Freitag, 8. Oktober 2021

Bundestagswahl 2025

Ob man nun noch Kekse essen oder Dropse lutschen muss; Olaf Scholz wird noch nicht nächste Woche Bundeskanzler.

Ich bin viel zu abergläubisch, um ihn heute schon zum nächsten Regierungschef auszurufen. Jamaika ist für die meisten FDP- und viele Grünen-Unterhändler immer noch die beliebtere Option, weil die Union so inhaltsleer und verzweifelt ist, daß sie den beiden kleineren Koalitionspartnern mutmaßlich viel mehr Zugeständnisse, als der beinharte Verhandler Scholz machen würde. Drei Gründe gegen Jamaika scheinen aber gewichtiger zu sein.

1.   Die grüne Basis,

2.   die katastrophalen demoskopischen Zahlen für Laschet, die CDU und Jamaika und

3.   die fehlende Prokura und Durchsetzungskraft des CDU-Vorsitzenden.

Olaf Scholz, die SPD-Basis und die SPD-Vorsitzenden sind im Moment kaum auseinander zu dividieren.

[....]  Selbst SPD-Ko-Chefin Saskia Esken, die lieber die Linkspartei als die FDP als Partner gesehen hätte, sagt, es gehe jetzt darum, einen "neuen Aufbruch" zu wagen. Wer in die Partei hineinhört, erfährt Bemerkenswertes: Scholz und sein Verhandlerteam haben nahezu freie Hand bei den Sondierungen. So großes Vertrauen setzen die Genossen in die Parteispitze, in Olaf Scholz vor allem. In Vorstandskreisen ist sogar von "großer Beinfreiheit" die Rede, die Scholz sich nehmen dürfte. Als sich die SPD im Wahlkampf befand, war das noch eine verpönte Formulierung, weil sie ja bedeutet hätte, Scholz hätte alle Macht. Nun hat er sie offenbar tatsächlich.  [....]

(Mike Szymanski, 06.10.2021)

Auf Unionsseite das diametrale Gegenteil. Der CSU-Parteichef und sein Landesgruppenführer haben Jamaika beide bereits eine Absage erteilt.

Laschet hofft immer noch, die Ampel-Verhandlungen könnten implodieren, so daß sich Lindner und Baerbock an den prinzipienlosen flexiblen Armin erinnern. Er könnte in die Rolle eines Pontifex Laschimus hineinwachsen, um als großer Parteienversöhner ein Kabinett der Harmonie zu bilden. Das ist eine schöne Hoffnung, aber eben auch ein nahezu irreales Szenario. Wie sollte Armin L. aus A. vier Parteien am Kabinettstisch integrieren, wenn ihm schon die vergleichsweise homogene CDU allein um die Ohren fliegt, weil jede noch so kleine Maus auf seinem Tisch tanzt? Wie sollte er schmerzhafte Zugeständnisse an die Ökos in seiner Partei durchsetzen, wenn nahezu alle CDU-Granden an seinem Stuhl sägen?


[….] Das ist kein gutes Omen: Zahlreichen Beobachtern zufolge kreist bereits seit mehreren Tagen Friedrich Merz über dem Kopf von CDU-Parteichef Armin Laschet. Dies könnte ein Hinweis auf dessen baldiges politisches Ende sein.  "Es ist gruselig. Egal, wo Armin hingeht, immer wieder fällt ein Schatten auf ihn", so ein Vertrauter Laschets. "Schaut man dann nach oben, sieht man Friedrich Merz stumm und geduldig über ihm kreisen." Nur gelegentlich stoße der Sauerländer dabei einen spitzen Schrei aus.  Einmal, am Donnerstag, als Laschet seinen baldigen Rückzug aus der Politik andeutete, sei Merz besonders nah gekommen und habe versucht, ein Stück Fleisch aus dem Rücken seines Parteivorsitzenden zu reißen.  [….]

(dpo, 08.10.2021)

In seinem verzweifelten Bemühen, die CDU unbedingt koalitionsfähig zu halten, macht Laschet eine so traurige Figur, daß selbst sein ganz großer politischer Freund Lindner beklagt, wie wenig regierungsfähig der Union sei.

Sozialdemokraten müssen den CDU-Granden Laschet, Bouffier und Schäuble jeden Tag für die effektive Scholz-Wahlkampfhilfe dankbar sein.

Diese Woche konnten wir aber mustergültig erleben, daß nicht nur Laschets grandiose Unfähigkeit, Unbedarftheit und mangelnde Intelligenz sehr hilfreich für den SPD-Sieg waren. Das perfide bayerische Intrigantentum, die permanente Söder Ego-Show, die seine persönlichen Interessen grundsätzlich über das Wohl des Volkes stellt, ist ebenfalls ein Stützpfeiler der Ampel.

[…..] Der zu Laschets Zukunftsteam zählende Sicherheitsexperte Peter Neumann macht Söder für das schlechte Abschneiden bei der Bundestagswahl mitverantwortlich. "Einer der wunden Punkte in der Union war immer, dass die Partei Armin Laschet nicht geschlossen unterstützt und Markus Söder ihn jeden zweiten Tag unterminiert hat", sagte Neumann der "Augsburger Allgemeinen".  Auch der frühere CDU-Politiker Wolfgang Bosbach machte fehlenden Teamgeist von CDU und CSU als einen der Gründe für die Wahlniederlage verantwortlich.  [….]

(Tagesschau, 08.10.2021)

Markus Söder, der Hinterhältige, der Mann der „Schmutzeleien“, will Kanzler werden.

Ihm wäre es gar nicht Recht gewesen, wenn sein Schwester-Vorsitzender Laschet die Bundestagswahl strahlend gewonnen hätte. Denn dann wäre für ihn kein Platz geblieben. Auch eine wackelige Jamaika-Koalition könnte ihm bei der Bayernwahl 2023 gefährlich werden, da sich der Frust über irrlichternde C-Minister an den bayerischen Wahlurnen abladen könnte. Außerdem könnte sich Söder nicht in seinen Parade-Disziplinen der Häme und Hetze ausleben, wenn er fortwährend zur Solidarität mit der Berliner Jamaika-Truppe gezwungen wäre.

[….] Die Angriffe aus dem Hinterhalt. Das „wir haben es doch gesagt“, als dann wirklich alles den Bach runterging im Unionswahlkampf. Und doch scheint selbst besonders hartnäckigen Söder-Fans in der CDU zu dämmern: Dem Politiker aus Bayern ging es nie wirklich um das gemeinsame Ziel, sondern immer nur um sich selbst. Für das Kanzleramt fehlt ihm schlicht das menschliche Format. [….]

(G. Tangermann, Mopo-Leitartikel, 08.10.2021)

Für Söder wäre in den nächsten vier Jahren eine schwächliche Ampel-Regierung mit großen ökonomischen Problemen wünschenswert, so daß er nach Herzenslust gegen Grüne, SPD und FDP hetzen könnte.

Dazu gäbe es idealerweise einen überforderten CDU-Chef, den er mit Sticheleien und Gerüchten so weich klopfen könnte, daß ihm die nächste Kanzlerkandidatur für die Union einfach in den Schoß fiele.

Ich wünsche mir auch eine Ampel-Regierung in Kombination mit einem CDU-Chef-Kaspar auf Laschet-Niveau.

Allerdings nehme ich nach den Scholz-Erfahrungen in Hamburg eher an, daß eine SPD-geführte Bundesregierung sehr erfolgreich sein wird.

Scholz gilt den Deutschen jetzt schon als der aktuell kompetenteste Politiker. Kommt 2025 noch der Amtsbonus hinzu, sollte der dann 67-Jährige Scholz wiedergewählt werden und dabei die SPD-Zahlen im Vergleich zu 2021 noch einmal deutlich verbessern.  In seiner zweiten Amtszeit sollte der Bundeskanzler dann einen der jüngeren Sozis auf die Kanzlerkandidatur 2029 vorbereiten.
Wer das sein wird, kann ich noch nicht sagen, aber der Bundestag ist jetzt voll mit ganz neuen ganz jungen SPD-Abgeordneten. Davon wird sich schon der ein oder andere als tauglich herausstellen.

Sollte Scholz 2025 einen sehr starken Eindruck machen; seine Wiederwahl also wahrscheinlich sein, wird Markus Söder sicherlich in Bayern sitzen bleiben. Er ist von Natur aus feige und scheut die offene Konfrontation. Eine blutige Nase will er sich nicht holen.

Wer wird dann aber Unionskanzlerkandidat?  Merkel und Laschet, Scheuer und AKK werden dann vergessen sein. Laschet wird schließlich schon deswegen bald vom Hof gejagt werden, weil die Partei CDU reformunfähig und intellektuell zu verarmt ist, um eine Analyse- und Programmdiskussion zu führen. Armin Laschet wird also als Sündenbock gebraucht; als Schwarzer Peter und Hofnarr in der Personalunion. Als der Golem von Aachen, dem man auch noch Jahren noch alles in die Schuhe schieben kann.

Wer also soll es machen?

In Frage kommen nach derzeitigem Wissenstand am ehesten die vier usual suspects: Brinkhaus, Röttgen, Merz und Spahn.

Hans und Günther wären ebenfalls gern CDU-Chef, verfügen aber auf Bundesebene über viel zu wenig Gewicht, um die chaotischen Laden zu sanieren.

Als Sozialdemokrat wünsche ich mir natürlich den Serienversager Merz, der bisher noch jede Wahl verloren hat und kaum einen Auftritt pannenfrei absolviert. Kaum vorstellbar, daß er 2025 auf Bundesebene mit seinen Ansichten aus dem letzten Jahrtausend reüssiert: Frauen in die Küche, Schwule sind pädophil, alle Macht den internationalen Finanzheuschrecken, Klimaschutz ist nicht so wichtig, Gendern ist Teufelszeug.

Spahn hat sich in seinem letzten Jahr als hoffnungslos überforderter Gesundheitsminister und glühender Laschet-Unterstützer viele Feinde gemacht. Außerdem werden seine ultrakonservativen Ansichten in einer sich weiter liberalisierenden Welt immer weniger auf Begeisterung stoßen.

Der ultrafromme Brinkhaus dürfte ähnlich unvermittelbar sein, wenn es um die Kanzlerschaft geht.

