Donnerstag, 4. Juni 2020

Meckerstopp

Na klar, ich verabscheue die deutschen Rechten, die amerikanische GOP. Immer wieder dresche ich aber auch auf die linke Opposition, die Grünen, die US-Demokraten oder meine eigene Partei ein.
Als guter Demokrat sollte man möglichst kritisch mit allen Eliten umgehen und keineswegs blind für die Fehler der Volksvertreter aus den eigenen Reihen sein.

Von der Seitenlinie zu kritisieren ist allerdings sehr viel leichter als selbst zu gestalten. Wenn Politiker endlos kreißen und wieder nur ein winziges Ei gelegt haben, kommen daher sofort die „zu wenig, zu spät, zu mutlos, zu halbherzig, zu halbherzig“-Kommentare, ohne genau zu erklären wer oder was eigentlich die Vergrößerung des Eis genau verhindert hat. Es folgen sprachliche Diminutive wie „Klimapäckchen“ und wer würde sich nicht darüber ärgern wenn nach jahrelanger Erkenntnis einer essentiellen Notwendigkeit immer noch kein Schritt wider die Altersarmut, für einen Rüstungsexportstopp oder echten Klimaschutz unternommen wurde.

Gelegentlich darf man aber schon darauf hinweisen, daß in Westeuropa nicht wie in der chinesischen Diktatur per order di mufti entschieden wird, daß Partikularinteressen und individuelle Rechte  berücksichtigt werden. Kompromisse gefunden werden müssen. Das ist viel umständlicher als in einer Autokratie, in der sich der Herrscher nicht mit juristischen Einsprüchen, kritischer Presse und Umweltschutz plagen muss.
Man setzt sich leichter durch wenn man statt einer 20%-Partei eine 100%-Partei ohne Opposition und Rechtsstaat ist.

Gelegentlich machen Politiker aber viel aus wenig.
Olaf Scholz zum Beispiel ist extrem durchsetzungsfähig und schuf während der Megakrise 2008/2009 ganz unspektakulär im Hintergrund die wesentlichste Ursache weswegen Deutschland besser als alle andere Länder durchkam: Das ausgeweitete Kurzarbeitergeld. Er bewahrte uns vorm Absturz und wurde zum Dank vom Urnenpöbel in die Opposition geschickt und durch die FDP-Rösler ersetzt.
Seit Olaf Scholz Vizekanzler ist, zeigt er, daß er nicht der Mann für „zu wenig, zu spät, zu mutlos, zu halbherzig, zu halbherzig“-Päckchen ist, sondern wiederum effektiv und mutig agiert.
Erst kam das Bazooka-Finanzpaket und nun das Konjunkturprogramm, welches alle Erwartungen übertrifft.

[……] Der 130-Milliarden-Wumms
Mehrwertsteuer runter, Zuschüsse für Familien rauf - das gewaltige Konjunkturprogramm der Großen Koalition ist eine positive Überraschung. [……] Wiederholtes prägt sich besser ein, deshalb betonte Vizekanzler Olaf Scholz mehrfach, was für ihn im Vordergrund steht bei der Ausrichtung des Konjunkturpakets. "Wumms", sagte der Vizekanzler einmal, zweimal, insgesamt dreimal. "Wir wollen mit Wumms aus der Krise kommen".
Den Zweck des von der Großen Koalition beschlossenen Konjunkturpakets fasst das recht treffend zusammen: Bislang hat die Bundesregierung in der Coronakrise als eine Art Bundes-Versicherung agiert, die für allerlei Schäden aufkommt, den Verlust von Aufträgen oder Arbeitsplätzen etwa.
Jetzt soll es um etwas anderes gehen, Phase zwei. Gebraucht wird der Startschuss für die ökonomische Aufholjagd. "Wumms", eben. […..]

Sogar die Grünen sind beeindruckt.

