Dienstag, 17. November 2015

Polizei Osterei – Teil II



Nach den Anschlägen von Paris haben die Rechten die Hosen voll und tun dem IS den Gefallen so zu reagieren, wie es die Terroristen erreichen wollten:
Antimuslimische Äußerungen, Einschränkungen der Freiheit, Verdächtigungen gegen den Islam insgesamt, konfrontative Außenpolitik, Säbelrasseln, Öl ins Feuer. Es ist ein Aufstand der Angsthasen, den wir bei den Konservativen erleben; sie tappen dem Kalifat in die Falle.

Drei Staatschefs sprechen sogar von KRIEG und beleben damit George W. Bushs grandios gescheiterten „war on terror“ neu.

·        François Hollande, der aber die Entschuldigung hat als „Hauptbetroffener“ emotional angeschlagen zu sein und sein Land zusammenhalten muß.

·        Joachim Gauck spricht ebenfalls von Krieg; bei ihm liegt es vermutlich an einer Kombination aus genereller Militärfreundlichkeit und Senilität. Er weiß ohnehin meistens nicht was er redet.

·        Papst Franz spricht sogar vom Beginn des „dritten Weltkrieges“ und offenbart damit was es für eine radikale Absurdität ist jemanden wie ihn als „unfehlbar“ einzustufen.

Potentiell bellizistische Militärgrößen weisen immerhin drauf hin, daß die massiven Luftangriffe, die inzwischen so viele Nationen auf das Gebiet des IS fliegen offenbar nicht die geringste Wirkung zeigen.

Eine mögliche Lösung könnten Bodentruppen sein.
Fußsoldaten sind allerdings aus zwei Gründen ebenfalls keine Option.

1.) Das gesamte IS-Gebiet ist inzwischen so groß und unübersichtlich, daß man mindestens 300.000 Soldaten bräuchte. Besser 500.000. Und da das eine lange Aktion würde, bräuchte man noch viel mehr, um diese auch mal auszutauschen. Derzeit sind aber alle westlichen Armeen ohnehin schon fast ausgelastet und Obama will nicht.
2.) Westliche Soldaten können auf dem IS-Gebiet keinen Krieg führen, weil sie Freund und Feind nicht unterscheiden können. Wenn man also nicht zig Millionen Unschuldige gleich mitumbringen will, erübrigt sich die Option Krieg.

Wir sollten stattdessen lieber präventiv vorgehen und dafür sorgen, daß in westlichen Bildungs- und Sozialsystem nicht tausende Franzosen, Deutsche, Belgier oder Amerikaner generiert werden, die sich gern dem IS anschließen und sich vorzugsweise unter Mitnahme möglichst vieler Unschuldiger per Sprengstoffgürtel zu den 72 Jungfrauen hochschießen.

Und ja, Binsenwahrheit, Polizei, Justiz und Staatsschutz sind bei denjenigen gefragt, für die Prävention zu spät kommt.
Es wäre schon ganz nett wenigstens diejenigen, die bereits öffentlich gemacht haben Salafismus und Terrorismus zu befürworten in Schach zu halten.

Unglücklicherweise mangelt es da aber gewaltig an politischer Führung. Oder wie ist es sonst möglich, daß man über ein Jahrzehnt den Zschäpe-Terroristen nur beim Morden zusieht, während der BND damit beschäftigt ist für die NSA EU-Regierungen und Airbus auszuspionieren?
Wie kann es sein, daß der Thüringer Verfassungsschutz so unfassbar unfähig ist, daß er drei Jahre sogar gar keinen Chef mehr hatte und erst heute mit Stephan Kramer, dem Ex-Generalsekretär des Zentralrates der Juden, überhaupt wieder einen Leiter bekommt?

Und die Polizei? Ich weiß, es ist populistisch und vermutlich ungerecht, aber sind die vielen Bünabes, die durch die Straßen streifen, um eifrig jedes Auto abzuzetteln, das drei Zentimeter auf dem Fußweg parkt, wirklich die richtige Priorität?

