöchentlichen Traueransprachen ihres Präsidenten nach Mass-shootings in einem Zusammenhang mit dem erotisch-fanatischen Verhältnis zu Waffen stehen?
Müßte eine Nation, die sich als so christlich versteht nicht mehr Mitleid und Vergebung gegenüber den Millionen ihrer inhaftierten Landsleute aufbringen?
Wieso sind die Amerikaner so knallhart und mitleidslos?

Einen Erklärungsansatz dazu bietet der weltbekannte Niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer, derzeit Gastprofessor am John Jay College of Criminal Justice in New York.

Aus einigen simplen Zahlen leitet Pfeiffer eine Frage ab:

1) In Amerika sitzen prozentual zehn Mal mehr Menschen im Gefängnis als in Deutschland.
2) In den letzten 20 Jahren haben sich die polizeilich registrierten Straftaten der USA um 45 % verringert.
3) Im selben Zeitraum verdoppelte sich dennoch die Anzahl der Gefangenen, weil die Haftstrafen exorbitant länger wurden.
4) Zwei Drittel der Amerikaner halten die Gefängnisstrafen für nicht hart genug. Vor 20 Jahren fanden sogar 90% der Amerikaner die Strafen allgemein zu gering.

Offensichtlich sind also die Strafen extrem viel härter geworden und werden dennoch von der Bevölkerung als zu lasch empfunden.
Woher kommt dieser völlig mitleidslose Wunsch nach drakonischen Strafen? Was läuft da falsch in den Köpfen der Amis?

Nach Pfeiffers Mutmaßungen spielt die gewalttätige Erziehung der amerikanischen Kinder die entscheidende Rolle. Viel mehr Kinder als in Europa werden mit Schlägen erzogen und wer in seiner eigenen Jugend Prügel erlebt, prügelt selbst und neigt zu der Ansicht Prügel und harte Strafen wären richtig.
In 19 US-Bundesstaaten dürfen sogar Lehrer in der Schule immer noch Schüler verprügeln.

[….] Nach einer 2010 von Liz Gershoff veröffentlichten Untersuchung wurden nur 15 Prozent der damals erwachsenen Amerikaner völlig gewaltfrei erzogen. Dazu passt, dass in den letzten vier GSS-Befragungen jeweils 70 Prozent der amerikanischen Bevölkerung folgender Aussage zugestimmt haben: "Manchmal ist es nötig, ein Kind mit ein paar guten, harten Schlägen zu disziplinieren."
In Europa wurde dagegen seit 1979 (Schweden) das elterliche Züchtigungsrecht in 22 Ländern abgeschafft. Den Lehrern ist es durchweg verboten, Kinder zu schlagen.
Zwei 1992 und 2011 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) durchgeführte Repräsentativbefragungen zeigen nun: Im Verlauf der 19 Jahre ist der Anteil derjenigen, die völlig gewaltfrei erzogen wurden, von 26 auf 52 Prozent angestiegen. Bei den 16- bis 20-Jährigen liegt er inzwischen schon bei 63 Prozent, in Schweden sogar bei 86 Prozent.
[….] Schlagende Eltern vermitteln ihren Kindern zwei klare Botschaften. Erstens: Strafe muss sein. Zweitens: der Stärkere darf und soll sich mit Gewalt durchsetzen. Im Grunde wird so das Selbstkonzept einer autoritären Persönlichkeit gefördert, die ein möglichst hartes Strafrecht fordert.
Hinzu kommt: Wer mit viel Schlägen und wenig Zuwendung groß geworden ist, entwickelt ein buchstäblich angeschlagenes Selbstbewusstsein. Solche Menschen sind häufig von Misstrauen und Angst geprägt. Auch das stärkt bei ihnen den Wunsch nach harten Abschreckungsstrafen. Zudem fühlen sie sich durch fremde, andersartig aussehende Menschen eher bedroht. Das aber schafft einen Nährboden für Rassismus.
Eltern, die auf Schläge völlig verzichten, sind hingegen darauf angewiesen, ihren Kindern die Befolgung von Regeln durch geduldiges Erklären und durch Vorbild zu vermitteln. Im Vordergrund steht die beharrliche und liebevolle Kommunikation über richtiges und falsches Verhalten. Eine derartige Erziehung fördert zwischenmenschliches Vertrauen, Toleranz und Empathie.   Unsere Untersuchungen zeigen ferner, dass solchermaßen geprägte Menschen eher ein maßvolles Strafrecht bevorzugen, in dem das Ziel der Wiedereingliederung des Täters in die Gemeinschaft hohe Bedeutung hat. [….]