[…..] Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist besser als erwartet. Gemessen an früheren Konjunkturprogrammen ist dieses Paket ein Fortschritt. […..]
(Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, 04.06.20)

Man merkt ganz deutlich weswegen es so essentiell wichtig ist die SPD in der Groko zu haben; sie vermochte es nicht nur den Durchmarsch der CDU-KFZ-Lobbyisten aus den Reihen der ehemaligen Kanzleramts-Staatsminister zu verhindern, die einseitig Steuerzahlermilliarden an die Topverdiener verschieben wollten, während die Multimilliardäre ihre Milliarden-Dividenden einstreichen und dennoch Staatshilfen verlangen.

Hört hört, BMW, Mercedes uind Porsche bissen sich die Zähne an den Koalitionären aus.
Wer sich für 80.000 Euro eine S-Klasse leisten kann, bekommt nicht noch eine  5.000-Euro-Prämie dazu geschenkt.
Das Konjunkturpaketgeld bleibt auch nicht wie sonst üblich über den Weg von Soli/Lohn/Einkommen-Steuersenkungen der wohlhabenderen Hälfte der Bevölkerung vorbehalten, während die ärmeren 50%, die gar keine solchen Steuern zahlen außen vor bleiben.
Nein, diesmal geht es an die Mehrwertsteuer und hilft damit in erster Linie den Ärmeren, die ohnehin nichts sparen können.

[……] Die größte Überraschung ist die Entscheidung der Regierung, vom 1. Juli bis 31. Dezember 2020 die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent zu senken und den reduzierten Satz von sieben auf fünf Prozent. Mit einem Kostenvolumen von etwa 20 Milliarden Euro ist das die Einzelmaßnahme, die den Staat am meisten kostet.
Bringt sie auch etwas? Die Mehrwertsteuer unterscheidet sich deutlich von anderen Steuern, etwa der Einkommensteuer. Weil sie auf Waren und Dienstleistungen erhoben wird, zahlt sie praktisch jeder Verbraucher in Deutschland. Von einer Senkung profitiert also erst einmal die breite Masse, vom Sozialhilfeempfänger bis zum Gutverdiener. 
[……] Nicht ganz unerheblich ist dabei, ob Unternehmen die Steuersenkung wirklich an die Kunden weitergeben und die Preise senken - oder die Gelegenheit nutzen, eigene Margen zu erhöhen.
Laut dem Ökonomen Christian Odendahl hat Großbritannien mit einer ähnlichen Maßnahme in der vergangenen Krise experimentiert und damit gute Erfahrungen gemacht. 75 Prozent der Senkung wurden an die Kunden weitergegeben, 25 Prozent flossen in höhere Margen der Firmen.
Die Senkung der Mehrwertsteuer könnte sich auch deshalb als kluger Zug erweisen, weil davon vor allem kleine und mittlere Einkommen profitieren, die einen Großteil ihres Geldes für Konsumausgaben aufwenden. Denn das ist ein Kernproblem von Konjunkturprogrammen insgesamt: Das Geld soll nicht nur ankommen bei Bürgern, die es brauchen, sondern auch bei solchen, die es zügig wieder ausgeben. Sonst verpufft die Wirkung. […..]

Also heute wird nicht über die Bundesregierung gemeckert.
Das haben sie – natürlich auf Druck der SPD – gut gemacht.

Aber nicht nur das; ich muss, nachdem ich gestern schon mit Bauchschmerzen gegen meinen Willen Saskia Esken halbherzig lobte, gleich am folgenden Tag noch einmal ein Lob, diesmal ein ziemlich Dickes, an sie aussprechen.
Offenbar hatte sie bei den Verhandlungen zum Konjunkturpaket kräftig mitgewirkt.