Bleibt Norbert Röttgen, der von allen Vieren der intelligenteste und telegenste ist. Er wäre vermutlich der härteste Gegner für Kanzler Scholz. Allerdings genießt der einst von Merkel wegen Unfähigkeit gefeuerte Umweltminister a.D. in der Fraktion den geringsten Rückhalt.

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Nenne es Religion und erhalte einen Freifahrtschein.

Die Ächtung sexueller Beziehungen mit Minderjährigen kann bizarre Blüten treiben.

In den USA kann ein 18-jähriger Junge, der eine Liebesbeziehung mit seiner 17-Jährigen Freundin führt, durchaus in der Sexualstraftäter-Datei landen. Auch wenn er um eine Haftstrafe herum kommen sollte, wird er mit Auflagen belegt. Es kann ihm beispielsweise verboten werden, sich weniger als 100m entfernt von Schulen, Kitas und Spielplätzen aufzuhalten. Oder sein Wohnort wird in einer öffentlich einsehbaren Datei verzeichnet, so daß jeder x-beliebige Privaträcher auftauchen kann, um ihn zu verprügeln.

Es gibt Trainer und Sport-Lehrer, die sich andere Berufe suchen, weil bei ihrer Arbeit mit jungen Athleten gar nicht zu vermeiden ist, sie auch anzufassen. Beim Pferdsprung im Schulsport muss der Lehrer am Pferd stehen und immer mal helfend eingreifen, wenn die Kinder sich sonst zu verletzen drohen. Natürlich gibt es Grauzonen. Zwischen „versehentlich eine Teenager-Brust zu berühren“, während man beim Überschlag die Körperdrehung stabilisiert und Gerüchten, bei vollbusigen Schülerinnen schon mal etwas beherzter hinzufassen, kann man nicht immer sauber unterscheiden.

Es ist normal und natürlich für einen Vater, sein Kind im Säuglingsalter zu wickeln.

Wenn man allerdings eine pädosexuelle Phantasie hat, wie der verstorbene Paderborner Kardinal Degenhardt, können Männer gar nicht anders, als ein Baby zu vergewaltigen, wenn sie dessen nackten Po sehen.

(…..)  Wenn Katholiken pädophil sind und kleine Kinder mißbrauchen sind nicht etwa sie selbst schuld sondern nach katholischer Lesart entweder die Opfer selbst, oder deren Mütter - wie es Kardinal Degenhardt erkannte:

„Junge Frauen sind gleichberechtigt und fordern eine Beteiligung ihrer Männer an der häuslichen Tätigkeit ... Und da liegen die Gefahren für junge Männer, ... daß sie ihren Trieben nachher nicht mehr standhalten können. Wenn junge Männer stärker mit der Pflege von Kleinkindern betraut sind und dabei nackte, entblößte Körper ständig sehen, sie berühren und saubermachen müssen, ist die Gefahr groß, daß sie ihren Begierden nicht widerstehen können. Der viele Körperkontakt mit dem Kind bei der Pflege würde ihnen sicher oft zum Verhängnis werden. Und deswegen stellen wir fest, daß auch diese Konsequenz, daß viele Väter Hausmänner werden, auch negative Aspekte haben kann.“ (…..)

(Die Spanier sind ja auch scheiße, 07.01.2008)

Vor drei Wochen wurde ein Vater nach einer Zugfahrt mit seinem siebenjährigen verhaftet, weil er mit dem eigenen Sohn gekuschelt hatte.

[…..] Mann wird auf Zugfahrt festgenommen, weil er mit Sohn kuschelt[…..] Vater und Sohn waren mit der Deutschen Bahn unterwegs nach Hamburg, als plötzlich die Polizei vor ihnen steht. Weil der 55-Jährige mit seinem Sohn (7) im Abteil kuschelte, klickten die Handschellen.  „Die haben mich behandelt, als wäre ich Pablo Escobar. Ich wusste überhaupt nicht, was die von mir wollen. Alle anderen Fahrgäste haben mich angeschaut. Einfach unangenehm“, sagt der Vater gegenüber der Hamburger Morgenpost. Er war nach Hamburg mit der Deutschen Bahn unterwegs.  Plötzlich hielt der Zug an, technische Probleme wurden durchgesagt. Dann stand die Polizei vor beiden und baten, mitzukommen. Eine Frau, die ebenfalls in dem Zug war, hatte die Beamten gerufen. Ihr kam es komisch vor, wie Vater und Sohn körperlich miteinander umgangen. […..]

(Funke, 15.09.2021)

Wer ein Kind vergewaltigt, landet im Knast und wird gesellschaftlich geächtet.

Werden zehn Kinder sexuell missbraucht, wird der Fall als nationaler Skandal behandelt und monatelang in der überregionalen Presse diskutiert. Es folgen viele Haftstrafen, auch die Mitwisser, Ehefrauen und Wegseher landen im Gefängnis.

Geht es um hundert vergewaltigte kleine Jungs, schaltet sich die Weltpresse ein.

Wer auch nur in den leisesten Verdacht gerät, entfernt damit zu tun zu haben, gerät in die Mühlen von Polizei und Justiz. Ist es eine Firma oder ein Verein, die mit hundertfacher Kindervergewaltigung in Zusammenhang gebracht wird, können sogar eigens Gesetze verschärft werden. Die Politik schaltet sich ein, um solche Strukturen zu zerschlagen.

Handelt es sich allerdings um Millionen Opfer und Myriaden Täter, allein mindestens 330.000 Kinder in Frankreich, davon über 80% kleine Jungs, macht das fast gar nichts. Man muss nur „Religion“ drüber schreiben und schon haben Tausende Täter und ihre Hintermänner Freifahrtscheine.

Justiz und Regierung halten sich nicht nur zurück, sondern reisen auch noch liebesdienerisch zum Kotau zum Chef der Kindervergewaltiger-Organisation.

[…..] Bundeskanzlerin Angela Merkel ist von Papst Franziskus zu einer Audienz im Vatikan empfangen worden. Die scheidende Kanzlerin und ihr Ehemann Joachim Sauer kamen am Donnerstagmorgen in den Apostolischen Palast, wo unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Gespräch mit dem katholischen Kirchenoberhaupt stattfand.  Für Merkel war dies die fünfte Privataudienz mit Franziskus, den die 67 Jahre alte Politikerin sehr schätzt. Sie wurde bei der Ankunft im Damasus-Hof von Monsignore Leonardo Sapienza, dem Präfekten des Päpstlichen Hauses, begrüßt. Danach ging sie zu dem Treffen mit Franziskus in den Palast. Nach dem Treffen mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche kommt die Kanzlerin mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zusammen. […..]

(FAZ, 07.10.2021)

Bescheinigen denjenigen, die darauf beharren, Kinderfi**erstrukturen aufrecht zu erhalten, eilfertig, eine wirklich gute Arbeit zu machen.

[…..] In der katholischen Kirche in Frankreich sind seit den Fünfzigerjahren nach Hochrechnungen einer Untersuchungskommission 216.000 Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. Unter Einbeziehung von weiteren Einrichtungen, die von der Kirche betrieben werden, gehe man von 330.000 Opfern aus, sagte der Präsident der Unabhängigen Missbrauchskommission in der Kirche (CIASE), Jean-Marc Sauvé, in Paris.   80 Prozent der Opfer seien Jungen im Alter zwischen zehn und 13 Jahren gewesen, 20 Prozent Mädchen unterschiedlicher Altersgruppen. Bei den Taten habe es sich in fast einem Drittel der Fälle um Vergewaltigungen gehandelt.  »Die Zahlen sind erschütternd und können nicht folgenlos bleiben«, sagte der Kommissionspräsident. Die Opfer hätten Leiden, Isolation und oft auch Scham und Schuldgefühle erlitten. Knapp die Hälfte von ihnen litten auch nach vielen Jahren noch unter den Folgen. […..]

(SPON, 05.10.2021)

Man stelle sich vor, irgendeine andere Firma, ein Verein, eine Organisation flöge damit auf, daß ihre Mitglieder unter aktiver Mithilfe und Verdunklung der Chefetage auch nur ein Prozent der Anzahl der Kinder vergewaltigt zu haben, wie die RKK. Als „nur“ 3.000 Jungs im Alter zwischen zehn und 13 Jahren in Frankeich.  Wie wahrscheinlich wäre es, daß Merkel immer wieder zu dem Chef der Bande reist, um ihm ihre Hochachtung auszusprechen?

Sind es Millionen Opfer, zucken die frommen Politiker nur die Achseln.

[…..] "Sie kommen aus der Hölle zurück", sagte François Devaux, Gründer der Betroffenenorganisation "La Parole Liberée" (die befreite Stimme) an Sauvé und sein Team gerichtet. Noch vor der Präsentation der Studie durfte Devaux auf der Bühne eine Stellungnahme abgeben, und die fiel deutlich aus: "Meine Herren, Sie sind eine Schande für die Menschlichkeit. Sie müssen für jedes dieser Verbrechen bezahlen." Im Publikum saßen der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Erzbischof Éric de Moulins-Beaufort von Reims, der Apostolische Nuntius in Frankreich, Erzbischof Celestino Migliore, und Schwester Véronique Margron von der Konferenz der Ordensleute. […..]

(Annette Zoch, 05.10.2021)

Der deutsche Staat und die deutschen Parteien stehen nahezu einmütig an der Seite der Täter, überschütten die Täterorganisation mit Geld, Pfründen und Ehrungen. Nichts lieben die Kirchenfürsten mehr als ihre Pfründe. Die schönen fünfstelligen Monatsgehälter geben sie jedenfalls nicht her, wenn es um Entschädigungszahlungen geht.

Die französischen Bischöfe haben viel bessere Ideen, wie man die leidige Angelegenheit mit den mindestens 330.000 vergewaltigten Kindern behandelt:

1)   Alle Bischöfe bleiben auf ihren Posten

2)   Die Straftaten sind verjährt, kein Priester wird angeklagt.

3)   Zölibat, Verbot von Frauenpriestertum und abstruse Sexualmoral werden weiter so angewendet, daß gezielt Pädophile in die Priesterseminare gelockt werden.

