Montag, 18. September 2023

Verkehrswende klappt nicht

Heute muss ich noch mal was über mein Auto sagen. Über 20 Jahre alt, Golf-Klasse, Verbrenner, schlecht eingestellt, verbraucht aberwitzig viel Benzin auf 100 km. 

2012 dachte ich mal daran, ihn in Zahlung zu geben, weil ich annahm, für ein unter zehn Jahre altes scheckheftgepflegtes Garagenauto könnte mir der Händler noch ein schönes Sümmchen zahlen, wenn ich ein Nagelneues kaufe.

Erstaunlich; vor gerade mal elf Jahren, mitten in der schwarzgelben Chaos-Regierung Merkel/Westerwave, spielten andere Antriebstechniken noch gar keine Rolle. Man entschied sich zwischen Benziner und Diesel, konnte weiterhin zwischen Schaltgetriebe und Automatik wählen.

In der damaligen Welt waren Dieselfahrzeuge wegen des verbilligten Treibstoffs, aber höheren Anschaffungskosten, nur etwas für Vielfahrer – also irrelevant für mich. Automatik war nur für Geronten, Konservative und Spießer; ebenfalls irrelevant für meine Bedürfnisse.

2022, 19 Jahre alt

Wichtig waren mir nur zwei Aspekte; a) bekomme ich für „den Alten“ noch einen Haufen Geld und b), gibt es ein neues Modell, das ich unbedingt haben will, so daß ich dafür tiefer in die Tasche greifen würde?

Die Antworten lauteten „nein und nein“. 600 Euro wurden mir für mein Auto angeboten, aber nur, wenn ich dort einen Neuwagen kaufte. Tatsächlich lieh ich auch zwei Autos für jeweils 48 Stunden aus. Das größere Modell hatte ein Doppelkupplungsgetriebe und war für meine Ansprüche bereits zu kompliziert.

2022, 19 Jahre alt

Das kleinere Modell gefiel mir optisch besser, war mir aber zu klein.

Die Neupreise lagen 2012 zwischen 25.000 und 33.000 Euro. Man nenne mich geizig, aber selbst wenn ich so viel Geld bar auf dem Girokonto liegen gehabt hätte, wäre mir ein Auto, das ich doch nur zum Einkaufen brauche, nicht so eine Summe wert gewesen.

Mit der Entscheidung, das alte Auto einfach zu behalten, konnten alle ganz gut leben. Ich war noch so naiv zu glauben, der Vertragshändler wäre vielleicht enttäuscht, nun doch keine 30.000 Euro von mir zu bekommen. Aber inzwischen weiß ich, daß die mit dem Neuwagenverkauf in der Preisklasse ohnehin fast nichts verdienen und das Geld über Wartung, Ersatzteilhandel und Reparaturen reinkommt. Umso besser also, wenn ich eine alte Karre behielte. „Gute Entscheidung, dann fahren Sie Ihren Wagen doch zu Ende“ rief mir der Neuwagenberater zu und ward nie mehr gesehen.

Ältere und klapprigere Autos haben viele Vorteile. Man steigt von der teuren Vollkasko auf die billigere Teilkasko um; die Scheckheftpflege, die jedes Jahr ein vierstelliges Sümmchen kostete, kann man sich sparen; die Einbruchs- und Diebstahl-Gefahr sinkt rapide und nachdem erst mal ein paar Beulen und Kratzer das Chassis zieren, muss man sich auch nicht mehr um weitere Bumserchen sorgen. Das Auto ist ohnehin wertlos.

2022, 19 Jahre alt

Die Welt hat sich politisch allerdings erneut geändert.

Putin vergewaltigt die Ukraine mit den entsprechenden Konsequenzen für die Benzinpreise. Der Klimaschutz pressiert viel mehr, wir müssen alte Verbrenner-Gewohnheiten ablegen. Hinzu kommen nun technische Alternativen für den PKW-Antrieb: Ein Wasserstoff-Auto kommt natürlich nicht in Frage, aber es gibt Hybrid- und Elektroantriebe. Schließlich gibt es durchaus politischen Druck, vom privaten Verbrenner-Auto abzulassen, um auf Fahrrad und ÖPNV umzusteigen.

Ich möchte mich auch gern klimaneutral bewegen und fühle mich latent stigmatisiert, mit einem Benzin-getriebenen Fahrzeug unterwegs zu sein.

2022, 19 Jahre alt
 

Das muss ich aber nicht sein, da mein Carbon-Fingerprint in Relation zu anderen Deutschen minimal ist: Ich verreise nie, ich esse kein Fleisch, ich heize nicht und, der größte Faktor: Ich habe weder Haustiere, noch Kinder. Ein mittelgroßer Hund sorgt für so viel CO2-Ausstoß im Jahr wie ein VW Golf; Kinder sind noch viel schlimmer.

Ja, mein Auto verbraucht mit 12 Litern sehr viel Benzin pro 100 km. Aber das ist eine Quotient-Angabe. Bei einer Fahrleistung von rund 1.000 km im Jahr fällt das kaum ins Gewicht.

Es wäre geradezu klimatisch kontraproduktiv, mein Verbrenner-Auto abzuschaffen, da es fast immer klimaneutral in der Garage steht. Wer auch immer der nächste Besitzer wäre, würde viel mehr fahren. Womöglich würde das Auto sogar als Taxi nach Afrika verschifft und dann rund um die Uhr bei 12l/100km fahren. Die absolute Klimapest.

Um das zu verhindern, müsste ich ihn verschrotten lassen. Aber das wäre klimatisch betrachtet, ebenfalls Irrsinn, weil damit 2 Tonnen Elektro-, Kunststoff- und Metall-Schrott anfielen. Der Energieverbrauch, um ein neues Elektroauto herzustellen; wieder zwei Tonnen Blech, Gummi und Elektronik – plus seltene Erden; überstiege bei Weitem den Carbon-Footprint meines gegenwärtigen Fahrverhaltens.

Meinen viel Benzin saufenden Verbrenner gegen ein Elektroauto zu tauschen, wäre also nicht nur aberwitzig teuer, sondern auch klimaschädlich.

2022, 19 Jahre alt

Man kann also offenbar nicht grundsätzlich eine Technik fördern und eine andere verdammen, ohne die individuellen Umstände zu betrachten.

Fahrverbote und Kaufprämien halte ich daher alle für untaugliche Maßnahmen. 65 Milliarden Euro Subventionen gibt Porsche-Mann Lindner jedes Jahr für die Förderung des Verbrauchs fossiler Energieträger aus. Zum Beispiel in Form des berüchtigten Dienstwagenprivilegs und der Kilometerpauschale.

