Donnerstag, 18. Januar 2018

Homopower Teil II



Das ist nur eine Vermutung, die ich nicht vollständig beweisen kann, aber ich denke, daß Putin und Trump eine ganz ähnliche Einstellung zu Schwulen haben.
Es interessiert sie nicht besonders, weil beide nicht in der Wolle gefärbte Religioten sind.  


Vor seiner politischen Karriere fiel Trump nicht mit homophoben Äußerungen auf, während sein tiefsitzender Rassismus sich durch seine gesamte Karriere zieht. Wladimir Putin absolvierte gar zwei volle Amtsperioden als russischer Präsident ohne irgendein Interesse an homorepressiver Gesetzgebung.
Wahrscheinlich die klassische Altherren-Bigotterie. Man guckt gern Lesbenpornos, mag aber weibische Männer nicht.

Putin hatte nach seinen ersten acht Jahren enorme ökonomische Fortschritte vorzuweisen, aber je besser es den Russen ging, desto liberaler wurden sie auch. Bei Duma-Wahlen sackte Putins Partei auf die 50%-Marke herab.
Zeit sich einen mächtigen Verbündeten zu suchen.

Der Prass- und Prunk-begeisterte Metropolit Kyrill rafft aber nicht nur Luxusgüter an sich und spannt den Staat für seine Geldgier ein, sondern er unterstützt auch euphorisch die diskriminierende Hetze gegen sexuelle Minderheiten in Russland.
 
 "Moral ist entweder absolut, oder es gibt sie nicht. Wenn Sie Homosexualität rechtfertigen, warum dann nicht gleich Pädophilie?", erklärte Kyrill vor einem Jahr im Interview mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel“.
 Der neue Chef der 135 Millionen Russisch-Orthodoxen Christen begründete seinen Vergleich mit der Heiligen Schrift: "Die Bibel nennt das Sünde", so Kyrill zur Homosexualität. Der CSD Moskau sei daher lediglich "eine aufdringliche Zurschaustellung von Unzucht".
(Queer.de 02.02.2009)

Menschenrechte, Demokratie und womöglich Schwulenrechte - das mag der Russische Patriarch in Moskau genauso wenig wie Ratzinger im Vatikan.

"Sie persönlich, Wladimir Wladimirowitsch, haben eine großartige Rolle bei der Korrektur des Laufs unserer Geschichte gespielt. Ich möchte mich bei Ihnen dafür bedanken", sagte der Patriarch nach Kirchenangaben. In der Vorwoche hatte Kyrill I. orthodoxen Christen abgeraten, an der dritten großen Protestkundgebung gegen Putin in Moskau teilzunehmen. Sie sollten lieber zu Hause beten, als Sprechchöre zu rufen. 
(Kathweb 09.02.2012)

Immer mehr scharf homophobe Gesetze werden in Russland durchgesetzt.

Für Putin ist sein Bündnis mit Kyrill ein Win-Win-Deal. Seine Macht wird gesichert und was er Kyrill dafür an Anti-blasphemischen Gesetzen und homophober PR geben muss, kümmert ihn nicht, weil schwule Russen kein politischer Machtfaktor sind.

Trump ging ebenfalls den Deal mit radikal Homophoben ein, weil ihm das die Wahl sicherte. Er merkte schnell was seinen evangelikalen Schwulenhassern wie Mike Pence gut gefiel.

Christen sind aber eine politische Macht, die schon immer bestens mit den üblen und faschistischen Hass-Regimen harmonierte.

 Auf Schwule einzudreschen hat für Trump einen zusätzlichen „positiven“ Effekt, da sein Vorgänger viele LGBTI-freundliche Regelungen auf den Weg brachte. Nichts hasst Trump so sehr wie seinen schwarzen Vorgänger, nichts treibt ihn mehr an, als der Drang alle Spuren Obamas zu tilgen.
Daher leitet er mit Vergnügen ein antischwules Rollback ein. Nicht weil er selbst Schwule zutiefst hasst, sondern weil es Obama beschädigt und Pence erfreut.