4)   Entschädigungen zahlt nicht etwa die multimilliardenschwere RKK, sondern dafür sollen die Gläubigen spenden, damit die Täter selbst vollständig ungeschoren bleiben.

[…..] Die katholische Kirche in Frankreich setzt bei der Entschädigung von Missbrauchsopfern auch auf Spenden von Gläubigen. "Ich hoffe, dass eine gewisse Zahl von Gläubigen uns helfen wird", sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz Eric de Moulins-Beaufort am Mittwoch dem Sender France Inter. Damit weist der die Empfehlung einer Untersuchungskommission zurück, Entschädigungen ohne den Rückgriff auf Spendengelder zu zahlen. […..]

(STERN, 06.10.2021)

Wie beschämend und abscheulich sich Staat und Kirche gegenüber ihren Millionen minderjährigen Sex-Opfern benehmen, ist also weltweit hinlänglich bekannt.

Das System funktioniert aber nur, solange die RKK sich auf ihre weltweit 1,3 Milliarden Mitglieder verlassen kann.

Wer 2021 immer noch zahlendes Mitglied einer solchen Organisation ist – Merkel, AKK, Laschet, Baerbock, Kretschmann – sollte sich nicht nur schämen, sondern ist moralisch mitschuldig. Jeder einzelne Katholik.

Niemand kann 2021 noch behaupten, nicht zu wissen, welche Verbrechen er mit seiner Mitgliedschaft unterstützt.

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Verpöntes Postenschachern.

Es gibt kaum ein negativeres Vorurteil über Politiker, als ihnen Interesse an Posten zu unterstellen. Die würden persönliche Motive über das Wohl der Allgemeinheut stellen. Tatsächlich gibt es käufliche Politiker, Minister, die mit Superkleber an ihren Posten kleben, Parlamentarier, die ihre Position ausnutzen, um Steuerzahlergeld in die eigenen Taschen zu leiten. Stichwort „Maskendeals“. Diese Vorkommnisse bekräftigen den Politiker-Verdruss vieler Wähler, beschädigen daher die Demokratie und das Vertrauen in den Parlamentarismus.

Daher schrillten in den gegenwärtigen Verhandlungen über die Bildung einer neuen Regierung bei vielen Grünen sofort die Alarmglocken, als offensichtlich wurde, daß ihre Führung maximal intransparent in den gefürchteten Hinterzimmer-Deals die Vizekanzlerschaft für Robert Habeck ausgekungelt hatte. Der Grünen-Chef musste viel Zeit für die Schadensbegrenzung aufwenden.

Daher betonen nahezu alle Politiker, die in Interviews nach möglichen Besetzungen der Kabinettsposten gefragt werden, unisono, es ginge nun aber wirklich nicht um Personalien, sondern um Inhalte.

„Wir wurden gewählt, um unsere Inhalte durchzusetzen. In den Koalitionsgesprächen loten wir aus, in welcher Konstellation wir die meisten von unseren Wählern gewünschten Inhalte durchsetzen können.“

So ähnlich klingen Vertreter aller theoretisch möglichen Regierungsparteien.

Wähler mögen es, wenn ihnen die zukünftigen Minister vorgaukeln, gänzlich altruistisch zu handeln, ihre eigene Karriere nur sehr nachgeordnet zu berücksichtigen.

Alle bis hierher genannten Annahmen sind allerdings meistens unrichtig.

1. Politiker ab Staatssekretärsebene aufwärts können leicht außerhalb der Politik als Berater oder Lobbyist mit viel weniger Aufwand viel mehr Geld verdienen. Geldgier treibt sie also nicht ins Kabinett.

2. Die Mehrheit der Abgeordneten findet keine Zeit für eine Anhäufung von Nebenjobs wie Lindner oder Merz. Sie konzentrieren sich auf ihren Job als Volksvertreter.

3. Die korrupten Politiker, die zum Beispiel bei Maskendeals Millionen auf ihre eigenen Konten lenkten, sind fast ausschließlich bei CDU und CSU. Sozis, Grüne und Linke tun das nicht.

4. Nahezu ausschließlich Politiker des rechteren Spektrums – FDP, CDU, CSU, AfD – sind für Bestechungen empfänglich. 

5. Die ganz großen Spenden in siebenstelliger Höhe flossen nur an CDU, CSU, FDP und GRÜNE. Linke und SPD bekamen keine derartigen Großspenden.

Die Menschen, die üblicherweise als sympathisch gelten – zurückhaltend, sensibel, uneitel, bescheiden – sind als erfolgreiche Politiker leider ungeeignet.

Ein erfolgreicher Volksvertreter soll die Interessen seiner Wähler effektiv durchsetzen. Dafür braucht es Selbstbewußtsein, Ellbogeneinsatz, den Willen sich in den Mittelpunkt zu stellen, Karrierestreben, ein dickes Fell, Rücksichtslosigkeit und eben auch Eitelkeit.

Vielleicht möchte ich mit so einem nicht unbedingt verheiratet sein, aber als mein Interessenvertreter in Berlin wäre er gut.

Ich begrüße es, wenn Toppolitiker empathisch genug sind, um Nöte der Menschen zu verstehen, mitzufühlen, ergriffen zu sein können, auch mal eine Träne zu vergießen. Sie dürfen aber nicht so sensibel sein, daß sie sich emotional aus der Bahn werfen lassen. Sie müssen viele negative Emotionen und Bosheit aushalten, ohne sich bei ihren Reaktionen von Gefühlswallungen treiben zu lassen. Sie müssen auch unter schwersten Druck, Müdigkeit und persönlichen Angriffen rational verhalten, wie eine Maschine funktionieren.

Einen Menschen mit ausgeprägten Machtstreben, wünscht man sich nicht als Mitbewohner, aber als Politiker ist das ein Plus. Um seine politischen Anliegen – beispielsweise Mindestlohn, Ehe für Alle oder Rüstungsexportstopp – durchzusetzen, muss er nach Macht, Positionen und Posten streben. Außerdem muss ein guter deutscher Politiker so gut wie immer, in der verpönten Gremienarbeit einer Partei zu Hause sein, sich Freundschaften und Gefallen, Unterstützer und Förderer erarbeiten. Er muss zu einem gewissen Grad klüngeln, Strippen ziehen, „Freundschaftspflege“ betreiben. Auch das ist nicht ausgesprochen sympathisch, aber notwendig, um überhaupt in Parlament zu kommen und auf mächtige Posten gehoben zu werden. Nur so kann man Gutes bewirken.

Journalisten versuchen gern in Politiker-Interviews mit platten Gotcha-Fragen, Minister als abgehoben vorzuführen. Wissen sie überhaupt was ein Pfund Butter oder ein Liter Benzin kostet? Das ist albern, denn andererseits erwarten wir von einem Spitzenpolitiker nahezu 24/7 zu arbeiten und nicht seine Zeit mit Einkaufsbummeln zu verdaddeln.

In einer der Spitzenrunden kurz vor der Wahl wurden alle Reihum nach ihren persönlichen Beiträgen zum Klimaschutz befragt. Porschefahrer Linder kauft angeblich so viele Zertifikate, daß er privat ganz klimaneutral ist. Laschet schwärmte von seinem wunderbaren Elektroauto, Baerbock fährt Fahrrad. Da sind die Wähler entzückt. So vorbildlich und wenig abgehoben verhalten sich die Toppolitiker. Wähler denken, es wäre ein Gütezeichen, so wie sie selbst zu sein.

Was für ein Unsinn.

Nur Scholz war so ehrlich, zu sagen, daß Spitzenpolitiker natürlich eine Klimapest sind. Selbst wenn sie mal kameratauglich mit dem Rad ins Ministerium fahren, sind schwer gepanzerte Fahrzeuge und Sicherheitsbeamte dabei. Ob Scholz will oder nicht – Vizekanzler, Finanzminister, Innenminister, Außenminister, Bundespräsident und Kanzlerin gehören zur maximalen Gefährdungsstufe und dürfen gar keine klimaschonenden Kleinwagen mit wenig CO2-Ausstoß fahren.

Man findet es sympathisch, daß Olaf Scholz seine bescheidende Wohnung in Hamburg-Altona behält, daß Angela Merkel privat mit ihrem Mann immer noch in einer Mietwohnung in Berlin-Mitte (Am Kupfergraben 6) wohnt.

Eine wie Du und ich. So normal geblieben. Wie nett.

Ganz so bescheiden ist es aber nicht mehr, wenn man weiß, daß die anderen Wohnungen in dem Haus inzwischen aus Sicherheitsgründen alle geräumt wurden und nun mit Personenschützern und Polizisten belegt sind. Das werfe ich ausdrücklich NICHT Angela Merkel vor. Das ist eine Notwendigkeit. Aber es zeigt, wie absurd es ist, Toppolitikern ein „normales Leben“ anzudichten, anzunehmen, sie lebten bescheiden, wie alle anderen.

Ich war vor ca 20 Jahren in einem klassischen Konzert in der Hamburger Laeiszhalle, als zufällig auch Loki und Helmut Schmidt unter den Zuhörern waren. Hamburger sind bekanntlich zurückhaltend und so wurden die Schmidts in der Pause nicht belagert oder um Autogramme gebeten. Er ging selbst die Treppen zur Lounge hoch, um nur zwei, drei Meter hinter mir für ein Getränk anzustehen. Aber sie waren natürlich nicht allein. Sechs kräftige Frack-tragende Männer mit Knopf im Ohr bildeten so dezent wie es eben geht, wenn man total indezent ist, einen Kreis um ihn. Sein Leben lang gefährdet zu sein, ist ein weiter Grund, weswegen man es sich nicht wünscht ein mächtiger Politiker zu werden. 2010 gelang es einer irren Münchnerin an den Wachen des kleinen Schmidt-Hauses vorbei zu kommen, die damals 88-Jährige Loki Schmidt anzugreifen und zu Boden zu werfen. Da war ihr Mann schon fast 30 Jahre nicht mehr Kanzler. Die Bedrohung ist also sehr real. Nicht nur RAF-Terroristen und NSU-Nazis töten Politiker, auch haufenweise Geistesgestörte sind zu befürchten. Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble haben solche Angriffe nur knapp überlebt.

