Freitag, 21. September 2012

Die Venus von Wolgast.




Ordentlich was los in der muslimischen Welt im Moment. 
Heftige Anschlagsserien im Irak, die US-Armee kündigt die gemeinsamen Patrouillen mit der Afghanischen Armee auf, Israel möchte unbedingt den Iran mit Krieg überziehen. 
In Syrien wütet der Bürgerkrieg und von Indonesien über Pakistan bis zum Nahen Osten und Nordafrika sind die Frustrierten (z.B. die Verlierer der „Arabellion“) so aufgehetzt, daß sie bei ihrer Wutwelle über Mohammedfilmchen jeden Tag ein paar Menschen töten.


Zu Tausenden rufen sie "Allah o Akbar - Gott ist groß". Das Diplomatenviertel in der Hauptstadt Islamabad ist seit den Freitagsgebeten hermetisch abgeriegelt - mit Stacheldraht, Schiffscontainern aus Stahl und schwer bewaffneten Sicherheitskräften. Die Handynetze sind in weiten Landesteilen abgeschaltet, um spontane Gewaltabsprachen zu verhindern.
Dennoch kommt es zu blutigen Straßenschlachten und Akten der Brandstiftung - in Karatschi, in Peschawar, und auch in Islamabad. Die US-Botschaft wirkt wie ein Magnet auf gewaltbereite Demonstranten. Immer wieder versuchen aufgebrachte junge Männer den Schutzwall zu durchbrechen. Ihre Augen sind vom Tränengas der Polizei gerötet.
Sie machen vor allem die USA, viele aber auch den Westen als Ganzes für den Inhalt des anti-muslimischen Hassvideos verantwortlich.


Die deutsche Bundesregierung geht in einem Dreiklang mit der brenzligen Situation um.

Zunächst einmal kommen Symbolik warme Worte, die nichts kosten. 
Gelegentlich wird auch verurteilt - und zwar „auf das Schärfste!“


Um die Symbolik noch zu verstärken, forderte der Außenminister die über 60 Regierungsdelegationen und Mitglieder der syrischen Opposition am Dienstagvormittag erst einmal zu einer Schweigeminute für die Opfer auf. Bei dem Wiederaufbau, den Westerwelle meint, ist viel von Freiheit und Demokratie die Rede. "Wir wollen ein Syrien, das von einer demokratischen Regierung regiert wird und die Rechte aller Bürger, unabhängig von ihrem ethnischen, religiösen oder politischen Hintergrund, respektiert."
Auch oder gerade weil das Ende des Krieges in Syrien nicht absehbar und die Weltgemeinschaft gelähmt ist, will Westerwelle Profil zeigen in einem Bereich, in dem Deutschland sich besonders kompetent fühlt: im wirtschaftlichen Wiederaufbau.

Außenminister Westerwelle erklärte heute in Berlin zu den Angriffen auf Auslandsvertretungen der Vereinten Staaten von Amerika in Ägypten und in Libyen:
    Die gewaltsamen Übergriffe auf Auslandsvertretungen der Vereinigten Staaten in Kairo und Benghasi verurteile ich auf das Schärfste.
Außenminister Westerwelle verurteilt die Anschläge auf das Schärfste. Das Land dürfe sich durch derartige Terrorakte nicht vom Kurs der gesellschaftlichen und politischen Versöhnung abbringen lassen, forderte er.

Bei einer Anschlagsserie sind am 5. Januar im Irak mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen.
Außenminister Westerwelle verurteilt die Anschläge auf das Schärfste. Das Land dürfe sich durch derartige Terrorakte nicht vom Kurs der gesellschaftlichen und politischen Versöhnung abbringen lassen, forderte er.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat die Übergriffe auf die deutsche Botschaft in Sudan auf das Schärfste verurteilt. Harte Worte fand Westerwelle auch für den Auslöser der Proteste von Tausenden aufgebrachten Demonstranten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum.

