Mittwoch, 7. Oktober 2015

Kehrseiten.


Wenn man Bill Maher zuhört und die schwachsinnigen GOPer-Extremisten vorgeführt bekommt, glaubt man kein Land der Erde könnte irrer sein, als Amerika.

Blount County, Tennessee is set to hear a most important resolution this coming Monday. It is a resolution asking God to not destroy the county in his upcoming wrath, as a reaction to the U.S. Supreme Court ruling permitting same-sex marriage. Blount County is promising not to engage in same-sex marriage or homosexual acts, and asks God to please not treat it like Sodom and Gomorrah.
When reading stuff like this, it is very difficult to believe that we live in the 21st Century in one of the most advanced countries in the world. This inflexible mindset is being fueled by the GOP and corporate media sources such as Fox News.

It’s been exactly one month since the office of Kamala Harris, the California attorney general, received the $200 filing fee and proposed text for a citizen initiative—the so-called Sodomite Suppression Act—that says "any person who willingly touches another person of the same gender for purposes of sexual gratification be put to death by bullets to the head." The measure probably would have died a natural—and quieter—death had Harris, who is running for the U.S. Senate in 2016, not inserted herself in the controversy.

Einen habe ich noch für heute:
Pastor Bryan Fischer erklärte in seiner TV-Show, die „Gay Gestapo“ habe so viel brutale Macht, sogar den Papst zu bedrohen und einzuschüchtern.

Allen, die sich nun denken, ganz so irre ginge es in Deutschland nicht zu, sei zugerufen, daß seit einiger Zeit Kreuznets Homunculus „Katholische Post“ (KPO) ganz frei bei „Wordpress“ bloggt.
Da heißt es zum Thema Homosexualität:

Die unter Berliner Katholiken wegen der Vielzahl von sodomistischen Lokalen und rumhausenden Analfetischisten auch als “Kotz“-Strasse bekannte Motzstrasse im Stadtteil Schöneberg, ist Schauplatz eines heroischen Aktes zivilen Ungehorsams geworden. […]
Zwei Aidsleichen wollten ihrer (tödlichen) Zuneigung zueinander Ausdruck geben – und taten dies in Form einer innigen Umarmung, tagsüber auf offener Strasse.
Die beiden (praktisch schon verstorbenen) Rektalfetischisten aus der Schweiz zogen mit dieser Zurschaustellung ihrer Geistesgestörtheit den gerechten Groll eines sittlich-ordentlichen Dritten auf sich, der sich um den Sinn und das Gewissen umstehender Kinder sorgte.
[…]  Dieser Dritte, von seinem Gewissen zur Pflicht gerufen, blieb, mutig und konsequent, auch nicht untätig, sondern leistete sofort Liebesdienst an der Wahrheit, bespuckte die beiden Kot-Sodomisten und schimpfte sie kräftig aus.
Einer der Kot-Sodomisten riss daraufhin das, wahrscheinlich mit Restfäkalien seines “Geliebten” verschmutzte (Kot-Sodomisten sind so sehr verrottet, dass sie sich gegenseitig am Anus rumlecken), Maul auf.
Dafür gabs die verdienten Schläge und Tritte. Gott seis gedankt.
[…] Katholische Post (KPO) fordert, wie erwähnt, eine Änderung des Strafgesetzbuchs zur Rekriminalisierung der Unzucht zwischen Männern (“praktizierte Homosexualität”), unter Androhung von fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe und zweier anschliessender Büßerwallfahrten: 1) zu den heiligen Stätten in Rom, 2) zur Basilika des Heiligen Aloisius von Gonzaga (Patron der Keuschheit) nach Castiglione delle Stiviere/Italien (zu Fuß, Nachweise sind zu liefern an die zuständige Staatsanwaltschaft).

Das Gute an Amerika (und Deutschland) ist aber, daß solche irren Hassfanatiker wie beispielsweise Bryan Fischer zwar viel fordern können, aber es besteht keine realistische Aussicht, daß solche Ansichten in Gesetzen Niederschlag finden.