Mittwoch, 12. August 2015

Flüchtlinge in Zahlen.



Das Elend der Welt wird uns in Zahlen präsentiert.
Je größer die Zahlen, desto abstrakter. Wenn genügend Nullen hinten dran sind, ist es auch irgendwann egal.
Matthias Drobinsiki, der SZ-Haustheologe schrieb neulich in einem kleinen Chronik-Kasten über den TVE-Skandal der Bischofssitz sollte im Jahr 2012 auf einmal 9,5 Milliarden Euro kosten.


Vermutlich nur ein Druckfehler, aber es ist schon symptomatisch, daß es in so einer renommierten Zeitung niemand aufgefallen ist
Millionen, Milliarden, Billionen – da kommt man schon mal durcheinander.

Menschen können wir noch viel weniger in Zahlen  begreifen.
100 Tote, die im Mittelmeer ertranken, weil unsere beliebtesten Politiker ihnen die EU-Tür vor der Nase zuschlagen, bringen es kaum noch auf die vorderen Plätze der Tagesschau-Meldungen. Da müssen es schon eher 1000 angespülte Leichen sein.
 Bei 23.000 durch die EU-Politik Verreckten läuten sogar mal die Kirchenglocken – freilich, ohne daß es irgendwelche politischen Konsequenzen gäbe.
Die Kirchen läuten aber eben auch nur. Der Einsatz für die Toten ist gute PR.
Eigene Mittel will die Kirche aber nicht ausgeben und schon gar nicht ihre vielen verwaisten Pfarrhäuser und Klöster als Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen.
Dazu sind die Zahlen zu groß.
Es würde die Kirchen überfordern, sagen sie.
Mit der Argumentation könnte man es sich auch sparen einen ölverschmierten Seevogel das Gefieder zu säubern und ihn so vor dem sicheren Tod zu bewahren- die Ölpest selbst wird ja schließlich nicht mehr verhindert.

So nehmen wir auch die Millionen Menschen hin, die jedes Jahr elend an Hunger verrecken.
Es sind 10.000 -20.000 Kinder, die jeden Tag auf der Welt verhungern. Früher waren es mal 30.000 JEDEN TAG. Wer weiß das schon so genau? Wer zählt nach? Was zählt ein Kind überhaupt? Insbesondere wenn es ein Afrikanisches oder Nordkoreanisches ist? Das sind dann keine Gründe für „den Westen“ seine Agrarpolitik dahingehend zu ändern, daß der Hunger beendet werden könnte.

Laut des letzten „World-Food-Reports“ steigt die Zahl sogar wieder. Sie kennen die Zahlen, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57.000 Menschen sterben am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen jeden Tag und fast eine Milliarde Menschen sind permanent schwerstens unternährt.
Das sind riesige Zahlen. Dafür öffnet Papst Franz nicht die Kassen des IOR, dafür gefährdet der fromme Wolfgang Schäuble, der am 06.09.15 in einer Elsässischen Kirche predigen wird, nicht seine heilige schwarze Null.

