Mittwoch, 27. Mai 2015

Heilige Scheiße – Teil I

Es gibt viele Merkwürdigkeiten in der katholischen Kirche.

Kardinal-Staatssekretär Parolin aus dem Vatikan nennt das irische Ja zur Homo-Ehe eine "Niederlage für die Menschheit".

Ja, misogyne Männer in bunten Kleidern und brennenden Handtäschchen, die anderen Männer erklären wie BÖSE Homosexualität ist...
Chuzpe haben sie ja!

Ziemlich bizarr ist auch der Monotheismus-Tick.
Echnaton war da wenigstens noch konsequent. Christen fordern es nur.

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
(„Das erste Gebot“)

Ja, Gott, der Vater, der Sohn, der Hei Gei und Maria – vier Götter, die den Menschen erklären wie BÖSE Vielgötterei ist.
Chuzpe haben sie ja!

Gerade der Katholizismus mit den Tausenden Heiligen und Seligen, die zur Ehre der Altäre angebetet werden, dürfte die polytheistischste Religion der Welt sein.

Heilige sind in religiöser Hinsicht vollkommene Menschen, die von Gott eine höhere Stufe der Gnade erreicht haben und daher alle ins Himmelreich kommen.
Gerne werden Heilige auch als Spezialgötter (=Schutzpatrone) mit bestimmten Zuständigkeiten verehrt.
Für jedes Thema stehen dem katholischen Gläubigen also Fachgötter zur Verfügung, die man um Fürbitte anflehen kann.

Im 12. Jahrhundert erklärte Papst Alexander III. die alleinige Zuständigkeit der Päpste für Heiligsprechungen. Ging man zunächst sparsam mit der Heiligsprechungskompetenz um, begann der Pole Karol Woytila aus dem Vollen zu schöpfen. Er schuf über tausend neue Heilige und Selige.
Stand am Ende des JP-II-Pontifikats:  6650 Heilige und Selige, sowie 7400 Märtyrer and still counting.

In religiöser Hinsicht ein vollkommener Mensch war Winfrid (* um 673 in Wessex; † um 755  in Friesland), der seit dem 16. Jahrhundert unter dem Namen Heiliger Bonifatius als „Apostel der Deutschen“ verehrt wird, weil er bei den heidnischen Franken ein Kloster nach dem nächsten gründete.
Am 15. Mai 719 gab ihm Papst Gregor II. den Auftrag, den „ungläubigen Völkern das Geheimnis des Glaubens bekannt zu machen“ und verlieh ihm den Namen Bonifatius. So kam der Heilige zu den Friesen.

Ob die Tat, große Teile des heutigen Deutschlands und Frankreichs christianisiert zu haben, so vorbildlich war, darf angesichts der grausamen Religionskriege, die folgten, darf angesichts des düsteren aufklärungsfeindlichen von Christlichen Autoritäten regierten Mittelalters bezweifelt werden.

Ohne den Heiligen Bonifatius auch kein Dreißigjähriger Krieg (von 1618 bis 1648), der als vermutlich verheerendster Religionskrieg Mitteleuropa entvölkerte.

"Hans Philipp Goßmann von Spachbrücken zu Tod geschlagen. Hans Gerhards schwangeren Frauen die Rippen entzweigeschlagen, dass sie bald gestorben. Jakob Hans Frau zu Tod geschändet. Hans Simon mit dem Gemächt ufgehängt und vollends erschlagen ... Summa: 18 Personen", endet die "Schadensliste", die man nach einem Überfall der kaiserlichen Soldaten auf das hessische Reinheim im Mai 1635 bei der zuständigen Obrigkeit einreichte.
Der Dreißigjährige Krieg zeigt sich in solchen Beispielen als Krieg schlechthin: erschlagene, gefolterte, vergewaltigte Unbeteiligte. Ausgebrannte Städte, verwüstete Dörfer, kahlgefegte Äcker. Hungersnöte, Seuchenzüge. Wer da noch lebte, lebte nicht mehr lange: "Wir Leut leben wie die Tier, essen Rinden und Gras", heißt es in einem Bibeleintrag aus den zerstörten Dörfern der Schwäbischen Alb gegen Ende des Krieges. Man ernährte sich von Eicheln und Kleie, briet Ratten, Katzen, Hunde und krepierte Pferde. [….]

In den letzten Tagen habe ich mich mal wieder etwas genauer in den 30-Jährigen Krieg (1618 bis 1648) hineingelesen.
Es war bekanntlich der schwerste Religionskrieg, der jemals in Europa tobte.
Protestanten und Katholiken haben so lange aufeinander eingedroschen, bis das „heilige römische Reich deutscher Nationen“ entvölkert und verwüstet war.
Die Hälfte der Deutschen Gesamtbevölkerung wurde massakriert oder fiel Seuchen zum Opfer, die Zivilisation wurde um 100 Jahre zurück geworfen.
Die Bauernhöfe waren verwaist, der Viehbestand nahezu komplett ausgerottet.