Unter der latent homophoben Angela Merkel gibt es zwar in Deutschland keine Gleichberechtigung zwischen Schwulen und Nichtschwulen, aber sie hatte immerhin schon einen offen schwulen Vizekanzler und in Amerika ist seit der letzten Supreme Court Entscheidung ohnehin Schluß mit gesetzlicher Diskriminierung.

Ja, wir haben in den USA und der BRD hochgradig antihumanistische Religioten, aber sie haben nicht wirklich was zu melden.
In Saudi-Arabien oder dem Jemen, den Ländern, denen wir so großzügig Waffen liefern, sind solche Ansichten hingegen Mainstream und sogar Gesetz.
In zehn Staaten der Erde werden Schwule noch hingerichtet.

Amerika ist stolz darauf eine christliche, oder gar die christlichste Nation der Welt zu sein. Sie nennen sich Gods Own Country.
Aber so schlimm das auch für einen Atheisten wie mich klingt:
Die US-Gesellschaft ist zumindest partiell sehr wandelbar.
Die Klimaleugner von eben beschäftigen sich jetzt intensiv mit „green technology“, sie können Elektroautos bauen. Was vor 50 Jahren noch weit verbreitet war – Rassismus und Antisemitismus – wird inzwischen bis weit hinein in die Republikanische Partei geächtet.
Schwule können in das Marine-Corps eintreten und heiraten. Das finden über 60% der Amerikaner gut. In rasendem Tempo verändert sich auch die Einstellung zu Cannabis, das man in Alaska, Colorado, Oregon und Washington völlig legal konsumieren darf, wie man möchte. In vielen weiteren Staaten ist der Gebrauch zu medizinischen Zwecken erlaubt.
Amerikaner sehen auch Leihmutterschaften ganz locker. Was in Deutschland streng verboten ist, kann in den USA ganz transparent betrieben werden.
Natürlich bleiben Felder übrig, in denen die Amis aus europäischer Sicht mittelalterlich denken – insbesondere Todesstrafe und Waffenwahn sind da zu nennen. Aber das verstellt den Blick dafür, wie rasant sich die Ansichten zu anderen gesellschaftlichen Themen weiter entwickelt haben.
Um die Jahrtausendwende war Deutschland unter rotgrüner Bundesregierung und begonnener „Homo-Ehe“ weit vor Amerika, das in den dumpfen 1950er Jahren stecken geblieben schien. Und dann kam auch noch der ewig gestrige Depp George W. Bush.
Ich glaube, die Deutschen haben es noch gar nicht begriffen, daß Amerika aber während der zehn bleiernen Merkel-Jahre in Siebenmeilenstiefeln gesellschaftspolitisch an Deutschland vorbei gezogen ist.

Das jüngste Beispiel dafür kommt aus Kalifornien und betrifft die Sterbehilfe.

Anfang November 2015 will der deutsche Bundestag ein Gesetz zur Suizidhilfe verabschieden. Der einzige halbwegs liberale Antrag, der das OK von hochanständigen Organisationen wie der DGHS oder „Mein Ende gehört mir“ gefunden hätte, ist der von Katja Keul (Bündnis 90/Grüne). Er klang für unsere stramm christlichen Abgeordneten aber noch so ketzerisch, daß er es nicht mal in die Erste Lesung am 03.07.2015 schaffte und nun noch nicht mal zur Abstimmung steht – geschweige denn daß irgendeine Chance auf Mehrheit bestünde.
Das deutsche Establishment ist hier zutiefst konservativ und illiberal. Individuelle Entscheidungsfreiheit wird glatt negiert – mit brutalen Folgen für Millionen Menschen.

In Amerika ändert sich auch in dieser Hinsicht etwas.

Kalifornien legalisiert ärztliche Sterbehilfe
Ärzte in Kalifornien dürfen todkranken Menschen nun Sterbehilfe leisten.
Ein entsprechendes Gesetz hat der Gouverneur des US-Bundesstaates Kalifornien unterzeichnet. Es ist der fünfte Bundesstaat, in dem diese Form der Sterbehilfe nun erlaubt ist.