Bundesaußenminister Westerwelle verurteilt den gestrigen Überfall auf die Botschaft Syriens in Berlin auf das schärfste.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hat die erneute Gewaltanwendung syrischer Sicherheitskräfte gegen Demonstranten verurteilt. “Die erneute Gewalt gegen friedliche Demonstranten in Syrien ist inakzeptabel. Sie wird von der Bundesregierung auf das Schärfste verurteilt.
(Dts)


Neben der schärfsten Verurteilung werden dann deutsche Waffen in die Kriegsgebiete geliefert, um das Töten so richtig schon anzuheizen.
Zu den jüngsten Äußerungen von Verteidigungsminister de Maizière in Sachen Panzerlieferungen an Saudi-Arabien erklärt der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Gernot Erler:
Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat jetzt endlich offen ausgesprochen, was sich schon seit Beginn der schwarz-gelben Koalition mehr und mehr abgezeichnet hat: Menschenrechte spielen bei der Frage der Genehmigung von Rüstungsexporten – wenn überhaupt – nur noch eine untergeordnete Rolle.

Es ist abwegig, wenn Verteidigungsminister de Maizière die Lieferung von 200 Panzern an Saudi-Arabien mit mehr Stabilität für die Region rechtfertigen will. Saudi-Arabien hat dabei geholfen, die Demokratiebewegung in Bahrain gewaltsam niederzuschlagen. Meint Herr de Maiziere mit «Stabilität» die Friedhofsruhe der Demokratie? Saudi-Arabien trägt aktiv mit dem Iran einen verdeckten Stellvertreterkrieg in Syrien aus - dient dies der Stabilität in der Nachbarschaft Israels? Stabilisieren die wahabistischen Aktivitäten Saudi Arabiens in Nordafrika die dortigen jungen Demokratien - oder destabilisieren sie sie?
Deutsche Panzerlieferungen in das Pulverfass dieser Region sind nicht vernünftig, sondern abenteuerlich.
Die paar wenigen Menschen, die ihr Leben in diesen Bürgerkriegsgebieten retten können und es tatsächlich bis nach Deutschalnd schaffen, schmoren entweder in Abschiebeknästen unter so grauenvollen Bedingungen, daß vielen nur noch Selbstmord bleibt. 
Oder aber sie werden tatsächlich als Asylanten oder Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt. Unter 5% der hier Ankommenden betrifft das.
In den Fällen gibt sich dann Deutschland die größte Mühe diese traumatisierten Menschen, die alles bis auf das blanke Überleben verloren haben - oft weil die sie angreifenden Truppen mit deutschen Waffen hochgerüstet waren - möglichst unmenschlich verwahrt werden.
 Sie sollen es SCHLECHT haben.
In Bayern gibt es sogar eine Lagerpflicht, da es der CHRISTLICHEN und SOZIALEN Regierung des Freistaates schon zu viel der Humanität ist den Gequälten ein festes Dach über dem Kopf zu stellen.
„Schockiert“ sei er, sagt Alexander Thal. „Ich habe schon einige Lager gesehen, aber so etwas wie hier noch nie!“ Der Vertreter des bayerischen Flüchtlingsrats besichtigte gestern mit seiner Kollegin Agnes Andrae die Asylbwerberunterkünfte in der Scheuerfelder Straße und in der Uferstraße 11. „Da drinwimmelt es von Kakerlaken, die Wände sind voller Risse, und hier leben Leute seit zehn, 13, 15 Jahren!“
Die Vertreter des bayerischen Flüchtlingsrats besichtigen jedes Jahr in allen sieben Regierungsbezirken mehrere Heime. Dass Coburg in diesem Jahr an der Reihe war, ist Zufall – passt aber zu der Diskussion über die Zustände im Haus, die die FDP mit ihrer Anfrage an Zweiten Bürgermeister Norbert Tessmer angestoßen hatte. „Ich weiß ja, dass die Stadt nicht zuständig ist“, sagt FDP-Stadtrat Hans-Heinrich Eidt. „Aber die Stadt kann das doch auch nicht wollen.“ Zuständig ist die Regierung von Oberfranken. Thal empfiehlt aber noch eine Stufe höher: „Wenden Sie sich an Ihre Landtagsfraktion“, rät er Eidt. „Die Fraktion muss die sofortige Schließung des Lagers fordern.“

