Samstag, 16. Juli 2016

Devolution



Es ist ein Luxusproblem, aber ich bin ernsthaft erschöpft durch Weltkrisen-Gucken.
Hat das schon jemand als Krankheit definiert? WKG-Fatigue?
Erst eine ganze Nacht Nizza und 24 h später Türkei satt, bis ein strahlender Erdogan sich über „das Gottesgeschenk“ freut, weil er nun das ganze Land komplett „säubern“ kann. Richter, Journalisten, Armee – bald wird es nicht mehr die geringste Kritik an ihm geben.
Mit der für die deutschen Schnarch-Medien üblichen Verzögerung gibt es inzwischen aber so viele Berichte und Analysen über dem Stümper-Putsch, daß sich jeder weitere Satz von mir erübrigt.

Welche Generation mein Aviv Geffen eigentlich genau, wenn er rausbrüllt:

We are a fucked up generation - It‘s cloudy now“?

Geffen ist Jahrgang 1973 – mit ganz viel Augenzudrücken kann ich mich auch der fucked-up-Generation zugehörig fühlen.

Aber wieso soll nur eine Generation den Schwarzen Peter gezogen haben?
Schließlich leben wir alle zusammen auf diesen Planeten und geben uns so unendlich große Mühe uns gegenseitig das Leben unerträglich zu machen.

Sagenhaft.
Die Technik ist so weit entwickelt, daß Homo Sapiens problemlos jedes einzelne Mitglied seiner Spezies mit Lebensmitteln versorgen könnte.
Keiner müsste in existentieller Armut leben, es müssten nicht Myriaden Kinder jeden Tag an Unterernährung verrecken, wir könnten sogar die Menschen so gut informieren und ausbilden, daß sie aufhören sich an Religionen zu klammern und sich zu vermehren wie die Karnickel.
Wir leben schließlich (noch?) nicht auf einem postapokalyptischen Wüstenplanet, auf dem nur die wenigen Allerstärksten überleben können.

Letztendlich hängt das ganze menschliche Elend, das zu allem Übel auch noch den Rest der Fauna gleich mit ruiniert, an einem Verteilungsproblem.
Reichtum und Macht konzentrieren sich bei wenigen, die gar nicht dran denken etwas abzugeben, sondern ihre Macht nutzen, um noch mächtiger zu werden.

Andere Tiere als der Mensch legen auch Vorräte an, wollen sich und der persönlichen genetischen Linie Vorteile verschaffen.

Aber hat schon jemals ein Eichhorn so viele Nüsse für sich allein gesammelt, daß man davon eine Million andere Eichhörnchen ernähren könnte?
Beansprucht eine einzelne Kuh Wiesen in der Größe von Nationalstaaten für sich allein?

Die totale Maßlosigkeit ist zutiefst menschlich.
Wird Zeit für einen Homo-Reset.
Mit dieser Rasse hat Gott wirklich Mist gebaut und daß er ausgerechnet die als „Krone der Schöpfung“ bezeichnet, zeigt klar, daß er selbst auch nicht mehr alle Murmeln beisammen hat.

Freitag, 15. Juli 2016

Diese Scheiß-Welt



Natürlich bleibe ich dabei, daß wir „Westler“ heuchlerisch mit Todesopfern umgehen.

[…] Erschütternde Bilanz der italienischen Marine: Sie barg aus dem Wrack eines im Mittelmeer gesunkenen Flüchtlingsboots insgesamt 675 Leichen.
[…] Nun ist klar, dass mindestens 845 Menschen ums Leben kamen. Damit ist das Kentern des Schiffes eines der bislang schlimmsten Flüchtlingsunglücke im Mittelmeer.

Das Mittelmeer ist aber weit weg und Afrikaner triggern ohnehin nicht die Empathie-Knöpfe der Deutschen.
Hauptsache die Flüchtenden sterben woanders.
Die viel beschworenen Fluchtursachen sind zwar dramatischer denn je, aber wen kümmert es, wenn wir mit einer Verdoppelung deutscher Rüstungsexporte in den Nahen Osten Milliarden verdienen und die mit den Waffen Bedrohten es nicht bis nach Deutschland schaffen?
Bundesinnenminister de Maizière sonnt sich in seinem Erfolg.

"Wir sehen daran, dass die Maßnahmen auf deutscher und europäischer Ebene greifen." Der Innenminister fügte hinzu: "Die Flüchtlingskrise ist zwar nicht gelöst. Aber ihre Lösung kommt in Europa gut und in Deutschland sehr gut voran."