[……] Als Esken und ihr Mitvorsitzender Norbert Walter-Borjans im März hundert Tage im Amt waren, hagelte es Häme: "Keinen kümmert's", schrieb der "Tagesspiegel". Die Sozialdemokratie leiste es sich heute, "ihre Vorsitzenden zu vergessen". Zoten und Sottisen und Untergangsprognosen über die SPD und ihre Vorsitzenden bekommen verlässlich billigen Beifall.
Nun: Die Partei lebt. Sie ist in der Regierung. Und sie stellt die Fähigeren in der Ministerriege. Oder wann hat man das letzte Mal ernst zu nehmende und Wortbeiträge oder gar substanzielle politische Handlungen von Andreas Scheuer, Julia Klöckner oder Anja Karliczek wahrgenommen?
Auch das nun weithin gelobte 130-Milliarden-Konjunkturpaket gibt es in dieser Form nur, weil die SPD den größten Unfug verhindert hat. Es ist das umfangreichste Volumen seit der Nachkriegszeit, das der Staat aufgrund einer Krise investiert. Soviel Vernunft hat dieser Koalition kaum noch jemand zugetraut, und diese Vernunft ging nicht von der Unionsseite aus.
Eine zentrale Figur hinter diesem Konjunkturpaket ist Esken. Sie machte beispielsweise von Anfang an klar, dass es mit ihr keine Kaufprämie für Autos mit Verbrennungsmotor geben werde. Damit positionierte sie sich nicht nur gegen den CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann von den Grünen (ja, den Grünen), sondern auch gegen ihren eigenen Parteifreund Stephan Weil, der als niedersächsischer Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat die langjährigen Versäumnisse von Volkswagen mit Milliarden Euro kaschieren wollte. [….]

Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
Werden die beiden Erzkonkurrenten Esken und Scholz etwa noch sowas wie ein politisches Dreamteam?

Mittwoch, 3. Juni 2020

Begriffe reklamieren

Niemand kann mir nachsagen übertriebene Sympathien für Saskia Esken zu haben. Ich halte sie für die größte Fehlbesetzung an der Spitze seit 1863; sogar noch schlimmer als Andrea Nahles – und das will einiges heißen.
Sie ist zudem aus unerfindlichen Gründen so selbstsicher und arrogant, daß ich kein Mitleid für sie entwickele, wenn sie mal wieder einen Shitstorm losgetreten hat und es auf sie einprasselt.

Allerdings hat sie inzwischen dieses Stadium des „Generalverschiss“ erreicht, in dem grundsätzlich jede Äußerung von ihr mit Häme überzogen wird.

[…..] FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki sieht nach dem Desaster der Liberalen bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern keine Perspektiven für die Liberalen. Die FDP habe „kein Westerwelle-Problem, sondern ein Marken-Problem“, sagte der Fraktionschef in Schleswig-Holstein der „Leipziger Volkszeitung“.
Denn als Marke habe die FDP momentan „generell verschissen“, das sei die Meinung der Bürger. […..]
(Welt, 05.09.11)

Da hatte der AfD-freundliche FDP-Vize tatsächlich Recht. 2009 waren die Westerweller nach elf Jahren Opposition wieder in die Regierung eingetreten und hatten so eine unfassbare Kette von Peinlichkeiten, Korruptionen und Totalblamagen hingelegt, daß sie von 15% und Regierungspartei unter die 5%-Hürde ins parlamentarische Aus rauschten und schon bei der bloßen Erwähnung des Parteikürzels das pawlowsche kotzen begann.

Dieses extreme Stadium ist für den Betroffenen recht unerfreulich. Das erlebten auch Andrea Nahles und Kurt Beck gegen Ende ihrer Amtszeiten. Selbst wenn sie die klügsten Dinge sagten, gab es nur noch vernichtenden Darstellungen und jeder winzige Fehler, der bei populären Politikern wie Guttenberg oder Merkel gar nicht erwähnt würde, erscheint genüsslich aufbereitet in den nächsten Schlagzeilen.

(…..) „Kurt Becks Idee mit den Taliban zu verhandeln, zeigt wie wenig Ahnung er von internationaler Politik hat“
Zwei Jahre später läßt sich Guttenberg für die Idee feiern auch mit Taliban verhandeln zu wollen.  (…..)