Brauchen wir im Moment Bundesligaspiele, die jedes Wochenende zigtausende Polizisten binden und somit von Wichtigerem abhalten?

Die Impudenz des Monats August 2015, der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann („Früher gab es so wunderbare Neger“) gibt – wieder einmal – ein besonders schlechtes Bild ab. Seiner Polizei ist offenbar völlig das Koordinatensystem verrutscht.

[….]  Bis zu 15 Jugendliche klopfen gegen die Scheiben einer Erstaufnahmeeinrichtung und rufen "Ausländer raus!" Für die Polizei ist das nichts Schwerwiegendes.
[….] In der Richard-Wagner-Straße wurden Eier an ein Haus geworfen und ein Beutel Restmüll in die Biotonne des Nachbarn gesteckt. Im Drosselweg wurde ein mobiles Toilettenhäuschen umgekippt. All das hat die Geretsrieder Polizei am 1. November berichtet, am Tag nach Halloween. Die Beamten melden auch regelmäßig, wenn Jugendliche Lippenstift oder Zigaretten klauen.
Nicht berichtet hat die Geretsrieder Polizei hingegen, was zwei Nächte später geschah. Da nämlich machten sich zehn bis 15 Jugendliche von der Mitbestimmer-Versammlung des Jugendzentrums Saftladen auf, um an die Fenster der Mittelschul-Turnhalle in der Adalbert-Stifter-Straße zu klopfen und "Ausländer raus!" zu schreien. In die Halle waren gerade erst Asylbewerber gezogen, es handelt sich um eine Erstaufnahmeeinrichtung. [….]

[….] Was passiert mit einem Ladendieb, der sich vom Personal erwischen lässt? Ganz klar, wird man jetzt denken, das ist ein Fall für die Polizei. Auch Michael Kiau hat so gedacht - bis vergangenen Freitagnachmittag. Da schlugen zwei Trickdiebe in seinem Grafinger Juweliergeschäft zu. Einer lenkte die Verkäuferin ab, der andere ließ teuren Goldschmuck unauffällig in der Tasche verschwinden. [….]  Die zuständige Polizeiinspektion Ebersberg habe mitgeteilt, es sei leider keine Streife verfügbar, man solle die Diebe doch bitte selbst dingfest machen und festhalten, bis die Polizei kommt - irgendwann.
[….] Bei der Ebersberger Polizei will man sich zu dem Vorfall gar nicht äußern und verweist auf das Präsidium in Ingolstadt. Pressesprecher Hans-Peter Kammerer bestätigt Kiaus Geschichte weitgehend und hat auch eine Erklärung: Die Kollegen hätten am Freitagnachmittag "tatsächlich keine Streife verfügbar" gehabt. [….] Trotzdem: "Wenn die Polizei gerufen wird, sollte sie natürlich auch kommen." Kammerer erklärt, dass man noch prüfe, warum keine Streife aus einer anderen Inspektion eingesprungen sei. Vermutlich liege das daran, dass der Notruf nicht über die zentrale Nummer 110, sondern direkt bei der Ebersberger Inspektion eingegangen war. Dort habe man dann entschieden, dass keine Streife frei sei, aber wohl versäumt, den Notruf an die Einsatzzentrale weiterzuleiten. [….] (Wieland Bögel, SZ, 17.11.15)


Montag, 16. November 2015

Das Internet ist eigenartig.

Helmut Schmidts Biograf erklärte am Abend seines Todes, der letzte Satz, den Schmidt zu ihm gesagt hätte, lautete „Schade, daß einem so wenig Zeit bleibt zu erkennen, wie raffiniert alles zusammenhängt.“
(Aus dem Gedächtnis zitiert)

Das stimmt sicherlich für Helmut Schmidt, aber die allermeisten Menschen erkennen eigentlich gar nichts, weil sie entweder zu dumm oder zu ignorant oder zu phlegmatisch sind.