Wissend, daß außerhalb Europas noch mehr Menschen durch Terror und Gewalt umkommen, muß ich zugeben, daß auch ich anders empfinde, wenn sich so eine Horrortat wie gestern Abend in Nizza dort abspielt, wo ich selbst schon gewesen bin. Die Promenade des Anglais bin ich auch schon entlang gegangen.

Heute staune ich aber auch, wieder einmal, über die Dümmlichkeit der Profi-Kommentatoren aus Politik und Journalismus.

Im ZDF-Special fragte die Moderatorin besorgt „ein Auto als Waffe – ist dem IS etwa jedes Mittel recht?“
Soll das eine rhetorische Frage sein?
Ja, das ist so, du Dussel. Es geht darum spektakulär zu sein und möglichst viele zu töten.

Im ARD-Brennpunkt hieß es dann „ausgerechnet am französischen Nationalfeiertag…“
Wieder so ein Nonsens-Satz.
Wären an irgendeinem anderen Tag 84 Menschen brutal von einem LKW zerquetscht worden, könnte man es als „halb so wild“ ansehen?

Premier Manuel Carlos Valls sprach von dem „aufgezwungenen Krieg“, in dem sich sein Land befinde.

Der Unglückswurm François Hollande tut mir Leid. Was soll man als Präsident auch sagen, wenn das Land zum wiederholten Mal Schauplatz eines Mega-Attentats wird, man natürlich keine absolute Sicherheit garantieren kann, aber Sicherheit das ist, was sich alle wünschen?

"Präsident Hollande verlängerte den Ausnahmezustand im Land, der am 26. Juli hätte enden sollen, um drei Monate. Zusätzliche Sicherheitskräfte sind im Einsatz. Zudem kündigte Hollande eine Verstärkung der französischen Aktivitäten im Irak und in Syrien an.

Charlie Hebdot, Bataclan, Brüssel – die Attentäter waren jeweils Europäer; in Frankreich oder Belgien geborene Menschen.

Was soll da eine Verstärkung der Bombardements in Syrien helfen?

Fehlt nur noch, daß Merkel wieder von „gottlosen Terroristen“ spricht, wenn es um fanatische Religiöse geht.

Noch dümmer der Tweet der größten deutschen Polit-Lügnerin Frauke Petry, die Nizza zum Anlass nimmt Grenzschließungen zu fordern.


Unglaublich dämlich. Was sollen geschlossene Grenzen nutzen, wenn die Attentate in Amerika von Amerikanern, in Frankreich von Franzosen, in Belgien von Belgiern begangen werden?

Klar, daß Donald Trump die Doofheit auf die Spitze trieb.
Während die ersten Meldungen aus Nizza herein kamen, saß der GOPer gerade bei Bill „O’Reilly’s Fox News white power hour“ und tat dem IS den Gefallen den Krieg zu erklären, obwohl noch nichts über den Täter bekannt war.

O’Reilly, Trump Declare World War III Over Nice Attack.
In the wake of what appears to be a terrorist attack in Nice, France that has left 84 people dead, Republican presidential nominee and reality show star Donald Trump postponed his veepstakes announcement tomorrow and called into Bill O’Reilly’s Fox News white power hour to declare war on…well, on whoever is at fault.
O’Reilly was eager to declare a clash of civilizations, repeating his assertion that a “World War” was in progress three times before asking Trump whether he would request a declaration of war on the Islamic State. Of course Trump would do that:
    “This is war! If you look at it this is war coming from all different parts, and frankly it’s war, and we’re dealing with people who don’t wear uniforms.”

Was Mohamed Lahouaiej Bouhlel dazu trieb den Monsteranschlag zu verüben, ist noch nicht geklärt, wird vielleicht nie geklärt.
Es spricht aber einiges dafür, daß er keineswegs in das Bild des bösen Syrers passt, der sich als Flüchtling getarnt nach Europa einschleicht, um Terror zu verbreiten.

Ähnlich wie Omar Mateen, der sogar Amerikaner war, lebte Bouhlel schon viele Jahre in Nizza. Beide hatten Jobs. Beide handelten wohl eher nicht im direkten Auftrag des IS, sondern waren mutmaßlich bloß riesengroße Arschlöcher mit Gewaltphantasien und dem psychiatrischen Drang Amok zu laufen.
Abartigkeiten, die man sich selbst viel besser eingestehen und in die Tat umsetzen kann, wenn man sich das IS-Mäntelchen umhängt und möglichst viele Todesopfer als „etwas Gutes“ umdefiniert.
Denn je mehr „Ungläubige“ (also alle, die nicht strenggläubige Sunniten sind) man tötet, desto glücklicher Allah und umso schöner hat man es im Märtyrerparadies mit seinen 72 Jungfrauen.

