Sonntag, 6. Mai 2018

Angela und Jorge

Papst Franziskus ist die Angela Merkel der Kurie.

Wie die alten konservativen Männer in der West-CDU jammern und maulen auch die konservativen Kurienkardinäle, weil der Posten, den sie eigentlich unter sich ausmachen wollten – also Kanzlerparteivorsitz, bzw Papst – auf einmal und ungeplant wegen einer internen Krise an einen Fremdkörper übergingen.
Hier die ostdeutsche Protestantin, die nicht mal zum Andenpakt gehört und dort der Südamerikaner, der keine Funktion in der Kurie hatte.

Beide fielen mit schlechten Angewohnheiten auf.

Helmut Kohl beklagte sich über Merkels miese Tischmanieren:

„Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“

Die Kurialen schauderte es bei Bergoglios derben schwarzen Tretern und seiner Missachtung all der Edelstein- und Gold-durchwirkten Hermelin- und Purpurfummel, die Ratzi so gern trug.

[….] Die traditionellen roten Schuhe der Päpste trug Benedikt [….]  bis zu seinem Rücktritt. Auch bei den Hochfesten der Kirche fehlte es nie an Seide, Gold und sonstigem Prunk auf Mitren und Messgewändern des ehemaligen Papstes. Dieser ganz bewusst zur Schau getragene Reichtum fällt in der Rückschau besonders deshalb auf, wenn man jetzt stets den eher spartanischen liturgischen Stil von Franziskus zu sehen bekommt.
[….] Bergoglio trat bei den bisherigen Feiern ganz in Weiß auf, als Kopfbedeckung während der Prozessionen wählte er seine einfache Kardinalsmitra. Die päpstliche Stola legte er nach dem Segen Urbi et Orbi rasch wieder ab. Am Palmsonntag streifte er einen einfachen, roten Parament-Mantel über. Das Pendant, das Benedikt vor einem Jahr trug, war goldbestickt, mit Kordeln und kostbaren Spangen zusammen gehalten. Manche interpretieren den sichtbaren Unterschied in Liturgie und Auftreten als deutliche Abgrenzung zum Vorgänger. [….]. 2007 hatte Benedikt die alte, lateinische Messe wieder eingeführt, die erste Messe als Papst noch in der Sixtinischen Kapelle feierte Benedikt mit dem Gesicht zu Michelangelos Fresko vom Jüngsten Gericht. Bergoglio hingegen stand an einem seit dem Konzil üblichen „Volksaltar“ und wendete sich den Kardinälen zu. Für traditionalistische Gesten ist der Argentinier nicht empfänglich, Diskurse dieser Art lassen Franziskus kalt.
Seine nähere Umgebung hingegen ist für eine traditionelle, prunkvolle Bildsprache mehr als offen und förderte sie in der Vergangenheit sogar. [….] Von innerem Unmut bis großer Überraschung reichen die Reaktionen derjenigen, die für die Außendarstellung des neuen Papstes zuständig sind. Vor allem der in der Kurie umstrittene päpstliche Zeremonienmeister Guido Marini, der den Stil der Ratzinger-Jahre mitprägte, muss schwer geschluckt haben, seit er plötzlich einem äußerst mönchischen und allem Pomp nicht mehr aufgeschlossenen Pontifex zur Seite stehen muss. Es ist bekannt, dass Marini viel für Spitzen und Goldbesatz übrig hat. [….] Auch als Papst kommt er in schwarzen, abgelaufenen Orthopädie-Schuhen daher und will noch eine ganze Weile im vatikanischen Gästehaus Santa Marta bleiben statt rasch in das ebenso offizielle wie isolierte appartamento im päpstlichen Palast umziehen. [….]

Wie konnte eine so wenig Glamouröse ganz ohne Stallgeruch an die Spitze gelangen?
Wie konnte so ein Luxus verachtender Jesuit ohne Kurien-Stallgeruch Papst werden?

In beiden Fällen durch eine extreme Krise.

1998/9 stürzte Kohl die CDU in eine massive Krise, er wurde seinen Posten los und es offenbarte sich so ein Abgrund aus kriminellen Machenschaften, daß keiner der eigentlich vorgesehenen Nachfolger zugreifen wollte. Zudem steckte man in einem Naziskandal, weil der damalige starke Mann der CDU zig Millionen Schmiergelder in schwarzen Kassen als „jüdische Vermächtnisse“ getarnt hatte. Eine Außenstehende mußte den Augiasstall ausmisten.

Im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts poppten immer mehr Pädophilie- und Missbrauchsskandale der RKK auf, in der Heimat Ratzis rappelte es 2010 so gewaltig, daß es zu Massenaustritten aus der RKK kam, zudem steckte man in einem Naziskandal, weil Ratzi die Holocaustleugner der FSSPX in die RKK integriert hatte. Nach 1000 Jahren trat erstmals ein Papst zurück und wollte den Augiasstall nicht mehr selbst ausmisten. Ein Außenstehender mußte ran.