Es gehört also eine wirkliche physische und psychische Robustheit zum Politikerdasein.

Die Wähler sollten sich also endlich von der infantilen Vorstellung verabschieden, Politiker wären bescheidene Normalos und es ginge bei Koalitionsverhandlungen nur um Inhalte.

Nein, natürlich geht es um Posten, Vertrauensverhältnisse und Machtgefüge. Ich behaupte, die meisten Ministerien könnten relativ ideologiefrei von Politikern der meisten Parteien geführt werden, sogar von einem C-Minister. Wenn aber ein Innen/Bau/Verfassungs/Integrationsminister habituell ein destruktiver Faulpelz wie Horst Seehofer ist, spielt seine Parteizughörigkeit keine Rolle. Er ist kein katastrophaler Minister, weil er in der CSU ist, sondern weil er meistens schwänzt, in Ingolstadt rumlungert und sich um nichts kümmert.

Die Verkehrs/Infrastruktur/Digitalisierungs-Politik der Bundesregierung ist nicht katastrophal, weil dort CSU-Politik betrieben wird, sondern weil Scheuer und Bär zufällig absolut inkompetente, unseriöse Deppen sind.

Auch mit dem alten Koalitionsvertrag von 2018 hätte eine gute Bildungs- oder Infrastruktur betrieben werden können, wenn Merkel dafür sehr kompetente Leute gefunden hätte, statt die Leerköpfe Scheuer und Karliczek auf die Posten zu setzen. Das Pendel schlägt im Moment nicht gen Ampel statt Jamaika aus, weil sich FDP und Grüne über so viele „Inhalte“ einigen, sondern weil die CDU von unseriösen Chaoten geführt wird.

[…..]  Der Mittwoch [hat] endgültig offenbart, dass die Union gerade so führungs- und kurslos wie selten in ihrer Geschichte ist. Armin Laschet ist zwar gewählter CDU-Chef, hat aber jede Autorität verloren. Und es gibt weder einen Nachfolger, der sich automatisch aufdrängt. Noch einen Partei-Granden, der den Übergang steuern könnte. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble verliert durch den Wahlausgang nicht nur sein Amt. Weil er es war, der - zusammen mit Volker Bouffier - Armin Laschet als Kanzlerkandidaten letztlich durchgedrückt hat, hat Schäuble große Mitverantwortung für das Fiasko der Union. Das gilt auch für Bouffier, den CDU-Vize und dienstältesten unter den Ministerpräsidenten. […..]

(Robert Roßmann, 06.10.2021)

Die CDU verfügt über keinerlei seriöses Personal mehr. Dahinter treten Inhalte zurück und lassen Lindner abrücken.

[….]  Bisher ist es vor allem Grünen und Liberalen nicht nur erstaunlich gut gelungen dichtzuhalten, sondern auch ein Wir-Gefühl zwischen einander bis dato nicht eben herzlich zugetanen Parteien keimen zu lassen. Die Indiskretionen aus dem Gespräch von Union und FDP stehen für das Gegenteil. Die inhaltliche Schnittmenge zwischen beiden mag groß sein. Sie ist aber wertlos, wenn die menschliche Grundlage für gemeinsames Regieren fehlt. […..] Für die FDP ist das eine schmerzliche Erkenntnis. Im Wahlkampf hatte sie […..] eindeutig auf eine Jamaika-Regierung […..] unter einem Bundeskanzler Armin Laschet hingearbeitet. Das entsprach den Neigungen nicht nur der eigenen Basis, sondern auch vieler ihrer Wähler. Dazu passend erklang das Mantra, über Regierungsoptionen werde ausschließlich anhand der Inhalte entschieden. So etwas wird gern gehört, ist aber Unfug. Niemand weiß das besser als die FDP, die 2009 eine Verbindung mit ihrem politischen Wunschpartner CDU/CSU einging und dann für vier Jahre Misstrauen und Missgunst mit dem Rauswurf aus dem Bundestag bezahlte.

Tatsächlich wird andersherum ein Schuh daraus. Nur wenn die potenziellen Koalitionäre zu einem ordentlichen Umgang miteinander finden, können sie inhaltliche Differenzen überbrücken und kreative Ideen für ein gemeinsames Regieren entwickeln. Die Union ist vorerst nicht einmal zum ordentlichen Umgang mit sich selbst geschweige denn mit ihrem gescheiterten Kanzlerkandidaten in der Lage. In diesem Zustand ist sie weder den anderen Parteien noch dem Land als Koalitionär zuzumuten. [….]

(Daniel Brössler, 06.10.2021)

Die SPD entscheidet sich nur für Koalitionen mit der CDU, wenn es wirklich gar keine andere Möglichkeit mehr gibt. Die Grünen taten das immer wieder aus reiner CDU-Zuneigung, obwohl es linkere Mehrheiten gab.

Auch heute noch werfen sich Grüne in Hamburg und Baden-Württemberg für die CDU in die Bresche, wollen Laschet am Leben halten.

[….] Allerdings [betont] Grünen-Kollege Andreas Schwarz, dass eine Jamaika-Koalition mit der Union noch nicht vom Tisch sei. […..] Grünen-Fraktionschef Schwarz sagte: "Jamaika ist nicht ausgeschlossen." Wichtig sei bei den Gesprächen mit SPD und FDP, dass man beim Kampf gegen den Klimawandel vorankomme. "Aus meiner Sicht muss die Bundesregierung eine Klimaschutzregierung werden."  [….]

(SZ, 06.10.2021)

Die Grünen-Spitze hätte gern Laschet zum Bundeskanzler gemacht, wäre aber ohnehin auf große Probleme bei ihrer Parteibasis gestoßen und hätte auch drastisch Laschet-feindliche neue Umfragen zu überwinden.

Noch entscheidender für die nun startenden Ampel-Verhandlungen sind aber die chaotischen Zustände in der CDU/CSU. Die Union ist in einen Hühnerhaufen-Modus verfallen. Selbst Christian Linder begreift, daß es in dem Fall eben nicht „nur um politische Inhalte“ gehen kann. Ja, seine Wirtschafts- und Finanzpolitik einseitig zu Gunsten der Superreichen ist nahezu deckungsgleich mit Laschets Vorstellungen. Aber wie soll man erfolgreich regieren, wenn die CSU-„Wildsäue“ wie Dobindt und Scheuer mitmischen?

Die Personalien sind wichtiger.

[….]  Zwischen Union und FDP brennt es lichterloh […..] In den vergangenen Tagen hatte sich bereits ein Abrücken der FDP von der Union abgezeichnet. Aber jetzt ist die neue Distanz in einer Weise offensichtlich geworden, die einen jeden Glauben daran verlieren lässt, dass die Parteien noch zu einer gemeinsamen Bundesregierung zusammenfinden. […..]  Karin Prien, Bildungsministerin in Kiel und Mitglied in Laschets Zukunftsteam, erklärte jedenfalls: "Was für eine charakterlos miese Nummer. Wer jetzt die Vertraulichkeit bricht, handelt vorsätzlich verantwortungslos und verliert jede Legitimation für die CDU zu sprechen." Damit zeigte Prien ganz offen, dass sie das Leck in den eigenen Reihen sieht. Dass am Dienstag auch Details aus dem Gespräch der Union mit dem Grünen bekannt wurden, verstärkte diesen Eindruck noch einmal.  […..] Im Ergebnis wird die CDU erneut als eine Partei wahrgenommen, die nicht geschlossen auftritt - und die erst recht nicht gemeinsam und mit Leidenschaft für einen Kanzler Laschet kämpft. In der Union gibt es kein Kraftzentrum mehr. Laschet ist derart geschwächt, dass er seine Partei nicht mehr zusammenhalten kann. […..]

(SZ, 05.10.2021)

Die wichtigste Personalfrage lautet immer noch „Scholz oder Laschet“. Bei aller CDU-Liebe können Grüne und Gelbe nicht mehr ernsthaft behaupten, Laschet wäre ein besserer Kanzler und Koalitionszusammenhalter als Laschet. Personal geht über Inhalte.

[…..] Hätten die Mitglieder seiner Fraktion einen Wunsch frei, würden die allermeisten "Jamaika" sagen. Mit wachsendem Entsetzen haben die Liberalen aber die Zerfallsprozesse in der Union verfolgt. Das prägt die Stimmung - und verschafft Lindner Spielraum. […..]

(Daniel Brössler, 06.10.2021)

Dienstag, 5. Oktober 2021

Kapitalismus der Glückseligen

Gerade hatte ich noch leicht gehässig wegen der Personal-Schwierigkeiten nach England geblickt.

So fährt man eine Wirtschaft gegen die Wand, wenn man auf dem Weltmarkt mitmischen will und gleichzeitig glaubt, die Grenzen fest verschließen zu können. Wenn man aber einseitig die Interessen der Besitzstandswahrer vertritt, glaubt die Augen vor dem Elend der Welt verschließen zu können und sich die Wirtschaftspolitik auf „Trickle Down“ beschränkt, wird man feststellen, daß Lindners unsichtbare Kraft des Marktes eben nicht ausreicht.

Der Markt erhält keine Bank- oder Postfilialen in kleinen Orten. Der Markt läßt keine Bahnstationen in wenig bevölkerten Dörfern bauen. Der Markt sorgt nicht für flächendeckendes Internet auf dem Lande. Der Mark schafft keine Ausbildungsplätze. Der Markt sorgt nicht für ausreichend Nachfrage. Der Markt baut keine günstigen Wohnungen für Menschen mit Durchschnittseinkommen. Der Markt generiert keine auskömmliche Altersversorgung. Der Markt schafft keine Klimaneutralität. Der Markt bezahlt Geringverdiener nicht anständig. Der Markt kennt kein Gemeinwohl. Der Markt stoppt nicht die völlig entkoppelte Reichtum-Vermehrung deutscher Milliardäre.