Kalifornien: Umstrittenes Gesetz zur Sterbehilfe tritt in Kraft
Gouverneur Jerry Brown erlaubt assistierten Suizid trotz des Widerstands der Kirche. […] Er wisse zwar immer noch nicht, wie er bei langer, schmerzvoller und unheilbarer Krankheit handeln würde, erklärte der 77-Jährige weiter. "Aber ich bin mir sicher, dass es eine Beruhigung für mich wäre, zu wissen, dass ich über die durch dieses Gesetz gegebene Möglichkeit nachdenken kann." Für das Gesetz hatten sich zuvor bereits das kalifornische Abgeordnetenhaus und der Senat ausgesprochen.
Die nun geltende Regelung sieht vor, dass todkranke Erwachsene unter bestimmten Bedingungen Medikamente erhalten können, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ähnliche Gesetze gibt es bereits in den Bundesstaaten Oregon, Vermont und Washington. In Montana ist assistierter Suizid durch eine Gerichtsentscheidung erlaubt. In New Mexiko wurde ein entsprechendes Urteil im Berufungsverfahren vorläufig gekippt, eine endgültige Entscheidung steht noch aus. […]

Go America, go!

Dienstag, 6. Oktober 2015

Der Minusmann – Teil X



Was ist das nur für ein Schwachsinn mit der „Belastungsgrenze“, die erreicht wäre?

Daß AfD und NPD nun ein, zwei oder drei Prozentpunkte in Umfragen zulegen, versetzt Politiker von SPD, CDU und CSU gleich derartig in Panik, daß sie einfach die platten xenophoben Parolen nachplappern.
Gabriel jammerte gar im schönsten Pegida-Sprech:
„Man muß sich vor allem darum kümmern, daß die deutsche Gesellschaft nicht vernachlässigt wird.“
Weil wir ein Prozent des Haushaltes für Vertriebene ausgeben? Eine Investition, die Deutschland langfristig sehr nutzen wird?

Am Wochenende hat sich auch der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion für einen "Aufnahmestopp" ausgesprochen und erklärt, es gebe "Grenzen der Aufnahmekapazität". Führende Medien publizieren Beiträge, in denen ein prominenter Historiker besorgt fragt, ob "wirklich keine Analphabeten", sondern nur nützliche "Ärzte und Ingenieure" in die Bundesrepublik kämen, oder in denen ein Schriftsteller vor einer "Flutung des Landes mit Fremden" warnt. Derartige Äußerungen werden von Demonstranten, die gegen Flüchtlinge protestieren, mit Genugtuung rezipiert.

Strobl, Seehofer und Söder überbieten sich mit Medien gegenseitig, um ihr „Verständnis“ für die „besorgen Bürger“ auszudrücken.

Verständnis? Wofür?
Verständnis aufbringen für die Ängste und Sorgen der Bürger in Deutschland. Keine Talkshow mehr ohne diesen Satz, keine Diskussion am Stammtisch und keine Debatte im Bundestag. Verständnis VON oder Verständnis FÜR? Es ist der kleine semantische Unterschied, der den Analysten vom Aktivisten unterscheidet. Den, der Stimmungen deutet von dem, der Stimmung macht. Ja, auch ich verstehe, dass es Ängste vor Flüchtlingen gibt und woher diese Ängste kommen. Nur, mit Verlaub, ich habe kein Verständnis dafür.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen Angst haben vor einer "Islamisierung des Abendlandes", wo der Anteil der Muslime im europäischen „Abendland“ gerade mal 4 % ausmacht, und auch dann nur auf 5 % anwachsen würde, wenn sämtliche syrischen Flüchtlinge auf einmal nach Europa kämen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen in diesem Land davor Angst haben, dass 2, 3 oder 5 Millionen Flüchtlinge uns unserer Lebensgrundlage berauben. In einem Land, das gerade Milliarden Überschüsse erwirtschaftet und dabei von der Armut der Länder profitiert, aus denen viele Flüchtlinge zu uns kommen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass besorgte Bürger Angst davor haben, dass unsere Verfassungswerte in Gefahr geraten, wo doch die Gleichen, die das befürchten, sofort dazu bereit sind, Artikel 1 des Grundgesetzes zu opfern, wenn es um eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen in diesem Land geht.
Nein, ich habe keinerlei Verständnis für diese Ängste – und schon gar nicht dafür, dass Politiker Verständnis für solche Ängste heucheln und dabei nichts anderes tun, als diese Ängste jeden Tag aufs Neue anzufachen.
(Georg Restle, Monitor, 06.10.2015)

Ich habe kein Verständnis dafür, daß die Bundesregierung kontinuierlich versagt und nicht endlich genug Geld in die Hand nimmt, um die Situation zu meistern.