In Bayern gilt bisher eine strikte Lagerpflicht für Flüchtlinge. Sie wurde am 15.03.2012 vom Bayerischen Landtag ein wenig gelockert, doch nur wenige Flüchtlinge werden tatsächlich ausziehen können. Die Lagerpflicht hat ihre gesetzliche Grundlage im bayerischen Landesaufnahmegesetz (AufnG). Die Unterbringung von Flüchtlingen in Sammellagern soll, so die Bayerische Asyldurchführungsverordnung (DV Asyl), „die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern“.
Die Lagerpflicht muss jedoch abgeschafft werden. Sie ist nicht nur menschenunwürdig, sondern nach einem Bericht der Vereinten Nationen ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Die Forderung nach Abschaffung oder zeitlicher Begrenzung der Lagerpflicht wurde von allen ExpertInnen der Landtagsanhörung am 23.04.09 getragen.
Aber, ob man es glaubt oder nicht, es kann noch schlimmer kommen. 
Wenn man nämlich als Flüchtling in Wolgast , dem Nord-Ostzipfel Meck-Pomms landet. 
Die im Landkreis Vorpommern-Greifswald gelegene Stadt mit 12.000 Einwohnern bekam einige Asylanten zugewiesen, die nun auf das nächste Rostock-Lichtenhagen warten.

Sie werden mit Bierflaschen und Steinen beworfen. 

Die Nachbarn beschallen sie mit Nazi-Musik mit Texten wie „Zick, Zack Kanackenpack, Zick, Zack Kanackenpack - Hau den Türken auf den Sack!“

Highlight der Panorama-3-Reportage ist aber die Venus von Wolgast, eine gar reizende Anwohnerin, die so charmant auftritt, daß jeder sich sofort in sie verliebt.

Wer diese holde Meid schaut, WATCH 00:40 - 01:40, muß Stolz empfinden ein Deutscher zu sein. 

Donnerstag, 20. September 2012

Rechtlich-Religiöses.





Hendryk M. Broder gehört zweifelsfrei inzwischen zu den Vollzeit-Verbalrambos.
In seiner überbordenden Begeisterung über sich selbst hat er so sehr den Bezug zum richtigen Maß verloren, daß er wie auch Baring und Sarrazin deutlich abseits der Menschen steht, die man ernst nehmen kann.

Allerdings, das muß man zugeben, blitzt hin und wieder in seinem Diffamierungswortschwall noch der ein oder andere intelligente Gedanke durch, der auch nur von ihm formuliert wird.

Nehmen wir die weltweit diskutierte causa „Mohammed-Schmähvideo“ als Beispiel.
Ich habe tatsächlich nur von Broder gelesen, daß es ein befremdlicher Vorgang sei, wie sehr sich alle westlichen Kommentatoren daran abarbeiteten von welch schlechter Qualität das Filmchen wäre.


Hieß es nach der Fatwa gegen Salman Rushdie, die "Satanischen Verse" seien kein literarisches Meisterwerk, sondern vor allem dazu bestimmt, die Gefühle der Moslems zu verletzen, hat man die Mohammed-Karikaturen, die in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" erschienen sind, als "primitiv" und "künstlerisch wertlos" abgetan, so ist es "diesmal ein dumm-dreister Film, in dem der Prophet Mohammed und der Islam auf ideologisch üble und dazu noch handwerklich billige Weise verächtlich gemacht werden" – als ob die Qualität des Film das wäre, was die Moslems zur Rage treibt. Nimmt jemand an, die Söhne Allahs würden begeistert Beifall klatschen, wenn es nicht "ein dumm-dreister" und "handwerklich billiger" Film wäre, sondern ein Meisterwerk von Pasolini oder Tarantino?


Recht hat er.
Nur weil religiös aufgeputschte Menschen in anderen Teilen der Welt zu Gewaltausbrüchen neigen, können wir nicht den Gesellschaftsvertrag unserer Demokratie in den Müll werfen. 
Genau das soll aber umso leichter geschehen, je mehr man den inzwischen so berühmt-berüchtigten Film als ohnehin wertlos und schlecht diminutiviert.