Wieso ließen sich die mächtigen stramm Konservativen der Kurie/der westdeutschen CDU-Landesverbände die Führungsrolle aus der Hand nehmen?

Weil sie natürlich davon ausgingen die Machtmechanismen des Vatikans/des Konrad-Adenauer-Hauses viel besser zu beherrschen als der/die Neue.
Sollte Merkel/Franziskus doch in der ersten Reihe rumturnen. In Wahrheit würden die alten Seilschaften weiter die Fäden ziehen und die Fremdbestimmung nach kurzer Zeit wieder beenden.

In beiden Fällen ging auch das schief.
 Bergoglio ist nun fünf Jahre Papst und wird es auch bleiben, sofern er nicht zu krank wird.
Merkel ist fast 20 Jahre Vorsitzende der CDU.

Burke, Müller und Sarah, die Konservativen in der Kurie schimpfen und pöbeln aus ganzer Seele über den vermeidlichen Linksruck, der den Markenkern der Kirche zerstöre.
Bosbach, Spahn und Dobrindt, die Konservativen in der Union schimpfen und pöbeln aus ganzer Seele über den vermeidlichen Linksruck, der den Markenkern der CDU zerstöre.

Dabei sind es Bergoglio und Merkel, die mit ihrem oberflächlich etwas liberaleren Auftreten ihren alten angestaubten Laden überhaupt noch lebensfähig halten.
Sonst würden der Partei, der RKK insbesondere in den urbanen Gebieten noch schneller die Mitglieder weglaufen.

Das Kuriosum ist, daß das Publikum gar nicht merkt wie es getäuscht wird, weil Altkonservative so laut über den Verfall der Sitten, die Homoehe und die Ausrichtung auf Dunkelhäutige und Arme außerhalb Europas beklagen.

In Wahrheit ist Merkel genauso konservativ wie diejenigen, die ihren Linksruck beklagen:
Sie hat längst Europa in eine Festung verwandelt, die Grenzen hermetisch abgeschlossen, lässt mutwillig Tausende elend im Mittelmeer und in Libyschen Lagern verrecken, hat eine Obergrenze eingeführt, kuschelt mit den Scharfmachern wie Horst Seehofer, dem sie im Kabinett freie Hand lässt und entgegen ihrer Klimarhetorik alles dafür getan hat, daß Kohleindustrie und Abgasschleuder-SUV weiter unsanktioniert die Umwelt verpesten können. Sie spricht mal freundlich über Schwule, will sie aber nach wie vor unter keinen Umständen als Eheleute Kinder adoptieren sehen. Unter Merkel geht die soziale Spaltung radikal weiter, die Reichen werden reicher.

In Wahrheit ist Bergoglio genauso konservativ wie diejenigen, die ihren Linksruck beklagen:
Er denkt gar nicht daran Frauen zum Priestertum zuzulassen, spricht sich keineswegs für ein gemeinsames Abendmahl mit Protestanten aus. Er spricht mal freundlich über Schwule, will sie aber nach wie vor unter keinen Umständen in den Priesterseminaren haben. Bergoglio beklagt das Flüchtlingselend, kuschelt aber mit den Scharfmachern wie Horst Seehofer, den er schon ein halbes Dutzend Mal zu Privataudienzen empfing und denkt gar nicht daran die vatikanischen Milliardenschätze der Welthungerhilfe zu spenden.
Und natürlich tut er auch nichts gegen die Kinderfickerei seiner Priester, bestritt gar, daß es sowas in Chile überhaupt gäbe, erhob den Kinderfickerförderer Müller zum Kardinal und beförderte auch den seit Jahrzehnten des sexuellen Missbrauchs an Kindern beschuldigten Kardinal Pell zur Nr. Drei des Vatikans.

Merkel und Franz sehen auf den ersten Blick nicht ganz so verknöchert konservativ aus wie ihre Vorgänger.
Aber dennoch sind sie beide es.

Samstag, 5. Mai 2018

Schämen für die eigene Regierung.


Das konnte ich wirklich nie verstehen: Wie kann man sich persönlich zu Tode beleidigt fühlen, wenn jemand die eigene Landsmannschaft, Stadt, Religion, Nation oder sonstige Zugehörigkeitsgruppe beleidigt.

Ich kann mich nur darüber wundern was für massive Minderheitskomplexe Menschen mit sich herumschleppen und wie extrem sie darauf angewiesen sind in einem festen Koordinatensystem verankert zu sein – als Christ. Als Weißer. Als Deutscher. Als Konservativer. Als Ostdeutscher. Als Amerikaner. Als Berliner.

Nach meinem subjektiven Empfinden – und das liegt sicher an meiner persönlichen Filterblase – sind Ossis, Religiöse und Rechte am schlimmsten von der „ich fühle mich beleidigt“-Psychose betroffen.
Bayern zum Beispiel eigenartigerweise fast gar nicht.
Die sind nicht beleidigungsfähig, weil sie so von Stolz und Begeisterung für ihr Heimatbundesland durchdrungen sind, daß es sie nicht das geringste bißchen erschüttern kann, wenn irgendein irrelevanter norddeutscher Tammox sie doof findet.
Schieße ich auf Facebook nur ein Zehntel meiner antibayerischen Bosheit auf Ostdeutschland ab, gibt es sofort eine massive Jammerflut und wütende Gegenreaktionen. Am schlimmsten sind wohlmeinende psychologische Exkurse darüber wieso sie sich persönlich so hart getroffen und beleidigt fühlen.