Die Hauptlast der Flüchtlingsintegration haben, wieder einmal, die Kommunen zu tragen. Dazu müssen sie, ohne Rücksicht auf bundespolitische Sparziele, zureichend gefördert werden; sonst drohen Engpässe im kommunalen Sozialbereich und eine veritable Opferkonkurrenz zwischen inländischen Armen und ausländischen Flüchtlingen, die das Willkommen rasch in eine Schreckstarre verkehren könnten.
Ein Land, das für in selbstverschuldete Schräglage geratene Banken auf Kosten der Steuerzahler in kürzester Frist dreistellige Milliardenbeträge bereitstellen kann, muss für ohne eigenes Verschulden in Not geratene Kommunen auch einen jedenfalls zweistelligen Milliardenbetrag aufwenden können.
[….] In dieser Welt, in der heute fast die Hälfte des globalen Reichtums in den Händen von weniger als einem Prozent der Weltbevölkerung liegt, in der im kapitalistischen Süd-Nord-Transfer für jeden Dollar, der in Richtung Dritte Welt fließt, zwei Dollar in die Gegenrichtung zurückfließen – in dieser Welt gibt es nicht eine weltweite ›Flüchtlingskrise‹, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt.
[….] In den gleichen 25 Jahren sind auf dem Weg nach Europa und Deutschland mindestens 30.000 Flüchtlinge allein im Mittelmeer umgekommen. Vor der deutschen Vereinigung sind Flüchtlinge an der deutsch-deutschen Grenze gestorben, heute sterben Flüchtlinge in Massen vor den Grenzen der „Festung Europa“. [….]
 (Prof. Dr. Klaus J. Bade, ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, 03.10.2015)

Wenn das totale Versagen der sächsischen Politik dazu führt, daß sich NPD-Strukturen der Jugendlichen im Lande bemächtigen, daß sächsische Schulkinder ganz selbstverständlich rassistischen Schwachsinn von sich geben, dann sollen Gabriel, Oppermann und Co nicht mit „Verständnis“ reagieren, sondern den blöden Ost-Blagen erklären, daß sie völlig falsch liegen und dann dafür sorgen, daß endlich eine sinnigere Jugend- und Schulpolitik gemacht wird.

[….] Im sächsischen Plauen stoßen dunkles und helles Deutschland aufeinander. Flüchtlinge werden bedroht und verprügelt, Bürgerinitiativen versuchen dagegenzuhalten. [….]
Elsterberg, [….] 4500 Einwohner, ein paar Geschäfte und die TRIAS-Oberschule, vor deren Eingang gerade der kleine Bus des Fußballvereins VFC Plauen hält. Mirko Kluge, Nabil, Aniss, Hassan, Sorur und die zweijährige Sitra steigen aus.
Die Schüler im Alter von etwa 14 Jahren haben einen Zettel mit Fragen vorbereitet. "Warum sind Sie aus Libyen geflohen?" "Haben Sie Ihr Geld mitgenommen?" "Wollen Sie irgendwann wieder zurück?" [….]
Wie wichtig Begegnungen sind, wird auch durch die Schilderungen einer Lehrerin deutlich. Sie erzählt, dass ihr am Vortag eine 11-Jährige entgegnet habe, das mit der Integration sei ja schön und gut. Aber es sei doch schade, "wenn die deutsche Rasse ausstirbt." [….]

Wir erleben hier in erster Linie ein politisches Versagen.