Das muss alles wegfallen. Stattdessen sollten die 65 Milliarden Euro in kostenlosen ÖPNV und Bahnausbau gesteckt werden.

Die Lenkungswirkung auf das bundesdeutsche Individualfahrverhalten sollte ausschließlich über den Benzinpreis erfolgen. Alle KfZ-Steuern und Kaufprämien streichen, dafür muss der Liter Benzin 10 Euro kosten und der ÖPNV kostenlos sein.

Extremwenig-Fahrer können dann ihren alten Benziner behalten.

Die gegenwärtige Anti-Autopolitik der Grünen in Hamburg – durchexerziert vom fanatischen Rad-Senator Tjarks - setzt hingegen auf eine Fülle von Maßnahmen, die pauschal Autofahren lästig machen soll – egal ob es sich um Verbrenner-Vielfahrer, Verbrenner-Fastgarnicht-Fahrer (wie mich), oder E-Auto-Fahrer handelt.

Wegfall von Fahrspuren, Tempo 30-Zonen, Anwohnerparken, horrende Parkgebühren, Baustellenchaos und Parkplatzvernichtung; das Tjarsksche Kaleidoskop der AfD-Förderung, ist weder konsequent, noch effektiv oder sozial.


[…..] Trotz aller Bemühungen um eine Verkehrswende gibt es in Deutschland immer mehr Autos. Den Rekordwert von 583 Pkw je 1000 Einwohner zählte das Statistische Bundesamt im Jahr 2022. In den vergangenen zehn Jahren sei die Pkw-Dichte durchgehend gestiegen, teilte die Wiesbadener Behörde am Dienstag mit – einzige Ausnahme: Berlin. Wurden in der Bundeshauptstadt 2012 noch 342 Autos je 1000 Einwohner gezählt, waren es im vergangenen Jahr 338. In Hamburg dagegen stieg die Zahl von 2012 von 426 um 13 Pkw je 1000 Einwohner.

Zum Stichtag 1. Januar 2023 waren hierzulande nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes 48,8 Millionen Personenkraftwagen zugelassen und damit so viele wie nie zuvor. Mehr als drei Viertel (78 Prozent) der Privathaushalte besaßen den Berechnungen zufolge im vergangenen Jahr mindestens ein Auto. Der Trend geht zum Zweit- oder Drittwagen: Der Anteil der Haushalte mit zwei Pkw erhöhte sich in dem Zehn-Jahres-Zeitraum von 24,5 auf 27 Prozent, der Anteil der Haushalte mit drei und mehr Pkw stieg von 4,1 auf 6,2 Prozent. [….]

(MoPo, dpa, 05.09.2023)

Angesichts dieser Zahlen, müßte ein Grüner, der sich wie Verkehrssenator Anjes Tjarks, so extrem der Verdrängung der Autofahrer zu Gunsten des Fahrrades verschieben hat, Asche auf sein Haupt streuen und zurücktreten.

PS: 19 Jahre lang habe ich nie ein Fotos meines Autos gemacht. Dann habe ich ihn, das erste und bisher einzige mal, polieren lassen. Üblicherweise kommt er nur alle zwei Jahre einmal in die Waschanlage.

Sonntag, 17. September 2023

Wasserstofftechnologieoffenheit.

CDU, CSU, AfD, FDP, FW und Springer sind gegen Wärmepumpen.

Sie haben zwar einen überragenden Wirkungsgrad und werden daher seit vielen Jahren überall in Europa eingebaut, aber in Deutschland sind die Grünen dafür. Also sind die rechten alten Herren grundsätzlich dagegen.

[….] CSU-Chef Markus Söder sagte, dass der Einbau einer Wärmepumpe bis zu 300 000 Euro kosten könnte. Wo er diese Zahl herhat, sagte er nicht. Der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler bezeichnete das Heizungsgesetz als „Atombombe“ für Deutschland, ein Parteikollege sprach von einer „Wärmepumpen-Ideologie“. Und jetzt? Ist der Absatz von Wärmepumpen eingebrochen. Kein Wunder, wenn ständig von Technologieoffenheit die Rede ist und eine besonders effiziente Technologie wie die Wärmepumpe in die „woke, grüne Spinnerecke“ gestellt wird.  [….]

(Jan Schmidbauer, 31. August 2023)

Wer sich an den Chemie-Unterricht in der Schule erinnert, wird vermutlich gleich in den ersten Stunden von seinem Lehrer die Knallgasreaktion vorgeführt bekommen haben.

Sie ist pädagogisch naheliegend, weil es um im mehrfachen Sinne „elementare Dinge“ geht und mit einem ordentlichen Rumms für die chemisch noch ahnungslosen Schüler Eindruck macht.

Die Kinder sehen erst einmal nichts. Elementarer Wasserstoff ist ein farbloses Gas. Dann ein kleiner Funke, ein gewaltiger Knall und man erkennt ein paar wie aus dem Nichts entstandene Wassertropfen.

2H2 + O2 à 2H2O. Zwei gasförmige Wasserstoffmoleküle schnappen sich ein gasförmiges Sauerstoffmolekül aus der Luft und alle drei zusammen bilden zwei flüssige Wasser-Moleküle. So simpel ist das.

Für das was man als Schüler als einfache Buchstabenkombination mit klarem Ergebnis betrachtet, entwickelt man spätestens als Chemie-Student ein anderes Gefühl. In Wahrheit handelt es sich um eine nicht triviale Kettenreaktion. Man betrachtet das Gleichgewicht. Die Reaktion verläuft tatsächlich in beide Richtungen und es gibt Nebenreaktionen. Chemiker empfinden Chemie aber insbesondere als Jonglieren mit energetischen Zuständen.

Die Reaktion ist offensichtlich „exotherm“. Das zeigt der Knall. Es wird also Energie frei. Die Elektronen der Gasmoleküle befinden sich auf einem viel höheren Energiezustand, als in der gebundenen Form im Wasser-Molekül.

Die Enthalpie (vereinfacht gesagt, die Energie pro Stoffmenge) ändert sich erheblich, weil Energie frei wird, wenn die Elektronen auf ein niedrigeres Niveau absinken. Chemiker denken viel in Enthalpien, berechnen sie immer. Bei der Knallgasreaktion werden ΔrH0 = -571,6 kJ/mol frei.

An dieser Stelle wird es politisch. Für diese rund 570 Kilojoule interessiert sich nämlich ein bekannter Weingut-Besitzer namens Volker Wissing.

Als Jurist und Hepatitisgelber denkt er offenbar, eine unendliche und saubere Energiequelle gefunden zu haben.

Genau sieht es auch Hobby-Nazi Hubsi Aiwanger, der in seinem Wasserstoff-BMW umher fährt und im Wasserstoff die Geheimwaffe gegen die klimabewegten Grünen gefunden zu haben glaubt.