Ich erachte mich selbst gar nicht als besonders selbstbewußtes Individuum, aber das bißchen Selbstachtung, über das ich verfüge, steht in keinem Zusammenhang mit zufälligen Attributen wie Geburtsort, Hautfarbe oder Nationalität.
Ich kann mich nicht als Schubladenwesen definieren, das für alle Weißen, alle Männer oder alle Hamburger mitverantwortlich und mitfühlend ist.

Es käme mir nie in den Sinn ohne Ironie einen Satz mit „Ich, als Amerikaner, ich als Deutscher, ich als Weißer, ich als Mann, ich als Heterosexueller,…zu beginnen, weil meine Ansichten und Urteile unabhängig davon sind.

Und schon gar nicht verstehe ich wieso diese durch Geburt erworbenen Zufälligkeiten von den meisten Menschen positiv konnotiert werden. Stichwort Nationalstolz und Patriotismus – etwas Dümmeres und Destruktiveres findet sich kaum.
Ich als Amerikaner bin nicht zu beleidigen; im Gegenteil, jeder ist herzlich eingeladen seinen Antiamerikanismus über mir zu ergießen.
Erstens kritisiere ich selbst die Amerikaner so hart ich kann und zweitens bin ich mir stets darüber bewußt, daß solche Pauschalisierungen zwar zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören, aber nicht wörtlich genommen werden können.
Wenn ich die Amerikaner beschissen finde, meine ich damit bestimmte Ausprägungen, wie zB die Wahl Trumps oder das Tragen von Waffen.
Diese linguistische Vereinfachung bezieht sich aber selbstverständlich nicht auf jeden einzelnen der 330 Millionen Amerikaner. Unter denen gibt es selbstverständlich auch unzählige großartige Menschen.
Ich finde auch die Männer unerträglich, ärgere mich über den beschämenden Umgang mit Frauen.
Ich muss nicht extra dazu sagen, daß das selbstverständlich nicht für jeden einzelnen Mann gilt, weil es so schwachsinnig wäre 40 Millionen Deutsche und 3,5 Milliarden Erdenbürger aufgrund ihrer zufälligen Geschlechtszugehörigkeit zu verdammen.

Kürzlich zog ein Bekannter quasi gegen seinen Willen wegen eines Jobs aus Berlin nach Hamburg und schickte mir nach einer Woche eine wütende Mail wie schrecklich doch Hamburg wäre.
Bekanntlich mag ich Hamburg und sollte damit geärgert werden, aber wie sollte das funktionieren?
Wenn ich Hamburg lobe, dann ist das ein bewußt pauschaler Begriff. Zu Hamburg gehören nicht nur 1,8 Millionen Menschen, sondern auch Politik, Landschaften, Gebäude, Natur, Moden, Firmen, Akzente, Gewohnheiten, etc.
Ja, ich mag Hamburg, aber das ist selbstverständlich auch subjektiv und bedeutet natürlich nicht, daß ich jeden einzelnen der 1,8 Millionen Hamburger mag. Auch unter ihnen wimmelt es von Arschgeigen. Hier haben 19% Schill gewählt. Es gibt grausige Bausünden und habituelle Eigenarten.
Mein insgesamt positives Urteil ist auch von Gefühlen geprägt, die nicht verifizierbar sind und nicht davon tangiert werden, ob Person X und Y Hamburg ganz schrecklich finden.