Esken ist schon nach sechs Monaten im Generalverschiss-Stadium und kann es nicht mehr richtig machen.
Jeder außenpolitische Vorschlag von ihr würde wie Becks Taliban-Talk-Pläne von 2009 hämisch zerrissen. Dabei war es eine gute Idee, die auch gelobt wurde, nachdem sie von einem beliebteren Politiker ausgesprochen wurde.

Vorgestern hatte ich noch beklagt, dass die Bundesregierung viel zu lasch gegenüber Trump auftrete.
Mein Heiko Maas lässt mich aber doch nicht im Stich und teilte heute deutlich aus.

Maas verurteilt Trumps Gewaltandrohung
Außenminister Heiko Maas reagiert mit scharfer Kritik auf die Drohung von Donald Trump, Soldaten gegen die Protestierenden in den USA einzusetzen. Der US-Präsident gieße "Öl ins Feuer", sagte der SPD-Politiker. [….]

Saskia Esken, die nicht nur keine Regierungsplattform hat, sondern sich offenkundig auch nicht darum schert, ob sie wahrgenommen wird, twitterte.

Was sie twitterte war allerdings gut und richtungsweisend. Sie bekannte sich angesichts des Jahrestages des Lübcke-Mordes und des Trump-Plans die „Antifa“ zur Terrororganisation zu erklären klar dazu selbst „Antifa“ zu sein.


 
Wie richtig Esken liegt zeigt sich daran wer als Reaktion empört aufheult:
Der rechte CDU-Flügel, die AfD, Trump und rechtsradikale Blogs wie Bergers Pipi-Hetzorgan.

Der Shitstorm ist erheblich; wenig verwunderlich, daß sich Faschisten nun auf Esken stürzen.


[….] CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak twitterte: "Gegen Faschismus und für Demokratie und Menschenrechte. Ohne Gewalt. Für mich selbstverständlich. Für die Antifa nicht. Traurig, dass der Vorsitzenden (der) SPD die Kraft zur Differenzierung fehlt." […..]




Wer von denen beschimpft wird, macht etwas richtig!

Typischerweise bekommt Esken nicht unter Kontrolle was sie losgetreten hat, lässt die Rechten kaum widersprochen ihren Twitterfeed dominieren.

Wäre sie intelligenter und strategisch denkend, hätte sie geahnt was kommt und versucht die Hoheit über den Stammtischen zu gewinnen, statt nur trotzig ein Bildchen aus dem Duden zu posten.
Ihr „Bekenntnis“ müsste gerade angesichts dieser Reaktionen nämlich ausgebaut werden. Man darf sich nicht von Nazis mit ihren Talking Points die Sprache dominieren lassen, sondern muss Herr/Herrin/Dame der Debatte werden.
Man muss sich dagegen wehren, daß ausgerechnet ein rassistischer Extremist wie Donald Trump weltweit einen Begriff kapert.
Nein, weder Trump noch Trixi Storch, noch Ziemiak oder gar rechte Twitter-Trolls haben zu bestimmen wie „Antifa“ konnotiert wird.
Was für eine völlig absurde Vorstellung: Wir richten uns sprachlich an den Wünschen des braun-debilen Mobs aus, der nur rudimentäre Rechtschreibung, fast gar keine historischen Kenntnisse und garantiert nicht einen Funken Moral besitzt?

Esken, die SPD, die Deutschen, wir, sollten den Begriff „Antifa“ nicht kapern lassen, sondern ihn uns stolz zurück erobern.
Antifa muss (wieder) so positiv assoziiert werden, daß Storch und Trump dumm dastehen, wenn sie auf die Antifa eindreschen und nicht etwa die Demokraten, die sich gegen Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit engagieren.

Wir müssen uns den Begriff erhalten, ihn den Pro-Faschistoiden abjagen.
Solche Vorhaben gelangen schon.
Konnotationen verändern sich. Das Wort „geil“ war einst so drastisch und derb, daß ich mir scharfe Rüffel abholte, als ich das unglaubliche Adjektiv stolz zu Hause präsentierte, nachdem ich es in der Grundschule verraten bekommen hatte.