[….] Die Deutschen können Wasserstoffautos kaufen, diese Autos werden auch gefördert. Sie werden aber nicht gekauft. 198 Wasserstoff-Pkws wurden dieses Jahr bisher in Deutschland zugelassen, 362 534 Elektroautos. Und sogar der Ölkonzern BP, der Milliarden mit Wasserstoff verdienen will, geht davon aus, dass das so bleibt. In seinem „Energy Outlook“ hat er prognostiziert, wie viel Prozent der weltweiten Pkws bis 2035 mit Wasserstoff fahren werden: null. [….]

(Jan Schmidbauer, 31. August 2023)

Warum will keiner so ein Auto, wenn es doch laut Hubsi und Volker so einfach ist?

Man entnimmt einfach ein paar farblose und giftige Gase aus der Luft, erhält mit einem Knall sehr viel Energie frei Haus und dabei entstehen keinerlei Abfallprodukte außer reinem gesunden Wasser!

Flugs ernannte sich Wissing selbst zum „Mr. Wasserstoff“ und hält damit offenkundig alle umständlichen Investitionen in Klimaschutz – Wärmepumpen, Photovoltaik, Windkraftanlagen – für überflüssig. Man setze einfach „technologieoffen“ auf Wasserstoff und schon werde alles gut. Insbesondere für seine Freunde.

[….]  Ein hochrangiger Staatsbeamter im Verkehrsministerium soll Recherchen des Handelsblatts zufolge Fördergelder in Höhe von mehreren Millionen für Freunde gesichert haben.

Konkret geht es in den Vorwürfen um einen Beamten, der intern den Spitznamen „Mr. Wasserstoff“ tragen soll (Name der Redaktion bekannt). Er ist Abteilungsleiter im Verkehrsministerium und pflege demnach enge Freundschaften zum Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellenverbands (DWV) und zu einem bayerischen Unternehmer. Sowohl der Verband als auch die Gesellschaften des Unternehmers hätten den Recherchen zufolge insgesamt rund 28 Millionen Euro an Fördergeldern aus dem „Nationalen Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ erhalten.

„Mr. Wasserstoff“ hat bisher nicht auf die Vorwürfe reagiert. Das Bundesverkehrsministerium sieht keinen Interessenkonflikt. Es gebe aktuell keine Erkenntnisse darüber, dass ein Abteilungsleiter Einfluss auf die Vergabe öffentlicher Mittel genommen habe, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag in Berlin. Es werde aber, wie das bei Compliance-Vorwürfen generell der Fall sei, allen Hinweisen nachgegangen.

Der Unternehmer, der einst bei BMW gearbeitet hat und dessen Gesellschaften alleine 26 Millionen Euro an Fördergeldern erhalten haben sollen, sagte dem Handelsblatt, dass er keine Auskunft über „persönlichen Bekanntschaften und Freundschaften“ geben würde. Neben den 26 Millionen für seine Gesellschaften leitet dieser Unternehmer noch den Bau eines neuen Wasserstoffzentrums, wofür weitere 72 Millionen Euro an Fördergelder geflossen sein sollen. [….]

(FR, 06.09.2023)

Es gibt allerdings einen Grund dafür, daß studierte Chemiker „Chemie“ unterrichten und nicht Juristen oder FDP-Mitglieder.

Volker Wissing fehlt offenkundig jede Fachkenntnis. Er muss natürlich kein Chemiker sein, aber es wäre doch ganz schön, wenn er nicht so beratungsresistent wäre, damit er ein paar thermodynamische Fakten zu Kenntnis nähme.

Die bei der Knallgasreaktion gewonnene Energie entsteht nicht aus dem Nichts. Die Gesamtenergie bleibt immer erhalten. Sie war also vorher schon da und steckte, vereinfacht gesagt, im höher schwingenden molekularen Wasserstoff H2.

Das ist die Crux. Woher will Wissing den vielen Wasserstoff nehmen?

Ein Chemiker kennt unendlich viele Reaktionen, bei denen Wasserstoff gewonnen wird. Im industriellen Maßstab erfolgt die Gewinnung aus fossilen Kohlenwasserstoffen (also Erdgas, Erdöl oder Kohle), so daß dieser sogenannte „graue H2“ für den Klimaschutz untauglich ist, weil dabei zwangläufig auch immer CO2 entsteht.

Um das Weltklima nicht weiter anzuheizen, eignet sich nur der sogenannte „grüne Wasserstoff“, der durch Elektrolyse von Wasser gewonnen wird. Das ist, simpel ausgedrückt, die umgekehrte Knallgasreaktion, bei der man aus zwei Wassermolekülen wieder ein Sauerstoff- und zwei Wasserstoffmoleküle macht. Für Volker Wissing klingt das gut. Der Chemiker erinnert sich allerdings an die Bildungsenthalpie und weiß, daß man bei der Elektrolyse die ganze Energie, die man bei der Knallgasreaktion gewinnt, wieder reinstecken muss, um die Elektronen der Gase wieder auf das höhere Niveau zu puschen.

Zu allem Übel gibt es da auch noch die Physiker, die jetzt den unangenehmen Begriff „Wirkungsgrad“ einwerfen.

Es ist technisch unmöglich immer mit derselben Energiemenge Knallgasreaktionen und Elektrolyse hin und her zu betreiben (sonst wäre das der perfekte Energiespeicher; eine Batterie), weil immer Energie verloren geht (Nebenreaktionen, chemische Gleichgewichte). Außerdem muss der H2 unter großem Energieaufwand verflüssigt werden, um ihn beispielsweise in einem Auto oder einer Heizung einzusetzen. Mit der Gewinnung durch Elektrolyse beginnen die Probleme erst.

[….] Anschließend müssen die Wasserstoffmoleküle auf einen Druck von bis zu 700 Bar komprimiert werden, damit genug in den Tank passt.

Wenn der Wasserstoff dann im Auto ist, wird er mithilfe einer Brennstoffzelle noch einmal umgewandelt, in Strom. [….] Um es kurz zu machen: Man verbraucht große Mengen Strom, um Wasserstoff zu gewinnen, verbraucht weitere Energie, um ihn zu komprimieren. Und danach wandelt man ihn wieder um, nur um das zu bekommen, womit ein Elektroauto rumfährt: Strom.

Der große Vorteil ist, dass so ein Wasserstoff-Auto keine schweren Batterien braucht und in wenigen Minuten vollgetankt werden kann. Der große Nachteil ist, dass sehr viel Energie verloren geht, bis so ein Auto mal fährt. Der Energieaufwand sei zwei- bis dreimal so hoch wie bei einem Elektroauto, sagt Prof. Volker Quaschning. Noch ineffizienter seien die E-Fuels, mit denen die FDP den Verbrenner am Leben halten will. Faktor fünf. Mindestens.