Gefühle können sich ändern. Bei amerikanischen Regierungen bin ich mein Leben lang ein Wechselbad gewöhnt.
Der erste Präsident, mit dem ich mich intensiv beschäftigte, war der SDI-wahnsinnige Ronald Reagan, der Atomraketen im Weltraum stationieren wollte, in Europa gewaltig mit Pershing-II-Raketen aufrüstete, sich von bizarren Gurus und Astrologen seiner Frau beraten ließ und sich weigerte das böse Wort „AIDS“ auch nur auszusprechen, weil er es offenbar für Gottes Gerechtigkeit hielt Schwule auszurotten. Der Mann scherte sich nicht um Umweltschutz und verteilte massiv von unten nach oben um.
Ich verbrachte damals viel Zeit bei antiamerikanischen Friedensdemos und verachtete RR von ganzem Herzen. Bei GHB, der 1991 beinahe einen Weltkrieg anzettelte, wurde es noch schlimmer.
Das war schon eine große Umgewöhnung als mit Bill Clinton ein ausgesprochen Intellektueller auf die Weltbühne trat, der im Ausland wußte wovon er sprach, sich interessierte, immerhin versuchte eine allgemeine Krankenversicherung einzuführen und auch als erster Präsident offiziell bei einer Schwulengala auftrat.
Charme hatte der Mensch auch noch und erscheint mir bis heute als einer der begabtesten Redner unserer Zeit.
Wenn man dagegen den alternden tumbbräsig-provinziellen Kohl sah, wirkte Clinton wie eine Lichtgestalt.
Deutschland wurde mir viel peinlicher als Amerika.
Zehn Jahre später das umgekehrte Bild: GWB, schlimmer und dümmer und gefährlich als alles das ich mir bis dahin vorstellen konnte, ein verlogener tiefreligiöser Lobbyknecht, der mehrere illegale Angriffskriege von Zaun brach.
In Deutschland hingegen RotGrün mit ökologischer Steuerreform, Vizekanzler und Kanzler, die sich ausdrücklich als Atheisten beim Amtseid NICHT auf Gott bezogen und international die Vorreiterrolle als Irakkriegsgegner übernahmen.
Nie hätte ich mir vorstellen können Amerika noch mehr zu verachten als unter GWB, Rumsfeld und Cheney.
Und sehr sehr sehr verwundert stellte ich einige Jahre später fest, wie sich wieder einmal die Vorzeichen komplett geändert hatten.
Der weltweit adorierte Friedensnobelpreisträger Obama modernisierte die USA. Es gab dort Homogleichberechtigung und Haschisch-Freigabe, als in Deutschland noch nicht dran zu denken war und Schwarzgelb unter der ewigen Merkel glasklare Lobbypolitik für Milliardäre und gegen Menschenrechte betrieb.
Natürlich beobachtete ich während der Obama-Jahre das Abdriften der hasszerfressenen Teebeutler in den ultrarechtsextremen Sumpf, machte mir keine Illusionen bezüglich Obamas, dessen Passivität ich nie recht verstand.
Aber was dann im November 2016 geschah kann ich immer noch nicht recht fassen.
Ich kann nicht fassen, daß ausgerechnet die schläfrige Merkel im 13. Amtsjahr verglichen mit #45 in Washington wie eine liberale Ikone wirkt, daß sogar GWB geradezu klug und sympathisch wirkt.

Selbst wenn ich wollte, könnte ich weder für Deutschland, noch für Amerika patriotische Gefühle entwickeln oder mich gekränkt fühlen, wenn jemand eine der Nationen beleidigt.

Es gibt nur den kleinen Unterschied, daß ich die gesamte Trump-Administration so abgrundtief hasse, daß mich scharf antiamerikanisch Töne geradezu erfreuen, weil ich das für vernünftiger halte als die affirmative Trump-Schleimerei der Minister Spahn und Altmeier.

Ich kann mich nicht als Amerikaner schämen, weil ich emotional nichts mit den Trumpmerikanern gemein habe.
Also Feuer frei!
Ich bin offen für alle Beleidigungen wider die Amerikaner, die Deutschen, die Heterosexuellen, die Weißen, die Männer, die Europäer, die Reichen, den Westen!
Wir haben es verdient.

Bei der deutschen Bundesregierung ist es noch nicht ganz so weit, weil ich mich immerhin schweren Herzens und entgegen meiner Gefühle aus reiner Vernunft stark dafür einsetzte, daß meine Partei, die SPD erneut in die Groko eintritt.
Ich stehe zu der Überzeugung, da ich nach wie vor alle Alternativen für deutlich schlechter halte. Die GROSSE Koalition ist das KLEINSTE aller Übel.

Aber dennoch; wenn ich mir ansehe, wie Spahn hetzt,  Scheuer debakuliert und Seehofer reine AfD-Politik betreibt, bin ich eigenartiger Weise noch in der Lage mich emotional so einzubringen, daß ich mich ernsthaft für diese Regierung schäme, obwohl ich natürlich niemals die Wahl der CSU oder CDU gutheißen könnte.

[….] Nicht nur in Ellwangen setzt Seehofer um, was die AfD fordert.
Die größere Gefahr für Flüchtlinge und Anhänger einer solidarischen Gesellschaft kommt heute nicht von der AfD, sondern vom Bundesinnenministerium. Es braucht gar keine AfD in der Regierung, AfD-Politik kann auch Horst Seehofer. Das hat er am vergangenen Donnerstag bewiesen, als er sich "politisch voll hinter den Maßnahmen der baden-württembergischen Sicherheitsbehörden und der Polizei in die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen in Baden-Württemberg stellte: "Diese Dinge müssen mit aller Härte und Konsequenz verfolgt werden.“ [….]

Eine fast schon unerträgliche Schande, daß es diese Minister gibt und daß die SPD diese Typen enablen muss. Ich schäme mich für die CSU.

Wie Trump in Washington setzt auch Seehofer streng auf eine WHITE MALE ONLY-Personalpolitik.




    
Wir haben einen 69-jährigen Geronten als Super-Verfassungsminister, der klar auf Xenophobie setzt und vor keiner rassistischen oder islamophoben Hetze zurückschreckt.
Zum Mitschämen.