Der Mega-Religionskrieg bescherte uns Begriffe wie „magdeburgisieren“.
Magdeburg war damals eine von den Bischöfen unabhängige Stadt mit 30.000 - 40.000 Einwohnern, die versuchte neutral und friedlich zu bleiben.
Das gefiel den Katholiken natürlich überhaupt nicht und so schickt im April 1631 die katholische Majestät Kaiser Ferdinand II den kaiserlichen Befehlshaber Tilly, der die Stadt bis auf die Grundmauern zerstört und seine Truppen anschließend so lange plündern, morden und vergewaltigen läßt, daß nach einer Zählung aus dem Jahr gerade noch 468 Magdeburger leben.

Es war aber auch nicht alles schlecht am 30-Jährigen Krieg.
Da es weit über 200 Jahre brauchte, bis die Bevölkerungszahl wieder auf den Stand vom Beginn des 17. Jahrhunderts angestiegen war, kam es zu einer großartigen Verwaldung der ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Die menschengemachte Monokultur verschwand zugunsten eines intakten Ökosystems aus Urwäldern.

Und wer hat Schuld am 30-Jährigen Krieg?

Dazu gibt es selbstverständlich ein ganzes Bündel Ursachen aus unterschiedlichen Machtinteressen.

Zwei Hauptschuldige will ich aber hervorheben.

Erstens der tiefsitzende Menschenhass der Horrorreligion des Katholizismus.
Es war die katholische Kirche, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollte und mit ihrer Marionette Ferdinand II ganz Europa rekatholisieren wollte.

Das Restitutionsedikt war eine von Kaiser Ferdinand II. am 6. März 1629 erlassene Verordnung, mit der ohne Einverständnis der evangelischen Reichsstände der Status quo des geistlichen Besitzstands im Reich wieder auf den Stand des Jahres 1552 gebracht werden sollte. Es setzte damit die katholische Interpretation des Augsburger Religionsfriedens (1555) durch.
(Wikipedia)

Die RKK war dermaßen blutrünstig, daß sie selbst nachdem schon der halbe Kontinent verwüstet war erbittert Propaganda gegen diejenigen betrieb, welche auch nur an einen Frieden dachten.
Insbesondere die Jesuiten und der Pater am Kaiserlichen Hof, Johannes Weingarten empörten sich ab dem Jahr 1633 über den katholischen Heerführer Wallenstein, der "den Krieg vernachlässige“ und nicht mehr die rechte Lust verspürte Protestanten zu massakrieren.

Als auch noch Gerüchte auftauchten Wallenstein wolle Friedensverhandlungen beginnen, hetzten die katholischen Geistlichen so gegen den Kriegsmüden, daß sie seine Ermordung durchsetzen konnten.

Die zurückhaltende Art seiner Kriegführung während des zweiten Generalates [Wallensteins], seine Friedenspolitik und die dadurch hervorgerufene Sorge um den Triumph der katholischen Idee ließen am Hofe bald eine starke Partei gegen ihn erstehen, an der Spitze der Sohn des Kaisers, der spätere Ferdinand III. Sie gewann im Laufe der Zeit einen entscheidenden Einfluß auf den schwachen und schwankenden Kaiser, zumal in ihr Männer wie der bayerische Kurfürst, der böhmische Oberste Kanzler Slawata, die Jesuitenpatres Lamormaini, der Beichtvater, und Weingartner, der Hofprediger, mit Leidenschaft gegen Wallenstein wirkten.
(Uni Giessen.de)

Die zweite Hauptschuld liegt in den Charakteren der handelnden Personen, die einfach keine netten Menschen waren.

Das betrifft die katholischen Heerführer und Kriegsverbrecher Johann t’Serclaes Graf von Tilly (1559-1632) und Albrecht Wenzel Herzog von Wallenstein, sowie auch den legendären Schwedischen König Gustav II. Adolf, (1594-1632).

Unglücklich mit dem religiös vorbildlichen Heiligen sind auch heutige Dendrologen.
Gottes Schöpfung pries der „Apotsel der Deutschen“ nämlich vorzugsweise, indem er die ältesten Bäume abhacken ließ.

Vor der Christianisierung dachte man hierzulande Donar (auch „Thor“) sei der richtige Gott. Ihm weihte man große alte Eichen, die man dann verehrte und schmückte.
Bräuche aus der Zeit haben sich bis heute gehalten; immer noch gibt es in Dörfern „Tanzlinden“, werden Maibäume aufgestellt.
Auch der Brauch Zweige von Tannen zur Wintersonnenwende zu dekorieren und ins Haus zu stellen ist eine zutiefst heidnische Tradition zur Verehrung Donars.
Als es Bonitfatius‘ Nachfolgern nicht gelang diese Bräuche auszumerzen, adaptierte man sie und log fröhlich drauf los an dem Tag sei Jesus Christus geboren worden, deutete die Donar-Zweige zum Christbaum um.
(Wenn man Althistorikern glauben darf, wurde Jesus, sofern er tatsächlich existierte vermutlich im März geboren.)

Anderen Gottheiten bei heiligen Eichen zu huldigen, inspirierte Bonifatius zu dem was Christen am besten können: ZERSTÖREN.
Landauf, landab ließ er die schönsten Bäume abhacken.
Im großen Stil ließ der katholische Weibischof und Missionar heidnische Heiligtümer zerstören.

Althergebrachter Kultur, die den Menschen so wichtig war, begegnete der päpstliche Missionar mit größtmöglicher Intoleranz und Destruktivität.
Gottes Schöpfung zu achten, hieß für ihn: Kleinholz machen.
Die Christen gaben schon damals ein Beispiel ab für den IS in Palmyra.