Ob die beiden das wirklich glaubten oder psychiatrische Fälle waren, macht für die Opfer allerdings keinen Unterschied.

Nicht nur in Orlando mussten wir feststellen, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. Dass wir es immer wieder auch mit Einzeltätern zu tun haben, Kriminellen, Frustrierten oder auch psychisch Kranken, die nichts, aber auch gar nichts mit dem organisierten Terrorismus von "Islamischem Staat" oder Al Quaida zu tun haben. Täter, die sich allenfalls als Nachahmer eines falsch verstandenen, tödlichen Heldentums glorifizieren wollen. Und dafür Applaus bekommen von den organisierten Mörderbanden des IS.

Hauptziel des IS ist es einen Keil in die europäischen Gesellschaften zwischen Muslimen und Christen zu treiben.
Der IS will Medienaufmerksamkeit, da die Faszination des Terrors ihm neue Kämpfer zuführt und er will den Westen/die Ungläubigen/die Kreuzritter in einen großen Krieg verwickeln, um alle Sunniten weltweit aufzuhetzen.

Petry, Trump und Co scheinen dem IS zuarbeiten zu wollen.
Sie wollen unsere Gesellschaft genau im Sinne des Daesh auf scharf anti-islamischen Kurs bringen, denn auch sie profitieren von Krieg und Terror.
So gewinnen sie demoskopisches Kapital und damit Macht.

Scheinbar sind wir als westliche Gesellschaft unfähig radikal-religiotischer Raserei nicht auf den Leim zu gehen.

Die Show, die machen die Mörder. Wir sind Zuschauer und Mitspieler zugleich, die meisten unfreiwillig, manche mit Absicht. Und das, wo sich die Anschläge der Terroristen auf das World Trade Center in New York bald zum 15. Mal jähren. Wohl nicht einmal die Regisseure des Undenkbaren hatten sich damals in ihren kühnsten Träumen ausgemalt, wie perfekt ihre Saat des Terrors aufgehen würde.
[…] Eine gelungene Darbietung – aus Sicht der Terroristen. Sie bereitete die Bühne erst für das, was sie ursprünglich selbst als Erfindung enthalten hatte: Die erste wirklich globale Terrorbewegung, Isis, Isil, IS, Daesh, oder wie man die Fanatiker mit Fans und Mitstreitern aus aller Welt sonst nennen soll. Die Bande ist im Töten genauso unheimlich effizient wie in Public Relations.   Keine Organisation, keine Regierung der Welt weiss ihre eigenen Strategien und Aktionen wirkungsvoller zu inszenieren als die PR-Profis der Todes-Sekte. […] Das Blut der Opfer klebt nicht nur auf der Promenade des Anglais in Nizza. Es gerinnt in jedem Facebook-Feed, jeder Zeitung, jedem Chat, jeder Rede. So wird auch die jüngste grauenhafte Vorstellung in Europa zum Erfolg, indem sie ihren Zweck erfüllt: Sie verbreitet Angst, arbeitet an der Zerstörung der offenen Gesellschaft, ihrer Spaltung, und sie provoziert Gegengewalt im Kleinen wie im Grossen, lokal und international.

Der Begriff „war on Terror“ ist immer noch genauso falsch und irreführend, wie er 2001 war, als Blitzbirne Bush ihn erfand.

Wir befinden uns aber in einem Kampf der Bilder und der Internetpropaganda.

Wir sollten den 40-50% arbeitslosen Jugendlichen in französischen Banlieues (und weiteren Gegenden Südeuropas) lieber dringend mal gute Jobs und damit Perspektiven verschaffen, statt das Militär aufzurüsten und der Austerität zu huldigen.