[….]  Zuwanderer und deren Kinder prägen das Land längst mit. Nur in der Bundesregierung stellen sie keinen einzigen Vertreter mehr - die Koalitionäre haben eine furchtbare AfD-Forderung unbewusst erfüllt.
[….] Das politische Ende von Aydan Özoğuz kommt leise. [….] Und weil die Kanzlerin arg gerupft aus der Nacht kommt, erklärt sie, dass jetzt wenigstens das Kanzleramt wieder "schwarz werden" müsse.
Was lapidar klingt, beendet die Karriere der ersten türkeistämmigen Politikerin als Staatsministerin im Bundeskanzleramt. Für Union und SPD ist der Vorgang nicht der Rede wert; niemand erwähnt es später, keiner wird es öffentlich bedauern. Fast wirkt es so, als seien alle erleichtert. Özoğuz erfährt aus den Medien, dass sie nicht mehr gefragt ist.
 [….] Ataman [Sprecherin der Neuen Deutschen Organisationen (NDO)] ist frustriert, weil sie die Attacken der AfD und das Ausscheiden von Özoğuz verbindet. Erst habe AfD-Chef Alexander Gauland im Wahlkampf gefordert, man solle Özoğuz "nach Anatolien entsorgen". Und was sei dann passiert? "Man hat sie tatsächlich entsorgt. Man hat genau das gemacht, was Gauland mit seinem fürchterlichen Satz erreichen wollte." Nun mag das nicht bewusst passiert sein; in der Wahrnehmung vieler Migranten ist es trotzdem so rübergekommen.
[….] Für sie ist fast noch schlimmer, dass die SPD sich nicht mal um Ersatz bemühte. Keine Migrantin, kein Mann mit ausländischen Wurzeln in der Regierung? [….] Ähnlich scharf geht Yasemin Shooman mit Union und SPD ins Gericht. Shooman leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums in Berlin und auch sie beklagt eine neue, gefährliche Spaltung. "Das Selbstverständnis als plurale Gesellschaft geht flöten", so Shooman. "Stattdessen ist die Angst sehr präsent, die von der AfD geschürt wird." Es fehle den großen Parteien an Strategien, dem neuen Trend positiv entgegenzuwirken. "Die Politik lässt sich von der AfD treiben." [….][….]



Freitag, 4. Mai 2018

Es wird immer schlimmer

John Ronald Reuel Tolkien, 1892-1973, begann vor knapp einhundert Jahren seinen Kindern Geschichten aus „Mittelerde“ zu erzählen.
Bekanntlich wurde daraus eine der erfolgreichsten Romanreihen aller Zeiten.
Ich las mit 14 Jahren das erste Mal das ganze Tolkien-Werk am Stück durch und war – wie so viele – total in den Bann dieser Welt gezogen. Mich begeisterte der abenteuerliche Plot, während ich die vielen Gedichte, Balladen und Lieder zunächst ignorierte. Für den teilweise extremen Rassismus Tolkiens fehlten mir damals noch die Antennen.
Ich las den „Herrn der Ringe“ noch viele Male und verlagerte dabei mein Interesse kontinuierlich in den sprachlichen und lyrischen Bereich; verglich Übersetzungen, sah ins Original und lernte sogar Passagen einiger Balladen auswendig.
Emotional faszinierte mich am meisten das „Weitblicken“ der hochgestellten Persönlichkeiten, der Reinrassigen, Uralten und Adeligen, der Mächtigen.
Sie richteten ihren Blick auf weit entfernte Ländereien, schauten anderen Lebewesen tief ins Herz. Sie konnten auf geheimnisvolle Weise konzentriert auf Geschehnisse in 1000 Meilen Entfernung sehen und ohne ihre Paläste zu verlassen die Welt erkennen und analysieren.
Auch das Böse schlechthin, Sauron, konnte das. Sein Symbol war nicht von ungefähr ein lidloses feuriges Auge.
Die hohen Herren verwendeten übrigens auch Hilfsmittel, die Palantiri.

 [….] Die Palantíri wurden im Zeitalter der Bäume von Feanor geschaffen und ermöglichten es, über größere Entfernungen miteinander zu kommunizieren. Elendil brachte sieben dieser Steine mit nach Mittelerde. Der Meisterstein, der alle Steine sehen konnte, befand sich im Turm von Avallóne auf der Insel Tol Eressea. So hielten die unsterblichen Lande Kontakt mit Mittelerde. Nur einer der Steine in Mittelerde, der im Elostirion auf den Turmbergen, war nach Westen gerichtet und hielt dadurch den Kontakt mit den Elben. [….] Die Palantíri waren vollkommene Kugeln, die im Ruhezustand von tiefschwarzer Farbe waren und so aussahen als bestünden sie aus massivem Glas oder Kristall. Die kleinsten hatten einen Durchmesser von etwa einem Fuß (~30cm), doch einige, vor allem die Steine von Osgiliath und Amon Sûl, waren viel größer und konnten von einem Mann allein nicht mehr hoch gehoben werden. [….][….]Kundige "Geister" konnten auch bestimmte Bereiche im Stein durch Konzentration ausblenden oder vergrößern, sodass z. B. zu erkennen war, ob ein Mensch einen Ring an der Hand trug. Diese Konzentration war aber sehr ermüdend und führte oft zur Erschöpfung, sodass sie nur selten verwendet wurde, wenn Informationen dringend benötigt wurden. [….] [….]