Das TAP* listet inzwischen eine endlose Liste homophober Aktivitäten der Trump-Administration auf. Dagegen wirkt Putin liberal.

*The Trump Accountability Project (TAP) is a resource for journalists, editors, and other news makers reporting on the Trump administration, which catalogues the anti-LGBTQ statements and actions of President Donald Trump and those in his circle.

Aktuellstes Beispiel ist eine neue Regelung, die es medizinischem Personal erlauben soll die Behandlung von Schwulen, Lesben und Queeren zu verweigern.
Willkommen im Mittelalter.

 [……] The Trump administration is considering a new “religious freedom” rule that would allow healthcare workers to refuse to treat LGBT patients. The move would also allow workers to deny care to a woman seeking an abortion or any other service they morally oppose. […..]

Da ejakulieren Evangelikale vor Glück und scharen sich umso fanatischer Hinter Trump und Pence.

In den USA nehmen Hassverbrechen gegen Schwule wieder zu und in den meisten Bundesstaaten kann man anschließend sogar wegen seiner eigenen Homophobie freigesprochen werden. So wünschen es die Republikaner.

[…..] Mit der "Homo-Panik-Verteidigungsstrategie" können Rechtsanwälte argumentieren, dass ihre Mandanten einen Homosexuellen nur getötet haben, weil sie panische Angst vor seiner sexuellen Orientierung gehabt hätten und dadurch nicht zurechnungsfähig gewesen seien. Bei einer wohlwollenden Jury können die Homo-Hasser mit einem milderen Urteil oder gar einem Freispruch rechnen.
Der bekannteste Fall einer "Gay Panic"-Verteidigung ereignete sich nach dem Mord am schwulen Studenten Matthew Shepard im Jahr 1998 nahe Laramie (Wyoming). Die Täter wurden allerdings trotzdem zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Erfolgreich war die Strategie etwa 2009 in Chicago, als ein heterosexueller Mann freigesprochen wurde, obwohl er einen Schwulen mit 61 Dolchstichen getötet hatte. [….]

Anders als in Russland sind US-LGBTIQs aber nicht so zahnlos, daß die GOP keinen Preis dafür zahlen müsste.

Schwule sind nicht nur sichtbar, sondern auch reich (wie zB Apple-Chef Tim Cook), beliebt (wie zB Jodie Foster, George Takei), medien-affin (Anderson Cooper, Don Lemon) oder sogar Sportler (Brian Boitano, Martina Navratilova, Michael Sam).


Amerikas Top-Homophober, US-Vizepräsident Mike Pence muss also durchaus mit Widerspruch rechnen, wenn er öffentlich auftritt.

Das wird beispielsweise bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang passieren, wenn Pence sich im Glanz seiner US-Mannschaft sonnen möchte, indem er die Delegation in Südkorea anführt.

Das gefällt nicht jedem. Der schwule amerikanische Eiskunstläufer Adam Rippon zeigt ihm schon mal den Mittelfinger.

 […..] As our American Olympic delegation prepares to compete at the PyeongChang Winter Olympics in South Korea next month, one athlete in particular did not take kindly to the news that Vice President Mike Pence will lead the U.S. delegation in the opening ceremonies.

In an interview with USA Today Sports, figure skater Adam Rippon, who made history as the first openly gay athlete to ever qualify for the Olympics, expressed outrage at the news.

    “You mean Mike Pence, the same Mike Pence that funded gay conversion therapy?” Rippon said. “I’m not buying it.”

    “I don’t think he has a real concept of reality,” he added. “To stand by some of the things that Donald Trump has said and for Mike Pence to say he’s a devout Christian man is completely contradictory. If he’s okay with what’s being said about people and Americans and foreigners and about different countries that are being called ‘shitholes,’ I think he should really go to church.”
Rippon further claimed that, should be invited to the White House for a post-Olympic reception, he would reject any such invitation.