Der Papst war entzückt.

Als Anerkennung für seine Dienste ernannte Papst Gregor III. ihn 732 zum Erzbischof und päpstlichen Vikar des Ostteiles des Frankenreiches und erteilte ihm die Erlaubnis, Bischofssitze einzurichten.
(Ökumenisches Heiligenlexikon)

So wütete der Baumkiller 30 Jahre bis ihn in Boorne (Holland) Mitte des achten Jahrhunderts aufgebrachte Heiden ermordeten. Möglicherweise war es auch nur ein Raubüberfall auf den reichen Papst-Gesandten.
Spätere Missionare deuteten Bonifatius profane Ermordung dann flugs zu einem Märtyrer-Akt um. Als toter Märtyrer ließ sich der Brite bestens für die Christen-PR einspannen – auch hier gleichen sich die Bilder mit dem IS.

Im 19. Jahrhundert setzte eine neue Welle der Verehrung ein; damals fürchteten viele Katholiken nach der Gründung des deutschen Nationalstaates eine Los-von-Rom-Bewegung und stilisierten dagegen Bonifatius als den Apostel Germaniens. Die jährliche Wallfahrt zum Fuldaer Dom bewahrt dem Gründervater des Klosters, der Keimzelle der späteren Stadt Fulda, ein ehrendes Andenken. 1867 kamen die deutschen katholischen Bischöfe hier zum ersten Mal zu einer Konferenz zusammen, bis heute findet die Konferenz jedes Jahr im Herbst in Fulda statt; beim feierlichen Schlussgottesdienst im Dom werden die Bischöfe dann jeweils einzeln mit der Bonifatius-Reliquie gesegnet. Das bisher in den deutschen Diözesen unterschiedlich begangene Gedächtnis des Bonifatius ist 2005 einheitlich für alle Diözesen im deutschen Sprachraum in den Rang eines Festes erhoben worden.
Kanonisation: Papst Pius IX. genehmigte 1855 die Verehrung von Bonifatius.
Attribute: Eiche und Axt, Fuchs, Rabe, Peitsche, Schwert
Patron von England und Thüringen; der Bierbrauer, Feilenmacher und Schneider; der Bistümer Fulda, Erfurt und Groningen in den Niederlanden; Mitpatron des Bistums Haarlem in den Niederlanden
(Ökumenisches Heiligenlexikon)

Dienstag, 26. Mai 2015

Wer stehen bleibt, verliert. Teil II



Arme Angie.
Was zehn Jahre wunderbar funktionierte, muß nicht unbedingt weiterhin so unproblematisch klappen.
Wir haben jetzt mehrere Wahlen erlebt, die mit unvorhergesehenen „Rucks“ endeten: Griechenland, Spanien, Polen – da hatte sich jeweils offensichtlich ein enormes Potential der Unzufriedenen entladen.
Und auch Irland, das katholisch-konservativste Land Europas fällt unter die Ruckrubrik: Hohe Wahlbeteiligung und 62% voten für die komplette Gleichstellung Lesben und Schwuler.

Merkels Mikado-Methode; wer sich zuerst bewegt verliert; stößt offensichtlich an Grenzen, wenn ihre Partei nun als einzige Verbündete noch die Kinderfickerfreundlichen zölibatären DBK-Kleidchenträger hat, die selbst bei engagierten Kirchgänger als vertrocknete, verklemmte und bigotte Altherrenrunde gilt.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) haben Forderungen nach einer Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften zurückgewiesen. Der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp, sagte am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn, die Forderung nach einer Gleichstellung von Ehe und Lebenspartnerschaften gehe zu weit.
(Kathnet 26.05.15)

Merkels Pfund ist das Grundvertrauen, das sie bei ihren Wählern genießt.
Aber auch diese Ressource verbraucht sich gegenwärtig wie bisher noch nie.

Natürlich war Merkel noch nie vertrauenswürdig. Das beweisen ihre Umfrage-gestützten Meinungsschwenks hinlänglich.
Sie hat es aber geschafft nur noch als außerpolitisches Wesen rezipiert zu werden. Die Majorität der Deutschen geben nie Merkel die Schuld, wenn wieder einmal ein politischer GAU eingetreten ist.
Verschwurbelte Sinnlossätze, die Gabriel gar nicht überleben würde, kann sie kontinuierlich absondern, ohne daß man ihr auch nur den Vogel zeigt.


Aber mogeln, mauscheln, mäandern wird ihr deswegen nicht angekreidet, weil das keinem Merkel-Bild grob widerspricht, das sich ihre Wähler gemacht haben könnten. Es fällt gar nicht auf; schadet also auch nicht.
Die handfesten Lügen, derer sie nun häufiger überführt wird, sind hingegen ein Fremdkörper in der diffus wabernden Vorstellung, die sich der halbeingeschlafene Urnenpöbel von ihr macht.