Durchaus faszinierend, daß ein Autor in den 1920er Jahren Sattelitenkommunikation und Smartphones in seine Romane einbaute.

Als Teeni stellte ich mir vor wie es wäre mit so einem durch meinen Willen gesteuerten Palantir den Dingen überall in der Welt auf den Grund zu sehen.
Nie hätte ich mir träumen lassen eines Tages etwas Vergleichbares – nämlich Laptop und Internet auf dem Schreibtisch stehen zu haben und damit tatsächlich meinen Blick nach meinem Belieben in die Welt richten zu können.

Tatsächlich ist es erschöpfend und tatsächlich richtet man den Blick wie von einer bösen Sauron-Macht manipuliert immer wieder auf dieselben grauenhaften Vorgänge:
Trump, die katholische Kirche, die CSU, die die AfD kopiert. Auf die Bundesregierung, in das Willy-Brandt-Haus. Nach Syrien, nach Osteuropa.
Und man wird wie einst Herr Peregrin Tuk anschließend von schweren Kopfschmerzen geplagt, fällt in Ohnmacht.

Wenn man es aber mal schafft auch in eine andere Ecke der Welt zu sehen, stellt man fest, daß es auch dort von Vollidioten wimmelt, daß die Bürger mit sicherem Griff ins Klo die schlimmstmöglichen Regierungen zusammenwählen und ihre Regierungschefs ganz gewaltige Peinlichkeiten sind.

Beispiel England. In den letzten Wochen hatte ich durch meine Fixierung auf Berlin und Washington fast schon vergessen wie unfassbar unfähig Theresa May durch ihre Regierungszeit debakuliert.

Gewählt dafür Großbritanniens Niedergang durch den EU-Austritt zu besiegeln, hatte May geschlagene anderthalb Jahre nur tumb verkündet „Brexit ist Brexit“, statt auch nur die geringste Idee zu entwickeln, wie sie das eigentlich bewältigen will.

Die Briten sind wirklich in besonderer Weise geschlagen mit ihrer Regierung.

Inzwischen verkündete May, sie wolle sich eben doch die Rosinen herauspicken – also England alle Vorteile der EU zukünftig auskosten lassen, ohne jedoch irgendwas zu bezahlen oder Lasten zu übernehmen. Ein Land glaubt 27 Ländern Vorschriften machen zu können.
Vollkommen irre, die Frau.

[….] Peinlicher geht es kaum für May
In fünf Monaten sollen die Verhandlungen um den Brexit abgeschlossen sein, in etwa 330 Tagen will Großbritannien die EU verlassen. Doch der Vorschlag der Premierministerin, wie das gehen könnte, wird als "Desaster" bezeichnet - von der eigenen Partei.
[….] Michel Barnier, der Chef-Unterhändler der EU, hatte den Vorschlag, mit dem Theresa May in ihre jüngste Kabinettssitzung ging, zwar sowieso schon für unbrauchbar erklärt. Aber es war der einzige, den sie hatte; also klammerte sie sich bis zuletzt daran. Nun hat sie gar keinen mehr.
Denn eine Mehrheit ihrer Minister hat den ziemlich komplizierten Plan einer "Zollpartnerschaft" abgelehnt, mit dem die Briten künftig für die EU Importzölle einsammeln und diese an Brüssel weiterleiten wollten. Sie haben der Premierministerin gesagt, sie solle erst wiederkommen, wenn sie eine bessere Idee habe. Worte wie "Desaster" und "kretinös" sollen gefallen sein. Alle Varianten, mit denen Grenzanlagen in Irland vermieden werden können, sind jetzt zur Überarbeitung an die Fachleute zurückverwiesen worden. Peinlicher geht es kaum.
Es war der letzte von einem Dutzend Rückschlägen, die May in den vergangenen Wochen erfahren hat. Die Frage, wann sie zurücktritt, steht wieder im Raum. Schlimmer noch: Zwei Jahre nach dem Brexit-Referendum und ein Jahr nach Beginn der Austrittsverhandlungen gibt es keinen klaren Plan, wie die Handelsbeziehungen mit der EU aussehen sollen. Oder, womit Zollunion und Binnenmarkt ersetzt werden könnten. [….] Damit bleibt die Irland-Frage weiter ungelöst. Und die Briten staunen einmal mehr darüber, dass ihre Regierung noch immer konzeptionslos und zerstritten in einen Brexit stolpert, dessen Ausformung und Ausführung nach wie vor in den Sternen stehen. […..]

PS:
Ich bin übrigens stolz nie einen Tolkien-Film gesehen zu haben und meine „Herr-der-Ringe“-Kenntnis allein auf meiner eigenen Lektüre und nicht irgendwelchen Hollywood-Kitschbildern basiert.