    “I won’t go because I don’t think somebody like me would be welcome there. I know what it’s like to go into a room and feel like you’re not wanted there,” he explained. “If I talked to people the way that President Trump talks to people, my mom would kick my ass.”

Pence, the fierce conservative and virulent homophobe, has been outspoken in his opposition to gay rights. He signed Indiana’s Religious Freedom Restoration Act into law, allowing businesses to discriminate against LGBT customers for religious purposes. He has signaled support for the decidedly inhumane practice known as conversion therapy, has voted to define marriage as only between a man and a woman, and has claimed that LGBT military service amounts to “social experimentation.” […]


Mittwoch, 17. Januar 2018

Rage of white men.



Rassistische und islamophobe Hetzer des Schlages David Berger oder Donald Trump haben es leicht.
500 Millionen Menschen leben und Europa, 330 Mio in den USA.
Mit Kanada, Neuseeland, Australien, Russland kommt man also auf eine Referenzgröße von rund einer Milliarde weißer „Abendland“-Menschen.
Da kann man leicht aus den Newstickern regelmäßig irgendeinen Straftäter herauspicken, der dunkelhäutig und/oder muslimisch ist, um seine miese Hassbotschaft zu transportieren.

„Sehr nur her, schon wieder hat so ein minderwertiger Dunkelmensch einem von uns etwas angetan! Wir müssen uns endlich wehren und das Pack rausschmeißen/abschieben/wegsperren.“

Das ist Pauschalisierung auf unterstem Niveau. Ein Muslim ist böse, also sind alle 1,4 Milliarden Moslems böse.
Ein Muslim ist Terrorist, also sind alle Muslime Terroristen.

Pauschalisierungen aufgrund von Rasse oder Religion sind ohnehin absurd, weil der soziokulturelle Hintergrund, die Bildung und Wohlstand eher ein Indikator für Kriminalität sind.

Islamophobe Hetzer, die alle deutschen Probleme mit Kriminalität auf „den Islam“ schieben, kann man ganz leicht mit dem Gegenbeispiel Iran zu fassen bekommen.
Es gibt de facto keine Kriminalität oder Integrationsproblematik durch Iraner in Deutschland, obwohl sie weitüberwiegend ebenfalls Muslime sind.
Wieso das so ist, lässt sich leicht erklären. Während in den 1960er Jahren die am schlechtesten gebildeten Türken als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, waren es im Zuge der Ayatollah-Revolution von 1979 in erster Linie Intellektuelle und Akademiker, die aus dem Iran nach Deutschland flohen.
Daher  sind typische Berufe von Deutsch-Iranern heute auch Architekt oder Chirurg.
Natürlich gibt es mit „denen“ keine Probleme, obwohl sie dem Islam angehören.

Der zweite Grund weswegen rassistische/religiöse Pauschalisierungen wohl zur Hetze, nicht aber als echte Argumente taugen, ist die nicht gewährte Repräsentativität.
Greift man sich aus einer Hetzseite wie Bergers PP-Blog ausschließlich durch muslimische Asylanten begangene Straftaten heraus, entsteht schnell der Eindruck alle Straftaten würden von ihnen begangen, oder jedenfalls die große Mehrheit.

Die Statistik gibt das aber beim besten Willen nicht her.

In den US werden zehn Mal mehr Menschen versehentlich von Kindern getötet („Toddler-Terror“), als von islamischen Terroristen.
US-Cops sind sogar 100 mal tödlicher als Islamisten.


Natürlich würden Trump und Berger so eine Tatsache nie erwähnen.
Daher werden auch Mass-Shooting mit weißen oder christlichen Tätern diskret verschwiegen, während sofort wüst losgetwittert wird, wenn der Täter dunkleren Teints ist.


US-Senator Cory Booker, ohnehin noch en brasse, weil Trumps völlig verblödete Heimatschutzministerin keine Probleme mit dem Shithole-Vokabular ihres Chefs hatte, wies heute bei Chris Cuomo auf die tödlichsten Attacken hin.