Menschen wollen gedanklich abgeholt werden; ihnen muss man Eselsbrücken zu bauen.
Sie können die Realität nicht rational einschätzen und bewerten erst Recht Gefahren falsch.
Sie gruseln sich beim Strandurlaub vor todbringenden Haien, haben aber gar keine Angst vor Kokospalmen, obwohl durch auf den Kopf fallende Kokosnüsse jährlich 100 mal mehr Menschen umkommen, als durch Haiattacken.

10.000 Verkehrstote jährlich erschrecken nicht, 40.000 Tote in deutschen Krankenhäusern durch Behandlungsfehler, 30.000 Tote durch nosokomiale Krankenhauskeime auch nicht. 50 Tote durch EHEC lösen hingegen echte Panik aus.

Menschen müssen Schicksale von der BILD plastisch aufbereitet bekommen, um sich dafür zu interessieren.
Niemand interessiert es, daß jeden Tag aufgrund unserer Agrar- und Finanzpolitik 20.000 Kinder elend verhungern. Und der langsame Hungertod dürfte so ziemlich das Grausamste sein, das einem Kleinkind widerfahren kann.
Wenn aber in Sachsen die kleine Chantal missbraucht wird, treibt das den deutschen Michl wochenlang um.
Das Drama braucht ein Gesicht, sonst begreifen wir es nicht.

Mal können aber Hunderttausende (Algerien) oder Millionen (Ruanda, Kongo) abgemurxt werden, ohne daß die UN das irgendwie erwähnenswert findet.

Bei humanitären Katastrophen, die nicht durch politische Gewalt ausgelöst wurden, ist das ganz ähnlich.

Als es in der russischen 5-Millionenstadt St. Petersburg 1990 und 1991 zu echten Hungerwintern kam, war die Partnerstadt Hamburg wie elektrisiert und jeder packte eifrig Care-Pakete. Diese privaten Lebensmittelhilfen wurden so selbstverständlich, daß man in den Supermärkten schon fertig gepackte und adressierte Pakete für 20, 30 oder 40 DM erstehen konnte.

Wenn in anderen Teilen der Welt - Eritrea oder Nordkorea zum Beispiel - Hunderttausende elendig verhungern, interessiert das hingegen wenig.

Auch die Spendenbereitschaft nach Naturkatastrophen ist höchst unterschiedlich.

Der Mega-Tsunami vor Sumatra an Weihnachten 2004 löste eine riesige internationale Spendenbereitschaft aus.
Allein Deutschlands Kanzler Schröder gab das OK zu Hilfen in Höhe von 500 Millionen Euro, die von den 503 Millionen Euro, die Deutsche privat spendeten sogar noch übertroffen wurden.

Als im Juli und August 2010 fast zwei Millionen Pakistanische Häuser durch eine gigantische Flut beschädigt wurden, hielt die Weltgemeinschaft demonstrativ die Portemonnaies zu.

Wenn IS-Terroristen in Paris 130 Menschen abmurxen finden wir es auch sehr schlimm. Logischerweise. Denn man kennt Paris. Die Bilder sind sehr plastisch. Und Frankreich ist nahe.

Es wird sich für immer in das kollektive westliche Gedächtnis als ultimatives Entsetzen einbrennen, wie am 11.09.2001 die WTC-Türme in sich zusammensackten und 3.000 Menschen starben.
Die Bilder waren extrem spektakulär und es traf zudem einen extrem symbolträchtigen Ort.
Das war die Superpropaganda schlechthin. Damit konnte man noch Jahre später Politik machen.

Daß in Folge des US-Angriffs auf den Irak, der rein gar nichts mit dem 11.09.2001 zu tun hatte, nicht 3.000, auch nicht 30.000, sondern eher 300.000 Unschuldige starben, ist hingegen kaum einem Menschen bewußt.
So sind wir.
Ungerecht und unaufmerksam.

Es gibt keine emotionale Gerechtigkeit.
Deswegen halte ich es auch für höchst unsinnig, wenn politisch Hyperkorrekte auf die ungerechte Verteilung des Mitgefühls bei den Anschlägen vom 13.11.2015 hinweisen.