In meiner Kindheit war „schwul“ ein übles Schimpfwort; wer gleichgeschlechtlich Liebende nicht diskriminieren wollte, sprach von „Homosexuellen“. Dann aber begannen sich Schwule selbst „schwul“ zu nennen und den Begriff so stolz und positiv zu besetzen, daß man sich wenige Jahrzehnte später selbst schwul nennen kann, ohne Stirnrunzeln zu ernten.
Ähnlich war es mit dem Begriff „Hure“; ein noch übleres Schimpfwort als „Nutte“.
Um sich nicht derartig diskriminieren zu lassen, nannten sich Prostituierte aber irgendwann selbst immer öffentlicher und ungenierter „Huren“.

[….] Schimpfen können ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen.
Interessanterweise beherrschen ausgerechnet die größten Schimpfer ihr Metier oft überhaupt nicht, sondern beschränken sich auf eine simple Kombination aus Koprolalie und Echolalie.
Genauso funktionieren auch die Pöbeleien des antidemokratischen Rassisten Donald Trump.
„Antifa! Antifa!“ ätzt er beispielsweise und beweist mit der falschen Betonung, daß er sogar zu blöd ist zu begreifen was er selbst verbal flatulenzt.

Besondere Häme trifft oft eher den Pöbler als den Adressaten, weil sie dessen Beschränktheit offenbart.
So sind zwei der meist verbreiteten Schimpfworte – „Wichser“ und „schwul“ – nur von geistig sehr Minderbemittelten negativ konnotiert.
Masturbation und Homosexualität sind in Wahrheit weit verbreitet, gesund und völlig normal.

Das betrifft auch den Begriff „Antifa“.
Unter Demokraten sollte Einigkeit bestehen, daß Faschismus die gefährlichste und verachtenswerteste Ideologie überhaupt ist.
Antifaschismus ist geradezu der Gründungskonsens beider deutscher Staaten nach 1945. Es musste erst gründlich entnazifiert werden.
Faschisten mussten ihrer Gesinnung abschwören.
Wie sollte es auch ausgerechnet in Deutschland anders sein, nachdem der Faschismus mehr als einen Kontinent vollkommen zerstörte, den Holocaust beging und darüber hinaus 55 Millionen weitere Kriegstote verursachte?
„Wehret den Anfängen“ und „Nie wieder!“ sind die einigenden Kernüberzeugungen aller deutschen Parteien.

Wer kein Antifaschist ist, muss sich sehr ernste Fragen bezüglich seiner Verfassungstreue gefallen lassen.
Folgerichtig werden Antifa-Aktivisten üblicherweise von Nazis, AfD-Flügelmännern und David Berger attackiert.
Es ist eine Ehre für alle Antifaschisten; wer den Zorn des zutiefst verlogenen und bösartigen PiPi-Bloggers auf sich zieht, macht offensichtlich alles goldrichtig. [….]

Dienstag, 2. Juni 2020

Leadership


In einer der Myriaden Trump-kritischen Social-Media-Gruppen las ich heute wieder einmal die verzweifelte Frage wie es bloß angehen konnte, daß der Typ „leader of the free world“ wurde.

Dieses entsetzte Aufheulen ist verständlich, aber die Eingangsfrage ist recht dümmlich. Einerseits kann man den Trumpschen Wahlerfolg sehr gut erklären – Rassismus, rechte Medien, unbeliebte Gegenkandidatin, socialmedia-Manipulationen und GOP-freundliches Wahlrecht – und andererseits ist der anmaßende Sprachgebrauch den US-Präsidenten mit dem Führer der freien Welt gleichzusetzen doch sehr amerikanisch.
Selbst im Westen sehr beliebte amerikanische Präsidenten wie Barack Obama wurden von den Menschen in Europa, Kanada, Japan, Brasilien, Südafrika oder Australien kaum als ihr „Leader“ angesehen. Obama tat im Zweifelsfall das was im rein amerikanischen Interesse war und scherte sich einen Dreck um die Befindlichkeiten der Verbündeten. Da wurde völkerrechtswidrig bin Laden in einem anderen Land hingerichtet, da wurden Menschen nach Guantanamo verschleppt, die Mobiltelefone befreundeter Regierungschefs abgehört, völkerrechtswidrig hunderte Drohnentötungen unternommen und auch fleißig die Todesstrafe vollstreckt.
Bei Donald Trump stellt sich die Frage gar nicht, auch wenn CNN und Co ihn immer noch (mit vorwurfsvollen Unterton) als „leader of the free world“ ansehen.
Außerhalb der USA käme niemand auf die Idee und selbst extrem amerikatreue Atlantiker wie Angela Merkel lassen sich nicht von Trump führen.