Gestern Nacht, als die Meldungen aus Nizza eintrudelten, fand ich einen Tweet, der mich beeindruckte:

Carsten Pilger
@CarstenP 21 Std.Vor 21 Stunden
Carsten Pilger hat Police Nationale retweetet
Die französische Polizei fordert das, was gute Journalisten eh tun: keine Bilder des Verbrechens verbreiten.
Police Nationale @PoliceNationale
[#Nice] Par respect pour les victimes et leurs familles, ne contribuez pas à la diffusion de photos ou de vidéos des scènes de crime #Nice06

Das wäre doch was.
Statt dem Kalifat den Gefallen zu tun völlig hysterisch zu werden, die PR-Bilder von IS-Taten zu verbreiten , könnten wir doch auch trauern und vernünftig sein.
Wie wäre es, wenn man nur in gesprochener und schriftlicher Form aus Nizza berichtete, keine bewegten Bilder und keine Fotos des Grauens weiterverbreiten würde?
Das zeigte den Opfern Respekt und nähme dem IS seinen Propagandaerfolg.
Ohne die Horrorbilder würden sich auch womöglich weniger „einsame Wölfe“, pathologische Irre und Nachahmungstäter aller Art animiert fühlen ebenfalls „berühmt“ zu werden.

Aber dann schaltete ich doch CNN an. Auf allen amerikanischen Newssendern liefen Videos des in die Menschen fahrenden weißen LKWs in Endlos-Schleife.
Ganz so als wolle man noch extra Werbung machen und garantieren, daß auch wirklich jeder potentielle Massenmörder die Idee mit dem Truck mitbekommt.
Wir verlangen offenbar nach den Bildern. Für Journalisten bedeuten sie Quote und Werbeeinnahmen.

So hart es auch klingen mag: Gegen die Verrückten dieser Welt ist kein Kraut gewachsen. Keine Sicherheitssysteme dieser Welt werden Anschläge wie den von Nizza für immer verhindern können.
Was allein wir tun können: Keine falschen Antihelden schaffen. Und unsere Freiheiten verteidigen. Gegen den Terrorismus sowieso, aber auch gegen die Sicherheitsfanatiker, die meinen, der Polizeistaat sei das einzige Mittel gegen durchgeknallte Massenmörder.

Donnerstag, 14. Juli 2016

Polit-Auguren.



Der arme Chris Christie.
Nun hat er sich bis zum totalen Würdeverlust für Trump verbogen und erniedrigt, sich als billige Hilfskraft zum Kaffee-holen missbrauchen lassen und wird doch kein VP-candidate.
So wie es aussieht wird Mike Pence, Gouverneur des Bundesstaats Indiana, Trumps Vizepräsidentschaftskandidat.
Der VP-pick ist alles andere als unwichtig.
Mit einem Griff ins Klo, wie ihn John McCain 2008 hinlegte, kann man sich die Präsidentschaft abschminken.
Üblicherweise soll ein VP natürlich Zustimmung bei den Wählergruppen und den Bundesstaaten generieren, wo der Kandidat schwächelt.
Joe Biden war perfekt – alt, weiß, erfahren – so deckte er all das ab, was der junge, schwarze Kandidat Obama 2008 nicht hatte.
Ihm traute jeder zu im Zweifelsfall „sofort übernehmen“ zu können und andererseits hatte er nicht so einen brennenden Ehrgeiz, daß er seinem eigenen Präsidenten schaden würde.
Paul Ryan, mächtigster Republikaner, erklärte vorgestern im CNN-Townhall-meeting ob Jake Tappers bohrender Fragen, Trumps Vize müsse konservativ sein.
Konservativ, konservativ, konservativ.
Ganz klar, die GOPer fürchten sich vor Trumps Sprunghaftigkeit. Wird er sich wirklich hasserfüllt gegen Schwule und brutal gegen Schwangere einsetzen?
Die fanatische Ideologie eines Ted Cruz kann Trump bisher nicht nachweisen.

Mike Pence, 57, seit 2013 Gouverneur ist sicher konservativ genug für die GOP.
Vehement tritt er für Folter, militärische Abenteuer und Guantanamo ein.
Als ehemaliger Radio-host gehört er Sarah Palins Tea Party an und vertritt ultrakonservative „Familienwerte“.
Wie üblich sind Pence‘ „Family values“ ein Euphemismus für blanken Hass und Diskriminierungen.
LGBTI sind für ihn bloß Kranke, die in christlichen Konversionstherapien „geheilt“ werden könnten. Natürlich stritt Pence stets gegen „gay marriage“ und die Aufnahme von Schwulen in die Army.