Ich war nie ein Mensch, der ein „Fan“ von irgendetwas oder irgendwem wird. 
Auch die Bands, die ich als Teenager toll fand, habe ich gleichzeitig auch kritisch gesehen.
 Ich finde nie alles gut, das jemand macht. Heute fällt mir immer auf, wenn ein geschätzter Politiker oder Journalist sich verrennt.

Offensichtlich entwickelt sich aber gerade eine Ausnahme dieser Regel und das ist Michael Schmidt-Salomon, der in für mich geradezu unheimlicher Weise stets so formuliert, daß man auf die Knie fallen und applaudieren möchte.
 
Der gbs-Sprecher ist dabei keineswegs mainstream-kompatibel, sondern steht oft weit außerhalb der veröffentlichten Meinung. 
Beispiel Papst-Rede im Bundestag, die MSS als einer der wenigen klar analysierte und in einen vernünftigen Kontext stellte, während fast alle Edelfedern devot auf Knie sanken und vor Entzücken, daß ein leibhaftiger Papst im Bundestag sprach ganz vergaßen darauf zu achten WAS der Mann eigentlich zu sagen hatte.

Beim Mohammed-Film ist es nun so, daß quer durch alle Parteien, von der Regierungschefin über den Verfassungsminister Friedrich bis zur Linken alle einig sind das Grundgesetz kurzerhand nicht gelten zu lassen und den Film zu verbieten.

Nicht so MSS:


Es sollte selbstverständlich sein, dass das Prinzip der Kunstfreiheit auch für schlechte Filme gilt. Wo kämen wir denn hin, wenn wir es von ästhetischen Kriterien oder gar vom Einverständnis religiöser Fanatiker abhängig machen würden, ob ein Film in Deutschland gezeigt werden darf oder nicht? […]
Würden wir die Kunst- und Meinungsfreiheit aus Rücksicht auf religiöse Fanatiker einschränken, käme dies einer Belohnung gleich. Wir würden sie dazu ermutigen, künftig jede kritische Auseinandersetzungen mit dem Islam durch gewaltsame Proteste zu unterbinden. Solchen demokratiefeindlichen Bestrebungen dürfen wir auf keinen Fall nachgeben. [….]
 Wir hatten eine ähnliche Situation ja schon vor 6 Jahren im Zuge des sogenannten Karikaturenstreits. Damals wurden die dänischen Karikaturisten beschuldigt, den öffentlichen Frieden zu gefährden. Eine skandalöse Umkehrung des Täter-Opfer-Prinzips! Denn nicht die an Leib und Leben bedrohten Zeichner gefährdeten den öffentlichen Frieden, sondern die religiösen Fanatiker, die in ihrem Wahn Hunderte von Menschen töteten, nur weil sie unfähig waren, auf satirische Kunst in angemessener Weise zu reagieren. [….]
Es ist in der Tat ein sonderbares Phänomen, dass Männer, die die Steinigung einer vermeintlichen Ehebrecherin mit müdem Achselzucken hinnehmen, aber schluchzend in sich zusammensinken, wenn sie hören, dass ihr Prophet satirisch auf die Schippe genommen wurde. Erklären lässt sich dies nur mit der partiellen Denk- und Entwicklungshemmung, die mit religiöser Indoktrination einhergeht. […]
Moderne Demokratien beruhen bekanntlich auf der Idee des Gesellschaftsvertrags, die besagt, dass die Werte des Zusammenlebens nicht objektiv vorgegeben sind, sondern unter den Gesellschaftsmitgliedern unter fairer Berücksichtigung der jeweiligen Interessen ausgehandelt werden müssen. Für fundamentalistische Gläubige ist dies schlichtweg inakzeptabel, gehen sie doch von einer göttlich vorgegebenen Gebots- und Verbotsordnung aus, die für alle Zeiten festlegt, welches Verhalten Männer, Frauen und Kinder zu zeigen haben.
Wenn nun solche Glaubensüberzeugungen mit rechtsstaatlichen Normen kollidieren, was häufig der Fall ist, da die heiligen Schriften aus vormodernen Zeiten stammen, steht das Individuum vor der Wahl, welcher Rechtsordnung es den Vorrang gibt. Man kann gut verstehen, dass sich Gläubige schwerlich gegen Gebote entscheiden können, von denen sie meinen, dass sie göttlichen Ursprungs sind. Als säkulare Gesellschaft müssen wir aber darauf bestehen. Religiöse Sonderrechte, die im Widerspruch zur säkularen Rechtsordnung stehen, können und dürfen wir nicht tolerieren.