Im Juli 2015 kamen 5.700 Flüchtlinge nach Hamburg.
Im gesamten Jahr 2014 waren es 7.000 in Hamburg, die neu kamen.
Bundesweit werden dieses Jahr womöglich 400.000 Asylanträge erwartet.
Die Sachsen-CDU zeigt sich mal wieder als ganz Rechtsaußen und begrüßt Grenzzäune gegen diese „Menschflut“.
Auf daß noch mehr Menschen in den Tod getrieben werden, wenn ihnen keine legalen Ausreisemöglichkeiten aus ihren Terrorländern bleiben.
Politiker und Journalisten sprechen leichtfertig von „Belastungsgrenzen“, die durch die Flüchtlingsströme, Asylantenflut oder den Massenandrang erreicht werde.
Über 200 Anschläge gab es dieses Jahr schon auf deutsche Flüchtlingsunterkünfte.
Tendenz stark steigend.
Die beliebteste Bundeskanzlerin aller Zeiten führt währenddessen eine „völlig gegenwartsblinde“ Regierung, die die Problematik einfach ignoriert.

Es fällt vergleichsweise leicht indolent und ignorant zu reagieren, wenn Menschen  als Massen, Fluten oder Ströme wahrgenommen werden.
Wenn sich ihre Schicksale hinter Zahlen mit vielen Nullen verstecken.
Es interessiert uns schlicht und ergreifend nicht, daß alle fünf Sekunden ein Kind verreckt, weil wir, der reiche Westen nach wie vor die ärmeren Länder massiv ausbeuten.
Doppelt so viel Geld fließt von der dritten in die erste Welt wie umgekehrt.

Ganz anders sieht es bei Einzelschicksalen aus.
Während uns 1000 oder 10.000 oder 20.000 tote Kinder vollkommen egal sind, wird unser Mitgefühl sofort getriggert, wenn von einem „tragischen“ Einzelfall die Rede ist.
 Das arme weinende Mädchen Reem als Palästina, das die gefühllose Kanzlerin zum Weinen brachte, rührte uns.
Wenn ein Kind mitten in Deutschland vermisst wird und jeder es zur Kenntnis genommen hat, weil BILD und TV-Boulevard tränenrührig davon berichteten, weinenden Eltern abfilmten und süße Bilder zeigten, werden auf einmal alle ganz aktiv.
Tausende melden sich freiwillig zu Suchaktionen.
Als 2012 in Hamburg die süße kleine Chantal, 11, starb, weil das Jugendamt sie zu Pflegeeltern gab, die Ex-Fixer waren und ihr versehentlich eine Überdosis Methadon verpassten, wurde über viele Monate auf den Titelseiten der gesamte Hamburger Presse berichtet. Jeder kannte das Bild des blonden Mädchens, für das sich zu Lebzeiten leider niemand interessiert hatte.

So sind die Menschen. Sie brauchen einen persönlichen Zugang. Eine boulevardisiert-personalisierte Aufbereitung einer Geschichte.
Nur dann hört man beim Einkaufen wie alle von der „armen kleinen Sophie“ oder dem „armen kleinen Kevin“ reden. Dann kommen die Menschen um vor ehrlichem Mitleid. Ich meine das völlig unironisch; tatsächlich leiden wir dann mit.
Daß gleichzeitig zig Familien auseinandergerissen und zerstört werden, weil die meisten Bundesländer rigoros abschieben oder im umgekehrten Fall keine Familienzusammenführungen zulassen, interessiert uns hingegen nicht, weil wir das gar nicht mitbekommen.

Das ist so wie mit dem Konflikt in der Ostukraine, der sich aus unserem Bewußtsein geschlichen hat.
Dort wird zwar weiter gemordet und Krieg geführt, aber wir richten unsere Aufmerksamkeit derzeit auf andere Dinge.

Eine Mitschuld trifft die Presse, die zwar richtigerweise von den vielen Problemen mit Flüchtlingsunterkünften und den widerlichen Angriffe auf dieselben berichtet – Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping schämt sich öffentlich für ihr eigenes Volk – aber so wird den Deutschen das Thema emotional nicht nahe gebracht.

Ich freue mich daher sehr über die wenigen Ausnahmen.
Es gibt durchaus TV-Dokus, die einzelne Flüchtlinge vorstellen, ihr Schicksal begreifbar machen und sich Zeit nehmen es dem Zuschauer nahe zu bringen.