Auf große Katastrophen und Ereignisse folgt üblicherweise ein Facebook-Trend. Noch bevor die Sachverhalte aufgeklärt sind, ändern User ihr Profilbild. Auch nach den Attentaten in Paris können die Mitfühlenden ihr Foto jetzt blau-weiß-rot färben und Haltung zeigen.
Facebook-Nutzer kennen das schon: Sie sind Charlie. Oder, um die Ehe für alle zu unterstützen, können sie die Regenbogenfahne über ihre Profilbilder legen. Nun ist es die französische Flagge. Nur: Statt einer sozialen Bewegung wird hier gleich ein ganzer Staat symbolisiert, was viele fraglos mitmachen.

Was ist mit den vielen Opfern, die im Libanon und Syrien umkommen?
Wieso hat niemand sein Facebook-Profil in den russischen Nationalfarben eingefärbt, als zwei Wochen zuvor ein russisches Flugzeug mit 224 Insassen  über der Sinai-Halbinsel gesprengt wurde?

Doch kaum ist das Profilbild umgefärbt, kommen die Nörgler. Diese Form der Solidarität sei oberflächlich, die Unterstützung und Anteilnahme würde über ein paar hübsche Farben und drei, vier Klicks nicht hinausgehen. Und überhaupt: Bei anderen Anschlägen sei die Anteilnahme im Netz längst nicht so groß gewesen.

Der Grund für die Ungerechtigkeit gegenüber syrischen und russischen Opfern ist, daß wir Menschen bedauerlicherweise blöd sind und nie gerecht sind.
Wir urteilen letztendlich gefühlig.
So entscheidet der deutsche Urnenpöbel auch Wahlen.
Merkels „sie kennen mich!“ hat ihr den Wahlsieg gesichert.
Das wohlige Gefühl der Vertrautheit.
Deswegen erscheinen auch Wahlplakate ohne Text.
Deswegen haben Vernunft und Argumente immer das Nachsehen hinter dem Bauchgefühl für eine Person.

Wir interessieren und dafür, was wir kennen und was wir uns vorstellen können.
Verhungernde Kinder im Kongo und dem Südsudan sind a) weit weg, haben b) eigenartige Namen und c) auch noch eine sehr dunkle Haut.
Das interessiert nicht.

Das ist bedauerlich für diejenigen, die unserer Solidarität womöglich viel mehr bedürfen, als das relativ reiche und zivilisierte Frankreich.

Aber wenn wie bei solidarischen Gefühlen auch noch auf Gerechtigkeit pochen, geht das im Grunde anständige Gefühl des Mitleids am Ende ganz flöten.
Daher lasst den Menschen bitte ihre tricolorierten Facebook-Profilbildchen.

Die Klage des 26-Jährigen libanesischen Arztes Elie Fares*, ob uns Europäern und Nordamerikanern arabische Leben weniger wert wären, ist im Grunde eine Rhetorische.
Ja, andere Leben sind uns weniger wert.
So sind wir eben.
Ich glaube nur nicht, daß das aus purer Bosheit passiert, sondern aus Dummheit und Ignoranz. Das liegt an der christlichen Prägung, die eben keinen universellen Humanismus kennt, sondern uns ein gruppenbezogenes „Wir sind besser als die“ einimpft.