 Trumps Präsidentschaft wird aber auch in den USA weitgehend als „failed“  angesehen.
Aus europäischer Sicht liegen die Gründe dafür auf der Hand.
Zumal der Mann offenkundig nicht ganz dicht ist, manisch Öl in die schwersten Krisenherde gießt und wie ein eingeschnapptes garstiges Kleinkind an manchen Tagen über hundert Pöbel-Tweets absetzt.

Aus republikanischer Perspektive sieht es aber etwas anders aus.

Über 100.000 Corona-Tote sind dort ein weit kleineres Problem, wenn es gelingt dafür andere finstere Mächte zu beschuldigen und insbesondere, wenn man weiß, wen es bevorzugt trifft: Ärmere Amerikaner, Working Poor, Unter- und Nichtversicherte, People Of Color, Einwanderer, Schwarze.
Es sterben also weit überproportional diejenigen, die ohnehin demokratisch gewählt hätten und das Elend ist in demokratisch regierten Bundesstaaten derzeit besonders groß, da dort die Metropolen mit sehr hoher Bevölkerungsdichte liegen.

Auch die Unfähigkeit Trumps Empathie zu zeigen, seine hasserfüllten Attacken auf Diejenigen, die empört über den Mord an George Floyd in den amerikanischen Städten protestieren, empören weitüberwiegend diejenigen, die ohnehin demokratisch wählen.
Trumps unverhohlener Rassismus erfreut eher seine traditionelle Wählerbasis; die hassen Schwarze und Latinos nämlich genauso wie ihr cult-leader im Oval Office. Wenn Trump also in seinen absurden Tiraden ankündigt schießen zu lassen, härtere Maßnahmen fordert, von bösartigen Hunden phantasiert, die er auf Demonstranten loslassen will, sich den Weg zur Kirche freischießen lässt, um mit einer Bibel zu posieren, sind Millionen FOX-Viewer begeistert.
Sie können ihrem Sadismus frönen und sich daran erfreuen, wenn Polizisten live auf Facebook auf Schwarze einprügeln.
Trump liegt an einer Eskalation der riots. Je mehr bürgerkriegsähnliche Szenen, desto mehr kann er sich als harter Hund inszenieren.
Umso mehr werden die Weißen die Protestierer hassen und vergessen was die Ursache der Proteste sind – so hoffen die Republikaner wie der Abgeordnete Matt Gaetz, die geradezu fanatisch die Ausschreitungen anheizen.


 Je mehr Ausschreitungen, desto weniger werden besonnene Stimmen wie Margarete Stokowski gehört.

 […..] Im Deutschlandfunk wird berichtet: "In den USA kommt es weiter zu Plünderungen, Krawallen und Gewaltausbrüchen nach dem Tod vom George Floyd." So lautete der erste Satz zur Meldung in der Nachrichtenübersicht am Sonntagabend. Komisch, denn da kommt die Polizei irgendwie nicht vor. Aber es gibt keine Krawalle, weil ein Mann gestorben ist. Es gibt Krawalle, weil er von einem Polizisten getötet wurde und sich dieser Tod in eine lange Tradition rassistischer Polizeigewalt einreiht. […..] Wie friedlich, wie ruhig, wie leise müssten Menschen dagegen protestieren, dass immer wieder schwarze Menschen aus rassistischen Gründen ermordet werden, ohne dass Weiße ihnen erklären, was sie alles falsch machen? […..] Man muss es nicht gut finden, wenn Gegenstände im Zuge von Protesten beschädigt werden, aber die Frage ist, worauf man den Fokus seiner Kritik legt. Arno Frank schreibt in einem SPIEGEL-Kommentar, Plünderungen seien "der Moment, in dem der politische Protest unweigerlich kippt - und seine moralische Berechtigung verliert". Sicher? "Der politische Protest", also der gesamte Protest, verliert seine Berechtigung? Wie soll das gehen? Muss dann auch die Französische Revolution für ungültig erklärt werden, weil da auch dies und das passierte? Noch mal zurück, noch mal gesittet von vorne? […..]