Seit dem 11.September 2001 gab es in Amerika 85 major attacks, von denen 73% von white Supremacists gegen Minderheiten durchgeführt wurden.

[….] White Men Have Committed More Mass Shootings than Any Other Group. [….] “There’s a feeling of entitlement that white men have that black men don’t," criminologist James Alan Fox told The Washington Post in 2012. "They often complain that their job was taken by blacks or Mexicans or Jews. They feel that a well-paid job is their birthright. It’s a blow to their psyche when they lose that. ... If youre a member of a group that hasnt historically experienced unemployment, theres a far greater stigma to [losing a job] than those who have." [….]

Also wenn man schon pauschalisieren will, dann sind ganz klar weiße christliche Männer die gefährlichste Gruppe in Amerika.
Statt „complete shutdown for all muslims“ sollte Trump also lieber die ganzen  white christian hategroups aus dem Land werfen, wenn er etwas gegen die Terrorgefahr unternehmen möchte.
Blöd nur, daß sich aus ihnen auch seine treueste Wählerbasis rekrutiert und er sie daher für „very fine people“ hält.

[…..]  In fact, America has been here 273 times in 2017 alone, according to the Gun Violence Archive, which compiles deaths and injuries from shooting incidents and defines a mass shooting as any incident where four or more people are wounded or killed. According to their tally, there have also been 11,698 deaths as a result of gun violence so far this year. Between 2001 and 2014, 440,095 deaths by firearms occurred on US soil, while deaths by terrorism during those years numbered 3,412. Today, America faces approximately one mass shooting per day on average.
Mass shootings are a violent epidemic that have been met with fatal passivity for far too long. If mass shootings were perpetrated mostly by brown bodies, this would quickly be reframed and reformed as an immigration issue. If thousands died at the hands of black men, it would be used to excuse police brutality, minimize the Black Lives Matter movement and exacerbate the "raging black man" stereotype. If mass shooters identified as Muslim, it would quickly become terrorism and catalyze defense and security expenditures.
But this is a white man's problem. According to an analysis by Mother Jones, out of 62 cases between 1982 and 2012 (a time period that would not include the actions of Dylann Roof or Stephen Paddock, among others), 44 of the killers were white men and only one was a woman. Since 1982, mass shootings in the United States have been committed by white men who are often labeled "lone wolves" or "psychologically impaired." As a result, the government that would otherwise be mobilizing its institutions to bring about reform remains a stalwart of the Second Amendment and mass shootings' greatest ally. An over-affinity for guns among white men, dangerous against any other backdrop, gets defended as patriotism by many conservatives or even as white pride by those on the alt-right. [….]

Dienstag, 16. Januar 2018

Beeinflussung



Erstaunlich viele Menschen sind sich ihres Geschmacks extrem unsicher.
Sie wissen eigentlich gar nicht genau was ihnen gefällt und sind zudem nicht selbstbewußt genug unabhängig von anderen ihren Vorlieben zu frönen.