Die Perspektive der geflohenen Menschen fehlt fast vollständig in der öffentlichen Debatte. Wie empfinden sie ihre neue Umgebung, die Lebensbedingungen? Was haben sie erlebt? Wie geht es ihnen?
Nur so kann man Empathie wecken.

Eine löbliche Ausnahme war auch der Bericht von Yahya Al-Aous in der Wochenendausgabe der SZ; prominent platziert auf der Kommentarseite, wo sonst Carolin Emcke schreibt.
Der Syrische Journalist, 41, zwei Jahre in Haft des Assad-Regimes, ist mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter, 9, in Berlin gelandet und beschreibt seine Eindrücke.
Ein hochinteressanter und überfälliger Perspektivwechsel in der deutschen Presse.
Bitte mehr davon!!

[….] Eine Variante der neuen Realität erwartete mich und meine neunjährige Tochter in Berlin an einer Bushaltestelle. Wir wollten zurück in unser Übergangswohnheim, als mein Blick auf ein junges Liebespaar fiel. Die beiden tauschten heiße Küsse in inniger Umarmung aus - als seien sie allein auf der Welt. Zum ersten Mal sah ich so eine Szene in der Öffentlichkeit - und es überraschte mich. Noch mehr überraschte mich aber, dass die anderen Wartenden das Geschehen nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen schienen.
Nur meine Kleine starrte das Paar an - mit einer Mischung aus Überraschung und Schüchternheit. Automatisch legte ich meine Hand auf ihre Augen, dann schob ich meinen Körper als Sichtschutz zwischen die Liebenden und mein Kind. Meine Reaktion war auch ein Schutz meiner selbst: Ich wollte meine Frau und mich vor einem kindlichen Fragesturm schützen. Denn meine Frau und ich fühlen uns noch nicht bereit, derartige Situationen erklären zu können. Also blieb mir nichts anderes übrig - vorerst.
Obwohl ich nicht aus einem besonders religiösen oder konservativen Umfeld stamme, so komme ich doch aus einer Gesellschaft, die Frauen als Bürger zweiter Klasse betrachtet und emanzipierte Mädchen, die sich weder von der Familie noch der Gesellschaft etwas vorschreiben lassen, Prostituierten gleichstellt. In Syrien wäre es nicht vorstellbar, dass eine Frau öffentlich küsst - auch nicht ihren Ehemann. [….] Wenn die Sonne scheint, bemerke ich, dass meine Augen sich angezogen fühlen von diesen jungen Männern und Frauen, die sich fast nackt und oft komplett tätowiert zeigen - genauso wie vom Anblick der Menschen, die sich die Nasen und Ohren mit großen Metallstücken verstopfen. Leider bringt meine Fantasie mich immer wieder in eine imaginäre Szene, in der sich diese Männer vor mir aufbauen und mit einer abgebrochenen Bierflasche vor meinem Gesicht rumwedeln und Unverständliches brüllen. Mittlerweile glaube ich aber, dass das nicht passieren wird. Der Körperschmuck ist einfach Ausdruck einer anderen Kultur, an die ich mich bald gewöhnen werde. Ob dieses Deutschland mit seinen Integrationsmaßnahmen auch dafür sorgen wird, dass ich mir eines Tages den Hals tätowieren und die Ohren durchstechen lasse? [….]

Dienstag, 11. August 2015

So nicht, Abendblatt. Teil II



Kürzlich heiratete ein alter Bekannter von mir.
Da er weiß, daß ich nicht zu den großen Fans dieser Institution gehöre, erzählte er mir lachend:
Ein Gutes hat es auf jeden Fall. Als wir im Standesamt das Aufgebot bestellten, haben wir gleich die Gelegenheit genutzt beide aus der Kirche auszutreten.