[…]
• Congress should oppose any effort to put gay and lesbian relationships on an equal legal status with heterosexual marriage.
• Congress should oppose any effort to recognize homosexual’s as a "discreet and insular minority" entitled to the protection of anti-discrimination laws similar to those extended to women and ethnic minorities.
• Congress should support the reauthorization of the Ryan White Care Act only after completion of an audit to ensure that federal dollars were no longer being given to organizations that celebrate and encourage the types of behaviors that facilitate the spreading of the HIV virus. Resources should be directed toward those institutions which provide assistance to those seeking to change their sexual behavior.
[…]

[…] Pence is under intense scrutiny since last week, when he signed the "religious freedom" law. Critics say the bill aims to legalize discrimination against same-sex couples, and a number of businesses and governments have since announced economic boycotts of the state. […]

Die hetzerischen Ansichten des mutmaßlichen Trump-VPs ließen sich lange fortsetzen.
So einen Mann wünschen sich die Teebeutler im Weißen Haus.

Ich bin aber auch zufrieden mit der Personalie.
Nachdem ich gestern längere Diskussionen verschiedener Polit-Experten auf CNN lauschte, habe ich Hoffnungen, daß Pence Trumps abschreckendes Potential noch verstärken könnte.
Bis heute waren Gingrich, Pence und Christie in der engeren Wahl.
Profi-Politauguren tippten auch Gingrich oder Christie. Pence schied aus, weil er nicht „primetime-tauglich“ wäre.
Ähnlich wie 2008 Frau Palin könne man ihn nicht ins „national TV“ stellen, weil er sich dann um Kopf und Kragen rede.
Zu abstrus seine Bildungslücken und sein christlicher Fanatismus.

Die alten Regeln, nach denen man nicht coram publico wie gedruckt lügen darf, wenn man Präsident werden will, gelten zwar nicht mehr seit Trump ausschließlich im fact-free room agiert, aber ich bezweifele, daß es der GOP nützt neben den Clown auch noch einen Deppen aus Podest zu heben.
Es ist offensichtlich, daß Pence genau die Anforderungen an den Veep, die bis gestern erhoben wurden, gerade nicht erfüllt.

Nach allgemeiner Expertenansicht sind noch drei, vier Männer in der engeren Auswahl, allesamt altgediente Politiker mit Regierungserfahrung. Sie, so die Logik, könnten Trumps mangelhafte Kenntnisse des Regierungsbetriebs etwas ausbalancieren.
[…] Sollte er danach aus irgendeinem Grund amtsunfähig werden, rückt der Vize auf. Dann wäre es schon gut, wenn der kein kompletter Hallodri ist. […]

Trumps Fans sind zwar begeistert, daß ihr Idol sich gerade nicht an den bisherigen Regeln orientiert, aber ob das die unentschlossenen Wähler der Swing-States auch so sehen, bezweifele ich.
Noch.
Ich kann in den USA politische Worst-Case-Szenarien natürlich nie mehr ausschließen.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Es soll halt nicht sein.



Vielleicht hat es der ein oder andere schon gelegentlich anhand meiner zarten Andeutungen zwischen den Zeilen erahnt: Ich bin gar nicht religiös. Kirchenmitglied bin ich auch nicht.

Gläubige haben mich schon gefragt, ob ich eigentlich persönlich schlechte Erfahrungen gemacht hätte.
Nein, ich bin kein Opfer. Das wurde bereits eine Generation zuvor erledigt.
Mein Vater wuchs katholisch auf. Mein Opa starb, als mein Vater sieben Jahre alt war. Daraufhin mußte meine Oma arbeiten, den Lebensunterhalt verdienen und die Priester achtete auch das Gedeihen ihrer kleinen Kinder.
Offensichtlich traute man damals Witwen nicht zu, Kinder „zu erziehen“ - das Wort „Alleinerziehende“ war vermutlich noch nicht erfunden.
Die Fürsorge des Pfarrers bestand in Prügeln, seelischen Misshandlungen und einem geradezu manischen Interesse an Masturbation. Lange bevor mein Vater wußte was das eigentlich ist, mußte er sich in der Beichte darüber ausfragen lassen.
An seinem 18. Geburtstag trat er aus der Kirche aus und war zeitlebens Atheist.
Das war eine eigenartige Übereinstimmung mit meiner Mutter, die auf einem anderen Kontinent in einer anderen Konfession aufwuchs und ebenfalls an ihrem 18. Geburtstag aus der Kirche austrat.
Sie glaubte damals allerdings schlicht nicht an Gott, während mein Vater durch ein langes Kindheits-Martyrium regelrecht aus der Kirche getrieben wurde.