 […..] Der Hamburger Unternehmer und HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne gehört schon länger zu den reichsten Menschen der Welt. Auch in Zukunft dürfte der 84-Jährige kaum am Hungertuch nagen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten nahm das Vermögen Kühnes um satte 20 Milliarden Euro zu. 33 Milliarden Euro soll Klaus-Michael Kühne nun besitzen. In der neuen Rangliste der reichsten Deutschen führt ihn das „Manager Magazin“ auf Platz drei. […..] Dass es wirtschaftlich trotz Corona so rund für ihn läuft, hatte sich der Milliardär offenbar nicht vorstellen können. Sogar als „erschreckend“, „ungesund“ und „überzogen“ habe Kühne die Kursexplosionen zuletzt laut „Manager Magazin“ eingeschätzt. […..]

(MoPo, 04.10.2021)

Tatsächlich nähert sich Deutschland englischen Verhältnissen, weil durch die völlig verfehlte CDU-Wirtschaftspolitik und katastrophale CDU-Migrationspolitik Millionen Arbeitskräfte fehlen.

[…..] Arbeitskräftemangel in Deutschland: »Die Leute rennen uns alle weg« […..] Den Annaberger Backwaren gehen die Beschäftigten aus. 160 Mitarbeiter hat die Firma, 20 weitere Stellen kann Hübner nicht besetzen. Sie findet kein Personal. Die Öffnungszeiten mehrerer Verkaufsstellen hat sie deshalb verkürzt. Die Lage, so schildert sie es, sei existenzbedrohend. […..] Szenenwechsel weit in den Westen, ins Städtchen Rhodt unter Rietburg an der Südlichen Weinstraße. Dort schlendern bei sonnigem Wetter Touristen konsterniert durch den Ort: Wo sonst ein halbes Dutzend Lokale Besucher bewirten, hat nur noch ein Restaurant geöffnet, und das lediglich für Gäste mit Reservierung. Das Problem ist das gleiche wie in Annaberg-Buchholz: Personalmangel.  Ähnlich geht es vielen Branchen, an vielen Orten in Deutschland: Im Norden warnt die IG Metall, dass Windkraftbauer kaum noch neue Mitarbeiter finden. Den Spediteuren gehen – durchaus ähnlich wie im spöttisch beäugten Großbritannien – die Fernfahrer aus. Kita-Verbände melden akuten Erziehermangel. 42 Prozent der Architektur- und Ingenieurbüros müssen ihre Geschäftstätigkeit wegen fehlender Mitarbeiter einschränken, bei den Kanzleien von Steuer-, Rechts- und Wirtschaftsberatern sind es sogar 55 Prozent. Und der Zentralverband des Deutschen Handwerks sieht die deutschen Klimaziele in Gefahr: All die zusätzlichen Bau- und Instandsetzungsvorhaben seien »mit dem jetzigen Stamm an Beschäftigten wohl kaum hinzubekommen«.[…..] Deutschland geht nun nicht, wie von manchem befürchtet, die Arbeit aus. Das Gegenteil ist der Fall: Arbeit ist reichlich vorhanden. Dafür fehlt es fast überall inzwischen an Manpower, an Fachkräften, aber auch an ungelernten Arbeitskräften. […..]

(SPON, B. Bidder, 04.10.2021)

Es müssen sehr viele Stellschrauben gedreht werden.

Migranten willkommen; mindestens 400.000 Menschen mehr sollen jährlich nach Deutschland geholt werden. Sie müssen gefördert werden, statt sie mit Blockierung von Familiennachzug und Arbeitsverboten abzuschrecken. Berufsausbildungen aus anderen Ländern haben anerkannt zu werden.

Aber auch in Deutschland müssen Hausaufgaben gemacht werden. Deutsche Superreiche auf Steuerflucht müssen hart sanktioniert werden. Wer wie Amazon Milliardengewinnen in Deutschland macht und dabei Myriaden kleine Ladenbesitzer ruiniert, muss a) Steuern zahlen und darf nicht b) die deutsche Infrastruktur kostenlos nutzen. Unternehmer müssen verpflichtet werden auszubilden. Wer nicht in den Nachwuchs investiert, darf sich nicht anschließend beklagen, daß er keine Mitarbeiter findet. Das deutsche Bildungssystem von Kita über Berufsschule bis zu Universitäten muss personell und finanziell erheblich besser gestellt werden. Wir brauchen Mindestlohn.

Und schließlich muss der nächste Wirtschaftsminister einen Weg finden, den eklatanten Lehrlings- und Mitarbeitermangel zu beheben, indem diese Berufe finanziell attraktiver werden.

Wenn so wenig Menschen Bäcker, Krankenschwester, Paketboten, LKW-Fahrer, Pfleger oder Friseur werden wollen, daß die Betriebe aus Mitarbeitermangel aufgeben müssen, funktioniert der Markt nicht.

In dem Fall müssen Gesetzgeber und Regierung eingreifen, damit die Bäckerei-Chefs und Friseurladen-Inhaber ihre Azubis erheblich besser bezahlen.  Wenn sie das nicht können und stattdessen eher Konkurs anmelden, funktioniert der Markt nicht.

In dem Fall müssen Gesetzgeber und Regierung eingreifen und den Verbraucher zwingen pro Amazon- oder Ebay-Paket einen saftigen Aufschlag zu zahlen. So saftig, daß die Paketfahrer wirklich gut bezahlt werden und so saftig, daß die Bürger wirklich animiert werden in den Buchladen nebenan zu gehen, statt beim 200 Milliarden schweren Jeff Bezos ihren nächsten Rosamunde-Pilcher-Schmöker zu bestellen.

Steuern sind nicht nur dazu da, um Lindners superreiche Spender zu ärgern, sondern sie sollen a) den Staat handlungsfähig machen und b) auch im wörtlichen Sinne das Verhalten der Bürger steuern.

[…..] Der Hamburger Klempnermeister Steffen Wossidlo (42) sucht händeringend Auszubildende, doch es bewirbt sich einfach niemand. Mit diesem Problem ist er nicht allein. Überall in Deutschland leiden Betriebe unter einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel – nicht erst seit der Pandemie.  „Das Problem ist, viele junge Leute sehen eine Handwerksausbildung nur noch als letzte Option“, sagt Wossidlo zur MOPO. „Sie machen mit Ach und Krach ihr Abi und fühlen sich danach für eine handwerkliche Ausbildung überqualifiziert.“  Wossidlo ist Chef eines Betriebs am Fischmarkt, der sich um Sanitär-, Heizungs- und Gasanlagen kümmert. Mit den Auszubildenden hatte er nach eigener Aussage immer „Pech“, weil sie „nicht mit dem Herzen dabeigeblieben sind“. Viele Kollegen wollen schon gar nicht mehr ausbilden. Doch: Wo keine Azubis sind, gibt es später auch keine Fachkräfte. „Alle haben die Nase voll vom Fachkräftemangel“, sagt Wossidlo.  Laut des Bundeswirtschaftsministeriums betrachten schon jetzt mehr als die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland den Fachkräftemangel als Risiko. Besonders betroffen sind Berufe aus dem Handwerk, der Metall- und Elektroindustrie, dem MINT-Bereich (Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sowie dem Gesundheitssektor. […..]

(MoPo, 05.10.2021)

Wenn man mit Embolie oder Brüchen 12 Stunden unbehandelt in Notaufnahmen hockt und dabei auch noch von völlig überlasteten Pflegern angemeckert wird, wenn sich die Personalnot in Pflegeheimen und Kliniken laufend verschlimmert, weil die milliardenschweren Klinikkonzernbesitzer nicht willens sind, medizinisches Personal auszubilden oder gut zu bezahlen, dann müssen die Nachfolger der Markt-gläubigen Sinnlosminister Spahn und Altmaier gewaltig auf den Tisch schlagen.


[…..] 965 der 1.942 Krankenhäuser in Deutschland haben im Jahr 2017 Pflegefach­kräfte ausgebildet. Das sind weniger als 50 Prozent, wie aus der Antwort des Bundes­ge­sundheitsministeriums auf eine schriftliche Anfrage der pflegepolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Bun­destag, Pia Zimmermann, hervorgeht. […..]

(Ärzteblatt, 12.08.2019)

Gesundheitsversorgung sollte ohnehin eine hoheitliche Aufgabe sein und nicht ermöglichen, daß Superreiche wie der Multimilliardär Bernd Broermann jährlich so horrende Gewinne aus seinen Asklepios-Kliniken abzieht, daß er gar nicht mehr weiß, was er mit alle den Milliarden tun soll und deutschlandweit willkürlich Luxushotels aufkauft.

Wenn Patienten schlecht und falsch behandelt werden, weil Broermann viel zu wenige Pflegekräfte einstellt und über die Hälfte der Krankenhäuser gar nicht ausbilden, funktioniert der Markt nicht.  Dann müssen die Krankenschwestern so gut bezahlt werden wie amerikanische Travel-Nurses.

[…..] Sie kündigen, verkürzen ihre Arbeitszeit oder wechseln in andere Krankenhäuser: Dem UKE gehen die Intensivpfleger aus. So schildern es Mitarbeiter in einem Brandbrief an die Chefetage. Grund für die Personalflucht seien eine chronische Unterbesetzung und aus ihrer Sicht unmenschliche Arbeitsbedingungen. Darunter leide nicht nur das Personal, sondern auch die Patienten, die nicht mehr adäquat versorgt werden könnten. […..] Auch die Hygiene leide dem Brief zufolge: „Leider passiert es des Öfteren, dass Patient:innen eine beträchtliche Zeit in ihren eigenen Fäkalien liegen müssen“, heißt es dort. An eine empathische Begleitung von Patienten und Angehörigen sei schon lange nicht mehr zu denken. All diese Faktoren können laut den Pflegern die Liegezeit verlängern und das Sterberisiko erhöhen. […..]

(MoPo, 28.09.2021)

Die nächste Bundesregierung muss unbedingt durchgreifen und das Totalversagen des Marktes ausgleichen.

Was für eine unerträgliche Absurdität, daß maßgebliche Kräfte bei den Grünen immer noch den unteren Einkommensschichten in den Rücken fallen wollen und wie Habeck und Baerbock, nach wie vor Gefallen an einem Bundeskanzler Laschet finden, sich lieber mit FDP und CDU und CSU zusammentun, drei Parteien, die allesamt gegen Mindestlohn sind und Superreiche noch reicher machen wollen.