Bis hierhin sehe ich immer noch keine großen Beeinträchtigungen der Chancen Donald Trumps wiedergewählt zu werden.

Etwas anderes könnte aber sehr problematisch werden. Trump und die GOPer dreschen deswegen so auf die Armen, Schwarzen, Protestierer ein, weil das der typischen Sehnsucht der rechtsradikalen Wähler nach einem starken autokratischen Führer entspricht.
Sie wollen tatsächlich einen global leader, der wie ein Diktator handelt und ohne Rücksicht auf Verluste mutig seine rassistische Agenda „Make Amerika White Again“ durchsetzt.
In dieser Hinsicht musste Trump aber einige herbe Tiefschläge einstecken.
Er rief zum G7-Gipfel nach Camp David und Angela Merkel sagte nicht etwa eilfertig „Ja, mein Führer“, sondern „Nö, keinen Bock, ich lass mich von Berlin aus zuschalten!“
Es wird offensichtlicher, daß Trump international nicht sehr geachtet wird.
Daß er eben nicht als Leader angesehen wird.


Noch schlimmer; es sind ausgerechnet seine Brüder im Geiste, Johnson und Bolsonaro, bei denen Covid19 am schlimmsten wütet. Ausgerechnet die selbsternannten starken Führer versagen bei der Führung durch die Corona-Krise.
Viel schlimmer war aber Trumps Abstieg in den White-House-Bunker als in Washington protestiert wurde.


Dadurch wirkte ihr Cult-Leader nicht als strahlender mutiger Held, sondern wie ein Feigling, der sich vor seinem Volk verkriechen muss.
Trump erkannte offenbar die fatale Wirkung dieser Bilder und versuchte gestern mit mehreren drastischen Photo-Ops gegenzusteuern.
 

Nicht nur wedelte er vor der nahegelegenen evangelischen Kirche mit der Bibel, sondern er latschte mit Melania gleich noch zu einem katholischen Schreib, um John-Paul-II zu huldigen.
Blöderweise waren in beiden Fällen die zuständigen Bischöfe stinksauer und äußerten das auch öffentlich.

 [….] Die anglikanische US-Bischöfin Mariann Edgar Budde hat sich von einem Auftritt von Präsident Donald Trump vor der als „Kirche der Präsidenten“ titulierten St.-Johns-Kirche in Washington am Montag distanziert. Sie sei „empört“ über Trumps Verhalten.
„Der Präsident benutzt ausgerechnet eine Bibel, den heiligsten Text der jüdisch-christlichen Tradition, und eine der Kirchen meiner Diözese ohne Erlaubnis als Hintergrund für eine Botschaft, die in Widerspruch zu den Lehren Jesu und allem steht, wofür unsere Kirchen stehen“, sagte die Bischöfin der Episkopalkirche dem Sender CNN (Montag Ortszeit).
Auch sei sie „empört“, dass der Präsident nicht gebetet habe, als er zur Kirche kam. [….]

Anders als halbwegs liberale Christen bin ich der Meinung, daß die Bibel hervorragend zu Trump und seinen Anhängern passt.
Es wird ihm aber schaden, wenn sich ausgerechnet Bischöfe gegen ihn stellen.