In der Folge der Lebensgeschichten meiner Eltern wuchs ich natürlich konfessionslos auf und bin ihnen dankbar, daß ich nie getauft wurde, also nie in irgendeinem Kirchenbuch auftauchte.
Als Kind kam ich nach Deutschland. Wir zogen zu meiner Oma, die ebenfalls nicht besonders religiös war. Es wurde nicht gebetet, nicht in der Bibel gelesen, nicht in die Kirche gegangen.
Allerdings waren meine Großeltern, beide im 19. Jahrhundert geboren, Kirchenmitglieder.
Das gehörte sich damals so und bei besonderen Anlässen; Hochzeiten oder Beerdigungen; ging man in die Kirche.
Meine Oma erklärte mir, als ich ein kleines Kind war, daß sie durchaus an Gott glaube, sich aber nur bei wirklich existenziellen Fragen und riesigen Problemen an ihn wendete. Man könne nicht mit jeder Kleinigkeit zu Gott laufen und von ihm erwarten die Dinge zu regeln, während man abwartete.
Oma, die als Erwachsene zwei Weltkriege durchlebt hatte, die erlebte wie die Heimat komplett zerstört wurde, die Kinder im Krieg verloren hatte und Hunger kannte, wußte im Übrigen was „echte Probleme“ sind.

Meine Großeltern fühlten sich ihrer Gemeinde aber so verpflichtet, daß sie der Kirche die Kanzel stifteten. Opa war damals Unternehmer und hatte ein sehr soziales Gewissen. Er freute sich, wenn er für die Nachbarn und Kollegen etwas tun konnte, auch wenn Oma die Suppe mit Wasser strecken mußte.

Daß in der Kirche um die Ecke eine Kanzel mit unserem Familiennamen drauf steht, erfuhr ich um 1980 herum.
Ich war nie bei einem Gottesdienst gewesen, aber meine Mitschüler waren auf einmal alle bei diesem geheimnisvollen „Konfer“.
Da gingen sie nachmittags hin und am Ende des Jahres bekam man einen Anzug, schicke neue Schuhe und jede Menge Geld.
Man sprach begeistert davon, was man sich alles mit seinen zukünftigen „Konfer“-Reichtümern kaufen könne.
 Fahrräder, Spiele, Rollschuhe – sogar an Ponys oder Mofas wurde gedacht.
Was hatte es bloß mit diesem „Konfer“ auf sich?
Irgendwas mit Kirche, aber was eigentlich?
Unter einer „feierlichen Segenshandlung der evangelischen Kirchen, die den Übertritt ins kirchliche Erwachsenenalter markiert“ konnte ich mir wirklich gar nichts vorstellen.
Ich fragte meine Mutter, ob ich auch zum Konfirmationsunterricht gehen könne.
Sie war wie vom Donner gerührt, freute sich aber auch, daß ich mich aus eigenem Antrieb dafür interessierte und versprach mich beim Pastor anzumelden.
Sie schärfte mir allerdings ein, mich nicht wegen des Geldes konfirmieren zu lassen und versprach, ich bekäme am Ende der Unterrichtszeit auch Geschenke, wenn ich mich gegen die Kirche entschiede.
Deal.
Die Kirchenleitung willigte ein auch ungetaufte Kinder zu unterrichten; die Taufe könne dann bei der Konfirmation nachgeholt werden.
Umso besser. Im Gegensatz zu den anderen Kindern, die zwangsgetauft wurden, könnte ich mich also selbst entscheiden und den Schritt bewußt gehen.

So kam ich in die kleine Luther-Kirche „Up de Worth“, die am 1. Advent 1937 mit der von meinen Großeltern gestifteten Kanzel eingeweiht wurde.
Es ist ein kleines, rustikales, gepflegtes Gebäude aus Hamburger Backsteinen mit Fachwerkfassaden, auch „Kaffeemühle“ genannt.