Ich denke manchmal an eine Mitschülerin von mir, die in der 5. oder 6. Klasse nicht gerade beliebt war, weil sie eine Streberin war und sich bei den Lehrern einschleimte.
Zu allem Übel trug sie gern eigenartige bäuerliche Kleider und kam gelegentlich mit ihren holländischen Holzschuhen in den Unterricht.
Ein gefundenes Fressen für alle anderen, die sie dafür auslachten.
Kinder mögen keine Außenseiter und wenn diejenige sich dann auch noch so offensichtlich bekloppt anzieht, wird gemobbt, auch wenn zu meiner Zeit der Begriff „Mobbing“ noch nicht erfunden war und es nicht physisch gewalttätig zuging.
Ich mochte das Mädchen auch nicht besonders gern, aber immerhin beeindruckte es mich, daß es ihr offensichtlich egal war, daß die halbe Schule sie wegen ihrer holländischen Holzpantinen auslachte. Sie fand sie toll und trug sie trotzdem.
Das war rückblickend betrachtet eine reife Leistung, die viel Rückgrat von einer 11-Jährigen erforderte.
Vielleicht konnte ich es besser als andere erkennen, weil ich – rein zufällig – von meiner leicht verrückten Mutter beeinflusst ebenfalls ermutigt wurde gegen den Strom zu schwimmen.
Es war das Alter, in dem man kontinuierlich wächst, so daß man jeden Winter neue Stiefel und Winterjacken brauchte.
Ich erinnere mich noch an die gewaltige Auswahl von Moonboots, die es damals in den Kinderabteilungen des großen Schuhgeschäfts gab. Welche nehmen?
Die Silberblauen waren vielleicht ziemlich teuer, wurden aber auch vom Klassensprecher und dem sportlichen Jungen getragen. Argumente, die ein Kind überzeugen können.
Aber immer wieder machte die Verkäuferin bei den dicken wattierten Space-Jacken und Klumpschuhen den einen Kardinalfehler, wenn sie uns zur Entscheidung drängen wollte, indem sie sagte „die werden dieses Jahr besonders gern gekauft.“
Sofort rollte meine Mutter die Augen und erklärte „also kommen die für uns nicht in Frage.“ Sie wollte nicht, daß ihre Kinder haargenau wie alle anderen Kinder angezogen sind.
Ein bißchen Ermutigung gehört dazu, wenn ein Kind selbstständig werden und seine eigene Meinung entwickeln soll.
Zum Glück; und das betrachte ich a posteriori jeden Tag als größeres Glück; konnte ich meinen Kindermodengeschmack nur auf dem Schulhof abgleichen.
Da gab es zwar die coolen Jungs mit den schicken Markenklamotten, aber durchaus auch welche, die irgendwas Selbstgemachtes anzogen, oder gar abgelegte Jacken älterer Geschwister auftrugen.
Auf Fotos von damals sehe ich durchaus optische Individualität.
Als wir Teenager waren, spalteten wir uns modemäßig in eine breite Vielfalt auf. Popper, Goths, Mods, Teds, Gruftis, Unauffällige, Anzugträger, Punks, Edelpunks und alle möglichen Zwischentöne.*

Man konnte schließlich seiner eigenen Phantasie freien Lauf lassen. Die 80er waren angebrochen; im Chemie-Kurs arbeiteten die Popperin mit ihrem Lacoste-Shirt und Baracuda-Stiefeln einträchtig mit dem Mega-Irokesentyp in zerfetzten roten Karojeans und den Sicherheitsnadeln im Gesicht zusammen.

Nach den auf FB veröffentlichten aktuellen Abi-Bildern meiner ehemaligen Schule zu urteilen, ist die Zeit der Individualität endgültig vorbei. Die Klugtelefone, die jeder Schüler der heutigen Abi-Generation sein ganzen Leben bei sich trug, haben ganz offensichtlich zu einer völligen optischen Nivellierung geführt.
An der Schule gibt es jedes Jahr um die 120 Abiturienten und alle Mädchen tragen ausnahmslos die gleiche Frisur: Jennifer Aniston. Und alle Jungs bis auf zwei tragen Anzug und Krawatte. Und selbstverständlich tragen sie alle einen drei- bis sieben-Tage Bart. Kein einziger traut sich irgendeine andere (Bart)-Haartracht zu.
Klar, wenn man seine Kindheit mit Mode-Tutorials von sogenannten Influencern verbringt und sich buchstäblich mit allen Teenagern auf der Welt abgleicht, erhält man den perfekten Einheitsschüler.

Ein Phänomen, das ich inzwischen auch bei den Teilnehmern von Trash-Shows beobachtet habe, sofern in Tageszeitungen auf der „Buntes“-Seite abgebildet wird, wer bei „Love-Island“ oder „Bachelor“ mitmacht.
Alle Frauen blondiert, Extensions, aufgespritzte Lippen und mindestens zwei Pfund Silikon in jeder Brust.
Alle Männer braungebrannt, Muskeln, Tattoos, Uppercut, 7-Tage-Bart.