Klar, das hat mich auch gefreut. Er gehört zu den Menschen, denen ich seit Jahren sage, er müsse endlich austreten aus dem Verein. „Bist Du da etwa immer noch zahlendes Mitglied?“ fragte ich immer wieder, wenn wir auf das Thema kamen. Er wollte auch schon lange austreten, aber scheinbar war es ihm einfach nicht wichtig genug, um nicht doch zu prokrastenieren.

So etwas höre ich öfter. Leute sind automatisch seit Geburt Kirchenmitglied, völlig ungläubig, lehnen die Kirchen ab, aber treten nicht aus, weil irgendein Impuls fehlt diesen – gebührenpflichtigen!!! - Verwaltungsakt zu tun.
Würde wie bei Wahlen ein Formular an alle Haushalte geschickt, mit dem man dann nur mit einem Kreuz aus der Kirche austreten könnte, wären schlagartig Millionen Mitglieder weg. Insbesondere, wenn es dabei noch eine kleine Infobroschüre läge, über die gewaltigen finanziellen Mittel, die den Kirchen zufließen und die eben nur zu Bruchteilen in soziale Projekte fließen. Es könnten auch die Bischofsgehälter und Pensionen ausgewiesen werden, die vom Staat bezahlt werden und tabellarisch aufgelistet werden welches die homöopathischen Anteile der Eigenfinanzierung von Schulen, KITAs oder Pflegeheimen unter kirchlicher Trägerschaft sind.

Es gibt selbstverständlich diesen harten Kern der Religioten, die wie Kauder, Gröhe oder Nahles ihrem Verein immer treu bleiben werden.
Es sind in Deutschland immerhin auch ein bis zwei Millionen Evangelikale, Piusbrüder, Christdemokraten für das Leben, Forum deutscher Katholiken, Kath.net-Leser, Gloria-TV-Gucker, Jesusfreaks und sonstige metaphysisch Getriebenen unterwegs.

Könnte man aber ein Kirchenmitgliedschafts-Reset durchführen, so daß niemand mehr Mitglied wäre und man erst aktiv wieder eintreten müßte, kämen EKD und RKK nach meiner Schätzung auf insgesamt rund 5 Millionen Mitglieder in Deutschland.

Daß die Hälfte der Kirchenmitglieder einfach zu träge zum Austreten ist, bestätigen immer wieder Umfragen. Über eine berichtete gestern ausgerechnet das Kirchenportal „idea“.

Mehr als die Hälfte aller Mitglieder der beiden großen Kirchen (51 Prozent) überlegt bisweilen auszutreten. Die Gründe, warum die meisten den Schritt nicht vollziehen, sind vielfältig. Das geht aus dem am 10. August erschienenen Buch „Wie wir Deutschen ticken“ hervor. Es ist ein Projekt des Meinungsforschungsinstitutes YouGov (Köln). […]  Von den Kirchenmitgliedern, die über einen Austritt nachdenken, bleiben 46 Prozent „aus Bequemlichkeit“ in der Kirche. 14 Prozent entscheiden sich aus „Angst vor einem so radikalen Schritt“ gegen den Austritt, und vier Prozent geben an, dass sie ihren Glauben wiedergefunden haben. […]   Der Herausgeber und Diplompsychologe Holger Geißler kommt zu dem Schluss, dass es eine große Distanz zu den Kirchen als Institution gibt. So findet es nur jeder sechste Befragte richtig, dass der Staat die Kirchensteuer einzieht. […]  

Da Kirchen diskriminatorisches Arbeitsrecht anwenden, ihre Mitarbeiter bei Streikverbot schlecht bezahlen und Juden oder Muslime nicht in ihren Pflegeheimen dulden, ist es schon aus demokratischen und sozialen Erwägungen jeder Rückzug der Kirchen zu begrüßen.
Kirchen sitzen wie Parasiten im Wirtskörper Staat, saugen ihn finanziell aus, während sie gesellschaftlichen Unfrieden stiften und insbesondere den Kindern in ihrer Obhut schwer schaden.