Das Instrumentarium um in unserem Rechtssystem missliebige Meinungen zu unterdrücken, ist ohnehin nicht ideal.

Da gibt es den § 130 (Volksverhetzung) des Strafgesetzbuches, der sicherlich ausreichte, um zum Hass aufstachelnde Fanatiker wie die vom brauen Kreuznet-Sumpf zu verurteilen. 
Man erwischt sie nur nicht.

Ein Youtube-Filmchen über eine fiktive archaische Figur zu drehen ist aber sicherlich nicht mit dem § 130 zu verbieten.

Dafür wollen Regierungspolitiker wie der homophobe Johannes Singhammer den Gummi-§ 166 (Blasphemie) missbrauchen und ihn so verschärfen, daß man jedwede Religionskritik verbieten und bestrafen kann.
 Die CSU geht also schon mal auf anale Tuchfühlung mit dem Blasphemie-Gesetzverschäfungsbrüllern aus den Reihen der katholischen Bischöfe.

Zurück ins Mittelalter also.

Anders als MSS schätze ich Heribert Prantl und Jakob Augstein oft, aber keineswegs immer. Augsteins letzte Anmerkungen zur Unschuld der Religion an den Mohammed-Film-Riots sind höchst einfältig und wurden auch entsprechend scharf von MSS zurückgewiesen.

Papst-Fan Prantl hatte heute aber wieder einen guten Tag, weil er im SZ-Kommentar kurz und knackig darlegte weswegen der § 166 weder verschärfbar noch konkretisierbar ist.
 Er gehört einfach nur abgeschafft.


Es ist blasphemisch zu glauben, man müsse Gott, Allah oder dem Propheten Mohammed einen deutschen Staatsanwalt zu Hilfe rufen. […] Der Paragraf 166 des Strafgesetzbuchs, den man antiquiert als Gotteslästerungs-Paragraf bezeichnet, ist lästerlich schlecht konzipiert. Er bestraft zwar nicht, wie in alten Zeiten, die Verhöhnung Gottes, sondern Religionsbeschimpfung - aber nur dann, wenn dies in einer Weise geschieht, "die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören".
Das ist gut gemeint, aber unpraktikabel. Denn so haben es die Anhänger der beleidigten Religion in der Hand, durch möglichst viel Aufruhr die Sache zur Straftat zu machen. Das ist legislativer Unsinn.
Der Vorschlag aus der CDU/CSU freilich, wieder zu dem Rechtszustand zurückzukehren, der vor 1969 bestand, ist noch unsinniger. [….]
Die Religionsdelikte gehören nicht verschärft, sondern abgeschafft.

Mittwoch, 19. September 2012

Job




Leider habe ich immer noch nicht den richtigen Beruf für mich gefunden. 

Gestern sagte mir eine Freundin ihr wäre es am liebsten für immer an die Heizung gelehnt in Ruhe zu sitzen, ein Buch zu lesen und dabei eine Tüte Chips zu fressen. Es müsse sich nur noch jemand finden, der einen dafür bezahle.

Kann ich nachvollziehen. Ich will auch so einen Job - nur ohne Heizung und statt Chips lieber mit Nüssen.
Ich weiß allerdings auch nicht, wer mir ein solches Leben finanzieren würde. Also müssen andere berufliche Lösungen her. 

 Und so kam ich auch eine gute Idee:
Wenn ich groß bin, werde ich PR-Berater!

Das scheint ja eine tolle Branche zu sein. Man kann offenbar völlig ohne Qualifikation anfangen und dann die lukrativsten Aufträge abgreifen.