Entsprechend irre und gefährlich findet Quaschning, wie die Autonation Deutschland sich gerade verheddert in Debatten um E-Fuels und Wasserstoff, während der Markt schon anders entschieden hat. [….] Gilt übrigens auch für Heizungen. Der Energieaufwand für eine Wasserstoffheizung sei etwa fünfmal so groß wie für eine Wärmepumpe, sagt er. Das sind so die Sachen, die ihm durch den Kopf gehen, wenn er das Wort Technologieoffenheit hört. „Man kann es auch mit technologischer Ahnungslosigkeit übersetzen.“ [….]

(Jan Schmidbauer, 31. August 2023)

In einer ferneren Zukunft wird es vielleicht gelingen, Wasserstoff in großem Maßstab mit reiner Sonnenenergie zu elektrolysieren. Wenn man sich die energieverschwendenden Umwandlungen in Strom, Speicherungssysteme und die Komprimierung spart, könnte dieser grüne Wasserstoff industriell verwendet werden. Möglicherweise wäre das auch eine sinnvolle Energiequelle für bestimmte sehr energieintensive Techniken, wie zB Langstreckenflüge. Für die Massen, private PKWs und Heizungen wird H2 lange Zeit nur ein Wissing/Aiwangerisches Hirngespinst bleiben, um die Grünen zu attackieren und das Weltklima zu ruinieren.

[….] Florian Bieberbach [….] der Stadtwerke-Chef [in München hat] ein Interesse daran hat, dass in Zukunft mit Wasserstoff geheizt wird. Auch sein Unternehmen betreibt ja ein Gasnetz, durch das theoretisch mal Wasserstoff strömen könnte. Aber Florian Bieberbach sagt: „Wir kommen immer wieder zu dem Schluss, dass Wasserstoff nur für einen sehr kleinen Teil sinnvoll sein wird.“ Fünf Prozent, maximal.

Auch der Praktiker beruft sich dabei auf die Wissenschaft, auf viele Studien. Eine davon ist 300 Seiten lang, heißt „Klimaneutrale Wärme München 2035“, und was da drinsteht, spricht überhaupt nicht gegen Wasserstoff, aber gegen den Einsatz von Wasserstoff in Heizungen. Weil grüner Wasserstoff selbst 2040 noch sehr knapp bleiben wird zum Beispiel. Sehr teuer. Und weil bei der Erzeugung viel Energie verloren geht.

Dass Wasserstoff nicht nur das häufigste Molekül im Universum ist, sondern auch das kleinste und durch alle Ritzen kriecht, ist übrigens nicht das Problem, sagt er. Die Leitungen umzurüsten, das würden sie hinkriegen. „Das Problem ist das Kostenthema.“

Ist oft beschrieben worden, dass Wärmepumpen nicht billig sind. Aber was die Effizienz angeht, sind sie kaum zu schlagen. Aus einer Kilowattstunde Strom macht die Wärmepumpe drei bis vier Kilowattstunden Wärme, weil sie zusätzliche Energie aufnehmen kann, zum Beispiel aus der Umgebungsluft. „Das ist ja gerade der Witz der Wärmepumpe“, sagt Bieberbach. [….]

 (Jan Schmidbauer, 31. August 2023)

Samstag, 16. September 2023

Die Vollproleten

Trump, der meistlügende Politiker aller Zeiten, behauptet von sich selbst, Christ zu sein.

Überprüfen läßt sich das nicht. Sicher ist aber, daß er sein gesamtes erwachsenes Leben lang mit Wonne nahezu täglich jede christliche Todsünde begeht.

Sie sind unglaublich prüde, wehren sich gegen jegliche Sexualaufklärung, nehmen ihren Töchtern den Schwur ab, als Jungfrau in die Ehe zu gehen („Promise Keepers“), reagieren hysterisch auf jede Form von Nacktheit oder Queerness, verlangen die Anbringung der Zehn Gebote in Schulen, präferieren Homeschooling streng nach der Bibel und die wählen Trump: Das sind die US-amerikanischen Evangelikalen.

Sie sind für internationale Verhältnisse sehr konservativ, wehren sich gegen jegliche Sexualaufklärung, finden Messdiener sexy, hassen den praktizierenden Katholiken Joe Biden, den seit 100 Jahren frommsten US-Präsidenten, reagieren hysterisch auf jede Form von Nacktheit oder Queerness, verlangen die Anbringung der Zehn Gebote in Schulen, präferieren Homeschooling streng nach der Bibel und die wählen Trump: Das sind die US-amerikanischen katholischen Bischöfe.

Für diese auf den ersten Blick paradoxe politische Vorliebe der US-amerikanischen Christen gibt es mehrere Erklärungen:

·        Sie sind sehr ungebildet, halten Jesus für einen erzkonservativen Waffenfetischisten.

·        Sie hassen dieselben Leute, die Trump hasst.

·        Sie werden von erzkonservativen Televangelists und Radiohosts systematisch verdummt und gegen Demokraten aufgehetzt.

·        Sie sind, wie alle Religioten, extreme Heuchler.

Während Aldultery (Ehebruch) beim politischen Gegner als Totschlagargument gegen ihn verwendet wird, kann das gleiche Verhalten bei den eigenen Leuten durch behauptete Reue und göttliche Vergebung, sogar Sympathien wecken.

 [….] An anti-LGBT Republican politician who was allegedly caught having sex with a man in his office is facing more than 30 accusations of sexual misconduct. 

Wes Goodman, a state legislator for Ohio, has already been forced to resign after a witness to the reported extramarital affair told the Ohio House Chief of Staff. [….]

(Independent, 22.11.2017)

Und dann die Anti-gay-Aktivisten.