Donnerstag, 3. Mai 2018

Halt du sie arm, ich halt sie dumm…


….sprach der Bischof zum König.

 Dieser uralte Aphorismus zeigt sehr schön was die christlichen Kirchen über viele Jahrhunderte waren: Ein Herrschaftsinstrument, welches einerseits autokratische Regime rechtfertigte und stabilisierte. Und andererseits eine gigantische Ausbeutungsmaschinerie, die durch Ablasshandel und Reliquienwahn steinreich wurde.

Als im Zuge der Reformation Bauern aufmüpfig wurden und gegen Leibeigenschaft aufstanden, tobte Martin Luther vor Wut, weil er ein radikaler Obrigkeitsdenker war. Die feudale Fürstenherrschaft war schließlich gottgewollt.
Obrigkeitshörigkeit wurde so sehr zum Markenzeichen der evangelischen Christen, daß sie auch 450 Jahre später wesentlich fester und kompromissloser an der Seite Adolf Hitlers standen, als die Katholiken.


Die Amtskirchen standen dabei stets auf der Seite der Reichen und Mächtigen und sorgten dafür, daß die Armen, Sklaven und Rechtlosen weiter ausgebeutet werden konnten. Kaiser und Könige wurden von höchsten Geistlichen gekrönt und ihr Herrschaftsanspruch mit „von Gottes Gnaden“ besiegelt.


Bis ins Jahr 2018 stehen die Kirchen an der Seite von konservativen Parteien und gegen soziale Parteien, die womöglich den Besitz nach unten umverteilen könnten.
Die Kirchen unterstützen auch nach dem Ende der europäischen Monarchenherrschaft die rechtesten Gruppen, standen fest an der Seite der Faschisten in Italien, Spanien und Deutschland. Der slowakische Nazi-Diktator Jozef Tiso, der als glühender Hitler-Fan stolz verkündete alle slowakischen Juden ins Vernichtungslager geschickt zu haben, war selbst katholischer Priester.
Nach 1945 stand die RKK Spanien fest zum faschistischen Diktator Franco, bekämpfte demokratische Bestrebungen und verdiente sich durch den Verkauf hunderttausender Babys etwas dazu.
Auch in Lateinamerika waren die Kirchen bis ins 21. Jahrhundert die engsten Verbündeten der faschistischen Rechts-Diktaturen. Die wenigen einzelnen Bischöfe, die sich als „Befreiungstheologen“ auf die Seite der Armen stellten, wurden von Karol und Ratzi exkommuniziert oder abgesetzt.
Es ändert sich kaum etwas. Evangelikale Christen sind die wichtigste Machtbasis des rassistischen Rechtsradikalen Donald Trump.

Und auch in Europa steht die Kirchen besonders unterstützend an der Seite der Regierungen Ungarns, Polens und Russlands, weil sie dort Macht, Geld und Privilegien zurückbekommen, während lästige Bürgerrechte für Schwule oder dieser ganze demokratische Unsinn wie Pressefreiheit oder unabhängige Justiz konsequent abgeschafft werden. Das gefällt den Bischöfen, die nicht nur Putin und Orban lobpreisen, sondern auch die stärkste Stütze des Syrischen Diktators Assad sind.

„Der Islam“ ist da weiter. Dort werden Reichtum und Verteilungsungerechtigkeit nicht in dem Maße unterstützt. Jeder Muslim muss fünf Mal am Tag beten – auch Könige und Emire. Bei der höchsten Pflicht, der Haddsch in Mekka, tragen Multimilliardäre und Wanderarbeiter, Hochadelige und Putzfrauen das gleiche schlichte weiße Gewand. Für alle gelten die gleichen Regeln, weil niemand vor Allah mehr wert ist als ein anderer.

(….) Während es im Islam heute noch  Zakat und Zinsverbot gibt, ist völlig in Vergessenheit geraten, daß die  Katholische Kirche die längste Zeit ihrer Existenz kein Herz für Kredithaie und Wuchergeschäfte hatte.

Im Gegenteil; die Bibel verbietet dies.

35 Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. 36 Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. 37 Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Wucher geben.
(Levitikus 25)  (……)

24 Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern.
(Exodus 22)

(…..)   Insbesondere ab dem 12. Jahrhundert hat eine Vielzahl unfehlbarer Päpste das Zinsverbot als „unveränderliches kirchliches Gebot“ bestätigt.

[…] Noch 1745 wandte sich Papst Benedikt XIV. in der an die hohe Geistlichkeit Italiens adressierte Enzyklika Vix pervenit entschieden gegen den Zins. In § 3, Absatz I heißt es: Die Sünde, die usura heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, dass jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat […] Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch.
(Wiki)

In den nächsten Jahrhunderten fand man allerdings auch im Vatikan heraus wie wunderbar einfach man sich mit Geldverleih eine goldene Nase verdienen kann.
Insbesondere katholische Ritterorden waren extrem kreativ dabei die biblischen und Vatikanischen Regeln zu umgehen.
Im 19. Jahrhundert waren Zinsen dann inzwischen so alltäglich geworden, daß es überhaupt keinem mehr auffiel als Papst Pius VIII. am 18. August 1830 alle vorherigen Zins-Gesetze aufhob. (……)

Auf allen Kontinenten der Erde rafften christliche Geistliche auf diese Art und Weise ungeheure Schätze und Geldmittel zusammen. Die Kirchen sind heute der größte Grundbesitzer des Planeten.