*Sind arabische Leben weniger wert?
[….] Je länger ich las, desto höher stieg die Zahl der Toten. Es war schrecklich; es war entmenschlichend; es war völlig und unwiderruflich hoffnungslos: 2015 endete so, wie es begonnen hatte - mit Terroranschlägen, die im Libanon und in Frankreich beinahe zur selben Zeit stattfanden - ausgeführt von verrückten Kreaturen, die Hass, Angst und Tod verbreiteten, wohin sie auch gingen.
Heute Morgen bin ich aufgewacht und zwei Städte waren zerbrochen. Meine Freunde in Paris, die noch gestern gefragt hatten, was denn in Beirut passiert sei, lernten nun plötzlich die andere Seite kennen. Unsere beiden Hauptstädte waren zerbrochen und vernarbt. Für uns hier waren das vielleicht alte Nachrichten, für sie aber Neuland.
Mehr als 128 unschuldige Zivilisten aus Paris sind nicht länger bei uns. Am Tag zuvor waren 45 unschuldige Zivilisten aus Beirut nicht länger bei uns. Die Opferzahlen steigen, aber wir lernen offenbar nie dazu.
[….] Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts in Stücke gesprengt wurden, lautete die Schlagzeile: "Explosion in Hisbollah-Hochburg", als könnte der politische Hintergrund einer urbanen Gegend den Terror irgendwie in einen Kontext einordnen.
Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts starben, standen die Führer der Welt nicht auf und verurteilten das. Es gab keine Statements, in denen Sympathie mit dem libanesischen Volk ausgedrückt wurde [….] Es gab keine weltweite Empörung darüber, dass unschuldige Menschen, deren einziger Fehler war, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nie so etwas passieren sollte oder dass ihre Familien niemals auf solche Weise zerstört werden sollten. Religion oder politischer Hintergrund eines Menschen sollten nicht darüber entscheiden, ob man erschrocken ist, dass sein Körper auf dem Zementboden verbrennt.
[….] Als meine Leute starben, hielt es kein Land für nötig, seine Sehenswürdigkeiten in den Farben seiner Flagge zu beleuchten. Nicht einmal Facebook hielt es für nötig, dass meine Leute sich als "sicher" markieren konnten, so banal das auch sein mag. Hier ist euer Facebook-Safety-Check: Wir haben, zum jetzigen Zeitpunkt, alle Terrorangriffe in Beirut überlebt.
Als meine Leute gestorben sind, hat das die Welt nicht in Trauer gestürzt. Ihr Tod war nicht mehr als ein irrelevanter Tupfen im internationalen Nachrichtenzyklus, etwas, das eben in diesen Teilen der Welt passiert.
[….] In einer Welt, die sich nicht um arabische Leben schert, stehen Araber in der vordersten Frontlinie.


Sonntag, 15. November 2015

Die religiöse Dimension



Der Hass auf Obama, der in den rechten US-Medien verbreitet wird, ist für europäische Gemüter immer noch höchst erstaunlich.

Obama gilt als die Inkarnation des Bösen; keine Schandtat, die ihm nicht zugetraut wird.
Es gibt in der radikalisierten manichäischen Medienwelt Amerikas sicher viele Gründe, die diesen blanken Hass triggern.

Nach meinem Eindruck existieren aber drei Kardinal-Ursachen.

Erstens ist Obama nur zur Hälfte weiß und gilt damit als „schwarz“ (bei einem weißen und einem schwarzen Elternteil könnte er ja eigentlich mit gleichem Recht als „weiß“ durchgehen).

Außerdem wird dem Aufsteiger sein Erfolg geneidet. Obamas Vater stammt aus Kenia, die Mutter aus ärmlichen Verhältnissen und dann Rechtswissenschaftler an der Harvard Law School, Herausgeber der Fachzeitschrift Harvard Law Review und J.D.-Abschluss mit magna cum laude. Anschließend Abgeordneter und US-Senator. Das verbittert einen ungebildeten Hillbilly aus dem Bibelbelt, der es nie so weit bringen wird.

Drittens wird ihm ewig sein Satz über Religion und Pistolen aus dem Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton nachhängen. Das hätte ihn um ein Haar die Präsidentschaft gekostet-.

Obama was caught in an uncharacteristic moment of loose language. Referring to working-class voters in old industrial towns decimated by job losses, the presidential hopeful said: "They get bitter, they cling to guns or religion or antipathy to people who aren't like them or anti-immigrant sentiment or anti-trade sentiment as a way to explain their frustrations."

Der Guardian drückt es sehr bezeichnend aus; Obama habe völlig untypisch kurz die Kontrolle über seine Worte verloren.
Ihm ist also etwas rausgerutscht, das er eigentlich nie so sagen wollte.

Er brach ein klassisches Wahlkampftabu, indem er etwas Wahres aussprach, das aber viele Wählerstimmen kostet und daher tunlichst von einem, der noch gewinnen will, verschwiegen werden sollte.