Merkel ist das offensichtlich bewußt und so versucht sie ihre krassen Lügen a posteriori so zu verwischen, daß sie nur noch als Ungenauigkeit wirken.
Das beste Beispiel dafür ist die Worthülse Merkel habe „nach besten Wissen und Gewissen“ entschieden, wie es ihr erbärmlich devoter Epigone Seibert immer wieder vorträgt. Klingt gut, sagt aber inhaltlich gar nichts aus.
Hat sie bewußt getäuscht oder nicht?
Hat ihr Haus die ureigene Aufgabe der Geheimdienstkontrolle einfach nur grottenschlecht und fahrlässig durchgeführt, oder war man sogar mit im Boot bei den illegalen Aktionen?
Hat Merkel gewußt, daß der BND die französische Regierung und deutsche Firmen ausspionierte, wäre es eine diplomatische Katastrophe und eine glatte Kanzlerinnenlüge.
Hat sie es NICHT gewußt, wäre das aber sogar noch schlimmer, weil das bedeutete, daß sie seit Jahren ihrer Kernaufgabe nicht gewachsen ist.

Aussitzen kann man viel, aber Merkels dreiste Lügen werden nun zunehmend zum Gegenstand von Comedy und geraten so in die Mainstreamwelt.
Kaum jemand hat noch nicht die Clips von ihrer Maut-Lüge oder der Abhör-Lüge gesehen.


Das gräbt sich ins Gedächtnis ein.


Das inzwischen legendäre Recherche-Trio aus NDR, SZ und WDR strikes again  und weist der Kanzlerin erneut eine klare Lüge nach.

[….] Vor der öffentlichen Verkündung eines angeblichen Angebots für ein No-Spy-Abkommen hatte die Bundesregierung keine solche Zusage von der US-Regierung bekommen. Das ergibt sich aus neuen Unterlagen aus dem Kanzleramt, die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR einsehen konnten. Danach wussten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Außenminister Guido Westerwelle im August 2013, dass die US-Regierung die Bitte nach einem solchen Abkommen lediglich zu prüfen bereit war. Eine Zusage aber gab es nicht.
Dennoch verkündete der damalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla kurz darauf öffentlich, dass die US-Seite den Abschluss einer solchen Vereinbarung angeboten habe. Weitere Vertreter der Bundesregierung äußerten sich in den Wochen danach in ähnlicher Art und Weise. Die Bundeskanzlerin ließ ihren Sprecher sagen: "Es wird ein No-Spy-Abkommen geben."
Am 5. August 2013 hatte eine deutsche Delegation in Washington mit hochrangigen amerikanischen Geheimdienst-Vertretern gesprochen. Zwei Tage später wurde die Kanzlerin in einem Vermerk über den Stand der Dinge informiert. Das Dokument enthält die handschriftliche Notiz: "Lag der Bundeskanzlerin vor."
Dieses Schriftstück, das jetzt erstmals öffentlich wird, verändert die bisherige Sichtweise auf die Affäre. [….]

Die meisten Deutschen wissen nach wie vor nicht wofür Merkel inhaltlich steht, weil sie als riesige dunkle Amöbe auf dem Polit-Koordinatensystem herumgleitet.
Aber ein Etikett kann man ihr inzwischen getrost anheften:
Merkel ist eine Lügen-Kanzlerin.

 Die schwarzgelbe Bundesregierung hatte im Bundestagswahlkampf 2013 erklärt, man werde ein No-Spy-Abkommen mit den USA schließen. Dabei wusste das Kanzleramt, dass es keine derartige Zusage aus Washington gab. Laut einem Aktenvermerk, über den die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, wusste auch Kanzlerin Merkel persönlich davon.

Montag, 25. Mai 2015

Wer stehen bleibt, verliert.



Die CDU verlor die Bundestagswahl von 1998 auch deswegen so haushoch, weil ihr als Alleinstellungsmerkmal die Ewig-Gestrigkeit geblieben war.
Merkel war von 1990-1998 Ministerin der mit Pauken und Trompeten untergehenden Kohlregierung. Ihre Sogwirkung an der Urne war nach immerhin acht Jahren in der ersten Reihe der Bundespolitik also noch nicht mal ansatzweise entwickelt.
Nach 16 Jahren CDU-Dauerregierung hatte der Wähler ein tiefgehendes Gefühl von „da bewegt sich gar nichts mehr.“
Seit langer Zeit hatten die Beharrer der CDU-Zentrale alle Entwicklungen verschlafen. Es gab einen Unions-Habitus, der allen nur noch peinlich war.
53 Jahre nach Ende des Krieges wollte Kohl immer noch nicht die Oder-Neiße-Grenze anerkennen, verbrüderte man sich mit den reaktionären Vertriebenen, agitierte gegen Gesamtschulen und KITAs, erging sich in abfälligen Bemerkungen und Schwule, wollte Sozialisten nicht die Hand geben und strahlte aus jedem Knopfloch das Gesellschaftsbild der 1950er Jahre aus.