Beispiel 1:

Eine PR-Expertin ist zum Beispiel Bettina Wulff, die ihre PR-Offensive zur Buchpräsentation so genial plante, daß binnen einer Woche jeder Deutsche von ihr genervt ist, daß das Buch wie Blei in den Regalen liegt und der einhellige Kommentar lautet „Oh Gott, ist das peinlich!“

Sie beklagt sich über viel zu viel Öffentlichkeit und gibt das in einer ganzen Kaskade von Exklusivinterviews bekannt. Dort wäscht sie schmutzige Wäsche, gibt sich weinerlich und undankbar und beklagt sich zu allem Übel auch noch darüber zu wenig Geld verdient zu haben - Familie Wulff bekommt nach anderthalb Jahren Amtszeit 218.000 Euro „Ehrensold“ bis zum Lebensende. Macht €18.200 Euro im Monat Grundgehalt.
Wenn man sich den Firmenauftritt der Wulff’schen PR-Firma ansehen möchte, ist das gar nicht so leicht. Sie hatte ungeniert in jedem Interview mit Hilfe devoter Fragen Werbung gemacht, einerseits.


STERN: Wie heißt Ihre Firma?
B. Wulff: Ganz einfach „Bettina Wulff Kommunikation“
(STERN-Titelgeschichte 38/2012)


Andererseits war die selbsternannte PR-Fachfrau aber zu dämlich, um sich die Domain sichern zu lassen, so daß man vergeblich googelt.


Die Nachricht, dass die Ex-First-Lady ihre PR-Agentur "Bettina Wulff Kommunikation" gründet, ließ zu Wochenbeginn die Szene aufhorchen. Doch die passende Domain hat sich unterdessen ein anderer gesichert.
"Wer ein Unternehmen gründet, kümmert sich doch als Erstes um die Namensrechte und die entsprechenden Domains", wundert sich Christian Biedermann, seit wenigen Tagen Besitzer der Domain www.Bettina-Wulff-Kommunikation.de. Als Inhaber der Siegener Agentur b3 interactive kennt er das Procedere und findet es "etwas unprofessionell", wie die Ex-First-Lady bei ihrer Unternehmensgründung vorgeht.


Welch ein Kommunikations-Genie Frau Wulff in sich birgt, ahnte man schon angesichts des absoluten Kommunikationsdesasters, mit dem sich ihr Mann selbst aus dem Amt schoss.

Nun hat sie für ihr Buch auch noch den denkbar unpassendsten Verlag gefunden und als Ghostwriter die Dame engagiert, die auch schon für Frau Ferres-Maschmeyer die Biographie verbrochen hatte. Idiotischer kann man eigentlich nicht vorgehen, wenn man sich gerade von der unseriösen Maschmeyer-Freundesblase ihres Mannes reinwaschen will. 
Inzwischen hat sich die „PR-Fachfrau“ so blamiert, daß alle öffentlichen Auftritte abgesagt wurden. Christian Wulff bettelt angeblich darum das Buch einstampfen zu lassen.


[Bettina Wulff veranstalte] "PR-Kaspereien", wie es der Medienwissenschaftler Klaus Kocks formuliert. […] Wulff sei "Opfer eines wirklich infamen Rufmordes, an dem sie sich nun auch noch zur Mittäterin macht", sagte Kocks. "Zur großen Tragik ihrer Verteidigungsversuche gehört, dass sie das Problem durch PR-Possen radikal verschärft statt es zu mildern oder gar zu lösen. Das versucht sie erst gar nicht.
Kocks, der dafür bekannt ist, zu polarisieren, ist mit dieser Meinung nicht allein: Auch Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister hält Wulffs Vorgehen für "orchestriert". "Solche Zufälle gibt es gar nicht", sagte er im Deutschlandradio mit Blick auf die zeitliche Abfolge von Bettina Wulffs Klagen gegen den Internetkonzern Google und TV-Moderator Günther Jauch und das Veröffentlichungsdatum ihres Buches.