In der Praxis halten sich die stramm rechten Prediger und US-Politiker nicht immer so ganz an diese Linie. Rechter Sex eben.
Da gab es den Abgeordneten Mark Foley, der männlichen Pagen schlüpfrige Pimmel-E-Mails sandte, Bob Allen, republikanischer Abgeordneter in Florida, der bei der Bitte nach Oralsex versehentlich an einen Polizisten geriet und James Guckert alias Jeff Gannon, der einen "Begleit-Service" für Männer betrieb und vom Weißen Haus einen Presseausweis bekam, weil er immer so nette Fragen an George W. Bush stellte. Glenn Murphy Jr., der Vorsitzende der GOP-Jugendorganisation Young Republicans, trat von allen Ämtern zurück, nachdem er einen 22-jährigen Mann sexuell genötigt hatte. (…..) "Als die Nachricht von Senator Craig die Runde machte, forderten manche Republikaner seinen Rücktritt — andere wollten seine Telefonummer haben", spottete der Late-Night-Talker Dave Letterman.  Der einzige Republikaner, der wenigstens bloß gegenüber Frauen anzüglich wird, ist Arnold Schwarzenegger.
Auch da ist es an der Tagesordnung, daß diejenigen, die am lautesten die Homoperversion verdammen und durch die same-sex-marriage den Untergang des Abendlandes eingeleitet sehen, sofort nach Abschalten der Kameras ihre schwulen Callboys anrufen, um mit ihnen Koks-Sex-Orgien zu veranstalten (Ted Haggard) oder wie Senator Craig auf Flughafentoiletten andere Männer molestieren.
(….)(Hypokrit 20.12.2011)


[….] 17 Antigay Leaders Exposed as Gay or Bi

Not every antigay crackpot is actually gay, but there's no shortage of those who actually are — especially in the Republican Party. Here is a list hypocrites who just couldn't practice what they preached. [….]

(Advocate, 21.11.2017)

So sind sie, die frommen Christen – sie stehen fest an der Seite der GOP – der GRAND OLD PERVERTS.

Wo aber so viel Toleranz gegenüber Sexualstraftätern und moralischen Heuchlern besteht, werden niederträchtigste Charaktere und schlimmste Proleten magisch angezogen.

Da ist zum Beispiel die seit 2019 amtierenden ultrakonservative Gouverneurin von South Dakota; Kristi Noem, 51.

Als Vertreterin der ultra-ultrakonservativen Teaparty steht die mit Bryon Noem verheiratete Mutter zweier Töchter sogar in der GOP von 2023 weit rechts außen.

[….] Die Gouverneurin von South Dakota äußerte sich, wie viele ihrer Parteikollegen, über LGBTQ-Themen und Universitäten. Ihrer Auffassung nach würden „Liberale Ideologien, die Universitäten vergiften“. In den USA herrscht praktisch zu allen Themen ein Kulturkampf zwischen Konservativen und Progressiven. „In den Universitäten in diesem Land lernen Studenten, wie wichtig Diversität und Gerechtigkeit sind, sie bekommen Safe Spaces, anstelle davon Meinungsverschiedenheiten und Unannehmlichkeiten, die sie in der echten Welt erfahren werden, zu tolerieren,“ meint Noem, wie NBC berichtet. Die Konservative möchte eine Hotline an Universitäten einrichten, bei der Beschwerden über den Umgang vor Ort eingereicht werden können. Das Ziel lautet Noem zufolge „unsere Institutionen haftbar zu machen und sicherzustellen, dass wir alle wissen, was an unseren staatlichen Universitäten passiert.“  […..]

(FR, 27.05.2023)

Da ist zum Beispiel der ultrakonservative Trump-Stratege Corey Lewandowski, 49, überzeugter Katholik, der mit seiner frommen Frau Alison vier Kinder hat.

Beide, Noem und Lewandowski sind ungeheuer fromm, treu und moralisch.

 

Beide, Noem und Lewandowski sind ungeheuer fromm, treu und moralisch – und betrügen seit Jahren ihre jeweiligen Ehepartner miteinander.

[….]  Governor Kristi Noem, “God-Fearing” Family Woman, and Corey Lewandowski, Trump Creep, Reportedly Had “Yearslong” Affair. It’s always the ones who insist that marriage is “a special, God-given union between one man and one woman” that forget how to count.  [….]

(Kenzie Bryant, September 15, 2023)

Besonders fromm und prüde agiert auch das Brüllaffenpaar MTG und Boebert.





Beide sind frommer als fromm, fordern tagein, tagaus die Einhaltung der christlichen Werte ein, behaupten faktenwidrig, die Bibel stünde über der US-Verfassung.

Beide sind für unzählige Bumsereien mit anderen Männern bekannt, haben kürzlich die Scheidung eingereicht.

Boebert, die so viel Wert auf christliches Verhalten legt, eifert ihrem Idol Trump nach, indem sie möglichst jede christliche Todsünde einmal täglich begeht.

[….] Lauren Boebert, Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses, hat nach einem Musicalbesuch um Entschuldigung gebeten. Sie veröffentliche eine Einlassung, in der sie erklärte, ihre Handlungen seien nicht darauf ausgerichtet gewesen, Schaden anzurichten, »tatsächlich haben sie das aber.« Es tue ihr »wirklich leid«.

Laut »Denver Post « beschwerte sich eine Schwangere im Sitz hinter der Politikerin, da Boebert mehrfach an einer E-Zigarette gezogen habe. Außerdem habe sie laut gesungen, mit dem Handy gefilmt und getanzt.

Boebert und ihr Wahlkampfmanager dementierten laut »New York Times « und dem Sender ABC , dass sie eine E-Zigaratte gedampft habe. CNN berichtet , sie habe angegeben, der Dampf sei von Rauchmaschinen im Saal ausgegangen. »Ich bekenne mich schuldig, zu laut gelacht und gesungen zu haben«, schrieb sie scherzhaft bei X, vormals Twitter.

Allerdings wurde nun Videomaterial öffentlich, das den Abend zeigt. Boebert dampft mehrfach, außerdem ist zu sehen, wie ihr Begleiter ihre Brüste berührt und sie ihm in den Schritt fasst. Sie tanzt in ihrem Stuhl; als das Licht ausgeht, ist der Blitz ihres Handys mehrfach zu sehen.  [….]

(SPON, 16.09.2023)

Während eines Kindermusicals beherzt dem Sitznachbarn in den Schritt zu greifen, während der ihren Busen drückt, sind wohl diese „Family Values“, von denen sie immer spricht.

Freitag, 15. September 2023

Die fromme Opferrolle

So begann der gläubige SZ-Magazin-Autor am 30.03.2023 sein Essay über seinen Glauben und wie sehr er sich dabei diskriminiert fühlt:

[….]  Diesen Text traue ich mich nur zu schreiben, weil ihn sowieso niemand liest. Ist doch heute so, dass man weghört oder aggressiv wird, wenn es um Glauben oder, noch schlimmer, die Kirche geht. Dass sich außer ein paar Zurückgebliebenen kein Mensch dafür interessiert.   [….]

(Tobias Haberl, SZ-Magazin, 30. März 2023. Aus Heft 13/2023)

Disclaimer: Ich mochte die Haberl-Texte im SZ-Magazin immer und wußte bis zum März gar nicht, daß er so ein frommer Katholik ist. Es ist ihm dafür Respekt zu zollen, daß er seine metaphysischen Vorstellungen nicht mit seinem Job als Journalist verquickt.