Kirchen stehen für einen „Wir sind besser als die“-Gedanken. Sie halten sich für allein maßstabgebend. Die große irdische und finanzielle Macht der Kirchen wird durch ihre protzigen Gebäude gezeigt. Gebäude, in denen die Liebe zwischen zwei Menschen verdammt wird (wenn sie nicht kirchlich verheiratet oder gleichgeschlechtlich sind). Gebäude, in denen Kinder Bedrückung, Langweile, Ohnmacht und Angst erfahren, in denen psychisch verklemmte Penisfixierte erfahren wollen, wie oft sie onanieren. Die Gebäude zu entweihen, entwidmen und umzufunktionieren, ist eine Hoffnung für eine Gesellschaft, die tolerant sein ist und Kinder nicht mit Ängsten überfrachten will. Die Schließung der teuren Kirchen ist ein Glückfall für die Gemeinden, weil man die Mittel nun endlich sinnvoller ausgeben kann. Der Rückzug von Kirchen dokumentiert einen glücklichen Fortschritt der Gesellschaft, die nicht mehr aufgrund von Vorurteilen, uneheliche Kinder in Heime schickt, um sie dort zu quälen. Geschlossene Kirchen stehen für eine tolerante Gesellschaft, die sich Minderheiten zuwendet, Schwule und Lesben ganz selbstverständlich akzeptiert und Jugendliche nicht mehr mit Schamgefühlen quält, nur weil sie die Freuden der Masturbation entdecken.
Zum Glück gerät der Glaube, der Jahrtausende als Quelle für Unfrieden und Pogrome diente, in Vergessenheit. So kann sich endlich echte Solidarität entwickeln, wenn nicht mehr der Moloch Kirche Milliarden für sich selbst verschlingt.
Die Kirchen als Symbole der Abschreckung, die bis heute ihre Türen fest vor der Not der Flüchtlinge verschlossen halten, müssen endlich entmachtet werden. In den Kirchen findet Hass statt. Dort wird gegen Anders- und Nichtgläubige gehetzt. Fremde, Schwule, Muslims werden ausgegrenzt.
Fallen die Privilegien der Kirchen, werden die 700 Milliarden Euro schweren EKD und RKK ärmer und das Geld kann sinnvoller eingesetzt werden.

Ach ja – zum Titel des Postings:
Das Hamburger Abendblatt, veröffentlichte gestern diese bizarre Ansicht:

[…]  Kirchen  […]  weisen über sich selbst hinaus und stehen dafür, dass die Fragen, Sorgen und das Glück in dieser Welt nie allumfassend sind. Der Himmel wird durch Kirchgebäude in Erinnerung gebracht, so wird Raum gegeben für Glauben, Hoffnung und eine Liebe, die auch die Mitmenschen, vertraute wie fremde, und sogar die Feinde mit einschließt.
Deshalb ist die Schließung einer Kirche der GAU kirchlichen Handelns und für eine Gemeinde das Schmerzlichste, das geschehen kann. Es ist das Ende von Hoffnung, sieht aus wie die Abwesenheit von Glauben und tut weh, weil man sich fragt: Gibt es denn niemanden mehr, der diesen Ort lieb hat und braucht? Kirchenschließungen dokumentieren den Zustand einer Gesellschaft, die nicht mehr um den Wert ihrer symbolischen Orte weiß. Der Glaube ist vielen fremd, und die finanzielle Beteiligung via Kirchensteuer bringt nur noch solidarisch auf, wer eine echte Beziehung zur Kirche hat.
[…]   Die Kirchen können gastfreundliche, offene, einladende Orte sein, an denen Menschen ausruhen können, Erzählungen loswerden und von den großen Erzählungen der Menschheit hören. In Kirchen findet Liebe statt: Nächste werden geheilt und versorgt, Trauernden zugehört, Tränen abgewischt, Fremde werden heimatlich. […]   In Kirchen kann man über sich selbst hinausdenken. Der Mehrwert der Kirchen sollte unser Handeln leiten und der Gesellschaft bewusst werden. Sonst werden wir wirklich arm.