Daß Merkel offensichtlich die parteitaktischen Fehler ihrer Bundesministerzeit genau analysierte und daraus den Schluß zog sich möglichst nie mehr auf etwas festzulegen, bevor nicht sonnenklar ist was die Mehrheit des Urnenpöbels gern hätte, ist hinreichend bekannt.
Das inzwischen berühmte Merkel-Wabern, das konsequente Drücken vor jeder Entscheidung wird allgemein als genial erachtet, weil sie durch die asymmetrische Demobilisierung beim potentiell verängstigten Bundesbürger als unschlagbar gilt.
Das stimmt aber nur teilweise.
Denn diese Strategie der totalen Phlegmatisierung des Urnenpöbels führt zu einer gefährlichen Entpolitisierung der Gesellschaft. Es interessiert sich keiner mehr, die Wahlbeteiligung sinkt unter 50% und umso einfacher haben es Radikalinskis in die Parlamente zu drängen, um dort letztendlich auch Merkels Mehrheitsfähigkeit zu gefährden.
Zudem wirkt Merkels Einschläferungs-Taktik nur bundespolitisch, da der deutsche Urnenpöbel sich vor allen Entwicklungen in der Welt fürchtet und hofft mit einer möglichst trägen Bundesregierung dagegenzuwirken.
Da es auf Landes- und Kommunalebene aber nicht um Krieg und Katastrophen geht, die durch bräsiges Wegducken vermeintlich vermieden werden, fruchtet die Strategie der CDU-Chefin auch nicht mehr. Es gibt so gut wie keine CDU-regierte Großstadt mehr und die Grünen sitzen in mehr Landesregierungen als Merkels Leute.
Ein Desaster.

Merkel ist meines Erachtens machttaktisch richtig beraten die alten CDU-Zöpfe alle abzuschneiden: Hauptschule, Wehrpflicht, Abtreibungsverbot, kein Geld für Südeuropa, Widerstand gegen den Mindestlohn, Staatsbürgerschaftsrecht, Atomenergie.
Alles Loserthemen auf die Dauer. Alles Themen, bei denen die SPD am Ende doch Recht behalten wird.
Und für Merkel ist es ungefährlich den Kurs der CDU umzuschwenken, da CDU-Parteidelegierte grundsätzlich rückgratlose Gestalten sind. In der CDU werden IMMER alle Anträge des Vorstands devot abgenickt. Niemals würden obrigkeitsaffine CDUler wie die Sozen in Mannheim 1995 aus einer Laune heraus den Vorsitzenden austauschen.

Aber ein bißchen aufpassen muß sie schon. Die Strategie, die Wähler wie Champignons zu behandeln (im Dunkeln lassen und mit Scheiße füttern), funktioniert aber nur unter den Voraussetzungen, daß die mit Scheiße Gefütterten Merkel nämlich vertrauen und annehmen die grundsätzliche Richtung stimme.

Beide Stützen wackeln aber.
Nach den diversen Umdrehungen der Geheimdienstaffären, weiß nun ganz Deutschland, daß nicht nur Merkels selbst, sondern auch ihre Kanzleramtsminister lügen. Vorsätzlich und offenbar seit Jahren. Das Lügen hat Methode bei Merkel.
Man glaubt ihr nicht mehr so recht; man erwartet quer durch alle Parteien, daß sie eben nicht das Fehlverhalten des BNDs und der Aufsicht im Kanzleramt aufklären wird.
Damit ist noch nicht das Wählervertrauen in sie grundsätzlich erschüttert, weil sich einfach zu wenig Menschen für Geheimdienste interessieren. Aber es gibt immerhin erste Löcher in ihrer Anti-Skandal-Teflonbeschichtung.

Ob die grundsätzliche Richtung stimmt, fragen sich aber auch immer mehr Menschen.
Die Europapolitik ist ihnen unheimlich. Sie verstehen zwar offensichtlich überhaupt nicht wie sehr Deutschland von der Euro-Krise profitiert und wissen auch nicht wo die Milliarden landen, die Deutschland zur Bankenunterstützung ausgibt, aber sie befürchten, daß Merkel es auch nicht immer so genau weiß.

Zudem ist Merkels Instinkt-Kompass defekt. Wieder ist es so wie 1998, daß die CDU als ewig-gestrige Partei dasteht, die sich als einzige noch tumb gegen gesellschaftlichen Fortschritt sperrt.
Stichwort „Homo-Ehe“.
Was für ein lächerlicher Krampf, daß die Bundesregierung immer und immer wieder angestoßen vom Bundesverfassungsgericht einzelne Paragraphen gelichgeschlechtlich-freundlich umformulieren muß.
Seit Jahren geht dieses unwürdige Schauspiel so. Dabei könnte man sich das ganze Theater sparen und mit einem Halbsatz die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen und sich einen unendlichen Schwanz von Sonderregelungen sparen.
Merkel sperrt sich gegen das Unausweichliche. Es wird ohnehin so kommen; die CDU muß – WIE IMMER BEI GESELLSCHAFTLICHEN THEMEN – irgendwann ihren Widerstand aufgeben. Es fragt sich nur wie peinlich es für sie wird.
Sie ist bereits zu spät dran.
Selbst streng christliche Länder wie Spanien, Irland und die USA sind längst an uns vorbei gezogen.

Die Zustimmung zur Ehe von Homosexuellen hat in den USA einen neuen Höchststand erreicht. 61 Prozent der US-Bürger befürworten das Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Heirat, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup hervorgeht. Das sei der höchste Wert seit der ersten Befragung zu dem Thema im Jahr 1996.
 „Vor 20 Jahren haben nur 27 Prozent der Amerikaner die Homoehe befürwortet, 68 Prozent lehnten sie ab“, so die Meinungsforscher. Eine Mehrheit der Befürworter sei erstmals im Jahr 2011 verzeichnet worden. Die USA gleichen bei der Heirat von Schwulen und Lesben einem Fleckerlteppich: Während 14 Bundesstaaten gleichgeschlechtliche Eheschließungen nicht anerkennen, stieg die Zahl der Staaten mit Homosexuellenehe auf zuletzt 36. [….]