Horst Seehofer würde am liebsten Zäune à la Orban errichten. Sein Heimatminister Markus Söder möchte am Grundgesetz fingern. Selbst die Sozialdemokraten machen jetzt mit beim sozialstaatlichen Unterbietungswettbewerb. Vizekanzler Sigmar Gabriel sieht demnächst die „Belastungsgrenze“ erreicht. Warum eigentlich? Und wo genau liegt bitte diese Belastungsgrenze in einem Land, in dem Bus und Bahn fahren, der Geldverkehr reibungslos läuft und abends die Lokale voll sind mit Leuten, die ihr Dasein genießen?
[….] Alle, die sich jetzt mit handlichen Sprüchen bei den rechtspopulistischen Zündlern anheischig machen, wissen genau, dass sie selbst keine andere Lösung anzubieten haben als Angela Merkel. Nämlich einfach zu machen. Es hilft ja nichts. Was soll mit den Flüchtlingen geschehen? Beim Einmillionenundersten tritt der Innenminister nach vorn, zieht einen Kreidestrich und sagt: Sorry, sie sprengen gerade unsere Belastungsgrenze, bitte kehren Sie unverzüglich in ihr ganz persönliches Kriegsgebiet zurück?
[….] Umso verwerflicher ist es, den Unmut jener Bürger, die sich auf mitunter absurde Weise beeinträchtigt fühlen vom Elend anderer Leute, auf eben diese zu kanalisieren. Ja, dieses Land erlebt gerade eine logistische Höchstanforderung. Und nein, es ist darauf nicht gut vorbereitet (unter anderem deshalb, weil die amtierende Regierung viel zu lange ignoriert hat, dass globale Konflikte keinen Umweg um Deutschland einlegen). Insofern ist das, was Angela Merkel gerade tut – nämlich das Grundgesetz einzuhalten und Abschreckungspolitik zu leisten – weiß Gott keine Heldentat. [….]

Der Minusminister de Maizière macht seinen Job nicht.

Ist der Ruf erst ruiniert, hetzt es sich ganz ungeniert.
Nach dem Motto rockert sich Minister de Maizière inzwischen durch die politische Landschaft.

Daß in seiner politischen Heimat, des failed states Sachsen die Asylbewerberheime brennen und durch die tätige Mithilfe de Maizières Partei CDU der Rechtextremismus immer stärker wird, scheint dem Bundesinnenminister nicht mehr genug zu sein.

Merkel kann die Schwächen ihres treuen Ministers nicht kompensieren, da sie leider auch unfähig ist vernünftig zu kommunizieren.

Merkel trägt dazu selbst bei, zum Beispiel weil sie sich mittlerweile einer geradezu missionarischen Sprache bedient. Wenn sie dafür plädiert, das Problem der Flüchtlinge "anzunehmen", dann muss das wie ein Witz klingen in den Ohren jener Helfer, die sich seit Wochen der Probleme in Notunterkünften, Krankenstationen oder Schulen annehmen, sei es beruflich oder freiwillig. Und auch die Berufung auf einen Kardinal macht es nicht besser, wenn Merkel sagt, der Herrgott habe das Problem der Flüchtlinge nun auf den Tisch gelegt, weil sie verschweigt, dass der Herrgott dazu gezwungen war, nachdem sich die irdische Politik nicht darum gekümmert hatte.

Immerhin eins hat Merkel inzwischen verstanden: Ihr Innenminister kann und will nicht.
Er ist einfach zu unfähig für den Job.
So hat sie ihm – richtigerweise – heute die Kompetenz für die Flüchtlinge entzogen.
Natürlich viel zu spät – aber Merkel handelt ja immer erst, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Natürlich viel zu zögerlich – der Mann hätte einfach entlassen werden müssen.

Aber eine Klatsche ist es durchaus heute noch geworden für Minusminister de Maizière.

Merkel schwächt de Maizière
[….] Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat deshalb nun entschieden, die Flüchtlingspolitik künftig direkt von ihrem Amt aus steuern zu lassen. Ihr Kanzleramtschef und enger Vertrauter Peter Altmaier (CDU) übernimmt die Koordination aller Aspekte, die mehrere Ressorts betreffen. [….] Altmaier wird im Kanzleramt eine zusätzliche Stabsstelle einrichten. Sein ständiger Vertreter wird der Staatsminister im Kanzleramt, Helge Braun, dem bisher bereits die Koordinierung zwischen Bund und Ländern obliegt. [….]