Zum strikt weißen, nicht diversen Grünen Verhandlungsteam gehören außerdem die ausgesprochenen CDU-Fans Ministerpräsident Winfried Kretschmann, sowie die beiden Hamburgerinnen und früheren Akteurinnen im CDU-Beust-Senat Anja Hajduk und Katharina Fegebank, die wie zu erwarten ebenfalls für Jamaika trommeln.

Es bleibt zu hoffen, daß sich die kollabierende CDU selbst aus dem Spiel nimmt.

Es bleibt zu hoffen, daß die Grüne Jugend rebelliert. Die Grünen Spitzen sind durchaus willens, erneut den schlecht bezahlten Bürgern in den Rücken zu fallen.

Robert Habeck erinnert an die Situation in Schleswig-Holstein 2017. Auch dort gab es rechnerisch zwei Regierungsoptionen: Ampel und Jamaika. Wie heute im Bund, lagen die Grünen vor der FDP, hatten also die auschlaggebende Stimme. Sie wollten lieber mit der CDU, als mit der SPD regieren.

Auch in BW gab es im März 2021 eine Mehrheit Links der Union.

Aber wieder waren es die Grünen, die sich weigerten und trotz linker Mehrheit lieber mit der CDU eine Koalition bildeten.

Die Grünen Wähler liebten es und belohnten die Grünen mit Zuwächsen.

Montag, 4. Oktober 2021

Wenn Sprache nervt.

Als ich vor Äonen anfing zu studieren; es ist bald dreieinhalb Jahrzehnte her; kam die Nachricht über den Studienplatz erst eine gute Woche nach Semesterbeginn vom „Akademischen Auslandsamt“. Es war Sommersemester, in dem eigentlich kein Platz für Nichtdeutsche vorgesehen war. Ich rückte nach, als ein Biodeutscher absagte.

Schlau wie ich war, hatte ich mich vorher noch keine Sekunde mit der Uni beschäftigt, wußte nicht wo die Gebäude sind, geschweige denn wo mein Fachbereich war. Es war eine sehr peinliche Durchfragerei bis ich in einem Bibliotheks-Nebensaal landete, in dem die sechswöchige STEP (Studieneingangsphase) stattfand. Jeden Tag von 08.00 bis 18.00 mit durchgetaktetem Stundenplan. Ich kam um 10.00 Uhr. Wie früher in der Schule, waren mehrere kleine Tische zu Gruppen à 10 bis 12 Leute zusammen geschoben. Es gab sechs dieser Gruppen und alle waren mit „gruppendynamischen Spielen“ zum vertieften Kennenlernen beschäftigt. Natürlich kannten sich nach zehn Tagen schon alle per Namen, wußten wo sich welche Labore befinden, verstanden die bizarren Akronyme der Stundenpläne. Gruppendynamische Spiele sind schon per se sagenhaft peinlich, aber für mich steigerte sich die Peinlichkeit ins Unendliche, da ich a) nicht wußte zu welcher Gruppe ich sollte, mich b) auch keiner aufnehmen wollte und ich c) dann aufgefordert wurde mich vorzustellen. „Erzähl‘ mal was von Dir, wieso bist Du hier, was sind Deine Hobbys, was erwartest Du von dem Studium“.

Da wir unter Naturwissenschaftlern waren, handelte es sich bei den Typen vor mir (unter ihnen nur eine Frau) ausschließlich um Nerds, die große Brillen, Bundfaltenhosen und irgendwelche unscheinbaren Shirts trugen.

Sie starrten mich ungläubig an, denn ich war definitiv kein Nerd, sondern erschien als Cure-hörendes Kind der 80er mit sehr sehr viel Haarspray in den sehr vielen, blauschwarz gefärbten Haaren, spitzen Schnallen-Schuhen und trug selbstverständlich ausschließlich schwarz.

In meinem Bemühen, keine privaten Einblicke zu geben, plapperte ich irgendetwas darüber, wie ich mir Studenten vorstellte. Alle drehten sich um, plärrten mich mit „das heißt StudenTINNEN!“ an.

Hamburg, 1980er und es wurde eifrig gegendert. Gerade in der sehr stark männlich dominierten Naturwissenschaftler-Szene, gab man sich große Mühe bei  jeder Gelegenheit Frauen sprachlich zu inkludieren.

Einmal versuchte ich die Verwendung des Wortes „Professoren“, satt „ProfessorInnen“ zu rechtfertigen, weil wir in unserer Fakultät tatsächlich nur Männer auf den C2-, C3 und C4-Stellen sitzen hatten.

Wozu von ProfessorIn sprechen, wenn es ohnehin nur Männer sind?

Es gehe ums Prinzip, wurde mir bedeutet. Schließlich gäbe es Doktorantinnen und auch Habilitantinnen. Wir würden sprachlich schon darauf hinarbeiten, daß bald auch die erste Professorin eingestellt würde.

Mir kam es damals so mittelsinnvoll vor, aber um nicht anzuecken, gewöhnte ich mir Umschreibungen an, die dem Ohr nicht wehtaten. Die Studierenden. Die Lehrenden.

Spoiler; ich erinnere mich deshalb so gut an diese peinliche Situation, da ich nach meinem Vordiplom selbst vier Semester als STEP-Tutor arbeitete und versuchte die zehn mir jeweils anvertrauten Menschen dazu zu bringen, sich im Labor nicht selbst umzubringen und dabei möglichst die peinlichen Gruppendynamik-Spiele zu umschiffen.  Es stellte sich allerdings raus, daß anderen Menschen viel weniger peinlich ist als mir.

Ich traute mich als Neuling beispielsweise kaum einen der Tutoren/Assis mit Laborfragen anzusprechen, weil ich immer überlegte, ob es sich dabei womöglich um etwas handelt, das man eigentlich an meiner Stelle längst wissen sollte. War nicht der Unterschied zwischen Schule und Uni, daß man nun selbstständig lernte?

Als ich später Tutor war, kamen meine ehemaligen Tutanden auch noch lange nach dem STEP-Ende zu mir und erklärten mir abendfüllend, welche Versuche sie gerade durchführten. Sehr rätselhaft, denn ich hatte die gleichen Versuche nicht nur als Erstsemester selbst absolviert, sondern auch noch mehrfach als Tutor betreut. Ich wußte was das sollte. Wieso erzählt mir ein blutiger Anfänger noch mal alles? Ebenso gut könnte ich zu Hertha Müller gehen, um ihr zu erklären, wie man ein Buch schreibt.

Als Tutor hätte ich niemals den frisch bei mir eintrudelnden AbiturientInnen und Abiturienten, einen besonderen Sprachgebrauch aufgezwungen, verwendete aber selbst nicht das gesprochene „Binnen-I“ und formulierte meine Aufgabentexte an die Quietscher neutral.

Nach meinem damaligen Gefühl war die perfekt ausgewogene Gendersprache eine Milieu-Frage. Im Hochsicherheits-Biochemielabor würde einem sicher niemand den Kopf abreißen, wenn man die Privatdozenten ansprach, ohne mit dem Wort „PrivatdozentInnen“ die Notwendigkeit zu betonen, auch Frauen den Job zu geben.

Bewarb man sich auf einer Liste für das „Studierenden-Parlament“ und diskutierte im ASTA über Hochschulentwicklung, war das ein politisches Umfeld, in dem sensible, inkludierende Sprache wichtig wurde.

Aber schon in den 80ern war die Zeit der politisch aktiven StudentINNEN lange vorbei.  Das StudentINNEN-Parlament wurde mit einer beschämenden 15%-Wahlbeteiligung gewählt; kaum einer interessierte sich angesichts der randvoll gepackten Prä-Bologna-Studienpläne für Aktivitäten, die nicht unbedingt für Prüfungen notwendig waren.

Das Verb „gendern“ war damals noch nicht erfunden; daher hatte ich auch keine Meinung dazu. Das geschriebene Binnen-I empfand ich als studentische Kuriosität. So what? Studenten sind in der Regel ohnehin sehr eigenartig und meistens unsympathisch in ihrer Überzeugung, eine künftige Elite zu sein und unheimlich wichtig zu erscheinen. Dann sprach ich eben unter StudentInnen auch feminin-sensibel und in meinem privaten Umfeld nicht.

Als ganz junger Mann war ich durchaus Feminist, hielt es für beschämend, vor einem rein männlichen Lehrkörper zu stehen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, Frauen könnten grundsätzlich weniger als Hochschullehrkräfte qualifiziert sein.

Es dauerte aber noch zehn, 20 Jahre bis ich mir vollständig über systemische Misogynie im Klaren war, begriff was es für die Generation meiner Mutter bedeutete, von ihren Eltern selbstverständlich auf eine Hauswirtschaftsschule geschickt zu werden, während der Bruder studierte oder das Geschäft übernahm, den Namen weiterführte.

Das kam alles nur in Frage, weil er einen Penis hatte, während die Kinder mit Vagina kein Abitur brauchten und (wie mein Opa noch in den 1950ern befand) eben reich heiraten müssten, wenn sie es mal besser haben wollten.

Ich wußte schon als ganz junger Mann, daß es „früher“ nun mal so war, nur den männlichen Kindern alle Chancen einzuräumen, obwohl natürlich auch die Töchter geliebt wurden.

Aber erst später wurden mir die psychologischen Auswirkungen bewußt, die es haben musste, wenn man als in den 1920ern, 1930ern oder 1940ern geborenes Mädchen a priori von dem gesamten Umfeld ganz selbstverständlich wahrnimmt, für anspruchsvolle, verantwortungsvolle Positionen ohnehin nicht in Frage zu kommen. Natürlich gab es schon viel früher einzelne sehr bedeutende Wissenschaftlerinnen und intellektuelle Frauen. Marie Curie (*1867), Marion Gräfin Dönhoff (*1909) oder die promovierte Chemikerin Hildegard Hamm-Brücher (*1921).

Aber das waren nicht einfach Frauen, die zufällig intelligent geboren wurden und sich durchbissen, sondern das  waren außergewöhnliche Genies, die viel besser als die allermeisten Männer waren.

Was ist mit einer Frau, die einen IQ wie ein durchschnittlicher Physiker oder Mathematiker hat? Wird sie auch Physikerin oder Mathematikerin?

Leider nur mit einer kleineren Wahrscheinlichkeit als ein Mann, weil ihr mutmaßlich unterbewußt schon als Kleinkind suggeriert wurde, welches ihre passende Rolle ist.