Allein die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sitzen auf einem Vermögensberg von geschätzten 700 Milliarden Euro.
Bis heute werden Bischöfe üppig bezahlt; in etwa so wie Ministerpräsidenten.
Bezahlt aus den Haushalten der Bundesländer; also nicht etwa nur von Kirchenmitgliedern, sondern unter anderem auch von Konfessionslosen und Muslims.

Das Bestreben das Volk dumm und arm zu halten kommt den Interessen einer reichen Besitzenden-Klasse und den christlichen Kirchen gleichermaßen entgegen.
Nicht nur, weil sie beide finanziell profitieren, sondern weil Dummheit und Armut ihrer beider Herrschaft stabilisiert.
Wer dumm ist begehrt nicht auf, organisiert sich nicht.
Wer arm ist, leidet mehr an Krankheit und Sorgen – und je mehr Sorgen und Ungewissheit es gibt, desto größer der Glaube an Gott und die Unterwerfung unter kirchliche Autoritäten.

Übertragen auf das 21. Jahrhundert bedeutet das: Je schlechter das soziale Netz und je weniger Verlass auf den Staat ist, desto notwendiger ist Gott.
Also ist es nur konsequent von Christen sich an die Seite von Politikern wie Trump oder Merkel zu stellen – beide bauen Sozialleistungen und Bildungschancen kontinuierlich ab und sorgen mit on Lobbyisten maßgeschneiderten Steuergesetzen dafür, daß Superreiche superschnell noch superreicher werden.
„Halt du sie arm, ich halt sie dumm“ führt zu mehr Religiosität. Wer keine staatliche Absicherung, keinen Krankenversicherung, kein soziales Netz kennt, ist weniger aufgeschlossen für Atheismus und Säkularität, weil er den Beistand Gottes umso mehr benötigt.
Gebildete, selbstständig denkende und sozial grundversorgte Menschen sind hingegen der Alptraum für die Amtskirchen, denn so einer braucht keine Gebete und folgt weniger leicht den Anweisungen des Pastors.

[….] Eine aktuelle Studie hat den Zusammenhang zwischen Religiosität und staatlicher Fürsorge untersucht.
    Ergebnis: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver erscheint den Menschen der Beistand eines Gottes.
    Andersherum bedeutet das allerdings auch: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand. [….]

Dieser Zusammenhang ist in sich logisch und wird seit Jahrzehnten postuliert und empirisch dokumentiert. Wenn der Sozialstaat gut funktioniert und Bildung kostenlos ist, sich die Menschen vergleichsweise wenig Sorgen um Krankheiten machen müssen, passiert das was wir zum Beispiel in den Skandinavischen und Benelux-Staaten beobachten:
Die Bürger werden massenhaft zu Atheisten.
Das ist nicht nur eine Frage der Bildung, sondern auch eine Sozialpsychologische.

[….] Weshalb sind so viele Menschen in den USA so tief religiös, während in weiten Teilen Europas die Kirchen leer bleiben?
Die letzte Frage könnte ein Studie von Psychologen um Miron Zuckerman von der University of Rochester und Ed Diener von der University of Virgina zum Teil beantworten: Wie sie im Fachblatt Personality and Social Psychology Bulletin berichten, besteht ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an einen Gott und der Fürsorge, die ein Staat seinen Bürgern erteilt: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver ist der Beistand eines Gottes für die Menschen. Andersherum formuliert bedeutet das: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand; und in den USA lässt der Staat seine Bürger - im Vergleich zu Europa zumindest - im Zweifelsfall selbst wieder aufstehen (oder auf dem Boden liegen), wenn sie einmal gestürzt sind.
Wo die Lebensqualität vergleichsweise hoch ist, wirkt Religion weniger attraktiv.
Die Wissenschaftler um Zuckerman werteten Daten aus, die zwischen 2005 und 2009 für die Gallup World Poll weltweit erhoben wurden. Mehr als 455 000 Personen aus 155 Nationen wurden dafür befragt, darunter waren Nationen, in denen Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten die Mehrheit der Gläubigen stellten. Aber egal welcher Religion die Menschen anhingen, ihr Glaube war dort im Durchschnitt stärker ausgeprägt, wo staatliche Leistungen eher mäßig ausfielen.
[….] Wo sich weltliche Behörden hingegen halbwegs vernünftig um das Wohlergehen der Bürger kümmerten, suchten weniger Menschen Halt und Hoffnung im Glauben an eine übernatürliche Wesenheit. Zudem wirkte Religion dort weniger attraktiv auf die Menschen, wo die Lebensqualität vergleichsweise hoch ist.[…..]