Montag, 5. Oktober 2015

Der Boulevard



Weiß sie wirklich, was sie tut“ fragt sich Harald Stutte heute ganz besorgt im Mopo-Leitartikel.
Weiß sie wirklich, was sie tut?

Gemeint ist natürlich Angela Merkel, die sonst so Tatenlose, die nach Stuttes Ansicht offenbar die Grenzen zu Deutschland geöffnet hat, ohne zu wissen, was dann auf uns zukommt.

In dem Hauptartikel auf der nächsten Seite erklärt der Morgenpostredakteur, daß nun alle gegen die Kanzlerin wären, aber sie dafür heiße Favoritin auf den Friedensnobelpreis wäre. Das schließt Stutte aus den Aussagen Kristian Berg Harpvikens – freilich ohne dessen Fehlerquote von 100% zu erwähnen.

Ein Wechselbad der Gefühle, welches die Kanzlerin derzeit durchlebt. Ade „Willkommenskultur“, heftiger Unmut über Angela Merkels Flüchtlingspolitik entlädt sich derzeit in Union und SPD. Gleichzeitig starrt die Welt gebannt nach Oslo, wo am Freitag der Friedensnobelpreisträger verlesen wird. Heißeste Kandidatin: Angela Merkel...
[…] Bayerns Regierungschef Horst Seehofer (CSU) bekräftigte nochmals, die Kanzlerin habe einen Fehler begangen, als sie die Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen ließ. Ein Sog sei so entstanden. Seehofer: „Mehr geht nicht mehr.“ […] Empörung daheim, Zuspruch weltweit: Auf der Shortlist von Kristian Berg Harpviken, Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio, stehen die Favoriten für den diesjährigen Friedensnobelpreis, dessen Träger am Freitag verlesen wird. Ganz oben: Angela Merkel. Würdigen möchte man ihren Friedenskurs in der Ukraine – und die liberale Flüchtlingspolitik.
(Harald Stutte Mopo, 05.10.15)

Stuttes Prämissen sind allesamt falsch. Ob Merkel auf den Nobelpreis schielt, weiß vermutlich niemand genau.
Ich meine aber nicht, daß das ernsthaft eine Rolle in ihren Überlegungen spielt, denn dann hätte sie sich nicht über Monate und Jahre stumm verhalten und achselzuckend zugesehen, wie Hunderte Asylbewerberheime abgefackelt werden, dann hätte sie nicht wie entfesselt Waffen exportiert und in der EU auf die vollkommen schwachsinnige und menschenfeindliche Dublin-Regelung bestanden.
Merkel ist selbstverständlich keine Menschenfreundin, die sich von übergeordneten moralischen Impulsen leiten lässt.
Sie ist eben nicht mit Herzblut für die Flüchtlinge engagiert, sonst hätte sie schon vor einem Jahr Thomas de Maizière gefeuert, die xenophoben Töne der Sachsen-CDU unterbunden und vor Allem hätte sie dann längst gehandelt, wo es notwendig ist: Sprachkurse, Unterkünfte, medizinische Betreuung. Das alles ist nie passiert, weil sich Merkel eben nicht für die flüchtenden Menschen interessiert.

In seinem Meinungsartikel orakelt Stutte nun drauf los, die Realität drohe Merkels moralischen Anspruch auszuhebeln.

Ein bisschen wird sich die Kanzlerin wie der Zauberlehrling fühlen, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Nur dass es sich – anders als in Goethes Gedicht – um Menschen handelt, die bei uns eine neue Heimat suchen. Merkel droht auf fatale Weise zum Opfer der Unvereinbarkeit von Anspruch und Wirklichkeit zu werden.