Aber auch Haberl scheint ein typischer intelligenter Gläubiger zu sein: Er leidet an einer Inselverarmung und produziert zu diesem Thema Sätze, für die er bei allen anderen Aspekten viel zu intelligent ist.

Er beklagt, wie schwer er es als Katholik habe, daß sich niemand interessiere, er gesellschaftlich extrem benachteiligt wäre.

Dabei ist offenkundig genau das diametrale Gegenteil der Fall: Katholiken genießen gerade in Bayern eine Vielzahl von Privilegien.

Haberl erliegt der klassischen Metaphysik der Larmoyanz, deren Apotheose sich in dem Ratzinger-Satz von der „Sprungbereiten Aggressivität“ kristallisierte.

Papst Ratzinger, unendlicher reicher absolutistischer Alleinherrscher über 1,3 Milliarden Menschen, der persönlich unter Androhung höchster Kirchenstrafen weltweit dafür gesorgt hatte, pädosexuelle Priester zu beschützen, die Opfer auszulachen und immer wieder zu demütigen, gab den Weg vor, indem er sich öffentlich über die angeblichen Angriffe der Opfer auf die Täter echauffierte.

Er kenne die "allzeit sprungbereite Aggression" (Benedikt XVI.), mit der die Atheisten die armen frommen Gottesmänner verfoltgen.

Es ist dasselbe Prinzip, nach dem Katholik Haberl seine Privilegien paradox als Deprivation deutet. Haberls mit [….] Diesen Text traue ich mich nur zu schreiben, weil ihn sowieso niemand liest. [….] eingeläuteter Aufsatz wurde zum Meistkommentierten der SZ-Geschichte. Somit wurde schon der erste Satz von der Realität als Gegenteil gestraft.

[…..] Vor einigen Wochen schrieb mein Kollege Tobias Haberl im SZ-Magazin ein bemerkenswertes Essay über seinen Glauben als Katholik und sein Gefühl, als gläubiger Mensch nicht mehr verstanden, gelegentlich sogar kritisiert oder ausgelacht zu werden. Darin heißt es: »Es ist das Grundgefühl vieler konservativer Menschen, die nicht begreifen, warum sie in einer aller Tradition entleerten Gesellschaft auf einmal als problematisch wahrgenommen werden, warum ihre Sehnsucht nach christlichen Werten (hinter denen keine Interessen stecken) automatisch als patriarchal gebrandmarkt wird.« Ich erinnere mich an keine SZ-Magazin-Titelgeschichte der vergangenen Jahre, auf die mehr Leserinnen- und Leserpost folgte. Es erreichten uns zahllose Zuschriften, die zum allergrößten Teil Anerkennung für die Haltung des Autors enthielten, dazu Dankbarkeit und Lob für Tobias Haberls Mut, so offen über seine Religiosität zu schreiben. Sein Text hatte einen Nerv getroffen.    [….]

(Michael Ebert, SZ-Magazin, 14. September 2023 Aus Heft 37/2023)

Natürlich ärgerte ich mich als SZ-Magazin-Fan über den Haberl-Text, weil ich die darin aufgestellten Thesen allesamt widerlegt sehen wollte.

Aber, Respekt SZ-Magazin, heute erschein nun die lange erwartete „Gegenrede von Michael Ebert“, die viele meiner Gedanken ausführte.

[…..] Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen«, verspricht Jesus Christus in ­­Johannes 14,2. Möglicherweise gibt es Wohnungen für alle. Aber keine Kindergarten­plätze. Jedenfalls gab es keinen für mich. Ob Gott mich nicht haben wollte? Zumindest wollten mich seine Vertreter auf Erden nicht. Wir zogen aus der großen Stadt in ein Dorf im Schwarzwald, ich war vier Jahre alt, meine Eltern arbeiteten beide, ich sollte in einen Kindergarten. Im Dorf gab es einen. Freie Plätze hatte er auch, aber man lehnte mich ab.

Der Junge ist nicht getauft. Meine Mutter verwies auf ihre lebenslange Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und darauf, dass mein Vater immerhin evangelisch sei. Sie sei auch gar nicht grundsätzlich gegen eine Taufe ihres Kindes – sie wolle mir die Entscheidung nur eben selbst überlassen, ob ich einer Kirche beitreten möchte oder nicht. Aus der Sicht der Betreuerinnen im Kindergarten machte das die Sache nur schlimmer. Fortan führte die Heimwegsprozession der Gemeinde nach der Sonntagsmesse oft an unserer Wohnung vorbei. Man wollte nachsehen, ob die Hippies aus Freiburg mit dem ungetauften Kind wenigstens inzwischen ordentliche Vorhänge an den Fenstern angebracht hatten. Hatten wir nicht. Meine Eltern fanden einen städtischen Kindergartenplatz für mich im fünf Kilometer entfernten Nachbarort, mussten Betreuungszeiten ausreizen und Logistikjonglage betreiben, um mich täglich hinzubringen und abzuholen. Was mir von da an klar war: Es gab da diesen Club, in dem die meisten anderen Kinder und Erwachsenen Mitglieder waren. Um die Leistungen des Clubs in Anspruch nehmen zu können, musste man aber auch schon als Vierjähriger bestimmte Anforderungen erfüllen. Ich erfüllte sie nicht. In der dritten Klasse der Grundschule war ich dieses Gefühl der Unzulänglichkeit leid. Wenn meine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden im katholischen oder evangelischen Religionsunterricht saßen, hatten Erdal und ich Freistunde und mussten vor der Tür warten. Erdal war Muslim, auch für ihn gab es kein schulisches Alternativangebot. Die zwei leeren Kästchen in meinem Wochenstundenplan empfand ich noch nicht als geschenkte Zeit, sondern als weiteren Beweis meiner Sonderlichkeit. Die Bitte meiner ­Eltern, ob ich dem Religionsunterricht wenigstens beiwohnen könnte, wurde vom unterrichtenden Pfarrer abgelehnt. Der Protest meiner Eltern bei der Schulleitung, dass man mich und Erdal nicht unbeaufsichtigt lassen könne, wurde ignoriert. Meine Mitschüler fragten in der Pause, ob ich denn überhaupt einen richtigen Namen hätte, wo ich doch nicht getauft sei. Sie entschieden, mir jeden Namen geben zu können, und hatten ein paar lustige Ideen.

»Ich nenn dich Nichts. Du bist ja nichts.«

»Ich sag Heide zu dir.«

Eine sah mich immerzu mitleidig an: »Du tust mir leid. Du kommst halt sicher in die Hölle. Da ist es schrecklich.«

Also bat ich meine Eltern darum, getauft zu werden. Sie nickten, und meine Mutter nahm mich mit zu einem Vorgespräch bei dem katholischen Pfarrer, der auch den Religionsunterricht in der Schule hielt. Er empfing uns in seiner Kirche, er erschien mir groß und sehr dünn, aus seinem bodenlangen schwarzen Gewand wuchs ganz oben ein kantiger Kopf heraus.