Ich kann nicht daran glauben, daß wirklich 100 von 100 Männern 7-Tage-Bart am Schönsten finden. Offensichtlich spielt Mode eine große Rolle. So wird es in den sozialen Medien suggeriert, so sehen alle Erfolgreichen jetzt aus.
Es traut sich einfach niemand mehr ein nacktes Kinn zu zeigen.

Die Menschen stehen nicht mehr zu ihren eigenen Vorlieben und/oder sie entwickeln sie gar nicht erst, weil ihnen sekündlich auf dem Klugtelefon präsentiert wird, wie man auszusehen hat.

Man folgt der Mode, weil viele der Mode folgen. Es wird Mode was die Masse möchte.
Geschmack wird durch die sozialen Medien zu einer Art Herdentrieb reduziert.

Einen in diese Richtung gehenden Effekt gibt es auch in der Parteipolitik durch die unablässig veröffentlichten Umfragen. Täglich bekommen wir eine Wasserstandsmeldung.
INSA sagt am 16.01.2018, die SPD läge nur noch bei 18,5% und schon greifen alle Journalisten (trotz der fragwürdigen Insa-Seriosität) den Spin auf, die SPD wäre nicht in Mode.

Der Spin, mit dem über Parteien berichtet wird, spielt eine große Rolle.
Hat sie FDP gute Zahlen, berichten auch die Journalisten mit positivem Unterton über Lindner.
So kommen die tatsächlich guten Wahlergebnisse in NRW und im Bund zustande.
Wähler wählen gerne die Partei, von der sie einen Sieg erwarten.
Die Partei, die in Mode ist und mutmaßlich zulegen wird.
Man will nicht zu der Loser-Truppe gehören.
Wahlforscher können messen wie sich unentschlossene Wähler noch im letzten Moment für die Partei entscheiden, die mit größter Wahrscheinlichkeit gewinnen wird.
Wahlkämpfer wissen dies und verbreiten daher nur zu gern für sie positive Umfragen, verschweigen die Schlechten.
Dabei könnte aus rational-taktischen Überlegungen auch gerade ein schlechter Umfragewert dazu führen diese Partei zu wählen.
Aber wer wählt schon rational? Bei der Bundestagswahl zählt Bauch und nicht Kopf.

Vor dem 24.09.2017  war eine Jamaika-Koalition extrem unpopulär, lag weit abgeschlagen hinter Groko und Schwarzgelb.
Als es wenige Tage später so aussah, als ob es nur zu Schwarzgelbgrün kommen könne und entsprechende Verhandlungen aufgenommen wurden, maßen Infratest-Dimap und Forschungsgruppe Wahlen einen enormen Boost. Plötzlich befürwortete auch eine Mehrheit der Bundesbürger Jamaika.
Klar, man nahm an, das werde kommen und wieder wollten alle zu den Gewinnern gehören.
Die GroKo war unten durch.
Es überraschte, als der eitle Lindner am 20.November 2017 Jamaika platzen ließ.
Der Urnenpöbel mußte neu eingegroovt werden. Im Dezember schien die Groko als einzig mögliche Alternative – und oh Wunder, am 15.12.2017 registrierte Infratest Dimap 61% Zustimmung aller Bundesbürger zur Groko und sogar 68% Zustimmung der SPD-Wähler zur Groko.


Es erfordert einige taktische Virtuosität, um auf den parteipolitischen Vorlieben der Bundesbürger zu surfen, weil diese so volatil sind.

Flankiert von seiner geistig verblüffend schlichten Kacke-Bätschi-Fresse-Generalsekretärin, die mit ihrem „BÄTSCHI DAS WIRD GANZ SCHÖN TEUER- BÄTSCHI“-Gebrabbel ihrer Partei suggeriert hatte, man können bei der Union nun so ziemlich alles rausholen, was man wünsche, haben sie es geschafft das Blatt in nur 14 Tagen zu wenden.