Warum reagierten die Amis damals derartig gereizt auf den Obama-Satz?
Einem frommen Christen, der wirklich zweifelsfrei an Gott glaubt und aus voller Überzeugung der biblischen Lehre folgt, kann es völlig egal sein, was jemand anders über seine Glaubensmotive sagt.
Daß sich Amerikas Strenggläubige bis heute über Obama aufregen, ihn wahlweise als Antichristen, Muslim und Atheisten schmähen, liegt vermutlich daran, daß sie zumindest unterbewußt wissen wie Recht Obama hat.

Die ewig zu kurz Gekommenen, die Elenden, die Doofen hängen an Religion.

Unter amerikanischen Wissenschaftlern sollen hingegen nur 5% religiös sein.
Wer die so gepriesenen „amerikanischen Werte“ lebt, indem er durch Fleiß und Klugheit aufsteigt, sich neue soziale Schichten erobert und finanziell abgesichert wird, hat Religion weniger notwendig.
Er kann auf die religiösen Einschränkungen – kein Sex vor der Ehe, keine Gay Marriage, keine Verhütung, - immer mehr verzichten.
Wer sein Portemonnaie mit Geld und seinen Geist mit Wissen füllt, kann die beklemmenden Fesseln der kirchlichen Regeln lösen, weil er anderen Halt im Leben findet.
Er kann sich auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten, die ökonomische Potenz stützen.
Wer aber nichts hat, ist verführbar für die einfachen Lösungen der Religion.
Denn Religion nimmt einem das Denken ab, delegiert die Sorgen und schafft ohne Zutun des Gläubigen das wohlige Gefühl etwas Besseres zu sein.
Je höher der Bildungsstatus, desto weniger religiös sind die Menschen.

Die „Jecken“, also die deutschstämmigen Juden in Israel sind säkularer, weil es ihnen bis 1933 vergleichsweise sehr gut ging.
Sie waren so gut integriert und assimiliert, daß sie sich gar nicht vorstellen konnten aus Deutschland wegzugehen, das Land wegen ihrer tiefen Verwurzelung nicht verlassen wollten.
Die Aschkenasim, also aus Osteuropa stammende Juden in Israel brachten hingegen metaphorisch gesprochen ihr Schtetl mit, da sie ärmer und dadurch auch viel religiöser waren.
Die wirklich gefährlichen ultra-ultraorthodoxen Israelis des Jahres 2015 zeichnen sich alle durch minimale Schulbildung und Armut aus.
Nur 50 km weiter im Hightech-Tel Aviv mit den gut verdienenden Wissenschaftlern ist jüdische Religiosität hingegen kaum noch bemerkbar.

Es ist immer derselbe Effekt.

Auch in der islamischen Geschichte kennen wir diesen Zusammenhang. Als es den Bürgern in den beiden historischen Kalifaten (Bagdad und Córdoba) ökonomisch gut ging und hohe Bildung angestrebt wurde, ging eine enorme Liberalisierung und auch Säkularisierung damit einher.
Mit der prosperierenden Islamischen Gesellschaft ging Freiheit einher.
Die Kalifen gewährten Juden und Christen nicht nur Aufenthalt und Toleranz in ihren Reichen, sondern ließen sie sogar direkt bei Hofe Karriere machen.

Das demokratische Prinzip stammt in Wirklichkeit von den Griechen und wird wiederbelebt durch die Renaissance und die Aufklärung. Ohne die Renaissance wäre die Aufklärung wahrscheinlich nicht zustande gekommen. Und die Renaissance wäre wahrscheinlich nicht zustande gekommen ohne den enormen Einfluss des Islam und dessen nahezu phantastische Übersetzertätigkeit. Aristoteles und die anderen großen griechischen Philosophen haben wir ja in Europa dadurch empfangen, dass in Bagdad und in Córdoba unter islamischer Oberherrschaft gleichberechtigt nebeneinander Christen, Muslime und Juden riesenhafte Übersetzerschulen gebaut haben, die die alten griechischen Autoren aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten. Deshalb konnte Thomas von Aquin konnte die alten Griechen auf Lateinisch lesen. Hoffentlich wissen die heutigen Theologen das.