Ich will das Thema inhaltlich gar nicht anfassen heute. Es geht nur um die parteitaktische Bewertung. Der Zug ist längst an Deutschland vorbei gefahren. Es fragt sich nur noch, wie man den Schaden für die Parteien, die peinlich hinterherhecheln, bzw versuchen mit beleidigtem Fußaufstampfen den Zug aufzuhalten, minimiert.
Je länger sich CDU und CSU sperren, desto peinlicher.

Heiko Maas hat seinen neuen Gesetzentwurf für die „Ehe light“ schon sehr klar bewertet. Er sei ungenügend, aber mehr könne er gegen den erbitterten Widerstand von CDU und CSU nicht durchsetzen.

Das Bundeskabinett will nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen am Mittwoch über einen Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) beraten, durch den eingetragene Lebenspartnerschaften rechtlich stärker an die Ehe herangeführt werden sollen.
"Wir werden in 23 verschiedenen Gesetzen und Verordnungen die Vorschriften für die Ehe auf Lebenspartnerschaft ausdehnen", sagte Maas SPIEGEL ONLINE. "Das ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur umfassenden Gleichstellung."
[…]  Das Thema bleibe "auf der gesellschaftlichen Agenda", sagte Maas. "Zur Wahrheit gehört momentan aber auch: In der Koalition mit CDU/CSU ist eine vollständige Gleichstellung leider nur schwer realisierbar." […]

Irland gibt der Union nun noch einmal einen kräftigen Tritt in den Hintern.

Die Grünen wollen nun rasch eine Abstimmung zur Homo-Ehe im Bundestag. "Wir werden einen Gesetzentwurf zur Öffnung der Ehe noch vor der Sommerpause einbringen", sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, SPIEGEL ONLINE. "Angela Merkel muss sich fragen, ob sie dauerhaft bei dieser Frage gegen die Mehrheit der Bevölkerung, des Bundestags und des Bundesrats regieren möchte."
Auch die SPD erhöht den Druck auf die Kanzlerin. "Wir sollten nicht die rote Laterne in Europa sein", sagt der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Burkhard Lischka. Kollege Kahrs, Chef des pragmatischen Seeheimer Kreises, sagt: "Selbst die Queen lässt verlautbaren, dass sie ein solches Gesetz gerne unterschreibt. Angela Merkel sollte sich hinter die Ohren schreiben, dass ihre Politik an dieser Stelle nur noch rückständig und peinlich ist."

Nun sehen Merkels und Seehofers Leute mit ihrem ewigen Diskriminierungsdrang noch verbitterter und verlorener aus.

Die Gesellschaft ist weiter als CDU und CSU
Die Union versteht sich als Bollwerk gegen die völlige Gleichstellung der Homosexuellen. Sie verkennt damit, wie die katholische Kirche in Irland, die Zeichen der Zeit. Die SPD kann sich freuen.
Ausgerechnet Irland, diese vor gar nicht so langer Zeit noch hartleibige Trutzburg des konservativen Katholizismus, hat sich von der Ungleichbehandlung homosexueller Paare verabschiedet. Und das nicht verdruckst, verklemmt, in kleinen Schritten. Nein, die Iren haben sich mit heiterer Gelassenheit und großer Mehrheit entschieden, dem vermeintlichen Schreckgespenst Homosexualität Adieu zu sagen. Knapp zwei Drittel aller, die sich an der Volksabstimmung beteiligten, haben sich für eine komplette Gleichstellung homosexueller Paare ausgesprochen. Das ist ein Segen für die Schwulen und Lesben - und eine Botschaft an die Konservativen in ganz Europa, auch in Deutschland.
[….] Die Unionsparteien verstehen sich - ähnlich wie die katholische Kirche in Irland - als Bollwerk gegen eine völlige Gleichstellung der Homosexuellen in Deutschland. Deshalb wird es eine solche Gleichstellung in dieser Legislaturperiode wohl auch nicht mehr geben. [….]

Gut so!
Dann weiß der Wähler was er bekommt, wenn er sein Kreuz bei Merkel macht und überlegt es sich in Zukunft vielleicht zweimal, ob er das wirklich will.


Sonntag, 24. Mai 2015

Piepsis – Teil II



Das deutsche Tierschutzgesetz (TierSchG) stammt von 1972 und wurde zuletzt 2014 aktualisiert.

In §1 heißt es:

Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Als Nichtjurist und Vegetarier erscheint mir der Begriff „vernünftiger Grund“ etwas schwammig.

Ich fürchte da muß in nächster Zeit noch mal ergänzt werden.
§ 4 regelt das Töten von Tieren, genauer gesagt von Wirbeltieren:

§ 4 (1)  

Ein Wirbeltier darf nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden. (….)

Vögel haben Wirbel.

Als Nichtjurist frage ich mich nun, ob das SCHREDDERN von Vögeln mit den Paragrafen in Einklang zu bringen ist.
Gibt es dazu einen wie in §1 geforderten „vernünftigen Grund“ und kann man wie in § 4(1) gefordert von „wirksamer Schmerzausschaltung“ sprechen?