Heute ist die Kirche wie so viele Evangelische weiblich. Frau Pastorin Tröstler und Pastorin Zanda Ohff werden im Gemeindebüro von Doris Rebentisch und Carolin Waschkeit unterstützt. Die Jugendarbeit leitet Diplom-Theologin Anja Pasche.
Zu meiner Zeit war der Chef natürlich ein Mann, Pastor M.
Er selbst habe aber keine Zeit sich um Kinder  zu kümmern.
Den Konfirmandenunterricht führte ein Gemeindehelfer im Nebengebäude durch.
In der Kirche hätten wir nichts zu suchen.
Ich wollte wissen was es mit der Bibel und dem Glauben auf sich hatte, konnte mir aber kein Gehör verschaffen, weil allen anderen Konfirmanden schon ab der ersten Stunde ausschließliche diskutierten wie sie ihre zukünftigen Reichtümer, die es zur Konfirmation hageln würde, zu verprassen gedächten.
Der Lehrer war desinteressiert, die Schüler waren desinteressiert.
Der einzige, der sich tatsächlich für die Kirche und ihre Bedeutung interessierte war ich.
Und ich fragte.
Das gefiel dem Gemeindehelfer gar nicht. Ich solle an Gott glauben und ihn nicht hinterfragen.
Einige Wochen später erhielt meine Mutter einen Anruf von Pfarrer M. Ihr Sohn sei für den Konfirmandenunterricht ungeeignet, weil er alles hinterfrage.
So schnell kam also das „Aus“ für meine Kirchenkarriere.
Immerhin hatte der Pastor damals eine richtige Eingebung.
Ich tauge wirklich nicht dazu blind Dogmen zu folgen.

Nur wenige Jahre später sah ich Pastor M. wieder. Meine Oma war gestorben und er besuchte uns anschließend, um zu erfahren, was sie eigentlich für ein Mensch gewesen wäre. Schließlich sollte er die Trauerrede in der Kirche halten.
Tatsächlich fand die Trauerrede dann in der kleinen Wellingsbüttler Kirche unter der von ihr gestifteten Kanzlei statt.
Ich war am Boden zerstört und weinte bitterlich.
Pastor M. war sauer, weil seine Rede davon gestört wurde. So herrschte er währenddessen meine Mutter an, sie möge ihr Kind zur Raison bringen.


So erlebte ich es kurze Zeit später bei der Beerdigung meines Freundes wieder.
  Pfarrer hören sich gern selbst reden und reagieren aggressiv bei Störungen von weinenden Angehörigen.

Die meisten Jungs haben in der Grundschule einen besten Freund.
Meiner hieß Mark und a posteriori bin ich der Meinung, daß wir uns wirklich sehr gern mochten.
Ich jedenfalls wollte immer möglichst viel Zeit mit ihm verbringen.
Obwohl, oder vermutlich eher „weil“ wir so unterschiedlich waren, ergänzten wir uns perfekt.
Ich war 1 ½ Jahre jünger, aber besser in der Schule und der kontemplative Typ.
Er war mehr der klassische „Rabauke“, der sich immer selbstlos vor mich stellte, wenn irgendjemand gemein zu mir war.
Marks Elternhaus war…. nun ja, das würde zu persönlich werden.
De facto wohnte Mark teilweise bei mir.
Kurzfristig verloren wir uns etwas aus den Augen, nachdem ich mit neun Jahren die Schule wechselte.
Es würde mich brennend interessieren, was aus ihm geworden wäre - wenn er nicht mit 14 bei einem Verkehrsunfall gestorben wäre.

Am Tag der Beerdigung hatte ich eine prägende Erfahrung mit der Kirche.
Von der Bibel hatte ich schon im Konfirmandenunterricht gehört, aber den Kurs hatte ich bereits abgebrochen - trotz der Drohung des Pfarrers dann keine Geschenke zu bekommen.
Da meine Eltern aber beide schon lange aus der Kirche ausgetreten waren, schreckte mich das wenig.
Mark hingegen wollte sich unbedingt konfirmieren lassen - WEGEN der Geschenke. Ob er an Gott geglaubt hat, weiß ich nicht. Die Beerdigung war jedenfalls kirchlich.

Man setzte mich neben Marks Mutter, die nicht gerade überraschend die ganze Zeit heulte und immer wieder stammelte, daß ihr Sohn genauso groß wie ich wäre.
Dem Pfarrer, der bei seiner Rede soeben Marks tiefe Gläubigkeit anhand des Konfirmationsspruchs „bewiesen“ hatte, missfiel es außerordentlich gestört zu werden.
Daher herrschte er die weinende Mutter während der Trauerrede an, sie solle sich gefälligst zusammenreißen - schließlich bewiese der frühe Tod ihres Sohnes, daß Gott ihn besonders geliebt habe.

„Whom the gods love, die young“ - das ist ja das was man in der Situation am liebsten hört.