»Warum willst du getauft werden?«, fragte er mich.

Ich war acht Jahre alt. Ich überlegte nicht lange.

»Ich will dazugehören.«

»Glaubst du an Gott?«

»Gibt es ihn denn?«

Ich erinnere mich an den fragenden Blick, den er meiner Mutter zuwarf, und dass es kühl war in seiner Kirche.

»So wird das nichts.«    [….]

(Michael Ebert, SZ-Magazin, 14. September 2023 Aus Heft 37/2023)

Ebert beschreibt hier mustergültig, was ich seit Jahrzehnten immer wiederhole: Religionen sind eine exkludierende „Wir sind besser als die“-Ideologie.

Dazu gesellen sich beim Christentum eine weltweit einmalig abscheuliche Kriminalgeschichte mit hunderten Millionen Todesopfern und gleichzeitig diese paradoxe Täterlarmoyanz: Die Opfer machen es ihnen so schwer.

Ebert bemüht dazu einen Harry-Potter-Vergleich.


[…..] Tobias Haberl im noch immer zu 45 Prozent katholischen Bayern, wirkt auf mich wie Dudley Dursley, der wohlbehütete und gepamperte Cousin von Harry Potter, der sich an seinem elften Geburtstag darüber ärgert, dass er nur 36 Geschenke bekommt statt wie im Vorjahr 37.    [….]

(Michael Ebert, SZ-Magazin, 14. September 2023 Aus Heft 37/2023)

Die Jammerei und regelrechte Verzweiflung der Katholiban ist umso erstaunlicher angesichts ihrer bemerkenswert offen zur Schau gestellten charakterlichen Verdorbenheit, mit der sie coram publico auf Schwächere eindreschen.

Nahles, Papst, Thierse, Marx, Haberl, Woelki verstehen offenbar wirklich nicht, wieso ihre Top-Geistlichen so abstoßend auf humanistisch orientierte, zivilisierte Menschen wirken.

[…..] Der katholische Bischof Joseph Strickland aus dem texanischen Bistum Tyler hat in einem am Dienstag veröffentlichten Hirtenbrief "homo­sexuelle Handlungen" und Mord gleichgesetzt. "Eine Todsünde ist jede schwere Sünde, die vorsätzlich und in vollem Wissen um ihre Schwere begangen wurde", heißt es in dem vierseitigen Dokument (PDF). "Zu diesen schwerwiegenden Taten gehören (ohne darauf beschränkt zu sein): Mord, Abtreibung oder die Teilnahme daran, homo­sexuelle Handlungen, Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe oder in einer ungültigen Ehe, die absichtliche Ausübung unreiner Gedanken, die Verwendung von Verhütungsmitteln usw." In dem Hirtenbrief stellte der 64-jährige Bischof auch klar, dass queeren Menschen – genauer gesagt: Homo­sexuelle, die Sex haben, und trans Menschen, die ihre Transidentität nicht unterdrücken – eine Segnung verweigert werden müsse.   [….]  


 In den letzten Jahren hatte Strickland wiederholt seine Abneigung gegen queere Menschen kundgetan und auch in politische Debatten eingegriffen. Im Juni protestierte er gegen eine Pride Night in einem Baseballstadion in Los Angeles, gegen die bereits der Ex-Vizepräsident Mike Pence polemisiert hatte (queer.de berichtete). 2021 sagte Strickland, der Regenbogen sei ein Zeichen "der Rebellion gegen Gottes Gebote" (queer.de berichtete). 2019 bezeichnete er die damalige Anführerin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, als Ketzerin, weil sie die Ehe für alle unterstützte (queer.de berichtete). Im selben Jahr erklärte er, LGBTI-Schulaufklärung sei "Kindesmissbrauch" (queer.de berichtete).
[….]

(Queer.de, 14.09.2023)

Sagenhaft, was sich der Papst-geförderten Top-Katholiban, als Vertreter einer Täterorganisation, der in den letzten 50 Jahren mehr als 100.000 vergewaltigte Kinder zum Opfer fielen, herausnimmt.

Sagenhaft, daß sie katholischen Haberls dieser Welt, sich als die eigentlich diskriminierten Opfer empfinden.

Donnerstag, 14. September 2023

Hoffnungslos rechts

Ja, die Ampel streitet viel.

Ja, die Wähler hassen Streit in der Regierung.

Ja, alle drei Ampelparteien sind in der Wählergunst katastrophal abgerutscht.

Ja, Journalisten aller Couleur stürzen sich genüsslich auf jeden Ministerdissens und überbieten sich mit „Schon wieder Streit in der Regierung“-Schlagzeilen.

Aber die Wähler irren sich. Streit ist nicht schlecht. Schlecht war die 16-jährige Merkel-Harmoniesoße, bei der jede Problemlösung auf den St. Nimmerleinstag verschoben wurde und damit die gewaltige Problemballung, vor der Olaf Scholz nun sitzt, erst auslöste.

Ja, Scholz-Politik aus einem Guss, ohne das ganze Ringen und Kompromisse schmieden, wäre schöner. Aber dafür hätte der Urnenpöbel der SPD und den Grünen bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 je fünf Prozentpunkte mehr einschenken müssen. Stattdessen zwangt er aber Scholz und Habeck die destruktive Lindner-FDP auf, die zu jeder sinnvollen Maßnahme erst mal „Nein!“ sagt und nur danach trachtet, die Superreichen zu verwöhnen.

Angesichts dieser denkbar schlechten Bedingungen, liefert die Scholz-Regierung verblüffend konsequent ab und packt die Dinge an, die 16 Jahre lang im CDU-Kanzleramt sträflich verbummelt wurden. Die Bertelsmann-Stiftung hat genau hingesehen und attestiert der Ampel zur Halbzeitbilanz, konsequente Einhaltung ihrer Versprechen.

[…..] Änderungen, die die Ampel zum Wohl der Bürger durchgebracht hat (natürlich geht immer mehr, in der Zeit der Union ging GAR NIX  FÜR DIE BÜRGER) und man kann immer noch ein wenig mehr rumheulen und "aber aber" schreien und die Tatsachen ignorieren.