Es geht dabei nicht gerade um wenige Piepsis.
Das von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) geführte Landwirtschaftsministerium gab im März bekannt, daß in Deutschland jährlich rund 45 Millionen männliche Hühnerküken geschreddert werden.
Der „vernünftige Grund“ dafür ist, daß sie keine Eier legen können und andererseits als Masthähnchen nicht so wirtschaftlich wie bestimmte Turbozüchtungen sind. Sie sind Lege-Züchtungen und brauchen länger, um Fleisch anzusetzen.
Zeit, die man nicht hat, so lange der deutsche Verbraucher das Leid von Tieren ignoriert und es nur billigbilligbillig haben will. Profit geht über Tierleben.


Ein alter Hut, das Ganze:

Und weil es so häßlich klingt, haben wir dafür einen ganz besonders perfiden Euphemismus; Hähne kommen lebendig in den »Homogenisator«, einer Maschine mit rotierenden Messern, zu Brei zermatscht. Die Hahnenküken sind für die Brütereien schlicht Abfall – diejenigen, die dem „Homogenisator“ entgehen , werden mit Kohlendioxid vergast.
Der Tierschutzbund spricht von einem juristischen Eiertanz – denn das Töten eines Tieres „ohne vernünftigen Grund“ ist in Deutschland verboten.


Landwirtschaftsminister Schmidt fand das möglicherweise kurzfristig auch irgendwie unethisch, kündigte an etwas zu unternehmen. Aber die Hähnchenmäster intervenierten schnell und erfolgreich.

Eine gewaltige Menge an lebenden Wirbeltieren werden also auf widerliche Weise getötet, nur weil es einige Cent mehr kosten würde, sie zumindest aufwachsen zu lassen, oder sie als Ei zu essen, bevor sie ausgeschlüpft sind.

Allein in den vergangenen zehn Jahren sind über 213 Millionen Küken qualvoll getötet worden ­ - das sind 2400 Küken pro Stunde. Denn für die Lebensmittelindustrie sind die männlichen Küken von hochgezüchteten Legehennenlinien nicht zu gebrauchen. Das geht aus einer Antwort des Bundeslandwirtschaftsministeriums auf eine Grüne Anfrage hervor. Der Bundesregierung das qualvolle Töten schon seit Jahren bekannt. Dennoch versteckt sie sich seit spätestens 2008 hinter wohlklingenden Willensbekundungen. Passiert ist bisher nichts und das massenhafte Töten geht mit Billigung von Union und SPD weiter.
[….]  Deshalb muss die Bundesregierung das Töten von Eintagsküken aus wirtschaftlichen Gründen untersagen. Dazu muss das Bundestierschutzgesetz zügig geändert werden. Bundesagrarminister Schmidt ist gefordert, endlich Regeln zu schaffen, die das Töten und Schreddern der Küken stoppt. Allein die Ankündigung, bis Ostern einen Aktionsplan vorzulegen, reicht dafür nicht aus. Schmidt muss sich gegen die Lobby der Hühnerbarone endlich durchsetzen und klare gesetzliche Regelungen schaffen. [….]  

Da waren die Grünen sehr prophetisch. Schmidt knickte nur Wochen später ein, machte Kotau vor den reichen Hühnerbaronen.
Plötzlich sieht die Bundesregierung „keinen Handlungsbedarf“ mehr.

 „Das scheint nur ein PR-Gag des Ministers gewesen zu sein“, kritisiert Grünen-Parlamentarier Oliver Krischer. „Schon heute ist die Geschlechtserkennung im Ei möglich, sie ist nur teurer als das Kükenschreddern.“
(DER SPIEGEL 23.05.2015)

Wir leben in einer Lobbykratie.
Ökonomische Interessen setzen sich gegen die Moral durch, auch wenn sie wie im Fall des Kükenschredderns klar gegen deutsche Gesetze verstoßen.
Aber legal, illegal, scheißegal - wenn es um den Profit geht!
Man hüte sich aber auch davor zu glauben, in der Hühnerzucht ginge es tierfreundlich zu, wenn man ein paar Cent mehr ausgäbe und im Supermarkt nur zu freilaufenden Eiern greife.
Ein Hühnerleben in Deutschland ist erbärmlich und unwürdig.
Da wir damit auch noch die afrikanische Landwirtschaft mitruinieren, indem wir durch supersubventionierte Billigexporte von „Hühnerklein“ die dortigen Märkte überschwemmen, gibt es jeden Anlass, um auf Eier und Hühnerfleisch möglichst zu verzichten!

Nur noch knapp 20 % des Hühnerfleisches werden in Europa als ganzes Huhn verkauft.
Obwohl weltweit das turbomäßig getunte Hybridhuhn gezüchtet wird, haben sie ihre Nachteile - dummerweise bilden diese Kreaturen, die wir zum Fressen gern haben in den paar Wochen ihrer kläglichen lichtlosen Existenz neben der Brust noch andere Körperteile aus.
K3 heißen diese Teile, sie sind sozusagen der Kollateralschaden der Fressgier der Reichen:
Restfleisch-Kategorien; K3-Produkte sind Hühnerköpfe und -beine, Flügel und Innereien. Oder wie es in einem anderen bizarren Wort heißt: Hühnerklein. Als Hühnerklein bezeichnet man die Innereien (Leber, Magen, Herz) sowie die Kleinteile wie Flügel, Rücken, Schenkelteile und Hals eines Huhns die bei den meisten üblichen Gerichten keine Verwendung finden.