Einige Frauen tun sich in der Fahrschule sehr schwer mit dem Einparken. Das ist nicht so, weil sie in irgendeiner Form geistig benachteiligt wären, sondern ein psychologischer Effekt davon, 18 Jahre lang immer Witze darüber zu hören, daß Frauen nicht einparken könnten. Natürlich gibt es durch gezielte staatliche Bemühungen die MINT-Fächer für Mädchen attraktiv zu machen Fortschritte. Höhere Frauenanteile unter den MINT-Studierenden.

Ich bin aber ganz bei Alice Schwarzer und Anja Rützel, wenn ich einen gewissen Backlash durch die elenden sozialen Medien und die vielen Trash-TV-Sendungen diagnostiziere. Unendlich viele „Influencerinnen“ transportieren ein Frauenbild, das nur äußerlich definiert ist. Gestraffte Brüste, gespritzte Lippen, extensionierte Haare, perfekte Schminke – und all das, um den Traummann zu finden. Den Versorger und Beschützer, für den sie stets möglichst bumsbereit bei der GNTM-Bachelor-Love Island posiert.

Das Uni-Gendern der 1980er störte mich nicht; es war nur Sprache, die man kurios finden konnte und nach Belieben mit verwendete oder nicht.

Sehr viel schlimmer fand ich die Rechtschreibreform von 1996, weil dort tatsächlich Regeln verändert wurden. Damit wurde das bisherige Schreiben ausdrücklich falsch.

Im Gegensatz zum Gendern gab es für die Rechtschreibreform gar keinen Sinn. Sie war absurd und überflüssig. Angeblich sollte sie die Schriftsprache vereinfachen. So wurde aus „daß“ ein „dass“. Das ist hochgradig absurd, weil die grammatikalischen Regeln, die zwischen DAS als Artikel und DASS als Konjunktion unterscheiden, dieselben blieben. Wer vorher nicht wußte, ob es „das“ oder „daß“ heißen muss, wußte anschließend genauso wenig, ob es „das“ oder „dass“ geschrieben wird. Gegen diese hanebüchenen Unsinn wehre ich mich bis heute, indem ich privat weiter das „ß“ verwende.

Eine sich verändernde Sprache, die wie beim Binnen-I oder dem Binnen-* auch neue Schreibweisen mit sich bringt, ist aber kein Zwang, sondern Angebot. Ein Angebot, welches nicht willkürlich und ohne Sinn aus „daß“ ein „dass“ macht, sondern das humanistische Werte ausdrückt.

Ein deutscher Landesparteichef, der stramm rechts stehende  Hamburger CDU-Vorsitzende Ploß, der 1985 in Hamburg geboren wurde, als man schon das Binnen-I an der Uni Hamburg sprach, kannte im Bundestagswahlkampf 2021 nur ein Thema , nämlich das Gendern zu verbieten. Er will also einen Zwang einführen, mit der Begründung, es dürfe kein Zwang eingeführt werden. Ich bin froh, daß er statt eines Direktmandates wie 2017 dieses mal nur auf Platz drei landet, landesweit überdurchschnittlich 12 Prozentpunkte verliert und damit die Hamburger CDU bei nur 15% aufsetzt. Das ist die gerechte Strafe.

Eine Berliner Juristin erzählte mir neulich empört, sie habe ihr Tagesspiegel-Abo gekündigt, weil sie das Gendern nicht ertrage und sich weigere diese „Vergewaltigung der Sprache“ zu finanzieren. Nun soll es ein FAZ-Abo werden; da werde die schöne deutsche Sprache noch gepflegt.

Ich kann mich nur wundern. Wir haben ungefähr zur gleichen Zeit studiert; wie kann ihr das Binnen-I nun nach 35 Jahren erstmals so störend auffallen? Ich lese gendernde Presse (taz, mopo) und nicht Gendernde (SZ, Abendblatt, Spiegel).

Vereinzelte „*“ und „I“ in den Worten stören mich nicht. Es bleibt schließlich mir überlassen, wie ich rede und ich verstehe die gute Absicht dahinter.

Ganz anders ist es bei Rezo-Videos. Der Mann schreibt nicht; ich muss ihm zumindest hören und das ist mir nahezu unmöglich, da er die deutsche Sprache mit einer Vielzahl von völlig überflüssigen Anglizismen derartig verballhornt, daß es meinen Ohren weh tut. Ich kann beim besten Willen keine Notwendigkeit dafür erkennen „walken“ statt gehen, „talken“ statt sprechen, „weird“ statt eigenartig zu verwenden.

Und ich behaupte, dabei handelt es sich eben nicht um Jugendsprache, weil die Mehrzahl der Teens und Twens sich nicht dieser denglisch-Kunstsprache der selbsternannten Influencer bedient.

Wie jeder Ü50 zu allen Zeiten, finde ich einige Jugend-Ausdrücke albern und nervig – cringe, krass, OMG – aber das ging der Generation vor mir auch nicht anders, als ich jung war. Sprache darf und soll sich verändern. Natürlich kommen neue Vokabeln hinzu. Wer wußte vor drei Jahren schon, was ein heute so gebräuchliches Wort wie „Pandemie“ oder „Inzidenz“ bedeutet?

Wenn man aber sein Vokabular künstlich mit Entlehnungen aus dem Englischen versucht hipp und jugendlich klingen zu lassen, schmerzt das. Ich ertrage das nicht und kann daher Rezo-Videos nur wenn es absolut sein muss (zB, wenn es wahlkampfrelevant wird) ertragen. Selbstverständlich darf er reden wie er möchte. Ob es einem 20 Jahre Älteren in Hamburg gefällt, soll und darf ihm herzlich egal sein.

Sonntag, 3. Oktober 2021

Briten in der Patsche

 Schadenfreude, also die Freude über Missgeschicke, Pech, Schmerzen anderer, gilt als besonders deutsches Phänomen. Gelegentlich hört man, Schadenfreude käme ähnlich, wie die panische Angst vor leichten Luftzügen („Zug“) überhaupt nur in Deutschland vor.

Mutmaßlich nivelliert das Internet diesen spezifisch deutschen Humor, so daß man nun global über Videoclips lacht, in denen sich jemand verletzt.

Meine Eltern behaupteten zumindest in meiner Teen- und Twen-Zeit, diese Begeisterung für Schadenfreude nicht aus den USA zu kennen.

(…..) Nur zwei Jahre später also rückte so eine Chemiekatastrophe ganz nah an uns heran. „Bhopal am Rhein“. Gemeint war damit die Baseler Sandoz-Katastrophe.

Am 01.11.1986 brannte eine gigantische Chemikalienlagerhalle ab. Riesige Mengen kontaminierten Löschwasser gelangten in den Rhein, darunter auch Herbizide des Nachbarunternehmens Ciba-Geigy; wie zum Beispiel 400 kg Atrazin.  Der gesamte Rhein färbte sich blutrot.

[…..] Die Giftwelle schob sich rheinabwärts: Sie löschte den gesamten Aalbestand auf einer Strecke von mehr als 400 Kilometern aus, tötete zahlreiche andere Fische und Lebewesen. Bilder von tausenden verendeten Aalen, die aus dem Rhein geborgen wurden, gingen um die Welt. Die Trinkwasserentnahme aus Deutschlands "Schicksalsfluss" wurde bis in die Niederlande für fast drei Wochen eingestellt. Es war eine der größten Umwelthavarien und löste damals, im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe, viele Ängste aus. […..]

(STERN, 01.11.11)

Als Herr Meister, der Gärtner aus dem kleinen Vorgarten in unser Wohnzimmer trat, starren wir gerade auf weihnachtliche Bilder aus Rotterdam.  Inzwischen war die toxische Flut aus der Schweiz im Rhein-Maas-Delta angekommen, alle Fische starben, trieben stinkend an der Oberfläche und die Niederländer mühten sich ab die Kadaver abzuschöpfen.

[…..] Wenigstens 30 bis 40 Tonnen hochgiftiger Substanzen sickerten ins Flußwasser, wie viele es wirklich waren, wird sich nie rekonstruieren lassen. Rund 1200 Tonnen Chemikalien, darunter 900 Tonnen hochgiftiger Verbindungen, waren in der niedergebrannten Lagerhalle gestapelt - genug, um die Bevölkerung von ganz Europa umzubringen.  Mit 3,7 Stundenkilometer Fließgeschwindigkeit wanderte die 70 Kilometer lange Giftschleppe flußabwärts. Am sechsten Tag erreichte sie Bonn. Anfang letzter Woche diffundierten die Giftpartikel vor der niederländischen Rheinmündung in die Nordsee. Vorläufige Schadensbilanz für den Oberrhein: 150000 tote Aale, "riesige Mengen von toten Zandern, Barben und Barschen (Fischereisachverständiger Hartmut Kickhäfer), Vernichtung aller Wasserflöhe, das Absterben der Fliegenlarven zu 80 Prozent, der Wasserschnecken "in erheblichem Umfang" - Störung des ökologischen Gleichgewichts in diesem Flußabschnitt auf lange Zeit. […..]

(SPIEGEL, 17.11.1986)

Herr Meister hatte seine ganz eigene Meinung dazu: „Das gönne ich den Holländern!“

Wir mussten uns wohl verhört haben, starrten ihn ungläubig an.

Aber Herr Meister war überzeugt im Recht zu sein und präsentierte uns vollkommen unironisch seine Erklärung.   Seit 30 Jahren äßen seine Frau und er zu Weihnachten eine deutsche Gans. Dieses Jahr hätten sie erstmals eine Gans aus Holland gekauft und das Biest wäre ja dermaßen zäh gewesen!  In den folgenden Dekaden verwendete ich diese Begebenheit oft als Metapher für das Urteilsvermögen der Deutschen.   (….)

(Herr Meister, 23.07.2019)

Empirisch kann man tatsächlich nachweisen, wie sehr Deutsche im Vergleich zu anderen Völkern zu Missgunst und Neid neigen.