Was für ein sagenhafter Unsinn.
Merkel wird schlicht und ergreifend erkannt haben, daß Seehofer, de Maizière und Co, die von Begrenzung und Zäunen und Schlagstöcken phantasieren, in Wahrheit keine Lösungen haben.
Wenn Zäune erhöht und mit Nato-Draht verstärkt werden, denken verzweifelte Syrer eben nicht: „Na gut, dann gehen wir eben wieder zurück nach Homs und lassen uns vom IS massakrieren“.
Nein, sie fliehen trotzdem um ihr Leben. Mehr Grenzwälle bedeuten lediglich mehr Verletzte und mehr Schlepper.
Es ist technisch gar nicht möglich um ganz Deutschland eine Mauer wie um die DDR zu bauen.
Außerdem hat Merkel keine Grenzen geöffnet. Die Grenzen waren ja auf und schließen durfte sie sie gar nicht.
Seehofer hat in Bayern (sporadische) Grenzkontrollen eingeführt und ist furchtbar stolz drauf.
Das ist aber nur Augenwischerei. Denn durchgelassen werden Flüchtlinge trotzdem; sie dürfen gar nicht abgefangen werden.

Merkel hat keine weitergehenden Interessen an Flüchtlingen. Sie ist viel zu spießig dazu, um sich wie Jakob Augstein ein bunteres Deutschland zu wünschen.

[…] Warum brauchen wir Einwanderung? Doch nicht wegen der Wirtschaft. Sondern weil Deutschland alt und müde wird. Ohne Einwanderer versinkt dieses Land im Schlaf.
[…] Die Zahlen sind eindeutig: In Deutschland leben heute rund 45 Millionen erwerbsfähige Menschen. Ohne Zuwanderung werden es im Jahr 2050 noch 29 Millionen sein. Die Kräfte der Demografie sind so radikal wie die der Migration. Darum wird sich Deutschland verändern. Und niemand kann das aufhalten. Es gibt kein Bleiberecht in der Vergangenheit. Auch nicht für die Angstvollen und die Angstmacher, die Strobls, Seehofers, Söders.
[…] Aber Deutschland braucht die Migranten nicht nur, weil die Kräfte der Wirtschaft erlahmen. Es erlahmen auch die der Kultur. Das Deutschland des Botho Strauß, in dem sich wohl auch die Strobls, Seehofers, Söders wohlfühlen würden, wäre eine Geisterbahn. Ein Land der Alten und Versehrten. Der Furchtsamen und Mutlosen.
Dieses Land sucht sein Heil nicht in der Zukunft, sondern in der Reha-Klinik. Es ringt nicht mehr mit dem Schicksal, sondern nur noch mit dem Rollator - wahlweise ausgerüstet mit Korb und Stockhalter oder mit gepolsterter Unterarmauflage. Die letzten Fragen drehen sich darum, ob man sich beim Treppenlift für den Sitz-, Plattform- oder Hublift entscheidet. Und der einzige Weg, um den es geht, ist der ins nächste Sanitätshaus. […]

Merkel ist auch viel zu indolent und desinteressiert, um so ein großartiges Plädoyer wider den Fremdenhass wie Ralf Stegner zu formulieren.