Man kann aber auch einfach mal anerkennen, dass diese Regierung in dieser kurzen Zeit mehr für die Menschen getan hat, als die Union in 16 Jahren.....:

2021 Mindestlohn auf 12 Euro

2021 höheres Kindergeld   

2021 höheres Wohngeld   

2022 Tötungsverbot von 1-Tages-Küken

2022 Lobbyregistergesetz   

2022 LNG-Terminals   

2022 Energiepreisentlastung I 15 Mrd.  

2022 Energiepreisentlastung II 17 Mrd. 

2022 Energiepreisentlastung III 35 Mrd. 

2022 Energiepreispauschale 300 Euro (in Energiepreisentlastung II) 

2022 Sondervermögen Bundeswehr 100 Mrd. 

2022 Nord Stream 2 Moratorium   

2022 9-Euro-Ticket (in Energiepreisentlastung II)   

2022 sofortiger Hartz IV Bezug für Ukraineflüchtlinge   

2022 Gasumlage   

2022 Corona-Schutz-Regeln  

2022 Heizkostenzuschuss Rentner, Studierende, Wohngeldempfänger  (in Energiepreisentlastung III) 

2022 Energieabwehrschirm 200 Mrd.  

2022 AKW-Restlaufzeit bis 15. April 2023  

2022 Mindestlohn für Azubis   

2022 Bürgergeld, Grundsicherung 

2023 Selbstbestimmungsgesetz   

2023 Gebäudeenergiegesetz   

2023 Staatsangehörigkeitsgesetz  

2023 49-Euro-Ticket   

2023 Zuverdienstgrenze bei Renten aufgehoben 

2023 Wohngeldreform (plus 1,4 Mio. Haushalte – insgesamt 2,0 Mio.)   

2023 CO2-Kostensufteilung   zwischen Mieter und Vermieter  

2023 Gebäudeeffizienzgesetz   

2023 Gesetz zur erleichterten Planung (2020) verlängert  

2023 Förderung beim Kauf von E-Autos 

2023 Mehrwegverpackungsgesetz 

2023 mehr Flächen für Getreideanbau  

2023 Strom- Gas- und Wärmepreisbremse   

2023 EEG (2023 – bis 2030 mindestens 80% Erneuerbare)  

2023 Offshore-Windenergie-Gesetz

2023 vorgezogener Braunkohleausstieg (NRW)  

2023 Triage-Gesetz  

2023 BRAO-Reform   

2023 Tabaksteuererhöhung   

2023 Transparenzregister Geldwäsche Terrorismus erweitert   

2023 Gesetz gegen Steueroasen  

2023 Patentrechtsreform 

2023 Recht auf Ganztagsschule für Grundschüler (ab 2026) 

2023 Mindestfrauenquote in Vorständen 

2023 ESM-Reform

2023 Sicherungsfonds für Pauschalreisen 

2023 Pflegereformgesetz inkl. Tariftreue   

2023 Reform des Vormundschafts- und Betreuungsrechts 

2023 Tattoo-Farben-Gesetz  

2023 ÖPNV-Förderung 1 Mrd. 

2023 Lkw-Maut-Erhöhung

2023 Lieferkettengesetz   

2023 Chancen-Aufenthaltsgesetz für gut Integrierte 

2023 Asylbeschleunigungsgesetz 

2023 Gesetz zur Modernisierung des Verkündungs- und   Bekanntmachungswesens   

2023 Wahlrechtsgesetz – EU-Wahlen ab 16  [….]

(Bunte Seite, 14.09.2023)

Die Regierungsrealität steht im grotesken Gegensatz zu der Stimmung im Wahlvolk, welches zu drei Vierteln unzufrieden mit der Regierung ist.

Schon Helmut Kohl wußte: „Die Wirklichkeit ist anders als die Realität“.

Wie es zu diesem extremem Missverhältnis kommt, ist wenig überraschend:

Der ganz große rechtspopulistische Schulterschluss aus CDU, Hubsi Aiwanger, SPRINGER, Julian Reichelt, rechten Hetzblogs, CSU, AfD, FW, trägen Talkshowmoderatoren, Weidelknechten, TERFs und renitenten freidrehenden FDP-Geronten!

Sie überziehen ganz Deutschland mit einer massiven Lügenkampagne über nicht existente „grüne Verbotsorgien“ und schüren absurde Enteignungsängste bei Immobilienbesitzern.

Insbesondere die beiden Parteichefs Markus Söder und Friedrich Merz handeln nicht nur destruktiv, sondern auch zutiefst amoralisch, indem sie immer wieder Signale nach Rechtsaußen senden, das faschistische AfD-Vokabular übernehmen und somit systematisch die verfassungsfeindlichen Demokratieverächter stärken.

Ein schwarzbrauner Tabubruch jagt den Nächsten.

Das hat massive Auswirkungen auf die Wahlabsichten des Urnenpöbels.







Merz Lo Vult. Die Menschen wählen immer das Original und genau den faschistischen Dreck stärken CDU und CSU.

Nachdem sich Markus Söder in den letzten beiden Wochen als Deutschlands aktivster Faschistenverstärker etablierte, passierte genau das, was jeder politische Beobachter erwartet und begreift – außer den alten Männern in der CDUCSU-Führung: AfD und FW rauf, CDUCSU runter. Söder boostet die FW von 11% auf 16%. Heute legten die Merzianer im tiefbraunen Höckistan nach und küssten dem Hitler-Fan im Landtag den Hintern.

Volksverhetzer Arm in Arm mit FDP und CDU – schon wieder.

[….] CDU und FDP stimmen mit AfD gegen Ramelow

Gegen den Willen der rot-rot-grünen Regierung hat die Opposition in Erfurt eine Steuersenkung durchgesetzt. Der linke Ministerpräsident spricht von einem "Pakt mit dem Teufel". AfD-Mann Höcke freut sich.

Die Opposition hat in Thüringen erstmals gegen den Willen der rot-rot-grünen Regierung eine Steuersenkung durchgesetzt. Ein Gesetzentwurf der CDU für eine niedrigere Grunderwerbsteuer bekam am Donnerstag im Landtag in Erfurt eine Mehrheit, weil neben der FDP die AfD die entscheidenden Stimmen beisteuerte. Beschlossen wurde mit 46 zu 42 Stimmen eine Senkung der Grunderwerbsteuer. Erbauer von Eigenheimen und Immobilienkäufer müssen danach nur 5,0 statt 6,5 Prozent Steuer zahlen. Der Einnahmeverlust des Landes liegt nach Prognosen bei 48 Millionen Euro jährlich.

Die CDU-Initiative sorgte für Wirbel und für Fragen bei der politischen Konkurrenz, wie es die größte Oppositionsfraktion im Thüringer Landtag mit der Brandmauer zur AfD halte, die in Thüringen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft ist.  [….]

(SZ, 14.09.2023)

Demonstrativer Pakt der Merz-Partei mit den vom Verfassungsschutz als „rechtsextrem“ eingestuften Fanatikern des Bern Höcke. Faschistenbeglückung durch die Christdemokraten.

Es wird wirklich Zeit, hier die Hühner zu satteln.