Nun mag nur noch eine Minderheit die Groko. 52% der Befragten finden die Groko schlecht oder weniger gut.

Die Genossen haben wieder den Trend verpasst, verrennen sich in eine Sache, die gerade extrem unmodisch geworden ist.
Keine gute Idee im Jahr 2018, wenn so wenige Menschen selbst denken.




Zwei Wochen später, am 16.01.2018 ist Schulz‘ Trotteligkeit und Führungsunfähigkeit voll durchgeschlagen.
Martin und Andrea haben sich nicht nur bei den Sondierungen übertölpeln lassen, sondern waren auch noch völlig unfähig für sich selbst und ihre Ziele zu werben.
Sie haben nun die demoskopische Arschkarte.

[….] Laut einer repräsentativen Umfrage sehen die Bundesbürger die Unionsparteien mit Blick auf die Sondierungsergebnisse klar im Vorteil: Die Hälfte der Wahlberechtigten (55 Prozent) ist der Ansicht, dass sich CDU (38 Prozent) und CSU (17 Prozent) bei den Sondierungen am meisten durchgesetzt haben, 15 Prozent sehen alles in allem die SPD im Vorteil. Die SPD-Anhänger selbst machen den Verhandlungserfolg ebenfalls eher auf  Seiten von CDU und CSU (53 Prozent) aus. Nur jeder fünfte SPD-Anhänger (19 Prozent) vertritt die Meinung, die eigene Partei habe sich in den Sondierungsgesprächen am stärksten durchgesetzt.
 Von den drei Verhandlungsführern bei den Sondierungsgesprächen - Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz - hinterlässt die CDU-Vorsitzende mit Abstand das beste Bild bei den Wahlberechtigten: Merkel wird von den Bundesbürgern jeweils mehrheitlich sowohl Führungsstärke (77 Prozent) als auch Glaubwürdigkeit attestiert (59 Prozent). Zugleich bestehen bei zwei Dritteln der Bundesbürger (67 Prozent) kaum Zweifel, dass die CDU-Vorsitzende ihre eigene Partei momentan hinter sich hat.
Die parteiinterne Kritik in Teilen der SPD an den Sondierungsergebnissen schlägt in der Wahrnehmung des SPD-Bundesvorsitzenden dagegen deutlich negativ zu Buche: Schulz gilt derzeit nur bei drei von zehn Wahlberechtigten (28 Prozent) als führungsstark. Bei lediglich einem Drittel (34 Prozent) besteht zudem der Eindruck, der SPD-Bundesvorsitzende habe seine Partei hinter sich. Glaubwürdigkeit bescheinigen ihm 41 Prozent der Bundesbürger, 52 Prozent dagegen nicht. [….]

Gute Nacht, Martin Schulz.
Nun ist nach 12 Jahren im Amt die Kanzlerin wieder in Mode.
Schulz ist out. Und wer will schon eine Partei wählen, deren Chef so offensichtlich out of fashion ist?
Erstaunliches Missmanagement von Schulz, denn in der Umfrage bescheinigt eine Mehrheit der Deutschen der SPD aus staatspolitischer Verantwortung zu handeln.
Der größte Brocken, also den Wählern den Weg vom kategorischen Nein zur Groko zum kategorischen Ja zur Groko zu erklären, ist aus dem Weg geräumt.
Eine Groko könnte also auch demoskopisch für die SPD funktionieren.
Wenn die Führung nur nicht so dämlich wäre.



*Ich fand Gruftis am Tollsten, färbte meine Haare erst bunt und dann blauschwarz, kaufte jede Menge Haarspray. Schminke und Schmuck hingegen lehnte ich ab. Das war vermutlich zu extrem für mich. Bei der Linie blieb ich und fühle mich heute als Deutschlands letzter Mann, der ohne Tattoo, ohne Piercing, ohne Ohrring, ohne Armband rumläuft.