Der heutige „Kalif“, IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi verhält sich diametral entgegengesetzt zu den historischen Kalifen, auf die er sich bezieht:
Minimierung der Bildung und Entzug der ökonomischen Existenz durch Zerstörung.


Auf der anderen Seite leisten die ultrapuritanischen IS-Dschihadisten heute auch ein gutes Stück Verdrängung. Nicht nur Homosexualität wurde im historischen Bagdad goutiert. Auch Wein.


Begrabt mich, wenn ich sterbe,
am Stamme eines Weinstockes,
damit dessen Wurzeln in der Erde
meine Knochen tränken!
Begrabt mich nicht in der Wüste;
denn ich fürchte, den Wein
nicht mehr zu kosten,
wenn ich einmal gestorben bin.

Der irakische Dichter Abu Mihdjan, von dem diese Zeilen stammen, war im siebten Jahrhundert einer der Begründer der reichen bacchischen Dichtung, welche das Abbasiden-Reich in Fülle hervorbringen sollte; sein deutscher Übersetzer Gerhard Hoffmann nennt ihn liebevoll einen "bekannten Zecher und Poeten". Heute lässt der IS in seinem "Kalifat" echte oder vermeintliche Schwule mörderisch jagen, Alkohol und Zigaretten sind bei Strafe verboten, Musik und Lieder "in Autos, bei Feierlichkeiten, in der Öffentlichkeit sowie in Geschäften" untersagt, wie den Bewohnern der irakischen Stadt Mossul im Januar 2014 mitgeteilt wurde, nach der Eroberung durch den IS.
 
So kann er die intoleranteste, strengste Form des Islam durchsetzen.

In Frankreich, Belgien und Deutschland gedeiht der extremistische Islam auch genau dort, wo den Jugendlichen keine beruflich-sozialen Perspektiven haben und ungebildet sind.

Als 100%iger Atheist bringe ich Verständnis dafür auf, daß Menschen, die Jahrelang Terror und Bürgerkrieg erlebten, ihre materielle Existenz, ja sogar oft Freunde und Verwandten verloren, sich verstärkt der Religion zuwenden.
Das ist die einzige Struktur, die ihnen Hoffnung verspricht, die man ihnen nicht nehmen kann.

Als Atheist wünsche ich mir, daß sich die Elenden dieser Welt, die sich der Religion verschrieben haben, auch wieder davon lösen.

Genau das wird aber automatisch geschehen in dem Maße, in dem sie beispielsweise in Deutschland ökonomisch Fuß fassen und sich Bildung aneignen.
Schwer vorstellbar, daß ein Flüchtlingsnachfahr, der wie Obama einen exzellenten akademischen Abschluss und eine gesicherte beruflich-soziale Existenz aufweist, auf Dauer einer strengen Islam-Auslegung anhängen wird.

Leider dauert das alles lange.
In Deutschland brauchten wir auch 70 Jahre, um von der 99%-Kirchenmitgliedschaft direkt nach dem Krieg auf die heutigen 62% abzuschmelzen.
Es ist noch ein weiter Weg bis wir in Westeuropa die Religionen endlich losgeworden sind.
Im unsichereren Rest der Welt wird es noch viel länger dauern.

Gut möglich allerdings auch, daß sich Religioten nicht nur im Oval Office Kontrolle über die „nuclear codes“ verschaffen.
In Jerusalem und Islamabad und P'yŏngyang sind jetzt schon recht zweifelhafte Typen am Drücker der Atombomben.
Vielleicht erleben wir sogar in absehbarer Zeit, daß Marine Le Pen die Force de frappe kommandiert.
Möglicherweise erlebt Homo Sapiens das Ende der Religionen also nie mehr, weil Religioten vorher das Ende des Homo Sapiens herbeiführen.
Das wäre dann der ultimative Sieg Gottes über die Atheisten.
Dann wären alle Seelen im Jenseits.