[…..] Der Besuch von US-Präsident Donald Trump bei einem Schrein für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. in Washington ist auf scharfe Kritik der katholischen Kirche gestoßen. Der Erzbischof von Washington, Wilton Gregory, teilte am Dienstag mit, er finde es «verwerflich», dass sich eine katholische Einrichtung auf eine Weise missbrauchen und manipulieren lasse, die gegen katholische Prinzipien verstoße. Johannes Paul II. sei ein Verfechter von Menschenrechten gewesen. Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz am Montag vergangener Woche in Minneapolis werden die USA von Unruhen erschüttert.
Donald Trump und First Lady Melania legten am Dienstag einen Kranz am Denkmal des verstorbenen Papstes nieder.  […..]

Noch kann man nicht sagen, ob die Bilder eines sich feige versteckenden Trumps, der von Kirchenvertretern gemaßregelt wird, die Wähler in der FOX-Blase überhaupt erreichen.


Aber enorm große Multiplikatoren wie Kylie Jenner (179 Millionen Instagramfollower), Lady Gaga (81 Millionen Twitterfollower, 42 Millionen auf Instagram), Rihanna, mit 97 Millionen Followern auf Twitter oder Taylor Swift (133 Millionen Instagram-Abonnenten, 86 Millionen auf Twitter), Katy Perry mit 109 Millionen Twitterfans, oder Justin Bieber mit 112 Millionen Twitterjüngern schließen sich dem #BlackoutTuesday an.


Abgesehen davon, daß ich mich schon angesichts dieser Zahlen suizidal fühle und verzweifelt denke Trump wäre gar nicht erst Präsident geworden, wenn auch nur halb so viele Amerikaner seriösen Medien folgten wie den Kardashians, ist die Reichweite so enorm, daß Trump nicht glücklich sein kann.


[…..] Die Stimmung kippt, und Trumps Wiederwahl gerät in Gefahr[…..] .Es ist ein Umfrageschock für Donald Trump. In den großen Schlüsselumfragen zu Akzeptanz, Vertrauen und Kompetenz sackt er regelrecht ab. Im Wahlkampfduell liegt sein Herausforderer Joe Biden im gemittelten Wert aller Umfragen plötzlich mit einem klaren Abstand von 48,2 zu 42,5 Prozent vorne. Der demokratische Herausforderer führt, obwohl er wegen Corona gar keinen Wahlkampf machen kann und im Wesentlichen eine Medienkampagne vom heimischen Keller heraus führen muss, nun auch in allen wichtigen Wechselwahlstaaten. In Wisconsin liegt Biden 2,7 Prozent vorne, in Florida 3,5 Prozent, in Arizona 4 Prozent, in Michigan 5,5 Prozent, in Pennsylvania sogar 6,5 Prozent - und in Minnesota 5 Prozent. […..]
Donald Trump […..] verbarrikadierte sich im Weißen Haus und musste zwischenzeitlich - so berichtet es die "New York Times" - wegen der Straßenschlachten in unmittelbarer Nähe von den Sicherheitsagenten des Secret Service in den unterirdischen Bunker gebracht werden. Normalerweise dient der Bunker als Hochsicherheitstrakt für den Präsidenten im Kriegsfall oder bei schweren Terrorismus-Attacken. […..] Nun "musste" sich Trump vor schwarzen Demonstranten dorthin flüchten. Die symbolische Wirkung dieser Nachricht ist enorm, und sie ist negativ für den Präsidenten. […..] Trump verunsichert selbst treue Gefolgsleute durch irrlichternde Twitter-Nachrichten aus seinem Bunker. Die Bilder von brennenden Straßenbarrikaden und plündernden Mobs passen schon nicht in Trumps Narrativ vom wieder erstarkten Erfolgs-Amerika. Noch weniger passt die Szenerie, dass die Präsidentenkirche St. John's Episcopal Church in unmittelbarer Nähe zum Weißen Haus infolge der Straßenschlachten Feuer fängt, die Außenleuchten des Weißen Hauses abgeschaltet werden müssen, und der Präsident aus dem Atombunker heraus wütende Twitter-Nachrichten verbreitet, "LAW & ORDER!" einzufordern. […..]