Aber selbst wenn man ein ganzes Huhn im Supermarkt kauft und auf die Kennzeichnung „Bodenhaltung“ achtet, sagt das noch sehr wenig aus.

 […] Legehennen leben in den meisten großen Ställen mehr schlecht als recht, und das gilt nicht nur für die umstrittene Käfighaltung. Egal ob Käfig-, Boden-, Freiland- oder Biohaltung: keine dieser Formen garantiert eine tiergerechte Haltung. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Verbraucherorganisation Foodwatch. Eklatante Missstände gibt es demnach in allen Bereichen. "Die Verbraucher können anhand der Kennzeichnung zwar zwischen verschiedenen Haltungsformen wählen, aber nicht gezielt Eier von gesunden Hennen kaufen", kritisiert Luise Molling, Tierschutzexpertin von Foodwatch.
[…] Selbst in der Biohaltung sind die Hennen laut Studie nicht zwangsläufig gesünder, auch wenn sie mehr Platz haben als die meisten ihrer Artgenossen. Weit verbreitet in allen Haltungsformen sei Federpicken und Kannibalismus, heißt es weiter. Diese Verhaltensstörungen treten auf, wenn Tiere nicht artgerecht gehalten werden. Usus ist es auch ausnahmslos, männliche Küken zu töten. In allen Haltungsformen werden Turbohennen eingesetzt, die seit Jahrzehnten auf Hochleistung getrimmt werden und bis zu 300 Eier pro Jahr legen - üblich sind bei normalen Rassen 20 bis 180 Eier pro Jahr. Der Stress und die Überzüchtung machen Hybrid-Hennen, die aus verschiedenen Inzuchtlinien entstanden sind, besonders krankheitsanfällig. Bio-Halter und konventionelle Halter kaufen Küken meist bei den gleichen Anbietern ein. […] Trotzdem ist der Konsum an Käfigeiern nach wie vor viel höher als den meisten Konsumenten bewusst sein dürfte. Dies liegt daran, dass die Kennzeichnungspflicht lückenhaft ist. Im Schnitt verzehrt jeder Bundesbürger pro Jahr 218 Eier, mehr als die Hälfte davon ist jedoch versteckter Konsum. Dabei geht es um die Eier, die in Süßwaren, Kuchen, Nudeln oder anderen Fertigprodukten landen. Woher sie stammen, muss in dem Fall nicht ausgewiesen werden. Das gilt gleichwohl für die Haltungsform und den Herkunftsort. So wird auch verschleiert, dass ein Teil der in der Lebensmittelproduktion verwendeten Eier aus dem Ausland kommt. Ein Drittel ist nach EU-Angaben Importware, und die ist meist billiger als deutsche. Die Haltungsvorschriften innerhalb der EU sind höchst unterschiedlich. Über eine Kennzeichnung für verarbeitete Eier wird in Brüssel schon länger debattiert. Vorstöße sind bisher jedoch am Widerstand der Lobby gescheitert.

Der Verbraucher lässt sich also einlullen.
Das glückliche Huhn bekommt er nicht.

Kleingruppenhaltung, das ist ein schön euphemistischer Begriff. Kleingruppenhaltung bedeutet, dass die Hühner in Käfigen leben, nach wie vor. Das sind nicht mehr die Legebatterien, wie sie inzwischen eigentlich europaweit verboten sind, sondern etwas größere Käfige mit etwas größeren Gruppen. 60 Tiere leben in diesen Käfigen, etwa zwölfeinhalb pro Quadratmeter umgerechnet. Sie können sich vorstellen, dass das sehr weit entfernt von wirklich artgerechter Haltung ist, die Tiere in ihren natürlichen Verhaltensweisen sehr, sehr stark eingeschränkt werden.
[…] Das ist die sehr frustrierende zentrale Erkenntnis aus unserem Report, dass der Verbraucher durch seine Kaufentscheidung eigentlich kein wirklich garantiert tiergerecht erzeugtes Ei erwerben kann. Also wenn Sie nicht gerade neben einem Bauernhof wohnen und selber sehen können, ob die Tiere dort auch wirklich gesund sind und auch der Halter sich gut um die Tiere kümmert, können Sie nie sicher wissen, ob es dem Tier auch gut ging. Und das ist leider die zentrale Erkenntnis, die wir haben, und daher fordern wir eben, dass nicht nur einerseits alle Tiere Haltungsbedingungen haben, in denen sie ihre arteigenen Verhaltensweisen ausüben können – und das könnte sogar über bio noch hinausgehen, aber da geht bio schon in die richtige Richtung –, dass es aber eben auch eine ganz klare Zielvorgabe gibt für den Gesundheitsstatus der Tiere, also ganz klar gesetzlich vorgeschrieben wird, zum Beispiel in einer Herde dürfen nur noch drei Prozent der Tiere Brustbeinschäden haben oder eben Fußballenentzündungen. Und wenn der Halter es nicht schafft, diesen Gesundheitsstatus dauerhaft auch zu erreichen und die Tiere gesund zu halten, dann soll er seine Produkte auch nicht mehr vermarkten dürfen.[…]