Im Jahr 2014 sah sich sogar Helmut Schmidt veranlasst auf der Trauerfeier des Hamburger Ehrenbürgers Siegfried Lenz, der sein enger Freund war, Partei für ihn zu ergreifen, nachdem Michel-Pastor Alexander Röder den Atheisten Lenz auf unverschämte Weise vereinnahmt hatte.

Die Beerdigung meiner Oma war das letzte mal, daß ich die Kleine Kirche in Welllingsbüttel betrat.
Ich wohne längst ganz woanders, aber im Abstand von 5 bis 10 Jahren fahre ich noch durch die Straße „Up de Worth“ und halte an der Kirche, weil ich mir die Kanzel gerne noch einmal ansehen möchte.

Es funktionierte nur nie, weil die Kirchentüren immer verschlossen sind.

Heute dann die Überraschung. Schon von weitem konnte ich von meinem Auto aus sehen, daß die Kirchentüren aufstanden, als ich nachmittags vorbei tuckerte.

Natürlich hielt ich an, atmete durch und ging auf Zehenspitzen in das Gebäude.
Nach den unangenehmen Erfahrungen gruselt es mich immer noch ein wenig.
In den vorderen Bänken spielten fünf, sechs Kinder, die von einigen Frauen mit Kostümen und Dekorationen versorgt wurden.
Offensichtlich plante man irgendeine Art „Event“ für das draußen mit einem großen Banner angekündigte Sommerfest.


Ich schlich zu einer der Damen, die ganz rechts damit beschäftigt war ein Plakat zu falten und fragte flüsternd, ob ich mich kurz umgucken und den Altar ansehen dürfe.
Das gehe nur wirklich nicht, herrschte sie mich an, „sehen sie denn nicht, daß wir hier gerade proben?“.

Und so flog ich, wieder einmal, aus der Wellingsbüttler Kirche.
Ich werde dort offensichtlich in jedem Lebensalter als Störung empfunden.
Für Gebete, Zwiesprache mit Gott oder Stille Andacht im Kirchenschiff hat man keine Chance „Up de Worth.“ Dort ist man wohlhabend und bleibt unter sich. Fragen unerwünscht.

Das verrückte an der Geschichte ist, daß ich schon viele Jahre vor meiner „Konfer-Erfahrung“ längst ohne es zu wissen mit der Kirchengemeinde in Kontakt gekommen war, weil ich wöchentlich das zugehörige Altersheim am Rabenhorst besuchte, Kuchen buk, das ganze Jahr Geld sammelte, weil ich mir vorgenommen hatte, daß nicht nur Kinder, sondern alle alten Leute ein Geschenk zu Weihnachten bekommen sollten.
Alte Menschen lebten im Altersheim, also war ich als kleines Gör eines Tages einfach mit dem Fahrrad dahin gefahren und hielt mich dort gern auf.
Natürlich wußte ich nicht, daß die Kirchengemeinde das Heim betrieb, hatte dort auch nie einen Pfarrer gesehen.

Wer etwas für seine Gemeinde tun will, sich sozial engagiert, der trete sofort aus der Kirche aus.
Kirchen geben um die fünf Prozent ihres Etats für soziale Zwecke aus. Wer also seine Mitgliedsbeiträge bezahlt (vulgo Kirchensteuer), verschwendet 95% davon.
Das sieht auch eine Mehrheit der Hamburger so. Inzwischen sind unter 28% Mitglieder der evangelischen Kirche.

Hamburg ist auf gutem Wege.

Glückwunsch, Kirche!
Das muß erst mal jemand nachmachen: Eine Organisation, die dermaßen vom Staat mit Geld zugeschissen und privilegiert wird, dennoch kontinuierlich zu schrumpfen, ist eine echte Leistung!
37.000 Menschen traten 2014 aus der Nordkirche aus.
Bitte weiter so.
2% der Hamburger Protestanten, entsprechend 0,5% aller Hamburger gehen sonntags in die Kirche. Und das in einem Bundesland, in dem ohnehin nur 27,9% Mitglied der evangelischen Kirchen sind.
Für meinen Geschmack sind einer von 200 immer noch viel zu viele Gottesdienstbesucher, aber auch wenn man es religionspolitisch neutral betrachtet, muß man sich schon fragen, woher die hanseatischen Kirchen die Chuzpe nehmen sonntagsmorgens mit ihrem grausam lauten Gebimmel die Stadt aufzuwecken, wenn 99,5% offensichtlich nicht geweckt werden wollen.