Während Chinesen oder US-Amerikaner, die sich kein teures Auto leisten können, den reichen Nachbarn für seinen Mercedes bewundern und sich an dem tollen Auto erfreuen, ist die naheliegende Reaktion der ärmeren Deutschen, den Lack des Nobelautos zu zerkratzen. Wenn man sich selbst keinen Porsche leisten kann, soll der reiche Nachbar auch keine Freude daran haben.

[….]  Deutsche sehen Reiche als egoistisch, materialistisch und rücksichtslos. Zudem neigen Deutsche stärker zum "Sündenbockdenken" als andere Nationen und geben Superreichen die Schuld an den Problemen dieser Welt. Schließlich reagieren sie eher als Franzosen, Briten und Amerikaner mit Schadenfreude, wenn ein Millionär mit einem Geschäft viel Geld verliert.  Das sind einige Ergebnisse der ersten international vergleichenden Studie zur Einstellung von Europäern und Amerikanern gegenüber Reichen, die vom Institut für Demoskopie Allensbach und von Ipsos MORI in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA durchgeführt wurde. In jedem Land wurden 1000 Personen befragt. Die Ergebnisse sind in meinem soeben im Finanzbuch Verlag veröffentlichten Buch "Die Gesellschaft und ihre Reichen. [….]

(Dr. Dr. Rainer Zitelmann, 11.02.2019)

Ob es an meinem fehlenden deutschen Pass liegt, kann ich nicht sagen, aber ich neige immer eher zu Mitleid, als zur Schadenfreude und habe das Konzept von „gerechter Strafe“ nicht verinnerlicht.  Selbst bei wirklich abscheulichen Menschen, verstört mich die allgemeine Freude über ihr Ableben.

Angela Merkel, die Christin, die sich angeblich auf Werte wie Nächstenliebe beruft, sagte nach der völkerrechtswidrigen Tötung Osama bin Ladens (ohne Gerichtsverfahren) «Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten

Als Atheist und Humanist empfinde ich keine Freude, wenn Menschen getötet werden und halte solche nationalen Strafaktionen inklusive der dubiosen geheimen Entsorgung der Leiche im Meer für falsch.  Dafür braucht es die biblische Rache-Ideologie (Auge um Auge, Zahn um Zahn), die mir fehlt.

Nicolae Ceaușescu, der rumänische Diktator wurde 81-jährig am 25.12.1989 zusammen mit seiner 83-jährigen Frau Elena Ceaușescu erschossen; die Bilder ihrer Leichen genüßlich landesweit verbreitet. Ich empfand keine Freude.

Saddam Hussein, der irakische Diktator wurde 69-Jährig, nachdem er Jahre elend in einem Erdloch hockte, am 30.12. 2006 unter barbarischen Gejohle seiner Henker barbarisch ermordet. Ich war angeekelt.

Muammar al-Gaddafi, der Libysche Diktator, wurde 69-Jährig am 09.09.2011 grausam verstümmelt und schließlich zu Tode gepfählt. Ich fand es widerlich.

Ich weiß nicht, wieso sich die Pfarrerstochter Merkel so über das Sterben eines Menschen freut. Offensichtlich ist das eine religiöse Eigenart. Radikale Muslime sind ebenso wie evangelikale Amerikaner begeisterte Anhänger der Todesstrafe, während wir evolutionären Humanisten staatliches Morden strikt ablehnen.

Natürlich lehne ich Strafen nicht generell ab.

Manchmal sind Freiheitsstrafen schon deswegen nötig, um potentielle Opfer vor gefährlichen Menschen zu schützen; gerade wenn keine Resozialisierung des Delinquenten möglich ist.

Manche Strafen sind als Erziehungsmaßnahmen notwendig.  Dazu gehören beispielsweise die enormen ökonomischen Probleme, die sich gerade im Post-Brexit-England manifestieren. Johnson und 51% der Wähler frönten ihrer Xenophobie, wollten wider alle Vernunft möglichst viele Ausländer aus dem Land werfen.

Nun stehen die Engländer vor leeren Supermarkt-Regalen, weil 100.000 LKW-Fahrer fehlen.

Die ausländerfeindlichen Briten wollten nämlich genau die ost- und südeuropäischen Menschen von den Inseln vertreiben, die solche Jobs erledigen, die Engländer und Waliser nicht selbst machen wollen. Wie sich nun  - völlig überraschend  - herausstellt, gerät die britische Ökonomie ohne Erntehelfer, Lageristen, Wäschereimitarbeiter, LKW-Fahrer und Putzkräfte in erhebliche Schwierigkeiten.

In den letzten beiden Jahren haben mindestens 300.000 Ausländer Groß Britannien verlassen. Ein Traum der UKIP/Brexiteers/AfD/LePen/FPÖ wurde wahr.

Es ist allerdings ein Alptraum.

  […..] Der Mangel an Truckern ist inzwischen so groß, dass sich die Unternehmen die knappen Fachkräfte gegenseitig abwerben, auch das verschärft die Versorgungskrise. »In den vergangenen Wochen haben viele Tanklastfahrer aufgehört, weil sie mehr verdienen, wenn sie für die Supermärkte fahren«, sagt Rod McKenzie, Geschäftsführer des Transportverbands RHA.
Während branchenübliche Jahresgehälter bei rund 42.000 Pfund liegen, bieten Supermarktbetreiber wie Tesco oder Sinsbury inzwischen 50.000 Pfund oder mehr, erzählt er. »Wir haben sogar gehört, dass einmal 75.000 geboten wurden.«
Das lockt derzeit kaum Frauen und Männer ins Führerhaus, aber es treibt die Preise, die wegen der Knappheit bei Energie und Rohstoffen ohnehin klettern wie lange nicht. Im August lag die britische Inflationsrate gegenüber dem Vorjahr bei mehr als drei Prozent, dem höchsten Wert seit Jahrzehnten.
Der Brexit wird unvermeidlich Wohlstand kosten
Es ist eine Krise mit Ansage. Dass die britische Wirtschaft ohne die Arbeitsmigranten in Not geraten würde, sei »lange vorhersehbar gewesen«, sagt Jonathan Portes, Wirtschaftsprofessor am King’s College in London. Bis 2011 war er Chefökonom im Kabinettsbüro des Labour-Premierministers Gordon Brown, der eine vergleichsweise liberale Einwanderungspolitik verfolgte.
Der Brexit, den Browns konservative Nachfolger durchsetzten, brachte das Gegenteil, und das hinterlässt nun überall Spuren. »Die Regierung sollte den Bürgern klar sagen: Das ist der Brexit, dafür haben Sie gestimmt«, sagt Portes. Der EU-Austritt, sei »keine dauerhafte Katastrophe«, aber er werde das Land nun einmal »unvermeidlich Wohlstand kosten«.
[…..]

(DER SPIEGEL, 02.10.2021)

Die leeren Supermarktregale, die Benzinknappheit, die Schrumpfung der Wirtschaft ist eine gerechte, wichtige und notwendige Strafe für England.

Ich kann auch hier keine echte Schadenfreude empfinden, weil mir die andere Hälfte der Briten, die gegen den Brexit stimmte, leidtut.

Aber es ist sowohl für die Inseln, als auch für die anderen EU-Austrittsfreunde in Warschau und Paris notwendig, um einen Erkenntnisprozess einzuleiten, der offensichtlich ohne drastische Nachteile am eigenen Leib nicht vermittelbar ist.

Chaos-Premier Johnson, den die Briten mit überwältigender Mehrheit wiederwählten, überlegte ganz kurz angesichts 100.000 fehlender Trucker doch immerhin 5.000 Rumänen und Polen wieder einreisen zu lassen. In seiner ganzen imperialen Ignoranz, tönte er aber, diese sollten dann bis Weihnachten wieder verschwinden. So macht man sich beliebt im Kampf um Arbeitskräfte. Inzwischen kassierte der blonde Irre in einer nationalen Aufwallung selbst dieses kleine Zugeständnis wieder.

[…..] Britische Benzinkrise Boris Johnson will doch keine ausländischen Arbeiter. Polnische Billig-Benzinkutscher, Deutsche Alt-Führerscheinhalter als Lückenfüller? Braucht Großbritannien gar nicht, sagt Boris Johnson vor dem Tory-Parteitag und verbreitet Optimismus. An dem aber wachsen die Zweifel. [….]

(SPON, 03.10.2021)

Wer nicht hören will, muss fühlen. Und irgendwo kommt in mir doch die klammheimliche Mescalero-Freude, ob der leeren englischen Regale auf.

[….] Being outside the EU single market and customs union imposes bureaucracy and friction at borders that British businesses did not previously face. Ending freedom of movement for EU nationals has drained the labour pool from which many industries recruited. Without agricultural workers, food rots before it can get to market. Without hauliers, goods sit unshipped in depots.  This was all predictable, and predicted. Ending free-flowing EU migration was an advertised benefit of Brexit. The theory was that foreigners were taking jobs from British-born workers or depressing their wages. The gaps should, in that view, now be filled with eager locals. One problem, as businesses warned well in advance, is that migrants were not generally working in dream jobs, surrounded by unemployment. The tasks they did, and the conditions under which they worked, might not appeal to British workers. There might not be slack in the labour market to be taken up. In some fields – haulage, for example – there are also limits to how quickly new recruits can be trained and licensed. [….]

(The Guardian, 25.08.2021)

So wie 75 Millionen Amerikaner auch nach 500.000 Covid-Toten und einem ökonomischen Desaster noch nicht begriffen, daß Trump ein schlechter Präsident war, müssen wohl hartnäckige Brexiteers erst wirklich hungern, um zu verstehen, daß Xenophobie keine gute Politik ist. Mögen sie den selbst angerichteten Clusterfuck als schmerzhafte Lehre akzeptieren.

[…..] It means major retailers such as Sainsbury's and Tesco are warning they are unable to keep all their shops stocked in the way they’d want.

"Their [supermarkets'] number of deliveries decrease over the course of a week, so where they might have been getting five, six, seven deliveries a week that might have gone down to four or five," said retail analyst Bryan Roberts.  "Tesco has already noted that it’s had some issues with food waste as it can’t get it through the system fast enough. "I think we’ll see lots more of these types of issues in the weeks and months ahead because there’s such a shortfall of truck drivers and that will take a long time to remedy because there are thousands that need to be trained." [….]

(EuroNews, 22.07.2021)