Meinen sie die Belastungsgrenze der Kinder, Frauen und Männer aus Syrien, die vor den Mörderbanden des IS, den Fassbomben Assads oder Al Kaida fliehen? Oder die Belastungsgrenzen der Menschen, die aus ihrer ganz persönlichen Hölle des Irak, Afghanistans oder Eritreas oder aus Pakistan fliehen? Oder die Belastungsgrenzen derer, die ihre Kinder vor dem Hungertod bewahren wollen, während wir unsere billigen Lebensmittel wegschmeißen? Oder vielleicht die Belastungsgrenzen derer, die aus Gegenden fliehen, in die wir unsere todbringenden Waffen liefern? Oder vielleicht die aus Ländern, mit denen wir enge Verbündete sind, obwohl sie Frauen unterdrücken, Kinder arbeiten lassen , Kritiker auspeitschen, steinigen oder anderswie barbarisch hinrichten? Nein, mir scheint, wir meinen andere Belastungsgrenzen!
[…] Was ist der Ausweg? Weg mit dem Individualrecht auf Asyl? Niemals! Diese Lehre aus der Nazidiktatur sollten wir doch gezogen haben, dass dieses Verfassungsgebot niemals mehr angetastet werden darf.
Oder die Genfer Konvention für Kriegsflüchtlinge ignorieren? Und das nach dem blutigen 20.Jahrhundert, an dem wir Deutschen Kriegsschuld und Vernichtungswahn zu verantworten hatten - doch wohl nicht wirklich!
[…] Meine Belastungsgrenze ist da, wo die CSU den Diktatorenlehrling Orban zu Orientierungszwecken einlädt. Da, wo deutsche Konservative mehr Grenzzäune fordern über Waffengebrauch an den Grenzen bramarbasieren, von angeblichen Anreizen unserer sozialen Hängematte für vom Schicksal gepeinigte Menschen in Elendsregionen schwafeln.
Meine Belastungsgrenze ist da, wo der unselige Thilo Sarrazin mit dem österreichischen Rechtsausleger Strache gegen die Wiener SPÖ auftritt. Wann verlässt der endlich die SPD, deren Werte er durch seinen literarischen Müll mit Füßen tritt?
[…] Angstmacherei, Ressentiment, Stammtischgeschwätz lösen kein einziges Problem, beschwören aber zahlreiche neue herauf.
Meine Belastungsgrenze ist auch erreicht, wenn hunderte Anschläge rechter Hohlköpfe und Gewalttäter auf Flüchtlingsunterkünfte kaum noch mehr als ein Schulterzucken auslösen.
Zeit für Haltung! Zeit für Besonnenheit in Wort und Tat! Zeit für praktische Tatkraft! Wir sind nicht in den fünfziger Jahren, wo sich im kriegszerstörten Schleswig-Holstein die Bevölkerung durch Flüchtlinge verdoppelt hat.
Wir sind 2015 im größten und wohlhabendsten Deutschland, das es je gab. Das ist also zu schaffen mit Vernunft - ohne Naivität und sicher nur gemeinsam!
Die Belastungsgrenze für den politischen Quark von Rechts - die ist allerdings erreicht!

Merkel ist lediglich realistisch genug, um zu wissen, daß eine Grenzschließung nicht nur nichts bringt, sondern die Situation massiv verschlimmern würde. Das ist keine Lösung.

Harald Stutte gibt seiner unsinnigen Deutung von der Menschenfreundin Merkel allerdings noch einen weiteren Spin, der so schwachsinnig ist, daß ich zunächst dachte Titanic oder den Postillon zu lesen.

Der Anspruch, das war ein zutiefst christliches Prinzip, dem die Pfarrerstochter fast schon reflexhaft nachgab: Menschen in Not zu helfen! Die Wirklichkeit, das sind finanzielle und organisatorische Grenzen, an die Kommunal- und Landespolitiker stoßen.
[…] Die Bundesregierung ist in der Bringschuld: Sie muss zeigen, dass sie Herr der Lage ist. Und im Falle der Überstrapazierung den Flüchtlingsstrom umleiten. Oder sogar vorrübergehend stoppen.

Chapeau – so einen Unsinn liest man selten.
Gerade die C-Parteien hetzen am meisten gegen Flüchtlinge; ein christliches Prinzip gibt es nicht; schon gar nicht lässt sich Merkel wieder die Vernunft zu großen Wohltaten verleiten. Im Gegenteil – ihre Entscheidungen für den Irakkrieg, den Waffenexport und wider die Freiheitsrechte zeigen immer, daß sie bloß so rechts agiert, wie es ihren Wählern gefällt. Niemals würde sie aus christlicher Überzeugung ihren amerikanischen Freunden Folterlager und Todesstrafe auszureden versuchen.

Und schon gar nicht reagiert Merkel jemals reflexhaft. Im Gegenteil. Monatelang ließ sie tatenlos alles laufen.
Sie weiß nur, daß es mit Grenzanlagen, Niederknüppeln von Frauen und Kindern noch viel schlimmer wird.
Und im Gegensatz zu Stutte scheint sie immerhin auch zu verstehen, daß man den „Flüchtlingsstrom“ eben gerade nicht auf Knopfdruck umleiten (Wohin auch???) oder gar stoppen (Und was passiert dann mit den Menschen??) kann.

Stutte, setzen, sechs!