Vor dem Erscheinen des Buches „Jenseits des Protokolls“ wußte übrigens nur eine kleine Minderheit von den Gerüchten die First Lady sei früher Prostituierte gewesen. 
Nun hat sie erreicht, daß es jeder weiß. 


Doch offensichtlich hat sie ein Eigentor geschossen. 81 Prozent der Deutschen geben an, vor der Öffentlichkeitskampagne der Bettina Wulff nichts von den hauptsächlich im Internet verbreiteten Unterstellungen gewusst zu haben. Nur 15 Prozent sagen, die Gerüchte seien ihnen vor Bekanntwerden der juristischen Schritte und der Buchveröffentlichung geläufig gewesen.


Auch ohne die geringste Ausbildung im Bereich “PR” halte ich mich in dem Beruf für qualifizierter als Bettina Wulff.

Beispiel 2:

Eins der größten Eigentore, die Super PR-GAK, hatte zuvor der Stellvertreter Gottes auf Erden hingelegt. 
Das inzwischen weltbekannte Titanic-Titelbild, welches den Papst als inkontinent darstellt, wäre ohne das Zutun des Vatikans mit seinen 1,2 Milliarden Anhängern nie ein Thema geworden. Lächerliche 70.000 Hefte verkauft die Zeitschrift im Monat.
 Ratzingers Presseamt hat dem aber einen nie dagewesenen Boost verschafft. 
Indem der Papst persönlich gegen das Titelbild vorging und sich offensichtlich noch im 16., statt im 21. Jahrhundert wähnte, verschaffte er dem Bild, das ihn lächerlich machte, erst die Aufmerksamkeit, die es sonst nie bekommen hätte. 
Dümmer geht nimmer.
 In der Titanic-Redaktion werden bis heute jeden Tag Dankgebete an den Papst gerichtet! So eine Werbekampagne bekam noch keine Zeitschrift - und das auch noch kostenlos!

Sicher ist, daß die 2000 Jahre alte Organisation, die so viel Erfahrung mit Image-Kampagnen hat, offensichtlich völlig aus der Zeit gefallen ist und von moderner PR rein gar nichts versteht!

Beispiel 3:


Obamas GOPer-Konkurrent Mitt, the twit Romney, der angesichts des fehlenden ökonomischen Erfolges, der Milliarden Werbemitteln, die ihm zugesteckt werden und der breiten rechts-gerichteten medialen Begleitmusik eigentlich die Präsidentschaft nur einsammeln müßte, verfügt offensichtlich auch über gar keine PR-Kompetenz.


Dabei umgibt ihn ein riesiges Team von Spin-Doktoren, Werbeprofis und PR-Gurus. 
Aber auch diese PR-Fachleute sind offensichtlich auf Bettina-Wulff-Qualitäts-Standard. 

Beharrlich schießt Romney in seinen eigenen Fuß und bauscht das PR-Bild auf, das so dringend vertuscht werden sollte. 

Romney als der abgehobene Superreiche, der keine Ahnung von normalen Amerikanern hat, sich nicht für sie interessiert und auch kein Mitgefühl für Menschen aufbringen kann, die weniger als eine Milliarde Dollar besitzen. 

Mal eben eine Wette über 10.000 Bucks anbieten, mal eben fallen lassen, daß seine Frau ein paar Cadillacs besitze, daß man sich zur Geschäftsgründung doch das Kapital von seinen Eltern leihen solle. Natürlich lügt Mitt Romney stets wie gedruckt.
Und nun der 47%-Super-GAU.

Ich nehme an, jeder kennt inzwischen die von Mother Jones veröffentlichen Romney-Videos, in denen er die Hälfte der Amerikaner als sozialschmarotzende Opfer degradiert, um die er sich gar nicht kümmere.


 Bei einem Abendessen vor Spendern erläutert Mitt Romney, der für die Republikaner ins Weiße Haus einziehen will, in aller Klarheit, was er über die Anhänger von US-Präsident Obama denkt: "47 Prozent werden sowieso für ihn stimmen. Es gibt 47 Prozent aller Amerikaner, die seine Fans sind. Sie sind von der Regierung abhängig, sie sehen sich als Opfer und sind davon überzeugt, dass sie ein Recht auf Krankenversicherung, Unterkunft und Essen haben. Es sind die Leute, die keine Einkommensteuer zahlen."

Romneys Wahlkampf dürfte in College-Kursen über PR noch lange Zeit als Negativbeispiel herhalten „So macht man PR nicht!

Beispiel 4:

Der PR-Berater Moritz Hunzinger schwang sich einst zum Chefratgeber für den notorisch ungelenken Verteidigungsminister Rudolf Scharping auf. 

Mit Hunzingers Hilfe vermochte es der ehemalige SPD-Chef nicht nur seinen Job zu verlieren, sondern der einzige SPD-Minister zu werden, der gegen seinen Willen gefeuert wurde, weil er sich hartnäckig der Realität verweigerte.
 Durch die Inszenierung auf Mallorca, als er sich planschend mit seiner neuen Freundin im Pool für die BUNTE ablichten ließ, schaffte es der vom PR-Fachmann geführte Scharping es auch noch sich zum Deppen der Nation zu machen. 
Just während er deutsche Truppen an den Hindukusch schickte, präsentierte er sich als „Rudolf bin Baden“ der Öffentlichkeit und verspielte damit für alle Zeit jegliches Renommee.

Fazit:
Wenn derart wichtige Personen - Päpste, Präsidenten, Minister - solche PR-Profis engagieren, obwohl sie wie Mitt Romney einen Milliarden-Etat haben, scheint in der Branche offensichtlich dringender Bedarf an Kräften mit Gehirn zu bestehen.

Wenn ich groß bin, werde ich PR-Berater.

Wie man es richtig macht, konnte man gestern an Jakob Augstein studieren.

 Der Sohn des SPIEGEL-Gründers hatte mit seiner dezidiert linken Kolumne den inzwischen leider vollkommen dem Wahnsinn anheimgefallenen Hendryk M. Broder auf den Plan gerufen.

Es war schon spät, aber Henryk M. Broder wollte wohl unbedingt gehört werden, aus diesem Grund hat er seine Provokation gleich in die Überschrift gesetzt. „Ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder“ - so steht es über einem um 0.29 Uhr am Dienstag veröffentlichten Eintrag von Broder im Blog „Achse des Guten“. Gemeint ist Jakob Augstein, Herausgeber der linken Wochenzeitung Der Freitag.
[…] Augstein lege angeblich nahe, die israelische Regierung habe in Zusammenarbeit mit US-Republikanern „die Sache auf den Weg gebracht“, schreibt Broder. „Das ist ein klassisches antisemitisches Argumentationsmuster, das Augstein bei den Alt- und Neonazis abgekupfert hat.“
Nun steht bei Augstein zwar etwas anderes, nämlich dass US-Konservative und die israelische Regierung die Veröffentlichung des Videos und die anschließenden gewalttätigen Proteste dankbar als Vorlage aufgegriffen haben - weil die einen Mitt Romney im Weißen Haus sehen wollen und ihnen ein ohnmächtig wirkender US-Präsident in den Kram passt und die anderen die Angst vor der iranischen Atombombe schüren. Beides sind keine gänzlich von der Hand zu weisenden Zusammenhänge. [Augstein]  - Broder schreibt es noch zweimal, damit es auch wirklich jeder mitbekommt - eben „ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder“. Nur die "Gnade der späten Geburt" habe ihn daran gehindert, Karriere im Reichssicherheitshauptamt zu machen, schreibt Broder und nennt Augstein auch noch einen "kleinen Streicher von nebenan", was mutmaßlich auf Julius Streicher anspielt, Herausgeber des NS-Hetzblattes Der Stürmer.
[…]  „Ich fordere Augstein auf, mich zu verklagen.“ Ein Wunsch, dem dieser offensichtlich nicht nachkommen will. „Unsinn“, antwortet Augstein auf die Frage, ob er rechtliche Schritte unternehmen will. "Ich schätze und respektiere Henryk M. Broder sehr, auch in seinen Irrtümern."

Causa finita.